shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Whole Lotta Love: I’m a man

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Na, dann setze ich doch mal meinen Grundkurs in „den anderen Revolutionen“ für meinen autonomen Mitblogger fort 😉 :

„Die New Yorker Disco-DJs der ersten Stunde waren jung, schwul, langhaarig, und ihre Name endeten stets mit einem o. Sie legten fünfmal pro Woche nicht unter acht Stunden auf, jagten in der übrigen Zeit fieberhaft nach Platten und schliefen praktisch nie – auch dies eine (chemische) Wissenschaft, die sie zur Vollendung trieben, für die sie aber auch einen hohen Preis zahlten. Im Film begegnet man dem späten Steve D’Aquisto und Francis Grasso – Letzterer ein schlimmes Wrack, der um 69 in einem Club namens „The Sanctuary“ experimentelle Ideen und Zustände hatte wie: den Acapella-artigen Part von Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ über das Percussionintro von Chicagos „I’m A Man“ zu mixen. In meiner Welt entspricht das ungefähr der Erfindung der Glühbirne.“

„Das freie Ausleben schwuler Sexualität wurde im Sanctuary gefeiert. Und diese hocherotische, hemmungslose Feier wurde zur Grundlange für Disco. Das sehnsüchtige Stöhnen der Donna Summer Jahre später war nur ein blasser Abklatsch der ungezügelten Sexualparktik in den ersten Disco-Clubs. Das Sanctuary funktionierte als erster Hort schwuler Militanz, denn bei den Tänzern in der Kriche hatte sich ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit, gmeinsamer Stärke und Macht formiert. Als die Polizei immer öfter Razzien veranstaltete, schlug dieses Gefühl der Gemeinsamkeit um in Rebellion. Auf die Aufforderung Grossos, den Club für die Razzia zuverlassen, schrien die euphorisierten Massen: „Fuck you! Let the cops carry us out!“

Aber nicht wegen der vielen Drogen oder der blasphemischen Orgien wurde das Sanctuary schließlich geschlossen, sondern wegen Hunderten von Männern, die vor der Kirche warteten, miteinander flirteten, lachten, schrien oder – nach Angaben von Zeugen – in Hauseingängen Oralverkehr hatten. Im April 1972 ließ die Stadt das Santuary schließen.“

Ulf Poschardt, DJCulture, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 112

Achtung, der Sound bei der zweiten Verlinkung ist äußerst grenzwertig, aber man bekommt eine Ahnung, wenn man in diese längst vergangenen Pionier-Zeiten hinein hört …

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Written by momorulez

26. August 2008 um 20:31

Veröffentlicht in Pop, Von Sternen und Sternbildern

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8 Antworten

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  1. Ja, die Ahnung kommt rüber.
    Davon profitieren dann heute noch tausende DJs von diesem Zauber.

    Wann kam denn das ganze nach Deutschland?
    Kann mich ja noch gut an das komische Gefühl erinnern, dass mich immer im Front beschlich (war ja auch ein Weichei damals 😉 – aber die Musik war so unverschämt gut!

    ring2

    26. August 2008 at 20:50

  2. Ich habe das Front ja kurioserweise gehasst, und das war ja auch ganz erheblich später – aber für die, die es liebten, muß das ähnlich gewesen sein. Nur, daß AIDS da schon da war und Befreiung was ganz anderes hieß als 1971 in New York.

    Ansonsten war in Deutschland ja wenn, dann das P1 in München Hort des Disco-Sounds, Münchener Schicki-Micki-Mist halt.

    Wir haben heute auch schon den ganzen Tag gegrübelt, wie und ob sich hier auch abbildete, da habe ich echt ’ne Kenntnis-Lücke.

    Habe die Musik ja so als 11-jähriger gehört und geliebt, aber was sich das szene-technisch so abspielte, weiß ich auch nicht.

    Das hat ja relativ lange gedauert, bis sich nach Änderung der Gesetzgebung in Deutschland ’ne schwule Ausgeh-Kultur jenseits der erweiterten Porno-Kinos und Saunen („Vulkan“ in Hannover zum Beispiel war sowas) herausbildete, und das waren zunächst eher Cafés, auf deren große Fensterfronten man dann stolz war, weil das vorher nicht möglich war. „Café Caldo“ in Hannover zum Beispiel, oder hier das TucTuc (vor dem sich Nina Hagen mit Neonazis prügelte). Wie die Historie von Spundloch. P.i.t und so ist, das weiß ich auch nicht genau. Oder was in Berlin so los war, z.B. im Kleist-Casino. Oder in Köln.

