shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Charles Ives, Anton Webern, Larry Levan

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„Was ist Pop? Also: Was ist vom Pop geblieben, was ist aus dem Pop geworden? Was Diederichsen mit seiner Antwort skizziert, ist – wenn man bei dem Bild bleiben will – eher eine Verwechslungstragödie, jedenfalls wenig komisch: Die hier eingeführte begriffliche Unterscheidung von Pop I und Pop II gehört zu den klugen theoretischen Interventionen des Gründers des Kölner Popmagazins Spex und jetzigen Professors an der Merz-Akademie in Stuttgart. Pop I – das waren die sechziger bis achtziger Jahre, der spezifische Pop, im Sinne eines Gegenbegriffs zur etablierten Massenkultur, als subversive Nischenpraxis und kultureller Widerstand. Und Pop II – das ist der allgemeine Pop, der sich in den neunziger Jahren durchsetzt: eine in die Beliebigkeit überhöhte Pluralisierung der Symbole, die gleichermaßen Affirmation und Dissidenz versprechen; eine im Gewöhnlichen aufgelöste Haltung des Non-Konformismus, die das Geschmacksurteil zur radikalen Politik erklärt und Politik zur Angelegenheit des Privaten.“

Ich habe mich ja nie verstanden. In manchen Hinsichten war meine Hermeneutik des Selbst zwar durchaus erfolgreich; wieso jedoch Disco für mich immer entscheidender Bezugspunkt war, nicht jedoch diese ganze House-Club-Sauce mit den zwanghaft spaßigen Leibern, die dazu hoppelten,  das erschließt sich mir nicht.
Wahrscheinlich, weil ich den House Clubs war, jeodch nie im „Paradise garage“ oder im „Sanctuary“. Zwar nicht im Warehouse von Chicago und auch zumeist im allseits als zu schick empfundenen Hamburg (was hat Westbam damals die Nase gerümpft beim Interview, als die Sprache auf die Hamburger Szene kam), aber immerhin. Und wohl gefühlt habe ich mich selten.
„Disco“ hingegen ist für mich ein mythischer Ort, aufgeladen mit dem großen Aufbruch nach Stonewall, die Fusion aus schwarz und schwul und Camp und Künstlichkeit, die Opulenz, die ungebremste Sehnsucht in ihrem in Streicherorgien sich überschlagenden ureigenen Rhythmus.

War knapp vor meiner Zeit, das alles, hineinsozialisiert wurde man in das von AIDS geprägte Zusammenbruchsszenario eines irgendwie doch stets angstgesättigten Trotzdem.

Hat ja die Generation vor der meinen so hammerhart erwischt, gestern abend einen sehr schlecht gemachten Film voller dennoch ergreifend berichtender Zeitzeugen gesehen – und die Sätze jener, die erzählen, wie es war, als es binnen kurzem die Hälfte ihres Freundkreises dahinraffte, 50, 60 Leute aus ihrem driekten Umfeld, die hauten schon rein.

Ich entdeckte Sex mit SPIEGEL-Artikeln genau darüber im Hinterkopf, schön war das nicht. Man war der, der als Homo beim ersten Zeitungspraktikum die große AIDS-Story auch schreiben mußte. Saß man mit Paderbornder Krankenschwestern auf Marktplätzen in Nizza anläßlich eines Sprachurlaubes, die mitbekamen, daß man – schreibe ganz ausdrücklich „man“ und nicht „ich“ – schwul war, so hatte man gleich eine AIDS-Diskussion am Hals (in Frankreich hieß das Sida).

Mit leuchtenden Augen in tiefem Verständnis überreichten einem blondgelockte Mittzwanzigerinnen, Freundinnen von Mitbewohnerinnen, mit Lover im Arm Romane über das Sterben von AIDS-Kranken – dabei war’s eher angesagt, der Mitbewohnerin die Kondome auf den Nachttisch zu legen, war doch die Neuinfektionsrate damals bei heterosexuellen Frauen besonders hoch. So war es auch eine Freundin, die als allererste in meinem persönlichen Umfeld der Krankheit erlag.

Vielleicht war’s das, was mir die Düster-Kultur der Post-Punk-Welten in Hannover im Bad (Mittwochs, wenn Jorgo Musik machte) und kurz mal im Gun Club unweit des Steintores, in Hamburg später in Dschungel, Subito und Um Mitternacht viel fröhlicher erscheinen ließ als dieser „Ich strahle und tanze!“-Zwang zu House-Zeiten später – und doch Disco wie ein verlorenes Paradies zeitgleich auf meinen Plattenteller rotieren ließ. Fand die Goldenen Zitronen, die frühen, ungleich humoriger als diesen ganzen Spaßwahn in all den Clubs und Events später. Ich genoss es mehr, zu The Cure oder Nick Cave zu leiden, Diamanda Galas-Hörer affektiert zu finden und zumeist ganz in Schwarz durch’s Viertel zu promenieren. In diesem trashig-morbiden Lebensstil fand sich so viel tiefes Lachen, nicht dieses spätere, breite Grinsen, so daß man an guten Abenden selbst Sisters of Mercy’s „This Corrosion“ einfach spitze fand. Und die Violent Femmes waren eh sehr komisch.

