shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Mach mal mal Platz da, Schätzchen!“

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So, gleich geht’s in Joan Baez-Konzert. Nur wer sich treu bleibt bleibt, kann sich auch weiterhin verändern – wenn irgendwer für die Treue zu sich selbst und ihren Idealen steht, dann ist es diese großartige Frau.

Nach 15 Jahren in einem Unternehmen, das all die gefeierten und gegeißelten Finanzmarkts-Maschen mitgestrickt hat bis zum Beinahe-Kollaps (vielleicht kommt er ja jetzt), brauche ich sowas wie Frau Baez die Luft zum Atmen. Die erste Begegnung mit meinem Bis-Vor-Kurzem-Noch-Chef – mittlerweile per Private-Equity-Fonds-Kohle grundsaniert mit Villa am Grunewaldrand, erworben auf Kosten meiner Lebenszeit – war beim Vorstellungsgespräch damals, im Mai ’93. Bei der sehr charmenten Redaktionsassistentin fand das statt, und er, Müncherner Schick mit langen Haaren und zerissener Jeans, sprach’s aus „Mach mal Platz da, Schätzchen!“. Ich saß halt im Weg.

Wenn ich auch sonst nur sehr wenig von psychoanalytischen Erklärungsmustern halte, so folge ich doch der Aussage eines meiner potenziellen Investoren neulich über eben diesen Chef: „Ist er ein Machtmensch? Einer, der nur ein instrumentelles Verhältnis zum gegenüber einnehmen kann?“, na, und beigetragen hat das allemal zu dem, was jetzt wohl Millionen in die Armut treiben wird.

Gestern lief noch eine sehr gute Reportage über einen US-Investor auf ARTE – in seinem Vokabular präsentierte er sich ganz klischeehaft als John Wayne-Type oder auch als die Karrikatur liberaler Blogs: Allesamt Feiglinge und sozialistische Mafiosi, die ihre Aufsichtsräte nur mit Süßigkeiten belohnten, nur er nicht. Er will siegen. Immer. Und der war echt und nicht gespielt, es sei denn, ich bin einem großen Fake aufgesessen.

Angst macht jedoch nicht nur dieses völlige Zusammenklappen erst der Finanzmärkte und dann des Restes. T. Albert wies schon darauf hin, daß außer – zum Glück! – in den so oft wüst kritisierten liberalen Blogs aktuell kein Schwein mehr die Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren kommentiert.

Und wenn dann heute der Leitartikel in der FR mit „Mehr Staat wagen!“ überschrieben ist, dann höre ich nicht nur diesen großartigen Hannes Wader-Song mit noch mal anderen Ohren – dann wird mir ganz schwummerig, daß unseren neoliberalen Meinungsführern über die letzten Jahrzehnte was ganz anderes gelungen ist als nur „entfesselte“ Märkte“: Nämlich das Austreiben der Demokratie aus dem Staat. Worauf mit noch mal verschärfter Brisanz zu verweisen ist – ist ja nicht so, daß wir das hier bisher noch nicht getan hätten …

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Written by momorulez

8. Oktober 2008 um 18:12

9 Antworten

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  1. Warum hälst du so wenig von psychoanalytischen Erklärungen. Wobei ich wohl da noch mal was ändern werden, da gerade der von mir zitierte Autor sich von der reinen Psychanalyse ja auch distanziert.

    somluswelt

    8. Oktober 2008 at 20:29

  2. Stehe noch akut unter Konzert-Eindruck, deshalb heute abend nur kurz und morgen ausführlicher: Komme aus einem echten „Psycho-Haushalt“, Mutter Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Schwester Psychoanalytikerin. Hätte mich ja durchaus zum Verfechter werden lassen können, hat es nicht, weil über das Vehikel des „Unbewußten“, über das dann natürlich immer der Psychoanalytiker besser Bescheid weiß als der Unbewußte selbst, im Grunde genommen sowas wie eine unmittlbare Selbst-Erfahrung ausgehebelt wird zugunsten eines permanenten, hochmanipulativen Rumgedeutels: Man konstituiert sich selbst dann über Formen der Reflektion und Deutung, nicht über Gefühle und Erfahrungen. Die stehen ja immer nur für was anderes.