    Zum Teil lief so ein Sound in der souligen Variante – War und Commodores und MAZE so – ja auch in diesen ganzen Kiffer-Discos auf dem Lande, in denen ich so mit 16 war, war da aber ganz anders konnotiert. Und wurde dann erst später im Zuge dieser ganzen House-Geschichte von Leuten wie Westbam aufgegriffen,, „Die Macht der Nacht“ uns so, aber auch da war das was ganz anderes.

    Ich glaube tatsächlich, auch wenn ich in diesem Blog dafür geprügelt werde, daß diese teils kopflastigen, teils punk-inspirierten linken Ästhetik-Ideologien eine angemessene Disco-Rezeption verhindert haben.

    Die ganze Tunten-Bewegung der 70er, wo z.B. auch Corny herkommt, die Großartiges zusatnde gebracht haben, die hatten ja nicht unbedingt Soul, sondern waren im Grunde genommen in einem invertierten, weißen Hetero-Rock-Schema verortet.

    Und als das in den 80ern auffiel, lief es gleich mit diesem yupieesken Körperkult zusammen, der ja auch nur ’ne Form von Dressur war. Genau deshalb wurde ja immer so verbissen „Spaßbremse“ gerufen, wenn mal jemand traurig guckte.

    Das sind bildungsbürgerliche Versatzstücke, die sich da tradiert haben, und in der Hinsicht sind wir allesamt noch lange nicht befreit …

    momorulez

    26. August 2008 at 21:11

  3. Dummerweise habe ich nur die zweite Hälfte mitbekommen, von Münchner Bussi-Schickeria bis Präyuppie-und Yuppietum. Muss ich zur Buße jetzt schwul werden? 🙂

    che2001

    26. August 2008 at 22:28

  4. @che2001 das bist du doch schon längst 😉

    @momo komisch nicht, dass einem da so wenig einfällt. Denke da auch, dass die Begeisterung für die Musik übrig bleibt, wo Bewegungen und Wellen eben am Strand der Jahre zerflossen sind. Fällt mir ganz schwer, das wieder zuzuordnen (jetzt mal in Zusammenhängen, die ich besser beurteilen kann, wie bspw. die Songs von Udo Lindenberg, die ihre Melancholie ohne den Kontext Friedensbewegung ja erst so richtig erlebbar machen, jetzt, wo der Kerl alt und die Bewegung weg ist)

    ABBA’s Songs bspw. hat Benny ja in der arte Doku als etwas beschrieben, was heute zu etwas geworden ist, was sowohl ABBA, als auch Mamma Mia ist. Etwas aus seiner Sicht zutiefst anderes.

    Hört sich eben nur gleich an.
    Wie komme ich jetzt darauf? Egal, schöner Gedanke. N8.

    ring2

    26. August 2008 at 23:11

  5. @Che:

    Nicht nur das – schwarz und schwul mußte sein, statt es zu werden!

    Und das „Yupipeske“ an Disco ist ja nun auch schon wieder abendfüllend, das galt ja nur für’s P1, und für’s Studio 54, klar …. in meiner Wahrnehmung schwappte das alles ja eher sehr schnell in die Vorstadt- und Großraumdiscos, ganz wie in „Saturday Night Fever“, und in die Roller-Discos gingen auch eher Prolls.

    Insofern wäre die Disco-Verachtung dann diese typische Verachtung der Arbeiterklasse durch Linksintellektuelle 😀 …

    @Ring2:

    ABBA haben ja auch so ihre eigene Story … vielleicht gab’s die wüste Party im Top Ten?

    Ansonsten kann es auch wirklich sein, daß ein Analogum zum Underground hier nirgends stattfand, schlicht und ergreifend, weil es hier kaum Schwarze und Puertoricaner gab, sondern ist über „The Hustle“ und Donna Summer tatsächlich driekt in den Mainstream gelaufen. Manche Bilder der „Gastarbeiter-Gattung Italiener“ sind ja bis heute Disco durchsättigt, übrigens.

    Bis ABBA von diesen ganzen linken Musik-Schwätzern mit ihrer implizit rassistischen Ästhetik akzeptiert wurden, mußten ja auch erst mal die 90er kommen.

    Oje, zu was für Sätzen mich dieses Thema treibt, da ist aber was dran! Nur „Wild Style“, weiß noch, wie ich beim ferngucken im elterlichen Wohnzimmer dazu tanzte, ganz allein, weil ich die Musik so geil fand, ohne Philly-Sound und Barry White gilt halt nicht!

    momorulez

    27. August 2008 at 8:30

  6. Wer ist denn „Wild Style“?

    … zum Glück weiss keiner von denen, die du eben noch verlinkt hast, was du hier über sie schreibst 😉

    … das mit der “Gastarbeiter-Gattung Italiener” funktioniert aber auch mit R&B und Rap. Ist eher in die universale Kategorie „latin lover“ einzusortieren, oder?

    ring2

    27. August 2008 at 9:37


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