shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Leben heißt, verlieren lernen ….

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Na, wo ich jetzt schon des „schlechten Verlierertums“ bezichtigt werde, womit ich als Replik auf „peinliches Triumphgeheul“ freilich leben muß und kann, sei zuerst angemerkt, daß man ja als St. Paulianer verlieren durchaus gewöhnt ist. Als meine Neffen mich einst fragten, in schlimmen, düsteren Millerntor-Zeiten, warum ich denn eigentlich immer zu einem Verein gehe, der ständig verliert, war meine Antwort „Leben heißt verlieren lernen!“, und hinsichtlich meiner politischen Überzeugungen gab es ja jede Menge de facto-Niederlagen wie z.B.

– Deutschland wurde wiedervereinigt, die Bürgerrechtsbewegung marginalisiert.

– Wie damals unmittelbar nach Mauerfall prophezeit, gab es Wellen brutalen Rassismusses, zeitweise einen üblen Nationalismus, der zum Glück nicht imperialistisch wirkte, aber auch so schon schlimm genug war. Auf der Ebene der Asylpolitik ist Deutschland völkisch und hat aus dem 3. Reich nix gelernt. Das war vorher anders.

– 15 Jahre lang tendierte Politik in Richtung Neoliberalismus, und im Nachhheinein muß man ja schmachvoll anerkennen, daß der auch von mir zutiefst verachtete Helmut Kohl lange Jahre lang eher das Schlimmste verhindert hat, auf daß dann eine rotgrüne Regierung, ausgerechnet, zugelangt hat. Seitdem fühle ich mich politisch hinsichtlich der Parteienlandschaft heimatlos, das war vorher nicht so.

– Für mich auch wichtig: Das Bildungs- und Universitätssystem, in dem ich mich sehr wohl fühlte, ist hinsichtlich jener Fächer, wo das der Fall war, zur Farce geworden.

– Gewerkschaften spielen kaum noch eine Rolle, finde ich entsetzlich, bin aber bis heute froh, daß es so wild wie unter Thatcher hier nie getrieben wurde.

Gab aber auch etwas, was ich als großen Gewinn wahrgenommen habe: Daß tatsächlich eine friedliche Revolution, die weitestgehend meine Ideale teilte, zum Zusammenbruch des „Ostblocks“ maßgeblich beigetragen hat. Was haben wir gefiebert erst mit der Solidarnosc, dann mit der DDR-Friedensbewegung, dann mit den Monatgsdemonstranten!

Daß diese dann völlig überrollt wurde von einem konservativ-neoliberalen Komplex, zu dem ich auch Rayson und Menschen, die denken wie er, zählen würde, das gehört für mich zu den großen Gemeinheiten der Geschichte.

Kann somit im Nachhinein eigentlich an keinem wesentlichen Punkt finden, irgendwie Unrecht gehabt zu haben; das einzige, wo ich bis heute zweifel, ist tatsächlich die Frage nach der Kernenergie, das zähle ich mal zu meinen unreflektierten Jugendsünden, da einst eine Position gehabt zu haben. Jetzt habe ich keine mehr.

Allerdings, eine Sache sei schon noch erwähnt: Daß Kohl Privatfunk zu Schwarzschillings Gunsten durchgesetzt hat, das halte ich im Nachhinein für ebenso richtig, wie das Öffentlich-Rechtliche zu bewahren. Mit den Kabelnetzen haben wir damals auch Orwellsche Visionen verbunden, aber in welcher Hinsicht dann Tranquilizer statt Big Brother Eiinzug hielten, das überlasse ich mal der Diskussion.
Ansonsten gilt wohl eher das Bonmot von Georgette Dee: Der Kapitalismus ist nicht der Sieger, er blieb einfach über. Als Drache der finstersten Kategorie lastet er auf der Demokratie, nur zum Teil wörtlich zitiert.

Insofern ist wohl die Frage, wer denn nun recht hatte, wohl er dahingehend zu stellen, wer stärker, mächtiger, fieser, skrupelloser, rücksichtsloser war, und damit meine ich ausdrücklich nicht Rayson persönlich, sondern jene Kräfte, für die er argumentiert. Daß aber der Verlierer zumeist der Schwächere ist, das bekommt dann bei manchen wenigstens noch ’ne katholisch-emphatische Dimension zur Kompensation. Jesus war ja in der Hinsicht auch ein Looser. Sich einfach kreuzigen lassen. Schwächling. Der hätte die Römer mal lieber pleite rüsten sollen!

