shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

China einmal anders

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Zurzeit kann man über China ja scheinbar nur sprechen, wenn es um die Olympiade oder Menschenrechtsverletzungen geht, und Don bringt dann vielleicht noch Ming-Vasen oder Lackdöschen ins Spiel. Nun, ich thematisiere jetzt nur mal so zum Spaß etwas total Anderes (now to something total different), nämlich die religiöse Kunst der ethnischen Minderheit der Dong aus der Provinz Guanxhi, bekannt für ihre eigenwillige Architektur mit den oft mehrstöckig überdachten Wind-und-Regenbrücken, hölzernen Hochhäusern und den Trommeltürmen für jede Sippe. Die Dong sind nur oberflächliche Daoisten bzw. Buddhisten (sie haben synkretistisch Elemente beider Religionen aufgenommen) und hängen eigentlich einer Verbindung aus Ahnenkult, Schamanismus und Dämonenverehrung an. So werden bei manchen Stämmen bis heute bei Krankheiten die Geister der Ahnen um Hilfe gebeten.

Aus unserer Sicht bizarr sind auch die Jenseitsvorstellungen: Nach dem Tod gelangen alle Menschen in eine der 7 Höllen, wo die 7 Höllenfürsten die Strafen für ihre Sünden festlegen, z.B. Zersägen, Vierteilen, Sieden in kochendem Fett, Pfählen (alles Strafen, die es im alten China auch im Diesseits gab). Nach verbüßter Strafe werden die Menschen dann zurück auf die Welt geschickt, wo die besten als Beamte und die bösesten als Pflanzen wiedergeboren werden. Wie das zu der Verehrung aktiv wirksamer Ahnengeister passen soll bleibt eines der Rätsel der Dong-Kultur.

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Written by chezweitausendeins

16. August 2008 um 18:04

6 Antworten

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  1. aber haste auch Quellen für die abgebildete Kunst? Interessiert einen ja schliesslich; ist auch endlich mal wieder ein hartes Thema. hihi:-Q
    – Jetzt hab ich mal ein bisschen Netzforschung betrieben: die Architekturen, die die gemacht haben, sind ja ausgesprochen hitmässig, muss ich mich mit beschäftigen. MIt der Malerei auch; ganz gross.

    @Olympiade und Menschenrechtsverletzungen:
    Schon interessant, wie plötzlich mal über die Uiguren geredet wird, nachdem jemand während der Spiele – Vorbereitungen gebombt hat. Einige Jahrzehnte lang wussten die meisten von uns bis jetzt nicht mal, dass es Uiguren, muslimische, überhaupt gibt, geschweige denn von den Verhältnissen dort, wogegen die tibetischen, wie ich mal gehört habe, relativ erträglicher sein sollen.
    Ich habe vor einigen Jahren auch nur durch puren Zufall davon erfahren. Niemanden interessiert das.

    Und wie gehts denn Dong so?

    T. Albert

    17. August 2008 at 10:09

  2. Die Kunstwerke gehören zu einer Ausstellung über Guanxhi, die zurzeit auf Schloss Bruck in Lienz (Osttirol) gezeigt wird und in der überwiegend Exponate präsentiert werden, die noch nie außerhalb Chinas zu sehen waren. Dazu kommt noch eine Sonderausstellung zum Thema Dong-Architektur. Unbedingt sehenswert, absolut großartig!

