shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Liebe kann so weh tun …

with 5 comments

„Ich hatte alles Denken eingestellt. Mein Kopf war ein vereistes Fußballfeld, das einsam und traurig darauf wartete, dass jemand (ich) wieder darauf spielte. Aber so weit war ich noch nicht, denn das hätte bedeutet, alles wieder aufzuwühlen ….“


Steven Hall, Gedankenhaie, München 2007 – die genaue Seite habe ich gerade wieder verloren …

Gefühle beim Anblick eines blöden Computerbildschirms gestern abend, 19.45 h. Sie hielten an bis heute abend, 20.45 h. Jetzt kann ich darüber schreiben.

Manchmal tut es noch mehr weh als sonst.

Auch wenn ich das Spiel noch nicht mal live verfolgt habe, sondern nur den Liveticker beäugte.

Wie ist eigentlich die Relation zwischen Spiel und Liveticker bestimmt, ist das ein Abbild, eine Erzählung, eine Beschreibung? Und ist das Fussball-Spiel nur ein Konzept?

Weh tut’s jedenfalls trotzdem, wenn man die gegnerischen Tore fallen liest und zwischendurch rumsurft in dem Aberglauben, daß die Gegentore bestimmt nur dann fallen, wenn man passiv auf die Aktualisierung des Tickers wartet.

Dann holen die Boys in Brown zu zehnt noch zwei Mal einen Rückstand auf, um gegen Ende wohl ausgepowert sogar noch einen Elfmeter zu fangen, das 2:5. Was für ein verfickter Saison-Beginn!

Seufz.

Das mußte ich nach den Diskussionen weiter unten mit Che jetzt einfach verlinken, diese olle, wunderschöne Liebeskummer-Kamelle – das ist ja das Schöne an Camp: Man kann selbst dann noch über sich lachen, wenn man so ein absurdes Trauma durchleidet wie ein verlorenes Fußballspiel. Ist ja ungefähr so irreal, wie bei einer TV-Soap in Tränen auszubrechen, und das nicht, weil sie so schlecht ist – oder nicht doch viel mehr?

Auf jeden Fall sollte der Song mal langsam als Hymne nach vergeigten Spielen am Millerntor angestimmt werden. Wäre zudem noch ein weiteres wirksames Mittel gegen Homophobie.

Verloren, Verlust – man sinniert dann über Worte. Die braucht man ja.

Wieso sagen eigentlich immer alle, in der Kultur des Kapitalismus ginge es um Eigenverantwortung und Gewinnorientierung? Geht’s nicht viel eher für die meisten um Verlustvermeidung oder gar den Erwerb der Fähigkeit, Verluste zu ertragen?

Die Kultur des Kapitalismus ist schließlich wie alle Terror-Regime eine Kultur der Angst. Was noch nicht mal melodramatisch formuliert ist, da muß ich mir nur meine Noch-Chefs anschauen. Seit sie Investoren im Boot haben und der Finanzvorstand als deren Agent agiert, sind die nur noch von Angst getrieben und trauen sich gar nicht mehr, irgendetwas zu entscheiden. Ist das Eigenverantwortung?

Gerade mit meinen wahrscheinlichen, zukünftigen Investoren zusammen gesessen – natürlich und ganz verständlich ergreifen die erst mal Maßnahmen, das persönliche Risiko für mich odentlich zu erhöhen, damit ich wirklich was zu verlieren habe und ihre Kohle nicht versenke.

Zu verlieren habe. Es sei noch einmal betont. Ich altlinkes Geistes- und Sozialwissenschaftler-Viech habe komischerweise keinen Zweifel daran, daß gar kein Risisko besteht, aber nicht umsonst sind Ärzte die schlimmsten Hypochonder.

Verlust ist ja ein Thema, das eigentlich nur dann diskutiert wird, wenn mal Flugzeuge abstürzen und die armen Hinterbliebenen dann Leichen identifzieren müssen. Und das geht durch Mark und Bein, wenn man davon hört.

Wogegen so ein verlorenes Fußballspiel so eine Art Wellness ist.

Auch Banken gehen pleite, Konkurs, Insolvenz, man macht Miese oder Minus oder schreibt rote Zahlen, aber Verlust, das scheint mir nicht allzu oft als Wort gebraucht zu werden – obwohl: Verlust des Arbeitsplatzes, das ist gängig. Und „schwere Verluste“ gibt es auch beim Kriegsgeschehen.

„Verloren“ hingegen hat so eine seltsame Doppelbedeutung. Gestern hat der ganze FC St. Pauli verloren, allesamt, die sich irgendwie dazugehörig fühlen, und Scheiße, ich hatte wirklich den ganzen Tag Depressionen heute – komischerweise verliert man aber auch sein Portemonnaie. Na, mein Vater hat im Krieeg sein Bein „verloren“, und sehr, sehr viele auch ihr Leben – das ist so krude beiläufig fomuliert, wie etwas, was aus Versehen passiert ist. Wie eine verlorene EC-Karte.

