shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

“Wer Keine Kraft Zum Träumen Hat, Hat Keine Kraft Zu Leben” (Ernst Toller)

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“4.13 Uhr: Wer nicht auf der Party der unabhängigen Kleinverlage war, hat nicht gelebt. Junge Menschen tanzen zu Seal, und Wagenbach und Rotbuch geben sich über Treppengeländer hinweg die Hand. “Ist das nicht der Mann von Heidi Klum?” fragt Jörg Sundermeyer, und das sagt ja wohl alles über den Stellenwert des Musikers in der heutigen Zeit. Oder jedenfalls beim Verbrecher-Verlag.”

“Mach das Licht aus, wenn Du gehst”: An Element of Crime habe ich immer schon geliebt die Aneignung untergegangener Welten auf fast verborgene Weise.

Schon damals, als sie noch englisch gesungen haben und mein erstes Konzert hier in Hamburg im Westwerk, wo ich ja neuerdings wieder ein- und ausgehe, gleich ein erstes Konzert-Highlight war: In der “Try to be Mensch”-Phase war das, Regener gab den kinskiesken Psycho und hatte eine saucoole Frisur, und mir kam’s vor wie eine Kombi von The Clash der “London Callin’”-Phase, Edgar Wallace-Filmen und Sartre-Romanen, was die da zelebrierten. Musikologisch wahrscheinlich völliger Quatsch, aber diese Kombi auf die zweite Hälfte der 80er zu beziehen, das ist noch nicht mal völlig falsch.

“Herr Lehmann” halte ich ja immer noch für die gelungenste Thematisierung der 80er ausnahmsweise mal aus West-Perspektive, ansonsten haben ja Osis und VW-Werbe-Claims das Privileg, ihre Jugend aufzuarbeiten, ganz, als habe es West-Berlin nie gegeben und statt des Steigenberger und dieser doofen Privat-Klinik nie ‘nen londonesken Parkplatz aus Schutt und Erde vorm Westwerk, direkt am Fleet.

Und dann kam dieses wundervolle, unerreichte “Damals hinter Mond”-Album, das erste von Element of Crime mit deutschen Texten, ich erinner mich noch gut an einen Artikel im ZEIT-Magazin, wo der sich lachend in’s Meer stürzende Dosenfisch zitiert sich fand.

Es war die Zeit von Haddayway und Dr. Alban, von Techno und auch Grunge, und dann kommen da diese ehemals von John Peel gespielten Berliner Musiker um die Ecke und bringen großartig zeitgemäße Chansons heraus: Perlen grantelnder Melancholie, und auf einmal steht ein Brecht im Zimmer, Musik aufersteht, diese wundervolle Tradition der Lieder der Zwanziger Jahre erwacht erneut und scheint mir rein formal ungleich politischer als jeder Politsong es je gewesen ist.

Hatten Element of Crime doch schon in ihrer englischsprachigen Phase auf einmal den “Surabaya”-Johnny auf die Bühne gebracht, nun retteten sie in einem phänomenalen Gegendiskurs zur “Wieder”-Vereinigung auf einmal genau jene Stränge der Ästhetik auf CD, die ein Neo Rauch bis heute nicht verstanden hat und die im Einheitsgedusel vor lauter Adenauerei und “Friede, Freude, Eierkuchen” platt gewalzt wurden.

Ja, auch der hier gehört dazu, den kennt ja heute kein Schwein mehr, für mich mit 17, 18 ein immens wichtiger Autor, damals, als mir das sensationelle Buch “Die verbrannten Dichter” in die Hände fiel und ein Toller, ein Mühsam, eine Else-Lasker-Schüler mir Welten eröffneten, die ein Konstantin Wecker zwar fortzuschreiben vermochte, nie jedoch auch nur irgendwer in der “offiziellen Kultur”.

Erinnerung marginalisiert Kulturen, und bis heute ist “Grün ist die Heide” ja wirkungsmächtiger als “Die kleine Freiheit”, “Einsam bist Du sehr alleine, aus der Wanduhr tropft die Zeit”, na, vielleicht weiß ja der eine oder andere Kommentator, was ich meine.

Regener ist keiner, der je so platt politisch drauflosspazieren würde, wie ich das hier das tue, aber selbst so eine hingebloggte Miniatur wie die oben eröffnet mir gleich ganze Welten: Da höre ich nicht nur “Kiss from a Rose” und Terence Trent d’Arby gleichzeitig, da habe ich auch das Gefühl von diesen schwarzgerandeten Wagenbach-Bändchen und  “Schon bist Du ein Verfassungsfeind”, war, glaube ich, im Rotbuch-Verlag erschienen, zwischen den Fingern.

Die fühlten sich ja anders an als dtv oder rororo, die Bücher. Da vergegenwärtigt man sich plötzlich die DDR-Buchausgaben von Mühsam aus dünnem Papier, den im Westen kaum jemand verlegte, “Ich bin verdammt zu warten, in einem Bürgergarten” war so ein Gedichtbändchen aus dem Osten, und man sieht sich wieder durch die Niedersächsische Landesbibliothek spazieren und mit seltsamen, grün-schwarzen Computer-?, ja, wie hießen denn diese Dinger, die man in die Lesegeräte geschoben hat?, hantieren, um nach alten Ausgaben der “Weltbühne” zu suchen.

Panther, Tiger & Co, das immerhin gab’s auch in Großverlagen, und bis heute empfinde ich tiefe Demütigung, wenn ich mich zurückerinner, wie ausgerechnet Helmut Kohl, der Ernst Jünger hofierte, Tucholsky zitierte – ja, ein paar Sätze von Regener und eine Welt geht auf, die andere wohlverschlossen halten wollen

Wenn jedoch am anderen Pol der Blogosphäre sich auf Picasso besonnen wird, dann besteht ja noch Hoffnung. Bei der Lektüre habe ich mich gefreut heute morgen.

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Written by momorulez

19. Oktober 2008 um 9:44

125 Antworten

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  1. Die Dinger hießen und heißen noch immer Microfiche. Sie werden alle Dateien überleben. @ansonsten haben ja Osis und VW-Werbe-Claims das Privileg, ihre Jugend aufzuarbeiten, ganz, als habe es West-Berlin nie gegeben und statt des Steigenberger und dieser doofen Privat-Klinik nie ‘nen londonesken Parkplatz aus Schutt und Erde vorm Westwerk, direkt am Fleet.—- Da erinnere ich jetzt mal ganz fies an ein riesiges Graffito, das ich 1990 in Hamburg sah: “Zonis, Ossis und Stasis oder wie Ihr alle heißt, verschwindet aus unserem Land!”

    Element of Crime sind natürlich klasse und wurden von uns auf der Kommunikationsterrasse in den frühen 90ern viel gehört.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 10:11

  2. Konstantin Wecker. So ein Idiot, mit so abartigen Meinungen zu allem — nur damals in der Asyldebatte hatte er mal Recht. Und dann die Drogengeschichten…

    Es ist ziemlich leicht, so in etwa über ihn zu denken. Aber dann: Im Bayerischen Rundfunk gibt es eine sehr feine, unregelmäßige Serie mit dem Titel “Gipfeltreffen”. Eine Folge dauert 45 Minuten, und dieser Zeit passiert nichts anderes, als daß Werner Schmidbauer mit einem Interviewgast auf einen Gipfel wandert und mit diesem redet. Keine spektakulären Berge, immer leichte Wandergipfel, nur der Wolfgang Ambros ist seinerzeit immerhin auf den Watzmann gestiegen.

    Letztens waren also Schmidbauer und Wecker irgendwo im Chiemgau unterwegs, man hört diesen 45 Minuten eines persönlichen, unpolitischen Gesprächs zu und denkt sich: Mag ja sein, daß man politisch bei fast jedem Thema anderer Meinung ist, aber sonst ist dieser Wecker schon ein guter Kerl.

    Blogger sollten auch öfters mal zusammen in die Berge gehen. Und ich schwöre, daß ich auch weiterhin gerne meine GEZ-Gebühren zahle, wenn der BR den Schmidbauer nur machen lässt.

    statler

    19. Oktober 2008 at 11:41

  3. @Statler:

    Danke!

    Ich durfte den auch mal interviewen, den Wecker, und das war echt ein Erlebnis. Der hat eine derartige Power und eine so dermaßen mitreißende Aura, daß ich mich richtig am Stuhl festhalten mußte angesichts der Energiewellen, die da so auf mich einströmten. Das hat mich ganz dauerhaft beeindruckt (und damals auch ganz viele Leute, die nie im Leben auf die Idee gekommen wären, sich auch nur mit ihm zu beschäftigen, die das Interview dann sahen). Natürlich nicht so gut wie Herr schmidbauer, aber auch ganz gut ;-) ….

    Ein extrem freundlicher, aufrechter, uneitler, warmherziger und selbstironischer Typ dabei – der hat ja nun auch wirklich intensivst gelebt, auch jenseits der Drogen, und ich finde bis heute, daß der sprachlich und musikalisch einfach dolle, ganz enorme Sachen gemacht hat, ganz großartig.

    Dieses “Weckerleuchten”-Album ist der Hammer, und der “Willy” in bestimmter Hinsicht eben auch unübertroffen.

    Der hat sich ja in Zeiten, als man auf der Linken Namen wie Benn (aus guten politischen, aber schlechten ästhetischen Gründen) oder Goethe nicht erwähnen durfte, deren Sprachkunst ganz genau angeschaut und dabei so wunderbar opulente Formen geschaffen – für mich war das auch wirklich wichtig, daß mir in meiner doch sehr intensiv Fan-Seienden Wecker-Phase so um ’82, ’83 herum jemand musikalische und sprachliche Traditionen nahe brachte aus diesem Lande, die eben nicht mal eben so durch Nazi-Deutschland erledigt waren. Daß man eben nicht wie frühe Neue Deutsche Welle beim Kinderlied neu anfangen muß, wenn man hierzulande losdichtet und lossongwritet und daß es jenseits von Dylan und Folk zur Wandergitarre und Rock’n’Roll und dessen Zerstörung noch so einen wundervollen, historischen Fundus gibt ….

