shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Café Deutschland!

with 38 comments

„Ich bin kein Abstraktionist. Mich interessiert nicht das Verhältnis von Farbe oder Form oder irgend so etwas. Mich interessieren nur die grundlegenden menschlichen Emotionen: Tragödie, Ekstase, Schicksal … Die Tatsache, dass Leute zusammenbrechen und weinen, wenn sie mit meinen Bildern konfrontiert werden, zeigt, dass ich diese Gefühle kommunizieren kann … Die Leute, die vor meinen Bildern weinen, haben die gleiche religiöse Erfahrung wie ich, als ich sie gemalt habe.“

Geweint hat da heute keiner. War auch wirklich recht leer auf den berühmt-berüchtigten Fluren. Nur die kleine blonde Frau im Fahrstuhl, die mit dem Strass auf der Jeansjacke, die hatte Platzangst. Der war aber auch wirklich sehr eng, der Fahrstuhl. Und die vierte Person, die einstieg, die war auch wirklich mehr als nur übergewichtig. In ihrem auch wirklich sehr engen rosa T-Shirt fühlte sie sich ein Stockwerk lang unwohl, weil die Kleine in der Jeansjacke ja laut von ihrer Platzangst berichtete – „Nee, ich kann auch wirklich nicht auf den Hafengeburtstag gehen oder so, neenee!“. In solchen körperlichen Dimensionen wie jenen der Dame in Rosa gibt’s wohl auch wirklich nix mehr, was nicht eng ist, sei’s Fahrstuhl oder T-Shirt, ob auf dem Hafengeburtag oder das eigene Gästeclo.

Da geht die nie rein. Obwohl doch ihr Gatte da den Kalender mit den Motiven von den abstrakten Expressionisten aufgehängt hat. Sie mochte aber immer lieber die Jungen Wilden, nur die mochten sie nie, hähähä … so kam sie halt zu ihrem Gatten, wurde immer mehr und das Haus mit dem Gästeclo müssen sie jetzt auch verkaufen.

Beim kurzen Warten mit Blick auf den dunkelblauen Teppich fragte ich mich die ganze Zeit, ob man wohl auch in ihm, in seinem Blau, spirituell versinken könne. Wie viel Ekstase, Tragödie und Schicksal über den wohl hinwegspaziert ist?

Oder im Weiß der Wände, was kann man da wohl so alles finden an Erhabenem, an Ewigkeit! Großformatig! Soooooo großformatig! Strukturiert! Man, sowas als Leinwand, da bräuchten aber die russischen Oligarchen schon ganz schön große Villen in Antibes, um dieses „Weiß, rauhfaser-strukturiert“ dann hinter ihrem Divan zu platzieren!Ginge wohl nur auf dem Flur.Und wenn der Divan da noch steht, wird’s eng. Wie im Fahrstuhl.

Der Dame von der Agentur waren solche Gedanken zumindest noch nicht passiert, viel zu handfest und zielorientiert saß sie da in Jeans und T-Shirt und demonstrierte Humor trotz Bürokratie. So ein wenig wie eine Vorstufe zu Oehlens Dinosauerien wirkte sie, aber das ist durchaus als Kompliment gemeint! Ich mag die.

Sie hatte eine so intensiv eingeübte, daß bereits völlig selbstständig gewordene und übertriebene Rhetorik und Gestik, einstudierter Mutterwitz, ganz durchtränkt von Machtbewußtsein und Wohlwollen. Sie hat ganz offenkundig ihre Mission gefunden. Keine langen Wege von der Figuration zur Abstraktion, nö, eher Holzschnitt, möglichst konkret.

Und sie kannte sich  wirklich gut aus in ihrem Metier. All die frisch gekündigten Kollegen hatten nach 10 Agentur-Minuten eine Broschüre in der Hand und waren ratlos wie zuvor. Ich hatte nach 45 Minuten sogar den Antrag zur freiwilligen Arbeitslosenversicherung für Selbstständige in meiner Tasche. Die gute Frau sieht sich offenkundig als so eine Art Hebamme in Gründerfragen. Konnte nicht meckern. War auf Not und Elend eingestellt und traf handfeste, jedoch auch verpflichtende Kompetenz und Überlebenswillen im eigenen Bürokratendschungel. Erstaunlich.

