shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Traurigkeit und Jugendstil

with 20 comments

Eine Freundin, die mit in Riga war (die Fotos sind übrigens von ihr), hat irgendwann bemerkt, dass es im Jugendstil keine glücklichen Gesichter gibt. Ihre Züge wären stets ernst, traurig oder schmerzhaft.  Das ach so Dekorative, Florale und Naturnahe hat nicht mehr viel mit Lebensfreude zu tun. Wenn wir über die Linke und Utopien diskutieren, dann sollte man sich schon auch ab und zu vergegenwärtigen, was für Blüten denn die dem modernen Bürgertum innewohnenden Sehnsüchte so alles hervortrieb. Im Kopf habe ich ein Bonmot von Adorno, dass die Frauen im Jugendstil den Charakter des „Frigiden“ besäßen, finde es aber gerade nicht. Als utopischen Kern hätte der Jugenstil zumindestens etwas Erschreckendes.

Abseits des Realismus, was wären denn die nicht-linken Utopien, sofern sie nicht ins Faschistische abgleiten? Oder haben wir es Gegenüber mit einem gänzlichen Anti-Utopismus zu tun? Will mir ja nicht ganz einleuchten, weil man ja ansonsten in eine totale Prädestinationslehre kippte oder zumindest  das „Ende der Geschichte“ proklamierte. Bei aller Popper’schen Hegelkritik, die Zurückweisung einer Letztbegründung kann ja nicht einfach zu einem „so-und-nie-anders“ führen. Das würde mich mal echt interessieren, weil das Bürgertum ja durchaus ästhetische Praktiken kennt, die einen anderen Zustand beschwören.

Advertisements

Written by lars

18. September 2008 um 10:34

20 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. „Abseits des Realismus, was wären denn die nicht-linken Utopien, sofern sie nicht ins Faschistische abgleiten?“

    Ich glaube, die sehen kein „Abseits des Realismus“, sondern halten sich für solche. Die Konservativen eben im Sinne von „Das war doch schon immer so, hat sich bewährt, ist Tradition“. Und die Wirtschaftsliberalen: „Man muß einfach nur wirtschaftliche Freiheit freisetzen, und so war der Verlauf der Geschichte ja eh schon.“

    momorulez

    18. September 2008 at 10:43

  2. Will mir ja trotzdem nicht ganz einleuchten. Das sagen sie immer. Und das „zurück zum Früher“ etwa der CSU hat ja schon etwas projekthaftes. Allen ist doch klar, dass es so nie wieder sein kann. Dass ihnen der Gebrauchswert der Kunst abhanden gekommen ist, indem sie es nur noch als Tauschbares und Status betrachten, heißt ja nicht, dass es nicht auch Nicht-Linke gibt, die ein „Abseits“ entwerfen. Das ist auf ökonomischer Ebene vermutlich der Streit zwischen Sozial-, Ordo-, Neoliberalen und Libertären, wenn ich das recht sehe. Bin einfach auf der Suche nach dem untergründigen utopischen Projekt der nicht-linken Moderne, soweit es nicht den Faschismus betrifft. Der Jugendstil von heute würde vermutlich die politischen Positionen der Grünen und der Konservativen vereinen. Wenn es den denn gäbe, oder gibt es ihn gar?

    lars

    18. September 2008 at 10:57

  3. Na, „Laptop und Lederhose“, „Porsche“ und „Berliner Stadtschloß“, „Europäische Komission“ und „Neo Rauch“, solche Kombis sind das, glaube ich …

    momorulez

    18. September 2008 at 11:31

  4. Im Liberalimus gibt es keinen Bedarf für Utopien, weil der Liberale davon ausgeht, dass das was, er als gelungenes Leben betrachtet, von anderen nicht ebensogesehen wird. Damit liegt die Verantwortung für das Glück wieder beim einzelen und nicht bei der Gesellschaft, die mehr oder weniger gut dem utopischen Ideal entsprechen zu hat.

    Michel

    18. September 2008 at 12:18

  5. Na ja, aber wie kam’s dann zu den „bürgerlichen Revolutionen“, also zu der Einführung des Parlamentarismus? Hat schon was mit Liberalismus zu tun.

    Und auch die Vision Minimalstaat plus endlich so richtig freie Martwirtschaft ist ja nix rein Individuelles …

    momorulez

    18. September 2008 at 12:27

  6. Der Einzelne ist frei seine Ziele auch im Verbund mit andern zu verfolgen. Stellt sich dem die politische Gewalt entgegen, ist es legitim diese zu bekämpfen, auf revolutionäre Weise, wie bei den bürgerlichen Revolutionen oder im Rahmen des Parlamentarismus, wie heute.

