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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Den Weizen grün verzehren – Literatur und Spekulation

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Habe ich soeben bei Rabelais‘ „Gargantua und Pantagruel“ von 1546 zur Moral des Spekulanten gefunden:

„Durch eine Weisung an die Regierung von Dispodien verlieh Pantagruel Panurg die Herrschaft Salmigodien, die eine feste jährliche Einkunft von 6.789.106.789 Goldgulden abwarf, wozu noch ein allerdings ungewisser Ertrag von den Maikäfern und Schnecken kam, der sich aber doch, ein Jahr ins andere gerechnet, immer noch auf 2.435.768 bis 2.435.769 Dukaten belief. Manchmal, wenn es gerade ein gutes Maikäferjahr war und die Schnecken recht begehrt wurden, stieg er auch wohl an bis auf 1.234.554.321 Zechinen; das geschah aber nicht alle Jahre. Der Burgherr wirchaftete so vortrefflich und umsichtig, daß er bereits in weniger als vierzehn Tagen mit den dreijährigen Einkünften seiner Herrschaft, das heißt mit den festen wie den zufälligen, fertig war. Nicht etwa daß er Klöster gestiftet, Kirchen gebaut, Schulen und Hospitäler dotiert oder sonst irgendwie seinen Speck vor die Hunde geworfen hätte, keineswegs. Alles ging in unzähligen kleinen Schmausereien und Gelagen drauf. Sein Haus stand offen für jedermann; was nur ein guter Kumpan war, alle jungen Damen und Herzliebchen waren willkommen. Da wurden Wälder abgeholzt, die herrlichsten Stämme verbrannt, um als Asche verhandlet zu werden, Geld vorausgenommen, teuer gekauft, wohlfeil verkauft, mit einem Wort: er verzehrte den Weizen grün.“ (S. 330 f.)

„Nichts besseres als Schulden haben! Da bittet man unablässig den lieben Gott für dich, daß er Dir ein gesundes, glückliches, langes Leben schenke, und weil man fürchtet, sein geld bei dir zu verlieren, so redet man vor den Leuten nur das Beste von dir, damit sich immer neue finden, die dir borgen, neue Quellen fließen und alte Löcher mit frischem Lehm zugeschmiert werden können, den andere hergeben sollen. Als man ehedem in Gallien die Leibeigenen, Dienstmannen und Ausrufer der Leichenfeierlichkeiten bei den Begräbnissen ihrer Herren und Gebieter dem druidischen Gebrauch gemäß lebendig verbrannte, waren da nicht jene um das Leben dieser Herren in steter Besorgnis? Mußten sie doch mitsterben, wenn diese starben. Flehten sie nicht unaufhörlich zu Merkur, ihrem mächtigen Gott, und Dis, dem Vater der Batzen, daß er ihnen ein langes Leben und kräftige Gesundheit verleihen möchte? Trugen sie nicht ängstlich Sorge, sie auf das beste zu hegen und zu pflegen? Konnten sie doch bis zu ihrem Tode mit ihnen zusammen leben. So werden Eure Gläubiger, des könnt Ihr gewiß sein, inbrünstiger für Eure Erhaltung zu Gott beten und Euren Tod umso mehr fürchten, als ihnen das Hemd näher als der Rock und das Geld lieber als das Leben ist. Beweis dafür die Wucherer von Landrousse, die sich unlängst aufhängten, weil das Korn und der Wein im Preis fielen und bessere Zeiten kamen.“ (S. 334 f.)

F. Rabelais (1546/2003) Gargantua und Pantagruel. Frankfurt/Main: Insel (Drittes Buch. Des Pantagruel zweites).

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Written by lars

6. Oktober 2008 um 23:26

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