shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wo der letzte Davila schon so gut ankam …

with 25 comments

„Die experimentelle Literatur ist bloß ein technisches Experiment.

Literatur dagegen ist das, was sich dem Experiment entzieht.“

Nicolas Gomez Davila, in der: Das Leben ist die Guillotine der Wahrheit, Frankfurt/M. 2006, S. 54

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Written by momorulez

15. September 2008 um 9:10

25 Antworten

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  1. Naja. es gibt ja immer Leute, die hochmodern und „experimentell“ an ihren ästhetischen Interessen verzweifeln. Die Moderne und die Postmoderne bestehen doch zum grossen Teil aus Protest gegen sich selbst.
    Und nur weil sich einer einen Reaktionär nennt…..“Eigentlich“ meint der Gute doch was ganz anderes.

    T. Albert

    15. September 2008 at 14:35

  2. Na, politisch ist der schon reaktionär, eben sehr stark an vor-industrialisierten, katholischen Gesellschaften orientiert. Ganz dezidiert antidemokratisch ist er auch, aber die Perspektive, die er dabei einnimmt, hat dann auch schon wieder fast was.

    Und bei ihm bricht schon auch eine Lust durch mit Zerrbildern des Reaktionären zu spielen und dann Pointen so zu setzen, daß sie quer zu allen Rastern stehen und eben ganz woanders als die Reaktion in ihrer organiserten Form. In einer vorindustrialierten, katholischen Gesellschaft hätte so einer ganz andere Sachen geschrieben.

    Aber zum Zitat: Was er meint, ist, glaube ich, das Experiment um des Experiments willen, der Protest gegen sich selbst um des Protestes gegen sich selbst willen, was von dem, was in einem Werk so drinsteckt, ja dann wegführt, wenn es doch eigentlich eine Form anstreben sollte, die in sich etwas zu SAGEN oder zu ZEIGEN hat.

    momorulez

    15. September 2008 at 15:24

  3. Ja, sicher ist der politisch ein Rreaktionär.
    Aber ich bezog mich nur auf das Zitat, und das traktiert hier eine unbestimmte Auffassung von Literatur, die sich gegen das „experimentelle“ setzt.
    Und das finde ich, nach meinerseitigem jetzt mindestens dreissigjährigem Nachdenken über solche Fragen, etwas wohlfeil. Dabei beachte ich jetzt mal nicht die Frage nach dem positiven Gebrauch des Wortes „experimentell“ – also ob der auch positiv überhaupt je Sinn hatte. Wenn er sich aber darauf bezieht, dann ist das doch nur junkerhafte Attitude, die immer schon wusste, wie die Form aussieht, die anzustreben wäre, die in sich was zu SAGEN oder zu ZEIGEN hätte.
    So, wo ist sie aber, die absolute Form, in der Höhle von Lasceaux, in der griechischen Archaik, im Hellenismus, bei Ovid, Augustinus, Shakespeare, Balzac, also wo ist sie und wie zeigt sie sich denn? Im von manchen für „wahr“ und ergonomisch-natürlich gehaltenen Klassizismus? Aber in welchem? Bei Martin Mosebach?

    War Homer kein „Experimenteller“?

    Die Malerei ist die Geschichte eines Dauer-Experiments, nämlich der dauernden Erfindung von Formen, das ist total-metamorphotisch, ein sich unentwegt bewegender und atmender Riesen-Bubble aus plastischen Ereignissen.

    Ist aber ein spannendes Thema, politisch reaktionär sein zu wollen und das literarische „Experiment“ gegen „die Literatur“ zu setzen. irgendwie gehts dabei um Besitzansprüche, scheint mir.

