shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Den Neoliberalen ihre Rhetorik mit Beuys entreißen: “ … dass jeder Mensch über schöpferische Impulse verfügt, die ihn befähigen, verantwortlich und frei zu handeln.“

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Ach, das entspannt ja richtig nach dieser Beat Wyss-Kulturkampf-Rhetorik weiter unten, was Gabriele Walde heute in DIE WELT schreibt über Joseph Beuys:

Als der Mann mit dem Hut 1971 dieses Motto „Die Revolution sind wir“ unter ein Foto schrieb, das ihn in energischer Pose eines schreitenden Aktivisten zeigt, war das die Zeit der Aufrufe der RAF zum „revolutionären Kampf“ gegen das „Schweinesystem“. Sein Entwurf eines „erweiterten Kunstbegriffes“ war eine Antithese zum marxistischen Revolutionspostulat. Seine Maxime der „sozialen Plastik“ basierte auf Gewaltfreiheit, er setzte auf Evolution aus dem Geiste der Kunst. Eine neue Pädagogik und die Formung der Sprache galten ihm als Basis für eine sich verwandelnde Gesellschaft. Eine Vision, die sich für die Galionsfigur der Grünen nicht erfüllen sollte. Auf 40 Videoschirmen räsoniert, philosophiert und doziert er nun in allen Ecken und Räumen des Hamburger Bahnhofs. Seine Sprachartistik war ein wesentlicher Teil seines Werkes. Bei einer Beuys-Ausstellung in der Londoner Tate vor einigen Jahren hockten tatsächlich junge Leute auf Sitzkissen vor den Monitoren und lauschten dem Meister, als seien sie auf einem Sit-in der Sechzigerjahre.

(…)


Keines seiner Zitate führte zu solchen Missverständnissen wie dieser Satz. Fortan entfremdete so manches Psychoseminar oder manche Häkelgruppe Beuys‘ Credo für eigene Zwecke. Er selbst verstand diesen Satz als Folge seines „erweiterten Kunstbegriffs“, der besagt, dass jeder Mensch über schöpferische Impulse verfügt, die ihn befähigen, verantwortlich und frei zu handeln.


(…) der Düsseldorfer hat allgemeingültige Fragen formuliert, die heute vielleicht aktueller sind als noch vor zehn Jahren: nach dem Verhältnis von Natur und Mensch, den Strategien der Ökonomie, der geistigen Grundlage einer Gesellschaft: Kurz: die Frage nach unserer Zukunft. Und wie sagte Beuys so schön: Wer nicht denken will fliegt raus.“

Dankeschön! Ergänzend jedoch ist zu erwähnen: Ein TV-Screen-Design zum Beispiel ganz auf Warhol aufzubauen, das finden alle toll. Eines aus Filz, Fett, Honig und toten Tieren, das widerstrebt dann doch dem Publikum und den Sendern auch.

Ganz anders jedoch andere, mediale Praktiken, von den beiden Großkünstlern favorisiert: „Big Brother“ einst als „soziale Plastik“ zu begreifen, das fällt nicht schwer. Bemerkenswert jedoch, daß nach dem ersten Schock, der großen Kontroverse dann allen Machern auffiel, wie öde unter Fernseh-Bedingungen es ist, einfach so Leuten beim Rumhängen zuzuschauen (was Voyeur Wahrhol in „Flash“ ja eigentlich auch nur gemacht hat). Kurz: Trotz Schamanengestus und Künstlerpriesterrollenspiel steht Beuys doch quer zur konevntionellen Dramarturgie, und das spricht für ihn.

„Big Brother“ wurde drum im „Dschungel-Camp“ dann fortgeschrieben, kurioserweise ja mit ziemlich eigenwilligen „Materialien“ und als Komplett-Verdrehung eines „Zurück zu Natur“ – fern läge es trotzdem nicht, das Ganze als Perfomance zu begreifen. Als gewaltfreie allerdings nicht, und somit steht’s schon quer zu Beuys. Und ist’s Wahrhols „Für 15 Minuten ein Star sein“, das „Deutschland sucht den Superstar“ befruchtete?