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 12:14

  4. Seufz:

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 12:37

  5. Noch mal seufz:

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 12:41

  6. @Statler: “Blogger sollten auch öfters mal zusammen in die Berge gehen.” —- Können wir gelegentlich machen. By the way, schau mal zu mir rüber, da habe ich stuff!

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 14:56

  7. Grandiose Bilder aus dem Montblanc-Gebiet, die Du da verlinkt hast! Und weit jenseits von allem, was ich im Fels zu leisten imstande wäre. Bin ein begeisterter Hochtourengeher, gerne auch mit leichteren Kletterstellen, aber jenseits von III- kostet es mich dann schon viel Überwindung und Anstrengung.

    Was mich natürlich nicht daran hindert, trotzdem noch vom Biancograt zu träumen…

    statler

    19. Oktober 2008 at 15:26

  8. Träumen sollten wir immer ;-)

    Bei mir ist bei IV Schluss, ich gehe aber bevorzugt Klettersteige oder kombinierte Hochtouren. Die Leute, mit denen ich da unten so unterwegs bin, gewinnen aber Landes- und Weltmeistertitel im Klettern oder Bouldern oder waren schon auf dem Everest oder dem Cerro Torre. Da bin ich dann der kleine Tourist, der sich der Kompetenz der tollen Leute anvertraut.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 15:39

  9. Ach, alles nur Eskapismus, diese ganze Bergsteigerei – da schreibt man über Goethe, Brecht und Element of Crime, die Kultur der 20er Jahre – und wo landet ihr? Bei Caspar David Friedrich ….

    http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Caspar_David_Friedrich_032.jpg

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 16:37

  10. Nix da, mit dem Reaktionär will ich nichts zu tun haben. Alastair Fothergill oder Attenborough, das wär in Ordnung. Für mich ist die Bergsteigerei sogar Lebensinhalt, auch wenn ich daran gemessen zu wenig davon mache. Na immerhin riskiere ich mein Leben dabei….

    Es gibt ja auch völlig verschiedene Arten von Bergsteigerkulturen, und die, mit der ich zu tun habe, ist definitiv in eine Alternativkultur eingebettet.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 16:48

  11. Ja, das kann ja jeder sagen, Alternativ-Kultur unter Gemsen, na super :-D … inwiefern denn “Alternativkultur”, und was hat das mit Eintrag oben zu tun?

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 16:53

  12. Während die klassischen Alpinisten lange Zeit eher konservative Förster-Typen waren, hat das Sportklettern, insbesondere das Freeclimbing eine andere Tradition. Erfunden wurde es ursprünglich von Kletterern in Sachsen, die überwiegend den Naturfreunden und damit der Arbeiterbewegung nahestanden. Sie kletterten an den Felsentürmen des Elbsandsteingebirges und erfanden die “Sächsische Kletterregel”, nach der der Berg zu schonen ist, d.h., es dürfen keine Kletterhaken in den Fels gehauen oder gebohrt werden, sondern man verwendet umweltschonen Klemmkeile zur Eigensicherung, die man nach getaner Sache wieder rauszieht und mitnimmt. Als die Nazis an die Macht kamen sind viele der sächsischen Kletterer in die USA emigriert, vor allem nach Boulder (Colorado), einer Hochburg der US-Linken, und nach Kalifornien, wo sie im Yosemite Valley ideale Klettermöglichkeiten fanden. Das proletarische Klettern nach der Sächsischen Kletterregel wurde in den USA zum “Freeclimbing”, und Freeclimber, die nach dem Prinzip “Der Weg ist das Ziel” kletterten wurden zu einer Absetzbewegung zu den auf Gipfelsiege um jeden Preis fixierten klassischen Kletterern. In der 68er-Zeit gab es dann auch sehr viele kletternde Hippies. In der heutigen Kletterszene sind die freakigen links-alternativ eingestellten Leute stark vertreten, wie auch in dem Flügel der autonomen Szene, dem ich 18 Jahre angehörte, Bergsteigen und Sportklettern sehr hoch im Kurs stehende Trendsportarten sind. In Tirol ist Klettern ganz allgemein Volkssport. Auch hier gibt es aber gewaltige weltanschauliche Unterschiede. Der klassische Tiroler Alpinismus ist mit einer tiefen Religiosität und einer katholischen “Ehrfurcht vor der Schöpfung” verbunden. Ein Großteil der Sportkletterszene dort unten setzt sich aber genau davon ab und vertritt eher linksgrüne oder radikalökologische Ideen, öfter gemischt mit buddhistisch geprägter Esoterik (kommt aus dem Himalaya) und auch Feminismus. Es gibt da z.B. Frauenklettergruppen mit dem Hintergrund, dass gemeinsames Klettern Selbstbewusstsein gibt, das in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gebraucht wird. Und wenn Du die jüngeren Aktiven aus einer dortigen Alpenvereinssektion vor Dir siehst, sehen die überwiegend aus wie Zottelfreaks der 70er, abegesehen davon, dass es damals noch keine Piercings gab. Sind auch geschlossen Anti-Haider. Und das sind halt die Leute, mit denen ich in den Alpen unterwegs bin.

    Entwickelt hat sich das Thema, weil Statler schrieb, Blogger sollten zusammen in die Berge gehen, und ich in dem Moment gerade eine grandiose Tour auf meinem Blog verlinkt habe. Wir können ja gerne dort weitermachen und diesen Thread vom Bergsteigen freihalten. Demnächst kommt zu dieser Thematik aber ein eigener Beitrag von mir auf Shifting Reality.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 17:20

  13. “Es gibt da z.B. Frauenklettergruppen mit dem Hintergrund, dass gemeinsames Klettern Selbstbewusstsein gibt, das in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gebraucht wird.”!

    Das ist der einzige Satz, der über “meine Art des Bergsteigens ist eine Alternativkultur, weil das tolle Leute mit tollen Einstellungen sind” hinausgeht – na gut, der Öko-Gedanke auch … ich meine, “was ist überhaupt eine Alternativkultur” als Fragestellung ist ja sozusagen das Bindeglied zwischen dem Eintrag und dem Bergsteigen, und unter einem anderen Eintrag hatte T. Albert das schon ähnlich gefragt.

    Ich will ja gar niemandem das Bergsteigen ankritteln, noch das Freeclimben, glaube ja, daß das für Leute, die schwindelfrei sind, was ganz Tolles ist, aber man muß ja nun nicht alles gleich symbolisch aufblasen ….

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 17:38

  14. “Was ist überhaupt eine Alternativkultur” grundsätzlich zu klären wäre hier eine spannende und lohnende Sache. Subkultur ist die Kletterszene natürlich alleine schon aus ganz anderen Gründen: Man kennt sich, es sind nicht so sehr viele Leute, die das machen, es entwickeln sich Dinge wie eine Insidersprache und bestimmte Rituale, man ist auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wodurch sich ein besonderer Zusammenhalt entwickelt. Aber das wäre ein ganz anderer Aspekt des Themas.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 17:51

  15. wer besinnt sich auf picasso?

    in winterthur ist ja nächste woche die “jungkunst”-ausstellung.
    die haben schon mit einer karte geworben, wo drauf steht:

    PABLO HÄÄÄ?

    ja.

    T. Albert

    19. Oktober 2008 at 18:16

  16. .., und was die oben erwähnten Naturfreunde angeht: Die sind nicht weniger Arbeiterkultur als der FC St. Pauli. Aber man muss ja ein Thema wie Fußball nicht gleich symbolisch aufblasen ;-)

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 18:23

  17. Das könnte doch ein Merkmal von “Alternativkultur” sein, das symbolisch aufgeblasene. Kinder, geht ins Bett. Das wird heute nix mehr.

    Holladihö.

    ring2

    19. Oktober 2008 at 18:48

  18. @ring2:

    Geh Du doch ins Bett.

    @T. Albert:

    Der Herr Professor Zettel beistert sich für Picasso.

    @Che:

    Antirassismus-Initiativen in den Stadien von ganz Europa zu initiieren ist für mich aber schon noch was anderes als Bergsteigen mit coolen Leuten …. könnte ich jetzt ‘nen Roman zu schreiben …. und wenn Subkultur und Alternativkultur das gleiche sind, sind die Netzliberalen ‘ne Alternativkultur und Bank-Vorstände auch.

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 18:52

  19. Ad vocem C. D. Friedrich: Burschenschaften und “Patrioten” waren damals nicht die Reaktion, sondern wurden von dieser verfolgt.
    Die im Gemälde “Das Eismeer” gescheiterte Hoffnung ist keine reaktionäre Hoffnung.

    Nörgler

    19. Oktober 2008 at 18:58

  20. wer Picasso jut findet, der kann nicht ganz schlecht sein.

    @Friedrich

    Nach unsern Runge-Streitchen trau ich mich gar nicht zu sagen, was Nörgler sagt.

    Ich mein, “Das Eismeer” ist schon ne Supernummer, und, ja, da gehts um gescheiterte Hoffnung.

    Sind doch eminent wichtige Bilder.

    T. Albert

    19. Oktober 2008 at 19:08

  21. … ich habe eigentlich auch gar nix gegen Caspar David Friedrich, anders als Runge, gegen den ich wirklich was habe, kommt aber ja nun bei jenem wie bei jedem anderen Bild auch drauf an, wie man’s anguckt und wie’s aktuell kontextualisierbar wäre … so’n Schinken aus der Zeit heraus verstehen kann ja jeder ;-) ….

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 19:23

  22. Das Gemäde ist der Inbegriff jeglicher – aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus entstandener – gescheiterter Hoffnung, auch der, dass “die Theorie die Massen ergreift”.

