shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Beat Wyss und der „ewige Hitlerjunge“: Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder

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Blöd für manche, daß der Titel „Der ewige Jude“ schon vergeben ist. Anspielungsreich das Ausweichmanöver: So ist ein „Essays“, abgedruckt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Monopol“ zum Thema Joseph Beuys, überschrieben mit „Der ewige Hitlerjunge“. Als sei das nicht schon schlimm genug, kündigt eine Schrift auf dem Titelblatt den Text mit den folgenden Worten an: „Mythos Beuys: Wieso die künstlerische Heilsfigur ein Wiedergänger der dreißiger Jahre war“.

Nun ist’s vielleicht wirklich überinterpretiert, in’s „Wiedergänger“-Motiv den Mythos von Ahasver hinzudeuteln, aber in welche Richtung dieses „Essays“ weist, wird dennoch deutlich: Ganz auf der Linie von Zettel, Grass-Bashern und Götz Aly wird versucht, jegliche sinnvolle Analyse des „3. Reiches“ zu unterbinden, indem man es in ’68 und die Bewegten hineinprojiziert. Und umgekehrt.

Habe ein wenig über Herrn Wyss gegooglet, scheint ja über ein gewisses Renomée zu verfügen, der Mann; liest man den Text, so fragt man sich doch, warum denn eigentlich. Bei ihm mutieren die dreißiger Jahre, als Kommunisten umgebracht, Erich Mühsam massakriert und Carl von Ossietzky eingekerkert, Bücher verbrannt und Juden zunächst mal „nur“ enteignet und aus allen öffentlichen Ämtern verbannt und boykottiert wurden, als unter Zuarbeit von Carl Schmitt Rassengesetze erlassen wurden, zu einer anthroposophisch untermauerten Feier von Wandervogel und Jugendbewegung mit sozialrevolutionärem Anspruch und „antiautoritärem“ Charakter.

Da reibt man sich erstaunt die Augen, der entsprechende Passus sei gleich noch mal zitiert, enthält er doch noch ’ne dolle, dialektische Wende; und natürlich gibt es Linien, die von Wandervogel und Jugendbewegung in’s „3. Reich“ wiesen, natürlich verstand es sich auch als sozialrevolutionär, und natürlich finden sich bei Steiner und der historischen Anthroposophie allerlei völkische Akzente.

Es wäre auch erstaunlich, wenn bei Beuys nix hängengeblieben wäre von alledem, 1933 war er zwölf Jahre alt, hat also prägende Jahre als Pimpf erlebt. Der Artikel weiß auch zu zitieren, wie Beuys selbst in einer Veröffentlichung von 1973 von dieser Zeit berichtete:

„Man muss ja zugeben, dass – etwa im Gegensatz zu heute – damals die Situation für jugendliche in gewisser Weise ideal war, um sich auszuleben. Es kann keine Rede davon sein, daß wir manipuliert worden sind; gut, man stand in Reih und Glied und trug die Uniform, aber ansonsten fühlten wir uns unabhängig.“

Das „Essays“ fügt an’s Zitat, „Beuys schwamm wie in Fisch im Wasser des braunen Zeitgeistes“. Weil er sich ja , im Zitat erkenntlich, ausgiebig für antisemitische Hetze, „Volk braucht Raum“-Ideologie und Hingabe an den Führer erwärmte, auch retrospektiv.

Ich kenne diese Geschichten von der HJ als eine Art spaßige Pfadfinderlager noch von meinem Vater, Jahrgang 1927; der hat sie mir eher erzählt, um zu demonstrieren, daß natürlich über solch ein Jugendabenteuer-Surrounding  auch ihm die Nazi-Überzeugungen vermittelt wurden. Und dies wiederum berichtete er, um den heute noch gültigen und bis hin zu Knopp verbreiteten Mythos, die Deutschen seien Hitlers Opfer gewesen, zurückzuweisen: Nö, die haben halt kräftig mitgemischt, und es hat ihnen grauenhafter Weise sogar Spaß gemacht. Würde meinerseits das Beuys-Zitat genau so auch lesen, „nee, wir waren nicht manipuliert, wir fanden das auch noch gut“ – für Wyss ist dies Schwärmerei.

Aber zurück zum antiautoritären Charakter des Nazi-Regimes:

„Im Künstlerhabitus verinnerlichte Beuys Ideen und Symbole, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte: An erster Stelle stand die antiautoritäre NS-Jugendpolitik, die es darauf anlegte, die Kinder als verwegene Phalanx des Systems und Aufpasser gegen die Eltern und Lehrer einzustezen. Denn die Jugend unter dem Hitler-Regime war bildbarer und kontrollierbarer als die Elterngeneration; indoktriniert von Schulen und Vereinen, kannte sie nichts anderes als die Ideologie des 3. Reiches. Die Jugend wurde geradezu angehalten, sich gegen die Autorität der alten liberalen, aber auch religiösen Eltern respektlos, zugleich aber der Neuordnung autoritär verpflichtet zu zeigen. Diese Doppelstragie funktionierte bei den Achtundsechzigern  nicht anders: Sie waren aufsässig gegen das „faschistische“ Bürgertum“, hörig den kommunistischen Ideologien. Sie waren beherrscht vom antiautoritären Autoritarismus. Beuys hat die Zangenoperation in’s Kunstsystem übertragen.“

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, in: Monopol Nr. 10/2008, S. 81-82

Da haben wir sie wieder, die konservative Zangenoperation: Ganz wie im Heimatfilm brach wie aus dem Nichts über sittliche Kirchen und vorbildlich liberales Bürgertum ’33 wie auch ’68 die Aufsässigkeit der wilden Horden.

Der antiautoritäre Geist von Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder“ kehrte ja auch wieder als Slogan aus Gammler-Mündern, und die Entgegnung liberaler Atoritäten formulierte dann Freddy Quinn in „Wir“. Brandschatzend zogen die Nazis durch die Kirchen und Villen des nicht-jüdischen gehobenen Bürgertums und ließen derweil Sozialdemokraten und kommunistische Sozialrevolutionäre in Ruhe, die ja auch Liberales und Klerikales so gar nicht teilen wollten. Die Vereine und Schulen erfolgten derweil in jugendlicher Selbstorgansiation, ganz die linken Ideale von später vorwegnehmend, dort die vorbildich demokratische Elterngeneration von Weimar im Zaume haltend.

Es soll ja gar nicht bestritten werden, daß es sowas wie einen „autoritären Antiautoritarismus“ gegeben hat unter 68ern. Das hat nur mit dem „3. Reich“ nix zu tun.

So geht’s dann auch fröhlich weiter im Text: Das clowneske Schamanentum von Beuys bezieht Beat Wyss auch auf Beckett, aber auch das ist eigentlich nazistisch, weil er ja sowas wie ’ne Uniform trug, der Beuys.

Wie ja eh der Nationalsozialismus als Höhepunkt des Schamanentums zu rezipieren ist, wo Beuys den Künstler-Schamanen tatsächlich gab. An nordischen Mythen hat er sich auch vergriffen, weil das auch und immer schon nur und ausschließlich Nazis waren, die diese kommentierten – und der „dritte Weg“ zwischen „Kommunismus und Kapitalismus“, den Beuys „predigte“, war ein „Gemeinplatz völkischer Nationrevolutionäre im Klima der Lebensreform“, da hatte Ludwig Erhardt seine „sozialen Marktwirtschaft“ dann wohl auch her. Wie die Suche nach dem „3. Weg“ wiederum zum Hörigsein den kommunistischen Ideologien gegenüber paßt, das erläutert Herr Wyss nicht.

Beuys Vorstellung von Politik als „sozialer Plastik“ sei „patriachal bis in’s Mark“; inwiefern, das wird nicht weiter begründet, stattdessen geht Herr Wyss direkt über zur „Honigpumppe am Arbeitsplatz“ und der Beuysschen „Materialsemantik“, die „wenig demokratische Transparenz“ verrate.

Ich kenne die Kunst von Beuys tatsächlich nur flüchtig, aber hallo, was ist denn das für eine Vorstellung von Kunst, daß sie gewissermaßen der Logik des Grundgestzes folgen solle?

Beuys gilt natürlich gemeinhein als einer von jenen, die die Differenz von Kunst und Leben aufheben wollten, vieleicht hat Herr Wyss sogar in allem recht, aber wieso schreibt er über solche Fragen dann gerade nicht???

Es macht einen ganz irre, wie man ohne jeglichen Beleg, ohne jegliche Erläuterung da Versatzstücke aneinander gereiht liest, die etwas anderes als Denunziation gar nicht bezwecken können wollen.

Beuys habe eine Stiftung gegründet, die dann als „brauner Rand“ in den frühen Grünen aufgegangen sei -kann ja sein, aber so mal eben unbelegt dahingeworfen, was erklärt das? Er habe immer an einer Theorie des „Völkskörpers“ und der „organischen Gesellschaft“ festgehalten, gestützt wird diese Aussage lediglich durch die Interpretation der Honigpumpe, die zumindest mir recht eigenwillig, weil angelesen erscheint: Womit jenseits der reinen Biographie, daß Beuys eben noch zur HJ-und Kriegsgeneration gehörte und diese Erfahrungen in seinem Werk auch verarbeitet hat, der einzig markante Bezug zu Nazi-Ideologien hergestellt wäre, „Volkskörper“ und „organische Gesellschaft“.

Doch das federt Wyss durch die Bezüge auf Rudolf Steiner wiederum ab, von dem Beuys beeinflußt war. Welcher ja durchaus mit dem Zeitgeist der 30er Jahre in Verbindung gebracht werden kann, aber reicht das für den „ewigen Hitlerjungen“?

