shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wohl wahr: Die Effekte wirtschaftsliberaler Sozialtechnologie

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„Manches wird von Hochschulen und Unternehmen der Jugend vorgeworfen, mangelnde Bildung, Disziplin, Durchhaltevermögen, aber niemals: Aufsässigkeit. Und wie auch? Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis. Sie blicken aus Rehaugen, die sich nur manchmal melancholisch verschleiern, auf die raue Welt der Wirtschaft und Politik und scheinen den Schwur getan zu haben, so schnell wie möglich zum Haifisch zu werden, um auch dort zu überleben, wo es von Feinden wimmelt. Denn dass die Welt böse ist, die Berufswelt zumal, das halten sie für gewiss; man hat es ihnen oft genug gesagt. Die gesellschaftliche Großdebatte um Globalisierung und verschärfte Konkurrenz, um Standort und Wettbewerbsfähigkeit ist tief bis in die Psyche vorgedrungen, man könnte auch sagen, sie ist dort eingeschlagen wie ein Meteor und hat einen Krater hinterlassen, in dem alles Leichte und Hoffnungsvolle, alle Fantasie und alles Aufbegehren verschwunden sind.

(…)

Früher, gewiss noch vor zwanzig Jahren, hätte ein Jugendlicher schon das Ältliche gescheut, das dem Begriff anhaftet, das Magenkranke, von Konkursen und verzweifelten Bilanzfälschungen Bedrohte, aber heute leuchtet daraus wohl die letzte verbliebene Utopie: auch einmal selbst Chef sein, an der Spitze jener Hackordnung stehen, die für das Leben gehalten wird.

Wer oder was, um Himmels willen, hat den jungen Leuten das darwinistische Weltbild aufgeredet? Das Überleben der Stärksten allein? Hat sich etwas, was als ökonomisches Marktprinzip Sinn ergibt, zur Universalmetapher aufgeschwungen und alles Gnädig-Humane auf den Schrotthaufen der Illusionen befördert? Denn die jungen Leute glauben ja nicht, dass die Welt gut ist, wie sie ist. Nichts wäre falscher, als ihnen nachzusagen, sie seien unkritisch. Sie glauben aber auch nicht, dass sich die Welt zum Besseren verändern ließe, den privaten Raum vielleicht ausgenommen.“

 

 

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11 Antworten

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  1. genau so ist es. genau daran leiden meine studierenden nichten, die aus besitzendem hause kommen. genau so erlebe ich es, wenn ich unterrichte. und es ist zum kotzen. ersticktes leben, amputiertes sprechen, zerstörte bildung, deren aneignung mit dem ziel von credit points effizient sein soll. es ist nichts weiter als die delegitimierung der aneignung menschlichen wissens, das „effizienterweise“ nicht gebraucht wird. mittlerweile ist es kein mangel mehr, wenn man von seinem fach nicht mehr versteht als das von irgendwelchen obskuren wissens-controllern definierte mindestmass an handwerklichen kenntnissen ohne jede beschäftigung mit geschichtlichen und theoretischen grundlagen. die braucht man zum reinen überleben nicht.

    T. Albert

    29. August 2008 at 15:14

  2. Habe gestern abend auch lange mit meiner Nichte telefoniert, 12. Klasse – komplett angstgesteuert.

    O Schreck, hoffentlich muß ich mir keinen Job dann suchen, wenn die Jahrgänge, die nach dem 13. und jene, die nach 12. Schuljahr ihr Abitur erhalten haben (Bildungsreform), alle gerade Bewerbungen verschicken.

    O Schreck, Konkurrenz. Ich kann doch nichts

    Ja, Philosophie interessiert sie, aber das kann man ja nicht studieren, da findet man ja eh keinen Job.

    Wirklich die nackte Angst, Anpassungsleistungen nicht zu vollbringen oder diesen nicht gewachsen zu sein.

