shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Wiedergeburt der Nation aus dem Geist der WM: Gebt mir ein Leitbild!

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„18 Jahre Deutsche Einheit. Eine neue Generation ist volljährig, die die Teilung nicht erlebt hat. Das sind junge „Leute, die nach vorne blicken, die etwas bewegen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten. Und es sind junge Menschen, von denen viele stolz auf Deutschland sind, die zu ihrem, zu unserem Land stehen. Die das Wir-Gefühl bei der Fußball-WM genossen haben und die sagen: ,Ich finde es gut, wenn wir als Nation zusammenhalten.‘ Umfragen haben gezeigt, dass der Begriff Nation bei unseren Jugendlichen positiv besetzt ist. Das erstaunt, wenn man selbst in einer Zeit der Zweifel und Selbstkritik aufgewachsen ist und mit der Einstellung zum eigenen Land vielleicht auch gerungen hat. Und es ermutigt. Denn endlich wächst das Zutrauen: Es kann gelingen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein und zugleich im Reinen mit Deutschland zu sein. (…) Um unsere Kultur schätzen zu können, müssen wir sie auch wirklich kennen und unseren Kindern und Jugendlichen nahebringen.“

Na, Ole, lieber als die Goetsch biste mir ja auch allemal, diese Verräterin, aber isses nicht ein bißchen dreist, daß nun ausgerechnet Du, der zu verantworten hat, daß diese Stadt kulturell annähernd tot ist vor lauter Event-Großmannssucht und Elb-Philharmonie, hier von „unsere Kultur“ quasselst? Was soll’n das sein? Alltagsrituale bei der BILD und und in der Immobilienbranche?

Das sind junge „Leute, die nach vorne blicken, die etwas bewegen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten“ – wäre ja auch ungewöhnlich in dem Alter, wenn das nicht so wäre: Da werden die sich auch von Dir nicht dran hindern lassen.

„Die das Wir-Gefühl bei der Fußball-WM genossen haben und die sagen: ,Ich finde es gut, wenn wir als Nation zusammenhalten“ – z.B. in Mügeln, gelle?

Wo schon ansonsten alle solidarischen Strukturen jenseits der Arbeitgeberverbände und anderer Hintermänner des Herrn von Beust diskreditiert und zerschlagen sind nach 18 Jahren brutalem Neoliberalismus und der Wiedergeburt der Nation aus der rassistisch motivierten Vernichtung des Asylrechtsparagraphen, greift die nationale „Elite“ dann zur „positiven Besetzung“ des Nationsbegriffs, hat ja schon immer geklappt.

Es kann gelingen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein und zugleich im Reinen mit Deutschland zu sein.“ Das ist ja schon wieder so diffus formuliert, daß es wirkt, als könne man mit dem Holocaust irgendwie in’s Reine kommen, sorry, geht nicht. Kann nicht gehen. Kann man nicht. Niemals. Den wird man nicht los, wenn man „deutsch“ sagt. Eine Formulierung wie „in’s Reine kommen“ ist da ja an sich schon erstaunlich, ging immerhin um Rassenhygiene damals.

So als erklärter Verfassungspatriot, der ich bin, finde ich ja auch vieles super, was nach dem Kriege sich so etablierte. Sozialstaat, Betonung der Menschenwürde wenigstens im Grundgesetz, wenn schon nicht auf den Fluren der Arbeitsagenturen oder in den Abschiebezonen der Flughäfen,  Mitbestimmung in Betrieben, „Rheinischer Kapitalismus“, Demokratie, Förderalismus, der Verzicht auf Glanz und Glorie und doofen Pomp, das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, Religionsfreiheit  – gut, es sind nur Auszüge aus der Rede, aber KEIN EINZIGES DIESER MOTIVE FINDET IN IHNEN AUCH NUR ERWÄHNUNG, ganz, als sei „das Volk“, „die Nation“ wieder eine „Gemeinschaft“ vor aller Verfassung und Staatsförmigkeit mit irgendwelchen kulturellen Eigenschaften – sagma, Herr von Beust, merkst Du eigentlich, was Du da redest? Was ist eigentlich aus Laibach geworden?

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8 Antworten

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  1. Die Formulierung find ich auch super: mit Deutschland im Reinen sein. Wird das jetzt Pflicht?
    Knallen manche durch?
    Es kann nicht gelingen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein und zugleich im Reinen mit Deutschland zu sein.
    Wozu eigentlich sollte ich wollen, dass mir das gelänge?

    Mal ganz abgesehen davon, dass ich nur mit meinen Mitmenschen und mit Gott und mit mir selbst ins Reine kommen kann, sonst mit nix.

    T. Albert

    4. Oktober 2008 at 11:20

  2. Ich habe heute morgen die Auszüge der Reden von Köhler und v. Beust im Abendblatt gelesen und bin ebenfalls erschrocken.

    Der Köhler wird mir ja immer sympathischer, auch im Bezug eben zu solchen leeren Reden, die der Spaß-EB da von sich gibt.