    Das oben war aber ganz gegeteilig gemeint: Dieses Denk-Figur „instrumentaliseren“ versus „wechselseitige Anerkennung“ hat (von Hegel kommend) meiner Ansicht ja niemand großartiger durchgespielt als Jessica Benjamin in „Die Fesseln der Liebe“, und das aus durchaus psychoanalytischer Perspektive. Insofern war das oben Geschriebene eher als Schritt auf Deine Deutung zu gemeint, habe ich nur wie soft sehr ungeschickt ausgedrückt.

    momorulez

    8. Oktober 2008 at 21:23

  3. Das nehme ich insofern gebrochen wahr, als dass ich die Psychoanalyse zwar schätzen gelernt, aber nur über eine durch Reich, Fromm und Jung beeinflusste, mit Bioenergetik und Kritischer Theorie verbundene, sich selbst infragestellende und klientenzentrierte Weise kennengelernt habe. Wahrscheinlich sehr weit weg vom Ursprung, aber: Zum Glück (in doppeltem Sinne).

    che2001

    8. Oktober 2008 at 21:59

  4. momorulez, ich hatte es auch nicht so verstanden, dass du „gegen“ meinen Beitrag geschrieben hast, ich war nur neugierig.

    Ich habe jetzt auch einen kleinen Teil meines Beitrags umgeschrieben. Das war mir heute Mittag nicht so gut gelungen, wie auch immer.

    @che, da stehe ich auch eher. Johnson, den ich in meinem Beitrag zitiere ist ein humanistischer Körpertherapeut und steht in der von dir erwähnten Traditio.

    somluswelt

    8. Oktober 2008 at 23:14

  5. @Somlu:

    Was mich daran stört, ist vielerlei. Da ist zum einen diese implizite, ja fast sadistische Häme, die den „Narzißten“ gegenüber mitschwingt in solchen Theoremen – von was für einem Standpunkt kann man denn sowas formulieren? Ich gesund, Du krank?

    Zudem man vielleicht bei sowas auch nicht vergessen sollte, daß gerade die Narzißmus-Theorien traditionell von Analytiker-Seite Schwulen zugesprochen wurden, kannste aber genau so gut allen islamischen Männern, allen Autonomen, die sich selbst in Großartigkeitsfantasien gottgleich „zu Gewalt ermächtigen“ oder sonstwem an den Hals diagnostizieren.

    Mit solch Zuschreibungsgeschehen habe ich prinzipiell Riesen-Probleme, weil’s ja das reproduziert, was Du den Wirtschafts-Narzißten diagnostizierst: Eben eine Subjekt-Subjekt-Relation durch eine Subbjekt-Objekt-Relation ersetzen.

    Zweiter Punkt ist der, an dem ja meiner Ansicht die Ältere, Kritische Theorie gescheitert ist: Über das Vehikel der Psychoanalyse die Internailsierung von Sozialstrukturen erläutern zu wollen, nur daß auf der „prägenden“ Seite dann Ökonomie, Institutionen etc. gar nicht mehr auftauchen, sondern nur noch familieninterne Konstellationen, Mütter und Väter mit ihren Macken halt. Das halte ich für hochgradig unplausibel.

    Zudem dann immer auch so eine umgekehrte Magie ensteht bei solchen Erklärungsmustern: Obgleich doch eigentlich die soziale Konstitution des „Selbst“ erläutert wird, hat man hinterher immer die umgekehrte Konstellation: Individuelle „Störungen“ prägen auf einmal das Soziale im Ganzen.

    momorulez

    9. Oktober 2008 at 10:05

  6. @momorulez: Häme? Wo liest du in den von mir konkret zitierten Text Häme? Das sehe ich nicht. Es ist eine Beschreibung dessen, wie eine solche Charakterstruktur entsteht und wie mit den Kränkungen des Selbst umgegangen wird.