    T. Albert

    15. September 2008 at 19:05

  4. Ne, ich glaube, dem geht es wirklich um Kunstwahrheit, also sozusagen darum, die Formen(vielfalt) dem Gegenstand, dem gehalt abzuringen und nicht dem Vorexzerzieren des „Das ist jetzt aber experimentell, toll!“

    So auf meinen Bereich bezogen, in dem ich mir ja erst seit 15 Jahren solche Frage stelle und wohl auch als Kommerzschwein zu titulieren wäre: „Experimentalfilme“ sind extrem häufig stupider, selbstreferentieller Scheiß, weil so sehr auf das Experimentelle geachtet wird, daß jeglicher Weltbezug getilgt wird. Während es jedoch dolle Filme gibt, die wie blöd herumexperimentieren, weil sie diese neue Formen brauchen, um sich ihrem Thema anzuähneln, und die deshalb auf das Etikett „experimentell“ bestens verzichten können.

    Als positive Form der Bezugnahme auf Literatur findet sich bei ihm Balzac, fällt mir nur gerade noch ein. Ansonsten müßte ich mal rumblättern.

    „Wenn er sich aber darauf bezieht, dann ist das doch nur junkerhafte Attitude, die immer schon wusste, wie die Form aussieht, die anzustreben wäre, die in sich was zu SAGEN oder zu ZEIGEN hätte“

    Vielleicht ist das so, so gut kenne ich ihn noch auch nicht. Lesen tue ich ihn so nicht, ganz im Gegenteil: Wer „experimentelle Literatur“ sagt, will selbst nur junkerhaft vorschreiben, so habe ich das gelesen. So wie der Greenberg oder wie der hieß einst.

    momorulez

    15. September 2008 at 19:28

  5. „Während es jedoch dolle Filme gibt, die wie blöd herumexperimentieren, weil sie diese neue Formen brauchen, um sich ihrem Thema anzuähneln, und die deshalb auf das Etikett “experimentell” bestens verzichten können.“

    Das meine ich ja.

    Und „selbstreferentiell“ ist ja noch kein Qualitätskriterium. Selbstreferentialität kann ja auch „Ziel“ eines Artefaktes sein, kann ich gerade nicht besser ausdrücken, siehe aber zB Tony Smith oder Donald Judd.

    Ich meine mit der „junkerhaften Attitude“ ja auch genau das, die ist eine Spiegelung der sich gegen „böse Tradititon“ absetzen wollende Oberexperimentierer.

    Ich denke ja auch, dass das ein falscher Begriff war und ist. Kunst ist entweder immer experimentell oder nie, und sie ist es nie in Sinne eines wissenschaftlichen Experiments. Ich weiss jetzt nicht, ob Greenberg, der ja sonst kein Dummkopf war, das Wort so benutzt hat, wie es Davila kritisiert.

    Ich weiss ja leider nicht, wen Du mit den „experimenteller Literatur“ meinst, nach Greenberg, aber Formen werden halt von Zeit zu Zeit verändert, Methoden ja auch, Materialien auch.
    Aphorismensammlungen eines Autors oder Briefromane hats ja auch nicht immer gegeben.

    T. Albert

    15. September 2008 at 20:13

  6. „Und “selbstreferentiell” ist ja noch kein Qualitätskriterium.“

    Nö, ich meinte das auch durchaus kritisch 😉 …

    „Ich meine mit der “junkerhaften Attitude” ja auch genau das, die ist eine Spiegelung der sich gegen “böse Tradititon” absetzen wollende Oberexperimentierer.“

    Oh, dann hatte ich das falsch verstanden. Ich dachte, Du meintest Davila, des konservativen Kunst-Diktats ja durchaus verdächtig.

    „Ich weiss ja leider nicht, wen Du mit den “experimenteller Literatur” meinst,“

    Das ist ja nun gemein, weil ich damit ja gar nix meinen kann, weil das, was gemeint sein könnte, mir im Grunde genommen immer zu anstrengend war. Wobei natürlich auch Tschechow zu seiner Zeit experimentell war, aber da ist halt spannend, wo der dann landet.