    Bei diesen Worten finden sich dann auch Menschen wieder, die den Hamburg-Besuch nutzen sich neu einzukleiden bei den Freunden von Thor Steinar:

    Das sind junge Leute, die nach vorne blicken, die etwas bewegen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten. Und es sind junge Menschen, von denen viele stolz auf Deutschland sind, die zu ihrem, zu unserem Land stehen. Die das Wir-Gefühl bei der Fußball-WM genossen haben und die sagen: ,Ich finde es gut, wenn wir als Nation zusammenhalten.‘
    http://www.abendblatt.de/daten/2008/10/04/947205.html

    dagegen setzt sich bei Köhler eine erfrischende Wahrhaftigkeit durch, wenn er sagt;
    Eine Kulturnation lebt auch vom respektvollen Umgang miteinander, von der Freundschaft zwischen Jung und Alt sowie von Höflichkeit und Achtung voreinander. Ich glaube, an der Stelle müssen wir aufpassen. Da ist schon einiges eingerissen, an das wir uns besser nicht gewöhnen.
    http://www.abendblatt.de/daten/2008/10/04/947225.html

    Erik

    4. Oktober 2008 at 13:30

  3. Wobei auch der Köhler da dieses „eine Kulturnation“ – also anders als Obervolta (heißt das eigentlich noch so?) oder Serbien – anpackt, schämen sollte er sich, und „respektvollen Umgang“ bezieht er dann auf sowas wachsweiches wie jung und alt, nicht etwa arm und reich, wo das ja beidseitig seltsam kontrovers würde … das sind doch Binsenweisheiten aus dem Moralphilosophie-Grundkurs, und irgendwie hat man auf einmal das Gefühl, daß der „D-Mark-Nationalismus“ und die „Wirtschaftsnation“ da zumindest ehrlicher waren …

    momorulez

    4. Oktober 2008 at 13:51

  4. […] eingerissen, an das wir uns besser nicht gewöhnen. Horst Köhler Quelle: HA, Links von mir, via SR Tags: Anstand, Deutsche Einheit, Hamburg, Horst Köhler, Kulturnation, neutschland, […]

  5. Au Backe, das öffnet einiges da im inneren Patrioten, wenn man wikipedia zum Begriff Kulturnation liest 😉

    Als 1848 in der Frankfurter Paulskirche die Grundrechte diskutiert wurden, wurde festgelegt:

    Jeder ist ein Deutscher, der auf dem deutschen Gebiet wohnt…die Nationalität ist nicht mehr bestimmt durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat… das Wort „Deutschland“ wird fortan ein politischer Begriff.

    Siehste denkt man da, eine Nation in der Kultur von Menschen und Grundrechten, das ist mein Deutschland. Dann merkt man schnell, dass damit der Begriff „Kulturnation“ gar nicht gemeint war … uff.

    Die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 verstand damit Deutschland als politische Nation, nicht als ethnisch fundierte Gemeinschaft, nicht als Kulturnation.

    Das schließlich nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegründete Deutsche Reich definierte die Nation zunächst nicht neu. Das alte Staatsbürgerschaftsrecht seiner Gliedstaaten blieb bestehen. Das preußische Staatsbürgerrecht von 1842 war nicht ethnisch gewesen, es musste von der Realität des Zweivölkerstaates ausgehen. Erst die Völkische Bewegung schuf die geistigen Grundlagen, die dem Begriff der Nation eine ethnische Bedeutung verliehen. 1913 wurde das ius sanguinis, das Abstammungsrecht, bei der Festlegung der deutschen Staatsangehörigkeit gesetzlich festgelegt. Die nationale Identität wurde damit von oben verordnet, es wurde nun einheitlich festgelegt, wer zum deutschen Volk gehörte und wer nicht, wer aus dem Volkskörper auszugrenzen war. Das Reich benutzte die Vorstellung einer Kulturnation auf völkischer Grundlage am Vorabend des Ersten Weltkriegs zur inneren Einigung.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturnation

    Die Tradition, auf die ich mich beziehe, wenn ich mich als politischen Paulianer, Altonaer und Grundgesetzdeutschen, also politischen Deutschen bezeichne ist demnach die eigentliche kulturelle Wurzel meines Deutschbegriffes, meines Patriotismus.

    Deswegen kann ich mit der Nationalmannschaft weniger anfangen, als mit dem magischen FC, bin aber verdammt stolz auf die Demos in Leipzig an den Montagen vor 19 Jahren und den Umstand, daß wir in HH diese Revolution ohne Paraden begehen können.

    ring2

    4. Oktober 2008 at 15:40

  6. … und umso empörter machen mich dann Anstandslose ebenda, die diese ehrenwürdige kulturelle Leistung mit Hass und Dummheit besudeln!

    ring2

    4. Oktober 2008 at 15:43

  7. Nur kurz u Laibach. Die waren kürzlich noch auf Tour. Ansonsten hier: Become a citizen of the first global state of the universe (http://www.nskstate.com).

    cut

    4. Oktober 2008 at 15:46

  8. „Kulturnation“, das ist doch Lumpenproletensprache.

    T. Albert

    4. Oktober 2008 at 15:56


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