Ein seltsames Nichts inmitten der Stadt ist es, wo dieses große, rote Backsteingebäude steht. Eine breite Grünfläche (wahrscheinlich voll mit Junkie-Nadeln), eine breite Straße, und dann eine Häuserfront: SPD-Zentrale – leerstehendes Bürogebäude mit Werbung „Ein Zauberwürfel!“ – Agentur für Arbeit – großes Verwaltungsgebäude mit schlecht geputzen Fenstern – DGB-Zentrale – Verwaltungsgebäude einer fast insolventen Versicherung. Ungefähr so die Abfolge.

Sieht alles ein wenig aus wie in den Fünfzigern, aber die Tendenz des Einkommensniveaus zeigt ja eh wieder dort hin. Weil uns das BAFÖG für Ostdeutsche so teuer kam. Die Seitenstraße, die die Agentur flankiert, führt hinab zur Bahnstrecke nach Berlin, und inmitten all der adminstrativen Klötze drumherum hing eine schlappe Flagge am einzigen Balkon weit und breit. Konnte nicht erkennen, was das für eine war, aber sie sah irgendwie nach Portugal oder Südamerika aus, dieser kleine Lappen Stoff vor dem Bett der Bahnlinie, wo die Züge rauschen …

Im „Museum der Gegenwart“ war’s deutlich bevölkerter als in der Arbeitsagentur. Das Klientel sah auch ganz anders aus.

Gut situierte Herren in gestreiften Buisness-Hemden, die noch nicht einmal davon gehört haben, daß es möglich ist, mit auch wirklich sehr übergewichtigen Frauen im engen rosa  T-Shirt in einem engen Fahrstuhl zu stehen. Überschminkte, teuer friserte Damen zwischen 40 und 60 in schicken Kostümen. Schulklassen, massenhaft Schulklassen,denen lautstark – in der „Stilleben“-Ausstellung, bei Rothko hingegen gab’s nur Kopfhörer – die Kunst der Bildinterpretion gelehrt wurde: Totenkopf steht für Dekadenz. „Wisst ihr, was Dekadenz heißt?“ „Ist das sowas wie Kuklident?“ Harharhar … „Die braucht der olle Schädel doch aber gar nicht mehr“ hohoho … „Sind das desssen Dritte?“ Hähähäh …

Und natürlich auch der übliche Post-Öko-Nicht-Schick der einst linken Ex-Intelligenzia, die jetzt in Ottensen wohnt und mit Herrn von Beust kaoliert, war vertreten. Die hatten wenigstens gelernt, wie man Herrn Rothko anzuschauen hat: Gaaaaaaaanz lange vor einem der Bilder stehen und guckend spirituelle Erfahrungen suchen.

Vor allem die mit den dunklen Locken, dem Strick-Pullover und dem Brillen-Modell, das mir noch ganz vertraut schien von den Friedensdemos ’82, die rückte in Halbstundenintervallen von Bild zu Bild.

Mich hat der heilige Geist nicht ergriffen. Aber einige der Bilder, für die man sich ja ganze Straßen voller Villen in Antibes samt Park und Putzhilfe im engen rosa T-Shirt, knackig und frisch aus Rumänien importiert, trotzdem darf die da nicht in denn Fahrstuhl,  zulegen könnte, die haben mich schon gekickt.

Obwohl ich gar nicht weiß, wieso eigentlich. Man starrt dann so da hin und achtet darauf, wie verwischt und dadurch hübsch wolkig die Farbe ist – und ooops, dann bricht irgendwo ein Klecks oder ein Fleck hervor, und der stört. Dann denkt man kurz „Wow!“, um festzustellen, daß das ja genau der Effekt ist, wenn man selbst ’ne Wand gestaltet, da stört der Fleck ja auch, wenn man die gewischt hat.

Das, was der Rothko selbst so gesagt hat zu seinen Bildern, siehe oben, das konnte ich nicht recht nachvollziehen, ich Banause. Das Gefühl des Tragischen oder Erhabenen wollte sich nicht so recht einstellen; das lag aber auch daran, daß es einfach verdammt voll war, weil natürlich alle kurz vor Ausstellungsende noch mal kurz gucken wollten, genau wie ich.