    Die Hoffung als gescheiterte verweist auf das Bessere, weil die Hoffnungen auf die Befestigung des schlechten Bestehenden niemals scheitern.

    Nörgler

    19. Oktober 2008 at 19:41

  23. @”Antirassismus-Initiativen in den Stadien von ganz Europa zu initiieren ist für mich aber schon noch was anderes als Bergsteigen mit coolen Leuten …. könnte ich jetzt ‘nen Roman zu schreiben ….” — Klar, Aktionen für den Klimaschutz zu machen oder gegen die Unterdrückung der Tibeter oder Bartgeier auswildern ist natürlich einfach nur coole Freizeitgestaltung, weil nichts wichtig ist, was nicht unmittelbar mit Momorulez´s Lebenshorizont zu tun hat.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 21:02

  24. @Nörgler, in einer Ausgabe der “konkret” war vor etwa einem Jahr mal eine Analyse der Kunst Friedrichs, die ich sehr überzeugend fand und die hinsichtlich der Einordnung Friedrichs im Sinne von gesellschaftlicher Relevanz ästhetischer Theorie ziemlich vernichtend war. Genau habe ich es nicht mehr im Kopf, müsste ich mal raussuchen.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 21:26

  25. Nö, einfach nix, was Du erwähnt hättest, oder habe ich das überlesen?

    Aber Noergler zufolge macht das ja eh alles keinen Sinn …

    “was nicht unmittelbar mit Momorulez´s Lebenshorizont zu tun hat.”

    Dankeschön!

    momorulez

    19. Oktober 2008 at 21:26

  26. Sorry, ich war einfach sauer. Stimmt, ich hatte es nicht erwähnt, das sind Sachen, die da einfach mitverbunden sind und die ich nicht erwähnte, weil der Bezug für mich einfach gegeben ist. Eine gewisse Betriebsblindheit…

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 21:28

  27. Na, das wären dann aber schon Sachen gewesen, die blöde Kommentare meinerseits deutlichst verhindert hätten ….

    MomoRules

    19. Oktober 2008 at 21:34

  28. Ist ja alles wieder gut. Wie gesagt, demnächst bringe ich vielleicht wirklich mal einen Grundsatzartikel zum Alpinismus und was für eine Rolle da so die linksalternative und ökologische Szene in Österreich und Italien spielt.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 21:40

  29. Und was das Ganze für mich bedeutet, natürlich.

    chezweitausendeins

    19. Oktober 2008 at 21:40

  30. Girke (Konkret) zu Friedrich

    http://www.theomag.de/44/mg7.htm

    naja.

    T. Albert

    19. Oktober 2008 at 23:43

  31. Ich weiß nicht, ob es genau der Beitrag war, zumindest aber in Teilen. Dazu kamen allerdings konkrete Bilder, anhand deren die Sichtweise Friedrichs erläutert wurde. So, wie sich das hier liest kommt es allerdings als eine sehr reduktionistische Sichtweise rüber. Wie Kant und der bürgerliche Idealismus des 19. Jahrhunderts hier mal so eben im Schweinsgalopp weggebügelt werden finde ich jedenfalls ziemlich daneben.

    Damals fand ich den Beitrag in konkret, der in Teilen, aber eben nicht völlig mit diesem hier identisch war wesentlich überzeugender. Ob das allerdings mehr mit dem Text oder mehr mit meiner Rezeption zu tun hat weiß ich nicht so genau, da müsste ich mir das Heft noch einmal vornehmen.

    che2001

    20. Oktober 2008 at 8:39

  32. “Der Hamburger Ausstellung aber ist dieser Teil der (Kunst-)Historie ausgetrieben, es ist damit erreicht, dass das postmoderne Museum ein ähnliches Abschüttelungsunternehmen von konkreter Wirklichkeit ist wie Friedrichs Ästhetik. Sollten früher das Transzendente und das „wahre Sein“ von zuviel Geschichte befreien, so verspricht man sich dies heute offensichtlich von „Sinnoffenheit, Vieldeutigkeit, Unabschließbarkeit“.”

    Ein wenig wie “man sieht, was man sehen will” kommt das aber tatsächlich rüber … habe ja nun selbst weiter oben, weil mal wieder nicht auf meinen Eintrag eingegangen wurde, dieses “Eskapismus”-Motiv eingeführt, aber gegen Zen-Buddhismus habe ich trotzdem nix. Und da jetzt Heideggersche Figuren reinzuprojizieren, hmmmmm ….

    momorulez

    20. Oktober 2008 at 9:08

  33. Den Toller übrigens kenne ich im Wesentlichen im Zusammenhang mit der Münchner Räterepublik. Kaffeehaus-Anarchisten nannte man Revolutionäre wie Toller und Landauer, und doch haben sie Revolution gemacht, wenn diese auch im Blut ertränkt wurde. Literaten, die ganz unmittelbar in die politische Praxis traten, das ist ja unter anderem das Spannende an den Leuten….

    che2001

    20. Oktober 2008 at 9:23

  34. @”weil mal wieder nicht auf meinen Eintrag eingegangen wurde, ” — wieso, bevor ich auf Statlers Vorschlag, in die Berge zu gehen reagierte war das doch alles very much to the point. Und wenn Du in einem einzigen Posting Toller, die Party der Kleinverlage, Element of Crime und Wecker abhandelst kannst Du keine Kommentare erwarten, die das in seiner gesamten Komplexität aufgreifen, das geht ja gar nicht.

    che2001

    20. Oktober 2008 at 10:13

  35. In den 70ern habe ich mich mal intensiv mit Beckett, insbesondere dem “Endspiel” beschäftigt, und da auch mit Lehrerhandreichungen, wie das “Endspiel” den Gymnasiasten näherzubringen sei. Demzufolge stellt Beckett das Absurde dar, damit wir erkennen, in welch wohlgeordneter und nicht absurder Welt der BRD-Demokratie wir leben.

    Es lag auf der Hand, dass dies der Position des “Sozialistischen Realismus” entsprach, der ebenfalls die Kunst als Dienstmagd irgendwelcher Interessen durchgefickt sehen möchte.

    Auch Herr Girke holt seinen Schwanz raus und penetriert, es habe in der Kunst gefälligst um die Mitmenschen zu gehen; um “ihre Erfahrungen (…) mit Situationen (…), in denen wir heute stehen, sie ermöglichten Blicke auf noch nicht zuende geprüfte Lösungsvorschläge gesellschaftlicher Fragen”, und was dergleichen außerästhetische Zumutungen sonst noch sind.
    Über das Verhältnis von Realität und Kunst, sowie deren immanentem kritischen Gehalt hätte Girke sich bei der Ästhetischen Theorie informieren können. Aber da hakt es eben. Sein Kant-Verständnis ist grotesk; er versteht die gesamte Erkenntniskritik aus 2500 Jahren nicht.

    Also sprach Girke: “Es ist diese Philosophie, die dem Menschen jede direkte Wirklichkeitserkenntnis abspricht. Nicht abgesprochen wird sie den Philosophen, deren Methoden als einzig hinreichendes Erkenntnisinstrument dastehen.” Mal davon ab, dass einen solch hirnrissigen Anspruch der direkten Wirklichkeitserkenntnis von der Antike bis Hegel und Marx kein einziger Erkenntniskritiker je erhoben hat, würde ich von Girke gerne mal wissen, wie er sich seine “direkte Wirklichkeitserkenntnis” denn vorstellt. Wertform bestimmen durch Aufsuchen des Wochenmarkts? Kapitalbegriff entfalten durch Fabrikbesichtigung?

    Bei Girke fehlt es an den mindesten Grundlagen. Die “Transzendentale Einheit der Apperzeption”, die er anmaßend-dumpfbackig als “Transzendentalismus” denunziert, die aber tatsächlich die strukturelle Konsistenz des Geistes bestimmt, wird ihm zum Eskapismus, der dann in fröhlicher Fahrt von Kant und Friedrich direkt in die Gasöfen der Nazis führt.

    Ich könnte ewig so weitermachen. Bei Girke stimmt nichts. Er verfährt nach der Methode aller Banausen: Er legt einen der Kunst äußerlichen Maßstab an die Kunst an und stellt dann fest, dass die Kunst vor diesem Maßstab versagt.

    Die Kunst aber scheißt auf die Girkes dieser Welt und auf ihre Forderung, sie habe vor ihnen sich auszuweisen.

    Noergler

    20. Oktober 2008 at 17:19

  36. Nörgler, DANKE!

    Ich habe ja leider gerade so wenig Zeit.

    In Kürze kann ich aber sagen, ich finde den Girke-Text symptomatisch für ein wiederkehrendes Kunst-muss-gesellschaftlich-relevant-sein-Geschwätz. Tatsächlich werden gerade von öffentlichen und privaten Kuratoren in Wettbewerbsauslobungen solche “Kriterien” an Kunst für der öffentlichen Raum gestellt, ich habe das ganz konkret jetzt innerhalb eines Jahres dreimal erlebt. Man kann das nicht mehr mitmachen. Ich finde den Girke so schlimm, weil er so harmlos tut, aber wenn ich ihn weiterdenke, dann kommt raus, dass Kunst nur noch per offizeller Legitimation zustande kommen darf, und da viele so reden, ohne zu wissen, was sie damit tun, weil sie nie ein Nelly-Sachs-Gedicht gelesen haben, kann man auch ganz direkt eine Staatskunst fordern, ist ja wurscht welcher Richtung.

    Den spanischen Hofmaler Goya als Teil des putzigen Vergleichs mit Friedrich würde ich ihm um die Ohren hauen, weil er wirklich nicht weiss, wovon er redet, da merkt es auch der halbgebildete Maler, den so ein Vergleich und sein Zweck nur wundert.