Das kann man allenfalls behaupten, wenn diese Jugenderlebnisse von Freiheit und Spaß selbst, die Beuys ja in der HJ erlebt zu haben glaubte, dann auch schon alles sind – und dann hätte der Text genau so gut „der ewige Pfadfinder“ und „der ewgie Jugendsportler“ heißen könne. Eine Gleichsetzung von Pfadfindern und HJ ist das keineswegs – daß man diese aber analog erlebt haben kann, das ist ja unabweislich und macht gerade ihren Schrecken aus.

Kann’s sein, daß Herr Wyss sich nicht vielmehr nach einer Renaissance des Autoritären sehnt? Liest man die Pointe des Textes, so will es so scheinen:

„Noch heute wird wird an an der Botschaft von Beuys fleißig weitergehäkelt: Vom Heer der Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher, die aus Kunst ein Kinderland machen wollen. Beim Fördern von Kreativität möchte man nicht auf die gemütliche Wärme verzichten, die beim gemeinsamen Basteln aufkommt.“

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, Monopol 10/2008, S. 83

Ach ja, seufz, Herr Wyss, wären Kunst und Kindheit doch wieder hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder ….

PS: Eine Reaktion in DIE WELT sei nicht vorenthalten:

„Als „niederträchtig und abstrus“ bezeichnet der ehemalige Beuys-Sekretär Heiner Bastian solche Vorwürfe. „Ich fühle mich selbst betroffen. Für mich war das Studium des grauenhaften Naziregimes eine der furchtbarsten Erfahrungen. Ich habe in vielen Gesprächen mit Joseph Beuys, dessen Freund ich sein durfte, dieses Grauen geteilt. Können Sie sich ein Werk wie die ,Auschwitz-Vitrine‘, eines der traurigsten und erschütterndsten, zugleich klarsten Kunstwerke, welches sich direkt auf den Zivilisationsverlust des Naziregimes bezieht, von einem Künstler vorstellten, wie er von Beat Wyss charakterisiert wurde?“, schreibt er in einem offenen Brief an die „Monopol“-Redaktion.“

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Written by momorulez

28. September 2008 um 18:25

49 Antworten

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  1. Das heißt Ahasver, nicht Ashaver, und wenn man Meyrinks „Das grüne Gesicht“ gelesen hat, so weiß man, dass es auch eine sehr positive mystisch-kabbalistische) Deutung des Mythos vom ewigen Juden gibt.

    che2001

    28. September 2008 at 18:30

  2. naja, der Herr Wyss. Leider ist der ja recht wichtig. Schlimm ist, dass so getan wird, als wöre das alles was neues, Das HJ-Zitat vom Beuys wurde schon in den Siebzigern diskutiert, wie der ganze Komplex. Darüber haben wir schon in der Gymi-Zeit geredet.
    Nichts an dem, woraus Beuys hier der Strick gedreht werden soll, ist neu; der Herr Wyss ist ein Wiedergänger wie einige andere Farcen-Dreher auch. Aber witzig sind sie nicht.

    T. Albert

    28. September 2008 at 18:36

  3. Kann ja alles sein, aber die Verbindung von „Der ewige Hitlerjunge“ und „Wiedergänger“ ruft bei mir trotzdem andere, vielleicht unfaire Assoziationen hervor, die der Text durchaus bestätigt, Du Besserwisser. „Ich weiß was!“, ja super, Applaus.

    momorulez

    28. September 2008 at 18:36

  4. Ging an Che – und der Herr Wyss bezieht sich maßgeblich auf ein Buch von 2003, „Flieger, Filz und Vaterland“ von Frank Gieseke und Albert Markert

    momorulez

    28. September 2008 at 18:39

  5. Den Fehler „Ashaver“ habe ich aber hier nirgendwo gelesen, Che. –

    Die Aufsässigkeit der sog. 68er gegen das „faschistische Bürgertum“ ist der einzige Punkt der gesamten Revolte, den ich 100%ig unterschreiben kann, indem nämlich in diesen Jahren erstmals (!) Front gemacht wurde dagegen, die Opfer der Shoa ein zweites mal zu Opfern zu machen durch Schlußstrichmentalität, Verdrängung und Relativierungsvergleiche („Amis“/Indinaner etc.) was Jahrzehnte zuvor geradezu die Identität der bleiernen Adenauer-Zeit stiftete.
    Die schauerlichen Personalkontinuitäten von „3. Reich“ zu BRD in Politik, Wirtschaft Justiz, Ärzteschaft, im ganzen ‚Eliten’bereich wurde durch die „68er“ ans Licht gezerrt. Das scheint mir der Grund, warum da perennierend eine gewisse Sorte mit den 68er immer noch Rechnungen offen hat.

    Im wieder seltsam auch, wie doch die einschlägig-unvermeidlichen „Freunde Israels“ die 68er dafür doch loben müßten, und ich warte und warte bis es mal tun. Stattdessen werden die Kritiker der Nazi-Kontinuität als Strukturnazis denunziert, und der aus den Nähten platzende Markwort, dessen Adipositas ihn gottlob bald dahinraffen wird – idealerweise an dem Tag, an welchem der FCK in 1. Liga aufsteigt –, hält seine verquollene Hackfresse grinsend in die Kamera, während er die Worte „die Linke will einen nationalen Sozialismus“ spricht.

    Nörgler

    28. September 2008 at 23:06

  6. @“Mythos Beuys“

    Herr Wyss ist ein Apologet von Gerhard Merz, der seine eigene Arbeit als „ausgebrannten Klassizismus“ beschrieben wissen möchte. Daher auch dieser Hinweis auf die Beuys`sche Bastelei – Merz lehnt alle Bastelei ab, wie Wyss. Die träumen von einer Art negativer Ästhetik des Erhabenen, weshalb z. B. die Namen „Barnett Newman“ und „Ad Reinhard“ von Merz in seinen in „Quadrata an künstliche Wände geschriebenen Genealogien seines „Klassizismus“ auch benutzt werden, unter anderen. Die werden auf Rechts gewendet, solange, bis von der demokratischen Modernen, für die sie standen, nichts mehr übrig bleibt, ausser einer Merz`schen Farbfläche und fragmentierenden Zitaten rationalistischer architektonischer Elemente von Mies und Terragni, die auch gewissermassen entsexualisiert und so Bestandteil des ausgebrannten Klassizismus werden. Und der hat kalt und kühl zu sein im Willen so gering wie möglich von der Norm abzuweichen; es gibt da so einen Satz von Merz.
    Alles andere ist Bastelei und keine Kunst, solche Sätze fallen da auch. Und solche:
    „»Mythos«, so Beat Wyss, »ist ein hohes Konzentrat logischer Diskurse«.“
    ( Ihttp://hosting.zkm.de/kbb/ausstell/bn_aus_ku25.html)

    T. Albert

    29. September 2008 at 0:33

  7. Jessas, diese Künstler, ich komm da nicht mehr mit. Gibt es da irgendwo Visualisierungen, die ich mir anschauen könnte, um da etwas mehr von dem, was Du T. Albert da gerade geschrieben hast, verstehen zu können?
    Ich kenne Vivaldische Kadenzen, von denen mir die Finger schmerzen, aber ich kenne keine Merz’schen (man kann das auch ohne Apostroph schreiben) Farbflächen.

    Noergler

    29. September 2008 at 0:47

  8. Jetz fehlt noch ein Künstler, der sich auf Beuys bezieht, dem dann ewiges Hitlerjungentum vorgeworfen wird. Angesichts der Vorgänge in Rostock schon wirklich an der Grenze der kriminellen Albernheit, das „widerzukäuen“.

    ring2

    29. September 2008 at 7:46

  9. „Den Fehler “Ashaver” habe ich aber hier nirgendwo gelesen, Che. – “

    Den habe ich auch ausnahmsweise mal verbessert 😉 …

    @Ring2:

    Nee, um genau sowas wie Rostock geht’s ja da im Grunde genommen: Das ist der dazugehörige Legitimationsdiskurs, ob Herrn Wyss das nun klar ist oder auch nicht. Die Volksgemeinschaft wehrt sich nur gegen linken Dreck, der ’33 wie ’68 gegen Kirche und liberales Bürgertum in ausässigster Weise sozialrevolutionär deutsche Werte zertrümmerte.

    Da sind dann die Nazi-Hools nur Agens des gesunden Volksempfindens, basta.

    Und so eine Unkunst, wie so’n Beuys sie hervorgebracht hat, kann ja nur Spiegelbild des Totalitären sein. Neo Rauch hingegen kann wenigstens malen.

    All das, was der Noergler da völlig zu recht betont, wird somit mal eben aus der kollektiven Erinnerung getilgt – oder so soll’s zumindest enden …

    Wo Marc Pitzke von SpOn jetzt schon sowas wie Goebbels ist ….

    momorulez

    29. September 2008 at 8:38

  10. @momo, weswegen ich das ja „kriminelle Albernheit“ nenne 😦

    ring2

    29. September 2008 at 8:40

  11. Die offene Rechnung mit den 68ern läuft auf Regression hinaus: Autonomie (in der Kunst und im gesellschaftlichen Leben), sich selbst neu erfinden, Nonkonformismus soll nicht einmal mehr denkbar sein.

    che2001

    29. September 2008 at 8:46

  12. Das würde bedeuten, dass es den Bashern primär gar nicht um die 68er geht, sondern die sind nur der Aufhänger. Man verbindet alles, was einem nicht paßt, mit „68“, um es bequemer denunzieren zu können.
    Da könnte was dran sein.