Und so war viel interessanter die Konstellation Bild – Raum – Menschen.

Einige pflichtbewußte Gatten schritten offenkundig gelangweilt zwischen diesen ganzen Farbfeldern herum, und am meisten beeindruckte neben den Bildern, die man wahrscheinlich schon längst bei Ikea als Poster samt dazu passendem Gardinenmuster sich zulegen kann, eines, das vor allem sehr groß und sehr schwarz war. Da blieben dann alle stehen, das fiel einfach auf zwischen den ansonsten zumeist düster-rostig-gebrochenen oder pastelligen Farben.

Nun hing das viel interessantere Bild direkt gegenüber. Das hing aber so, daß man es nicht beim rein-, sondern erst beim rausgehen aus dem Raum so richtig sah, außerdem war’s kleiner und nicht ganz so schwarz.

Und das hatte wirklich was: „Dark blue and three kinds of black“ oder so ähnlich hieß das, und natürlich sah man das dunkle Blau erst als verdünntes Schwarz, so drumherum lasiert um’s schwarz, wie’s da halt hing. Habe auch zwischen Schwarz 1 und Schwarz 2 keinen Unterschied erkennen können in diesem vom Künstler verordneten Dämmerlicht,  und das dritte Schwarz  sah man erst mal gar nicht, weil es sich kaum von dem Blau drumherum abhob.

„Aha!“ dachte sich dann auch so auch eine mit bestgeformten Waden im knielangen, beigen Kostüm und ganz besonders teurer Frisur, als sie das dritte Schwarz entdeckte, ganz unten im Bild, ein ganz schmaler Streifen  und fast in Bodenhöhe. „So, so, kapiert!“

Nun hätte sie das nie entdeckt, wenn ich mich nicht aus Trotz mit dem Rücken zu dem anderen, viel größeren schwarzen Bild auf eine Bank gesetzt, dem, wo alle stehen blieben, weil das so bedeutungsschwanger wirkte. Wollte stattdessen bei dem anderen mal gucken, ob mich denn jetzt auch das Religiöse packte, beim 10-minütigen Anstarren von den 3 Schwarz mit dunklem Blau. Prompt wandten sich immer mehr Interessenten dem von mir erwählten Werk zu Werk zu.

So auch die mit den Waden, und ich bereute kurz, daß mein Erregungspotenzial bei diesem Geschlecht nicht so richtig vorhanden ist, als sie sich da direkt vor mir zum dem 3. Schwarz herunterbeugte. Und dachte nur: „Mönsch, wäre das jetzt doch ’n sexy Skater oder Fahrradkurier“, die haben ja tolle Waden oft,  aber nee, irgendsoeine Millionärsgattin drängte sich mir mitten ins Blickfeld. Setzte sich dann sogar neben mich auf die Bank und starrte mit mir um die Wette. Und wir wurden immer mehr vor diesem Bild – also, wenn einer mal anfängt, so ist das dann halt in Deutschland …
Spannend war, daß im 3. Stock der Weg hin zu den Farbflächen schön aufgezeigt wurde – wie Herr Rothko allmählich von der Figuration über so picassoeske Geschichten, zu denen mir “ Fast Abstrakter Surrealismus“, FAS,  zu passen schiene (ein Bild davon über so einen alten Seher der alten Griechen, dazu kann man sogar den Audio-kommentar zu hören drüben auf der Kunsthallen-Seite!) , über ein wenig Trash in Rosa und Gelb in auch mal variableren Feldern, die schon schick aussahen, bis eben hin zu den berühmten Großformaten, das war schön schön zu schauen, und es war immer mal wieder was Hübsches dabei.

Nicht hübsch war, daß dann neben so grau-schwarzen Farbfelder, waagerecht, mittig geteilt, jeweils Hälfte-Hälfte, circa, der verwischt ja solche Grenzen, auf einmal was von Caspar-David-Friedrich-hing und irgendein Bild mit Himmel und Weite und Horizont.