    Die Dong (oder Cham) gehören zu den ethnischen Minderheiten in China, die schon seit Jahrtausenden von den Han in immer entlegenere Rückzugsgebiete verdrängt werden. Ihr jetziger Siedlungsraum ist teilweise deckungsgleich mit den erzreichsten Bergwerksregionen. So mussten viele traditionelle Dong-Dörfer Minen weichen, und es sind überdurchschnittlich viele Dong unter den zahlreichen Opfern der häufigen schweren Minenunfälle. Außerdem führt die rasche Modernisierung mit dem Bau neuer Städte zu einem allmählichen Verschwinden der Dong-Architektur und ihrer traditionellen Lebensweise. Da, wo sie können, leben sie aber eben noch traditionell, siedeln im Sippenverband, bauen ihre Holzhäuser und jagen mit der Luntenschlossmuskete. Andererseits gehören die Dong zu jenen ethnischen Minderheiten, die staatlicherseits für besonders förderns- und schützenswert erachtet werden. Das führt oftmals zu einer verkitschten Kommerzialisierung ihrer traditionellen Kultur, aber zum ersten Mal in der Geschichte Chinas können die Dong das Gefühl haben, dass ihre Volkskultur akzeptiert und geschätzt wird. Dazu möchte ich überhaupt einmal etwas Grundsätzliches sagen: Im aktuellen Fünfjahresplan werden die Rechte der ethnischen Minderheiten, der Ausgleich zwischen armen und reichen Provinzen sowie zwischen armen und reichen Bevölkerunggruppen und der Umweltschutz als Staatsziele definiert. Das gab es vorher in China nicht. Sehr viele Chinesen, auch regierungskritische, reagieren darauf, dass ausgerechnet jetzt vom Westen Menschenrechtsverletzungen in China kritisiert werden irritiert. Schwere und schwerste Menschenrechtsverletzungen gibt es dort schließlich schon seit Jahrzehnten, zum jetzigen Zeitpunkt sei es weniger schlimm als noch vor wenigen Jahren. Bei allem furchtbaren Unrecht, dass dort ständig geschieht, sei die Grundtendenz der Entwicklung eher positiv zu werten, hörte ich vielfach. Als letzten Winter die Tibet-Proteste hochschwappten, fragte ich eine Chinesin, was sie dazu sage (ich quatschte einfach eine chinesisch aussehende, mir nicht bekannte Frau auf der Straße an, die sich als sehr auskunftsfreudig erwies). Sie erwiderte, sie hielte die Meinungszensur und offene Repression durch das chinesische Regime für falsch und auch für völlig unnötig, denn wenn man den Tibetern die freie Wahl ließe, würde die Mehrheit sich für China entscheiden. Das frühere Unrecht an den ethnischen Minderheiten würde heute durch Vorrechte wieder gut gemacht. So würden in der Autonomen Region Xinjiang-Uigur, wo sie herkomme, die Notendurchschnitte, die Uiguren benötigten, um ihr Abitur zu bestehen, niedriger angesetzt als für Han-Chinesen. Niemals sei es ethnischen Minderheiten in China besser gegangen als jetzt.

    Zu den Uiguren: Ich verfolge die Situation dort seit den Achtzigern. Seit 1980 wurde dort zwischen China und der damaligen Sowjetunion ein Konflikt auf kleiner Flamme vorgekocht. Es kam ständig zu kleinen kalkulierten Grenzkonflikten, so stießen chinesische Reitereinheiten teilweise Hunderte Kilometer weit nach Kasachstan vor, um die Reaktionen des Gegners zu testen. China und die UDSSR finanzierten und bewaffneten Separatisten im grenznahen Land der jeweils anderen Seite, um das jeweilige Imperium an seiner Peripherie löcherig zu machen. Wenn seit einigen Jahren ein Sicherheitsabkommen zwischen China und Russland besteht, das auch die Bekämpfung des Terrorismus in Zentralasien zum Inhalt hat, dann wird da etwas bekämpft, das man selber gesäht hat. Und im Gegensatz zu den überwiegend friedlichen Protesten der tibetischen Mönche kämpft die Uigurische Volksbefreiungsfront eben bewaffnet.

    Eine Bekannte von mir war mal dort. Sie ist als alleinreisende Frau von Kaschgar nach Neu-Delhi getippelt (teils zu Fuß, teils per Daumen), wozu sie 3 Monate brauchte. Die Uiguren schilderte sie als ungemein gastfreundlich. In ihrer großen Mehrheit würden die völlig friedlich und harmonisch mit Han, Mongolen, Kasachen und sonstigen ethnischen Gruppen zusammenleben, auch in gemischten Wohnsiedlungen, in denen man uigurische Häuser nur daran erkenne, dass vor ihnen (unter freiem Himmel) immer ein Billardtisch oder ein Kickerspiel stehe.

    chezweitausendeins

    17. August 2008 at 15:49

  3. @Sehr viele Chinesen, auch regierungskritische, reagieren darauf, dass ausgerechnet jetzt vom Westen Menschenrechtsverletzungen in China kritisiert werden irritiert.

