shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Verlorene Rückzugsgefechte / Chaos – Gegen den Terror

with 5 comments

Über dieses hier von Pasolini muss ich schon länger nachdenken. Seit geraumer Zeit weiss ich nämlich nicht mehr, womit all die viele Kunst, die ich immer so sehe, sich überhaupt beschäftigt. Was ich sehe, ist künstliche Gegenwart oder belanglos gemachte Vergangenheit als Ressource von Autoren, die sich aber nie gequält haben in der ästhetisierten Vergangenheit; als wären sie mit Photos im Kopf geboren worden, deren Sujektivität einzig darin besteht, dass sie aus irgendwelchen Gründen mal in ihren Köpfen waren. Leider haben die Verhältnisse Pasolini gnadenlos überholt.

„Ich frage mich…, ob es nicht die Aufgabe des Künstlers wäre, all das ´zum Sprechen zu bringen´, was die Soziologen zwangsläufig verschweigen und daher eliminieren. Müsste ein Künstler nicht gerade die Reste beschreiben (die Überreste der bäuerlichen Welt, der Provinzbourgoisie, die der frühen Industrie den handwerklichen Charakter gegeben hat, die Überreste süditalienischer Lebensform usw.)Wenn also in Turin ein Künstler vor der Aufgabe stände, gerade das Unklare und nicht das Eindeutige im Leben der Bewohner klarzumachen, all das, was die Soziologen immer klar und eindeutig haben möchten, dann müsste ein solch `instinktiver Realismus`, der sehr viel mehr von Sinnlichkeit als von Ideologie bestimmt wäre, zwangsläufig zu einem `Rückzugsgefecht`(battaglia di retroguardia) werden. Ein Gefecht, in dem die wahren Massaker stattfinden. Die falschen Künstler dagegen, die `aktuellen`Modekünstler, die grossen Avantgardisten, liefern bei ihren angeblichen `Vorhutgefechten`nur virtuose Schaukämpfe, elegante Florettduelle, bei denen es nie Tote gibt.“

Nachhutgefechte, 14.12.1968

Wiederabdruck in: Chaos – Gegen den Terror

Aus: Nicola de Maria, EE AA STOP CAMPANILE, Krefeld 1983

Advertisements

Written by talbert

17. Oktober 2008 um 16:57

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Also, ich finde ja, daß die Soziologen da etwas schlecht bei wegkommen. Aber wenn man diesen massenmedialen Pop-Quatsch und all die Retro-Geschichten mal wieder auf Sicht- und Unsichtbarkeit hin abklopft, dann kann man doch gegen die Linse was machen?

    Ich halte ja daran fest, daß man eher zu Vann Gogh, dem frühen Picasso und Cézanne zurück muß, seit meiner Tschechow-Lektüre bin ich mir da um so sicherer, einfach, weil der sich auch im besten Falle nicht massenmedial kompatibel dramatisieren läßt. Und weil der genau das Nicht-Gezeigte zeigt in epischer Breite und dabei ganz unbescheiden beim Universellen landet.

    Hast Du ein wenig das Feuilleton rund um die Peter Doig-Ausstellung verfolgt?

    momorulez

    17. Oktober 2008 at 18:24

  2. Ja, mit den Soziologen isser nicht so gerecht. Vielleicht meinte er bestimmte italienische Soziologen in den Sechzigern, ich weiss nicht.

    Über Deine Zurück-zu-Cezanne-Forderung denke ich ja auch die ganze Zeit nach. Dann kannst Du aber echt jede Menge Kunstgegenstände in die Tonne hauen, die wir gerade so herstellen, weil so eine Arbeitsweise die rein zeitlich gar nicht mehr ermöglichen würde. Ich meine, das Konzept Aufmerksamkeit im Leben, das spielt ja mittlerweile nicht mal in der Malerei mehr eine Rolle. Der ganze Figürliche-Malerei-Hype gerade ist ja auch Lug und Trug, abstrahierter von der Wirklichkeit und dem aufmerksamen nachvollziehenden Blick in die Wirklichkeit wars ja nie; mit abstrakter Malerei hat das nichts zu tun, davon rede ich nicht. Wissenschaftliche Zeichner sind vielleicht in diesem Sinne noch aufmerksam oder manche Hobby-Landschaftsmaler, die vorm Objekt stehen.
    Das Problem ist, glaube ich mittlerweile wirklich, unsere ästhetische Arroganz, die meint, weil der Cezanne das ja schon gemacht hat, brauchten wir diese ganze einfach beschreibende Ebene nicht mehr. Aber ich weiss das nicht genau. Es entwickelt aber auch keiner solche dialogische Psychologie wie Tschechow, das ist auch sowas, da hast Du schon recht.