Da fühlte ich ich mich richtiggehend verkackeiert bei solch plumpen Anaologisierungen. War noch an anderen Stellen der Ausstellung so, daß da auf einmal was hing, was nicht hin paßte und nicht von Rothko war, deshalb heißt die wohl so, Aus“stellung“, wegen der Stellen, meine ich. Ist irgendwo was wund, hat man ja auch ’ne Stelle.

Das kann sich aber unter Umständen auch darauf beziehen, wie denn der Skater oder Fahrradkurier sich positioniert hätte, wenn’s denn nicht die Frau im beigen Kostüm mit den Waden gewesen wäre, „Stelllung“ halt.

Kann aber auch so heißen, weil die Aussteller sich ja eigentlich selbst ins Aus stellen (die Kalauer-Dichte steigt), wenn sie so dämliche Bezüge da herstellen, damit sich die gelangweilten Gatten wenigstens nicht ganz so arg langweilen, und das nur, weil sie nie auf die Idee gekommen sind, daß man mit coolen Skatern oder Fahhradkurieren die dollsten Sachen in engen Fahrstühlen machen könnte, wenn sich nicht gerade zufällig eine auch wirklich sehr übergewichtige Frau im auch wirklich sehr engen rosa T-Shirt dazu gesellte.

Viel verblüffender war dann aber der Weg in den ersten Stock – bzw. das dort ankommen.

Krawumm! steht man auf einmal vor einem von Immendorffs „Café Deutschland“s (oder etwas, was so aussah, vielleicht war das ja gar nicht von dem), als hätte man eine Ohrfeige erhalten.

Der Effekt war schon dolle: Die teils vertrauten Bilder sahen für mich auf einmal völlig anders aus, als wenn ich vorher NICHT auf die Rothko-Bilder geguckt hätte.

Der olle Lüpertz mit seinem Helm auf Rädern kam einfach nur ziemlich uninspiriert und plump und blöde daher nach diesem Eintauchen in die Rothko-Welten, während Oehlens „Gerippe“ wirklich ein Lacher im positiven Sinne war und ganz seltsam ausgewogen wirkte, deshalb war das mit Lacher vielleicht auch wieder nur angelernt, wie das Spirituelle bei Rothko, gefallen hat’s mir trotzdem, auch und gerade nach dem Rothko-Gucken.

Hockney nebenan trat in Würde zurück hinter Herrn Rothko bei seinen botanischen Studien vor flächigen Perspektiven, igendwelche Palmen vor Hollywood-Bungalows halt, aber toll! und glatt! so glatt!, und sein früher „Doll Boy“ schien noch pointierter als sowieso schon nach all dem Schwarz und Pflaumenfarben und ließ den Lüpertz noch älter aussehen.

Und dann wieder zurück zu „Café Deutschland“.

Aaarg, diese affigen, menschengroßen, comichaften Adler. Passend zum Tagesthema fand sich auch ein Grafitti auf dem Bild, in dem’s um „Arvbeit“ ging, aber keiner trug Rosa oder hatte Straß auf der Jacke. Diese Neon-Umrisse der Figuren (da hat der Daniel Richter das also her), puuuuh, Effekte über Effekte. Diese ja schon karrikierte Zentralperspektive mit Fluchtpunkt, diese ganzen Punk-Ästhetik-Anspielungen, das Ganze stellt doch das S0 36? dar,  oder zumindest was sehr ähnliches, den Ratinger Hof oder so.

Scheiße, wass für ein schriller Pop, in dem ich einst lebte. Und was habe ich den geliebt!

Und doch: Je länger man hinguckt, desto mehr erhebt sich auf einmal doch Rothko aus dem Bild. Wie jetzt? Ja, dieser lila-dunkelblaue Hintergrund, die eigentliche Bildfläche, die Bühne des Bildes, auf der Bar und Adler und Figuren standen, die bekam ganz plötzlich ein Eigenleben, das mir sonst gar nicht aufgefallen wäre. Und stieg mir entgegen und ließ die Adler irrelevant werden  …. ach, ich liebe die späten 70er und frühen 80er und will auch ein neuer Wilder sein! Immer neu!