    Jetzt muss ich wieder weg, aber mich beschäftigt das schon, ich verstehe diese Art Bilder anzusehen nicht richtig, glaub ich. Zumal sowohl Friedrich als auch Goya, als auch jemand wie Runge und andere dieser Zeit eben für das Gegenteil gearbeitet haben, nämlich endlich eine Kunst zu ermöglichen, die nicht mehr ikonographisch funktioniert und keinen ausserkünstlerischen Forderungen von wem auch immer unterworfen wird. Das mal zur “deutschen Innerlichkeit”. Das ist doch ein Gemeinplatz.

    T. Albert

    20. Oktober 2008 at 18:51

  37. @”Den spanischen Hofmaler Goya als Teil des putzigen Vergleichs mit Friedrich würde ich ihm um die Ohren hauen, weil er wirklich nicht weiss, wovon er redet, da merkt es auch der halbgebildete Maler, den so ein Vergleich und sein Zweck nur wundert.” —- Ich denke, das ist im antideutschen Diskurs geerdet: Goya ist besser, weil er kein deutscher Romantiker ist, oder so ähnlich. Runge kann ich ja überhaupt nicht ab, das ist für mich Kitsch – aber nicht aus Gründen der Ästhetischen Theorie, sondern eher als Geschmacksfrage.

    che2001

    20. Oktober 2008 at 21:17

  38. @Noergler:

    “Über das Verhältnis von Realität und Kunst, sowie deren immanentem kritischen Gehalt hätte Girke sich bei der Ästhetischen Theorie informieren können.”

    Auch wenn der Rest ja prächtig hinhaut: Ich kann ja immer gar nicht finden, daß solche Sätze weniger autoritär sind als jener Kontext, in dem T. Albert den Herrn Girke verortet.

    Auch das:

    “würde ich von Girke gerne mal wissen, wie er sich seine “direkte Wirklichkeitserkenntnis” denn vorstellt. Wertform bestimmen durch Aufsuchen des Wochenmarkts? Kapitalbegriff entfalten durch Fabrikbesichtigung?”

    Man muß ja nicht für “direkte Wirklichkeitserkenntnis” plädieren, gerade bei Malerei ja offenkundig Blödsinn (wie ist’s hingegen bei einer Weinprobe?), aber das mit dem Kapitalbegriff, ist das nicht eine ähnliche Anspruchshaltung an Kunst wie Herr Girke sie formuliert, oder gilt das nur, wenn man Deinen Text so liest wie seinen?

    Und was ist mit Herrn Menzel:

    http://www.hdg.de/eurovisionen/html/ku5_2.html

    Meine Lehrer hätten übrigens das “Endspiel” auf Hiroshima und potenzielle Atomkriege bezogen, so waren die damals drauf …. und mit dem Absurden ist ja wirklich so eine Sache, hatte im letzten Sommer eine heiße Debatte, wo ich mich auf einmal zu meinem eigenen Erstaunen als “pro Sartre contra Beckett” wiederfand, so als Banause, und dessen literature engagé ist ja nun so weit weg auch nicht von dem, was Herr Girke bei allen Mißverständnisse das Erhabene betreffend fordert … kann man freilich auch als Spielart des sozialistischen Realismus interpretieren, die literature engagé, klar.

    @T. Albert:

    Also, wenn ich mir dieses seltsam-dekorative Geranke da um irgendwelche erleuchteten Wesen bei Runge so angucke, da finde ich Jeff Koons aber weniger kitschig. Und frage mich zudem, ob es denn wirklich immer so schlimm ist, wenn außerkünstlerische Einflüsse auf Kunst eindrängen …. was ich mich bei Friedrich oder Goya eigentlich nicht frage.

    Und hat Friedrich nicht auch diese gwaltigen Kreuze gemalt, oder bekomme ich da was durcheinander? Ist das “autonom werden” der Kunst?

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 8:53

  39. @ momorulez
    ““Über das Verhältnis von Realität und Kunst, sowie deren immanentem kritischen Gehalt hätte Girke sich bei der Ästhetischen Theorie informieren können.” Auch wenn der Rest ja prächtig hinhaut: Ich kann ja immer gar nicht finden, daß solche Sätze weniger autoritär sind als jener Kontext, in dem T. Albert den Herrn Girke verortet..”

    Ich hatte damit nur auf den immanenten Bezug der Kunstwerke auf die Wirklichkeit angespielt, was Adorno immer wieder sehr intensiv darlegt und begründet. Man kann nicht jedesmal die ganze Ästhetische Theorie referieren.

    L’art pout l’art ist Kritik sui generis, indem die autonome Kunst der Heteronomie der Welt sich nicht beugt. Die Produktionsweise solcher Kunst als Element ihrer Formbestimmung ist dann ganz handfeste, materiale Autonomie, kein Wunder, dass Girke meint, in der Beschäftigung mit Friedrichs Verfahrensweisen läge keine Erkenntnis.

    In dem der Zweck der Kunst nur sie selbst ist, entzieht sie sich dem “System der allgemeinen Nützlichkeit” (Marx) und steht damit gegen dieses System. Indem die Kunst Zweck an sich selbst ist und nicht Zweck für anderes, vertritt sie die Idee der Menschheit, in deren Verwirklichung jeder Mensch Zweck an sich selbst und nicht Mittel für den Zweck der Kapitallogik wäre.

    “Man muß ja nicht für “direkte Wirklichkeitserkenntnis” plädieren, gerade bei Malerei ja offenkundig Blödsinn (wie ist’s hingegen bei einer Weinprobe?), aber das mit dem Kapitalbegriff, ist das nicht eine ähnliche Anspruchshaltung an Kunst wie Herr Girke sie formuliert, oder gilt das nur, wenn man Deinen Text so liest wie seinen?”

    Wertform und Kapitalbegriff habe ich nur als Modell für die Unmöglichkeit der direkten Wirklichkeitserkenntnis angeführt. Ich hätte auch darauf hinweisen können, dass das Auge die Gegenstände auf dem Kopf stehend sieht und das Gehirn ständig um 180 Grad korrigiert. Ohne Hirn geht es nicht, direkte sinnliche Erkenntnis ist Unfug. Wie “eine ähnliche Anspruchshaltung an Kunst wie Herr Girke” bei mir vorliegen soll, verstehe ich nicht.

    Wein oder Whisky-Genuß findet erst nach langer Übung statt, in deren Verlauf die Ausbildung des Sensoriums stattfindet, was ein geistig-kultureller Prozeß ist, wie ja auch der Gegenstand des Genusses kein in der Natur unmittelbar vorhandenes Objekt ist.

    “Und was ist mit Herrn Menzel”
    Ich stehe nicht an, Menzel als den Maler der “reellen Subsumtion der Arbeit unters Kapital” (Marx) zu bezeichnen. Eine Interpretation dieses Gemäldes ohne das Kapitel über die “große Maschinerie” aus dem 1. Band wäre unvollständig. Ansonsten verweise ich autoritär auf die andernorts verhandelten Unterschiede von diskursiver und ästhetischer Erkenntnis.

    “Und frage mich zudem, ob es denn wirklich immer so schlimm ist, wenn außerkünstlerische Einflüsse auf Kunst eindrängen”
    Moooment! Die Kunst entnimmt die Elemente der Wirklichkeit und setzt sie neu, nach ihrem eigenen Gesetz zusammen. Nur so kommt der immanente Bezug der Kunst auf die außerästhetische Realität überhaupt zustande. Dieser ‘außerkünstlerische Einfluß auf Kunst’ ist aber etwas völlig anderes, als der Versuch, der Kunst Vorschriften zu machen, sie habe gefälligst “gesellschaftsrelevant” zu sein und irgendwelchen Zwecken zu dienen.

    Noergler

    21. Oktober 2008 at 19:34

  40. Kurz: das dekorative Geranke ist bei Runge aber Inhalt und eben kein Dekor. Müsste ich mich aber jetzt auch mehr mit beschäftigen, um dazu was sagen zu können., ich kenn mich bei Runge nun nicht wirklich aus. Aber das Schwierige ist ja schon, dass er was Singuläres versucht hat bei Zuhilfenahme geschichtlich gegebener >Formen, dieser Putti beispielsweise, denen er jetzt aber wieder versucht Bedeutung überhaupt wieder zu geben, Die sind ja gewissermassen gefallene und immer harmloser gewordene Engel gewesen, im Rokoko nur noch Teil dekorativer Struktur, die auch keine grosse Rolle mehr spielte, um dynamischen Raum zu erzeugen wie im Barock. Das sind ja seit Michelangelo und Raffael stetig an Bedeutung abnehmende Figuren/Figürchen/Formen, sogar hinsichtlich ihrer räumlichen Funktionen und folgerichtig sind die auch langsam völlig verschwunden. Nicht mal die Präraffaeliten werden mehr mit diesen Figuren/Formen arbeiten, ausser als Rückgriff auf Raffael.
    Der Runge benutzt die aber als, eben, gegeben Formen, wie auch die floralen Muster es ja in der REnaissancemalerei schon gegeben hatte, und als Strukturelemente, denen er neue Bedeutung und Bedeutungskombinationen zuschreibt. Und das scheint mir das wichtige zu sein. Klar haben wir in unserm Coolness-Kult visuelle und gefühlige Probleme mit ihrem Anschein von Sentimentalität. Aber der hat ja seinen Grund. Runge macht jedednfalls eine Ideenkunst aus der Sache, platt gesagt, ist er der erste Konzeptionelle, und das ist ja schon abgelöst von den inhaltlichen religiösen und repräsentativen Tradititonen, das ist ja das wichtige, liegt aber natürlich an historischen Position der damaligen maler, die neu zu sein gezwungen waren; das Alte war ja obsolet.
    Und mit Friedrich ist das alle so ähnlich.
    Ja, es geht dabei um autonom werden.
    Und der spätere Menzel, den ich für eine Supernummer halte, der leider in sssschlechte Publikumsgesellschaft geraten ist, wie übrigens ja Friedrich und Runge auch, war mit seiner Motivik und seiner Malweise nicht unkritisdch beliebt, das hielt ja mancher für vulgäres Zeug in jeder Hinsicht. Der thematisiert nun das Sehen und die Wirklichkeit selbst; das kann der aber nur, weil die Putti und das ganze metaphysische Personal in den Bildern wegentwertet ist.
    UNd der sehr unterschätzte tolle Liebermann hatte nur noch das Problem, sich als Mann des 19.Jhdts. Bildstruktur vorstellen zu sollen, die ohne abstrahierende Gegenständlichkeit auskommen könnte. Also der “Impressionist” Liebermann bestand den Jungen in den zwanziger Jahren gegenüber auf der gewonnenen Autonomie des Blickes auf die gegenstände. Runge und Friedrich sind aber Vorarbeiter eines ungegenständlichen Bildes das gewissermassen aus dem Inneren kommt. Vielleicht im Sinne der Konkreten, also, Max Bill sagt ja dann: Das Kunstwerk ist ein handwerkszeug zum geistigen Gebrauch.
    Was wiederum eine Art Rückkehr zur gotischen Ikone bedeutet. Puh.