    Das wird sich auch wieder legen, das ist nur eine rhetorische Begleiterscheinung der Olympiade.

    T. Albert

    17. August 2008 at 19:21

  4. Jaja schon, aber von wenig Sensibilität geprägt und einer sehr unterkomplexen Wahrnehmungsweise.

    chezweitausendeins

    17. August 2008 at 21:56

  5. na, ich war gestern auch etwas unterkomplex zwischen tür und angel:
    es ist nicht so, dass ich vom westen irgendwelche echte kritik erwarten würde, wenn man einige journalisten so hört und liest gerade, dann kann man ja ins staunen geraten, was an den chinesen alles schlimm und schlecht sein soll, was hierzulande bis vor kurzem völlig selbstverständlich war und auch wieder sein wird, ich denke nur ans pekinger smog-thema.
    ich glaube schon, dass sich einiges zum besseren wendet in china, un d demokratisierung sich weiter durchsetzen wird, während hier am gegenteil gearbeitet wird.
    – wie die unentwegten bemühungen, die folter wieder zu etablieren, gut zeigen.
    witzigerweise habe ich in allem noch kein einziges wort der kritik an der ganzen westlichen wirtschaft gehört, die in china die staatlicherseits geschaffenen bedingungen gerne nutzt und auf diese bedingungen drängt.

    T. Albert

    18. August 2008 at 6:26

  6. Ich finde ja diese, T. Albertsche Stoßrichtung auch wirklich plausibler – das ist ja sonst wirklich so wie einst der DDR gegenüber, wo manch einer es dann total toll fand, wenn die Besuchsregelungen bei West-Verwandten ein wenig gelockert wurden.

    Das ist einfach fundamental falsch und somit auch fundamental zu kritisieren, was das abgeht, dieser Mix aus Parteien-Diktatur und „Steinzeit“-Kapitalismus bei gleichzeitigem ökologischen Super-GAU, und genau darin besteht ja die Gefahr – daß insgeheim jene, die sich hier für „Eliten“ halten, diesen Mix auch noch vorbildlich finden, wo der nun neuerdings auch noch so schöne Volkstumspflege ermöglicht.

    Was ja nun nix daran ändert, daß nun gerade Waterboarding-Bush, der 2 Drittel seiner Bevölkerung dem Siechtum überläßt, wenn sie denn erkranken, nun vielleicht auch nicht gerade dafür qualifiziert ist, auch nur irgendwas über Menschenrechte zu äußern.

    Genau wie diese CSU-Granden mit ihrem Abschiebungswahn, die nun Schröder rüffeln und im Zweifel auch kein Stück besser sind. Gab’s nicht schon unter Strauss ’ne China-Connection?

    Auch dieser postkoloniale Gestus, sich ständig wie ein Erziehungsberechtigter anderen Ländern gegenüber aufzuspielen, der wirkt ja auch nur paradox. Habe in letzter Zeit viele Interviews mit chinesischen Künstlern gelesen, die auf ihre Art im Rahmen anderer historischer Bezüge ganz aufgeklärt waren, die sich wegschmissen vor Lachen angesichts des Dünkels „des Westens“ und eigentlich nur erwiderten, daß die doch nur neidisch seien, weil sie gerade wirtschaftlich überholt würden (China überholt ja Prognosen zufolge tatsächlich bald die USA als „größte Industrienation“). Was ja auch ’n blöder Konter ist, aber im Lande eines Lao-Tse und eines Konfuzious (ganz egal, was man von letzterem hält) hat man natürlich wenig Lust auf „Besserwessis“.

    momorulez

    18. August 2008 at 10:40


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