Aber nur, wenn die Dame von der Agentur auch zustimmt. Wir haben ja jetzt eine „Zielvereinbarung“.

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Written by momorulez

10. September 2008 um 20:29

38 Antworten

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  1. Im Grunde ist das ja Gonzo, was Du hier treibst oder wodurch Du Dich treiben lässt. Ganz wunderbar. 🙂

    ring2

    10. September 2008 at 22:46

  2. Gonzo? Wieso Gonzo? Ist alles wahr! 😉

    momorulez

    11. September 2008 at 6:37

  3. Eben, deswegen.
    (oder haben wir eine unterschiedliche Ansicht von Gonzo? 🙂

    ring2

    11. September 2008 at 7:31

  4. Gonzo ist eigentlich der berühmte „Borderline“-Journalismus, der zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheidet …

    MomoRules

    11. September 2008 at 8:13

  5. Nun, indem Du zwei Erlebnisse – und seien es Deine eigenen – so prosaisch miteinander verbindest, sind zumindest beide Stilmittel erkennbar. Das passende überdehnen der „Realität“ durch die subjektive Sicht darf man doch schon als in Spuren fiktiv bezeichnen, oder?

    Oder ist das eher eine Art mash-up: „gonzocamp“?

    ring2

    11. September 2008 at 8:54

  6. Na, es geht schon die Richtung eioner Stärkung der Subjektive mit fiktionalen Ausflügen, aber es ist ja nicht wirklich Journalismus 😉 …

    MomoRules

    11. September 2008 at 12:01

  7. Also doch Gonzo.

    John Dean

    11. September 2008 at 14:08

  8. Wahr, aber schon auch Gonzo.

    T. Albert

    11. September 2008 at 14:14

  9. Ja, sozusagen …

    momorulez

    11. September 2008 at 14:44

  10. Ja, schade, dass ich es nicht geschafft habe, zu der Ausstellung zu kommen. Dass die da das Friedrich-Bild reinhängen, ist ja eher belanglos bis lediglich störend, ist aber auch dem Vergleichs- und Thematisierungswahn geschuldet, ohne den es ja nicht mehr geht. Ich finds irre nervig, es ist dann natürlich keine monographische Ausstellung mehr, sondern eine kunsthistorische; dann müsste sie anders heissen. Und Pierre Bonnard hätte mal eine richtig grosse Ausstellung in D-Land verdient, anstatt als Fussnote zu Rothko hergehalten zu werden; es gibt gar keine vernünftige Bonnard-Rezeption in Deutschland, in der Schweiz hab ich da etwas mehr Glück, aber nur zufällig, und nur deswegen weiss ich, was für ein Supermaler der Bonnard war. Sollte jemand auf die Idee mit der Bonnard-Ausstellung kommen, dann hängt der hoffentlich nicht einen Friedrich rein und einen Rothko als Folge Bonnards., damit man sich ja nicht ungestört mit Bonnard und seiner recht irdischen und phänomenologischen Herangehensweise beschäftigt, die ja das Sehen der Welt thematisiert und eben keine Metaphysik des Tragischen, oder so.

    T. Albert

    11. September 2008 at 14:50

  11. comments 1-9: schön das wir das geklärt haben 😉

    ring2

    11. September 2008 at 15:00

  12. Ich mag ja die Bilder von Friedrich sogar ganz gerne, und die von Bonnard an sich haben mich auch nicht gestört. Aber so war’s weniger als ’ne Fußnote, sondern richtig ein Konkurrieren in unangehmer Hinsicht, so daß Bonnard irgendwie trivialer wirkte, als er ist (habe übirgens gar nicht geschaut, von wem das war, Friedrich habe ich erkannt). Laut und bunt gegen edel und erhaben, so war das arrangiert. Als wären das da die Alternativen.

    Mich stört es wahnsinnig, wenn jemand meine Wahrnehmung gerade bei jemandem wie Rothko lenken will. Das ist schließlich meine Sache, wie ich mir das angucke.

    Wenn bei irgendeinem alten Stilleben sowas wie ein Symbol-Schlüssel mitgeliefert wird, okay, aber nun bei grauen und schwarzen Farbfeldern mir ’nen abstrahierten Horizont aufzudrängen, das ist ja so, als würde man zeitgleich zur Mozart-Sonate was von den Neubauten einspielen.