    Michel

    18. September 2008 at 12:56

  7. Okay, Du brichst es wieder auf den „methodologischen Individualismus“ runter. Das beantwortet aber noch immer nicht, welche „Ideen, anders zu handeln“ (wenn Du das Wort „Utopie“ nicht magst) denn typisch für die Nicht-Linken sind. Man kann sich ja schön gegen die Linken abgrenzen, das ist nicht mein Problem. Aber meine Frage ist ja zunächst die ganz andere: Gibt es Versuche, die sich gleichzeitig von den Linken und vom Faschismus abgrenzen und dennoch auf die Veränderung überindividueller Strukturen zielen? Und was sind das für Ideen und Versuche? Und spezifischer: finden sich die in den Produkten, die man Kunst nennt?

    lars

    18. September 2008 at 14:22

  8. Die traurigen Jugendstil-Gesichter erkläre ich mir dadurch, dass viele Künstler das Gefühl hatten, in einer „Endzeit“ zu leben; andere, die der Lebensreform (mit ihrem in der Tat utopischen Programm) nahe standen, wollten den „oberflächlichen Vergnügungen“ eine Absage erzeigen. Ein echter „Lebensreformer“ raucht nicht, trinkt keine Alkohol, ist Vegetarier, treibt viel Sport , trägt betont einfache Kleidung – er ist, wie wir heute sagen, „fitnessorientiert“, würde aber ein modernes Motto wie „Fit for Fun“ als ekelhaft und „dekadent“ ablehnen. Andererseits ist seinen Askese, anders als die etwa des Puritaners, nicht aufs Transzendente gerichtet, sondern aufs Diesseits, auf ein „gutes Leben“. Der Widerspruch zwischen dem Streben nach einen guten, auch fröhlichen, sinnvollen, erfüllten Leben, nach „Lebensfreude“, auf der einen und der geradezu puritanische Ablehnung „oberflächlicher Vergnügen“, „ungesunden Lebensstils“ prägte die Lebensreform – und beeinflusste meiner Ansicht den Jugendstil. Erst mit der angeblichen „Verflachung“ des Jugendstils und der geänderten Auffassung der Utopien im Expressionismus wurden „Jugendstil / Art noveau“ bzw. die nachfolgenden Stile des Expressionismus und des „Art Deco“ weniger melancholisch.

    Allerdings war diese Attitüde der Nachdenklichkeit und Melancholie schon längst zum Klischee des ernsthaft dreinblicken Gesichts reduziert, da unzählige Jugendstil-Objekte prägt.

    „Der Jugendstil von heute würde vermutlich die politischen Positionen der Grünen und der Konservativen vereinen.“

    Wenn es eine Partei gibt, in der die Ideale der Lebensreform fortwirken, dann die „Grünen“ – wenn auch heute zunehmend verbal. Und ohne die Lebensreform ist der Jugendstil schwer vorstellbar.
    Anderseits war der Jugendstil, jedenfalls in seiner „Blütezeit“, elitär und kulturell konservativ: „Zurück zur wertvollen Handarbeit“.
    Es gibt meiner Ansicht nach Ansätze zu einem „modernen Jugendstil“, aber er liegt außerhalb der „seriösen“ Kunstszene, in der Gebrauchskunst – einerseits in der Esoterik-Ecke, anderseits in der Fantasy-Kunst (neben und vermischt mit neo-präraffaelitischen und neo-symbolistischen Elementen). Aber das ist größtenteils Kitsch (und das meine ich nicht sarkastisch, sondern im Sinne von „ungenügender Schöpfungshöhe und extremer Klischeehaftigkeit“).

    MartinM

    18. September 2008 at 15:08

  9. @ lars: http://www.freiheitsfabrik.de/
    Das Stichwort unter dem du suchen musst ist Lärmvermehrung.

    @ MartinM: ‚Anderseits war der Jugendstil, jedenfalls in seiner “Blütezeit”, elitär und kulturell konservativ: “Zurück zur wertvollen Handarbeit”.‘

    Also meines erachten passt, das auf die Grünen auch sehr gut, zumindest wenn man unter kulturell konservativ “Zurück zur wertvollen Handarbeit” versteht. Die Grünen gehen so gar so weit sich die Handarbeit auch in der Landwirtschaft zurückzusehnen.

    Michel

    18. September 2008 at 15:25

  10. Danke Martin.
    Ja, diese Verbindung zu Fantasy und Esoterik, die ist mir auch schon aufgefallen. Ich denke da z.B. an die Aquarelle von Tolkien selbst.

