shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Taffe Wirtschaftsversteher? Religiöse Turnbeutelvergesser!

with 18 comments

Zu den lustigen Dingen des Finanzdesasters gehört das Zerbrechen alter Glaubensgewissheiten. Joschka „der Geschmeidige“ Fischer sagte dereinst: „Sie glauben doch wohl nicht, dass ein Staat gegen die internationale Finanzwirtschaft Politik machen kann.“ Dieses Mantra des Ökonomie-Terrorismus wurde von den Davoser Business-Aliens im Chor intoniert, von den Gatekeepern des Qualitätsjournalismus 1:1 nachgesungen, von professoralen Straßenstrichern mit scientific Weihwasser begossen, und von den Politkern in die Praxis umgesetzt. Das war die neue Zeit. Wer nicht niederkniete vor dem, was doch „alternativlos“ war, war rückständig, antiglobalistisch, etatistisch, sozialromantisch, verstand nichts von Wirtschaft und wollte den Ostsozialismus zurück.

Auch linke Kritiker ließen sich ins Boxhorn jagen. Sie beklagten die Übergewalt, erkannten sie jedoch gerade dadurch an. Die Kritiker bildeten ein irreales reformistisches Rettungsszenario ab, dessen Verwirklichung auf einer irgendwie mystischen Rückeroberung der Ökonomie durch die Zivilgesellschaft beruhte, eine Jahrhundertaufgabe, selbst wenn es gelänge.

Und jetzt? Der Spuk wurde weggepustet – innerhalb von Tagen!

Wallstreet ist nur noch ein Straßenname; die internationalen Finanzmärkte sehen aus, als hätte es sie nie gegeben; aus den „Masters of the Universe“ sind Zwerge mit teigig-warm gefüllter Hose geworden; „die USA haben außer Atombomben nichts mehr, was die Welt interessiert“ (Don Alphonso); Politiker, die eben noch mit „alternativlos“ meine Nerven belästigten, sagen mit in die TV-Kameras leuchtenden Panikflackerpupillen dem Volk, es solle nicht panisch werden, wenn nicht der A-Plan, dann der B-Plan, das Alphabet hat viele Buchstaben, und ehedem Marktreligiöse wie Gabor Steingart werden zu Apostaten und geißeln artikelweise die „Religionsgemeinschaft der Enthemmten“, nicht sich scheuend, die religiösen Gefühle derer zu verletzen, die so bezwingende Theoreme wie das von der Jungfrauengeburt für wahr erachten.

Der Markt, der weder „versagt“ hat, noch „gestört“ wurde, da er ‚immer funktioniert, nur die Ergebnisse passen nicht jedem‘, dieser Markt hat einmal durchgepustet, und der reale Müll wie der ihn begleitende Ideologie-Trash wurde schneller entsorgt, als man „Investmentbanking“ sagen kann. Alle sehen: Die Wirtschaftsversteher sind in Wahrheit Turnbeutelvergesser, und der Kaiser ist nackt.

Für den Salonmarxologen ist, natürlich, mal wieder alles ganz einfach: Die „Depreziation des Kapitals“ ist notwendiges Element der langfristigen Verwertungszyklen. Und: wo viel Überakkumulation, da viel Depreziation.

Dann depreziiert mal schön. Das, bitte, werdet ihr ja wohl noch hinkriegen.

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Written by Noergler

8. Oktober 2008 um 19:23

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

18 Antworten

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  1. Und jetzt? Der Spuk wurde weggepustet – innerhalb von Tagen!

    Und am Ende des Tages war der Kaiser immer noch Kaiser und das Kind das gerufen hat, er habe keine Kleider an, immer noch ein verarmtes Gossenblag das sich vermutlich inzwischen mal in irgendeinem Kerker interniert fand.