    T. Albert

    21. Oktober 2008 at 20:42

  41. “Wein oder Whisky-Genuß findet erst nach langer Übung statt”

    Ich trinke ja eh lieber Bier ;-) – ich fauler Sack.

    Whiskey eigentlich immer nur, wenn ich meinen Schwager besuche, dann geht meine Schwester irgendwann schlafen, und wir hören bis tief in die Nacht Zappa und sowas, und dann finde ich den auch sehr lecker. Sonst eher mal ‘n Brandy. Ich Banause.

    Und dann hatte ich einst bei einem ganz schweren Liebeskummer mal ‘ne Ballantimes-Phase (schreibt sich das so?), das war allerdings eine ganz, ganz schlimme Zeit. Was halt bei erzwungenem Triebverzicht so rauskommen kann, wenn nur der Whiskey bleibt, um zu sublimieren :-(

    Und das mit der Zweckfreiheit und der Unmöglichkeit direkter, sinnlicher Erkenntnis ohne Hirn: Ja, ersteres kenne ich sowohl von Adorno und stimme dem zu, als auch als auch eher hobbymäßig vollzogener, ästhetischer Praxis, die bei mir ja recht oft mit dem Beruflichen kollidiert, wo ich ganz außerordentlich zweckgerichtet in ästhetische Praktiken verwoben bin, Adorno wäre es ein Graus, würde er wissen, daß ich ihn manchmal lese. Und letzteres: Ja, vollste Zustimmung.

    Mir ging’s aber schon so bei der Lektüre z.B. des Kulturindustrie-Kapitels, daß ich das Gefühl hatte, daß mir da jemand erzählen will, wie und was ich zu praktizieren habe, und das hat mich sehr oft sehr genervt. Auch Brecht und Benjamins Kunstwerk-Aufsatz kann ich immer nicht einfach so in die Tonne treten.

    Die “Ästhetische Theorie” habe ich oft, allerdings immer nur quer gelesen, da fand ich das auch weniger, dieses Gefühl, mich wolle jemand bevormunden und instrumentalsiert mich als Gegenpol, nur weil ich gerne kitschige Filme gucke und Joan Baez höre. Da bin ich nach ein paar Seiten immer zu beeindruckt zum Weiterlesen, und für mehr hat man ja irgendwann keine Zeit mehr im Leben … da bin ich einfach zu spät drauf gestoßen.

    Was mich immer kurz zickig macht: Daß mancher dann ein Programm wie jenes Girkes einfach mal eben so durch jenes von Adorno – programmatisch gelesen, darüber kann man wieder streiten, ob das geht – ersetzt und durch den “Das Kapital”-Bezug zudem, und dann wäre ja schnurz, was da nun der Kunst auferlegt würde.

    Wenn man es jedoch so allgemein hält:

    “Die Kunst entnimmt die Elemente der Wirklichkeit und setzt sie neu, nach ihrem eigenen Gesetz zusammen. Nur so kommt der immanente Bezug der Kunst auf die außerästhetische Realität überhaupt zustande.”

    …., dann habe ich damit allerdings auch keinerlei Probleme und stimme selbsverständlich zu, ebenso dem mit der Autonomie versus Heteronomie, und erst recht dem Mensch als Zweck an sich selbst ;-)

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 21:04

  42. @T. Albert:

    “Klar haben wir in unserm Coolness-Kult visuelle und gefühlige Probleme mit ihrem Anschein von Sentimentalität.”

    Nee, damit habe ich gar keine Probleme. Aber sowas von gar keine.

    Aber diese Runge-Bilder, die habe ich mir mal richtig lange angeguckt, die hängen ja hier der Kunsthalle rum, und auch wenn ich von all den kunstgeschichtlichen Bezügen, die du erwähnst, keine Ahnung habe, und Nörgler ja recht hat, daß es keine unmittelbare, sinnliche Erkenntnis gibt: Das ist einfach ganz furchtbar, wenn man davor steht.

    Weil man spürt: Hey, da will mir jetzt jemand eine Botschaft vermitteln!, und trotzdem sehe ich nur ganz grauenhafte Effekte.

    Ich kann mich noch über irgendwelche Blumen-Stilleben aus Holland ‘nen Jahrhundert früher wegfreuen, völlig in einer kugeligen Rose versinken, einfach weil die so gemalt ist, wie sie gemalt ist, aber kann man denn einfach so ausklammern, was so ein Bild mit einem macht, wenn man davor steht? Der Runge schreit mich an, der drängt sich auf. Friedrich nicht. Der läßt mir meinen Raum, meine Freiheit.

    Der Menzel übirgens, den finde ich schon dolle, diese fast metaphysischen Lichtorgien in den Fabriken, die ja da fast rembrandtsch Claire Obscure oder wie das heißt mäßig auf die Art auch bisher Gesehenes kommentieren, in einem ganz anderen Kontext aber, heftiger, anders monumental und doch klasse, und ist das mit den Masken an der Wand, ist das nicht auch von dem? .

    Und kann ja sein, daß der Runge da vorher den Schutt weggeräumt hat, aber in welcher Hinsicht ist das denn heute wichtig? Die Frage meine ich völlig ernst, das war ja das Thema eigentlich des obigen Eintrages: Wer sich was warum wann aneignet, das ist eben kulturelle Gegenwärtigkeit, die ist bei aller zweckfreiheit der kunst ein kampffeld, und muß man sich aktuell Runge aneignen, und wenn ja, warum?

    Die Art, wie Nörgler Marx und Adorno und oben auch Kant aktualisiert, das ist ja auch viel zeitgemäßer als manch manchmal hippes Geschwafel von mir, aber warum Runge?

    “Runge und Friedrich sind aber Vorarbeiter eines ungegenständlichen Bildes das gewissermassen aus dem Inneren kommt.”

    Ist das nicht, die Geschichte dann vom Ziel her aufschlüsseln?

    Liebermann: Wow, denke ich da, wenn ich diese Frauen auf dem Acker stehen sehen. Sentimal ist da ja auch, aber das hat rundum was, was “meiner Welt”, der sonstigen, völlig entgleitet. Das fängt eine Stimmung, eine Atmosphäre ein auch durch die Art, wie es gemalt ist, das geht gar nicht in einem anderen Medium, diese einzufangen. Wie auch eine gotische Ikone, ja.

    Aus Runge hingegen kann ich auch ‘nen Opener für “Desperate Housewifes” bauen oder ‘ne Bauchbinde …. schon bei Rubens ist das echt schwierig.

    Sorry, ich kann immer nicht anders, als das alles auf mein anderes Leben zu beziehen.

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 21:25

  43. Sorry, wenn ich mir Runges Hülsenbecksche Kinder oder wie die heißen anschaue, habe ich das Gefühl, man könne auch gleich Hummelpuppen nehmen. Ich werde jetzt bestimmt nicht Hofmann oder Haftmann zu Hand nehmen und nach kunsthistorischen Begründungen suchen, für mein Gefühl ist das einfach Kitsch. Friedrich ist für mich mit des Knaben Plunderhorn und der ganzen beschaulich-reaktionären Richtung der deutschen Romantik assoziiert, aber vielleicht tue ich ihm damit Unrecht. Zumindest rein ästhetisch macht der ja durchaus was her.