    Ich muss jetzt ständig an Weber und die innerweltliche Askese denken. Ganz eigenartige Mischung, die sich da auftut: Irgendwas aus Lebensreform, Melancholie aber auch Mystizismus und Erotik. Naturrhetorik und gewolltes Ornament.

    ich habe ja jetzt in Barcelona das erste Mal die Sagrada Familia gesehen. Die hängt ja auch irgendwo zwischen Jugendstil und Expressionismus. Wenn man sich z.B. die Portale anschaut, findet man immer noch diesen Stilwillen des Art nouveau, aber wenn man sich die einzelnen Figuren anschaut, dann geht das schon weiter…

    lars

    18. September 2008 at 15:31

  11. @Michel: Huch, Gitarrenübungen? Oder landest Du doch bei Adorno, der in der Musik das Einzige gegen den Konformismus verteidigte?

    Hatten wir nicht mal diesen „ich hör was, was ihr nicht/auch hört“-Beitrag, der nur nach 20 Uhr kommentiert werden durfte?

    lars

    18. September 2008 at 15:41

  12. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja, was vor, nach und während des Jugendstils war und womit das jeweils korrespondierte. Also davor: Historismus, Biedermeier, schlagende Verbindungen, Romantik, Angst vor der heraufdämmernden Moderne, behagliche kleinbürgerliche Gemütlichkeit, Gartenlaubenglück statt Revolution. Danach: Reformarchitektur, spätes Art Déco, Neue Sachlichkeit, Werkbundsiedlungen, Bauhaus, Expressionismus, technische Utopien, aus der Lebensreformbewegung gingen die Bündischen, der deutsche Zweig der Pfadfinder, die FKK-Bewegung, die Naturfreunde und letztendlich auch die Hitlerjugend hervor. Während des Jugendstils gab es noch den wilhelminischen Stil, einen wilden Misch-Historismus aus allen früheren historistischen Stilrichtungen mit Betonung auf Stuckfassaden, man könnte das am Ehesten als Verbindung aus Neoklassizismus und Neobarock mit Tendenz zum Geschmacklosen betrachten. Politisch- sozial dazu gehörten dann Flottenvereine, Militärparaden, der Hauptmann von Köpenick, der preußische Beamtenadel und die Schlotbarone. Ein Mauerblümchendasein führte die auch noch gleichzeitige romantische Architektur mit Fachwerkhäusern im mittelalterlichen Stil, aber im Mittelalter unmöglichen Schmuckornamenten und z.B. spiralförmigen Schmuckbalken in den Ausfachungen.

    che2001

    18. September 2008 at 17:21

  13. Naja, die Werkbund-Idee und damit verbundene versuchte Ausdehnung des Guten Handwerks in die industrielle und semi-industrielle Serienfabrikation von Gebrauchsgegenständen hat schon auch im Jugendstil ihren Ursprung. Der „Werkbund“ ist älter als die SPD, und auf europ. Ebene fanden sich dort seit den zwanziger Jahren dann auch jede Menge „Linker“, ich weiss nicht, wie das heute ist, bin nicht mehr Mitglied, weil das ja eine immerwährende Fragestellung ist in der Zusammenarbeit zwischen Entwerfer und Industrie. Der Jugndstil war ja nicht nur retrospektiv angelegt, auch nicht im einzelnen Kunstwerk; man sehe sich mal die Supraporten aus Gips von Josef Hoffmann in Wien an und dann die späteren „Architektone“ von Malevich, auch aus Gips, in der Sowjetunion, die dann eine ganz andere Idee transportierten, sie transzendierten sozusagen Hoffmanns tektonische Motivik. Nur als Beispiel einer grossen und seltsamen formalen Übereinstimmung isolierter Artefakte mit unterschiedlichen Funktionen.
    Oder, als Folge aus dem Jugendstil, die Werkbundsiedlungen.
    Der Gaudi ist unter den tollen Jugenstilarchitekten ja noch ein besonderes Beispiel, wie auch Puvis de Chavanne in der Malerei, weil er ein Superbeispiel für denkerische und entwurfsmethodische Unabhängigkeit und Subjektivismus ist, der hat ja das Tragwerk der Sagrada Familia mit gewissermassen dadaistischer Verfahrenstechnik gefunden, gefunden und nicht errechnet nach Entwurfskonzept, und heraus kam eine völlig neue Form. Und das ist ja in vielen Beispielen zu beobachten, dass nämlich Form und Massen durchaus metamorphotisch aufgefasst werden und das Augenmerk auf die inneren Kräfte des Materials gelegt wird. In der Wiener Malerei steckt ja die Gegenstandslosigkeit in den Bildern schon drin, bei Klimt meinetwegen.
    Tolles Thema, muss ich mit meinem Haus-Kunstgeschichtler besprechen.