Ja, in der Tat: Der evangelische Kirchentag in Hannover, ’82, glaube ich, war das, der mit den lila Tüchern, das war für mich eine der intensivsten Erfahrungen in meinem Leben, weil da Politik und Spiritualität zu Gesängen, über die mancher sich einfach nur weglachen wollte, für ein paar Stunden eine Einheit bldeten. Das war toll. Die Bergpredigt wurde ja extrem oft zitiert damals, von Eppler und solchen.

Das, was Rayson schreibt, ist ein wenig so, als habe da jemand 1882 gestanden und proklamiert: Ich hatte ja immer recht, daß die bürgerliche Revolution in Deutschland scheitern würde, insofern lag ich schon immer richtig darin, mich auf Bismarck zu berufen.

Aber noch mal gezielt auf die Punkte eingehend, die er formuliert, ich wurde ja direkt angesprochen:

„Alternative Energien gegen Kernkraftwerke – da muss ich passen, ich war damals gegen Kernkraftwerke. Unentschieden: 0:0
Real existierender Sozialismus gegen real existierenden Kapitalismus – es gab damals keinen Linken, der die westliche Form des Wirtschaftens als überlegen eingestuft hätte. Punkt für mich: 1:0
Doppelbeschluss gegen drohenden 3. Weltkrieg – die politische Durchsetzung der Stationierung der Mittelstreckenraketen beerdigte die letzten Hoffnungen der Sowjets. Punkt für mich: 2:0
Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft – q.e.d.. Punkt für mich: 3:0
Deutsche Einheit durch Annäherung an SED oder durch Härte gegenüber Moskau – q.e.d.. Punkt für mich: 4:0“

Punkt 1, das sehe ich ja ähnlich wie Rayson: Ich habe da keine Meinung mehr.

Punkt 2 ist dann wohl die Dorf-Perspektive, in der Vorstadt war das anders. Bei uns waren weit mehr als 20% hochpolitisiert, und die Zeiten, wo Jugend automatisch links war, begann dahin zu sinken.

Seltsamerweise habe ich weniger die Fragen um das Wirtschaftssystem als die Maßgeblichen in Erinnerung. Es dämmerten zwar Thatcher und Reagan herauf, die man haßte, und auch die sozialliberale Koalition zerbröckelte an wirtschaftspolitischen Fragen. Ich kann mich auch gut daran erinnern, daß unsere JU-orientierten Gegenüber immer den Spruch brachten, daß Schmidt ja der richtige Kanzler sei, aber in der falschen Partei, der habe wenigstens Ahnung von Wirtschaftspolitik.

Man kaufte auch Nicaragua-Kaffee und sympathisierte mit „vielleicht Kuba“, hat der Hoffmann gesungen, aber eben auch nur vielleicht. Gab da irgendeinen Text von Ernesto Cardenal, den man mochte. Und „Marx für Anfänger“ als Comic, und natürlich die von Seyfried „Macht auf, Verdammte dieser Erde!“, dazu später mehr.

Mein persönliches Erwachen war so eine Art Pilcher auf links getrimmt, Otto F. Walters „Wie wird Beton zu Gras“, das ausführlich da legte, daß Politik doch eh nur Wirtschaftsinteressen folgte. Ja, und auch der „Papalagi“, Martin, lach nicht. „Wann werdet ihr endlich lernen, daß man Geld nicht essen kann?“, sowas halt.

Ansonsten kann ich an wirklich niemanden erinnern, der jemals die Planwirtschaft sowjetischer Prägng als überlegen oder auch nur gleichwertig betrachtet hätte.

Es war dieses die Zeit der Alternativbewegung, der TAZ-Gründung, der Öko-Laden-Ketten und Second Hand-Shops, der Landkommunen und Indie-Label, der Hausbestzungen, die Zeit, wo sehr wohl „Null Bock“ und „Kritik der Leistungsgesellschaft“ up to date waren – aber mit Sicherheit war zumindest in meinem Umfeld außer einer Freudin, die ich erst sehr viel später kennenlernte, kein Schwein der Meinung, daß an der DDR z.B. auch nur irgendetwas Gutes gewesen wäre. Keine Ahnung, was sich da für Leute ein paar Kilometer weiter auf den Dörfern rumtrieben, so mancher im“Zombie“ sah schon etwas drogengeschädigt aus, stimmt schon.

Die große Ernüchterung war eher die totale Chancenlosigkeit dieser anderen Formen des Wirtschaftens angesichts übermächtiger, ökonomischer Strukturen, und daran habe ich bis heute zu knapsen: Daß im Grunde genommen einen ganze Generation mit viel Enthusiasmus und Idealen loslegte, die dann einfach aufgelaufen ist. Ich finde das aber noch richtig, solche Wege zu suchen, und bin ja gerade wieder dabei.