    In dieser speziellen Theorie beruft sich der Autor u.a. auf Lowen. Winnicott ist ja dort schon erwähnt. Diese pauschalisierenden Zuschreibungen bestimmter Charaktertypen zu bestimmten Bevölkerungsgruppen kenne ich aus dieser Ecke nicht und finde ich auch ziemlich fragwürdig. Ich habe davon noch nicht gehört. Zumal es ja noch ein paar Charakterstrukturen mehr gibt, die eine Persönlichkeit ausmachen.

    Deinem zweiten Punkt kann ich nicht so recht folgen. Die Familien sind doch systemisch eingebettet in diese Gesellschaft und ihre Werte. Wie ich schon versuchte, auszudrücken, in einer Welt, in der die narzisstische Aufwertung der eigenen Größe (und damit die Abwehr der anderen Seite, die der Schwäche) erstrebenswert erscheint, kann die Familie, das Individuum das doch i.d.R. nicht mehr in Frage stellen und das fließt dann in die Institutionen und Ökonomie ein. Ums mal auf eine beispielhafte Ebene zu ziehen. Es gibt diese, vereinfachte Darstellung von Bewerbungsverhalten von Frauen und Männern. Grob gesagt, Frauen stellen ihre Fähigkeiten eher unter den Scheffel und Männer tendieren dazu, ihre Fähigkeiten zu vergrößern. Wenn ein Personalentscheider das a) nicht weiß und b)selbst zu dieser Gruppe der Männer gehört, wird er automatisch „glauben“ das der Mann so gut ist, wie er sich darstellt und die Frau als „schlechter“ wahrnehmen. Damit erhält sich eine solche Struktur ohne das es zu Widersprüchen kommt. Wie die Forschung auch zeigt, wieder besseren Wissens, da es tatsächlich um Spiegelung und Abwehr geht.

    Ja klar, prägen „Individuelle Störungen“ das Soziale als ganzes. Woher soll das Soziale denn kommen, als von den TeilnehmerInnen am Sozialen. Wenn bestimmte Verhaltensweisen als erstrebenswert gelten, weil so Erfolg definiert wird, diese Verhaltensweisen aber deckungsgleich gehen, mit einer Abwehrstruktur innerhalb der Charakterbildung, dann ist es ein Teil dessen, was das Soziale prägt. Vice versa.

    Inwiefern reproduziert meine „Diagnose“ das Geschehen?

    somluswelt

    9. Oktober 2008 at 10:55

  7. @somlu:

    „Es ist eine Beschreibung dessen, wie eine solche Charakterstruktur entsteht und wie mit den Kränkungen des Selbst umgegangen wird.“

    Jaja, guck mal, die kranken Großsprecher da drüben … so lese ich das schon. Den Passus:

    „Der Narzißt möchte seinem aufgeblasenen falschen Selbst gerecht werden.“

    finde ich schon heavy.

    „Diese pauschalisierenden Zuschreibungen bestimmter Charaktertypen zu bestimmten Bevölkerungsgruppen kenne ich aus dieser Ecke nicht“

    Na, Dein ganzer Eintrag ist ja eine solche Zuschreibung. Ob’s nun die Broker oder die Homos trifft bei der Diagnose psychisch abweichenden Verhaltens ist eigentlich schnurz – das ist ja genau der Punkt, wo ein Foucault meiner Ansicht mit seiner Fundamentalkritik der „Humanwissenschaften“ ziemlich richtig liegt. „Sexualität und Wahrheit 1“ habe ich immer als Psychoanalyse-Kritik gelesen.

    „Die Familien sind doch systemisch eingebettet in diese Gesellschaft und ihre Werte.“

    Das mag ja in der Allgemeinheit richtig sein, aber etwas spezifischer wird es schon seltsamer: Man ist doch durch Grundschule, Sportverein, Kinderprogramm und Rituale des Einkaufen-Gehens und anderen Formen des Konsumismus mindestens ebenso subjektiviert selbst dann, wenn man bei den Zeugen Jehovas aufwächst. Und zudem immer noch frei, sich dazu zu verhalten.

    „kann die Familie, das Individuum das doch i.d.R. nicht mehr in Frage stellen“

    Ja, eben, du kannst aber auch als im quasi-klinischen Sinne so gar nicht narzißtischer Typus gegen die ökonomieimmanten Systemimperetive auch nix ausrichten, die gelten halt trotzdem und ganz unabhängig von irgendwelchen psychologischen Konstellationen.

