shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Nie wieder Deutschland!

with 3 comments

Wirklich erfolgreich war der Slogan in der Überschrift ja nicht. Finde ihn trotzdem immer noch gut.

Weiß noch, wie ich einst, ’82, meinen ersten französischen Nationalfeiertag in Besancon erlebte und schlicht entsetzt war, daß es sich vor allem um eine Militärparade handelte. Hatte ein rauschendes Fest erwartet; war aber eher Geknalle und danach Schhwof zum „Ententanz“ und bestimmt auch zu Jean-Jacques Goldmann.

Da kam dieser seltsame, negative Nationalstolz hoch, angesichts dieser Millitärparade, von dem chronisch arrogante Besserwisser wie ich ja nicht frei sind, dieses Gefühl von „sowat hab ich doch nicht nötig!“, das in der Tat kein Glanzgefühl und in Habermas‘ „Postnationale Konstellationen“ ganz gut auf den Punkt gebracht ist.

Wobei ich im Gegensatz zu viele anderen sowas wie ein „Heimatgefühl“ immer verstehen konnte, sogar, daß die Schlesierverbände, die auf dem hannöverschen Messegelände sich tummelten, dieses wahren wollten, daß sie trauerten – daß jedoch sie die „deutsche Einheit“ unter Einbeziehung ihrer Bergregion anstrebten, das widerstrebte mir zutiefst.

Viel spannender war’s, mit dem „Schleswiger Pommernverband“ eben jenen Landstrich östlich von Stettin zu bereisen, ein paar Monate vorm Mauernfall war das, die waren nämlich komplett revanchismusfrei, die Mireisenden. Hatten lauter polnische Freunde zum gemeinsamen Wodka trinken auf dem Lande gefunden, und das fand ich gut.

Also: Warum „Einheit“? Was soll das eigentlich heißen? Einheiten marschieren doch durch Kriegsgebiete, und bei unseren Schnittpplatzsystemen ist die „Unitiy“ schlicht ein Festplattenbereich, auf den alle gleichermaßen zugreifen können, auf dieselben Materialien halt. Ja, und sonst?

Komischerweise blöken ja jene am meisten am meisten zugunsten der „Einheit“, die gegen Einheitsschulen wortstark zu agitieren wissen und auch ansonsten die Scheindifferenz des Marktes proklamieren.

Aber zum Glück haben wir ja gar keine staatliche Einheit, sondern Förderalismus, und der sieht dann folgendermaßen aus:


„Bayern lockt zu Alphornklängen ins Bierzelt.

Baden-Württemberg zeigt Puppentricksets und Filmkulissen.

Berlin lädt zu Currywurst und Schampus ein.

Brandenburg stellt die Region Neuruppin vor.

Bremen: Am Sandtorkai liegt die „Ubena von Bremen“, der Nachbau einer 23 Meter langen Hansekogge.

Hamburg präsentiert sich in ehemaligen Frachtcontainern.

Hessen wartet mit Figuren der deutschen Märchenstraße auf.

Mecklenburg-Vorpommern: Das Ozeaneum Stralsund zeigt ein großes Walmodell aus.

Niedersachsen: Die Autostadt Wolfsburg zeigt eine Technik-Ausstellung.

Nordrhein-Westfalen weist auf die Kultur des Ruhrgebiets hin.

Rheinland-Pfalz zeigt eine Miniversion der Nibelungen-Festspiele.

Saarland: Sternekoch Alexander Kunz bietet Schaukoch-Aktionen.

Sachsen-Anhalt macht Werbung für die Domschätze von Halberstadt, Merseburg und Naumburg.

Sachsen: Eine Porzellanmalerin zeigt ihre Arbeit.

Schleswig-Holstein zeigt die Ausstellung „Ozean der Zukunft“.

Thüringen lockt mit Original-Thüringer Rostbratwürsten.“

Hübsch. Pittoresk. Niedlich. Ein Hauch von Bundesvision-Song-Contest. Bestimmt fände sogar Beat Wyss die Nibelungen-Festspiele von Rheinland Pfalz irgendwie knorke. Samy de Luxe, Annett Louisan und ein wenig Oper im Kulturnations-Rahmenprogramm. Mahler und Brahms. Kein Stockhausen, kein Brecht, kein Beuys, keine Goldenen Zitronen. Zum Glück. Würde auch nicht passen zu diesen antimodernen Puppenstuben-Idyllen, die man hier so als „Kultur“ definiert und mit dem Bann des Nationalen belegt.