Insofern hat man auf der Bewertungsebene den Westen IMMER als kleineres Übel angesehen, auch de facto auch als überlegen in doppelter Hinsicht: Als Ausdruck von Macht und Übermächtigung hat man das ja auch erfahren.

Daß, nur weil es die DDR gab, nun im Westen nix zu kritisieren sei, das habe ich nie eingesehen. Daß nun Angehörige meiner Generation auch noch diese dämliche „Geh doch nach drüben“ verklausuliert noch mal aufwärmen, das finde ich ein wenig erschütternd.

Ein anderer Punkt war damals auch ganz weit oben auf der Tagesordnung, den Rayson seltsamerweise nicht erwähnt: Punker-Kartei in hannover, Polizeigewalt und Volkszählung. Man hatte Angst vor dem Orwellschen 1984. Da kann Che noch viel mehr berichten, aber auf linker Seite war damals die Staatskritik nicht minder scharf als heute bei den Libertären. Nur eben anders, konträr dazu begründet: Man sah im Staat das Vehikel kapitalistischer Wirtschaftsinteressen, und auch die Diagnose kann ich bis heute nicht so ganz falsch finden, auch wenn sie mittlerweile ungleich komplexer ausfallen würde.

Zu Punkt 3 hatte ich ja schon geschrieben, doch wiederum ist es anmaßend und arrogant, da die Rolle von Gorbatschow, von „Glasnost“ und „Perestrioka“, zu unterschlagen. Und ob der nun Effekt des NATO-Doppelbeschlusses war oder nicht, das wäre dann ausnahmsweise mal eine interessante Diskussion. Kann ja genau so gut sein, daß es so einen dort schon viel früher gegeben hätte, hätte der Westen die atomare Bedrohung nicht installiert. Weiß doch kein Schwein.

Das alles habe ich aber ja schon im anderen Eintrag ausreichend kommentiert. Inwiefern jedoch die Stationierung von Mittelstreckenraketen nun die „letzten Hoffnungen der Sowjets“ begraben hätten, das sei ja nun erst mal begründet und nicht so dahergesagt.

Immerhin hat Gorbatschow zumindest in den Satelliten-Staaten den Leuten erst mal wieder welche gegeben. Ab 1985 war’s in der DDR sehr anders als davor.

Der Fall ist, das sei zugestanden, daß das Sowjet-Imperium auch totgerüstet wurde. Und daß es nicht schief gegangen ist, also keine Bomben fielen. Inwiefern aber bis hin zu Putins aktueller Politik diese noch aus den Erfahrungen damals sich speist, gerade auch in ihren negativen Seiten, das wird dann wohl weniger Raysons und meine Generation sinnvoll beurteilen können als die danach.

Die Differenz zwischen Punkt 2 und Punkt 3 habe ich nicht verstanden, auch da bin ich ja oben schon drauf eingegangen – es sei noch einmal betont: Ich habe meinen Lebtag keinen Menschen (außer einem) getroffen, der für Planwirtschaft votiert hätte.

Punkt 4: Hatte ich oben schon erwähnt. Ich finde, daß das keine Frage des Rechthabens ist, und mir wäre es damals auch lieber gewesen, es hätte die Einheit nicht gegeben. Jetzt gibt es sie, und das muß ich halt akzeptieren.

Viel bemerkenswerter finde ich die komplette Igoranz jeglicher Erfahrung, die nicht westdeutsch ist in Raysons Eintrag. Einheit am liebsten ohne ostdeutsche Erfahrungen im Zeichen eines „siegreichen“ Westens“ – ja, auch deshalb gibt es die Linkspartei, auch mit ihren negativen Seiten. Und ich finde es bis heute richtig, in dieses Horn nie gestoßen zu haben.

Meine ostdeutschen Verwandten, die ich ab ’85 häufig gesehen habe, sind heute höchstverschuldet und spektakulär in Konkurs gegangen und haben mindestens einen Nazi-Sohn. Die haben 1987 in FDJ-Ferienlagern (weil’s gar keine anderen Veranstaltungsorte gab, Mönsch! Höchstens Krichen) Frisurenshows zur Abrüstung aufgeführt und Ärger bekommen, weil sie auch als Gorbatschow auftraten. Die Deppen! Die hat Rayson aber ja Kraft richtiger Worte zum Glück besiegt …

PS: Was ich ja gut finde – endlich weg von diesen doofen 68er-Debatten. Jetzt sind wir 82er mal dran. Deshalb fand ich Raysons Eintrag trotz Widerspruch so richtig gut. Ring 2, wir können uns historisch nicht einfach überspringen!