    Menzel ist eine ganz andere Hausnummer, einer der letzten großen dokumentarischen Maler vor Aufkommen der Fotografie. Sein “Eisenwalzwerk” dokumentiert einerseits realistisch die Industrialisierung, tut das andererseits aber mit einer Verve und einem Pathos, die fast an Delacroix erinnern. Von der “Aufbahrung der Märzgefallenen” bis zur Krönung begleitet er praktisch die ganze preußische Geschichte von März bis Reichsgründung. Das hat definitiv gar nichts mit dem Eskapismus eines Friedrich zu tun.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 22:17

  44. Naja, also, da haben wir jetzt einfach zwei Rezeptionsweisen.
    Mit meinem Leben hat das natürlich schon zu tun, was Runge sich ausgedacht hat, Zumindest seit ich vor vielen Jahren Schneedes Buch gelesen habe, Ich will ja auch niemanden von Runges Figuren überzeugen, von ihrer Erscheinung. Andererseits ist sie wie ist und das hat ja seinen Grund. Die Hülsenbeckschen Kinder hatten wi rja auch schon mal; Ich muss dad Bild als Bild doch nicht mögen, aber jetzt hätte ich doch gerne wieder einen Vergleich, und zwar einen deutschen und nicht den mit einem spanischen Hofmaler, der Königskinder in einer vollkommen anderen materiellen und geistigen und gesellschaftlichne Situation gemalt hat, wie auch der Maler Goya ein völlig aanderes Leben lebte als dieser protestantische norddeutsche kleine Bürger Runge, der aber in einer aufklärerischen Atmosphäre lebte oder leben wollte; und deswegen sind für mich die Hülsenbeckschen Kinder erstens ein Zeugnis der Krise nach dem Verlust der “Ikonographie”, oder wie ich das ausdrücken soll (vergleiche Raphael Mengs zB), und zweitens sind sie eben wegen Punkt Eins in meinen Augen ein Zeugnis des bürgerlichen Aufbruchs. Und zwar auch wegen seiner Machart, und das muss dann schon verstehen, wie beim spätern Menzel auch. Es wird nämlich in diesen Sachen eben nicht nur repräsentiert, sondern es werden – endlich mal! – Malerei und ihre Mittel – Farbe als Farbe, neuartiger Bildaufbau – offener thematisiert. Ich weiss ja nicht, was das mit Eskapismus zu tun hat.
    Und der Menzel war nun ganz gewiss nicht nur ein Dokumentarist, sondern der hat seine Umgebung schon sehr als Maler untersucht, nur war die Umgebung “Walzwerk” natürlich was sehr neues, das sowohl neue Mittel der Darstellung erforderte wie eben auch zur Verfügung stellte, die stecken ja im Gegenstand drin, und der Maler findet sie oder er findet sie nicht. Es gab eben Rembrandt und seinen Schüler Bols, der ihm vorgezogen wurde.
    Ja, und Menzel begleitet die peussische Geschichte, aber die war nicht das Thema des Malers, das Thema des Malers sind immer malerische Fragen der Mittel, aus denen er ein Bild machen muss, der hätte auch ein miserables Walzwerk abliefern können.
    Ein Beispiel, das mir vertrauter ist, ist der andere, frühere spanische Hofmaler Velazquez. Einer meiner Lehrer, der übrigens einen intelligenten Habilitationsvortrag u. a. über die Hülsnbeckschen Kinder gehalten hat, sprach immer von der Kälte Velazquez`. Warum sind dessen Portraits der Hofangehörigen so wichtig für Maler, und nicht nur für die Historiker? Der ist so kalt, weil er sich traut die Sache qua Autorität des eigenen Subjekts anzugehen, der lässt seinen! Blick arbeiten, und schaltet die autorisierten Schemata der Darstellung von Menschen, Höflingen, Räumlichkeit, repräsentativer Farbgebung aus. Der erfindet, wie Rembrandt, eine neue Malerei, weil er ihre Mittel neu sieht und jetzt neu zusammenfügt. Die Impressionisten haben das ihrerseits neu gesehen und seitdem ist der V. ein Dauerbrenner, neben dem alle möglichen spanischen und niederländischen und süditalienischen Kollegen, die auch solche Motivik bearbeiten mussten, verblassen.
    Menzel: der ist ein ganz gutes Beispiel für verstellten Blick auf eine Malerei, wenigstens in meinem Fall. Ich konnte den nämlich als junger nicht leiden, weil ich seiner deutschnationalen Rezeption glaubte, die den als malenden grossen Preussen verkaufte, und nicht als einen preussischen grossen Maler.
    Und in dem Vergleich des “Dokumentaristen” Menzels mit dem “Eskapisten” Friedrich steckt nun wieder die Forderung nach gesellschaftlicher Relevanz. Mal abgsehen davon, dass es Friedrich nun mal noch gar nicht möglich war, ein Dokumentarist zu sein, geschweige denn so ein Walzwerk 1875.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 0:08

  45. …. geschweige denn so ein Walzwerk 1875 zu malen.

    Das restliche ortographische und syntaktische Chaos bitte ich Euch zu entschuldigen, ich habe gerade auch mit anderen Sachen zu tun.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 0:18

  46. Natürlich konnte Friedrich noch kein Walzwerk malen, aber in den Horizont seiner Zeit kommt schon ein bemerkenswert vorimpressionistscher Turner oder die (ganz anderes Genre, ich weiß) die gesellschaftkritischen Grafiken von Gillray, Cruikshank und Daumier. Dass Goya so gut in der Kritik wegkommt hängt doch mit der “Erschießung der Aufständischen” zusammen und den Pinturas Negras, als der er heute als gesellschaftskritischer Künstler und als Vorläufer von Picasso und Dalí gesehen wird. “Von der Erschießung der Aufständischen führt ein gerader Weg nach Guernica”, das habe ich wirklich irgendwo mal so gelesen. Die Kunstkritiker, mit denen ich so zu tun bekam, und auch ein beträchtlicher Teil meiner Dozenten in Kunstgeschichte, aber auch viele meiner an Kunst interessierten Freunde, die fachliche Laien sind, würden ein Bild nach seiner gesellschaftlichen Aussage und seine Bedeutung als “progressiv” oder “konservativ” im Zeitkontext beurteilen. Turner wäre dann “progressiv”, weil seine Bilder die Malweise eines Manet, Monet und Degas in Teilen um 40 Jahre vorweg nehmen und weil ihre Perspektive offen und nicht Ein-Betrachter-zentriert ist wie bei Friedrich. Deren Kunstverständnis bewegt sich irgendwo zwischen Brecht und Lukasc. Ich teile das nicht, finde des Nörglers radikales Eintreten für die Freiheit des Kunstwerks fiel sympathischer, bin von diesem Blickwinkel aber doch auch beeinflusst.

    che2001

    22. Oktober 2008 at 7:58

  47. @Che:

    “als der er heute als gesellschaftskritischer Künstler und als Vorläufer von Picasso und Dalí gesehen wird.”

    Ich kann mich ja irren, aber genau darüber regen sich ja T. Albert und der Nörgler die ganze Zeit auf, Kunst so anzugucken.

    Und ich bekenne, bei Goya auch gar nicht zuerst auf das Sujet zu gucken, sondern auf seinen Blick und sein Übersteigen der Zeichnung als Abbild hin zu einem malerischen “mehr” , wie ja auch ein Rembrandt, ein El Greco oder ein Rubens das betrieben haben – ich muß den einfach noch mal bringen, weil der ja vor allem berühmt ist durch seine kräftigen Frauen, ich finde bei dem aber eigentlich die “Zeichnung” und die Farben dolle. So als ewiger Expressionsit, der ich ja irgendwie bin.

    Gab ja mal diese Ausstellung mit Rembrandt und Caravaggio in Amsterdam, in der ich zwar nicht war, aber da tritt dann eine Buchstäblichkeit, die gerade aufgrund ihrer Buchstäblichkeit so irre ist, einer Orgie auch diffuser und subtiler malerischer Mittel entgegen, so daß alle sich auf Rembrandts Seite schlugen, was ja auch schon wieder doof ist, weil Caravaggios Buchstäblichkeit – anders als bei Franz Hals – ja auch was sagen will, und das eben erschütternd geradezu. Verglichen mit den Renaissance-Leuten ist das pornographisch und deshalb gerade gut.

    Worauf ich hinaus will: Die Wahl der Mittel im Zugang auf das Sujet ist dann Thema, nicht das Sujet als solches.

    Und gerade den Menzel und seine Fabriken, das stimmt schon, das ist einfach irre, wenn man sich das anguckt, wie der zu einer Zeit, wo es Fotografie ja schon gab meines Wissens, einen Blick entwickelt, der Dich erst mal umhaut.

    @T. Albert:

    “wie auch der Maler Goya ein völlig aanderes Leben lebte als dieser protestantische norddeutsche kleine Bürger Runge, der aber in einer aufklärerischen Atmosphäre lebte oder leben wollte”

    Ist das denn das entscheidende? Das hieße ja wirklich, die Biographie statt des Werkes zu bewerten, mit positivem und negativem Vorzeichen, und dann ist eben Beuys der Hitlerjunge …

    Zudem: Die “Kälte” bei Velasquez, bei diesen Besäufnissen mit diesem unglaublich lebendig gemalten Bauern-Gesicht, dem berühmten, da sehe ich keine Kälte, und da bin ich doch schon längst jenseits der vorgegebenen, christlichen Ikonographie ….

    momorulez

    22. Oktober 2008 at 8:47

  48. Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich selber diesen Blickwinkel wirklich teile, sondern nur, dass der in meiner Umgebung sehr verbreitet ist. Ich schrieb doch ausdrücklich: ” Ich teile das nicht, finde des Nörglers radikales Eintreten für die Freiheit des Kunstwerks fiel sympathischer, bin von diesem Blickwinkel aber doch auch beeinflusst.”

    Die gesellschaftliche Eingebundenheit einer bestimmten Art von Kunst völlig negieren kann dann aber doch auch nicht die Antwort sein, und den gesellschaftskritischen Anspruch von Künstlern (falls vorhanden) und den Zeitgeist, unter dem sie malten kann man doch nicht unter den Tisch fallen lassen. Und da gehört Friedrich dann schon in eine Romantik hinein, in der die Entwicklung eines Bewusstseins für die Schönheiten der Natur, eine sich neu entwickelnde, nicht mehr an die Moden des Adels und die programmatische Ästhetik des Klassizismus gebundene subjektive Wahrnehmung von Schönheit mit mythisierendem Eskapismus und Angst vor den Konsequenzen der Aufklärung einherging.

    che2001

    22. Oktober 2008 at 9:46

  49. Velasquez sehe ich ja eher als jemanden, der vor allem mit den Ausdrucksformen von Farbe der Inszenierung von Monumetalität in der Darstellung von Menschen experimentiert hat. Velasquez hat Delacroix ermöglicht.

    che2001

    22. Oktober 2008 at 9:48

  50. “Die gesellschaftliche Eingebundenheit einer bestimmten Art von Kunst völlig negieren kann dann aber doch auch nicht die Antwort sein, und den gesellschaftskritischen Anspruch von Künstlern (falls vorhanden) und den Zeitgeist, unter dem sie malten kann man doch nicht unter den Tisch fallen lassen.”

