shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„“Kulturnation“, ein alter politischer Kampfbegriff mit deutschnational-völkischem Unterton“

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„Nichts ist so glatt wie das Parkett der Geschichte. Den Tag der Deutschen Einheit, der dieses Jahr in Hamburg ausgerichtet wird, hat man unter das Motto: „Kulturnation Deutschland“ gestellt – und übersehen, dass „Kulturnation“ ein alter politischer Kampfbegriff mit deutschnational-völkischem Unterton ist.

(…)

Kultur verbürgt die Offenheit einer Gesellschaft. Doch so positiv dies ist, so negativ ist der Begriff der „Kulturnation“ konnotiert. Geprägt hat ihn der Historiker Friedrich Meinecke Anfang des 20. Jahrhunderts, als er das entstehende Nationalgefühl in den deutschen Kleinstaaten um 1800 untersuchte. Meinecke analysiert, wie das deutsche Weltbürgertum, das in der Aufklärung wurzelte, dem Nationsgedanken weicht – was er ausdrücklich begrüßt. Und als Mörtel für diese neue Nation sollte und konnte, wie er meint, nicht das gemeinsame Recht, sondern die gemeinsame Kultur dienen, die gemeinsame Sprache vor allem und das christliche Bekenntnis.“

Ach, wär Altona doch noch dänisch, dann bekäme man diesen leckeren Joghurt und Ymer hier gleich um die Ecke … ich führe jeden Morgen rüber, so direkt hinter der ehemaligen Stadtgrenze arbeitend, würde leckeres Zimtgebäck riechen und diese ganzen „ö“s um mich herum fände ich sympathisch … obgleich man ja weiß, daß es in Dänemark politisch seit geraumer Zeit so witzig auch nicht mehr zugeht, ganz, als hätten sie vom deutschen „Kulturnationsbegriff“ was lernen wollen.

Ja, die taz hat recht: Dieses Kulturnations-Geklingel hat ja noch Adolf dazu verleitet, zwischen kulturschöpferisch tätigen Völkern und solchen, die darin nur rumschmarotzen, zu unterscheiden; daß mit letzteren vor allem die Juden gemeint waren, die sich in „Wirtsvölkern einnisteten“ seiner Ansicht nach, das liegt auf der Hand. Eine biologistisch untermauerte, nationalistische Kulturtheorie hat der Mann verfaßt in „Mein Kampf“, doch auch ohne Rassismus und Biologismus ist diese Kulturnations-Gequassel immer schon dazu da gewesen, dem partizipativen Nationsbegriff demokratischer Herkunft, jenem der politischen Selbstbestimmung, durch blödes Pathos die Legitimation zu entziehen.

Entsprechend agitiert ja hierzulande auch das ganze „Prowestlertum“ im Paradigma des Kulturnationsbegriffes, der dann halt in alter Tradition imperial erweitert wird, worüber Franzosen sich übrigens ziemlich echauffieren können, aber die wirft man dann ja als „Etatisten“ auch gerne mal wieder raus aus „westlichen Traditionen“.

Die Conclusio der taz jedoch, die finde ich etwas platt:

„Der Nationalfeiertag sollte an die Zeit anknüpfen, als „Deutsch“ noch eine Chiffre unter vielen für die Idee des Universalismus galt. Die Kulturnation müsste dabei der Gesprächsnation weichen: einem Konzept von Nation, die das alte humanistische Gespräch mit den Welten, wie es Schiller vorschwebte, ebenso sucht wie das Gespräch mit den gesellschaftlich Abgehängten. Davon sind wir noch weit entfernt.“

Plädiere vielmehr auf den Verzicht des Begriffes selbst. „Deutsch“, wirklich als Attribut verstanden, macht doch jenseits der Staatsangehörigkeit gar keinen Sinn. Und überlasse der Diskussion, welche Alternative sich denn böte, dieses Staatsgebäude neu zu benennen und diese wundervolle Sprache gleich mit …