    Deshalb vielleicht ’ne Analogie: In den frühen 80ern gab’s ja eine ganze Welle von Bands, die ähnlich wie Neubauten agierten, die sind alle auf einem Festival namens „Berlin Atonal“ aufgetreten 8was ich selbst nur als Video-Aufzeichnung kenne).

    Und da war dann ganz viel Happening und spielerisches Rumprobieren damit, auf Rohren rumzuhämmern und so. Alles völlig in Ordnung und daher auch wichtig – aus Geräusch wurde dann ja irgendwann Klang und irgendwann sogar Ton.

    Aber die Neubauten stachen schon damals heraus, weil sie dem Grundgedanken folgten: „Was wäre, wenn man das, was man so aus ethnologischen Forschungen kennt über „Ethno-Musiken“ übertragen würde auf die sterbende Industriegesellschaft? Und welche Form individuellen Ausdrucks kann da überhaupt noch stattfinden?“

    Und dann legten sie los, und es war schlicht schnurz, ob das nun auch experimentell war oder nicht … es war einfach gut.

    momorulez

    15. September 2008 at 21:18

  7. Ja, eben Tschechov und die Neubauten: neue Form. Kubismus und Malevich:neue Form. Manet und Cezanne: neue Form. Pound, oder mal ein richtiger, auch „katholizistischer“ Reaktionär, T. S. Eliot, auch ein Formenfinder. Und der katholische Avantgardist Messiaen.
    Lustig, der Davila.

    T. Albert

    15. September 2008 at 22:10

  8. „Literatur dagegen ist das, was sich dem Experiment entzieht.”

    Das ist jetzt aber kein Generaleinwand gegen neue Formen …

    momorulez

    15. September 2008 at 22:21

  9. Was ist denn das Experiment?
    Gehts nicht darum, neue, oder sagen wir mal andere, Formen zu entwickeln, weil ein unklares, undefiniertes Bedürfnis danach existiert?

    …dann versteh ich Davila falsch. Aus Affekt.
    Aber ich sage auch die ganze Zeit, dass ich dieses Wort „Experiment“ ziemlich blöd finde, egal, ob das nun von „Experimentierern“ oder deren Gegnern angewandt wird.

    (Wenn Davila Damien Hirst oder ähnliche meinen sollte, dann geb ich ihm unumwunden recht. Wo ich hier gerade Nachrichten gucke.)

    T. Albert

    15. September 2008 at 23:36

  10. Mal nur auf das Zitat bezogen, unabhängig von Verfasser, (von dem ich gerade mal nur den Namen kenne):

    „Die experimentelle Literatur ist bloß ein technisches Experiment.“

    Klassischer Fall von einer Unart, die sich leider oft im Wissenschaftsjournalismus findet, und die der (unter anderem) Wissenschaftsjournalist Carl Sagan „nothing buttery“ nannte und die oft, aber nicht immer, direkt auf ein reduktionistisches Weltbild hindeutet. (Manchmal aber auch nur auf Denkfaulheit.) Klassisches Beispiel: „Was den Menschen ausmacht, ist nichts anderes als die Summe seiner Gene.“ – Oder, ziemlich genau 50 Jahre alt: „Der Sputnik ist bloß ein technische Experiment“. Vor 100 Jahren: „Das Flugzeug der Gebrüder Wright ist nur ein technisches Experiment“.

    Selbst „reine“ technische Experimente können sehr viel mehr sein, als „bloß technische Experimente“. Experimentelle Literatur ist sicherlich auch ein „technisches“ (schreibtechnisches) Experiment, aber so wie sich Literatur nicht auf die reine Technik des Schreibens reduzieren lässt, so lässt sich experimentelle Literatur (meistens) nicht auf experimentelle Technik reduzieren.