    Für die alten Corbusier-Hasser wäre, glaubich, der Jugendstil mit seinen Verfahren und Methoden und seinen städtebaulichen Debatten schon ein Ding der alternativen Möglichkeiten, die auch aussortiert und abgebrochen wurden. Und Gutes Handwerk nur als vorkapitalistische Eigenschaft konservativer Bürgerlichkeit zu betrachten, naja, ich weiss nicht, ob das richtig schlau ist, schon von der Historisierung des Begriffs her, denn Handwerk gibts natürlich heute auch, wenn der Schlosser mir ein vernünftiges Stahl-Detail machen soll, dann ist das ja auch Handwerk, schon der Anstrich ist HAndwerk und hat immer mit Form, guter oder schlechter, zu tun.

    T. Albert

    19. September 2008 at 13:35

  14. @“Und Gutes Handwerk nur als vorkapitalistische Eigenschaft konservativer Bürgerlichkeit zu betrachten, naja, ich weiss nicht, ob das richtig schlau ist, schon von der Historisierung des Begriffs her,“ —- Wer sagt so etwas? „Romantik, Angst vor der heraufdämmernden Moderne, behagliche kleinbürgerliche Gemütlichkeit, Gartenlaubenglück statt Revolution“ bezieht sich auf den Historismus vor dem Jugendstil (1830-1885), mit Werkbundarchitektur meine ich vor allem die Werkbundsiedlungen bis hin zu den Bebel- Mehring- und Karl-Marx-Höfen der 20er Jahre und den Begriff des Guten Handwerks als einen Versuch der zünftigen Handwerkerschaft (die meisten Trachten tragenden Dachdecker waren damals übrigens in der KPD), der taylorisierten Industriearbeit eine verhältnismäßig wenig entfremdete Arbeitsweise entgegegenzusetzen, die auch ihren Preis haben sollte. Siehe hierzu auch der Text eines Revolutionsliedes aus dem Jahr 1871, das sich ganz anders anhört als die via Komintern vermittelten späteren Hymnen des klassenbewussten Proletariats:

    „Auf die Gesundheit aller Brüder, die da reißen alles nieder trinken wir ein gut Glas Wein. Weg mit Meistern, weg mit Pfaffen, Adel, Königs soll´n sich raffen, weg, wer kommandieren will!

    Schlagt die Fässer auf, lasst es laufen, jetzo heißt es tapfer saufen, solches Himmelreich ist nah. Denn unser Handwerk, es ist verdorben, die letzten Saufbrüder sind gestorben , es lebet keiner mehr als ich und Du.“

    che2001

    19. September 2008 at 14:15

  15. ….und zur Vorgeschichte dieser Handwerker fällt mir natürlich die für mich als Jugendlichen bewusstseinbildene Kultserie ein:

    http://www.fernsehserien.de/index.php?serie=8013

    che2001

    19. September 2008 at 14:19

  16. Mann, ich habe ja nich Dich gemeint, mit der „Handwerklichkeit“, sondern den Satz von dem Michel da oben

    „@ MartinM: ‘Anderseits war der Jugendstil, jedenfalls in seiner “Blütezeit”, elitär und kulturell konservativ: “Zurück zur wertvollen Handarbeit”.’

    Also meines erachten passt, das auf die Grünen auch sehr gut, zumindest wenn man unter kulturell konservativ “Zurück zur wertvollen Handarbeit” versteht. Die Grünen gehen so gar so weit sich die Handarbeit auch in der Landwirtschaft zurückzusehnen.“

    DU bringst ja nur noch mehr Beispiele der Werkbundsiedlungen, für die ich zu faul war.

    T. Albert

    19. September 2008 at 14:25

  17. Aha, faul sind sie auch noch, diese Linken 😉

    che2001

    19. September 2008 at 14:53

  18. Ich sowieso. Gewaltig faul. Eigentlich gegen jedes Handwerk.

    T. Albert

    19. September 2008 at 14:58

  19. Darum ja auch die Lager, damit andere für uns arbeiten.

    che2001

    19. September 2008 at 16:42

  20. Ja, ich kann beim Faulen nicht alles selbst machen. Oder wie stellen die Leute sich das vor?

    T. Albert

    19. September 2008 at 16:51


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s