    Nörgler

    29. September 2008 at 13:16

  13. Ja, und verbindet es dann auf Teufel komm raus mit ’33, was den immensen Vorteil hat, sich mit der Realität des „3. Reiches“ nicht mehr auseinandersetzen zu müssen und somit auch genau mit dem nicht, was Du weiter oben über „’68“ geschrieben hast.

    momorulez

    29. September 2008 at 13:22

  14. Beim 68er-Bashing werden doch schon seit vielen Jahren ehemalige Spontis, Punks, Feministinnen usw. mit aufs Korn genommen, also Leute, die rein altersmäßig gar keine 68er sein können, weil sie zwischen 1950 und 1965 geboren wurden.

    che2001

    29. September 2008 at 13:38

  15. T. Albert hat recht: was Wyss da schreibt, das ist notdürftig recycelter alter Kram aus den 70ern. Wie er habe auch ich schon in der Gymi-Zeit darüber geredet. Wo, in meinem Fall, „Kunsterziehung“ trotz eindeutig ´68er geprägter Lehrerin, eben nichts von einer gemütlichen (anthroposophischen?) Bastelstunde hatte. Da befasste wir uns auch mit zeitgenössischer Kunst – unter anderem mit Beuys.
    Übrigens mit dem Ergebnis, dass hinterher längst nicht alle Beuys Kunst verstanden – oder gar gut fanden. Gut fanden wir, und zwar, soweit ich mich erinnere, alle – die Beuys ehrlich Art. Der schwurbelte nicht ´rum, wie andere moderne Künstler, der redete Klartext. Dazu gehörte, das er sich nicht nachträglich zum „Nazi-Verfolgten“ oder „Widerstandskämpfer“ umlog, sondern z. B. klar sagte (sinngemäß zitiert): „Ja, ich war Stuka-Pilot. Und ich war es freiwillig. Dass der Krieg, die Nazis und der Rassismus Scheiße waren, das habe ich erst so richtig begriffen, als ich halbtot von „asiatischen Untermenschen“ aus den Wrack meiner Maschine gerettet und anschließend gesund gepflegt wurde.“ (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert.)
    Der zu den Frage, warum er keine „schöne“ Kunst machen würde (obwohl er es konnte – er war ein großartiger Zeichner und verstand eine Menge vom plastischen Gestalten, wir haben uns damals mit seine Skizzen und Studien beschäftigt), erklärte (wieder sinngemäß, aus dem Gedächtnis). „Ästhetik ist für meine Werke kein entscheidendes Kriterium. Die Concorde, jedes Kampfflugzeug und jeder Panzer sind viel ästhetischer als die gesamte moderne Kunst, von Picasso bis zu meinem Mist.“
    Was sich , wenn man kulturell konservativ wie Wyss ist, trefflich miss-interpretieren lässt: Beuys fand seine Kunstwerke selbst schlecht („mein Mist“), ebenso die gesamte Moderne. (Fand er nicht, er nahm sich und den Kunstbetrieb nur nicht so bitter ernst – und ich habe manchmal den Verdacht, dass viele seiner Werke Eulenspiegelei auf Kosten dieses sich zu ernst nehmenden Kunstbetriebes waren.) Oder das Beuys Waffen gut fand – fand er nicht, er fand sie nur schön, was ein gewaltiger Unterschied ist. Das irritierte damals vor allem die „Gesinnungsästheten“ in unserer Klasse, die erst die politisch und gesellschaftliche Gesinnung eines Künstlers oder – im Fach Deutsch – Schriftstellers abklopften, bevor sie sich zu einer Aussagen darüber durchrangen, ob sie das jeweilige Werk „schön“ fanden. (Und das sie sich bei dieser Art „Werkbetrachtung“, zumindest im Fach „Deutsch“, keine gute Noten einfingen, lag denn natürlich an der untragbaren reaktionären politischen Gesinnung des Deutschlehrers – der war zwar bekennender linker Sozialdemokrat (der wenig von Helmut Schmidt hielt), aber das sind ja bekanntlich die Schlimmsten!) Wobei ich die „Gesinnungsästheten“ meiner Schulzeit nicht pauschal „links“ sehen würde. Aus meiner heutigen Sicht waren es verunsicherte junge Menschen, die irgendwo Halt und überall „Schuldige“ suchten. Einer meiner Schulfreunde, die damals so drauf waren, hat später in der CDU Karriere gemacht. Damals war er ein autoritärer Typ, der irgendwo gelernt hat, dass „autoritär“ „schlecht“ ist. Heute macht er Wahlkampf mit Angst vor Terroristen, mit „Nulltoleranz“ und „hart durchgreifen“ wenn auch oft ganz lässig in Lederjacke und mit „coolen“ Sprüchen.

    MartinM

    29. September 2008 at 17:01

  16. Noch was zu dem CDUler, den ich aus der Schulzeit kenne: damals nannten wir ihn den „Punk-Popper“ bzw. „Punk-Spiesser“ – den lebenden Beweis, dass „spießig sein“ nichts mit Gartenzwergen, Krawattenzwang und Volksmusik zu tun haben muss.

    MartinM

    29. September 2008 at 17:05

  17. @“(Fand er nicht, er nahm sich und den Kunstbetrieb nur nicht so bitter ernst – und ich habe manchmal den Verdacht, dass viele seiner Werke Eulenspiegelei auf Kosten dieses sich zu ernst nehmenden Kunstbetriebes waren.)“ — Da kenne ich noch aus meiner Schulzeit, den 70ern ein Kunstwerk, das aus 5 Aluschienen bestand, jeweils mit spanischen Flaggen umwickelt, das „Armada“ hieß. Nach 68er-Lehrern hätte ich mich ja gesehnt. Ein paar hatten wir ja schon, aber die meisten Lehrkörper erzählten uns, dass wir dringend den Starfighter, um die Russen in Schach zu halten, dass antifaschistische Veranstaltungen zu vermeiden seien, weil dahinter die Kommunisten stünden, die schlimmer als die Nazis seien, und dass Hitlers Machtübernahme nötig gewesen sei, um eine kommunistische Machtergreifung zu verhindern. Das war so das, was meine Schulwirklichkeit in den 70ern prägte.

    che2001

    29. September 2008 at 17:10

  18. Solche Lehrer kenne ich auch. Zum Glück waren es nur einige.

    MartinM

    30. September 2008 at 6:12

  19. Die Anregungen von Wyss sollten sehr ernst genommen werden. Er stößt eine Debatte im Jahr 2008 über Beuys an, die so in den 80er Jahren nicht geführt wurde. Wie verarbeitete die Kriegsgeneration die Schrecken der Vergangenheit? Konnte sie es? Oder hielt sie an den erlernten Ideologien auch in der Kunst fest? Ich habe in meinem jetzt veröffentlichten Buch »Joseph Beuys: Künstler, Krieger und Schamane« auch mit einer Analyse des Objekts »Auschwitz Demonstration« nachgewiesen, dass das Werk von Joseph Beuys Verdrängung und Uminterpretation nationalsozialistischer Schrecken ist. Auch der FAZ-Kritiker Werner Spies hat hervorgehoben, dass Beuys-Objekte nicht auf die deutsche Hausapotheke verweisen sondern auf die Abdeckerei Auschwitz. Spies fragt: »Der Horror selbst dient eigentlich als Golddeckung für das, was Beuys vorführt. Können, so besehen, seine Objekte etwas anderes evozieren als das totale Verbrechen?« Warum applaudiert eine Kunstelite der Kunst von Beuys, die Verdrängung darstellt? Die Gewalt der Nazis wirkt lange nach – auch in der Kunst. Und wir müssen begreifen, dass wir diese Kunst (und die dahinter stehende Ideologie) detailliert entschlüsseln müssen, um neue gewaltfreie Wege gehen zu können. Die Debatte, die Albert Markert und Frank Giesecke schon in den 90er Jahren angestoßen hatte, die Wyss jetzt wieder einfordert, muss weitergeführt werden.

    Rolf Famulla

    2. Oktober 2008 at 11:58

  20. @Rolf Famulla.

    „Er stößt eine Debatte im Jahr 2008 über Beuys an, die so in den 80er Jahren nicht geführt wurde“

    Na, wenn T. Albert, Kommentator weiter oben, sich recht erinnert, wurde die aber in den 70ern schon ganz genau so geführt.

    „Wie verarbeitete die Kriegsgeneration die Schrecken der Vergangenheit? Konnte sie es? Oder hielt sie an den erlernten Ideologien auch in der Kunst fest?“

    Das fände ich angesichts der Bilder von Neo Rauch viel spannender, eine solche Diskussion zu führen – das kann doch bei Beuys schon wegen der Form und des Materials gar nicht der Fall sein.

    Selbst wenn er irgendwo in sich noch „Mein Kampf“ als Ideologie parat gehabt haben sollte – was ja noch nicht mal Wyss behauptet, der verweist auf Steiner und die Anthroposophie“ – ,so ist doch nicht Herr Breker oder Leni Riefenstahl dabei herausgekommen.

    Man kann doch einer Diskussion um Kunst nicht mal eben so ungeachtet dessen, was man da anschaut, erlebt ect., irgendeine Ideologie behaupten.

    Herr Wyss hat in dem Text, um den es geht, auch so eine seltsame Interpretation der „Honigpumppe“ als platonischem Bienenstaat durchgeführt, da wurde mir ganz schwindelig, wie man so seltsam direkt und unmittelbar irgendeine programmatische Message in sowas hineingucken kann, ganz, als sei das ein Stück politische Philosophie.

    Ich will jetzt gar nicht ausschließen, daß das auf Original-Deutungen des Künstlers selbst zurück ging, dann wär’s ja schön gewesen, Herr Wyss hätte diesbezüglich mal irgendeine Quelle oder irgendeinen Beleg abgegeben. Nö, auf Steiner-Einflüsse bei Beuys wird Bezug bgenommen, aber ansonsten flottiert das recht frei vor sich hin im Tonfall selbstgerechter Empörung.

    Daß ansonsten die Kriegsgeneration da ihre Erfahrung verarbeitet hat, das ist doch klar und keine weltbewegend neue Fragestellung. Das fing mit „Draußen vor der Tür“ an und ging dann entspechend weiter. Gerade zu Zeiten der Friedensbewegung der frühen 80er war das auch Riesen-Thema.

