shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

VOODOO oder: Wie man Spiele lesen muß!

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„Man begreift: Die Szenerie des „Dornröschen“ entstammt Werken wie der „Rückkehr von der Herberge“ von Pieter Brueghel d. J., die Kulissen im „Dschungelbuch“ sind den Urwald-Visionen des malenden Zöllners Rousseau geschuldet. Und Piranesis schwindelerregende Treppen kehren wieder im „Schneewittchen“, in „Cinderella“ und „Alice im Wunderland“.“

So fragt sich halt der St. Paulianer am Morgen danach bei der werweißwievielten Zigarette danach, was im gestrigen Spiel an Verweisen auf alte und neue Meister wohl enthalten war.

Klar ist: Der Herr Bierofka von 1860 München, der war entschieden zu selten in der Pinakothek der Moderne und hat stattdessen zu viele Chuck Norris-Filme geguckt! So hat er sich zumindest bewegt. Was ein Poser!

Ging ja so weit, glaubt man der Hompepage von 1860 München, daß er sich in der Pause ohne Betäubung ganz in Rambo-Tradition hat nähen lassen. Oder er hat’s sogar selbst gemacht, sich ein rotes Tuch um die Stirn und den Schenkel ab-gebunden, die Nadel über irgendeinem Feuerchen desinfiziert und dann rein in’s Fleisch und kräftig durchchgezogen – so wie der da kraftstrotzdend, aber fußballerisch eher C-Movie-like über den Platz posierte, das war schon ein wenig erbärmlich.

Muß man ja auch mal sagen dürfen: Nee, der Gegner gestern war echt schlecht. Wer so blöd ist wie der süße Benny Lauth und sich beim HSV das Talent gründlich austreiben läßt, der landet halt irgendwann wie Christian Rahn in Rostock. Höchststrafe also. Warten’s ab, Herr Lauth, seit gestern steigen Ihre Chancen für derartiges Schicksal umgekehrt proprotional zu Aktienkursen in den USA …

Ansonsten, rein kunstgeschichtlich, lagen unsere Jungs gestern eher auf der Linie früher Arbeiterkunst: Nicht schön, aber im Schweiße ihres Angesichts rackernd und irgendwie sogar ein klein wenig heroisch.

Obwohl’s in der ersten Halbzeit ein paar Spielzüge gab, die wirkten so, als hätten sie den frühen Kompostionen Kandinskys auf den Platz gelegt und würden die Linien entlang laufen, das war schon verdammt elegant, und die Münchener standen auch recht beeindruckt daneben und guckten einfach mal zu. Wiewohl: Der Abschluß fehlte dann zumeist, schön war’s trotzdem.  Jetzt Filip Trojan loben wäre ja ebenso langweilig wie völlig zu recht Alexander Ludwig zu beschimpfen, da hat ja Ring2 schon all das aufgeschrieben, was ich ihm gestern so beim Döner noch diktiert habe. Sogar die Überschrift, die ich eigentlich verwenden wollte, hat er antizipiert und somit abgeguckt, der Schlingel. Aber auf die Idee mit dem Kunst-Vergleich isser nich‘ gekommen, hähähä …

Eigentlich immer, wenn’s um Kunst geht, geht es um Magie, und das ist beim Fußball ja auch so.

Zunächst sollte man eigentlich Zeichen zu deuten verstehen. Als gestern mittag meine heißgeliebte Pimp-Sonnenbrille von Sean John (oder wie dies P. Diddy-Label nun auch ganz genau heißt) die Treppe hinunterfiel und ein Glas aus dem Gestell sprang, hätte ich eigentlich nur einmal genau hingucken müssen: Klar, 1 zu 0. Daß die nette Optikerin auf dem Schulterblatt mir das gute Stück dann mal eben schnell wieder reparierte, war ein weiters gutes Omen.

Dann, so durch Planten & Blomen mit der Angst vor dem Spiel in den Knochen schurfend, weht auf einmal „Summer of 69“ von Bryan Adams zu mir herüber. Denke noch kurz „Ist da noch ’ne andere Veranstaltung auf dem Heiligengeistfeld?“, da höre ich schon das gellende Pfeiff-Konzert, alles klar, die St. Pauli-Geschmackspolizei hat außerordentlich treffsicher zugeschlagen und völlig zu Recht diesen akustischen Dreck aus dem Stadion gebuht. Geht ja auch gar nicht. Sowas paßt vielleicht zu den Truckertreffen im Niedersachsenstadion, aber doch nicht zu uns.

Dann das Fanlied der 1860er: Also, da fällt mir noch nicht mal ein Vergleich ein, so schlecht war das. Und Vereine mit schlechten Fanliedern verlieren eigentlich fast immer bei uns.