    Ja, aber doch nicht in dem Sinne, daß man die Kunst gewissermaßen als Abbild des Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse deutet oder gar fordert, sie hätte dies zu sein.

    Diese kantischen Formulierungen von der Autonomie und Heteronomie vom Nörgler weiter oben bringen das ja schon auf den Punkt: Die Bezugnahme als negative, sich entziehende und transzendierende bereitet als Praxis den Boden von Kritik, nicht die unmittelbare Bezugnahmeng, so kann ja Form auch Wahrnehmung sprengen. Kunst ist ja weder Essays noch Journalismus noch Wissenschaft. Und die “Konsequenzen der Aufklärung” können ja nicht in der Abschaffung der Kunst zugunsten des Dokumentarischen liegen.

    Noch der V-Effekt bei Brecht, diesem Banausen, ist ja der Bruch mit dem Dokumentarischen, den ganzen Realismen des frühen Hauptmann und den Psychologismen von Ibsen, zugunsten eines “Theater als Theater” und eines ständigen Bruchs mit Abbildern. Und wenn man das jetzt auf den “Zeitgeist der Zwanziger Jahre” reduziert, wird man dem Werk einfach nicht gerecht.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 10:46

  51. Wieso nennst Du Brecht eigentlich immer “diesen Banausen”?

    che2001

    22. Oktober 2008 at 10:52

  52. Weil Adorno ihn snngemäß so genannt hat im Konflikt mit Benjamin – “das hat der von Brecht, diesem Banausen”, so ungefähr.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 10:57

  53. Benjamin war ja auch ein Kiffer und machte Kindertheater, könnte man sich von Horkdorno nie vorstellen, diesen Superverkopften….

    che2001

    22. Oktober 2008 at 11:42

  54. @momorrulez

    nee, ich meine natürlich nicht Biographismus und will Beuys nicht doch auf den Hitlerjungen festlegen. Was ich meine ist, dass ich diese unmittelbaren Vergleiche von Bildern verschiedener Autoren aus unterschiedlichen Gegenden und evtl. Zeiten wie Goya – Friedrich nicht für geschickt halte. Wenn mnan Goya für die bessere Nummer hält, ist das ja in Ordnung(, weil Goya vielleicht der interessantere Maler sein mag, der uns ja auch in Bezug auf das Malen als Malerei, la pittura, painting (nicht das Bild, il quadro, the picture) i. A. so durch den kanonisierten Blick der Impressionisten und Realisten vermittelt erscheint. (Hört ja auch leider auf.))
    Aber den Goya kann ich doch nicht so unmittelbar, und zwar auch auf Bildinhalte bezogen, gegen Freidrich wenden, der arbeitete doch in einer völlig andern denkerischen Umgebung, der hatte schon ganze einfach nicht die Aufträge, die Goya bekam. Ohne Julius II: gäbs schlicht den Michelangelo, den ich zB so verehre, nicht, bei allen überdurchschnittlichen Fähigkeiten. Der hätte dann andere Sachen gemacht, vielleicht wäre er auch Bäcker geworden. Das ist müssig, meine ich, sichj darüber Gedanken zu machen.
    Friedrich sah nicht die Selben Sachen wie Goya, sie sahen sehr verschiedenes.
    Was Girke macht, endet darum im Sozrealismus. Und sowas geht nicht. Das wird dann auch u, U. zur Formalismus-Diskussion gegen kleinbürgerliche Eskapisten, oder eine gegen boürgoise Dekadenz wie die der KPdSU und Teilen der KPF gegen Picasso. Das hör ich da läuten, wenn der Linke Girke spricht. >Aber ich weiss, dass Sozrealismus auch in der Mitte der kapitalistischen <gesellschaft beliebt ist, weil man ja was drauf sehen kann, aufm sozrealen Bilde.

    @Velazquez
    Ja, er hat sich mit “Monumentalität” beschäftigt, aber die war dann nicht das ZIel des Interesses an ihm seitens späterer Maler, bis ins 20. Jahrhundert. Die interessierten sich für diese “impressionistische” Auflösung der farbigen Fläche (ähnlich Delacroix, klar), die Modellierung der Volumen, nämlich seine Flächigkeit, seine Ökonomie, die aus seinem Sehen resultiert, undso. Auch die Präsenz nicht des Dargestellten, sondern des Bildes in seiner Objekthaftigkeit. Ja, da kommt wieder die Erhabenen-Diskussion ins Spiel, und da was zu sehen, war das Interesse solcher MAler wie Newman und Ad Reinhardt.
    Übrigens in den USA eine “linke” Diskussion, bis jetzt, bis zum alten Richard Serra. Hier auch, die ganzen Konkreten wie Lohse, Bill etc. , alles Linke. Linke Eskapisten, die Leute aus Deutschland rausgeholt haben, asl sie das mussten, und sie in der Schweiz illegal in Sicherheit brachten. Für mich war diese ganze Erhabenen_Diskussionin der Malerei immer eine linke Angelegenheit gewesen, das mal nebenbei.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 12:29

  55. @”Für mich war diese ganze Erhabenen_Diskussionin der Malerei immer eine linke Angelegenheit gewesen, das mal nebenbei.
    ” — Die wird ja auch primär von solchen Linken für bürgerlich gehalten, die selber schon als “Krätze-ätzt-Punks” aufgewachsen sind ;-)

    che2001

    22. Oktober 2008 at 12:35

  56. “Aber den Goya kann ich doch nicht so unmittelbar, und zwar auch auf Bildinhalte bezogen, gegen Freidrich wenden”

    Ja, klar, okay, das ist, glaube ich, auch Konsens hier in der Diskussion. Mir geht es meinerseits auch darum, sich mit den Bildern zu beschäftigen und nicht nur mit dem zeitgeschichtlichen und konkret biographischen Umfeld, und dann sagt man “Romantik Gegenaufklärung, Nationalismus, tot” oder sowas.

    So kann man ja z.B. auch Fichte/Schelling/Hegel kurzerhand erledigen, deutscher Idealismus, out, tot, oder bei Fchte, der finsterster Nationalist wirklich war, das dann als Totschlagargument nutzen, und man braucht sich praktischerweise nie wieder mit ihm beschäftigen. Heidegger ist ja auch so’n Fall.

    Weil man mit Runge, glaube ich, auch ohne all das fertig werden kann ;-)

    Und bei Velasquez blätter ich jetzt noch mal nach, wobei man da wahrscheinlich wirklich nur mitreden kann, wenn man sich die Originale mal angeguckt hat.

    Während ich als Biertrinker bei Friedrich den Unterschied zwischen Reproduktion und Original gar nicht so wahnsinnig erheblich fand, vielleicht ja auch ein Kriterium. Weil ich z.B. bei Beckmann oder bei Kirchner das Original ungleich erschütternder fand als die Reproduktion, bei Nolde, diesem Grobschlächter, hingegen die Reproduktionen, wenn sie nicht gerade im Antisemitismus baden, gar nicht übel fand, die Originale aber abscheulich.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 12:47

  57. Ich meine ja nur, hihi.
    Also, ich meine ja nur, weil Ihr mir so zusetzt und MR lebenswichtigen Bezuch reklamiert – für mich ist der da. Ich bin so naiv zu glauben, dass Malerei erstmal eine ethische Entscheidung ist. Hui! Is aber so. Also, in dem kindlichen Sinne, dass ich davon ausgehe, dass ein sschlechter Mensch eben keine gute Kunst machen kann. Und ethisch-ästhetischer Betrug kommt nolens volens irgendwann ans Licht. Umgekehrt offenbart sich der Betrug stetig im beabsichtigten Kitsch. Ja.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 12:59

  58. dass ein sschlechter Mensch eben keine gute Kunst machen kann. — deswegen haben die mongolischen Schädelpyramiden sich auch in der Architektur oder Heraldik und Sepulkralkultur nicht durchgesetzt ;-)

    che2001

    22. Oktober 2008 at 13:03

  59. ja guck, mit mongolischen schädeln und darausigen pyramiden muss ich mich auch noch auseinandersetzen, besonders mit ihrer bedeutung in der heraldik. auch mit wappen an schädeln und tamerlanschen drucktechniken.

    aber eigentlich ist der kiefer ja schon länger an dem thema, wenn ich den richtig verstehe. aber das weiss ich eben nicht.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 13:19

  60. Tamerlansche Drucktechniken???

    che2001

    22. Oktober 2008 at 13:23

  61. momorulez,

    aber guck Dir die Repros und Originale doch einfach mal ohne zugleichigen Biermissbrauch an. Vielleicht kannst DU dann Unterschiede sehen.

    (Dein Maltechnikwirkungseinwand gegen Friedrich würde aber auch auf dieses grosszügige Geschenk an die Kunstgeschichte zutreffen. Ich habe mir das letztes Jahr endlcih mal ansehen können, das war eine verzehrende Lebenssehnsucht.
    Also dieses:

    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Antonello_da_Messina_035.jpg&filetimestamp=20050519024019

    Meinerseits muss ich zugeben, dass mir demgegenüber Friedrich und RUnge relativ wurscht sind. )

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 13:34

  62. Tamerlansche Drucktechniken an Schädeldecken.

    (Gings hier eigentlich um die Kraft zu träumen?
    Dann passte doch alles, bis auf Menzel. Vielleicht. )

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 13:40

  63. @T. Albert:

    Na, besoffen in’s Museum marschiert bin ich allerdings nicht ;-)

    Und das verlinkte Bild, das kenne ich ja auch nur von allerlei Reproduktionen, und da bin ich mir extremst sicher, daß die Differenz zwischen Original und Reproduktion gewaltig sein wird. Sowas finde ich ja auch ganz groß.