    Seltsamerweise reden nun allesamt bei Grass und Beuys von solchen Motiven, bei Ernst Jünger, der beim Präfaschismus noch ordentlich mitwirbelte, verstummt das Feuilleton. Ist doch offenkundig, worum’s da geht.

    „Ich habe in meinem jetzt veröffentlichten Buch »Joseph Beuys: Künstler, Krieger und Schamane« auch mit einer Analyse des Objekts »Auschwitz Demonstration« nachgewiesen“

    Wie weist man denn sowas nach im Falle der Kunst?

    „»Der Horror selbst dient eigentlich als Golddeckung für das, was Beuys vorführt. Können, so besehen, seine Objekte etwas anderes evozieren als das totale Verbrechen?“

    Könnten Sie mir diese Fragestellung bitte erläutern?

    „Und wir müssen begreifen, dass wir diese Kunst (und die dahinter stehende Ideologie) detailliert entschlüsseln müssen, um neue gewaltfreie Wege gehen zu können.“

    Weil Beuys‘ Kunst so gewalttätig wirkte? Weil sie Gewalt verdeckt? Auch das liest sich ja dolle, aber was soll’s denn sinnvoll meinen? Ist mir zu sehr sloganisiert und zu subtanzlos. Wirkt wie Theoire-Marketing, weil seit dem Grass-Bashing das so gut funktioniert auf dem Meinungsmarkt.

    Und würde Wyss da überhaupt eine Debatte führen, dann wäre es ja super. Dazu ist der Text aber leider nicht zu gebrauchen.

    momorulez

    2. Oktober 2008 at 16:42

  21. Komischerweise weiss ich schon seit 1974, dass Beuys sich natürlich mit dem Massenmord beschäftigte, 1973 ist das Buch von Konnertz, Adriani, Thomas erschienen, das HJ-Zitat von Beuys findet sich auch schon dort, dort findet sich überhaupt einiges, wo ich ganz direkt lesen und sehen kann, was, auch nach eigener Aussage, für Beuys wichtig wurde. Ich vermute mal, das weiss auch jemand, der zu Beuys schreibt.
    Das wusste auch jeder, zumindest im Rheinland, da erfuhr man manches nebenher, als Klatsch sozusagen; und Bezüge zur Hitler-Zeit konnte ja nun jeder herstellen, der Augen zum Sehen hatte und ein bisschen historisches Wissen, auch aus der eigenen Familie, besass. Irgendwie witzig, ausgerechnet aus Beuys jetzt den deutschen Verdränger machen zu wollen, oder, wie hier anzuklingen scheint, den affirmativen Auschwitz-Verwerter, weil man mit seiner Art des psychologischen und poetischen Bezuges nicht klar kommt.

    Wenn man das jetzt wieder mal diskutieren möchte, dann fände ich das ja ganz schön, aber doch nicht unter solchen Vorgaben, die Beuys zum Nazi-Künstler umstempeln.
    Ich wusste auch gar nicht, dass Nazi-Kunst so aussah wie die Beuyssche, Breker ist dann wahrscheinlich DER Künstler der früheren Bundesrepublik und ihrer Wirtschaftsführer wie Gerling. Breker war natürlich kein Bastler wie diese komischen demokratischen Leute wie Beuys.

    Bei der Honigpumpe ging es auch nicht darum, einen Bienenstaat zu wollen, sondern um Demokratie, der Honig war ja völlig anders konnotiert. Aber das muss man vielleicht nicht verstehen, denn genau diese Merkwürdigkeit wurde ja auch damals von vielen autoritären Anti-Bastlern nicht verstanden.
    Ich diskutiere nur.

    T. Albert

    2. Oktober 2008 at 17:38

  22. http://www.lob.de/cgi-bin/work/suche2?flag=ggle&titnr=249337253&id=DSVR1iKtzEKi&frame=yes:

    „Rolf Famulla enthüllt die Bildsprache von Joseph Beuys im Detail. Nicht nur beim Beuys-Werk »Auschwitz Demonstration« zeigt der Autor auf, dass Beuys Nazi-Verbrechen uminterpretierte und völkisches Gedankengut verbreitete.

    In radikaler Weise interpretiert Famulla Beuysï künstlerisches Werk neu: als Träger der völkischen Ideologie, wie sie von den Nationalsozialisten gepflegt wurde.Rolf Famulla deckt auf, was andere Beuys-Biografen verbergen: dass Beuys sich als Sturzkampfflieger im Zweiten Weltkrieg mit der nationalsozialistischen Ideologie identifizierte; dass er sich in der Nachkriegszeit weigerte, sein in der Zeit des Dritten Reiches geprägtes Weltbild zu revidieren. Beuys sah sich selbst als Künstler, Krieger und Schamane, als Kämpfer gegen Materialismus, Egoismus und die moderne Zivilisation. Als Alternative bietet Beuys Mythen der Germanen und Kelten an. Der Autor entschlüsselt die Bild- und Materialsprache von Beuys detailliert und zeigt deren Ursprung in der völkischen Ideologie und in den erlittenen Traumatisierungen im Zweiten Weltkrieg auf.“

    http://www.tuxamoon.de/magazine/kultur/literatur/2008/09/17/joseph-beuys/:

    „Der Sturzkampfflieger im Zweiten Weltkrieg weigerte sich auch in der Nachkriegszeit, seine Identifikation mit der nationalsozialistischen Ideologie genauer anzusehen. Also war er zur Mythenbildung gezwungen.“

    Jetzt muß man natürlich aufpassen, nicht das zu machen, was Wyss mit Beuys macht, also augrund von Aussagen Dritter dann auf’s Werk zu schließen, also entschuldigen Sie, Herr Famulla, daß ich jetzt auf diese Rezensionen zurückgreife – falls es denn so ist, T. Albert, korrigier mich, daß Beuys eine eigene, mythisch-künstlerische Sprache erfand, aus dem Trauma heraus, den Nazis aufgesessen zu sein – dann ist das doch zeitdiagnostisch geradezu sowas von auf den Punkt, daß es gar nicht selbst „völkisch“ sein kann.

    Und „Kämpfer gegen Materialismus, Egoismus und die moderne Zivilisation“ zu sein, das würde dann auch den Papst zum Völkischen stilisieren.

    Klar, ist ein sensibler Punkt, habe ja damals Anfang der 80er Ökobewegungsinspiriert im Circus Roncalli gesessen und Tolkien gelesen, aber Nazi ist man deshlab ja nun doch nicht gleich. Auch die Bezugnahme auf Kelten und Germanen reicht da nicht aus, da muß schon noch was hinzutreten …

    momorulez

    2. Oktober 2008 at 19:36

  23. Joseph Beuys ein völkischer Ideologe? Der Kämpfer für die demokratische und künstlerische Selbstbestimmung in einer rechten Ecke? Der am lautesten schrie »Freiheit für die Kunst« – Seite an Seite mit Breker? Das ist doch Quatsch, da hat jemand in der Schule nicht richtig aufgepasst. Nachsitzen! Noch einmal Schulaufgaben machen!
    Leider ist es mit der Ideologie nicht so einfach. Und gerade mit der deutschen. In den 80er Jahren erregte Beuys mit einer ungewöhnlichen Materialsprache Aufsehen. Die Bild-Zeitung zeterte: So viel Geld für Fett. Kunstsinnige sinnierten über die geheimnisvolle Bildsprache. Rudi Dutschke fuhr zu Beuys und bescheinigte ihm hohes Kunstverständnis. Aber er sei unpolitisch. Die »linken« Künstler Staeck und Vostell machten mit Beuys Aktionen. Es gab bei Beuys nur Pro und Kontra. Aber verstanden wurde er nicht. Allenfalls B. Buchloh merkte 1987 etwas Kritisches an. Erst 1996 erschien das Buch von Albert Markert und Frank Giesecke, die die nationalsozialistischen Schattenseiten des Künstlers beleuchteten. Es wurde aber abgetan. In den USA wurde in den 90er Jahren während einer Ausstellungsreihe das Mythisch-Germanische thematisiert, das auch Spies zu sehr kritischen Tönen veranlasste. Erst 2002 erschien die Dissertation von Nicole Fritz, die vor allem die frühen Zeichnungen von Beuys untersuchte und eine große Schnittmenge mit völkischem Gedankengut ausmachte. Sie bestätigte die Vermutung von Spies, dass Beuys aus dem 1927 erschienenen Handbuch des deutschen Aberglaubens schöpfte. Die germanische Götterwelt befruchtete Beuys. Nach meiner Meinung haben wir erst jetzt (hoffentlich) – über 60 Jahre nach der überstandenen Katastrophe – die Möglichkeit, die sublimen Ideologien, wie sie sich auch in der Kunst niederschlagen, zu durchschauen und zu überwinden.
    Hier ist Beuys exemplarisch: Er war 26 Jahre alt am Ende des Krieges. Ein überzeugte Sturzkampfflieger und nationalsozialistischer Kämpfer. Im Krieg wurde er traumatisiert – die deutsche Niederlage hat ihn darüber hinaus tief verletzt. Ihm daraus einen Vorwurf zu machen, wäre ungerecht. Denn 95 Prozent der Deutschen teilten seine Verletzungen. Aber es ist doch legitim zu fragen, wie und ob er diese Ideologie überwunden hat. Und da bin ich nach sehr genauer Analyse zu dem Schluss gekommen, dass Beuys ausdrücklich an der Ideologie festhielt. Nicht in der banalen Sprache eines Breker – in einer sublimen. Er ist unfähig zu trauern (Mitscherlich), er sieht sich selbst als Opfer des »Materialismus«.
    Unfähig, die nationalsozialistische Katastrophe realitätsgerecht aufzuarbeiten, unfähig, Täter und Opfer zu benennen (denn er selbst war ja Täter) greift er zur Mythenbildung. Er stilisiert sich selbst als »Opfer« des »Materialismus« und empfiehlt die Rückkehr zu den Mythen der Germanen. Leider sehen diese so aus, wie er es in der Schule gelernt hatte.
    Die Honigpumpe am Arbeitsplatz wird als Sinnbild für Demokratie interpretiert. Nach den Worten von Beuys hätte dort statt Honig besser Blut zirkuliert. Man kann sich auf den Kopf stellen: Aber Blut und Boden sind nun einmal die wichtigsten Materialien in der »avantgardistischen« Bildsprache von Beuys.
    Ob der Papst völkisch denkt (oder ob auch dort Schnittmengen festzustellen sind), vermag ich nicht zu beurteilen. Beuys beruft sich auf Steiner als dem größten Philosophen. Obwohl Steiner sehr facettenreich ist, vertrat Steiner eine Rassenlehre (die Germanen waren die Führerrasse) und er war antisemitisch. Hitlers Stellvertreter Hess war Steiner-Anhänger. Bei meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass die völkischen Strömungen in Deutschland (bei denen der Nationalsozialismus ja nur ein seltsames Gemisch darstellte) nur sehr unzureichend wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Gerade das sollten wir jetzt tun. Denn der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.
    Die Zitate, die ihr anführt, finde ich auch sehr holzschnittartig: Aber was soll man tun, wenn man 222 Seiten Analyse auf den Punkt bringen muss?