Vielleicht war’s auch nur das, daß meine Droge nie Ecstasy oder gar Koks war, da war ich immer abstinent, sondern schlicht Bier. Na gut, im „Or“, das ich als einzigen dieser housigen Clubs – und war ja auch sehr familiär dort, ich war sowas wie Teil des Inventars  – wirklich gerne mochte, da trank man dann Wodka mit Lipovitan. Aber ansonsten wunderte ich mich immer morgens um 5 oder 6 oder 7, wie die alle noch so fit und agil über die winzige Tanzfläche wirbeln konnten. Aber zum Glück lief dort auch „Kung Fu Fighting“. Und das herrliche „Cruzified“ von der Army of Lovers. Toll!

Für mich war die Eröffnung des „Opera House“ im Grünspan sowas wie die Zäsur – ab da durfte man nicht mehr traurig gucken, und meine Lieblingskneipen starben oder dümpelten nur noch vor sich hin (Ausnahme: Das Toom Perstall, aber das war ja auch was anderes). Und erst House und dann Techno waren hip.

Klar, das Front gab’s vorher schon, einmal da gewesen vorher und nix verstanden von dem, was dort passierte. Später empfand ich es richtig als Feindesland, für mich war diese hysterisierte Kreischwelt der Tod von allem, was ich an Disco liebte – bei Disco war so viel Sehnsucht und Traurigkeit inmitten der Beats, daß genau diese transzendierbar wurde. Bei Adeva hörte ich das auch, aber ansonsten selten.

Um so gruseliger, auf der Front-Gedenk-Seite dann einen alten Tempo-Artikel von Olaf Dante Marx zu entdecken, ein Autor, den ich damals sehr gerne las: Fast alle Stationen meiner nächtlichen Streifzüge tauchen da auf, Front, Mary Lou’s und das Porno-Kino zum Schluß mal ausgenommen.

Chris aus dem „Or“, an den habe ich seit bestimmt 10 Jahren nicht mehr gedacht – ich glaube, den haben wir immer „Tante Sunshine“ genannt. Und die dicke Inge gab’s auch, die trug immer riesengroß karierte Anzüge, hieß eigentlich Ingo, und den mochte ich gern.

Reiner Nostalgie-Trip jetzt in diesem Blog-Eintrag, doch als ich gestern aus den scheußlichen Zeise-Hallen mit diesen wahrscheinlich nur aus Schein-Kulturschickeria und mit der CDU koalierenden Grünen bestehenden Leuten drin kam und irgendwelche Jünglinge über Ruccula mit Parmesan referieren hörte, als ich diese selbstgefällige Masse von satten Ottensern da um mich herum flanieren sah, als mir selbst die offensiv-aggressiven Jungdeutschtürken mit den ausrasierten Nacken in dem einen Hauseingang fast wie Utopie inmitten dieser verfickt-bürgerlichen Schein-Idylle erschienen, als ich noch die Geschichten der Paradise Garage-Gänger rund um AIDS und ihre Lieblingsscheiben im Kino kurz zuvor im Ohr hatte – irgendwie hatte ich da das Gefühl, daß diese frühen House-Nummern in Relation dazu vielleicht doch mehr Potenzial hatten, als ich je zu akzeptieren bereit war. In ihren Anfängen nur. Später in Berlin ja sowieso.

Und daß die peistchenden Rhythmen vielleicht doch mal wieder diese total gewordene Affirmation in Vierteln wie Ottensen aufmischen müßen, um da wenigstens Sex in all die Saccos zu wehen. Wenigstens war auf den Flyern zum heutigen Schanzenfest schon mal überdeutlich der Kampf für queere Lebensformen formuliert.

Weil: Als ich heute in der Buchhandlung stand un glotzte, was so in der Pop-Musik-Abteilung steht und ob nicht doch Disco ein ganz klein wenig Spuren hinterlassen hat – nix da. Punk, Punk, Punk, fast nur weiße Rockgrößen und ein wenig Hip Hop. Und Madonna.
Was dann wohl der Kanon ist, siehe weiter unten, den meine Generation so angerichtet hat. Doch wahrscheinlich passiert schon all das, was ich hier herbeifantasiere, in Clubs, in die ich nicht mehr gehe.

Und doch: Was der Diedrichsen da vor 3 Jahren forderte, das ist dann ja auch was für uns Ältere – Che, google doch einfach mal Larry Levan:

„Das ist die Perspektive, mit der auch die Frage „Ist was Pop?“ neu gestellt werden muss: Sie zielt nämlich darauf, was an der Kunst Musik ist, oder besser: was das Musikalische in der Kunst ist. Das heißt für Diederichsen nicht nur, dass er unabhängig vom gängigen Kanon und jenseits von E und U nach Spuren der musikalischen Avantgarde sucht (und bei Charles Ives, Anton Webern, Larry Levan, Archie Shepp bis Courtney Love und Miss Kittin findet), sondern – und das ist entscheidend – die Rolle der Musik für die Avantgarde diskutiert. In der Moderne ist die Musik die Leitkunst geworden; spätestens mit dem Pop scheint die Musik ohnehin allgegenwärtig zu sein. Doch zugleich ist der Pop II auch bemerkenswert unmusikalisch, weshalb eben zur Disposition steht, ob denn tatsächlich die Musik noch die Leitkunst innerhalb der Künste ist, wie es Anfang der Vierziger der marxistische Kunsttheoretiker Clement Greenberg diagnostizierte. Es kann also die Eingangsfrage merkwürdig zugespitzt werden: Ist Pop noch Musik?“