    Finde den Artikel von Jessen großartig …

    momorulez

    29. August 2008 at 16:09

  3. Erlebe es ja bei meiner Nichte zum Glück komplett anders. Die ist mit 15 sehr links und fragt bei allem und jedem „wie ist das politisch einzuordnen“? Na ja, kommt ja auch aus einer gewissen Familientradition 😉

    che2001

    30. August 2008 at 10:28

  4. Ich selbst habe es schon damals, in der frühen ´80er, ähnlich erlebt, wie momorulez Nichte: hätte ich etwa gegenüber meinen Eltern der Wunsch geäußert, Philosophie zu studieren (nicht ganz absurd in Anbetracht meiner Philo-Noten – ich hatte 15 Punkte), hätten sie an meinem Geisteszustand gezweifelt. Es waren nicht allein meine Eltern: In der Schule ging der Spruch ´rum: „Was will man schon mit einem Philosophie- (Archäologie, Geschichts, Kunst- usw.)-Studium, einen Phiosophie-(usw.)-Laden aufmachen? – Wobei diese Sprüche sogar von einem Lehrer (Fächer: Wirtschaftslehre und Mathematik) gebracht wurden.
    Schon rein von der Psychologie her gesehen, hätte ich es niemals fertig gebracht, etwas zu Studieren, was nicht auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt war. (Es war schon ein Tanz, meinen Eltern schonend beizubringen, dass ich Chemie studieren wolle – die dachten mehr an „zuerst Banklehre, dann BWL oder Jura“ – oder „FH für Verwaltung und dann Beamter“ und zwar eindeutig als Projektion ihrer eigenen Abstiegsängste.)
    Die heutige Situation ist einfach die damalige Situation, nachdem sie über 25 Jahre konstant angehalten hat. Was damals von uns Abiturienten noch als Ärgernis wahrgenommen wurde, ist inzwischen „die Realität des Lebens“, eine Alternative kaum noch vorstellbar.

    MartinM

    30. August 2008 at 14:50

  5. Ja, das ist ja das Thema – bei uns haben ja sehr viele auch ganz andere Wege gesucht, gewetttert, genörgelt, getanzt und so – sich das heute zu trauen, das ist noch mal ungleich schwerer als damals.

    ich habe mir komischerweise nie ersnthaft die Frage gestellt, ob es falsch ist, Philosophie zu studieren. hat mich halt interessiert, undd irgendwas kommt ja immer. Notfalls Aushilfe in der Behindertenarbeit, wie im Zivildienst. So what? Sowas habe ich immer eher gedacht ….

    momorulez

    30. August 2008 at 15:40

  6. „Was macht man dann damit?“ – „Chefgermanist bei Daimler-Benz.“

    David

    30. August 2008 at 15:41

  7. Für mich war auch arschklar, dass ich Geschichte, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und PUK studiere, und letztlich war das auch der Karriere nicht abträglich. Den Doktor habe ich aus inhaltlichem Interesse an meiner Forschung gemacht, aber letztlich denke ich auch, mit Doktor egal in was hat man auf dem Arbeitsmarkt immer gute Chancen. Wäre ich heute jugendlich, würde ich aufgrund der Prüfungsordnung aber noch nicht mal zum Abitur zugelassen. Und Leute, die in meiner Generation Informatik, Grafik-Design, Medizin oder Jura studiert hätten, lernen heute Informatikkaufmensch, IT-Systemtechnik, Mediengestaltung, Physiotherapie oder Rechtspflege.

    che2001

    30. August 2008 at 16:03

  8. Die Dinge, die MartinM da schildert, habe damals auch so erlebt. Damals, vor fast 20 Jahren (mein Gott), in den späteren 80ern.