    Rolf Famulla

    3. Oktober 2008 at 12:48

  24. Och Herr Famulla,
    ich diskutiere das sehr gerne weiter, aber ich verstehe weiter nicht, wieso die Steiner-Bezüge von Beuys so neu erforscht sein sollen,- zum Beispiel nur das -, diese Bezüge wurden doch immer kritisch diskutiert, ich kann mich in Künstlerkreisen an gar nichts anderes erinnern. Das wurde doch nicht abgefeiert. Andererseits ist es ja noch kein Beweis, dass ein Steiner- Anhänger lebenslänglich Nazi war, weil Hess ein Steiner-Anhänger war. Ich kenne zum Beispiel als linker Anti-Nietzscheaner auch Nietzscheaner, die alles andere als Nazis sind.
    Und der Beuys als „völkische Strömung“, weil er sich auch auf Germanisches bezog, naja, das ist js der Punkt, wo es unspannend wird, wenn die Rezeption kritisiert werden soll. Das WAR nämlich immer schon manchem nicht recht sympathisch, mir auch nicht, aber ich kann nicht jeden, der germanische Mythologie benutzt, zum Völkischen erklären.
    Welche Mythologien sind denn erlaubt?
    Das ist allerdings eine Frage, die mich sehr interessiert, denn wir diskutieren das ja mittlerweile auf einem Niveau, wo man auch biblische Begründungen seiner Ästhetik umstandslos um die Ohren gehauen bekommt.
    Deswegen kann sich zB Merz auch vorgeblich auf Newman beziehen, und dessen Pascha-Fest-Ästhetik, die er in einem kurzen Aufsatz entwickelte, zugunsten seines leeren, „ausgebrannten Klassizismus“ instrumentalisieren, er ignoriert einfach den Inhalt.
    Welche Teile griechischer Mythologie sind denn gestattet, oder ist die auch unerlaubt, weil der Herr Hitler die Deutschen mal als die eigentlichen biologischen NAchfahren der Griechen und ihre wahren geistigen Erben beschrieben hat?

    T. Albert

    3. Oktober 2008 at 13:34

  25. Merleau-Ponty zum Spiegelcharakter der Objekte:

    To look at an object is to inhabit it, and from this habitation to grasp all things in terms of the aspect which they present to it.

    T. Albert

    3. Oktober 2008 at 14:41

  26. @Rolf Fomulla:

    Ich finde das auch ein wenig schwach begründet, verzeihen Sie mir- daß die völkische Ideologie als solche doch etwas gehöriger untersucht werden sollte, da bin ich ja durchaus bei Ihnen, aber die Merkmale, die Sie anführen, sind nun nicht gerade die, die das „3. Reich“ so widerlich zu befruchten wußten – mal agesehen vom Antismitismus, der für dieses konstitutiv war, und gibt es da explizite Aussagen von Beuys, die das stützten?

    Da führt der Herr Wyss mit dem „Völkskörper“ zum Beispiel was ungleich Gewichtigeres an; er belegt’s aber nicht. Und „Antimaterialismus“ ist doch etwas zu diffus, um nun als Boden der „Blut und Boden“-Ideologie zu fungieren.

    Die Dissertation von der Frau Nicole Firtz, die steht ja komplett online, da habe ich kurz reingeschaut – wenn nun Bücher des germanischen Aberglaubens den Holocaust bewirkt haben sollen, na dann hallelujah.

    Das ist doch ein wenig Ideologie-Kritik für Doofe, pardonnez-moi, was hier so betrieben wird, und ja nur eine von diesen unsäglichen Verharmlosungen des 3. Reiches, siehe oben den Eintrag, das ist ja, was mich am fuchsigsten macht, daß jemand angeblich schon völkisch AGIERT, wenn der Rudolf Steiner liest – völkisch AGIERT jemand, wenn er Leuten wie Erich Mühsam erst die Zähne einschlägt und sie dann aufhängt, um in paar Jahre später Gaskammern aufzubauen. Und Künstler, die für „entartet“ gelten, das Leben unmöglich macht; fast schein es ja, als hätten Sie oder Herr Wyss sich solche Maßnhamen gegenüber Herrn Beuys gewünscht.

    Insofern macht beim folgenden das alles wirklich keinen Sinn:

    „Er ist unfähig zu trauern (Mitscherlich), er sieht sich selbst als Opfer des »Materialismus«.
    Unfähig, die nationalsozialistische Katastrophe realitätsgerecht aufzuarbeiten, unfähig, Täter und Opfer zu benennen (denn er selbst war ja Täter) greift er zur Mythenbildung. Er stilisiert sich selbst als »Opfer« des »Materialismus« und empfiehlt die Rückkehr zu den Mythen der Germanen.“

    Das ist ja implizit auch der typische Vorwurf der 68er an ihre Elterngeneration, deshalb ist es um so kruder, den nun wiederum gegen die 68er selbst zu wenden, wie Wyss das tut. Und ansonsten kann das „sich als Opfer der Materialismus fühlen“ und „Rückkehr zu den Mythen der Germanen“ nicht stützen, was das als „Unfähigkeit, Täter und Opfer zu bennen“ beschworen wird.

    Zudem: Was für eine Kunst soll denn das sein, die das tut? Nicht umsonst hat Adorno sein berühmtes Diktum, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, nach Celans „Todesfuge“ zurück genommen – das ist nun aber auch kein Pamphlet im offenkundig ja von Ihnen geforderten Sinne.

    Ihre ganze Argumentation wirkt so, als habe Kunst eher was mit politischer Philosophie zu tuen, siehe oben, und diese irgendwie unmittelbar abzubilden, und so plump haben ja noch nicht mal Brecht oder Sartre agitiert …

    Mal ein paar Zitate, was historisch als völkisch galt in den 20er Jahren des letzten ahrunderts:

    „Der völkische Gedanke baut sich auf dem Begriff des deutschen Menschen auf, der durch keine andere Tatsache zur Entstehung kommt als durch die Abstammung von Deutschen und in seinem Wesen bestimmt wird von seinem Blut, d.h. seinen Ahnen her in ihn eingegangen Erbanlagen“ (Herrmann Meyer, Der deutsche Mensch, München 1925)

    „Alles Internationale ist dem Völkischen suspekt und verhaßt. Er verfolgt ein Programm ölkischer Autarkieauf allen gebieten:

    (…)

    3. Auf dem Gebiete des Geistes durch Konzentrierung deutsches Denken unter Ausschaltung fremden Geistesgutes, insbesondere durch die Ausmerzung es widerdeutschen jüdischen Literaturgeistes. In der deutschen Sprache durch Abschaffung bzw. Eindeutschung aller Fremdwörter.

    4. In der Kunst durch Pflege artgemäßer und das deutsche Wesen verherrlichender Kunst.
    (…)
    6. in der Religion durch Ersetzung des jüdischen Gottes durch einen germanischen Gott.“

    Zitiert nach: Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, S. 132-133

    Und was macht Beuys? Er beruft sich auf tatarische Schamanen und bezieht sich den gemanischen Polytheismus.

    momorulez

    3. Oktober 2008 at 15:04

  27. Mythologien sind Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses aller »Völker« unserer Erde. Ursprünglich waren es Geheimreligionen, dann das Bestreben, das Übersinnliche durch Abkehr von der Sinnenwelt durch Meditation zu erfahren. Ist das erlaubt? Natürlich darf jeder orakeln. Es kommt darauf an, was er daraus macht. Wenn Beuys bei seinem Objekt »Auschwitz Demonstration« auf germanische Mythologie zurückgreift und dann zu dem Ergebnis kommt, dass das christlich-jüdische »materialistische« Denken zu der Katastrophe geführt hat, dann geht mir die Hutschnur hoch. Erst recht, wenn er in dem Objekt eine Ratte = Jude platziert. Er vertauscht mit der ihm eigenen Mythologie Opfer mit Tätern.
    Die germanische Mythologie wurde seit der Romantik als Darstellung der Volkserlebnisse im Lichte des religiösen Glaubens dazu missbraucht, die Vormachtstellung der germanischen Herrenrasse zu begründen. Die germanische Mythologie ist seit dieser Zeit ohne große geschichtliche Kenntnisse neu gedichtet und gemalt worden – sie ist zum großen Teil Geschichtsklitterei. Auch bei Wagner und Nietzsche.
    Die Vormachtstellung mit Hilfe von Mythen zu behaupten, ist keine deutsche Erfindung. Auch die jüdischen oder griechischen Mythen behaupten das.
    Mythen beziehen sich auf das Übersinnliche, Transzendente und Göttliche und entziehen sich so der Überprüfbarkeit. Das ist gerade in Künstlerkreisen sehr beliebt. So können sie sich als Gott gleiche Genies herausputzen. Beuys empfindet die Einheit des Kosmischen in seiner Spiritualität. Beuys kann mit dieser spirituellen Gabe geschichtliche Prozesse ungeschehen machen oder Raum und Zeit aufheben.
    Hokuspokus? Nein = künstlerische Spiritualität. Individuelle Mythologie, aber bei Beuys eben verziert mit dem Rattenschwanz deutscher Geschichte.
    Mythen gehören wissenschaftlich überprüft und vor allem von dem völkischen Vormachtglauben befreit. Das ist der Ansatz der deutschen Aufklärung. Und deshalb bekämpft Beuys auch jedwede Aufklärung und den christlich-jüdischen »materialistischen« Verstand.
    Nur so kann er sich als Schamane und Heilsbringer vermarkten. Das haben auch Anselm Kiefer, Sigmar Polke und Rebecca Horn erkannt. Sie blasen in fast dasselbe mythologische Horn.