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Written by momorulez

6. September 2008 um 20:59

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

12 Antworten

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  1. Nun, ich wollte ja behaupten, dass die Unterscheidung von Pop I und Pop 2 eine ist, die beliebig wiederholbar ist, nicht nur von Generation zu Generation, nicht nur von Stilrichtung zu Stilrichtung, sondern in der Narration als Selbsttechnik schon immer individuell wiederholt wird. Pop I stets der, der den Mainstream fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser. Pop II dagegen der, der zum allgemeinen Pop geworden ist. Was Diederichsen als Pop I vorstellt, ist für mich die Musik meiner Eltern: Im Eltern-Kind Verhältnis schwerlich die Avantgarde. Was er dagegen als Pop II vorstellt ist die Musik, die ich nie wollte, die Musik, von der ich mich vielleicht abgrenzte, die ich in jedem Fall aber mied, aus der ich mich dennoch entwickelte.

    Allgemein gesprochen, hinsichtlich der Entwicklung des Pops:
    Die Avantgarde bringt es so mit sich, dass sie erst vor und aus dem Mainstream entsteht. Und wenn man die heutige Avantgarde sehen und verstehen will, muss man wahrscheinlich ein paar Jahre zurück blicken, muss sich ansehen, anhören, was zu hören war, als diejenigen, die jetzt Musik machen, gerade anfingen, sich ein Bild vom Mainstream zu machen.

    Wenn ich rausgeh, dann seh ich da allerlei, dass sich durchaus als „subversive Nischenpraxis und kultureller Widerstand“ begreifen lässt. Wenn man die Bandbreite groß macht, dann steht auf der einen Seite jemand wie Peterlicht, dessen Musik zwar unglaublich gefällig ist, dessen Texte aus der Sicht eines „Mainstreams“ durchaus komisch sind, aber eben – und da fängt der Widerstand an – nicht zu verstehen sind. Mit Pop wird in der heutigen Diskussion so gerne die ironische Brechung verbunden. Ich denk bei ironischer Brechung eher an Thoman Mann oder James Bond. Peterlicht, das ist ironiefreie Zone, stattdessen „irrlichternde Anarchie“.

    Am anderen Ende steht vielleicht jemand wie „Burial“, nicht zufällig jemand, der auch sein Gesicht geheim hält, wie Peterlicht, aber darüber hinaus jemand, der im Rahmen der Nische riesigen Erfolg hat und es bis vor kurzem geschafft hat, als Person komplett anonym zu bleiben. Auch hier Widerstand gegen die (übliche) Rezeption.

    Um aber eine Pointe Diederichsens nicht zu verfehlen: Vielleicht und wahrscheinlich ist es wirklich so, dass „das Geschmacksurteil zur radikalen Politik erklärt [worden ist] und die Politik zur Angelegenheit des Privaten“. (Nicht umsonst passt das ja ganz gut zu dem Artikel von Jessen, den Du erst verlinkt hast.) Deutlich wird diese Art von politischem Gechmacksurteil beispielsweise in dem gebrochenen Bild und (Neu)Entwurf von Männlichkeit, den Hedi Slimane wagt. (Hier eine schöne Bildergalerie)

    Ob jetzt der Pop II aber „bemerkenswert unmusikalisch“ geworden ist, da habe ich Zweifel (wenn ich bspw. gerade das aktuelle Album „LP3“ von ratatat höre). Der Argumentation von oben folgend könnte man also annehmen, dass sich sich damit die Frage erübrigt, ob die Musik noch die Leitkunst ist? Ist Pop noch Musik? Ja, auch.

    Und noch was: So ganz ausgeprägt ist Disco auch hier in München nicht. Aber es gibt schon ziemlich lebendige und auch junge Soulabende, die einen starken Einschlag in Richtung Disco haben.

    christianK

    7. September 2008 at 8:53

  2. Hedi Slimane mit seinen dürren Jungs ist der natürliche Feind von gewichtigen Leuten wie mir 😉 – die sehen ja immer alle so aus, als würden sie von 132 Euro im Monat leben, ernährungstechnisch, aber mindestens 3000 Euro für Klamotten und Gesichtswässerchen ausgeben. Und sind im Grunde genommen das weiße Gegenbild zu all den schwarzen und afrikanischen und arabischen Kraftpaketen – Dandyismus halt. Zelebration der nicht-arbeiten-müssenden Bürgerlichkeit. Überspitzung all dieser studentischen Jungs hier auf der Schanze, die allesamt keinen Arsch in der Hose haben und fast körperlos durch ihre trashigen Kneipen wuscheln.

    Wer hat mir gerade erzählt, daß viele die rauchfreien Discos nicht mögen würden, weil man da auf einmal all den Schweiß riechen würde?

    Und ich glaube auch gar nicht, daß man noch die Relation Underground bzw. Avantgarde versus Mainstream aufmachen muß. Die ist ja gerade der große, historische Irrtum.