PSS: Neil Diamond singt hier gerade „Sweet Caroline“. Was liebe ich manchmal den westlichen Kapitalismus!

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Written by momorulez

16. September 2008 um 21:53

20 Antworten

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  1. […] Antwort zu dem hier. […]

  2. Mit wem redest du eigentlich in deiner selbstgefälligen „Antwort“?Mit Momorulez, oder mit welchem herbeiphantasierten „Linken“?

    Lustig, nebst der ständigen Umdefiniererei anderer Leute ungeachtet dessen, was sie als Einstellung klar und deutlich äussern, ist auch die Idee, es habe während der „verräterischen“ Bahr-Brandt`schen Ostpolitik keine Härte gegen Moskau gegeben.

    T. Albert

    17. September 2008 at 0:13

  3. Na, eingehen kann man da ja trotzdem mal drauf:

    „wobei ich mich ein wenig weigere, die Geschichte 1970 beginnen zu lassen.“

    Ja, ich ja auch. Auch der konkrete Vollzug der deutschen Teilung ist ja äußerst ambivalent.

    Da gab es zum einen die Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Osten, da gab es zum anderen eine Währungsreform exklusiv für die westlichen Zonen, die die teilung dann vorerst zementierte.

    Da gab es ab 1947 Stellvertreterkriege, und da gab es ein von der Großindustrie gepimptes 3. Reich zuvor. Da gab es ein russisches Volk, das im Krieg weit mehr riskiert und verloren hat als die Amerikaner, die uns jedoch großartigerweise befreit haben, und zum Glück (!!!9 bin ich in der britischen Besatzungszone aufgewachsen – und deshalb gab’s im Westen den Marshall-Plan und im Osten Reparationszahlungen. Zum Beispiel.

    Da kann man ja dann latent obskur vor sich hin orakeln, aber so ist die Realgeschichte, die dann sehr interessant ist, vergleicht man sie zum beispiel mit der Entwicklung in Österreich und bezieht zudem auch französische Perspektiven mit ein.

    Weiß auch gar nicht, was Rayson da mit den 70ern hat. Mir geht’s eher um Entwicklungen in den 90ern.

    Auf das, was er nun so alles über Russlands weitere Entwicklung schreibt, brauche ich ja nicht einzugehen; diese Unfähigkeit, mit einem linken Gegenüber zu reden, ohne dann um die Mieses-Ecke irgendeine Sympathie für den Stalinismus zu unterstellen und „implizit „Du willst doch nur den Weg zur Knechtschaft!“ zu rufen, verbuche ich mal unter akuten Schwierigkeiten mit der Empirie. Dann wird man immer hegeliansich.

    „Ein wenig hängt das schon davon ab, wie sehr man Geschichte durch “starke Männer” oder durch “Gesetzmäßigkeiten” bestimmt sieht.“

    So als Philosoph, der auch Geschichte studiert hat, halte ich ja beides für falsch. Es gab Bedingungen, auch ökonomische, die Gorbatschow möglich machten, die haben aber nix mit „Gesetzmäßigkeiten“ zu tun. Geschichte ist prinzipiell offen. Das wäre schon wieder Hegel, und da hatte Popper recht in seiner Kritik.

    „Ich gestehe: Mir, so ganz egoistisch, wäre es auch lieber gewesen, die DDR wäre heute auf einem Niveau mit Polen oder Ungarn. Was hätte ich mir da an Transfers gespart.“

    Ich meinerseits habe nie einen Grund dafür finden kann, wieso Transfers nach Dresden nun mittels nationalem Pathos aufgeblasen richtiger sein sollten als die nach Polen oder Botswana.

    In den 80ern habe ich vehement für die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft plädiert, gerade um diese extremst widerwärtige Grenze zu druchlöchern. Und dann hätten für Leute aus Stralsund schlicht die gleichen Bedingungen gegegolten wie für jene aus Rumänien oder Obervolta.