    „Literatur dagegen ist das, was sich dem Experiment entzieht.“

    Das liest sich fast wie dieses Adenauer-Wahlplakat aus dem Jahr 1957: „Keine Experimente“, und ich vermute, dass es aus genau dem selben Grund bei konservativ denkenden Menschen ankommt – oder streng genommen: bei Menschen, die Angst vor Veränderungen haben, denn konservativ sein, heißt eigentlich nur, am Bewährten festhalten, was die Aufgeschlossenheit für Neues nicht ausschließt.

    „Ulysses“ von James Joyce war seinerzeit ein literarisches Experiment. Ist „Ulysses“ also keine Literatur? Entzog sich Joyces Text dem Experiment? Also hat er damals gar nicht wirklich experimentiert? Oder: Gilt der Spruch nur für heutige literarische Experimente?

    Ein Experiment in den Naturwissenschaften ist eine „Frage an die Natur“. Allgemein ist ein Experiment eine Frage an die Wirklichkeit, an die Welt da draußen, jenseits des Schreibtisch. Ein literarisches Experiment ist also eine Frage an den Leser. Joyces Experiment ist geglückt: er hat Leser gefunden, die sein Werk zu schätzen wissen. Andere Autoren sind gescheitert. Das gehört zum Wesen des Experimentes.

    Ein Schriftsteller, der nichts mehr wagt, der nichts mehr ausprobiert, der nur nach überlieferten Rezepten arbeitet (die ja auch irgend wann einmal neu und unerprobt waren), wird auf die Dauer langweilig. (Gut, es gibt Leser, die immer das Gleiche lesen wollen, und in deren Regalen dann irgendwann 1250 verschiedene Romane gleichen Inhalts stehen.)
    Eine Literatur, die auf das Experiment verzichtet, wird auf die Dauer in der ewigen Wiederholung desselben öde und steril werden.

    MartinM

    16. September 2008 at 6:33

  11. Der Satz ist Distinktionsdiskurs. Das ist der Unterschied zu Adorno.
    Erinnert mich an Botho Strauss und Neo Rauch. Passt aber gerade in diese lustigen Versuche Surrogate von Bürgerlichkeit zu simulieren. Ästhetizismus war ja auch immer „anti-technisch“.

    T. Albert

    16. September 2008 at 7:42

  12. @Martin:

    „Ist “Ulysses” also keine Literatur?“

    Weiß ja nicht, was Herr Davila zu Joyce dachte, aber das Große an Ulysses ist doch gerade das, was sich dem Experiment entzieht, nicht das Experimentelle selbst.

    ’n anderes Beispiel: Die Cutup-Technik. Ich glaube, er meint eher sowas – die Schematismen der Form, und Literatur kommt nur dann dabei raus, wenn die reine Technik nicht schon alles ist, sondern das Werk die Technik transzendiert, als sich ihr entzieht.

    Ähnlich die Ècriture Automatique der Surrealisten: Ist ja nicht gleich Literatur, wenn jemand einfach so drauflosschreibt. Wenn sich Text dann aber der Praxis sozusagen entzieht und Eigendynamik entfaltet, dann kann’s Literatur sein.

    „Ein Experiment in den Naturwissenschaften ist eine “Frage an die Natur”.“

    Nein, es ist zunächst eine regel-geleitete Praxis, und Literatur entsteht dann, wenn man sich diesen Regeln entzieht und somit auch näher an „der Natur“ landet als die Naturwissenschaftler. Cézanne zum Beispiel hat einfach genau hingeguckt, anstatt Regeln zu befolgen.

    @T. Albert:

    Du willst doch jetzt nicht allen Ernstes behaupten, Adorno habe keinen Distinktionsdiskurs geführt? Da isser doch der allerschlimmste von allen.

    Wobei die Strauß- und Rauch-Bezüge bei davila schon genau richtig sind, nur daß er im Gegensatz zu den beiden Humor hatte … und den Hirst hätte er einfach nur verachtet, der Herr Davila.