Später blieben immer mehr Hauptribünensitzer ganz, wie es sich gehört, auch wirklich sitzen, als die Südtribüne mal wieder „Aufstehen, Aufstehen!“ rief. Und prompt fiel das 1:0. Das konnte ich dann zwar deshalb nicht richtig sehen, aber: Wer sich nicht fügt, gewinnt, und schon deshalb haben wir Sitzenbleiber das Spiel gestern eigentlich gewonnen.

Dann jedoch die Zitterphase: Die Südtribüne fing an, ausgerechnet „Rivers of Babylon“ von Boney M. zu summen. Das hörte sich sich schon ziemlich cool an, als es gar nich mehr aufhörte, aber jetzt mal ehrlich, „Sunny“ oder „Ma Baker“, das ginge ja noch, aber „Rivers of Babylon“??? Wie kann man so leichtfertig einen Sieg auf’s Spiel setzen!

P.A. neben mir gefährdete den Sieg dann aber so richtig. Hätte ich ihn nicht gestoppt, wäre das noch richtig schief gegangen. Zwanzig Minuten vor Schluß wollte er mir seine Spielananlyse präsentieren!!!! Aaaaargh! Ich konnte gerade noch so intervenieren, „Sag das jetzt bloß nicht!!!!“, hatte er doch schon schon das 2:0 verhindert. Ich so ( 😉 ) vor der Ecke: „Fertig machen zum Torjubel, die geht rein!“, und er so: „Direkt!“, und natürlich klappte das dann nicht, weil die Beschwörung viel zu konkret war.

So zitterte man also doch noch ein wenig, zum Glück habe ich dann noch den Ludwig rausgepöbelt, nach 5-10  Minuten konstanten Gemeckers hat der Stani das spirituell empfangen und den dann endlich rausgenommen und Fußballgott Schultz gebracht. Und da war ja dann klar, daß wir’s schaffen würden, was sich auch daran zeigte, daß die Südtribüne uns mal wieder ohne diese botsigen „Aufstehen, Aufstehen!“-Chöre zum Wechselgesang aufforderte, und dann konnte ja gar nix mehr schief gehen.

So stimmte ich aus aus ganzem, braun-weißen Herzen zu, als sie bei der Ehrenrunde der Boys in Brown „That’s the way we like it“ anstimmten! Was rhythmisch hammerhart schwer zu singen ist, das würden wir auf der Haupttribüne tatsächlich nicht hinbekommen.

Und so stellte sich heraus: Das ganze Spiel hatte gar nix mit bildender Kunst zu tuen, sondern mit Musik!

Während sich die Münchener im B-Movie fühlten, eben zweitklassige Fußballdarsteller – und wer solche Spiele so derart falsch liest, der verliert dann auch.

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Written by momorulez

20. September 2008 um 9:32

Veröffentlicht in Fussball

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4 Antworten

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  1. Ganz schön frech mein lieber 😉 – aber das mit dem Tor geht anders.
    Bin – entgegen meine Gewohnheit stehenzubleiben – aufgestanden, weil der Mann neben mir meinte, dass müsse man so amchen, damit ein Tor fiele. Wir standen dann ja auch noch und sangen uns zu. als Filip das schöne Tor machte. So wars auch diese Begebenheit, die da unter vielen Verbindungen zwischen Spielfeld, Bank, Nord und Süd, Haupt und Gegengeraden so gut funktionierte. So gut, dass wir beide auf die gleiche Headline kommen danach. Von wem die wohl kam? Von den USP-Sängern wohl rübergetragen in unser Unterbewußtsein 😉

    ring2

    20. September 2008 at 12:36

  2. „Ganz schön frech mein lieber 😉 “

    Das war der Rest-Alkohol, würde ich jetzt schreiben, käme was völlig anderes dabei raus 😉 …

    „Wir standen dann ja auch noch und sangen uns zu“

    Ja, ja, die Kollektivisten auf den Schalensitzen – da wirst du mit uns Banksitzern wohl kaum einen Konsens erzielen. Außer über das:

    (noch mal Long-Version – Scheißcooler Song! Wenn da noch irgendwann ’ne zweite Stimme dieses „huhuhuhuhuhuhu“ singt, sind die USP echt Weltmeister in sowas!

    Hast Du denn auch schon das schöne Statemnt von dem Mathias Hain gehört „… daß ich sowas noch erleben darf!“, bezogen auf die Stimmung in den letzten 10 Minuten?)

    momorulez

    20. September 2008 at 13:43

  3. Lovecrafts Chtlulhu-Mythos auf dem geistigen Horizont von Bierce und de la Mare, aber mit der Geographie und der Physiognomie von Eschers Treppenhäusern. Alice hinter den Spiegeln ist eigentlich eine Metapher für Quantengravitation, die als Kinderbuch daherkommt, die Parabeln von Bastiat hingegen Kinderliteratur, die mit hohlem Pathos als Wirtschaftsweisheit sich aufbläst.

    che2001

    20. September 2008 at 14:42

  4. zwischen Mythos und geistigem Horizont gehört: „ist späte Schauerromantik“

    che2001

    20. September 2008 at 14:47


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