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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kleiner Versuch über den Kommunitarismus

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Ich hatte ja schon verschiedentlich zu dem Thema etwas gepostet und möchte es an dieser Stelle einfach noch einmal zusammenfassen und zur Diskussion stellen. In den USA treten Kommunitaristen sowohl als Gegner der Neocons als auch der Liberals auf, eine wirkliche Alternative sehe ich in ihrem Weg aber nicht.

Zunächst war der Kommunitarismus, der heute mit dem Anspruch auftritt, DIE gegenbewegung zum Neoliberalismus zu sein, ein Problem der Diskursethik; wichtige Philosophen sind Charles Taylor, Michael Walzer, Bellah, der Brite Alexander MacIntyre. Etzioni ist ein kommunitaristischer Politiker, kein Philosoph. Der Kommunitarismus fußt auf der Philosophie von Rawls, dessen Theorie der Gerechtigkeit am Liberalismus Kritik übt, die wiederum aber auch die Kommunitarier kritisieren. Greift darüberhinaus auf viel ältere Elemente zurück, z.B. vorliberale Traditionen des amerikanischen Puritanismus. Entscheidend: hohes Maß an sozialer Verbindlichkeit und autonomer Organisation in den frühen Siedlergemeinden. Bei McIntyre findet sich außerdem ein Rückgriff auf die aristotelisch-thomistische Tugendethik, bei Taylor auf Hegels Rechtsphilosophie. Der Kommunitarismus betont sehr stark die Wichtigkeit des Gemeinnutzes und der Gerechtigkeit, geht aber wenig darauf ein, ob das Gerechte auch gut sei. Karl-Otto Apel weist in Gemeinschaft und Gerechtigkeit von Brumlik und Brunkhorst darauf hin, daß wir Deutschen aufgrund der NS-Erfahrung damit unsere Schwierigkeiten hätten. Programmatisch sei der Kommunitarismus von der pragmatisch-lingiustisch-hermeneutischen Philosophie in der Tradition Heideggers, Wittgensteins und Gadamers geprägt. Daraus ergibt sich eine apriorische Bezogenheit: jede Art von politischem Denken und Handeln ist bedingt durch ein bestimtes persönliches und soziokulturelles Umfeld und von diesem nicht abtrennbar. Gegenteil von Universalismus. Angesichts des zur absoluten Weltgeltung drängenden Neoliberalismus scheint eine Gegenbewegung dringend notwendig, es stellt sich nur die Frage, ob der Kommunitarismus nicht viel zu kurz greift. Immerhin: Der Neoliberalismus ist universalistisch und bringt die Ideologie der One World und der Globalisierung mit ihrem mörderischen Anpassungsdruck hervor. Der Kommunitarismus kritisiert schon den Universalismus eines Hobbes und Kant und führt infolgedessen zum Denken in kleinen Zusammenhängen, er kommt ohne den Gesamtbezug aus und läuft tendenziell eher auf Selbstgenügsamkeit hinaus. Der Kantsche Kategorische Imperativ wird bei Rawls kritisiert, weil er losgelöst von jedem kulturellen und sprachlichen Kontext ist. Der Kommunitarismus ist demgegenüber werterelativistisch: gut ist, was innerhalb einer bestimmten Gesellschaft im Rahmen von deren überlieferten Werten und anerkannten Traditionen gut ist.

Kant stellt die kulturelle Prägung der eigenen Wertvorstellungen nicht in Frage; der Kommunitarismus argumentiert in dieser Hinsicht gewissermaßen ethnologisch-interkulturell und leitet seine Positionen hierbei von Gadamer und Heidegger ab. Der Kommunitarismus formuliert kein gesamtgesellschaftliches Fernziel und ist philosophisch nicht imstande, ethische Normen über einen bestimmten kulturellen Horozont hinaus zu vermitteln. Orientiert an Aristoteles, Wittgenstein, Hegel und Gadamer, ist er eine Philosophie der Inhärenz, nicht der Transzendenz. Rorty begründet einen liberalen Kommunitarismus: Er vertritt liberale Werte und Normen, gibt aber zu, daß er diese einem Angehörigen eines völlig anderen Kulturkreises gegenüber nicht begründen könnte. Für Karl-Otto Apel (Habermas-Schüler) stellt sich damit die Frage, ob der Kommunitarismus aus der Ex-post-These eines konkreten Kulturzusammenhanges heraus in der Lage sei, das Selbstverständnis eines weltbürgers zu formulieren. Konkreter formuliert: Die Identität eines modernen Menschen, der auch den Traditionen nichtokzidentaler Kulturen gerecht wird. Apel ist der Auffassung, daß der Kommunitarismus dies nicht zu leisten imstande ist – und im Zweifelsfalle zieht er die Kant´sche Universalethik vor.