    Eiegntlich ist der ein Nietzscheaner, der sich durch katholizistische Volksfrömmigkeit vor den Konsequenzen des Denkens Nietzsches gerettet hat.

    momorulez

    16. September 2008 at 8:46

  13. @Du willst doch jetzt nicht allen Ernstes behaupten, Adorno habe keinen Distinktionsdiskurs geführt?

    Aber natürlich behaupte ich das! Müssen wir das denn alles nochmal durchkauen? Meinst Du das ernst? 🙂

    T. Albert

    16. September 2008 at 11:59

  14. Ich meine das völlig ernst. Ich halte die Adorno-Kritik Bourdieus in vielen Hinsichten für richtig, nur nicht hinsichtlich dessen, was Adorno über die Kunst selbst schreibt …

    momorulez

    16. September 2008 at 12:03

  15. Bordieus Kritik kenne ich nicht, leider. Aber was Adorno über Kunst schreibt, bes. in der Ästh. Th., ist ja nun das Gegenteil von ostelbischem oder lateinamerikanischem Kunstjunkertum, mit dessen Ansichten zur ästh. Moderne uns ja noch in den Siebzigern manche Lehrer am Gymnasium traktierten, die schon seit 1918 vollkommen desavouiert waren, die Ansichten. Oh, jetzt werd ich sauer.

    T. Albert

    16. September 2008 at 12:18

  16. „Oh, jetzt werd ich sauer.“

    Juchhu!

    Bourdieu hat, im wesentlichen bezogen auf das „Kulturindustrie“-Kapitel in der „Dialektik der Aufklärung“ und den Jazz-Aufsatz, Adornos Kritik von populärer Kultur dem bildungsbürgerlichen Distinktionsgebahren gegenüber Unterschichten zugeschlagen und die Kritik somit auf ihre soziale Funktion reduziert.

    Und das ist ja zum Teil ganz richtig., Adorno war schon scheiß-elitär, ist aber auch komplett falsch, weil es die „Ästhetische Theorie“ Adornos komplett ausblendet, die sich ja nun nicht auf ihre soziale Funktion reduzieren läßt.

    Daß konkrete Kunstvorstellungen Adornos natürlich völlig andere sind als jene von ostelbischen Junkern oder erzkonservativen Kunstlehrern in den 60ern, das ist ja klar.

    momorulez

    16. September 2008 at 12:25

  17. Wieso mich das sauer machen kann?

    Also, es ist ein verdammter Unterschied, ob jemand sagt, mit Eurem Experimantalmist geht Ihr mir gehörig auf die Nerven, ich kapiers nicht und es juckt mich nicht und ich lese lieber Jerry Cotton oder Frau Pilcher, oder einen Lore-Roman, mit dem komme ich bestens klar, ich lese ja auch manchmal Jerry Cotton und bin in sogenannter Populärkultur versunken wie alle anderen auch; oder ob jemand wie Davila, Strauss und Rauch so Sätze ablassen: denn da ist der Populärkulturmensch als Ungebildeter Prekariatist oder Asi oder Proll doch mitgemeint, nicht nur der rohe, rüde ästhetische Experimentaltechnologe.

    T. Albert

    16. September 2008 at 12:33

  18. Alles in allem Zustimmung, aber gerade letzteres hat ja nun zum einen nicht zu unrecht der Bourdieu dem Adorno auch unter die Nase gerieben, was ja eher darauf verweisen soll, daß man bei den frühen, Kritischen Theoretikern auch nicht mal eben so überlesen darf, daß die mittemang drinhängen in der auch konservativen Kulturkritik der 20er Jahre, gerade in der Phase der „Dialektik der AufklärunG“ und gerade hinsichtlich ihrer Vernunftkritik und auch hinsichtlich der impliziten Lebensphilosphie., und von da aus isses zu Heidegger so weit nun auch nicht. Der Adorno der 60er Jahre hat ja im Grunde genommen neu losgelegt, wahrscheinlich seit der „Philsophie der Neuen Musik“ schon vorbereitend.