    „“Kommt die DM nicht zu uns, kommen wir zu ihr!” “

    Das hätten sich mal Polen, Ghanaer oder Tschechen erlauben sollen, dergleichen auf ihre Transparente zu schreiben …

    momorulez

    17. September 2008 at 9:47

  4. Ach Momorules, ich kann praktisch alles nur unterstreichen, was Du oben und hier geschrieben hast und überall drei dicke Ausrufungszeichen dahintersetzen (außer in punkto Atomkraft, da war und bin ich strikt Gegner). Zu einer Sache habe ich dann allerdings noch eine Anmerkung, als Hauptfach-Historiker:

    „Ein wenig hängt das schon davon ab, wie sehr man Geschichte durch “starke Männer” oder durch “Gesetzmäßigkeiten” bestimmt sieht.” —- In der Geschichtswissenschaft geht es längst um die Frage, inwieweit technologische und wirtschaftliche Veränderungsprozesse Gesellschaft verändern, insbesondere ihre Auswirkungen auf soziale Schichtung und Mobilität. Die unterschiedlichen Schulen in der Geschichtswissenschaft streiten sich hierbei um den richtigen perspektivischen Standpunkt, an diese Fragen heranzugehen, es werden daher ständig neue sozialhistorische Paradigmen aufgestellt. Die Richtung, der ich angehöre – und die ist mit dem Max-Planck-Institut für Geschichtswissenschaft alles andere als eine kleine linke Sekte 😉 – stellt hierbei den Alltag der kleinen Leute in den Mittelpunkt, genauer:Historische Wirklichkeit als Alltagserfahrung. Alltagsgeschichte ist weniger die Geschichte DES Alltags als vielmehr ein methodologischer Ansatz, der alltägliche Erlebnisse und Wahrnehmungsweisen von Menschen vergangener Zeiten anthropologisch erforscht.

    Starke Männer und Gesetzmäßigkeiten finden in der Geschichtswissenschaft nicht statt, dieses Gegensatzpaar gehört in der Tat in die Zeit Bismarcks.

    Vielleicht schreiben die Ghanaer, Senegalesen, Touareg, Wodabe und Tubu ja demnächst „Kommt der Euro nicht zu uns, kommen wir zu ihm!“ auf ihre Transparente. Aber für die hält der freie Westen ja ohnehin schon Stacheldraht und Mauer bereit, und ich hoffe in der Tat, dass diese Grenze eines Tages fällt. Kennt noch wer den Film „Der Marsch“?

    che2001

    17. September 2008 at 14:09

  5. „Starke Männer und Gesetzmäßigkeiten finden in der Geschichtswissenschaft nicht statt, dieses Gegensatzpaar gehört in der Tat in die Zeit Bismarcks.“

    Das war ja auch der Rayson, der dies als Opposition aufbaute. Er schlug sich auf die Seite der Gesetzmäßigkeiten und wollte mir die „starken Männer“ rüberschieben 😉 …

    momorulez

    17. September 2008 at 14:48

  6. Als DDR-Kind halte ich heute mit ex post-Wissen die staatliche deutsche Einheit auch für eine verheerende Fehlentscheidung. Eine BRD und eine (reformierte und marktwirtschaftlich transformierte – und das hätte sie müssen ohne transferierte Steuerzahlergelder des Westens!) DDR, die in einen Wettstreit miteinander um Investoren zu treten hätten, wären beide in den zurückliegenden 18 Jahren nicht etatistischer, nicht bevormundender, nicht interventionistischer und auch nicht kriegstreiberischer geworden. Und ein junger Mann aus Trier und einer aus Magdeburg stünden nicht als Taliban-Zielscheibe in der Steppe von in Masar-i-sharif herum, weil die “gewachsene weltpolitische Verantwortung des wiedervereinigten Deutschlands” und der dankbarkeitsmäßige Zwang, den Alliierten auch mal einen Gefallenen zu tun, schlechterdings nicht existierte. Beide Deutschlands könnten sich Liberalismus im Innern und Neutralität nach außen leisten und kein Fürst eines mitteleuropäischen Kleinstaates müßte unken ob des noch fruchtbaren Schoßes.

    DDH

    17. September 2008 at 15:07

  7. Ach, das hat also auch noch einen komischen Dreh? Damals gingen doch die Marxisten von historischen Gesetzmäßigkeiten aus, während die starken Männer die Sache der Treitschkes und Droysens waren.

    che2001

    17. September 2008 at 15:11

  8. DDH, das ist mal eine originelle Sicht, von der ich zwar nicht weiß, ob ich ihr zustimme, aber zumindest ein erfrischender Gedanke!

    che2001

    17. September 2008 at 15:13

  9. @Che:

    Das ist ja das Absurde – die sind allesamt Hegelianer und begründen das ausgerechnet mit Hayek.