Walzer geht einen Schritt weiter als der „orthodoxe“ Kommunitarismus, indem er den gebundenen partikulären Gesellschaften universalistische Prinzipien, wie Menschen- und Bürgerrechte, vorschalten will. Gegensatz Liberalismus-Kommunitarismus(nach Albrecht Wellmer): Der Kommunitarismus geht davon aus, daß den modernen Gesellschaften allgemeinverbindliche moralische Vorstellungen vorgeschaltet werden müssen, welche die gleiche Bindungskraft besitzen sollten, welche früher die Religion hatte. Der Liberalismus geht davon aus, daß die Bürger-Freiheitsrechte an sich schon ausreichten, da der Mensch von Natur aus gut sei. Angesichts von Hungertoten in der Dritten Welt, angesichts der Tatsache, daß z.B. Asylsuchenden die Bürgerrechte gar nicht erst gewährt werden, erscheint weniger eine kommunitaristische Partikularethik erforderlich, als – im Marx´schen Sinne – die endliche Einlösung der Universalethik wirklich für alle vordringlich.

Vorbedingung für die Entstehung des Kommunitarismus: Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, bedingt u.a. durch Katastrophen wie Hiroshima, den Kalten Krieg, Umweltzerstörung usw., nahm die politische Philosophie in Nordamerika und teilweise auch Großbritannien Abstand vom Bezug auf das freie Individuum (liberale Philosophie) oder das Volksganze (demokratisches bis sozialistisches Denken) und bezog sich statt dessen auf partikulare Gruppeninteressen, die möglichst gerecht austariert werden müßten. Robert Dahls Who governs? und Seymour Lipsets Political Man lenkten Anfang der Sechziger den Pluralismusdiskurs auf die Elitentheorie. Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls löste 1971 die bis heute fortgeführte Debatte aus.Damals war es noch darum gegangen, einen sozialliberalen Wohlfahrtsstaat sowohl gegen die Kritik der 68er als auch gegen den Konservatismus zu verteidigen, daraus ergab sich später einerseits eine Frontstellung gegen den Neoliberalismus, andererseits ein philosophischer Dissenz, bei dem auf Kant, Hegel und Aristoteles zurückgegriffen wurde. Die Debatte kann also nur indirekt als postmodern begriffen werden, da sie tatsächlich auf historisch sehr alte Diskurslinien zurückgreift.

Später entwickelte sie sich zu einem Streit um Neoliberalismus auf der einen und ethisch verankerte politische Philosophie ohne universellen Bezugsrahmen auf der anderen Seite.

Alasdair Mac Intyre begreift den Verlust an historischem Denken von Locke bis Rawls als Wertezerfall. Während etwa für Rawls die Auflösung in unterschiedliche partikulare Wertsysteme einen Wertepluralismus darstellt, ist dies für MacIntyre ein Verlust. Desgleichen stellt der Liberalismus für ihn in erster Linie ein Wertedefizit dar.

Michael Walzer unterscheidet in Sphären der Gerechtigkeit zwischen unterschiedlichen Formen von Gerechtigkeit. So führt er das Beispiel des gegenseitigen Schenkens in Westpolynesien, u.a. auf den Trobriandinseln an, das keinerlei ökonomischer Rationalität folgt, aber Verbundenheit schafft. Verbundenheit steht im Mittelpunkt von Walzers gesamten Denken. Er postuliert unterschiedliche Sphären der Gerechtigkeit, die einander nicht durchdringen würden und in denen unterschiedliche Gesetze herrschen. So sei der Kapitalismus außerhalb unmittelbarer Warentauschbeziehungen ungerecht, das Problem sei, daß er andere Gerechtigkeitssphären von sich abhängig mache. Anzustreben sei, daß in jeder Sphäre – also auch in den verschiedenen Aktions- und Lebensbereichen des täglichen Lebens – eine andere Form von Gerechtigkeit herrsche und dort eingehalten würde. Walzer hält es für möglich, eine Gesellschaft zu errichten, die gerecht sei, schweigt sich aber darüber aus, ob diese auch gut sei. Totalitarismus sieht Walzer als die schlimmste Form der Tyrannei an, gerade weil dieser alle Sphären der Gesellschaft durchdringt und damit interpersonelle, kleinräumige und zwischen Kleingruppen vermittelbare Formen von Gerechtigkeit nicht mehr möglich mache.