    Wahrscheinlich isses das, was sich tatsächlich in den letzten 30 Jahren gewandelt hat: Die Avantgarde auch als Möglichkeit des letzten Drecks begreifen zu können.

    Sonst müßte man schon Sympathien für Bushido entwickeln, zum Beispiel (der bestimmt sogar sehr sympathische Seiten hat, aber eine ganz bestimmte Form von Underground auch mißbrauchte). Der auch wirklich ein gutes Beispiel dafür ist, was passiert, wenn dieser bildungsbürgerlich belehrte, weiße Perspektive auf Musik, die sich ja zum Teil auch bei Diedrichsen zeigte, die Kriterien abhanden kommen – weil er sie ja fast 1 zu 1 in’s Gegenteil verkehrt sich bei dem wiederfinden.

    Es gibt so Momente, da habe ich das Gefühl, daß gerade im kommerziellsten Mainstream sich die utopischen Momente zeigen und gar nicht in all diesen ach so crediblen Versuchen, jetzt Avantgarde sein zu wollen.

    Die frühen Mando Diao sind für mich ein Besipeil, diese Wucht der Teenage-Welten dem Underground-Gedanken um die Ohren zu hauen. In den Eighties waren das Acts wie Pet Shop Boys, die sowas konnten, natürlich musikalisch ganz anders, aber immer auf der schwulen Club-Kultur basierend.

    Auch das neue Portishead-Album finde ich visionär, und das ist ja – trotzdem man es schlecht mal eben so weghören kann – nun nicht gerade nicht-komerziell oder völlig fernab des Mainstreams.

    Zudem ja die meiner Ansicht nach wichtigsten Geschichten der letzten Jahre eher außerordentlich traditionalistisch daher kamen, die ganze Americana-Schiene, Bright Eyes zum Beispiel, gegen die ich abgesehen von den Libertines und dann den Babyshambles die Briten doch ziemlich unwichtig fand.

    Auch wenn ich das „neue“ Joan Baez-Album höre, also eine Musik, gegen die die Diedrichsens sich ganz ursprünglich mal erhoben haben, weil sie „den Hippie“ hassten, finde ich das überhaupt nicht unzeitgemäß, obwohl es keinerlei avantgardistische Ansprüche verfolgt.

    Ist jetzt allerdings gerade nicht die „Black Music“-Schiene, aber in der Hinsicht glaube ich tatsächlich, daß „Black und queer“ wieder zusammengedacht tatsächlich Sprengkraft entfalten könnte. Weil’s eben über das reine Geschmacksurteil als radikale Politik, diesen ganzen Lebensstil-Schnickschnack, hinausweisen kann.

    Peter Licht finde ich abgesehen davon auch super – „Das Lied vom Ende des Kapitalismus“ ist ja so herrlich, weil das jede Gerade in einem Stadion mitsingen könnte, während der Videowürfel da hängt und Werbung zelebriert

    Die Pointe, ob Pop noch Musik sei, verdankt sich, glaube ich, eher der persönlichen Verzweiflung des Autors darüber, daß sein Denken dann so Leute wie den jetzigen Poschardt hervorgebracht hat ….

    momorulez

    7. September 2008 at 9:30

  3. ^^ Zugegeben, man kann Hedi Slimane so sehen. Aber man kann auch anders: Man kann den schon auch als befreiend begreifen, wenn man selbst unter dem Makel leidet, in keiner Weise dem Bild von Männlichkeit zu entsprechen, dass sich über so viele Jahre gehalten hat und dann in Extremstform in Baywatch und Co. zelebriert wurde – und an dem man einfach gemessen wurde. Insofern kann man die Frage stellen, ob das „das weiße Gegenbild zu all den schwarzen und afrikanischen und arabischen Kraftpaketen“ oder nicht doch eher das Gegenbild zu Sportklassenbester, Soldat und (Frauen)Beschützer ist. Ich plädiere für zweites – auch wenn’s Dandyismus ist.

    Es mag historischer Irrtum sein, Avantgarde gegen Mainstream zu stellen. Wenn man die Aufgeblasenheit des Begriffes, wenn man das Elitäre in der Avantgarde weglässt, macht der Begriff schon durchaus Sinn. Allerdings nicht in der Selbstzuschreibung, sondern in der Retrospektive.

    Es gibt so Momente, da habe ich das Gefühl, daß gerade im kommerziellsten Mainstream sich die utopischen Momente zeigen und gar nicht in all diesen ach so crediblen Versuchen, jetzt Avantgarde sein zu wollen.

    Da will ich gar nicht widersprechen. Nur denke ich halt, dass gerade die Abwesenheit utopischer Momente, deren bewusste Verweigerung ganz viel des heutigen Pops ausmacht. Eben jene Haltung, die zwar Kritik übt, das aber nicht in Blick auf einen Zukunftsentwurf, sondern immer auf einen offen gehaltenen Zukunftsbegriff. Das ist m.E. auch einer der Aspekte, der meiner Generation (wohl der bekannte Fehlschluss von einem selbst aufs allgemeine ^^) bspw. Foucault so sympathisch macht. – Und auch der Grund weil es – glaube ich – das ist, was Jessen in seinem Artikel zwar nicht explizit ausdrückt, aber doch verstanden hat.