    Rolf Famulla

    3. Oktober 2008 at 15:23

  28. Da fällt mir jetzt „anschwellender Bocksgesang“ zu ein. Andere Frage: Wer ist eigentlich dieser Neo Rauch, den ich nur aus Shifting Reality kenne?

    che2001

    3. Oktober 2008 at 16:28

  29. jetzt wirds interessant.

    leider muss ich weg. aber der zank geht erst los.
    kann es sein, Rolf Famulla, dass Künstler und künstlerisches Denken nicht eben zu Deinen lebensweltlichen Favoriten zählen?

    Gibts auch ein Zitat vom antichristlich-antijüdischen Beuys?

    Der Hase ist ein christliches Fruchtbarkeitssymbol

    T. Albert

    3. Oktober 2008 at 16:39

  30. @Rolf Famulla:

    Mythen sind zunächst mal Geschichten, Narrative, die dadurch, daß sie weiter erzählt werden, sich wandeln, heute ja am ehesten in Hollywood, ganz explizit auf Mythen sich berufend – und mir’s scheint es ein wenig, als ginge es hier darum, einen Beuys-Mythos zu stiften, um Kunst zu entmündigen und stattdessen dem Kritiker und seinen privilegierten Deutungen der „Schrift“ einen Hohepriester-Status zuzuweisen.

    Daß natürlich deutsche Mythologie gerade um die Romantik herum – interessant ja in dem Zusammenhang die Gebrüder Grimm – gerade in Deutschland dazu genutzt wurde, das Nationale eben anders zu begründen als z.B. in Frankreich, England und den USA: Geschenkt.

    Das ist übrigens was, was mich sehr ägert – die Runen beispielsweise finde ich außerordentlich spannend, und ich könnte mich maßlos ärgern, daß die Nazis und ihre Vordenker mir jede neutrale Möglichkeit genommen haben, mich mit ihnen zu beschäftigen, sind es doch eigentlich ganz spannende Naturbilder wie auch das I Ging z.B., die hier im Norden ganz gut in die Landschaft passen und ziemlich vieldeutig visuell verdichten.

    Eben das, was Kunst möglichst auch vollbringen sollte – nicht etwa „Überprüfbarkeit“ im Sinne der Wissenschaften oder im positven Sinne rationalistischer Philosophie. Wäre doch nun wirklich Quatsch, bei den verschiedenen Sphären die selben Maßstäbe anzulegen, dann könnte man ja es auch bei der Mathematik belassen und bräuchte gar keine Kunst.

    Das ist zudem auch noch implizit rassistisch und eurozentristischer Überlegenheits-Dünkel, was Sie hier formulieren, diese ganzen von Ihnen formulierten Verdikte würden ja weite Teile der historischen, afrikanischen Kunst zum Beispiel gleich mit betreffen.

    „Mythen gehören wissenschaftlich überprüft und vor allem von dem völkischen Vormachtglauben befreit. Das ist der Ansatz der deutschen Aufklärung.“

    Na, dann lassen wir das mit der Kunst doch lieber gleich ganz bleiben, Sie bringen hier verschiedene Diskurstypen und Darstellungsformen wirklich geradezu atemberaubend durcheinander – höchst verdächtig zudem, daß Sie „deutsche“ Aufklärung schreiben. Die gab’s ja nun auch international.

    „Wenn Beuys bei seinem Objekt »Auschwitz Demonstration« auf germanische Mythologie zurückgreift und dann zu dem Ergebnis kommt, dass das christlich-jüdische »materialistische« Denken zu der Katastrophe geführt hat, dann geht mir die Hutschnur hoch. Erst recht, wenn er in dem Objekt eine Ratte = Jude platziert. Er vertauscht mit der ihm eigenen Mythologie Opfer mit Tätern.“

    Ich vermute, daß Sie das in Ihrem Buch ausführlicher ausgeführt haben werden – rein intuitiv würde die Ratte in der Ausschwitz-Vitrine mir ja nun allerlei an Deutungen nahelegen, z.B. eine ganz außerordentlich vehemente ud eindringliche Kritik der Darstellung von Menschen als Parasiten, aber das scheint mir ja Methode zu sein: Die Darstellung von Grauen, und sei’s auch indirekt, als Form der Kritik gar nicht zu akzeptieren, so, als sei Nationalist, wer eine Flagge malt. Wer antisemitische Symbole zur Darstellung bringt, muß diese ja nun nicht gleich befürworten oder teilen.

    Kenne die „Demonstration“ nur von Fotos; das, was als erstes in’s Auge sticht, sind die Fettplocken auf der Herdplatte, und bei mir sitzt das, wenn ich das sehe, ist nun mal markant am Holocaust dessen systematisch-industrielle Durchführung, die nun von Aufklärung und Wissenschaft gerade NICHT verhindert, sondern durch Wissenschaft erst möglich wurde.

    Auch sonst sei ein eher populär gehaltenes Überblickswerk zitiert:

    „“Einen zentralen Werkkomplex innerhalb des Darmstädter Blocks von Joseph Beuys bildet die von ihm selbst so genannte „Auschwitz Demonstration“ mit Objekten aus den Jahren 1956 bis 1964. Beuys hat einmal bekannt, daß die Nachricht von den Massenmorden für seine künstlerische Tätigkeit grundlegend gewesen sei: „Eigentlich ist dieser Schock nach Ende des Krieges mein Urerlebnis, mein Grunderlebnis, was dazu geführt hat, daß ich überhaupt begonnen habe, mich mit Kunst auseinanderzusetzen, also mich im Sinne eines radikalen Neubeginns wieder zu roientieren.“ (1980)
    Er habe, hat Beuys zur „Auschwitz-Demonstration“ geäußert, nicht die Vorgänge im Lager und nicht die Vernichtung der Menschen darstellen wollen, „sondern das Wesen und die Bedeutung der Katatstrophe“, denn „die Lage, in der sich die Menschheit befindet, ist Auschwitz, und das Prinzip Auschwitz wird in unserem Verständnis von politischen Systemen … fortgesetzt“. So würden etwa Talent und Kreativität ausgemerzt statt gefördert.
    Was Beuys hier in der Erinnerung an die mörderischen Ereignisse zu leisten versuchte, ist Trauerarbeit. „Auschwitz Demonstration“ ist eine der eindringlichsten Auseinandersetzungen mit dem Holocaust, und zwar gerade deshlb, weil an die stelle einer Abbildung die zutiefst irritierende persönliche Bewegtheit in einer elementar neuen Sprache der Bilder getreten ist.“

    Uwe M. Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert, München 2001

    Nun geht mir diese Universal-Metapher „Auschwitz“ auch auf den Geist, ist aber seit dieser „Hollywood = Holocaust“-Denke Horkdornos so exklusiv nicht – zudem die Pointe auf dem faktischen Eliminieren von Talent und Kreativität liegt. Da kann ich keine germanische Mythologie entdecken, und auch nix Völkisches.

    Auch diese „Stunde 0“, die Beuys da für sich reklamiert, ist, na, hat ein Geschmäckle, das wohl typisch ist für seine Generation, das macht’s nicht besser. Aber nun Täter und Opfer verwechselt zu haben, sorry, ich kann das dem nicht entnehmen.

    momorulez

    3. Oktober 2008 at 17:06

  31. @Che:

    http://images.google.de/images?hl=de&q=neo+rauch&btnG=Bilder-Suche&gbv=2

    Ist einer DER aktuellen, deutschen Malerstars, steht für die „Leipziger Schule“, also jene, die noch bei führenden DDR-Malern das Handwerk des sozialistischen Realismus lernten, bei Arno Rink zum Beispiel (der froh war, daß die Mauer ihn vor Beuys beschützt hat).

    Rauch hat mit Botho Strauß zusammen gearbeitet und findet, wenn ich mich recht entsinne, auch den Herrn Jünger ganz toll. Undsoweiter.

    Leider ist seine Kunst ja trotzdem verdammt beeindruckend, gerade, wenn man sie als Pop-Art anguckt, aber es schüttelt einen trotzdem, wenn man sie sieht …

    momorulez

    3. Oktober 2008 at 17:12

  32. Dann lag ich mit meiner Bocksgesang-Assoziation ja richtig.Leipziger Schule kenne ich natürlich, habe mich aber nie mit beschäftigt, weil mir die ganze Richtung nicht gefällt. Dann schon lieber Schiffling, Wenske oder Escher.

    che2001

    3. Oktober 2008 at 18:24

  33. Zur Interpretation von „Ratte“ in der in Rede stehenden Beuys-Installation

    Das Übelste, was die Nazis den Juden antaten, war nicht, sie als Tiere, Ratten zu bezeichnen; das Übelste war, die Juden unter den Bedingungen der Lagerhaft tatsächlich auf den Status bloß noch vegetierender Naturwesen herabzuzwingen.