    Doig: nee, ich habe nur den Spiegel-Artikel gelesen. Mit Doig habe ich mich noch gar nicht so auseinendergesetzt, muss ich mal machen, jedenfalls ist das eine angenehm andere Position als diese ganze doofe Leipziger Schule. Es gibt überahaupt noch ganz andere, wir haben hier gerade eine Arbeit aus Berlin gekauft, mehr zufällig, weil wir bei uns um die Ecke in eine kleine Galerie gestolpert sind, die ganz komische, andere Sachen zeigt, als die ganzen Läden drumrum; das hat uns neugierig gemacht, und dann hat der Galerist uns Sachen von Leuten gezeigt, die wir überahaupt nicht kannten, sehr spannende und sehr andere Sachen aus Deutschland, Klaus Hack und Luzia Simons und Hans Schüle undso. Der Hack ist ne Supernummer.

    T. Albert

    17. Oktober 2008 at 18:51

  3. Mir geht’s ja bei meiner „Zurück zu Cézanne“-Forderung , ja, auch um andere Formen der Aufmerksamkeit und der Beschreibung, weiß immer gar nicht, wie ich das sagen soll, was ich meine – um Formen, die nicht formatierbar sind und anders mit Sinnlichkeit umgehen, die eher tasten und neben den Fokus stieren, deshalb kam ich ja wieder darauf, als ich das Pasolini-Zitat las. So eine Provence-Hütte ist ja so großartig unspektakulär verglichen mit dem „Floß der Medusa“, und sie haut einen trotzdem um, weil man SIEHT, wenn man sie sieht.

    Habe ja so eine seltsame Biographie, die im wesentlichen das Erlernen von Formatierbarkeit impliziert, ganz egal, ob es sich nun um den zeitlichen Ablauf von Querschnittgelähmtenpflege, den richtigen Aufbau einer Seminararbeit oder all die Text-Sorten, die ich mittlerweile in meinem anderen Leben so drauf habe, handelt. Klar, lernen ist immer, sich zu formatieren, sind nur alles Tätigkeiten, die zugleich der Mechanik sich entziehen. Ich vermute, Du weißt, was ich meine 😉 …

    Deshalb brauche ich ja das Blog hier, weil ich das hier aufbrechen kann, was ich sonst so treibe, drum wüste ich hier mittlerweile einfach drauflos, was den Zettel dann aufregt, für mich aber wichtig ist, um nicht stehen zu bleiben bei irgendwelchen Schematismen. Und auch, weil ich bei Tschechow eine andere, ziemlich unkantische Form der Konkretion fand, die war wie ein „hallo, wach!“.

    Und so ging’s mir auch, wenn ich mal malte: Daß ich, obwohl ich dann auch oft Fotos aus Zeitgründen als Vorlage nutze, mein User-Pic hier war mal Till Schweiger 😉 , mir einfach über all die Linsen, Schwenks, Schnitte und nachvollziehbaren Abläufe hinaus ganz andere Zusammenhänge schaffen kann, die aber eigentlich als unfertig und chaotisch mir entgegen treten und eben auch das zeigen können, was uncatchy ist, und dabei doch Catchyness thematiseren. Male ja sehr farbenfroh, Magenta neben gebrochenem orange-gelb und Preußischblau z.B. ist einfach geil 😉 …

    Was dann im Gegenzug, gerade bei den letzten zwei Produktionen, im realen Job wieder zu neuen Formen führte, ziemlich dollen sogar.

    Und bei Cézanne, Van Gogh, vielem, nicht allen von Picasso sehe ich das komischerweise auch so, auch wenn ich ja weiß, wie ewig so ein Cézanne da guckte und grübelte oder Picasso an seinen Demoiselle konzipierte.