Die positive Forderung ist bedingt durch das Modell der komplexen Gleichheit, welches besagt, daß zwar in unterschiedlichen Sphären unterschiedliche Wertsysteme herrschen, daß diese aber innerhalb des eigenen Kontextes gerecht sein müssen. Außerdem müßten alle Menschen in der Gesellschaft in bestimmten Sphären Regierende und in anderen Sphären Regierte sein. Als anzustrebendes Gesellschaftsmodell für die USA entwirft Walzer einen dezentralen demokratischen Sozialismus, in dem die Arbeiter die Kontrolle über Fabriken und Großbetriebe haben und Arbeit und Freizeit in der gesamten Gesellschaft gleichmäßig verteilt sind. In Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie beschreibt Walzer die Einwanderergesellschaft der USA, lobt die Integrationsleistung der US-Gesellschaft bezüglich der Einwanderer, während er den Rassismus gegenüber Indigenen und Schwarzafrikanern kritisiert (wie auch die Rolle des Kapitalismus). Auf die Situation der Einwanderer bezogen, stellt er die US-Gesellschaft für zu schaffende Vereinigte Staaten von Europa als vorbildlich hin; insbesondere bezogen auf die „neuen Stammesgesellschaften“ Osteuropas, die es in Zukunft noch zu integrieren gälte.

In Zweifel und Einmischung beschreibt Walzer die Biographien von insgesamt 11 kritischen Intellektuellen –u.a.Martin Buber, Antonio Gramsci, Simone de Beauvoir und Breyten-Breytenbach und reflektiert dieser unter dem Aspekt der Verbundenheit bzw. Unverbundenheit. Er konstatiert, daß Kritik nur dann von Erfolg gekrönt sei und Sinn mache, wenn die KritikerInnen einerseits der Sache, für die sie einstehen und der Gruppe, der sie angehören, persönlich verbunden seien, andererseits aber kritische Distanz aufwiesen –Reflex auf Selbstbezogenheit, Bauchnabel (Walzer sieht sich in Breytenbach wieder etc.). Am Schluß Interkulturalismus einfließen lassen!

Den Beginn des Kommunitarismus markieren drei Monographien aus den frühen achtziger Jahren: Alasdair MacIntyres After Virtue,(1981), Michael Sandels Liberalism and the Limits of Justice (1982) und Michael Taylors (nicht zu verwechseln mit Charles Taylor) Community, Anarchy, and Liberty (1982). Zentrale Thesen:

1) Der Kommunitarismus als Moralphilosophie richtet sich als erstes gegen Aufklärung und universalistische Ethik. Insbesondere Hume und Kant werden kritisiert; McIntyre geht so weit, daß er jede absolute, naturrechtlich gesetzte Ethik ablehnt und nur im genuinen kulturellen Kontext von Ethik zu sprechen bereit ist – Fluchtpunkt Gewohnheitsrecht.

2) Gleichzeitig tritt der Kommunitarismus für eine Tugendethik ein. McIntyre plädiert für einen verläßlichen Charakter mit festen moralischen Prinzipien anstelle der unpersönlichen allgemeinen Ethik.

3) Der Kommunitarismus tritt für die gewachsenen Lebensformen der Community ein und weist damit die Altes zerstörenden Tendenzen des Liberalismus zurück. Die Umwälzung der Welt im Sinne eines nivellierenden Fortschrittsbegriffs wird abgelehnt.

4) Der Kommunitarismus ist antietatistisch. Insbesondere Michael Taylor und Michael Walzer sind einerseits gegen den liberalen Nachtwächterstaat, andererseits gegen den starken Staat der Konservativen oder Traditionssozialisten eingestellt.

5) Während der Kommunitarismus alle Klassiker der Aufklärung ablehnt, bezieht er sich überwiegend positiv auf Aristoteles, weil dessen Polis-Begriff eine gewachsene, partikulare Gemeinschaft beinhaltet.

