shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Eine salonmarxologische Krisenanmerkung

with 13 comments

„Gilt bei totalisierter Gewinnmaximierung nicht das Prinzip des ‚Egal wie, aber immer mehr‘, und im Falle der Banken dann eine enorme Kreativität im Erfinden immer neuer Geschäfte sowieso?“ 

Yep.

Nehmen wir an, mein Unternehmen ist 10 Euro wert. Da kriege ich bonitätsmäßig von der Bank ein paar Euro Kredit, jedenfalls sehr deutlich unter 10, sagen wir mal 4. Da müssen meine Geschäfte aber schon gut funzen, sonst tut der Banker das nicht raus. Für mehr steht meine Firma nämlich nicht ein. Das heißt: Ich kann das Geschäft, den Profit, die Kapitalverwertung nur im Rahmen eines vorgeschossenen Kapitals in Höhe von 4 Euro erweitern.

Das Kapital aber möchte sich maximal verwerten. Etwas anderes hat es nicht im Kopf. Etwas anderes habe daher ich nicht im Kopf, denn ich bin die „Charaktermaske“. Daher denkt das Kapitalsubjekt in meinem Kopf, mein Charaktermasken-Ich, darüber nach: Wie kriege ich es hin; welche „Hebel“ kann ich entwickeln, um mit meinen 10 Euro mehr zu bewegen als die die 4 Euro. Mit meiner Firma habe ich nur einen 40%-Hebel in der Hand. Das finde ich Scheiße, weil die Wirtschaft gerade brummt, und weil ich daher mit viel mehr Kredit viel mehr Profit machen könnte. Ich möchte gerne einen 100-, 200-, 5000%-Hebel haben, der mir entsprechend Profit in die Kasse hebelt.

Wie aber kriege ich einen größeren Hebel in die Hand? Die Antwort auf diese Frage sind die kreativen Finanzprodukte, die es erlauben, mit kleinem Einsatz ein riesiges Rad zu drehen. Voraussetzung für die Existenz dieser Produkte ist die Überakkumulation: die Existenz Verwertung heischenden Kapitals, was aber erst mal trostlos herumheischt ohne die Verwertungsgelegenheit zu finden.

Was ist der größte Horror des Kapitals? Nein, die Salonmarxologie ist nur sein zweitgrößter. Der größte Schrecken ist das untätige Herumliegen, die mangelnde Gelegenheit der Verwertung, denn dann ist es Nicht-Kapital, als welches es den Kapital-Tod erleidet. Davor hat es richtig Angst, denn dadurch wird es in die Inexistenz gedrückt, und wer möchte das schon.

Wir sehen hier übrigens, wie die Individualtugend des unablässigen Fleißes; die Verfluchung der faulen Hartz-Vierer, die den 1-Euro-Scheißjob machen sollen, sowie die gleich neben den Juden ins Gas gesteckten „Arbeitsscheuen“ (Nazi-Sprech) nur Ergebnis der Implementierung der Eigenschaften des Kapitalsubjekts in die Subjekte ist. Es sind reale Zwangsprojektionen.

Die Hebel heißen Derivate, Zertifikate, Verbriefungen und CDS. Mit diesen Hebeln überspringt das Kapital seinem Begriff gemäß seine stoffliche Schranke, die darin besteht, dass es sich nur verwertet durch das Einsaugen lebendiger Arbeitskraft, der alleinigen Quelle des Mehrwerts, ohne den das Kapital nichts ist, was also ebenfalls seinem Begriff entspricht – ein Widerspruch, in dem es sich ständig bewegt und der notwendig in „Finanzkrisen“ eklatiert. In anderen Worten: Der Widerspruch besteht in der Rückbindung des Kapitals an die es begrenzende Stofflichkeit bei gleichzeitigem Zerren an der Stofflichkeitskette: dem ständigen Versuch, die Grenze zu überwinden.

Das Kapital ist in sich über sich selbst hinaus und fällt in seinem in sich über sich Hinaussein in sich zurück. 

Diese negative Real-Dialektik ist die Ursache der Krisen.

_______________

Das ist die Ultrakurzfassung des 1000 Seiten umfassenden 3. Bandes des „Kapital“. Die auch mathematisch durchgeführten Detailbeweise finden sich dort. Was sich ebenfalls dort findet, sind die ausführlichen Zitationen zeitgenössicher Bewertungen/Analysen der britischen Krise der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, die sich von der aktuellen Krise in gerade mal garnichts unterscheidet, und Zitationen der Berichte der staatlichen Untersuchungskommission, die die Akteure vorlud, um sie unangenehm zu befragen. Solche Befragungen würde ich mir aktuell ebenso wünschen wie die damals noch bestehende Hellsichtigkeit der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft. Die im Vergleich zu damals mittlerweile erzielten politischen und wissenschaftlichen Rückschritte sind so eklatant, dass sie sich anfühlen wie ein Selbstmordmotiv.