    Und selbst wenn’s nach der Krise ’ne Zeit lang „sozialistischer“ zu geht (hey, selbst die Bush USA verstaatlichen Banken, FDR würde im Grabe rotieren), nur ’ne Frage der Zeit bis die Gordon-Gecko-Versteher wieder ganz oben sind. Sofern sie je von da verschwinden. Sowas ist zyklisch, da bin ich zynisch…

    Björn

    9. Oktober 2008 at 9:27

  2. Wieso würde nun gerade der Vater des New Deal im Grabe rotieren?

    che2001

    9. Oktober 2008 at 9:44

  3. Dass ausgerechnet die Bush/Cheney-Administration zu so einer Politik gezwungen ist und ihn faktisch auf den letzten Metern noch als „sozialistischsten/sozialdemokratischsten“ Präsident der USA (was natürlich nicht viel heißt) ablöst…

    Björn

    9. Oktober 2008 at 9:52

  4. OK, begriffen!

    che2001

    9. Oktober 2008 at 9:59

  5. Komm, Noergler, wo wir jetzt schon Platz 1 bei Google bei Eingabe von „Depreziation des Kapitals” sind, mußte das aber auch erläutern ….

    momorulez

    9. Oktober 2008 at 10:33

  6. Schließlich haben wir einen Bildungsauftrag!

    che2001

    9. Oktober 2008 at 10:58

  7. Hat er doch, wie es seine Art ist in weiser Voraussicht, schon hier grundrißhaft getan. Würde mir aber durchaus noch mehr dazu von ihm geben.
    Mir scheint auch seit letzter Nacht, da ich den Ausdruck zum ersten mal googelte, einiges an Bewegung in die Trefferliste gekommen zu sein… Märkte funktionieren eben doch.

    David

    9. Oktober 2008 at 11:36

  8. @David:

    Stimmt, den Kommenatr hatte ich schon gar nicht mehr auf dem Zettel, nichtsdestrotz wäre „mehr davon“ auch mir sehr recht …

    momorulez

    9. Oktober 2008 at 15:14

  9. Uns allen, denke ich. Das ist eine der echten Stärken des Nörglers.

    che2001

    9. Oktober 2008 at 15:36

  10. Leider nehmen die ewigen Turnbeutelvergesser mit ihren dicken Brillen nun furchtbar Rache an denen, die sie im Sportunterricht immer als letzte ins Team gewählt und von denen sie niemals den Ball bekommen haben.

    Damals schworen sie sich, einmal die Mächtigeren zu sein und es all diesen Sportskanonen und Mädchenschwärmen zu vergelten.

    Es ist soweit.

    jolly rogers

    9. Oktober 2008 at 18:37

  11. Ich wurde auch immer als letzter ins Team gewählt und wollte außerdem nie ein Mädchenschwarm sein!

    momorulez

    9. Oktober 2008 at 18:54

  12. An Deiner Stelle hätte ich auch kein Mädchenschwarm sein wollen, Mensch!

    jolly rogers

    9. Oktober 2008 at 19:59

  13. „Mehr davon“ ist nicht einfach. Marx behandelt das Thema in den beiden letzten Dritteln des 3. Bandes des „Kapital“, der 1006 Seiten umfaßt, und kein Satz ist zuviel. Diese scheinbaren Bleiwüstenfluten bei Marx sind ja schon seine ‚Zusammenfassungen‘; das darf man nicht verkennen.
    Was mich bei der Marx-Lektüre seit Jahrzehnten immer wieder beeindruckt, ist, wie er in den „Kapital“-Bänden und den „Grundrissen“ diese coole Nummer durchzieht: kein Bekenntnis, keine Weltanschauung, keine Richtung, keine Meinung, kein Standpunkt, keine Parteinahme – nur Analytik pur.
    Wie er, gerade im 3. Band, die Strukturen und Verlaufsformen noch bis ins Hinterletzte eisig durchpfrimelt, ist maßstabsetzend. Das akute Finanzdesater ist dort en gros und en detail erklärt, inklusive der Reaktionen und Argumentationen der verschiedenen Interessensgruppen einschließlich des Staates und seiner Handlungsoptionen. Das war nämlich kapitalismushistorsich alles schon mal x-fach da, und Marx hat es gesehen und auf den Begriff gebracht.
    Vielleicht mache ich dazu nochmal was. Aber selbst wenn: Das Studium der blauen Bände wird es nicht ersetzen können; so größenwahnsinnig bin ja nichtmal ich.