Dazu lassen sich nach Otfried Höffe folgende Gegenpositionen formulieren:

1) Wenn etwa Walzer eine universalistische Ethik ablehnt, aber trotzdem seiner sphärenspezifischen Gerechtigkeit allgemeingültige Prinzipien vorschalten will, befindet er sich in einem logischen Paradoxon. Die Vorstellung einer allgemeinen Ethik bei Kant negiert auch nicht, daß es verschiedene Staaten mit unterschiedlichen Rechtssystemen gibt. Von einem universalistischen Grundbegriff der Gerechtigkeit auszugehen und jeweils gruppenbezogenen Differenzierungen benötigt nicht die Aufgabe eines universellen Grundprinzips, wenn Gerechtigkeit etwa an grundsätzlicher Gleichheit vor dem Gesetz, Unparteilichkeit des Richters/Gesetzgebers usw. angenommen wird. Die Kommunitaristen verwischen die Grenzen zwischen dieser auch bei Kant unstrittigen Unterscheidung.

2) Aristoteles verwirft die gottgegebene Ethik ebenso, wie er die Verschiedenheit der Gerechtigkeitsvorstellungen betont, aber sich nicht nur auf das Herkommen (nomoi) beruft, sondern auch übergeordnete Werte (physei) anerkennt. Glück und Vernunft stellen für ihn übergeordnete Werte dar; die Bindung an die polis ist ein zeitbedingter Faktor, den seine Philosophie in ihren Konsequenzen transzendiert. Das Gute einer Gemeinschaft bedeutet bei ihm Gemeinwohl schlechthin.

3) Das Subjekt in der liberalistischen Philosophie ist nicht seine Bedürfnisse, sondern hat sie. Damit ist es falsch, wenn die Kommunitarier, wie Sandel, den Libertariern Solipsismus unterstellen.

4) Die Betonung der Communities ist unsystematisch. Wenn Familien und Gemeinden, Kirchen und Nachbarschaften, ja Staaten als Communities begriffen werden, warum nicht die gesamte Menschheit? Wenn Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik sagt, Freundschaft ginge vor Gerechtigkeit, läßt drei Deutungen zu: Ist ein Freund in seinen Interessen verletzt, gebietet die Freundschaft, über die gerechtigkeit hinaus, ihm zu helfen; Freundschaft gebietet, dem Freund mehr zu helfen, als bloße Gerechtigkeit es verlangen würde; schließlich, unter wahren Freunden braucht man keine Gerechtigkeitsgrundsätze mehr.Aristoteles verlangt nirgendwo, Prinzipien wie nicht zu stehlen, nicht zu töten etc. außer Kraft zu setzen, wenn es um die Freundschaft geht oder dem Freund gegenüber ein Auge zuzudrücken. Vielmehr bedeutet sein Freundschaftsbegriff ein hohes Ideal: wahre Freundschaft besteht nicht m gegenseitiger Vorteile willen, sondern um ihrer selbst; in diesem Sinne könnten nur gute Menschen wahre Freunde sein. Dieses Freundschaftsprinzip hat also nichts mit der Betonung überkommener Bindungen zu tun, wie es die Kommunitarier (z.B. Michael Taylor) sehen.

Fazit: Der Kommunitarismus hat mit dem Anspruch begonnen, eine Alternative nicht nur zum ökonomischen, sondern auch zum gerechtigkeitsverpflichteten, dem moralisch-philosophischen Liberalismus darzustellen. Statt Aufklärung und universalistischer Moral Traditionen und partikulare Ethiken; statt unpersönlicher Prinzipien und Pflichten personale Tugenden; statt der universellen Freiheit zur Wahl verschiedener Lebensentwürfe ein gemeinsamer Lebensentwurf; statt der staatsförmigen Gesellschaftsform kleine, homogene und möglichst herrschaftsfreie Gesellschaften; statt Kant Aristoteles.

Zu Ende gedacht, ist der Kommunitarismus wie schon gesagt ein wertkonservativer Anarchismus. Der Aristoteles-Bezug ist philosophisch unkorrekt; letzlich läuft der Kommunitarismus auf eine individualistische, interkulturelle Fortentwicklung des Liberalismus hinaus, der große Bruch wird nicht konsequent durchgehalten und ist auch ein Irrweg.