    Trotzdem sind z.B. diese virtuosen Stilleben von Cézanne, die Äpfel, die Paris in Erstaunen versetzten, was, was am Fluß des Guckens aufgehängt ist. Und das bricht dann auf, glaube ich, das, was Du beklagst. Ich glaube, eigentlich war Hockney wichtiger als Warhol 😀 … obwohl Warhol in seinen Filmen ja ganz ähnliches versuchte.

    Das ist zwar alles diese eigentlich doofe Vision reiner Spontanität und vielleicht auch schlechte Lebensphilophie, vielleicht sogar ein Hauch von „Zurück zur Natur“, aber ich so für mich habe schon immer das Gefühl, daß man sonst austrocknet, buchstäblich, wenn man sich diesen sinnlichen Flow nicht bewahrt, und dann bei Pornographie landet, weil man eben das Abbild der Titte fetischisiert, anstatt dran zu lecken und zu knabbern – doofes Bild, aber sowas meine ich. Diederichsen schreibt dem zugleich entgegen gesetzt und ergänzend immer von Lebendigkeits-Pornos, hat ja auch was 😉 … klar meint der damit auch alles, was ich hier schreibe, egal.

    So kam ich auch nur auf den Doig, weil ich nix über die Ausstellung gelesen habe, wo jemand wirklich hingeguckt hätte. Den kenne ich ja auch nur aus Büchern, und vieles ist doofer und platter Exotismus, weil man Gauguin nun doch nicht zu wörtlich nachmalen sollte, anderes ist aber schon saucool einfach in der Art, wie es gemalt ist, finde ich.

    Das hat nur kein Text thematisiert, den ich jetzt las oder im Fernsehen sah: Alle sprachen immer nur über die schöne Oberfläche und Schein-Idylle, in der sich Bedrohliches zeigte, so, als würde der „Blue Velvet“ von Lynch abmalen.

    Alles Deppen, und die meisten hatten noch nicht mal so weit recherchiert, daß diese Kanus, die der malt, ursprünglich von „Freitag der 13.“, diesem Splatter-Film, inspiriert sind. Und daß er das so, wie er malt, thematisiert, ist die direkte Gegenthese zu Lynch und hat mit ganz anderen narrativen Mustern zu tun als bei dem, weil es auf diese schon bezogen ist.

    Zwar wurden seine Filmplakate diskutiert, aber kein Schwein kam auf die Idee, dessen malweise mal in Beziehung zum Medium Film anzugucken, dann landet man eigentlich relativ schnell bei den Foto-Malern, nö, stattdessen guckten die das wie einen Film, und ich glaube ja, daß Doig genau darauf schon längst reagiert hat und das mit Film gerade nix mehr zu tuen hat.

    Daniel Richter, den ich ja super finde, hat sich auch viel bei dem abgeguckt, eigentlich ja auch ein Popdiskurs-Heini, aber wie der aus abstrahierten Grafitti-Outlines sich auch über Doig vermittelt dann zu ganz anderen Formen des Figürlichen hingehangelt hat als der Bisky und diese Poster-Maler, um dann bei so einem Quasi-Munch zu landen, das ist eben der Folw, den ich meine ….

    Fasel ich? Gehe ich überhaupt noch ein auf das, was du schreibst?

    Und diese Namen, die Du nennst, die muß mal googlen ….

    momorulez

    17. Oktober 2008 at 20:26

  4. Meinst Du den?

    http://www.klaushack.de/neu1.htm

    Ja, sowas meine ich!

    momorulez

    17. Oktober 2008 at 20:33

  5. Ja, den meine ich!

    – Den Rest muss ich nachher mal in Ruhe lesen, aber ich glaube schon, dass Du auf mein Geschreibe eingehst.
    Ausserdem versteh ich Dich, glaubich, ganz gut.
    Am Konzept Aufmerksamkeit bin ja gerade wieder so dran, weil ich so lustige Erfahrungen gerade damit gemacht habe, als ich meine Arbeit für so eine Sache hier im Museum gemacht habe. Also, es gibt ja Leute und ihre Hunde, nicht Deiner natürlich, bei denen ist das unabhängig vom Alter in ihrem Leben noch gar nicht angekommen.

    T. Albert

    17. Oktober 2008 at 21:38


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s