    @DHH:

    Ich stimme Che da mal zu 😉 …. ich hatte mir ja einst eher einen „dritten Weg“ gewünscht, ist ja mittlerweile auch vom Tisch, das Thema …

    momorulez

    17. September 2008 at 15:33

  10. Das ist so, als ob jemand einen wirtschaftsliberalen Standpunkt mit Bakunin oder die Psychoanalyse mit Skinner begründen würde.

    che2001

    17. September 2008 at 15:44

  11. Drüben pflegt man mittlerweile den Opfer-Diskurs – schade.

    Da kriegt man seit Jahren hier den Gulag um die Ohren gehauen, für den man weder was kann, noch hat man sich jemals auch nur entferntesten dafür ausgesprochen, sondern diesen ganzen Dreck fortwährend gegeißelt, was aber wie üblich komplett ignoriert wird, weil eine Wahrnehmung jenseits irgendwelcher Systemgegensätze von einst gar nicht stattfindet – und jetzt ist man auch noch unverschämt, wenn man darauf hinweist, daß auch, nicht nur, aufgrund reiner Wirtschaftsinteressen, denen die natürlich und explizit den Legitimationsdiskurs liefern, die Bürgerrechtsbewegung komplett unter die Räder gekommen ist.

    Während man umgekehrt ja all die Millionen Toten des real-existierenden Sozialismus gewissermaßen mit auf dem Gewissen hat und einst für den Erhalt des Warschauer Pakts demonstrierte und deshalb immer schon Unrecht hatte. Was dann eben keine Unverschämtheit ist, sondern historische Gesetzmäßigkeit. Oder wie?

    Und wenn man nicht fortwährend schreit „Der Kapitalismus bringt nur Gutes hervor“, ist man eh ein Arsch. Alles ganz wie unter Honni. Dabei haben die doch gesiegt.

    Abgesehen davon: Wir erklären sich unsere Hegelianer eigentlich den wirtschaftlichen „Erfolg“ Chinas?

    momorulez

    17. September 2008 at 16:59

  12. Sag ich ja schon länger: es ist völlig wurscht, was „der Linke“ denkt und sagt, er ist ein stalinistischer Massenmörder.

    Ich bin den Dreck der Herrenmenschen jetzt leid.

    T. Albert

    17. September 2008 at 17:07

  13. Papalagi: Nein, ich lache nicht, ob ich damals über jene lachte, die Erich Scheurmanns eher harmlose zivilisationskritische Satire nicht als solche erkannten und glaubten, die naiv-lästernden Sprüche des Häuptling Tuiavii aus Tiavea seien echt.