    Was um so trauriger ist, weil sie den Werdegang zwar schlicht chronologisch, aber doch auch sehr schön nachgebaut haben. Und daß es so eine Ausstellung hier in Hamburg überhaupt gibt, das ist ja schon großartig. Die frühen Sachen hatte ich auch noch nie irgendwo gesehen.

    Insgesamt kann ich aber schon sagen, daß Rothko nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehört in Sachen Kunst … was man nun wenigstens guten Gewissens nach einem lange nicht ausreichend intensivem Anblick der Bilder sagen kann.

    Was ich übrigens noch richtig toll fand, das war ein Werk von diesem Nagel-Heini im 1. Stock, heißt der Uecker? Da stand ich ganz lange vor ….

    momorulez

    11. September 2008 at 15:06

  13. Uecker, ja. Cool. Den hab ich ja sehr gern. Ärger mich auch heute noch zu Tode, dass ich mal in einem bestimmten Moment meines tragikomischen Lebens mich nicht getraut habe, mich von ihm in seine Klasse aufnehmen zu lassen. Und er hatte es mir angeboten. Danach habe ich den nie wieder persönlich gesehen, weil ich Pfeifenkopf vor jugendlicher Furcht und Ehrfurcht vor all diesen tollen Künstlern damals in Düsseldorf fast verging. Aber seitdem, 1982, glaub ich, finde ich ihn noch viel toller als vorher sowieso schon. Ja, muss ich mir mal was kaufen von ihm.
    Sowieso komisch, wie so kurze und zufällige Begegnungen mit bestimmten Menschen einem das restliche Leben so präsent bleiben.

    T. Albert

    11. September 2008 at 15:26

  14. Ich finde den Rothko kunsthistorisch interessant als Künstler des Übergangs vom Expressionismus zur abstrakten Malerei, aber wirklich gefallen tun mir seine Werke nicht.

    chezweitausendeins

    11. September 2008 at 15:38

  15. „dass ich mal in einem bestimmten Moment meines tragikomischen Lebens mich nicht getraut habe, mich von ihm in seine Klasse aufnehmen zu lassen. Und er hatte es mir angeboten.“

    Aaargh, da ärgert man sich ja bestimmt weg hinterher. Habe auch mal ein Portrait über den gesehen, da hat der mich auch extrem beeindruckt.

    Und das Bild hier in der Galerie der Gegenwart, das ist nix anderes als eine Fläche, ursprünglich so gelblich/weißlich, wo er dann kreuz und quer draufgenagelt und die Nägel dann umgeknickt hat, so daß eine ganz eigenwillige Struktur entsteht, die, obwohl Kraut und Rüben, erstaunlich symetrisch wirkt. Und das wurde dann wohl schwarz besprüht, aber nicht ganz flächendeckend, so daß dadurch noch ’ne weiter Struktur entstand. Und dann guckt man da drauf, und es hat nix Spitzes, nix aggressives, wirkt nicht wie die Gewalt, die Nageln ja so mit sich bringt, obwohl das echt weh tun würde, säße man drauf, doch alles scheint wie ein Ausbund der prästabilisierten Harmonie, auf den man ewig draufgucken kann, weil eben das Spiel zwischen Detail und Gesamteindruck richtig was Lustvolles in’s Anschauen bringt. Fand ich toll.