    Auch das neue Portishead-Album finde ich visionär, und das ist ja – trotzdem man es schlecht mal eben so weghören kann – nun nicht gerade nicht-komerziell oder völlig fernab des Mainstreams.

    Da bin ich voll bei Dir. Großartiges Album. Mindestens genauso großartig ist ihre (neue) Konzertpraxis, die sich der gewohnten Rezeption eines Popkonzertes vollkommen entzieht.

    christianK

    7. September 2008 at 10:22

  4. @“Doch wahrscheinlich passiert schon all das, was ich hier herbeifantasiere, in Clubs, in die ich nicht mehr gehe.“ — Da bin ich nicht zuständig, nie in meinem Leben in irgendeinen Club gegangen. Gestern eine Aerosmith-DVD gesehen, die fand ich klasse.

    che2001

    7. September 2008 at 10:48

  5. @Christian K.:

    „nicht doch eher das Gegenbild zu Sportklassenbester, Soldat und (Frauen)Beschützer ist“

    Ja, bleibt aber darauf bezogen. Genau wie diese Brachial-Maskulinität mancher Hip-Hopper ja auch.

    Wir hatten mal eine Produktion, da haben wir versucht, das Ganze dahingehend aufzulösen, daß Prince die Antwort war – finde ich bis heute gar nicht so schlecht, den Ansatz 😉 …

    „Nur denke ich halt, dass gerade die Abwesenheit utopischer Momente, deren bewusste Verweigerung ganz viel des heutigen Pops ausmacht.“

    Na, ich meine ja auch jetzt nicht die Verkündigung konkreter Utopien, sondern den Moment, wo’s „klick“ macht beim Kunstschaffen oder Kunst rezipieren. Den gibt es – übrigens gab es den auch immer bei den Leuten, die sich widerständig auf Techno eingelassen haben, um irgendwann – „Klick“ – so ekstatisch-trancartige Erfahrungen zu machen. Das ist ja auch Foucault: Die Macht geht durch den Körper, und dort will sie auch gebrochen werden – und sei’s, indem man sich dem Beat unterwirft in einem Club anstatt auf einem Baumwollfeld.

    Kann auch „klick“ machen, wenn man beim Joan Baez-Konzert steht, sie singt „We shall overcome“, man denkt kurz „Oh nee, das ist jetzt einer too much“, und dann ist man doch drin, „Klick“, und möchte heulen.

    Oder wenn man ein Gemälde von wem auch immer anschaut und nicht mehr nur guckt wasweißich, die pinkfarbenen Bäume auf Daniel Richters „Süden“, und reflektiert, sondern sich wirklich damit beschäftigt und hinein geht in das Flirren von Magenta. Das sind für mich utopische Momente – wo man einen Bann durchbricht und aufgeht in einer neuen Erfahrung.

    Hast Du die Replik auf Jessen in der aktuellen Die Zeit gelesen? Ganz schwach. Erbärmlich.

    @Che:

    „Gestern eine Aerosmith-DVD gesehen, die fand ich klasse.“

    Ja,ja,. aber mit Adorno Disco kritisieren wollen 😉 …

    momorulez

    7. September 2008 at 11:51

  6. Wir hatten mal eine Produktion, da haben wir versucht, das Ganze dahingehend aufzulösen, daß Prince die Antwort war – finde ich bis heute gar nicht so schlecht, den Ansatz 😉 …

    Der klingt in der Tat vielversprechend.
    Recht interessant in der Hinsicht ist auch „Seth Cohen“, ein Charakter aus der Teenie-Serie „O.C. California“ (die ja von einigen vor allem für die wahrscheinlich bislang beste Musikauswahl einer Serie geliebt wird). Ich glaube in der L.A. Times hatten sie mal geschrieben, dass Seth Cohan das Ende von Rambo, Terminator und Mitch Buchannon zwar nicht eingeläutet, aber definitiv besiegelt habe.

    Na, ich meine ja auch jetzt nicht die Verkündigung konkreter Utopien, sondern den Moment, wo’s “klick” macht beim Kunstschaffen oder Kunst rezipieren.

    Das sind für mich utopische Momente – wo man einen Bann durchbricht und aufgeht in einer neuen Erfahrung.

    Na dann: Einverstanden 😉 – Ích hatte mich schon gewundert, wegen der Utopien. Diese Verwendung von „utopisch“ war mir aber in der Tat neu. Wobei ich jetzt schon behaupten würde, das genau sowas auch bei den nicht so Kommerziellen vorhanden/zu erleben ist.

    Die Replik auf Jessens Artikel ist wirklich erbärmlich. Ich hatte beim Lesen so das Gefühl, dass die nicht im Ansatz verstanden haben, worum es in Jessens Artikel eigentlich ging und frage mich dann, was sich der Jessen eigentlich denkt, wenn er so ein nichtssagendes Gewäsch als „Antwort“ auf seinen Artikel bekommt. Jessen hatte so wunderbare Wendungen – vor allem die am Schluss: „Also rette sich wer kann …“

    christianK

    7. September 2008 at 13:06

  7. „O.C. Califonia“ habe ich zu wenig verfolgt, weiß auch nicht genau, warum ….

