shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von romantischer zu neoliberaler „Kunstproduktion“

with 3 comments

Ja, ja, die Risikolebensversicherung. Weil: Ohne die Kreativen geht’s ja nicht. Kaufmänner kann man austauschen, mich nicht.

Da waren sie sich einig, die Kaufmänner, Banker und „städtisch“ angestellten Bürgen. Weiß gar nicht, ob das formal-rechtlich ’ne öffentliche oder eine private Institution ist, irgendwie hängen da alle mit drin, Banken, Sparkassen, Handelskammern undsoweiter; immerhin gibt es sie, und das ist ja sehr gut so.

Nichtdestotrotz ein komisches Gefühl, wenn sie sich um einen scharen, wohl wissend, daß sie Kasper und Hofnarren wie mich brauchen, um ihre Geldmaschinen anzuwerfen. Ein gutes Gefühl gab das nicht. Und ja, sie waren voller Resepkt.

So als „Kreativer“ darf man dann auch der ohne Anzug sein, Sacco reicht, das Unfrisierte stützt Erwartungshaltungen; so’n Schwatter an der Seite vermittelt Pop-Appeal.

Verstanden sich gut, so alle miteinander, während sie beratschlagten, was sie wohin auf welche Fläche meines Lebens tätowieren wollen und wo sie ggf. angreifen und amputieren können.

Die städtischen Bürgen: Sachlich, pragmatisch, offen, konstruktiv und hilfsbereit, wirklich, ihre Verstümmelungs- und Zeichnungswünsche tatsächlich überraschend Mittellosenfreundlich, die waren super und gehen gravierend mit in’s Risiko, was mich überraschte – freilich so, daß sie selbst auch noch ein gutes Geschäft dabei machen. Egal, sowas finde ich gut.

Der Banker chronisch skeptisch, aktuell ja auch keine lustige Zeit für die; so richtige „Start Ups“ kriegen eh keinen Kredit aktuell wie ja eh kaum noch wer – außer den Banken selbst, vom Staat. Als jemand mit langjähriger Berufserfahrung hat man noch geringe Chancen auf Kreditvergabe, so’n „richtiger Start up“ ist man dann unter Umständen gar nicht. Unter Umständen.

So diskutierten sie, wie sie die Luft zum Atmen nehmen können und in langfristige Abhängigkeiten treiben. Klar, machen ja auch nur ihren Job, so ist das System. Nicht zufällig ist die „Selbstauskunft“ bei Banken ja sehr analog zum Ausziehen, Bloßstellen und mit dem Finger drauf zeigen bei den Arbeits-Agenturen, „Tanz, tanz an der Stange, tanz!“; klar, die Gewinnchancen sind für mich gegeben, Chancen überhaupt, noch wirklich zu gestalten und auf Unterwerfung nicht reduziert zu werden, und nötigen kann einen auch niemand dazu. Aber wenn man’s nicht macht, ist man entweder Söldner und zieht mit den „Kreativen“-Karawanen durch’s Land, oder man ist bald schon anderswo genötigt, sich auszuziehen und bloß gestellt zu werden, auf den Agenturen halt. Und dann doch lieber so.

Welcher Idiot ist eigentlich je auf die Idee gekommen, Kapitalismus mit „Freiheit“ zu identifzieren? Und den Topos „negativer Freiheit“ exklusiv auf den Staat zu beziehen?

Die Bürgen immerhin wollen ermöglichen, die öffentlich-rechtlichen, positive Freiheit – knebeln will der Banker.  Aber der tut ja auch die eigentliche Kohle raus, und wer Kohle raus tut, darf gänzlich skupellos knebeln, so ist das auf dem Strich. Obwohl da solche Praktiken wenigstens extra kosten … und Banker, so raunt man, ja lieber geknebelt werden wollen bei der Domina.

Klar, bin kein Künstler, allenfalls Kreativ-Handwerker, trotzdem, der Diederichsen hat schon recht:

„Heute existieren mindestens drei Modelle, die das Verhältnis von Kreativität bestimmen sollen: Entweder setzt man seine Vermögen schlau und angemessen ein (bürgerliche These), verwirklicht sich, indem man sich ohne Kalkül hingibt und verschwendet (romantisch, Antithese), oder investiert sich selbst mit Haut und Haaren (neoliberal, Synthese).“

Diedrich Diederichsen, Eigenblutdoping, Köln 2008, S. 119

Nun also vom Romantiker zum Neoliberalen werden. Na, tolle Aussichten … aber vielleicht gibt die Bank ja auch gar keinen Kredit, weil sie die Staatsknete lieber nutzt, sich erstmal selbst zu sanieren und hübsche neue Produkte für Finanzmärkte zu erfinden – und dann söldner ich mich halt runter bis zur Arbeitsagentur …

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Written by momorulez

14. Oktober 2008 um 9:36

3 Antworten

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  1. Immer noch besser als wirklich zu söldnern. Es gab mal eine Zeit, da ging man als Arbeitsloser zur Fremdenlegion. Ich wünsch Dir jedenfalls viel Glück!

    che2001

    14. Oktober 2008 at 11:40

  2. Ja, habe ich ja auch geschrieben, daß das allemal besser ist, aber sowas von im Wortsinne Klassen besser. Hoffe ja, differenziert dargestellt zu haben. Von dieser Bürgen-Institution bin ich sogar sehr angetan.

    Und der Einsatz „alles, was man hat inklusvie Erwerbsbiographie“ gilt für Hartz IV-Empfänger genau so, nur daß die beides eben noch nicht mal haben, und im Vergleich damit habe ich bisher ja auch verdammt viel Glück gehabt und „kulturelles“, teils auch finanzielles Kapital mit auf den Weg bekommen. Nicht, daß irgendwer glaubt, mir sei das nicht sauklar.

    Noch tritt und drangsaliert mich ja keiner, und wenn ich vernünftig „performe“ für den Fall, daß es klappt, macht’s auch dann niemand. Der Druck ist halt deutlich erhöht.

    Daran, daß man nur zwischen verschiedenen Abhängigkeiten wählen kann, wenn man nicht zufällig Millionenerbe ist, ändert das alles allerdings trotzdem nix …

    MomoRulez

    14. Oktober 2008 at 11:51

  3. @“Daran, daß man nur zwischen verschiedenen Abhängigkeiten wählen kann, wenn man nicht zufällig Millionenerbe ist, ändert das alles allerdings trotzdem nix …“ —- Dass haben wir aber so ziemlich alle gemeinsam. Der Selbstständige ist dann halt vom Markt und den Launen und der Zahlungskraft der Kunden abhängig.

    che2001

    14. Oktober 2008 at 13:27


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