    Und daß man zum anderen nun auch nicht Deppen wie Strauß oder Rauch in den Davila reinlesen muß. Der hat einfach mehr zu bieten, finde ich, wobei man den genau so wenig lesen MUSS wie, wasweißich, Lyotard. Während man Adorno schon gelesen haben sollte.

    momorulez

    16. September 2008 at 12:41

  19. Mist, jezz muss ich weg.
    Dass der D. mehr zu bieten hat, glaub ich ja. Ich meine auch nur dieses Zitat, das Du uns untergerieben hast , so, wie es da steht.
    Das ist nicht so richtig schlau, und dann kenn ich doch die ästhetischen Sehnsüchte mancher meiner Kollegen, auch Freunde, mit denen ich mich darüber streite, die gerade ihre eingebildete „Bürgerlichkeit“ entdecken und jetzt die Welt entmodernisieren wollen, also ästhetisch. Und die sind dann u. U. schon mal der Meinung, dass sie sehr wohl und explizit nur für ganz bestimmte Leute arbeiten und dass auch nur sie ein Recht auf Billigflüge haben, die Prolls im Billigflügeflugzeug aber nicht. Die finden die Stalin-Allee geil und wollen das Hansa-Viertel abreissen, und für ihre ukrainische Putzfrau nix bezahlen. – Mal alles gonzomässig gesagt.
    Ich bin aber mit Adorno der Ansicht, dass sogenannte Hochkultur nicht nuir nötig ist, sondern auch allen gehört.

    T. Albert

    16. September 2008 at 12:57

  20. „Ich bin aber mit Adorno der Ansicht, dass sogenannte Hochkultur nicht nuir nötig ist, sondern auch allen gehört.“

    Ja, da kann ich voll zustimmen.

    „auch Freunde, mit denen ich mich darüber streite, die gerade ihre eingebildete “Bürgerlichkeit” entdecken und jetzt die Welt entmodernisieren wollen, also ästhetisch.“

    Zum Glück kenne ich solche Leute nicht 😦 … wobei ich die Stalinallee tatsächlich auch schick finde.

    momorulez

    16. September 2008 at 13:00

  21. @ momo: Entschiedener Widerspruch:
    Ein Experiment ist zwar regel-geleitete Praxis, aber eine, die ergebnisoffen ist – wenn ich schon weiß, was bei einem Experiment herauskommt, kann ich es bleiben lassen – es sei denn, ich möchte das Ergebnis eine anderen Experimentes bestätigen.

    Aber ich sehe das Missverständnis:
    „Experimentell“ ist für mich gleichbedeutend mit „ergebnisoffenes Vorgehen“ – wobei es schon wichtig ist, dass es ein „Ergebnis“ gibt – ist es hingegen egal, was dabei herauskommt, wird, so sehe ich es, nicht experimentiert, sondern bloß herumprobiert.

    Für Davila ist ein „literarischen Experiment“ offensichtlich das bloße Anwenden von (Schreib-)Techniken. Wer einfach mal eben so die Technik des „automatischen Schreibens“ anwendet, ohne sich darum zu kümmern, was daraus wird, der experimentiert in meine Augen nicht, der probiert bloß aus – nicht ergebnisoffen, sondern am Ergebnis gar nicht interessiert.

    Ein Beispiel aus der bildenden Kunst: wenn ich von einer bestimmten neuen Technik erfahre (oder sie selbst erfinde) z. B. der Frottage (die ist zwar uralt, aber ich habe sie bisher noch nie angewendet, sie ist also für mich „neu“) – und sie „einfach mal so“ ausprobiere, vielleicht, um zu sehen, wie es dann ist das kein künstlerisches Experiment. Ein künstlerisches Experiment ist es erst, wenn ich ausprobiere, welche neuen Ausdrücksmöglichkeiten mir die Frottagetechnik ermöglicht. Wenn ich als Künstler „nichts zu sagen“ hätte, dann kann ich die Frottage noch so perfekt beherrschen, es kommt kein Kunstwerk heraus, das „etwas sagt“.