    „Wobei ich jetzt schon behaupten würde, das genau sowas auch bei den nicht so Kommerziellen vorhanden/zu erleben ist.“

    Ja, klar. Das ist ja auch noch zu allgemein, was ich da oben geschreiben habe, weil man sowas auch bei „Ich war noch niemals in New York“ oder dem Anblick eines Pilzes auf ’ner Wiese haben kann. Das wäre dann dahingehend weiterzudenken, wie man diesen Moment im Werk selbst aufspüren kann nicht nur als Effekt in der Rezeption. Und da wird es dann richtig kompliziert.

    momorulez

    7. September 2008 at 14:02

  8. “O.C. Califonia” habe ich auch (zu) wenig verfolgt, und ich weiß sogar, warum: weil die abgenudelten Soap-Opera-Klischees, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die guten Ansätze, die ich dieser Serie durchaus zugestand, gnadenlos überwuchterten. Ich habe mich gelangweilt.
    Das ist meiner Ansicht nach generell ein Problem des Pops, egal ob I, II, 2.0, 1A oder 08/15 : der ständige Balanceakt einerseits den Massengeschmack bedienen zu müssen, andererseits nicht langweilen zu dürfen. (Bitte aufschreien, wenn diese Feststellung zu banal oder zu trivial ist. Ich bin kein Medienschaffender, ich kann nur aus Außensicht versuchen, herauszubekommen, warum Medienschaffende so handeln, wie sie handeln.)

    Die Zeit, in der der Umbruch zwischen der – wie ich finde, angemessenen – Düsternis des Post Punk zur angestrengten Fröhlichkeit der „90er“ stattfand, die nenne ich manchmal, wenn ich meinen Erinnerungen nachhänge, „die Zeit, in der die Zukunft starb“. Ich meine, als die Punks „No Future!“ zu ihrer Parole erhoben, da *reagierten* sie wenigstens auf die wirkliche Welt, so wie die Cyberpunk-Schreiber in der SF auf reale gesellschaftliche und technische Entwicklungen reagierten. Das spürte man, denke ich, auch in der populären Musik bis etwa Mitte der 80er Jahren. Auch wenn es nahezu unmöglich ist, etwa Kraftwerk und die Pet Shop Boys auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

    Mit einen Mal (so kommt es mir im Nachhinein vor, in Wirklichkeit dauerte der Prozess fast ein halbes Jahrzehnt) wurde der Eskapismus sozusagen salonfähig. Offensichtliche Schein-Idyllen nicht mehr praktisch automatisch als „verlogen“ demaskiert, sogar im „Spiegel“ (der damals, so hatte ich den Eindruck, anfing „kritisch“ und „hämisch“ zu verwechseln). Mit „Eskapismus“ meine ich nicht das, was Fantasy-Fans und Liverollenspieler umtreibt, nämlich das zeitweilige „Fortträumen“ aus dem Alltag, sondern eher ein „Uminszenieren“, manchmal nur ein Umdekorieren vor allem des beruflichen Alltags. Man erträgt die alltägliche Wirklichkeit nicht mehr, aber anstatt sie zu ändern oder wenigstens aus ihr (zeitweilig) zu flüchten, redet man sich und anderen ein, den ganzen Mist großartig zu finden.

    Erstaunlich finde ich, dass diese (schönfärberische und jene Probleme, die nicht gerade Schlagzeilen machen, verdrängende) Haltung den unvermeidlichen Realtätsschock nach dem Platzen der dot.com-Blase, dem „Anti-Terror-Krieg“ und der beinahe durchgängigen Paranoia der politischen Entscheider, und der Einsicht, dass der Untergang der UdSSR doch nicht „das Ende der Geschichte“ war, überstand.

    Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich z. B. [url=http://martinm.twoday.net/stories/5160445/]Wutzrock[/url] so genieße – weil es zeigt, dass es auch anders (nicht gnadenlos durchkommerzialisiert, problembewußt, sehr politisch, aber bewusst nicht parteipolitisch) geht, und nicht aus „70er Jahre-Alternativkultur-Nostalgie“, wie Kritiker meinen (wenn das so wäre, wäre der Altersschnitt der „Wutzrock“-Besucher deutlich höher – die meisten der Anwesenden dürften die Zeit, in der das Festival begründet wurde, nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen).

    MartinM

    7. September 2008 at 17:46

  9. “O.C. Califonia” habe ich auch (zu) wenig verfolgt, und ich weiß sogar, warum: weil die abgenudelten Soap-Opera-Klischees, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die guten Ansätze, die ich dieser Serie durchaus zugestand, gnadenlos überwuchterten. Ich habe mich gelangweilt.
    Das ist meiner Ansicht nach generell ein Problem des Pops, egal ob I, II, 2.0, 1A oder 08/15 : der ständige Balanceakt einerseits den Massengeschmack bedienen zu müssen, andererseits nicht langweilen zu dürfen. (Bitte aufschreien, wenn diese Feststellung zu banal oder zu trivial ist. Ich bin kein Medienschaffender, ich kann nur aus Außensicht versuchen, herauszubekommen, warum Medienschaffende so handeln, wie sie handeln.)