    Punkt 1: Da habe ich eine Meinung: unsere jetzige Form der Kernenergienutzung ist einfach Murx, nuklear befeuerte Dampfmaschinen, die jeder Menge hochradioaktiven Müll produzieren. Gäbe es einen inhärent sicheren Reaktor und eine befriedigende Lösung des Atommüllproblems, wäre ich Kernenergie-Anhäger. So aber nicht. Hingegen bin ich überzeugt, dass sich der Energiebedarf der Menschheit ausschließlich aus Sonnenenergie decken ließe. (Da bin ich gar nicht so weit von meiner ´82-er Position entfernt.)
    Punkt 2: Ich war damals, nach meinen eigenen Verständnis, nicht „richtig“ links, trotz Sympathie für die Hafenstraße und die damals sehr bunte Alternativszene. Das Wirtschaftssystem des „real existierenden Sozialismus“ hielt ich für total abgewirtschaftet. Ich kenne einige, die anderer Meinung waren, aber einen Fan des DDR-Systems habe ich nicht kennengelernt – noch nicht mal unter „richtigen“ Linken. (Die DKP-Typen habe ich allerdings nie danach gefragt.)
    Wie momorulez sehr zu recht erwähnt, waren die Angst vor dem Polizeistaat, der Protest gegen die Volkszählung, die Warnungen vor dem Überwachungsstaat, damals enorm wichtig. (Ich vermisse das damalige Engagement eben so sehr wie die staatskritische Haltung der damals jungen Menschen.) Auch der Anti-AKW-Protest wurde in diesem Kontext gesehen (für mich waren die provokativ brutalen Polizeieinsätze in Brockdorf ein wichtigeres Motiv, auf Demos zu gehen, als die Frage „Atomkraft ja oder nein?“ – „Polizeistaat? Nein Danke!“.
    Zu Punkt 3: entscheidend war der Generationswechsel in der UdSSR, die Rolle von Gorbatschow, von “Glasnost” und “Perestrioka” – entscheidend auch, dass sich im „Westen“ dann doch pragmatisches Denken gegenüber den „Falken“ durchsetzte – ausdrücklich auch das der Regierung Kohl. Nur fünf weitere Jahre mit Betonköpfen der Bauart Breschnews und mit einer aggressiven US-Politik wie zu Anfang der Amtszeit Reagans – und es hätte finster ausgesehen. Im nachhinein muss ich sagen: wir hatte ´82 zurecht Angst vor dem Krieg.
    Ich glaube heute nicht mehr, dass das Sowjet-Imperium unter einem jüngeren, entschlussfreudigeren Breschnew hätte „totgerüstet“ werden können – er hätte wohl einen Präventivkrieg angefangen, bevor die USA, wie ja geplant, einerseits zu einem „Enthauptungsschlag“ gegen die UdSSR fähig gewesen, anderseits dank SDI relativ sicher gegen einen Vergeltungsschlag gewesen wären. Psychologisch verstehe ich übrigens die Paranoia der Breschnew-Generation sehr gut – noch mal Krieg auf dem Territorium der UdSSR, noch mal feindliche Panzer vor Moskau, noch mal verlustreiche Kesselschlachten? – Lieber kämpfend sterben und dabei den (potenziellen) Angreifer mitnehmen!
    Punkt 4: Da war ich interessanterweise anderer Ansicht – ich wollte die hässliche und menschenverachtende Grenze, den „eisernen Vorhang“, weghaben. Ich hatte, noch als Junge, Michael Gartenschläger kennengelernt; er war ein Nachbar, wohnte in der Etage unter uns. Das, was er tat – und die Umstände, unter denen er starb – imponierte mir sehr. Außerdem hatte ich DDR-Verwandschaft, unangepasste DDR-Verwandschaft. Ich hatte wohl weniger Illusionen über die Natur der DDR als – behaupte ich mal – fast alle meine „westdeutschen“ Altersgenossen.
    1982 war mir außerdem klar, dass ein Fall der „Mauer“ die DDR destablisieren würde. Auch in dem von mir herbeigesehnten Fall eines neutralen, atomwaffenfreien Mitteleuropas. Eine reformierte DDR erschien mir unwahrscheinlich, weil ich den Eindruck hatte, dass sich das Regime nach dem Campignonprinzip an der Macht hielt: wer den Kopf rausteckt, wird abgeerntet. Es gab deshalb nicht genug „Reformer“, um eine „reformkommunistische“ DDR möglich zu machen.
    Mein Spruch – mir dem ich regelmäßig aneckte – war damals: „2012 gibt es die beiden deutschen Staaten nicht mehr. Entweder, weil sie eine radioaktive Wüste sein werden – oder weil es inzwischen die deutsche Einheit – in welcher Form auch immer – gegeben werden wird.“ Es ging dann aber schneller, als ich es für ’82 für möglich gehalten hätte. Ich sagte im Scherz, die deutsche Einheit kommt 2009 – dann wird die DDR 60 und darf ´rüber.

    Meine DDR-Verwandten haben es recht gut überstanden, aber auch, weil sie z. T. recht gut geerbt hatten bzw. weil Enteignungen rückgängig gemacht wurden. (Deshalb waren sie wohl auch nie mit der DDR „warm geworden“.)

    MartinM

    17. September 2008 at 18:47

  14. @Martin:

    „Auch der Anti-AKW-Protest wurde in diesem Kontext gesehen“

    Ja, in der Tat. Es gab eine recht frühe Brokdorf-Demo, und jene, die von da zurückkamen, waren sich so sicher auch nicht mehr, ob das jetzt gerade eine DDR- oder eine BRD-Erfahrung war. Und das zog sich ja bis zum „Hamburger Kessel“, der wiederum für die Identität meines Fussballvereins wichtig ist.

    Für mich waren diese „brutalstmöglichen“ Räumungen der besetzten Häuser im Berlin der unmittelbaren Nach-Wendezeit, Mainzer Straße und so, die Zeitenwende: Vorher hatte man noch irgendwie das Gefühl, daß der Widerstand so mächtig ist, daß die einfach nicht schalten und wollten konnten, wie sie wollten. Und das war dann eine so massive Machtdemonstration, daß danach einfach Schluß mit lustig war.

    Komischerweise habe ich die 1. Mai-in-Berlin-Geschichten absolut konträr wahrgenommen, eben als den Übergang zum „Event“ ohne Sinn und Verstand. Völlig beknackt, aber rein diagnostisch dann doch Zerrspiegel von Alstervergnügen und Queen Mary-Feuerwerk.