    Nein, es ist zunächst eine regel-geleitete Praxis, und Literatur entsteht dann, wenn man sich diesen Regeln entzieht und somit auch näher an “der Natur” landet als die Naturwissenschaftler. Cézanne zum Beispiel hat einfach genau hingeguckt, anstatt Regeln zu befolgen.

    Ich habe sowohl Erfahrung als Mystiker wie als Naturwissenschaftler (gut, klingt so, wie es da steht, etwas hochstaplerisch, aber es geht ums Prinzip, nicht um die Meisterschaft).
    Ich habe erfahren, dass ich auf dem Weg des „genauen Hingucken“ und der Meditation tatsächlich näher an „das Wesen der Dinge“ komme, als mit noch so ausgefeilten wissenschaftlichen Experimenten.
    Ich habe aber auch erfahren, dass ich über diese intuitiven und mystischen Erfahrungen mit anderen Menschen sehr schwer kommunizieren kann. Selbst einen anderen Menschen, der entsprechende Erfahrungen mache, kann ich nur einen winzigen Bruchteil meiner „Schau“ vermitteln.
    Abgesehen davon sind solche Erfahrungen extrem subjektiv (wie ja auch die Literatur).

    Die Ergebnisse von wissenschaftliche Experimenten sind hingegen reproduzierbar und (weitgehend) unabhängig vom Betrachter und seinen Ansichten und Anschauungen.
    (Gut, ich kann mir vorstellen, dass sich ein „junge Erde Kreationist“ von keinem wissenschaftlichen Experiment umstimmen lässt, aber ich rede hier vom Prinzip.)
    Sie erfassen notwendigerweise nur einen winzigen Teil der Natur. („Natur“ hier im Sinne der „dinglichen Wirklichkeit“ – Gegenbegriff wäre „Metaphysik“.)

    MartinM

    16. September 2008 at 13:07

  22. Stalinallee? – Finde ich, als Ganzes „nicht schick“ – auch wenn ich einzelne Bauten der Stalinallee mit ihrer Mischung aus Art Deco und Neoklassizismus sehr interessant und ansprechend finde.
    Das Gesamtessemble verursacht bei mir Beklemmungen. Ich war froh, als ich durch die heutige Karl-Marx-Allee durch war.
    Mit wissenschaftlichen Mitteln, etwa der Kunstgeschichte oder der Stilkunde, lässt sich das nicht erfassen. Auch psychologisch bestenfalls ansatzweise.

    Im esoterischen Jargon könnte ich z. B. sagen, dass der Stalinallee die Aura des Stalinismus umgibt. Oder dass der Geist Stalins um diese Gebäude spukt (bildlich gesprochen, ich erwarte nicht, dort einem durchsichtigen Jossip Wissarionowitsch zu begegnen).
    Es ist aber kein kongnitiver Vorgang, sondern es ist für mich körperlich spürbar: Magendrücken, gesträubte Nackenhaare, manchmal sogar Gänsehaut.

    Ein ähnliches Gefühl des Unbehagens erzeugt übrigens das Finanzamtsgebäude in der Hamburger Steinstraße auf mich – nein, es ist nicht „mein“ zuständiges Finanzamt, es ist die Architektur.
    Oder – nicht lachen – der Kölner Dom (den ich übrigens wunderschön finde). (Der „Michel“ erzeugt es übrigens nicht, es ist also keine heidentumsbedingte Kirchenphobie und liegt auch nicht an der schieren Größe des Gebäudes.)