Marx ist da auch Dokumentator und Archivar, der nicht nur Geschichtliches benennt, sondern vielmehr die Geschichlichkeit als solche: das historische Gewordensein des Kapitalismus aufbewahrt und ihm damit schlüssig die Anmaßung überhistorischer Dignität bestreitet im Sinne einer Feststellung seiner Nichtprolongierbarkeit – in beiden Richtungen auf der Zeitschiene.

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Written by Noergler

13. Oktober 2008 um 2:41

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

13 Antworten

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  1. Wow, Danke, und das ausgerechnet am Tag, da ich erstmals bei einer „Bürgengemeinschaft“ sitze mitsamt Bankmensch, dem unser „Buisness-Plan“ vorzulegen ist – inmitten der „Finanzkrise“ …

    Bezüge zur 48er-„Revolution“ in Deutschland, war Marx ja auch nicht ganz untätig damals, hatte ich neulich auch irgendwo gelesen, finde ich ja vielleicht noch mal wieder …

    momorulez

    13. Oktober 2008 at 6:49

  2. Danke dafür, das passt ja erstklassig. Wobei ich gerne mal wüsste, was Derivate genau sind, verstanden habe ich das bislang nämlich nicht, und der betreffende Artikel in der Le Monde Diplomatique las sich sehr kompliziert.

    che2001

    13. Oktober 2008 at 7:24

  3. Lies doch einfach mal meinen Link weiter unten, Mönsch … da sucht man sich die Finger wund …

    momorulez

    13. Oktober 2008 at 7:35

  4. Tut mir Leid, das verstehe ich trotzdem nicht. Eine Wette auf eine Kreditanleihe, die selber ein Wertpapier ist? Mir fällt echt schwer, mir so etwas vorzustellen. Und dann ginge der Casinokapitalismus ja in der Tat soweit, dass eine Spielbank neben einer Investmentbank eine solide Angelegenheit ist.

    che2001

    13. Oktober 2008 at 8:43

  5. Ja, genau. Wer mit solchen Ideen in D eine Spielbankenlizenz beantragte, der bekäme sie nicht.

    Nörgler

    13. Oktober 2008 at 13:01

  6. Die Glitzerwelt der New Economy mit Schwachsinnsfirmen wie interzart, Ision, Infomatec und met@box, übertragen auf das Finanzgeschäft im Weltmaßstab. Mir wird schlecht. Das ist wirklich die Nacht der Händler. Graue Tauben auf bröckelnden Dächern – genießen Sie den Untergang des Abendlands!

    che2001

    13. Oktober 2008 at 13:24

  7. Um den zu verhindern, muß unrealistischen und überzogenen Forderungen seitens der nur gefühlten Armut umso entschlossener entgegengetreten werden.
    Im rebellmarkt-Thread „Empfehlung heute – Das Reden und das Schweigen“ habe ich unter der Head „Pawlov rules“ gerade eben etwas dazu gepostet.

    Noergler

    13. Oktober 2008 at 14:24

  8. Ich habe entsprechend ergänzt. Und halte es noch nicht für ausgemacht, dass die Geprelltesten der Geprellten nicht das, was ihnen zusteht, durch unmittelbare Aneignung holen werden.

    che2001

    13. Oktober 2008 at 14:58

  9. Nörgler, hier ist ein Thema, wozu Du eigentlich etwas zu sagen haben müsstest:

    http://www.bissige-liberale.com/2008/10/12/witzige-beobachtung/#comments

    che2001

    13. Oktober 2008 at 15:19

  10. Sie wissen nicht, was bei Marx steht, aber sie wissen, dass es ihnen nicht gefällt. Das ist ja wie in den 70ern, der guten alten Zeit: Sex and Marx and Rock’n’Roll, na gut, Sex und Rock ist im Moment nicht so, weil Suzie ist in Syrien, Ausbildungscamp, Ihr versteht, weil irgendwie muß man ja Vorbereitung treffen für eine Palin-Präsidentschaft.

    Nörgler

    13. Oktober 2008 at 17:21

  11. Wer ist denn Suzie?

    ring2

    13. Oktober 2008 at 21:05

  12. Die Frau, mit der ich zusammenlebe.

    Nörgler

    13. Oktober 2008 at 22:58

  13. Aha, und gibt die Frau Palin neuerdings auch in Syrien Interviews?

    ring2

    14. Oktober 2008 at 7:10


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