    momorulez

    11. September 2008 at 15:48

  16. Che, Ketzer!

    T. Albert

    11. September 2008 at 15:51

  17. Joh, man ärgert sich sehr sehr. Vor allem, weil der mich damals sofort durchschaut hat und mich deswegen meinen Lehrern entreissen wollte, die er fast alle kannte und richtigerweise feststellte, dass ich mich wahrscheinlich bei einigen langweilen würde. Und i ch war wie gelähmt. Später wurde ich nicht klüger, ich habe dann weitere mögliche Begegnungen durch gemeinsame Bekannte richtig vermieden, weil ich nicht an mein schlechtes Gewissen erinnert werden wollte. Jetzt, wo ich selbst ein alter Sack werde, ist das natürlich nicht mehr so, aber eine lustige Sache, so ähnlich, ärgert mich nach wie vor, als nämlich so ein amerikanischer Komponist aus New York mich zu einer Party bei Jasper Johns mitnehmen wollte hab ich mich auch nicht getraut. So hab ich mich nie mit ihm unterhalten, aber mit ihm hätte ich mich eben gerne mal unterhalten. Kunst und Väter, das ist ein besonderes psychologisches Thema, glaube ich inzwischen. Ich kenne noch andere, die richtig erschraken, wenn sie einem ihrer „Väter“ begegneten. Wieso denk ich da jetzt so dran?

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:10

  18. Weil das ja schon echt erstaunliche Geschichten sind … habe ja so in meinem Job eigentlich nicht wirklich Vorbilder, da kenne ich dieses Väter-Phänomen gar nicht.

    Aber in der Philosophie hätte ich mich um eine Kaffeetrinken mit Habermas z.B. gerissen … die anderen waren ja schon alle tot, als ich so loslegte, leider, die für mich wichtig waren. Aber ’nen Adorno oder ’nen Focuault treffen, hallelujah!

    Und meine Pop-Idole – da ich ja selbst keine Musik mache, ist das auch was anderes -, wenn ich da mal einen treffen durfte, den Bargeld, The Cure, Klaus Hoffmann, Hildegard Knef, Blur, das fand ich toll. das war ich allerdings auch in einer Arbeitssituation auf der „anderen Seite“, sozusagen.

    momorulez

    11. September 2008 at 16:19

  19. Ja, Bargeld, super.

    David

    11. September 2008 at 16:23

  20. Ja, Bargeld, super.

    Väter in der Kunst: na, einen Lehrer hatte ich, der uns immer zum ästhetischen Vatermord aufgefordert hat; ich fand das super, das Problem war nur, dann hätte ich ihn als ersten meucheln müssen, von ihm habe ich wirklich was gelernt.

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:33

  21. Entschuldigt bitte, wenn ich diese Diskussion hier benutze, um ein wenig Wind in eigener Sache zu machen: wir unterstützen bei w-w-w das artcamp in Hamburg am 20./21.9. – ein barcamp zum Thema Kunst.

    mehr:
    http://www.ringfahndung.de/archives/irgendwie-seelenverwandt-wer-weiss-was-sponsert-artcamp
    und
    http://artcamp.mixxt.de/

    ring2

    11. September 2008 at 16:33

  22. Mit Klaus Hoffmanns Band war ich mal einen heben, von Habermas kenne ich die Tochter, und ich habe sowohl Eleuterio Fernandez Huidobro von den Tupamaros als auch James Matthews, Abdolhassan Behrawan, Ulrich Tilgner und noch son paar andere Groessen aus dem Bereich internationale Menschenrechtler persoenlich kennengelernt. Und nicht zuletzt ein paar beruehmte Bergsteiger, mit denen ich y.T. auch on tour war.

    chezweitausendeins

    11. September 2008 at 16:33

  23. O Gott, und der kannte wieder Bargeld irgendwie, den hatte ich auch von ihm. Grauenvoll.

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:34

  24. Der Mann ist nicht grauenvoll! Die zwei Stunden Interview damals waren ein echtes Highlight meiner Karriere! Selten so intensiv dialogisiert! Toll war das!

    Konstantin Wecker aber übrigens auch …

    momorulez

    11. September 2008 at 16:40

  25. ring2

    kannste mich nich mal anmailen und mir das genauer erklären?

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:41

  26. Ich war mit dem Gitarristen einer bekannten Band zwei Jahre lang in einer Klasse, nicht Bargeld.

    David

    11. September 2008 at 16:42

  27. @momorulez

    ich meine ja nicht, dass Bargeld grauenvoll wäre, nee, den find ich super; ich meine, grauenvoll ist, dass ich den durch meinen zum Vatermord auffordernden Lehrer zum erstenmal hörte.
    Kann mir gut vorstellen, dass das Interview toll war.