    MartinM

    16. September 2008 at 13:21

  23. @Martin:

    Bezüglich der Unterscheidung zwischen „rumprobieren“ und „experimentieren“ bist Du jetzt aber etwas spitzfindig, zudem „ergebnissoffen“ bei „regelgeleitet“ wohl eher schwierig zusammen zu haben sind: Wie soll denn das Ergebnis nicht von der Regel her gedacht sein? Das geht doch gar nicht …

    Das ist ja schon bei Kant die Pointe: Die Urteilskraft ist selbst nicht regelgeleitet, und darauf baut er dann seine Ästhetik auf.

    Wobei die bei ihm auch als Vermittelndes zwischen der Regel und ihrer Anwendung auftritt, vielleicht bietet das ja den Schlüssel zum hier Diskutierten.

    Bezüglich dieser Gefühle angesichts von Architektur habe ich vollstes Verständnis: Mir geht das täglich so, wenn ich an dem ehemaligen Verdi-Gebäude, dem jetztigen „Brahms-Kontor“, vorbeikomme. Und es stimmt: Der Michel wirkt einfach nur sachlich-freundlich-charmant.

    momorulez

    16. September 2008 at 14:06

  24. Die Stalin-Allee ist das Rückgängigmachen des „Experiments“. Deswegen ist sie auch wieder – jetzt – so ein Erfolg, nämlich bei Antimodernisten, die sich das 19. Jahrhundert wieder herbeisehnen.

    ( Ich meine natürlich nicht Martin und Momorulez, aber das ist schon ein ziemlich wichtiges Kapitel, habe mich vor einer Stunde mit einem Kunsthistoriker darüber unterhalten, der das mal – ausnahmsweise – wie ich sah, auch, dass die Wiederaufbaupläne irgendwelcher Stadtschlösser als Einkaufszentren auf wichtigen Plätzen von genau denselben Leuten gut gefunden werden, die auch die Stalin-Allee toll finden. Und Henselmann, da hat mich mal Witwe Henselmann in ihrer Wohung ebendort hingewiesen, hat schon mit politisch-ästhetischem Grund ein kleines Gebäude von Gropius dort machen lassen, als Schmuggelware im undemokratischen Staatskapitalismus. )

    T. Albert

    16. September 2008 at 21:32

  25. Ich halte das auch für plausibel, dass die Fans der Stalinallee auch an nachgebauten Schlössern ihre Freude haben. In beiden Fällen geht es nämlich um gebaute Weltanschauung. Und das scheint überhaupt der gemeinsame Nenner der Gebäude zu sein, die bei mir Beklemmungen hervorrufen – Herrschaftsarchitektur. Im Falle des damals unvollendeten Kölner Doms hat Heine ähnliche Beklemmungen gespürt. Wobei ich den Kölner Dom wirklich mag – aber irgendwie ist da der Effekt, dass man sich als Besucher als armer Sünder fühlen sollte, eingebaut. Die Architekten der Gotik verstanden ihr Handwerk. (Das schreibe ich, weil viele meinen, die einschüchternde Wirkung des Domes sei auf die im 19. Jahrhundert erbauten Teile zurückzuführen, den „hohenzollernschen Geist“, die am Rhein traditionell unbeliebten Preußen. Die meisten „echten“ gotischen Bauten haben aber einen ähnlichen Effekt – und ich halte es für keinen Zufall, dass jene Sorte Horrorromane, die im Deutschen „Schauerromantik“ genannt werden, in England schlicht „Gothic Novell“ heißen und schraurig-düster gewandete junge Leute sich „Gothics“ nennen.

    Das Brahmskontor gehört bei mir zur „mittelschweren“ Beklemmungs-Kategorie, während interessanterweise das ebenfalls aus dunklem Backstein errichtete und ähnlich monumentale Chilehaus diese Beklemmung bei mir nicht verursacht – außer in der Straßenschlucht zwischen Chilehaus und Barkenhof bei trübem Wetter.

    MartinM

    17. September 2008 at 21:22


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