shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das ungleichzeitige Lebensgefühl der Achtziger

with 6 comments

Im Spiegel-Online-Magazin „eines tages. Wie wir wurden, was wir sind“ beschreibt der ehemalige Tempo!-Redakteur Thomas Huetlin das Lebensgefühl junger Leute in den 1980ern und wie er diese Zeit wahrgenommen hat. Ich muss sagen, dass es mich etwas erstaunt und befremdet. „Nicht Rainer Langhans und John Lennon gingen uns auf die Nerven, sondern deren Epigonen. Gestalten, die ihre K-Gruppen-Dogmen über die oft funkelnden Gedanken der sechziger Jahre betonierten. Die mit mantrahaft wiederholten Theorien die Welt totdiskutierten – wohlig resigniert ahnend, dass jenes System, das ihnen den Rotwein und den muffigen Parka finanzierte, am Ende doch nicht zu besiegen sein würde. die reale Welt der Achtziger erschien erstarrt. … War es da nicht viel interessanter, die Wirklichkeit als spiel zu betrachten, das sich immer neu kombinieren ließ? War es nicht inspirierender, die Realität als eine Möglichkeit von vielen zu deuten? War der Baukasten des „Anything goes“ nicht die beste Waffe gegen den erstarrten Mainstream?“

Ich habe den Eindruck, wir lebten in verschiedenen Welten. Denn ich bin wenige Jahre jünger als Huetlin, aber ich hatte diese Zeit ganz anders erlebt. Für uns waren die 68er erst unerreichtes Vorbild, dann Leute, die uns nicht konsequent genug waren, die wir überholen und übertreffen wollten. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es davon nicht allzuviele. Unsere Lehrer waren überwiegend im Muff der Adenauer-Ära aufgewachsen und bemüht, uns zu „westlichen Werten“ zu erziehen, zu denen auch Starfighter, Kommunistenhatz und Elitedünkel gehörten („Als Gymnasiasten müsse Sie nicht Maschine schreiben können, sondern sie werde später eine Sekretärin haben. Wenn das nicht der Fall sein wird, sind sie auf der falschen Schule“.). Das, was ich von den Linken mitbekam, waren Spontis, Autonome, Feministinnen, Ökos und Punks, K-Grüppler gab es schon 1977 nicht mehr. Die trugen auch keinen Parka, sondern schwarze Lederjacken, Afghan-Kammgarn („Teppichjacken“) oder Selbstgehäkeltes. Ich empfand die Zeit auch nicht als erstarrt, sondern als extrem dynamisch: Revolutionen im Iran und in Nicaragua, Bürgerkriege im Libanon und El Salvador, Hausbesetzungen und „Swinging Cities“ mit Dauerpartystimmung in den Kiezen (wenn die Staatsmacht nicht gerade räumte), Lockerbie, Bomben über Libyen, Vernichtungskrieg in Kurdistan-Irak, Wackersdorf, Faschoaufmärsche, Kampagnen gegen Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnheimen und Einkaufsgutscheine, Umsonst&Draußen-Konzerte, viel guter Sex, darunter viele One-Night-Stands, ständige peinliche Entgleisungen Kohls, Medien wie Titanic, Tempo, Hier&Jetzt die sich genau daran abarbeiteten und eine Anti-Establishment-Haltung als Frage des guten Tons kultivierten. Für mich waren die 80er eine Art Fortsetzung der Woodstock-bis-Ölkrise-Zeit mit anderen und teils weitaus schrilleren) Mitteln

Advertisements

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Mal abgesehen davon, daß der Heini da ja gar keine Erinnerungen beschreibt, sondern Geschichtspolitik betriebt – ich glaube schon, daß man die Jugendklluturen der 80er als gegen die „großen Bewegungen“ gerichtet sehen konnte, obgleich die Friedensbewegung ja nun selbst frühe 80er ist und Anti-AKW bis Wackersdorf reichte.