    Das hat bei mir dann zu zwei Semestern Jura geführt. Die hab ich an der FU (die ZVS war schuld) dann aber eher anderweitig genutzt. Danach bin ich dann wegen Kofler doch an die RUB und hab Sowi studiert. Was zu allgemeinem Kopfschütteln führte. Jobsuche war nicht leicht. Aber mit Diplom in der Tasche findet man schon was … 😉

    cut

    30. August 2008 at 16:32

  9. Habe ja meinerseits auch wirklich gar keine Probleme gehabt – gerade WEIL ich so ein Generalisten-Studium hatte und mit Soziologie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sozusagen materiale Ergänzungen. Zehre ich bis heute von. Und mein Richter-Vater hat mir deutlichst zu Philosophie geraten statt, wie ich auch kurz grübelte, Jura, weil er meinte, das mir das viel eher entspräche.

    Philosophie hilft ja enorm dabei, sich durch Materialvielfalt zu wühlen und diese zu strukturieren, was angesichts komplexer werdender Umwelten wichtig ist, daß man das kann. Hatte schon während des Examens meinen Job – ein Praktikum, und ich war drin.

    Während diese ganze durchgestyleten Lebensläufe und angstzerfressenen Kriecher, die sich auch immer mal bei uns bewerben, wirklich zu nix zu gebrauchen sind. Die haben inder Regel selbst dann kaum gelebt und erfahren, wenn sie die obligatorischen Auslandsjahre hinter sich gebracht haben. Null Kreativität bringen solche Leute mit. Die richten noch die ganze Volkswirtschaft zugrunde … antizyklisch in Bildung investieren, das wäre doch mal wat!

    Weil die ganzen Querbeet-Jobber ja in der Regel super sind.

    momorulez

    30. August 2008 at 16:49

  10. Zum Thema „doofe Repliken“ lese man dann noch das hier:

    „Nun, wer Aufsässigkeit vermisst, der besuche mal einen rechtsradikalen Jugendtreff. “

    Von hier:

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0829/feuilleton/0042/index.html

    Das ist ja fast so beknackt wie die DGB-Hitler-Nummer oder die Antifa-SA.

    „Die heute 45- bis 60-Jährigen sind es, die mit ihrem unverdrossen anhaltenden Widerstandskult den Jugendlichen die klassische Rebellion verleidet haben.“

    Jaja, am rechtsradikalismus sind ja auch die 68er schuld, weil sie eigentlich auch Nazis waren (G. Aly). Und den Bruch von 77-83 in sachen Jugendkultur hat’s auch nie gegeben. Aber vielleicht ist der Autor 40 und lästert die älteren Jahrgänge aus der Anti-AKW-Bewegung?

    „Die Jugendlichkeit selbst hat sich vom realen Alter emanzipiert und wird von den Etablierten der Pop- und Hochkultur für sich definiert.“

    Jahre nach der damals ganz lustigen Werbung „Wenn ich mal groß werde, will ich auch Spießer werden“ erhebt sich das Feuilleton in gedankliche Höhen und behauptet das gleiche!

    „Schon immer haben sich ja Kinder und Großeltern stilbildend verbündet, um der mächtigen Generation in der Mitte eins auszuwischen.“

    Schon immer? Wann denn noch? ’68? Das gab’s mal kurz Anfang der 80er, als sich die Kriegsgeneration mit den Friedensbewegten verbündet hat – führt da ein 45-60 jähriger Junge Unionist die Schlachten von einst?

    Und die Moral von der Geschicht:

    „Das Kind dagegen drang unruhig auf Disziplin. „Ihr werdet sehen, wir werden hier noch eingesperrt!“ Die Eltern lachten über das brave Ding. Und es kam, wie es kommen musste. Endlich am Ausgang der unheimlichen Höhlenwelt angekommen, standen wir vor einem verschlossenen Eisengitter.“

    momorulez

    30. August 2008 at 18:23

  11. In der Alpinistenszene unterscheiden sich die 20- von den 60jährigen ja hauptsächlich dadurch, das für Erstere der Weg das Ziel und die Kletterei als Sport schön ist, während es Letzteren um den Gipfel geht. Ich bin als Mittvierziger somit tendenzieller 20er.

    che2001

    30. August 2008 at 18:36


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