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Written by momorulez

2. Oktober 2008 um 8:41

6 Antworten

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  1. @“daß mit letzteren vor allem die Juden gemeint waren, die sich in “Wirtsvölkern einnisteten” seiner Ansicht nach, das liegt auf der Hand. Eine biologistisch untermauerte, nationalistische Kulturtheorie hat der Mann verfaßt in “Mein Kampf”“ — Aber nicht nur der, das war damals offizieller Diskussionsstand der Biologie und Ethnologie in Deutschland, und der im NS führende und auch später in der BRD noch lehrende Anthropologe Fritz Lenz bezeichnete sich als den „eigentlichen Begründer der NS-Weltanschauung.“ Das ist ja das Erschreckende, dass der ganze braune Dreck mitten in der bürgerlichen Kultur und selbst Wissenschaft in Deutschland angelegt war, der Grund für Adornos Entsetzen….

    che2001

    2. Oktober 2008 at 9:38

  2. Ehrlich gesagt sehe ich das, bei alle Skepsis gegen die „Nation“, heute nicht so eng, und die direkte Verbindung von „Kulturnation“ und Nationalsozialismus verschleiert die verschiedenen Vorstellungen von Nation, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, und die durchaus keinen so destruktiven Impetus hatten wie die nationalsozialistische, wenn man von einem Europä der Völker träumte, frei von Fürstenherrschaft und nicht von Weltherrschaft. Passt durchaus in unsere Zeit, auch in Bezug auf den Einheitsgedanken der damaligen Zeit und den heutigen Tag der deutschen Einheit. Logo ist das arg konstruiert, aber wann ist Geschichte nicht konstruiert?

    „Großmannssucht“, Träume vom Reich, Exklusion von gesellschaftlichen Gruppen sind in der Kulturnation auch schon angelegt, aber die taz’sche Verkürzung alleine darauf gefällt mir nicht. Und klar gab es die Franzosenfeindschaft, lautstark besungen von Arndt und Konsorten, aber ist diese vor dem Hintergrund der napoleonischen Herrschaft nicht verständlich? Würde sich heute jemand wundern, sängen irakische Männer antiamerikanische Lieder? Wer damals für die Nation eingetreten ist, unterwarf sich weiterhin nicht bedingungslos dem Gleichschritt der Obrigkeit wie im NS, sondern stellte sich vielmehr gegen sie und riskierte Sanktionen wie Jahn, der mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte. Diese taz’sche vermeintliche Zwangsläufigkeit, diese Gleichstellung von 1800 bis 1933, die sehe ich da nicht, die verkürzt und verschweigt dabei viel anderes Böses.

    Von der Idee der Nation kommen wir übrigens nicht mehr so leicht los, warum also den Kulturnationsbegriff nicht neu denken, neu füllen – wie man es unter Umständen in Hamburg versucht? Indem wir „Kultur“ tatsächlich als etwas sehen, wie die taz schreibt, das „Offenheit verbürgt“, anstatt den „Kampf der Kulturen“ zu suchen? Vor dem Hintergrund des sich formierenden Europas werden wir diese Frage wohl beantworten müssen – hoffentlich nicht im Sinne der Kulturkampfschreier.

    „Nichts ist so glatt wie das Parkett der Geschichte“ schreibt die taz. Aber die Ambivalenz des Begriffes „Kulturnation“ einzufangen, das ist ihr auch nicht gut gelungen. Ich komme mir hier vor, wie der hinterletzte Burschenschaftler, aber der taz-Artikel war mich doch zu leichtverdaulich.

    Hokey

    2. Oktober 2008 at 9:40

  3. Sorry, bin schon einen Tag weiter – morgen ist natürlich Tag der deutschen Einheit und im letzten Satz muss es „mir“ heißen. 😉

    Hokey

    2. Oktober 2008 at 13:41

  4. @Hokey:

    Der taz-Text kritisiert nicht per se jeden Begriff von nation, ich auch nicht, habe ja auch die partizipative, demokratische Variante extra verwiesen. Dieser deutsche „Kulturnations“-Begriff war schon ziemlich dezidiert gegen diese demokratischen Modelle gerichtet und insofern tatsächlich ein Sonderweg mit üblen Folgen.