    Aber dieses „Anything goes“, das galt nun gerade nicht – war ja auch die Zeit der „Stilfaschismen“, der „kleinen Tribes“, Ökos, Popper, das, was aus Punk wurde, Grufties, Waver, Teds, Psychs, Heavies und auch die ersten Nazi-Skins waren ja auch nie freundlich zueinander. Klar, die Masse von den 50ern bis heute ist eigentlich konstant spießig gewesen, trotzdem, ich glaube, diese fast spartenartige Ausdifferenzierung ist maßgeb,lich gewesen, „Anything goes“ ist eher 90er Jahre …

    momorulez

    5. Oktober 2008 at 19:34

  2. „Gestalten, die ihre K-Gruppen-Dogmen über die oft funkelnden Gedanken der sechziger Jahre betonierten.“
    Das gibt punktgenau meine Erfahrungen mit den K-Gruppen wieder, nur stammen die aus den 70ern, nicht den 80ern.

    Noergler

    5. Oktober 2008 at 20:22

  3. Nörgler, eben, in den 80ern gab es die gar nicht mehr.

    che2001

    5. Oktober 2008 at 20:59

  4. Ich kannte in den Achtzigern keinen einzigen K-Grüppler, bis heute nicht einen. Bis 76, 77 kannte ich leider einige an unserm Gymi. Fast alle meiner Freunde kannten die schon nur vom Hörensagen. Meine Freunde und ich trugen den Titel „kleinbürgerliche Anarchisten“, mit dem die Stalinisten ohne Not diejenigen von uns, die sie kannten, bezeichneten, mit Stolz. Wir waren eben keine antisemitischen Nationalisten.

    T. Albert

    6. Oktober 2008 at 0:24

  5. Mein Eindruck: ich merke, dass ich und che2001 die „80er“ in unterschiedlichen Milieus erlebten (auch wenn es da die eine oder andere Überschneidung gab – ich war GALier und „lauer“ Hafenstraßen-Sympathisant, also ziemlich spießig).

    Thomas Huetlin „Erinnerungen“ an die 80ern weichen von meinen so weit ab, dass die unterschiedlichen Milieus, in der wir lebten, diese Unterschiede nicht erklären können.

    Von daher habe ich den Eindruck, dass Huetlin absichtlich Legenden schafft, Legenden, für die, die die damaligen Zeit nicht miterlebt hatten – und die, an denen die „80er“ sozusagen vorbeigegangen sind. MomoRulez Verdacht, da würde Geschichtspolitik betrieben, ist da sehr naheliegend. (Auch wenn Huetlin das selbst gar nicht bewusst sein mag – er schildert die „80er“ vielleicht nur so, wie er sie gern gehabt hätte – also „subjektiv ehrlich“. Aber das ist eher ein Fall für einen Psychologen.)

    Also, dass Thema „K-Gruppen“ war in den 80ern durch, dass kann ich auch aus meine Erinnerungen bestätigen. An „Anything goes“ kann ich mich, jedenfalls für die frühen 80er, nicht erinnern – eher an dogmatisch und fanatisch auf ihren jeweiligen Dresscode versessene Splitter-Subkkulturen. Damals konnte man die politische Gesinnung, zumindest bei jungen Menschen, durchaus an der Kleidung ablesen. Die Parkas waren aber, soweit ich mich erinnern kann, keine Gesinnungsklamotten. (Sogar einige ultra-pazifistische, christlich imprägnierte Lila-Lappen-Träger hatte die bei Schlechtwetter-Demos an. Irgenwie kann ich mich an keine Demo erinnern, bei der laue Lüfte und strahlender Sonnenschein geherrscht hätte. Was sicherlich *meiner* selektiven Erinnerung geschuldet ist.)

    MartinM

    6. Oktober 2008 at 1:31

  6. Zumal Rainer Langhans und John Lennon in den Achtzigern definitiv durch und anything goes zwischen 1993 und 2001 angesagt war.

    che2001

    6. Oktober 2008 at 7:32


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s