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2 Antworten

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  1. Na, die Conclusio haut schon hin; der vorletzte Absatz vor allem. das mit dem Anarchismus halte ich etwas für dahingesagt, weil man dann auch Gemeinschaftsbegriffe, wie sie gegen Weimar in’s Feld geführt worden sind, als solchen verniedlichen könnte.

    Ansonsten sollte man wohl darauf hinweisen, daß die US-„Liberals“ nicht per se die sind, die wir hier unter „neoliberal“ verbuchen würden – Friedmann z.B. ist hinsichtlich des Geschriebenen ja eher konservativ.

    Das sind im Grunde Kantianer, wie du ja auch schreibst, es sei jedoch akzentuiert, weil zu den liberalen Klassikern, die eher von totalisierten Eigeninteresse ausgehen und die dann oft noch Varianten des Utilitarismus an dieses koppeln, in der Kantische Moralphilsophie einfach Fragen und Antworten hinzutreten, die im klassischen Liberalismus keine Rolle spielten: Z.B. eine eigenständige „moralische Motivation“, die moralisch richtiges Handeln aus einem bestimmten Begründungszusammenhang gewinnt, der a priori reziprok funktioniert und unter Abstraktion von den je eigen Interessen erst Moral hervorbirngt.
    Der klassische Liberalismus thematisiert eigentlich nur die Motivation zur Moral, nicht die moralische Motivation selbst, wie übrigens auch die berühmte „Goldene Regel“: „Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, die meines Wissens schon in der Bibel sich findet, ja eher den Versuch darstellt, individuelle Befindlichkeiten zu generalisieren.

    Kantische Moralbegründungen hingegen geben ein über-individuelles Prinzip an, insofern kann man auch zwischer einer „Konkurrenz“ oder einem Konflikt zwischen Prinzipien- und Güter-Ethiken sprechen, wenn man die „Liberals“ versus „Kommunitaristen“-Debatte sortieren will.

    Kantische Moralbrgründungen gehen zudem davon aus, daß aus den Prinzipien der Vernunft bzw. Rationalität selbst Moral zu gewinnen sei, und der Kommunitarismus gehört schon in’s „postmoderne Klima“, weil man ihn auch als Vernunftkritik rezipieren kann .– dieser Streit hat ja die akademische Diskussion der 80er Jahre so nachhaltig geprägt.

    Da standen dann auf der einen Seite Feministinnen, die die partriarchale Vernunft als Herrschaftsmittel (u.a. mit der DdA unterm Arm) verunglimpften, Hand in Hand mit teils ganz lustigen (Marquard, „Abschied vom prinzipiellen“), teils aber auch drastisch-konservative Neoaristotelikern, Feyerabend-Jünger, Horkdorno-Veteranen und Foucault- und Derrida-Anhänger und prügelten, teils noch Öko-Bewegungs-beeinflußt, auf die naturbeherrschende Vernunft ein und fanden sich dabei immens progressiv, gar nicht so recht realisierend, daß sie diese fortwährend in Anspruch nahmen und zudem das eigentliche Medium der Kritik aus den Händen gaben, etwas, das Adorno so nie passiert wäre.

    Daran koppelte sich dann die Kritik der „universellen Vernunft als Form des Kulturimperialismus“, was ja im Grunde genommen nur sagte, daß die Wilden alle ein wenig deppert sind und doch bitte auch bleiben sollten.

    Das war so das Klima, in das ich hinein studierte – vor dem hintergund muß man auch z.B,. die Statements von Höffe und Apel lesen, da diese die Vernunft gegen ihre Liebhaber und Verächter zu verteidigen wußten.

    Wobei man jetzt auch Gadamer, ganz ausdrücklich Heidegger-Schüler (und was der im 3. Reich getrieben hat, weiß ich nicht, der gadamer, der war ja schon richtig alt, als „Wahrheit und Methode“ erschien), doch immer ein wenig quer zu allen anderen lesen muß, das nebenbei – Leute wie Zettel kann man mit dem bis heute ganz gut kritisieren, was einen aber nicht dazu verleiten sollte, die Sache der Vernunft an der Gardrobe der Hermeneutik abzugeben.