    Zudem er ja auch als einheitstiftende Ideologie in der „Kleinstaaterei“ immer schon irgendwie aufgepropft war, ganz anders als in gewachsenen Nationen wie Frankreich z.B. – und daß gerade in diesen aus Kleinstaaten enstandenen Gernegroß-Nationen wie Italien und Deutschland Faschismus hervorbrach, das habe ich nie als Zufall gesehen. Gab ja früher mal das Stichwort von den „verspäteten“ Nationen.

    Und die napoleonische „Besatzung“ war ja auch eher zwiespältig – man korrigiere mich, aber z.B. zur Emanzipation von Juden hat die doch nachhaltig im positiven Sinne beigetragen?

    „Von der Idee der Nation kommen wir übrigens nicht mehr so leicht los, warum also den Kulturnationsbegriff nicht neu denken, neu füllen – wie man es unter Umständen in Hamburg versucht?“

    Hamburg? Wir hier? Wir sind allenfalls St. Paulianer 😉 … die beim HSV sind ja gar keine Hamburger.

    Nee, über Nationsbegriffe kann man schon reden, aber doch nicht, indem man irgendwelche homogenen Kulturen behauptet ….

    momorulez

    2. Oktober 2008 at 16:17

  5. Die ganzen “ö”s – Du meinst wahrscheinlich „ø“ s. Das Beispiel der deutsch-dänischen Grenze ist zugleich ein Beispiel dafür, wie konstruiert der Begriff der „nationalen Identität“ ist. (Und heute ist der Umgang mit den jeweiligen Minderheiten ein Beispiel für den pragmatischen Umgang mit Nationalitäten: Däne ist, wer „dänisch gesonnen“ ist, ohne Ahnenforschung, ohne Fragebögen, ohne Sprachtests. Ebenso ist’s mit der Anerkennung als „deutsch gesonnen“ auf der anderen Seite der heutigen Grenze.
    Dänemark – und auch andere „skandinavische“ Länder – sind allerdings, ähnlich wie Deutschland, in ihrem Identitätsbegriff von der Nationalromantik – und damit dem Begriff der „Kulturnation“ – beeinflusst. Das ist z. B. an der dänischen Einwandererpolitik durchaus zu merken.

    Napoleon ist eine höchst ambivalente Erscheinung – einerseits förderte er den gesellschaftlichen Fortschritt, direkt (in den besetzten Gebieten) oder indirekt (z. B. durch die Reformen in Preußen) – anderseits war er Diktator und einigermaßen rücksichtsloser Eroberer. Man darf bei der Entwicklung des „deutschen Sonderwegs“ nicht vergessen, dass die anti-napoleanischen „deutschen Freiheitskämpfer“ sich um die „Früchte ihres Kampfes“ betrogen fühlten – Napoleon war weg, aber die Doudezfürsten waren noch an der Macht, es gab nach dem „Wiener Kongress“ weder einen deutschen Nationalstaat noch bürgerliche Freiheiten. Die Idee der „Kulturnation“, wegen ihres anti-napoleonischen und im weiteren Sinne anti-westlichen Impetus ohnehin schon problematisch, erhielt eine „Trostpflasterfunktion“ – die fixe Idee, dass der „brave Deutsche“ sich abrackert, kämpft, sein Äußerstes gibt, und dann durch „perfide Machenschaften“ ausländischer Mächte und vaterlandsloser Gesellen um die „Früchte seiner Mühen“ betrogen wird, stammt wohl aus der Zeit des Biedermeiers.

    MartinM

    2. Oktober 2008 at 18:00

  6. Das Wort „Kulturnation“ kann ich mir nur auditiv imaginieren im breiten Klang wie mit vollem Mund gesprochen von einer Nation, die den Mund zu voll nimmt, wenn sie „Kultur“ sagt. Die tiefe Unberechtigung dieser prahlerischen und großmannssüchtigen Selbstzuschreibung von Kultur ist es, was den Begriff der Kulturnation so lächerlich macht.

    Nörgler

    2. Oktober 2008 at 18:40


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