    Die Zeit, in der der Umbruch zwischen der – wie ich finde, angemessenen – Düsternis des Post Punk zur angestrengten Fröhlichkeit der „90er“ stattfand, die nenne ich manchmal, wenn ich meinen Erinnerungen nachhänge, „die Zeit, in der die Zukunft starb“. Ich meine, als die Punks „No Future!“ zu ihrer Parole erhoben, da *reagierten* sie wenigstens auf die wirkliche Welt, so wie die Cyberpunk-Schreiber in der SF auf reale gesellschaftliche und technische Entwicklungen reagierten. Das spürte man, denke ich, auch in der populären Musik bis etwa Mitte der 80er Jahren. Auch wenn es nahezu unmöglich ist, etwa Kraftwerk und die Pet Shop Boys auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

    Mit einen Mal (so kommt es mir im Nachhinein vor, in Wirklichkeit dauerte der Prozess fast ein halbes Jahrzehnt) wurde der Eskapismus sozusagen salonfähig. Offensichtliche Schein-Idyllen nicht mehr praktisch automatisch als „verlogen“ demaskiert, sogar im „Spiegel“ (der damals, so hatte ich den Eindruck, anfing „kritisch“ und „hämisch“ zu verwechseln). Mit „Eskapismus“ meine ich nicht das, was Fantasy-Fans und Liverollenspieler umtreibt, nämlich das zeitweilige „Fortträumen“ aus dem Alltag, sondern eher ein „Uminszenieren“, manchmal nur ein Umdekorieren vor allem des beruflichen Alltags. Man erträgt die alltägliche Wirklichkeit nicht mehr, aber anstatt sie zu ändern oder wenigstens aus ihr (zeitweilig) zu flüchten, redet man sich und anderen ein, den ganzen Mist großartig zu finden.

    Erstaunlich finde ich, dass diese (schönfärberische und jene Probleme, die nicht gerade Schlagzeilen machen, verdrängende) Haltung den unvermeidlichen Realtätsschock nach dem Platzen der dot.com-Blase, dem „Anti-Terror-Krieg“ und der beinahe durchgängigen Paranoia der politischen Entscheider, und der Einsicht, dass der Untergang der UdSSR doch nicht „das Ende der Geschichte“ war, überstand.

    Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich z. B. „umsonst & draußen“ Festivals wie Wutzrock so genieße – weil es zeigt, dass es auch anders (nicht gnadenlos durchkommerzialisiert, problembewußt, sehr politisch, aber bewusst nicht parteipolitisch) geht (und, da open Air. auch ohne Rauchverbote und Schweißgeruch) und nicht aus „70er Jahre-Alternativkultur-Nostalgie“, wie Kritiker meinen (wenn das so wäre, wäre der Altersschnitt der „Wutzrock“-Besucher deutlich höher – die meisten der Anwesenden dürften die Zeit, in der das Festival begründet wurde, nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen).

    MartinM

    7. September 2008 at 17:59

  10. @“Erstaunlich finde ich, dass diese (schönfärberische und jene Probleme, die nicht gerade Schlagzeilen machen, verdrängende) Haltung den unvermeidlichen Realtätsschock nach dem Platzen der dot.com-Blase, dem “Anti-Terror-Krieg” und der beinahe durchgängigen Paranoia der politischen Entscheider, und der Einsicht, dass der Untergang der UdSSR doch nicht “das Ende der Geschichte” war, überstand.“ — Ein Freund meinte mal, unmittelbar nach Nine Eleven war die Welt erstaunlich frei von Schleimgelaber, Eso-Spinnereien usw., das hätte aber nur ein paar Wochen angehalten.

    chezweitausendeins

    7. September 2008 at 18:26

  11. Was die Eso-Spinner angeht, kann ich die Feststellung Deines Freundes nicht bestätigen: die sattelten damals sehr schnell auf Verschwörungstheorien um .

    MartinM

    7. September 2008 at 18:29

  12. @MartinM:
    Zwei Punkte: O.C. California und das Bild, das ich von den 90ern habe

    Die Begeisterung, die viele für O.C. California empfanden, lässt sich glaube ich relativ gut auf zwei, bis drei verschiedenen Ebenen klären, die in jedem Fall miteinander verwoben sind und auch in jedem Fall mit dem Medienbetrieb und seinen Funktionsweisen zu tun hat. – Und trotz aller Begeisterung: Ich stimme Dir vollkommen zu, dass da alle abgenudelten Soap-Opera-Klischees nochmal durchgenudelt wurden. Es ist unterm Strich eben nur eine Teenie-Serie. Aber – und dahin wird mein Versuch zur Erklärung für die Begeisterung gehen – die Differenz zu den zahllosen anderen dieser Serien macht die Begeisterung aus.

    Zum einen ist da die Musik. So ziemlich alles, was später in der Spex oder anderen erklärten Magazinen für Popkultur als Indie-Errungenschaft abgefeiert wurde, ist (am amerikanischen Sendedatum orientiert) oft ein halbes Jahr zuvor innerhalb der Serie live als Band aufgetreten. So was gabs zuvor einfach nicht – und gab es seit dem meines Wissens nach auch nicht mehr. Aus Sicht der Zielgruppe, ist das ein eindeutiges Beleg dafür, dass die Macher den „Zeitgeist“ getroffen hat. – Auch aus Sicht des Medienbetriebes ist das eine enorme Leistung.