Habe gar nicht gecheckt, ob ich als Michel-Gemeinde-Mitglied da heute dem Köhler und der Merkelin beim praktizierten Christentum hätte zuschauen dürfen.

Auf jeden Fall paßt das Wetter zum Tag der verpaßten Chancen. Mein Hund, zu 75% Tibet-Terrier, zu 25% Golden Retriever, schläft sogar noch – trotzdem sie echte Hamburger Deern mit braun-weißem Herzen ist, mag die einfach keinen Regen und bleibt dann liegen. Bei Auswährtspielen, wenn nicht gerade irgendwelche Bad-Blog-Truppen SM-Spielchen zelebrieren wollen und rassistische und faschistische Gesänge anstimmen, um mit so typisch deutschen Aktionen wie „Blitzkrieg gegen gegnerische Fanblogs“ des Teutonen Seele zu streicheln, dann wird ja gerne mal das „Hamburger Wetter, wir haben Hamburger Wetter!“ angestimmt meines Wissens von St. Paulianern.

Höre hier gerade Morrisey, werde gleich was von John Irving lesen und mich freuen, daß die „Besatzer“ uns damals vor Schlager und Volksmusikund Heimatfilm gerettet haben. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ mag ich trotzdem, aber das ist ja auch hamburgisch und nicht deutsch. Ganz im Gegensatz zu „Hamburg, meine Perle“, übrigens ….

Advertisements

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] dem Fenster. Das ist ja doch ganz schön geworden, das Wetter. Wird die Deutschen freuen, die da am Hafen die Einheit so pittoresk herbei essen. Stimmt das eigentlich, dass die NRWler ihren Einheitsstand im alten Elbtunnel unter Tage aufbauen […]

  2. Ich war damals ja dabei, bei der Nie-wieder-Deutschland-Demo in Frankfurt, wo sich die Staatsmacht von der faschistoiden Seite gezeigt hat. Wir mussten uns alle einer Leibesvisitation unterziehen, damit die Cops sich sicher sein konnten, dass sie eine unbewaffnete Demo zusammenprügelten, und derweil spielten die Mannschaften der Wasserwerfer (eventuell die Selben, die Günter Sare umgebracht hatten) mit ihren Schaltern wie mit Joysticks. Unterwegs kamen wir an einem Baugerüst vorbei, darauf standen Arbeiter, die uns zu riefen „Braucht ihr Helme, wir haben Helme!“. Wir hätten darauf eingehen sollen. Auf dem Römerplatz machten sie und fertig. Es herrschte fast Partystimmung, es waren Biertische aufgebaut, als plötzlich die Wasserwerfer spritzend in die Menge mangelten und dahinter die Knüppelgarden aufmarschiert kamen. Ich gehörte zu den Luten, die die Situation retteten und eine3 Massenpank verhinderten, indem wir Ketten bildeten und uns den Cops entgegenstellten. Wir konnten etwa eine Viertelstunde standhalten, dann brachen sie durch. Da gab es dann die Situation, dass ich bäuchlings auf dem gußeisernen Gitter eines öffentlichen Klos lag, während ein Typ, der seinerseits auf meinem Rücken lag, mit dem Knüppel die Hucke voll bekam und mir aus dem Klo heraus ein Pressefotograf ins Gesicht knippste. Dann flogen den Wasserwerfern Bierbänke entgegen, die wirkungslos gegen die Panzerglasscheiben klatschten. Auf der Rückfahrt kokettierten bei uns im Bus die Jüngeren mit ihren frisch bandagierten Verletzungen, und auf einem Parkplatz hätte es fast noch eine Hauerei mit Eintracht-Hools gegeben. m Abend hielt SPD-OB Hauff eine sehr staatsmännische Rede von brutalen Gewalttätern, die Frankfurt mit Angst und Schrecken überzogen hätten. Er vergaß zu erwähnen, dass die alle weiße Helme getragen hatten. Das war mein „Nie wieder Deutschlandf“.

    che2001

    3. Oktober 2008 at 16:48

  3. […] – Drück die 1Annett Louisan zu Gast in der Bremen Vier-Morgenshow Der Dicke …Die nette LouiseNie wieder Deutschland!Schalt dein Radio […]

    Annett Louisan Fotos

    15. Oktober 2008 at 17:01


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s