Nun will ich keinem unserer Spieler unterstellen, er habe das Spiel verlieren wollen, aber etwas anderes, als wenn einem das Handy aus der Tasche rutscht, ist das dann wohl doch. Wiederfinden kann man auch weder Spiel noch Bein. Leben unter Umständen schon, aber nicht, wenn man es wirklich verloren hat ….

Grübel da nur so lange rum, weil dieses bereits oben zitierte „Gedankenhaie“ von Steven Hall sich um einen schweren Verlust dreht. Dem dann noch ganz andere Verluste folgen: Vor allem der der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt, Konzept und Wirklichkeit, Idee und Sein, Kunstwerk und Leben, Objekt- und Meta-Sprache.

All diese Grenzen kollabieren, und so materialisieren sich die Konzepte ganz real als sich in der Welt bewegende Buchstabenwirbel mit vernichtender Energie. Sie folgen Daten- und Informationsspuren inmitten verfallener Krankenhäuser unweit von Manchester, lösen dessen Fußboden auf, um andere materialisierte Konzepte in Menschengestalt zu köpfen und zu verspeisen, vernichten Erinnerungen. Man kann sich vor manchen boshaften, animalischen Vertretern der Wiesen durchpflügenden Informationsverarbeitungswesen nur dadurch schützen, daß man verwirrende Informationen dazwischen schaltet: Bücherstapel, Diktiergerätschaltkreise, die Konzentration auf falsche Identitäten. Das Buch ist eine Mischung aus Matrix, Moby Dick und Amnesie-Psychothrillern – und doch:Es gibt sogar ganz reale autopoetische Systeme, die immer mehr Menschen infizieren.

Aber halt: Gibt es die denn nicht wirklich? Hier ist’s der Gegenschurke zum Schwammkopf-Geisterhai, der immer mehr Personen ihrer Identität beraubt und sie besetzt, um sich zu erhalten – aber hatte ich nicht oben noch über den Kapitalismus geschrieben, daß …

Und materialisieren sich Konzepte nicht ständig? Habe ja auch gerade eine Buisness-Plan geschrieben …. dieses Spiel, was Steven Hall da literarisch treibt, spitzt all diese Fragen so derart virtuos zu, daß der Anti-Held zum Schluß sogar ein Glas mit Papierschnipseln, auf denen „Wasser“ steht, trinken kann. Wohl bekommt’s!

Leide noch unter einem richtigen Lektüre-Schock, weil das so brilliant ist, das Buch. Der Verlust am Anfang der Geschichte, erst gegen Ende ganz erzählt, der erst Identitätsverlust und dann das Zusammbrechen des Konzepts des Konzeptes bewirkt, ist eben kein Konzept, sondern eine ERFAHRUNG, und die Pointe des Buches scheint mir ganz von Tschechow zu stammen:

„Dann erzählten wir uns Witze, wobei aber ausgemacht war, dass die eigenen eigenen immer zum Ablachen und die des anderen immer grottenschlecht waren. Nach einem besonders schlechten von mir (Kommt ein Krokodil in einen Pub …) blieb Scout plötzlich stehen und schaute mich in dem Flackerschein an.

„Kapier ich nicht. Weshalb fragt der Barmann jetzt: Warum das lange Gesicht?“ Im Ernst, sie sah mich an wie das Studivolk bei einem Krawall-Talk einen besonders abgedrehten Gast. „Ich meine, das ist doch komplett unlogisch.“

„Mann, bist Du langweilig“, erwiderte ich, und in diesem Moment wurde mir klar, was Leben ist.“

Steven Hall, Gedankenhaie, München 2008, S. 192

Was dann wohl auch den Unterschied ist zwischen dem Weinen bei einer Soap im Fernsehen und dem nach einer Niederlage ausmacht – nach Heimspielen kann ich nämlich immer sagen: Ich war so sehr dabei! Auch nach verlorenen. Leider …

Aber das kommt diese Saison bestimmt gar nicht vor! Womit ich gerne das Zusammbrechen der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt beschwören würde, damit dieses Konzept auch wahr werde … nicht unken!

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Written by momorulez

23. August 2008 um 21:25

5 Antworten

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  1. Dreidimensionaler Camp, mindestens. Schön, daß Du wieder so durcheinander bist. 😉

    ring2

    24. August 2008 at 10:08

  2. Toll geschrieben. Und der Selbstwiedererkennungswert ist immens.

    jekylla

    24. August 2008 at 11:11

  3. „Schön, daß Du wieder so durcheinander bist.“

    Wieso durcheinander? 😉

    @Jekylla:

    Danke!

    momorulez

    24. August 2008 at 11:20

  4. Na dreifachen Camp zusammenzuwürfeln kann man nur in einem Zustand den meine Oma immer „ein wenig Durcheinander“ genannt hat 😉

    ring2

    24. August 2008 at 12:55

  5. Die Gedankenführung ist glasklar!

    momorulez

    24. August 2008 at 13:51


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