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:44

  28. „Ich war mit dem Gitarristen einer bekannten Band zwei Jahre lang in einer Klasse, nicht Bargeld.“

    Bei mir war die Hälfte von Fury in the Slaughterhouse auf der Schule 😀 …

    momorulez

    11. September 2008 at 16:49

  29. Und ich habe ab und zu einen gehoben mit dem Schlagzeuger einer bekannten Deutschrockband, als wir nicht mehr in der Schule waren. Und zwar einige Jahre lang in der „Bauernschänke“, bis wir mal eine Schlägerei mit deren neuem Inhaber hatten.

    Che, gute Künstler sind immer Menschenrechtler, auch politisch aktiv. Merkt man vielleicht nicht so.

    T. Albert

    11. September 2008 at 16:51

  30. „bis wir mal eine Schlägerei mit deren neuem Inhaber hatten.“

    Das toppt schon mal definitiv die Kenntnis der Tochter von Habermas!

    momorulez

    11. September 2008 at 16:59

  31. Die hätten wir natürlich nicht verhauen. Wir hätten ihr die Spelunke gezeigt und sie dann vor uns beschützt.

    T. Albert

    11. September 2008 at 17:05

  32. Aber Leute wie Behrawan oder Nihrumand sind nicht musikalisch und malen meines Wissens auch nicht. Ich habe auch noch nie einen Song von Nelson Mandela gehoert, Matthews singt hingegen schon.

    chezweitausendeins

    11. September 2008 at 17:07

  33. Was angesichts des „herrschaftsfreien Diskurses“ aber schon wieder zwiespältig ist … kann man mit Saufen denn eigentlich auch Geltungsansprüche erheben? Und was bedeuten die, rein performativ gedeutet?

    Hätte sowieso gedacht, daß bei dem Vater eher ’ne echte Schlägerbraut rauskäme, vor der ihr beschützt werden müßtet, angesichts der Gesetze des Trotzes, meine ich …

    momorulez

    11. September 2008 at 17:09

  34. War Antwort an T. Albert – und der Umkehrschluß gilt ja nun nicht in jedem Fall, Che.

    momorulez

    11. September 2008 at 17:10

  35. ersoffene Geltungsansprüche: das ist eine wahrlich gute Frage. Bei Frauen kann man erfahrungsgemäss als saufender Jungkünstler keine Geltungsansprüche erheben. Der andere Fall war immer teuer sich ertrunkene Selbsttäuschung. Aber beim Wirt der Bauernschänke war es was anderes, und wenn Professors Tochter uns beim Gelten hätte unterstützen wollen, dann hätten wir das Gesetz des Trotzes auch in ihrem Interesse und uns zur Freude mit ihr gemeinsam durchgesetzt. Herrschaftsfreier Diskurs war an besagtem frühen Morgen völlig undenkbar.

    T. Albert

    11. September 2008 at 17:21

  36. Professors Tochter ist ja selbst Professorin, und ne reichlich attraktive dazu. In meinem alten Bekanntenkreis kamen die saufenden Jungk[nstler bei den Frauen aber sehr gut an nicht bei Rebecca Habermas, um Mistverstaendnisse zu vermeiden(.
    wiesogeht mir der Tastaturschluessel durcheinander _

    chezweitausendeins

    11. September 2008 at 18:36

  37. „wiesogeht mir der Tastaturschluessel durcheinander“

    Der folgt gerade irgendeinem Schlüsselreiz …

    MomoRules

    11. September 2008 at 23:19

  38. Ach, mittlerweile glaube ich ja, als Jungkünstler hätten wir besser öfter mal Kakao getrunken, dann wäre es auch nicht zu dieser Schlägerei in der Bauernschenke gekommen, die ja schon, wenn ich ehrlich zu mir sein soll, verschwendete Energie war, zumal wir nicht eindeutig sagen konnten, wer eigentlich den Sieg davongetragen hatte. Um Mistverständnisse zu vermeiden haben wir uns ja danach tagelang den Mädels nicht unter die tastenden Augen getraut, um keine falschen Schlüsselreize auszulösen, denn: natürlich kamen wir ansonsten ganz gut bei ihnen an, das ist ja klar. Ich besonders. Logisch.

    T. Albert

    12. September 2008 at 7:12


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