    Neben dem Grauen, im Vernichtungslager sterben zu müssen, darf das Grauen nicht übergangen werden, das darin bestand, dort leben zu müssen. Die Parameter dieses Lebens waren so gesetzt, dass sie vom Menschen das subtrahierten, was ihn zum Menschen macht. Das Resultat der Subtraktion ist ein Wesen, das sich unterhalb des Menschlichen bewegt. So machten die Nazis die Juden zu dem, wovon sie schon immer behauptet hatten, dass die Juden es wären: buchstäblich zu „Untermenschen“.
    Als solche entsprechen sie nicht der Norm der Kulturnation, und werden daher im Lager excludiert – so funktioniert die Beweiskette.

    Den Ort der Beuyssche Ratte anderswo zu sehen als im Umfeld des kritischen Gedankens, gar zu unterstellen, die Vitrine affirmiere die Shoa, ist deutlich interessengeleitet, welche Interessen auch immer dies sind.

    Noergler

    3. Oktober 2008 at 18:46

  34. „Neben dem Grauen, im Vernichtungslager sterben zu müssen, darf das Grauen nicht übergangen werden, das darin bestand, dort leben zu müssen.“

    Danke, Noergler, für diesen Hinweis – in der Tat betont man – ich – es oft nicht deutlich genug angesichts dieses industriellen Massenmordes …

    momorulez

    3. Oktober 2008 at 23:03

  35. […] Beat Wyss und der „ewige Hitlerjunge“: Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie LederStammesfehden oder: Wie wir sind!Die Wiedergeburt der Nation aus dem Geist der WM: Gebt mir ein […]

  36. […] Kommentare Zettel zu Stammesfehden oder: Wie wir…Den Neoliberalen ihr… zu Beat Wyss und der “ewige…momorulez zu Kleiner Versuch über den…T. Albert zu Die Wiedergeburt der Nation au…cut […]

  37. @ Rolf Famulla

    Ich verstehe, glaube ich, die ganze Argumentation deswegen nicht, weil sie ihrerseits den Vorwurf gegen Beuys widerzuspiegeln scheint. Beuys locker mal zum Antisemiten zu erklären, indem man “christlich-jüdisch” schreibt und behauptet, Beuys – ausgerechnet – sei antichristlich und damit antijüdisch, naja, da schlägt vielleicht der deutsche antisemitische Hase seinen Haken, aber nicht der Christologe Beuys.
    “Christlich-jüdisch” im täglichen politischen Sprechen ist überhaupt eine der geschicktesten Erfindungen der letzten jahrzehnte gewesen, damit kann man echt alles machen, merk ich immer wieder.
    Dann gibts bei Dir griechische und jüdische Mythen wie keltische und germanische, aber Nazi Beuys kämpft gegen den “”christlich-jüdischen “materialistischen” Verstand.”
    Tatsächlich hätte ich sowas denn langsam doch gerne mal erklärt, denn das ist ja eine gängige Formel geworden, nicht nur in diesem Zusammenhang.

    T. Albert

    5. Oktober 2008 at 12:35

  38. Zwei Sachen sind mir wichtig zu kommunizieren:
    Erstens: Von der nationalsozialistischen Ideologie haben viele eine sehr einseitige Schwarz-Weiß-Vorstellung, weil sie die Ideologie nur auf brutale Rassenhetze verkürzen (KZs und Mord). Mir wird häufig vorgeworfen, ich könne doch nicht völkisches Gedankengut, Wagner und Nietzsche, die Steinersche Theosophie und Anthropologie mit nationalsozialistischer Ideologie gleichsetzen. Das möchte ich eigentlich auch gar nicht machen, aber die Nationalsozialisten haben es geschafft – und so ist diese gefährliche Mixtur entstanden. Benn, Heidegger und Jünger, sie alle haben mitgemacht und profitiert. Sie waren auch am Entstehen dieser gefährlichen Mixtur beteiligt. Im Nachhinein das auszudifferenzieren und zu entscheiden, die eine oder andere völkische Richtung sei ja nicht so schlimm gewesen, weil sie sich 1943 vielleicht oder später zum Widerstand entschlossen habe, ist schwierig. Zuerst haben sie an dem verhängnisvollen Irrweg mitgearbeitet, waren also Komplizen. »Christlich-jüdisch« und die Front gegen den »Materialismus«, ganz schlimm wenn er dann auch noch marxistisch-bolschewistisch ist, sind nicht in den letzten zehn Jahren entstanden, sondern entstammen dem völkischen Vokabular der zwanziger Jahre. Beuys ist übrigens kein Christologe.

    Das Nachdenken über diese komplexe, demokratiefeindliche, mit Mythen besetzte Ideologie ist deshalb wichtig, weil auch heute noch derartige irrationale Ideologien nicht nur im Islam fröhliche Urstände feiern – auch und vor allem in den USA. Mit vereinfachenden Feindbildern, die gefährliche Kreisläufe in Gang setzen.

    Zweitens: Wenn ich über Beuys nachdenke, dann reflektiere ich damit auch die Kunst der Vergangenheit. Wie hat diese Kriegsgeneration ihre Vergangenheit verarbeitet? Konnte sie es? Und da komme ich mit Mitscherlich zu dem Ergebnis, dass diese Generation im wesentlichen Verdrängungsarbeit geleistet hat (auch in der Kunst). Beuys ist für mich ein exemplarischer Fall, weil man auch an seinen vielen Objekten und Aktionen diese Verdrängungsarbeit konkret nachweisen kann (ich mache das auf 222 Seiten, kann es also hier nicht ausführen). Mir geht es also gar nicht darum, Beuys so nebenbei zum Antisemiten zu erklären oder in andere Schlagwörter abzurutschen. Sondern die Traumatisierungen, die Verdrängungsarbeit aufzuzeigen. Weil diese einer Demokratisierung der Gesellschaft im Wege steht. Dies hat dann auch dazu geführt, dass die 68er, zu denen ich mich auch zähle, Verhaltensweisen unserer Väter nicht nur vehement kritisierten, sondern ihre Verhaltensweisen auch übernahmen – Beat Wyss kritisiert die Anlehnung an den autoritären Sozalismen des damaligen Ostblocks oder China nicht zu Unrecht. Sicherlich waren die 68er ein großer Schritt nach vorn, aber wir vermochten die Verhaltensweisen unserer Väter in einem ersten Schritt nur zu modifizieren.

    Rolf Famulla

    5. Oktober 2008 at 18:45

  39. @Rolf Famulla:

    „Im Nachhinein das auszudifferenzieren und zu entscheiden, die eine oder andere völkische Richtung sei ja nicht so schlimm gewesen, weil sie sich 1943 vielleicht oder später zum Widerstand entschlossen habe, ist schwierig.“

    Bis zu einem gewissen Grade zugestanden: Ja, es war auch und gerade das Diffusse dieses Gebräus, das den Nationalsozialismus so „erfolgreich“ machte.

    Aber etwas genauer muß man schon hinschauen – übrigens ist das ein Vorteil der „klassisch-linken“ Deutungen des Nationalsozialismus, daß da die ökonomischen Interessen schlicht im Vorgrund stehen und all die grausigen Handlungen nicht nur als Effekt irgendwelcher Ideologien verstanden werden. Auch all diese SM-Symboliken, die Lust am Demütigen, haben Fromm und solche ja bestens analysiert, die nimmt sich jede Ideologie, die gerade zur Verfügung steht und ist Effekt realer, gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus (und auch real-exitierendem Sozialismus); mir will ein wenig scheinen, als triebe Herrn Wyss auch sowas an.

    Zudem ich schon finde, daß man nicht erst den ganz großen Brei anrühren kann, und dann sind allesamt schuld, die man reingeworfen hat, sondern jeder Wagner (wirklich ein ganz übler Antisemit), jeder Benn, jeder Jünger (Prä-Faschist par excellence) und jeder Nietzsche hat schon noch verdient, daß man sich ihm spezifisch nähert, und so ja ja auch Beuys. Weil Wagner eben trotzdem auch ein großer Komponist und Benn ein großer Dichter war.

    Und ich habe ja oben nicht umsonst das Sontheimer-Buch zitiert, würde man nun die Beuyssche Identifkation von „Intuition“ mit „Wärme“ und „Kälte“ mit „Rationalität“, eine Figur, die in der von Wyss zitierten „Materialsemantik“ wohl so von Beuys vertreten wurde, von Steiner inspiriert, und dann das unmittelbar-politisch-werden-wollen dieser Ideen angreifen, dann macht das ja Sinn, dann ist das aber gar nicht das Völkische, was da wirkt, sondern die „Lebensphilosophie“ der 20er Jahre und die Kulturkritik in ihrem Umfeld, die gerade im popkulturellen Kontext von ’68 ja wieder auferstand, allerdings als wichtiges Fanal gegen eine zutiefst sich selbst unterdrückende Elterngeneration.

    Und bezüglich Beuys ist das dann trotzdem nur die halbe Wahrheit, siehe den Artikel aus Die Welt weiter oben.

    Und diese „Lebensphilsophie“ hat noch bis Marcuse, Horkheimer und Adorno, aber in der Tat auch Heidegger gewirkt, und dann ist die Diskussionslage eine völlig andere als die des „ewigen Hitlerjungen“. Weil dieser „Vitalismus“ mit Sicherheit zur Entstehung des „3. Reiches“ beigetragen hat, aber man schüttet doch das Kind mit dem Bade aus, wenn man da nicht differenziert, und remythisiert nur selber.