    Also, das zum einen: Meiner Ansicht nach kann man nicht – wie die Kommunitaristen das taten – der Kantischen Tradition und somit auch jener der Liberals das vorwerfen, was man Neoliberalen vorwerfen muß, daß sie nämlich von einem „atomischen Subjekt“ ausgingen, – sie gehen von den Prinzipien der Vernunft selbst aus, und das kann man mit Sicherheit mit guten Gründen kritisieren, mir sind damals bei den Kommunitaristend derer allerdings nicht über den Weg gelaufen, ist jetzt aber auch 15 Jahre her, daß ich da tiefer drinnen steckte.

    Damit korrespondierend: Charles Taylors damals berühmtestes Werk hieß „Sources of the Self“, und da hatten die Kommunitaristen zunächst mal rein deskriptiv recht – das, was man so als „Selbst“ bezeichnen kann, ist nun mal sozial konstituiert, da können all die Kantianer noch so sehr im A Priori der Vernunft herumschnüffeln oder „intelligible Welten“ erfinden, das gilt. Und da können alle Neoliberalen auch noch so sehr so tun, als hätten sie sich von Geburt an „eigenverantwortlich“ durch’s Leben gerobbt: Man wird das wechselseitig aufeinander angewisen sein bis zum Lebensende nicht los.

    Worauf ja ein Habermas z.B. immer schon reagiert hat – die lebensweltlichen Konexte, in denen man immer schon verortet ist, bilden gewissermaßen das Material der Diskurse von Wissenschaft, Moral und Kunst; Kommunikation ist eh dazu da, Handlungen zu koordinieren und sich mit Anderen zu verständigen, und wenn man Vernunft im Kantischen Sinne thematisieren will, kann man nicht anders, als diese realen Kommunikationsprozesse idealtypisch zu rekonstruieren und so auch die Regeln, denen man sowieso schon folgt, wenn man moralische Regeln WIRKLICH begründet. Und gerade mal nicht strategisch agiert, um Andere über den Tisch zu ziehen, wie unsere neoliberalen Freunde das vertreten, ohne es zu merken.

    Das ist ein refelxives Verhältnis zur eigenen Kultur, Tradition, Community, was sich in dieser Praxis konstituiert, und das ist ja das eigentlich Tolle an der Moderne: Daß Weltbilder, Praktiken, Sitten und Gebräuche eben diskussionsfähig und KRITISIERBAR werden auch dann, wenn man von ihnen geprägt ist, und anders als vernünftig geht Kritik gar nicht.

    Und an dem Punkt bekommen die Kantianer immer recht gegenüber den Kommunitaristen: Sie ermöglichen Kritik, und die nennen das das dann Werteverfall …

    Zwei andere Punkte freilich sind damals tatsächlich aus der Diskussion verschwunden, und das ist deren Drama, und da erst kann ich dem habermas-Bashing dann auch folgen: Qualität und Materialität wird konseqeunt verbannt aus all diesen formalisierten Kantianer-Konstruktionen, was, um ein Beispiel aus einer Diskussion bei den B.L.O.G.s und bei Dir auftzugreifen, dann manche dazu treibt, die Meinungsfreiheit so prinzipiell zu verteidigen, daß noch „Kauft nicht bei Juden“ unter deren Schutz fiele. Und: Die Frage nach der erteilungsgerechtigkeit wird komplett ausgeklammert.

    Beides läßt sich aber, glaube ich, dann „einfangen“, wenn man insbesondere Motive der feministischen Kritik sehr ernst nimmt, z.B. die „Figur“ des „konkreten Anderen“ bei Seyla Benhabib. Die Kantische Tradition kennt tatsächlich nur den „abstrakten Anderen“, und dann ist schon äußerst seltsam. Dann kann man auch emotivistische Dimensionen einbeziehen, ohne gleich die Vernunft vertreiben zu wollen.

    Interessant ist übirgens, daß viele Prowestler im Grunde genommen einen kommunitaristischen, hegelianisch gewendeten Kantianismus betreiben, und dieser gedankliche Kurzschluß ist so wahnwitzig und kreuzgefährlich und auch völlig absurd, daß man sich nur noch schütteln mag …

    momorulez

    4. Oktober 2008 at 20:30

  2. Danke für diese Antwort! Hilft mir, einige Dinge klarer zu sehen und bestätigt meine Grundannahmen. Wieso Walzer oder Etzioni Positionen, die ich als linksgrün einordnen würde daraus ableiten bleibt mir allerdings weiter unklar.

    chezweitausendeins

    4. Oktober 2008 at 23:03


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