    Es gibt ja Chefs gegenüber ganz klassische „Projektionen“, daß man sie also im Rahmen eines Eltern/Kind-Paradigmas wahrnimmt, ein Klassiker, da kenne ich auch beide Seiten, also die Chef-Rolle wie auch die dessen, der projiziert. Das bedingt aber nur wenig von dem, was realwirtschaftlich abläuft.

    „Es gibt diese, vereinfachte Darstellung von Bewerbungsverhalten von Frauen und Männern. Grob gesagt, Frauen stellen ihre Fähigkeiten eher unter den Scheffel und Männer tendieren dazu, ihre Fähigkeiten zu vergrößern.“

    Das ist zum einen der Systemimperativ „Wer verkaufen will, sollte werben“, zum anderen deckt sich das nicht mit meinen Erfahrungen.

    Die faschistischte Kuh in meinem Berufsleben war eine Personalchefin, die komplett auf hochangepaßte Mädels stand, aber jeden Typen, der auch nur über einen Hauch von Selbstbewußtsein verfügte, sofort ablehnte.

    Und – ganz im Gegensatz dazu -: Gerade in den letzten Jahren bei den Jüngeren laufen sehr viele sehr selbstbewußte Mädels mit perfekt gestyleten Lebensläufen bei uns auf, die sie sich bestens zu präsentieren wissen, aber auch lauter desorientierte Jungs, die sich rein gar nicht darstellen können.

    Letztere stelle ich dann wesentlich lieber ein, nicht, weil diese besser zu manipulieren wären, ganz im Gegenteil, die sind in der Regel in ihrer grüblerischen Art viel widerständiger, sondern weil die in der Regel paradoxerweise in kreativen Fragen viel selbstbewußter und fitter sind. Sind so die 20-30jährigen, über die ich hier gerade schreibe, und das ganze ist natürlich auch branchenspezifisch.

    „Woher soll das Soziale denn kommen, als von den TeilnehmerInnen am Sozialen.“

    Strukturen, Systemimperative und materiale Basis der ökonomischen Prozesse prägen das Soziale.

    „Inwiefern reproduziert meine “Diagnose” das Geschehen?“

    Na, der Standpunkt, aus dem das so formuliert wird, ist ja nun auch nicht ganz frei von einem gewissen „Größenwahn“, pardonnez-moi … und diese Nummer, noch mal pardonnez-moi, „der stellt mich jetzt nicht ein, weil er eine narzißtisch bedingte Abwehrreaktion hat“, den Jargon kenne ich ja auch, aber da komme ich dann nicht mehr mit bei dieser Form der Weltwahrnehmung, schreibe ich jetzt mal auf die Gefahr hin, mich komplett unbeliebt zu machen …

    momorulez

    9. Oktober 2008 at 15:11

  8. @“Die faschistischte Kuh in meinem Berufsleben war eine Personalchefin, die komplett auf hochangepaßte Mädels stand, aber jeden Typen, der auch nur über einen Hauch von Selbstbewußtsein verfügte, sofort ablehnte.“ —- An genau so jemandem bin ich auch schon mal gescheitert.

    Ich bin so in der Mitte zwischen Somlu und Momorulez: Einerseits verstehe ich Somlus Ansatz und kann ihn gut nachvollziehen, teile andererseits aber auch die Momorulez´schen Kritiken. Ich meine aber, bei Fromm eine Definition des Narzissten gelesen zu haben, die sich weniger zugespitzt, offener las. Ansonsten finde ich immer noch Marxens „Charaktermasken“ etwas treffender, die sind als Modell ebenfalls offener.

    che2001

    9. Oktober 2008 at 15:42

  9. frau baez wie die luft zum atmen… das kann ich verstehen… ;-)! lg

    http://simonmjonas.wordpress.com/2010/03/04/gesungene-politik-oder-warum-ich-unterschiede-mag/

    simonmjonas

    3. Dezember 2010 at 20:22


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