    Wie übrigens auch, wenn man das Ganze nun noch in „christlich-jüdischer“ (Frechheit! Das hat der Papst ja auch in Polen proklamiert, und das ist nur eine weitere Methode der symbolischen Judenvernichtung, mal eben so zu ignorieren, das Tausende von antisemitischen Jahren natürlich jene eines christlichen Antisemtismus waren) Perspektive mit der Islam-Frage zu verknüpfen, ich bitte Sie. Man muß ja nun nicht jede totalitarismustheoretische Grütze auslöffeln, nur weil man ein schlechtes Gewissen hat, daß man einst 68er war.

    Bin ja meinerseits eher ein ’82er, natürlich war Beuys für uns eher sowas wie Popstar und Wahrhol wie auch die „Neuen Wilden“ (um die es exakt die gleichen Debatten ja auch gibt, by the way) irgendwie wichtiger, vielleicht ist man deshalb auch etwas immunisierter gegen diese Selbstzerfleischungen der Generation vor uns …

    momorulez

    5. Oktober 2008 at 20:10

  40. „Beat Wyss kritisiert die Anlehnung an den autoritären Sozialismen des damaligen Ostblocks oder China nicht zu Unrecht.“
    Nur der guten Ordnung halber möchte ich darauf hinweisen, dass die dumpfbackigen Freunde des Realsozialismus eine klitzkleine, von allen anderen verlachte Minderheit waren, die sich im „MSB Spartakus“ (DKP) zusammengefunden hatten. Und die Apologeten von Maos „Kulturrevolution“, die K-Gruppen, waren ebenso eine Verfallsform von ’68‘ und gerade nicht ’68‘ selbst.
    Ich kenne mich da etwas aus, ohne dass ich allerdings, wie etwa die Herren Aly und Broder, hätte „dazulernen“ müssen, denn ich war schon damals klug.

    Es ist in Mode gekommen, alle Unpäßlichkeiten des modernen Lebens wie Werteverfall und Familienleid den „68ern“ kausalisierend auf die Füße zu kotzen. Das Bestehen darauf, dass das nicht stimmt, läßt mich, zu meinem Verdruß, regelmäßig aussehen, wie ein Verteidiger der „68er“. Dabei greife ich nur falsche gegen die „68er“ gerichtete Invektive an.

    Noergler

    5. Oktober 2008 at 20:38

  41. dumpfbacken waren die vielleicht schon. aber immerhin war die dkp die einzige westpartei, in der es von ns-verfolgten und widerstandskämpfern nur so wimmelte. ist meines erachtens auch ein wichtiger grund dafür, so von der moskasteuerung und dem ganzen anderen kalten-kriegs-zeugs abgesehen, weshalb es die armen dkpisten trotz ihrer de-facto linkssozialdemokratischen politik so sehr auf den deckel gekriegt haben. unter den berufsverbotsfällen wimmelt es von leuten, deren eltern schon verfolgt worden waren und die, das weiß ich jedenfalls von silvia gingold, deren vater um ein haar nach auschwitz deportiert worden wäre und in frankreich flugblätter für deutsche soldaten geschrieben hat, der dumpfbacken-dkp auch deshalb so treu und aus heutiger sicht doof folgten, weil sie hofften, so die widerstandstätigkeit ihrer eltern würdigen zu können. tat ja sonst keiner.

    gefällt mir übrigens sehr gut, der artikel, und die diskussion auch, ohne jetzt alles gelesen zu haben. ich finde es auch gemein, den armen täterkindern des jahres 68 vorzuwerfen, sich nicht ordentlich von ns-gedankengut freigemacht zu haben. so klarsichtig und ehrlich wie beuys, der zugibt, dass er das geil fand in der hj, meines erchtens ohne sie dabei zu verharmlosen, waren die älteren aus der unbedingten und der hj-generation nämlich in aller regel nicht. die schwiegen, wie schleyer und maunz, oder schwurbelten, wie grass und böll. obwohl, eigentlich schwurbelten sie alle.

    nike

    5. Oktober 2008 at 21:06

  42. Ach nike, was bringst Du denn jetzt hier für einen Kram aufs Tapet *seufz*

    Im „Marxistischen Studentenbund Spartakus“ war kein einziger NS-Verfolgter. Und die Mitgliedschaft von Nazi-Opfern oder deren Kindern in der DKP, die den Kasernenhof-„Sozialismus“ belobhudelte bis zum Anschlag, machte selbigen nicht besser. Eher verwundert die Naivität derer, die da glaubten, der Antifaschismus von DDR und DKP sei etwas anderes als taktisch bestimmt. „Antifaschistischer Schutzwall“ – um die Nummer zu kaufen, mußte man da nicht schon sehr, sehr gutgläubig sein?

    Dass die Berufsverbote sich in Wahrheit gegen Nazi-Opfer und Widerstandskämpfer gerichtet haben, liebe nike, das ist nun aber eine gaaanz steile These, also darauf wär‘ ich jetzt nicht gekommen.

    Es war in den 70ern durchaus möglich und auch üblich, sich gegen die Berufsverbote zu empören und gleichzeitig die DKP für eine inferiore Veranstaltung zu halten.

    Noergler

    5. Oktober 2008 at 21:52

  43. Viele Verfolgte waren nicht wie Peter Gingold (den ich noch kennengelernt habe)in der DKP, sondern eher in der VVN-BDA oder DFG/VK organisiert., was durchaus ein Unterschied ist. Und es gab ja auch Leute, die stattdessen in die anarchistische FAU gingen. Das Spektrum, dem ich dann später angehörte und dem ich mich immer noch zurechne, machte dann Sachen wie Autonomie, Wildcat und Materialien für einen neuen Antiimperialismus, und wir gaben Shoa-Überlebenden wie Reuben Ainzstein ein Forum. Geht doch.

    che2001

    5. Oktober 2008 at 22:10

  44. nein, ich rede von den kindern von verfolgten, emigranten und – was noch wichtiger ist, wenn es darum geht, eine klare sicht davon zu bekommen, was den deutschen faschismus ausmachte und die möglichkeit politischen arbeitens in den ausweglos erscheinenden situationen, die viele 68er für die bundesrepublik halluzinierten – widerstandskämpfern. ich rede nicht von den leuten, die in moskau saßen, sondern von denen im maquis oder in kleinen, natürlich vollkommen machtlosen widerstandsgruppen im reich.

    ja, ich geb zu, die these ist steil 🙂 aber ich arbeite gerade mit akten der sicherheitsabteilungen der innenministerien der fünfziger bis siebziger jahre und da drängt sich das schon auf. in den siebzigern war das natürlich nicht mehr so krass relevant wie in den fünfzigern, aber die gesetze und rechtskonzepte, die den ausschluss möglich machten, stammten aus der zeit. und die juristen, die sie auslegten bzw. die ausgebildet hatten, die sie auslegten, auch.

    ich mein den hinweis auf die verfolgten auch nicht moralisch, sondern als schlichte situationsbeschreibung: welche andere partei organisierte demonstrationen, auf denen hunderte ehemals verfolgte ununterbrochen daran erinnerten, dass es für die armen kleinen deutschen sehr wohl möglich war, widerstand zu leisten – und daran, dass die ns-eliten unterhalb der reichsführerebene alle, wirklich alle zurückkamen. und sie nannten namen, beschrieben karrieren. das war tätergeschichte (natürlich ideologisch aufgeblasen), auf die die zeitgeschichtsschreibung erst in den neunziger jahren gekommen ist. und die leute beim verfassungsschutz registrierten das natürlich.

    und natürlich war der ddr-antifaschismus verlogen. das schloss dennoch nicht aus, dass -räusper- helden wie gingold, die in der bundesrepublik noch nicht einmal die deutsche staatsbürgerschaft bekamen, dort gewürdigt wurden. dass tausende andere, zumal jueden wie er, dieses glück nicht hatten, ist mir auch klar.

    sorry, das führt jetzt etwas vom thema weg 🙂

    nike

    5. Oktober 2008 at 22:19

  45. che: stimmt. und natürlich gehts auch anders. aber so ganz mit in den ddr-orkus schütten will ich das nicht. und aus der sicht von denjenigen, die in sachen staatsschutz das letzte wort haben, war es vollkommen wurscht ob dkp oder vvn. verfassungsfeinde waren se alle.

    nike

    5. Oktober 2008 at 22:29

  46. Ich auch. In der Abteilung „Vereinigung“, und damit meine ich nicht die deutsche.

    che2001

    5. Oktober 2008 at 22:50

  47. @Rolf Famulla

    „Beuys war kein Christologe“ . naja, dann haben wir nicht dieselben seiner Texte und Interviews gelesen.

    „Christlich-jüdisch“
    – nee, das ist eine der widerwärtigsten entschulden sollenden sprachlichen Verdrehungen, die ich aus meiner Schulzeit in den Sechzigern und Siebzigern nicht kannte. Juden waren damals schlicht biblische Vergangenheit, sind sie sogar noch in den Anmerkungen einer katholischen Psalmensammlung, die ich hier habe. Niemand sprach von einer „christlich-jüdischen Kultur“ in Europa, schon das Wort „Jude“ wurde nach Möglichkeit vermieden, ausser „Scheissjude“, den gabs nach wie vor. Naja, wie dem auch sei, als ich das zum ersten Mal bewusst las in meinem Leben, konnte ich soviel Verlogenheit kaum fassen.
    Das meine ich, nicht den offen diffamierenden Gebrauch der zwanziger Jahre.

    Ach, und das Gegenbeispiel eines Künstlers zu all dem wüsste ich doch auch mal gern, das würde die Diskussion vermutlich erleichtern, zumindest mir.

    T. Albert

    6. Oktober 2008 at 0:03

  48. Ich habe diese Diskussion verpasst, bedanke mich aber nachträglich für den vorzüglichen Artikel. Wie man auch immer zu Steiner, Beuys etc. steht, kann man keine solche Fundamental-Attacke machen. Das ist eigentlich nur Medienhype um „braun“, Antisemitismus etc., ohne das dazugehörige Verständnis.

    Martin Reuter

    27. Juli 2012 at 11:04


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