    Noergler

    10. Oktober 2008 at 1:41

  14. Bitte Bitte. Das macht ja nix, du schreibst ja nicht Karl Marx drunter, sondern Nörgler.

    Oder ich frag mit Che, so wie ich ihn (eh klar bitte, natürlich, is ja lächerlich, also: viel zu wenig) versteh:

    Was hältst du von diesem Karl?

    http://kanalb.org/topic.php?clipId=278

    Lina2001

    10. Oktober 2008 at 18:55

  15. Vielen Dank, Lina, für den Link. Ich habe mir die Videos angesehen.

    Zunächst ist es immer gut, wenn jemand sich mit der Marxschen Theorie beschäftigt. Reitter selbst kommt sympathisch rüber. Ich könnte mir vorstellen, einen längeren Abend mit ihm sehr angenehm zu diskutieren, meine aber, dass am Ende dieses Abends doch Differenzen in der Sache blieben.

    Da ist zunächst das Verhältnis vom jungen Marx zum Marx des „Kapital“. Die Nummer war für mich schon in den 70ern durch, indem wir sahen, dass der junge Marx in die moralisierende und damit meilenweit zu kurz springende Kritik verstrickt ist. Da hat er sich dann später aufs Prächtigste herausgearbeitet.
    Reitter sagt hingegen, es gäbe keinen Graben zwischen dem jungen und dem ‚reifen‘ Marx, da beide Marxe im Kapitalismus die Elemente seiner Überwindungsmöglichkeit identifiziert hätten, was in dieser Abstraktion natürlich immer richtig ist. Das Dumme ist nur, dass der Eklat der Widersprüche, den wir in diesen Tagen und Wochen sehr direkt erleben, nicht in den Kommunismus führt, sondern in die kapitalkonforme Entwertung („Depreziation“) nicht akkumulierbarer Kapitalbestandteile.
    Dass das notwendig so erfolgt, zeigt Marx ja gerade im 3. Band.

    Warum ich mit Reitter zu einem Konsens wohl nicht käme, ist seine Hoffnung einer kapitalinduzierten Kapitalabschaffung. Er erblickt, Ernst Blochisch gesagt, im Kapital selbst ein realisierbares Moment des „Wärmestroms“, während die Salonmarxologie in der Marxschen Theorie das auf Null Kelvin abgekühlte stählerne Gerüst des Kapitalbegriffs erkennt.

    Nörgler

    11. Oktober 2008 at 3:12

  16. Wenn’s nach weiterem multimedialen (naja, zumindest Audio) Input zum Gegenstand verlangt, bietet sich an mal hier herumzustöbern:

    „Die Finanzkrise – Ein Lehrstück über Eigenart, Dienst und Macht des Finanzkapitals
    Noch eine Leistung des schnöden Mammons: Kredit, Zins, fiktives Kapital“
    http://doku.argudiss.de/?Kategorie=KuA#231

    bzw. in der Kategorie „Kapital und Arbeit“
    http://doku.argudiss.de/?Kategorie=KuA

    und dem ganzen Rest:
    http://doku.argudiss.de

    der Klassensprecher von 1984

    11. Oktober 2008 at 10:45

  17. Was im Augenblick abläuft, ist schöpferische Zerstörung, ähnlich, wie der Zweite Weltkrieg für das Weltkapital ja die Funktion einer heißen Sanierung erfüllte. Das Wirtschaftswunder nach 1950 wäre ohne all die Zerstörung nicht möglich gewesen.

    che2001

    11. Oktober 2008 at 15:20


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