    Und dann sind da jenseits des „Erwachsenwerdens“ und der ersten Beziehungskisten eben die Charaktere. Nicht alle sind wirklich interessant, aber es ist erstaunlich, dass in der Serie der eigentlich als ewiger Verlierer geplante Charakter – eben jener Seth Cohen – dem eigentlichen Protagonisten (Ryan) den Rang ablief. Die haben noch nichtmal die Drehbücher umgeschrieben, er wurde so, wie er geschrieben war, einfach begeistert aufgenommen. Die amerikanische Presse hat das (im Nachhinein) so gedeutet, dass da tatsächlich ein neuer Typ von Männlichkeit „erfolgreich“ in Erscheinung getreten ist. Der Geek. An den amerikanische High Schools, so damals die Presse, (und aus eigener Erfahrung: Hier war das nicht anders) hat sich irgendwann Ende der 90er der nerdige Typ, der sich für so’n Scheiß wie Computer interessiert, zum Geek gewandelt. Plötzlich war der anerkannt und die Wasserball-Spieler mussten sich rechtfertigen und nicht mehr umgekehrt. Der Nerd war zum Geek geworden. (Oder in anderer Übersetzung: Bill Gates = Nerd; Steve Jobs = Geek. Beide machen das Gleiche, aber mit anderer gesellschaftlicher Anerkennung) Nun, und jener Wandel im akzeptierten Bild von Männlichkeit, der hat – so eine weit verbreitete Annahme – zum ersten Mal in O.C. California Ausdruck im „Mainstream“ gefunden.

    Die dritte Ebene ist direkt mit der zweiten verwandt: Nicht mehr der Humor, den Rambo oder einer der Seinen pflegt, sondern ein viel feinerer, spitzerer, vielleicht subtilerer Humor hat mit einigen dieser Charaktere Einzug in die Fernsehunterhaltung gefunden. Für die Dialoge (wobei das tatsächlich schwer in der synchronisierten Fassung funktioniert) wird die Serie ebenfalls geliebt.

    Hinzuzufügen bleibt, dass es eine ähnliche Ebene auf der weiblichen Seite gibt. Die Protagonistin (Marissa) wurde aus der Serie rausgeschrieben. Und die eigentlich nur als Nebenrolle eingeplante Summer, die wohl über die Serien hinweg eine Emanzipation erlebt und sich als Charakter so deutlich von bspw. Sex and the City abhebt, wurde angenommen …

    Man kann nun die Frage stellen, wie weit da O.C. was „erfunden“ hat. Aus der Sicht der Medien besteht die große Leistung eben darin, zum ersten Mal das erzählt zu haben, was anscheinend dem „Zeitgeist“ entspricht. Und trotz alledem, gar keine Frage, ist es im Grunde ein unerträgliches Soap-Gewäsch. Dennoch kann man – denke ich – behaupten, dass O.C. im Bereich der Jugendkultur, des Pop, etc. Geschichte geschrieben hat.

    Die Zeit, in der der Umbruch zwischen der – wie ich finde, angemessenen – Düsternis des Post Punk zur angestrengten Fröhlichkeit der “90er” stattfand, die nenne ich manchmal, wenn ich meinen Erinnerungen nachhänge, “die Zeit, in der die Zukunft starb”. Ich meine, als die Punks “No Future!” zu ihrer Parole erhoben, da *reagierten* sie wenigstens auf die wirkliche Welt, so wie die Cyberpunk-Schreiber in der SF auf reale gesellschaftliche und technische Entwicklungen reagierten. Das spürte man, denke ich, auch in der populären Musik bis etwa Mitte der 80er Jahren. Auch wenn es nahezu unmöglich ist, etwa Kraftwerk und die Pet Shop Boys auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

    Ich weiß nicht, wie weit die Beschreibung nicht auch anders herum ausfallen könnte. Ich sehe in den späten 90ern, die nun mal einfach die Jahre „meiner Jugend“ sind, nicht die „angestrengte Fröhlichkeit“. Für mich war Cyberpunk, um das mal aufzugreifen, in der Form von Shadowrun einfach Teil meines Alltags jenseits der Schule. Und die Perspektive insgesamt war nicht eine, die eine gute Zukunft sah. Im Gegenteil: Im Geschichtsunterricht war eine der Floskeln, dass die Welt seit dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht einfacher, sondern komplizierter geworden sei. Im Auflehnen gegen das wie es ist, konnte man keine Vision von dem, wie es sein sollte, aufbringen, sondern nur das, was man vielleicht lokale Kritik nennen könnte. Und ich wage behaupten zu können, dass diejenigen, die 79 geboren sind, die „Geschichte im Nacken“ schon deutlich gespürt haben, als sich die Eilmeldungen am 11. September überstürzten, dass es „uns“ aber nicht wirklich überrascht hat. (Und die Dot.com-Balse war zu weit weg, damals dachten wir nicht an die eigene wirtschaftliche Zukunft …)

    christianK

    7. September 2008 at 21:56


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