Ist das der Unterschied zwischen der Suppendose, der Marilyn und selbst dem elektrischen Stuhl bei Warhol und dem, was Beuys proklamierte – daß bei Warhol das Nachsingen von Hits für Soul-Diven rauskommt, Beuys hingegen die Freiheit aus schöpferischer Tätigkeit wirklich ernst nahm?

Aber wahrscheinlich ist die Fragestellung wirklich anachronistisch, wer Schönberg am Piano spielt, ist ja auch schöpferisch tätig – oder?

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4 Antworten

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  1. Ja, das ist nun schon besser.
    Ich finde ja ärgerlich, dass mit diesem Beuys-Satz von Jedermensch als Künstler so manipulativ umgegangen wird. Das macht ja der Prof. Wyss auch bezüglich angeblich beuysianisch bastelnder Kindergärtnerinnen – ist ja auch ein interessantes Beispiel, nebenbei – denn man kann sich durchaus informieren, dass damit gemeint war, es solle jeder seinen Beruf wie ein Künstler ausüben. Um sowas ging es auch bei der Streiterei in der Akademie, in deren Zuge er von Kultusminister Rau entlassen wurde, Herr Wyss und Herr Famulla ignorieren hier bewusst seit 1973 nachzulesende Tatsachen; wieso eigentlich?

    Ich hätte auch gerne mal ein Gegenbeispiel, fiel mir heute ein, welcher Künstler wäre denn der richtige?
    Ich weiss jetzt, dass Beuys, Kiefer, Polke, Horn doofe völkisch-romantische und schamanistische Schöpfer-Künstler seien, über jeden könnte man viel sagen, aber wer wäre das Gegenbeispiel?
    Das würde nun einige konkretisieren.

    @ Rolf Famulla

    Ich verstehe, glaube ich, die ganze Argumentation deswegen nicht, weil sie ihrerseits den Vorwurf gegen Beuys widerzuspiegeln scheint. Beuys locker mal zum Antisemiten zu erklären, indem man „christlich-jüdisch“ schreibt und behauptet, Beuys – ausgerechnet – sei antichristlich und damit antijüdisch, naja, da schlägt vielleicht der deutsche antisemitische Hase seinen Haken, aber nicht der Christologe Beuys.
    „Christlich-jüdisch“ im täglichen politischen Sprechen ist überhaupt eine der geschicktesten Erfindungen der letzten jahrzehnte gewesen, damit kann man echt alles machen, merk ich immer wieder.
    Dann gibts bei Dir griechische und jüdische Mythen wie keltische und germanische, aber Nazi Beuys kämpft gegen den „“christlich-jüdischen „materialistischen“ Verstand.“
    Tatsächlich hätte ich sowas denn langsam doch gerne mal erklärt, denn das ist ja eine gängige Formel geworden, nicht nur in diesem Zusammenhang.

    T. Albert

    4. Oktober 2008 at 23:00

  2. Vielleicht sollte man mal spaßeshalber den buddhistisch-bahaiistischen Jungo-Bakunismus erfinden, nur so als Gegenmodell zum Bestehenden. Wenn das bleibt, was ist, ist der Untergang die Perspektive.

    chezweitausendeins

    4. Oktober 2008 at 23:26

  3. @T. Albert:

    Ich weiß nicht, ob Herr Famulla das versteht, wenn die Diskussion in einem anderen Theread weitergeht, für in Blogs nicht so bewanderte ja nix naheliegendes …

    momorulez

    5. Oktober 2008 at 9:00

  4. @momorulez

    Stimmt. Hab ich nicht dran gedacht.

    T. Albert

    5. Oktober 2008 at 12:31


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