    „Eine reformierte DDR erschien mir unwahrscheinlich, weil ich den Eindruck hatte, dass sich das Regime nach dem Campignonprinzip an der Macht hielt: wer den Kopf rausteckt, wird abgeerntet.“

    Na ja, gegen Ende haben da ja nicht nur Doofe den Kopf rausgestreckt …

    Ich habe tatsächlich nicht daran geglaubt, daß die „Einheit“ (was für ein Wort alleine) jemals kommen würde … und, wie gesagt, gewünscht habe ich mir’s auch nie. Ich hatte immer zu viel Angst vor einem neu erstarkenden Nationalismus.

    Diese frühen „Nie wieder Deutschland!“-Antideutschen haben mir sehr aus der Seele gesprochen, schlimm, was aus denen dann geworden ist …

    momorulez

    17. September 2008 at 19:28

  15. Die Nachrüstung und die ganze Atomkriegsangst hielt ich selbst in der panischsten Zeit der Friedensbewegung für einen blödsinnigen Popanz, der in Ost wie west benutzt wurde, um die Untertanen zu ducken – ich dachte in Ost-West-Hinsicht ja absolut äkquidistant. Was für Momorules der „Fürchtet Euch!“ – Kirchentag war, waren für mich die Tübinger Internationalismus-Tage 1981. Da diskutierten Leute von der linken Sozialdemokratie bis zur Antiimpszene (das waren Persönlichkeiten wie Klaus Meschkat, Rossana Rossanda, Bachman Nirumand, Immanuel Wallerstein, Senghaas und K.H. Roth vertreten) über Internationalismus in den 80er Jahren, und der Neue Antiimperialismus fand erstmals eine öffentliche Bühne. Persönlich anwesend war ich da zwar nicht, aber was dort geschah war trotzdem absolut prägend. Zum linken Flügel der ganz jungen Grünen hatten wir ja eher ein ironisch-distanziertes Verhältnis: „Von Krefeld bis zum Kirchentag, die LiberALen sind immer eine Nasenlänge voraus auf dem Weg zur Resolution.“

    Hach, was liebte ich die Sponti-Sprüche, das war echt eine andere Welt!

    che2001

    17. September 2008 at 21:05

  16. Irgendwie erinnert mich die Diskussion hüben, wie drüben an ein Ehepaar, die sich lange kenen, deren Auseinandersetzungen schon eingeschliffen sind und die sich jeweils bei bei ihren besten FreundInnen ausweinen/kotzen.

    Ansonsten finde ich das alles sehr interessant, ich bin keine 82erin, ich bin doch wohl ein paar Jahre jünger als ihr und das macht, zumindest was die 80er angeht, offenbar einen echten Unterschied aus. Und die Lesben/Frauenbeegung hat wohl auch eine andere Zeitrechnung.

    somluswelt

    17. September 2008 at 22:23

  17. Die Lesben/Frauenbewegung hat auch eigene Regionalisierungen. Als Du mal schriebst, autonome Zusammenhänge in den 90ern seien stramm hetero organisiert gewesen und Lesben wären dort schnell rausgeflogen oder marginalisiert worden, mag das für Köln stimmen – in Göttingen waren zur gleichen Zeit Lesben so eine Art moralische Superinstanz, zu der alles aufschaute.

    Na ja, außerhalb der (M) natürlich.

    che2001

    17. September 2008 at 22:34

  18. Das war nicht in Köln, das war in Frankfurt; nur so am Rande.

    somluswelt

    17. September 2008 at 23:09

  19. Sorry, ja, das ist allerdings ein entscheidender Unterschied.

    che2001

    18. September 2008 at 8:08

  20. „Irgendwie erinnert mich die Diskussion hüben, wie drüben an ein Ehepaar, die sich lange kenen, deren Auseinandersetzungen schon eingeschliffen sind und die sich jeweils bei bei ihren besten FreundInnen ausweinen/kotzen.“

    Ist ja auch so. Rayson habe ich ja, ganz ehrlich, eigentlich sehr gerne.

    Ich finde diesen „Wir 82er“-Diskurs aber ganz unabhängig davon gar nicht so unwichtig, ebenso den „Wir 89er“, weil das zwei Zeitenwenden waren, die in letzterem Fall völlig verdreht, im ersteren Fall im Grunde genommen gar nicht thematisiert werden. Dabei sind’s die ’82er, die jetzt gerade in die gesellschaftlichen Führungspositionen aufrücken.

    Deshalb fand ich das Faß wirklich gut, daß Rayson da aufgemacht hat, bzw. daß er das aufgemacht hat …

    momorulez

    18. September 2008 at 8:40


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