    Trotz Linse.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 14:25

  64. … ach, und die Kraft zum Träumen bei Menzel: Wenn der auch diese Masken, die an der Wand hängen, gemalt hat, dann gehört der da auch mit zu.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 14:27

  65. Ja, die Differenz isz gewaltig, ich wollte nur darauf hinweisen, dass Caspar Davids Oberflächen wie die Antonellos lediglich den Konventionen resp. Kategorien der Renaissance folgen. Es ist auch bei Antonello nicht so, dass der das Plastische des Materials vorführte.

    Wenn Du die Masken Menzels erwähnst, erinnere ichmich natürlich an noch mehr Traumkräftiges von ihm, das stimmt. Müsste doch auch unter filmischem Aspekt sehr spannend sein, was der gemacht hat.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 15:23

  66. Das ist tatsächlich schon sehr filmisch gedacht, die Art, wie er Licht zelebriert in den Fabriken, das ist ja schon extremst komponierte Licht-Dramarturgie – das gilt aber dann, wenn nicht einfach so eine Guckkastenbühne wie bei Raffaels Philosophen gebaut wird, ja für fast alles, was so vor den Plein Air-Leuten und den Impressionisten gemalt wurde. Friedrich wird bestimmt in “Nordwand” zitiert. Manchmal isses aber auch eher die Theaterbühne.

    Diesen Ausschnitt mit Schwarz im Hintergrund bei Antonello kann man ja in jeder Knopp-Doku gucken.

    Ansonsten kann Malerei aber die Zeitachse – ist ja klar – nicht bedienen, schon schwenken und zoomen geht halt nicht wirklich, und unsereins lebt ja vom Schnitt und dem Flow, der dabei entsteht, und das ist eher als Gesamtheit zu betrachten, nicht als Abfolge von Einzelbildern.

    “Klassische” Kameramänner bieten Dir aber auch “Bilder” an, die ganz ähnlich komponiert sind wie “altmeisterliche”.

    Kurioserweile, manch Regisseur machte mich dafür jüngst schon fertig, gehe ich eher von Ton und Musik einerseits, Text andererseits aus und entwickel daraus dann die Bildfolgen. Deshalb finde ich ja die Malerei-Diskurse hier im Blog noch zusätzlich spannend, da habe ich echt Defizite, und das nach 15 Jahren …

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 15:38

  67. Menzel? Meint ihr den da?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Adolph_Menzel

    lars

    22. Oktober 2008 at 15:40

  68. Ja,der müßte das sein!

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 15:42

  69. Als Kontrastprogramm: In meinem Freundeskreis gibt es Leute, die sich über Sound bei Filmen grundsätzlich ärgern, nach dem Prinzip: “Was soll eigentlich diese Scheiß-Musik, würde der Wind nicht ausreichen?”.

    che2001

    22. Oktober 2008 at 15:43

  70. @Momo: Aha. Muss ich mich erstmal reindenken.

    @Che: Dagegen aber auch Adorno: Dass die musikalischen Möglichkeiten im Film brach liegen. Dass Musik nicht nur Untermalung (!) sei, sondern eben auch als Konstruktionsprinzip zugrunde gelegt werden könne. Das Argument, Wind oder Atmo würde doch reichen, ist doch purer Naturalismus. Und das Heulen des Windes ist doch auch schon Klischee, das sich am House of Usher von Poe bedient. Die Gespenstergeschichten von Hoffmann waren ja durchaus ganz anders konstruiert.

    lars

    22. Oktober 2008 at 15:55

  71. Ja, aber manchmal ist die Musik einfach Mist. wie gestern abend in dieser November-Doku; Genscher spricht immer vor so einer klebrigen leisen Klangmasse, Sollte das spannungssteigernde Wirkung haben? Fand der Gero von Boehm die Ereignisse eigentlich langweilig, oder das ausgewählte Bildmaterial? Oder Genschers, Schabowskis und Gorbatschows Worte?
    Ich habs nicht verstanden.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 16:10

  72. “Das Argument, Wind oder Atmo würde doch reichen, ist doch purer Naturalismus.”

    Ja, eben. Ich finde ordentlich Schnitt, Musik und von mir aus – manchmal, nicht immer – auch Grafik schlicht ehrlicher, weil’s gar nicht erst vorgaukelt, man würde da Realität abbilden. Die ist ja auch dreidimensional, riecht, ist taktil zu erfassen, und es gibt kein “in” und kein”out”.

    Wobei’s eben eine zusätzliche INHALTLICHE Ebene ist, die Aussagen, die man trifft, stützen kann.

    So, wie die Knopps das manchmal machen, auf Teufel komm raus über Musik dramatisieren, ganz egal, ob’s nun gerade dramatisch ist oder nicht, das nervt. Das scheint dann auch der Fall bei der Genscher-Doku gewesen zu sein, das kann aber auch tatsächlich nicht jeder, damit gezielt arbeiten.

    Oft isses halt nur um des Effekts willen, und da kann das kolossal nerven. So wie bei RTL-Dailys, wo zielgruppenaffin bestimmte Hits angespielt werden, meistens aus den 80ern und frühen 90ern, weil man vermutet, daß die Leute das in ihrer Jugend gehört haben, und die sollen dann einfach nur “gute Laune” signalisieren, die Hits.

    Aber so Leute wie der Morricone, die sind ja musikalisch keine kleinen Nummern. Auch “The way we were” oder “Love Story”, muß man jetzt nicht mögen, was wären die ohne die Songs?

    Wobei Hollywood und Spielfilm meist eher umgekehrt vorgeht, und dann steht da Stewart Copeland mit den Bildern auf ‘nem Fernseher in seinem Studio und komponiert dazu.

    In meinem Kopf ist aber immer eher ‘ne musikalische Farbe und Dynamik, von der aus ich mich auf die Bildfolgen zubewege, und das hat immer eine inhaltliche Dimension …

    Ich glaube auch, daß man Filmisches akustisch viel intensiver rezipiert als über die Optik, und daß die primäre Rezeption akustisch IST. Beim Filmischen, wie gesagt. Man “steuert” auch über Sound-Effekte etc. …

    Zudem ja nun mal kein Schwein ausgehen sollte, daß der Wind oder die Atmo auch die ist, die mit dem Bild zusammen aufgenommen wurde ;-) … gibt ganze Geräusch-Archive für sowas, weil die sich nie so anhört, wie der Zuschauer glaubt, daß es sich anhören würde …

    momorulez

    22. Oktober 2008 at 16:29

  73. Es ging mir nicht um Morricone oder Vangelis, ganz bestimmt nicht. @”o, wie die Knopps das manchmal machen, auf Teufel komm raus über Musik dramatisieren, ganz egal, ob’s nun gerade dramatisch ist oder nicht, das nervt. Das scheint dann auch der Fall bei der Genscher-Doku gewesen zu sein, das kann aber auch tatsächlich nicht jeder, damit gezielt arbeiten.” — sowas wahr gemeint, und Naturfilme, wo, wenn etwa ein Wolfsrudel jagt oder Sternexplosionen simuliert werden die Musik völlig deplatziert wirkt, und eben auch als Füllsel zwischen Zeitzeugen-Interviews.

    che2001

    22. Oktober 2008 at 18:40

  74. Leute, habt ihr eigentlich den Schuss gehört?

    IHR seid genau der Grund, warum es heute solche prinzipiell apolitischen Bewegungen wie die so genannten Wertmullah-Antideutschen gibt.

    Eure Dikussionen sind derart irrelevant, dass sich einem ob Eures Geseiers schon nichtmal mehr die Nackenhaare stellen mögen.

    Der Einzige in diesem sich ach so philosophisch gebendem Abgrund ist der Nörgler, der hin und wieder eine agrumentativ-sprachliche Leuchtfackel in Eure Höhle wirft.

    Mei oh mei.

    &

    Adios (wörtlich zu nehmen).

    jolly rogers

    23. Oktober 2008 at 0:39

  75. Für was man so alles verantwortlich ist ;-)

    che2001

    23. Oktober 2008 at 8:26

  76. Ja, ich zieh dann heute auch meine Buße-Gewänder an und kasteie mal wieder mich mit Peitsche :-( … und stelle mich drauf ein, nach der Revolution dann von Jolly an die wand gestellt zu werden. Unter Stalin hieß das, glaube ich, “Formalismus”-Debatte, und Jolly so als Richter bei den Schauprozessen, das hätte schon gepaßt ….

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:10

  77. Realismus-Formalismus-Debatte hieß das, Du Irrelevanter :-)

    che2001

    23. Oktober 2008 at 9:15

  78. Siehste mal, vor lauter Irrelevanz bekomme wieder die wichtige Hälfte, den Realismus, nicht mit ;-) … wollen wir das Blog in “DIE IRRELEVANTEN” umbenennen?

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:24

  79. Für Clickrate tue ich alles!

    che2001

    23. Oktober 2008 at 9:27

  80. Was ist denn relevant? DIe Antideutschen?
    Ich zum Beispiel gehe am MIttag zum Volkshaus in Zürich zur Demo.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 9:34

  81. Ach, nubbeln wir jetzt? Haider, Haider, Haider!

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:34

  82. T. Albert, Mönsch, Demo ist doch voll Old School :-D ….

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:35

  83. Das ist so nicht richtig, entscheidend ist, zur Demo richtig angezogen sein: Adidas, Carharrt,l Ray-Ban-Sonnenbrille.

    Früher nannte man so etwas Farben tragen *wegduck*

    che2001

    23. Oktober 2008 at 9:38

  84. T. Albert

    23. Oktober 2008 at 9:41

  85. Ray Ban ist doch auch voll Old School und Addidas retro …

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:42

  86. Abgesehen davon: Davon träume ich ja immer, irgendwann mit dem Privatjet zur Demo nach Zürich einfliegen ….

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 9:44

  87. Ja, ich wollte Politbüro Jolly noch fragen, was ich anziehen muss.

    Ich mein, die Demo ist ja fast zwangsläufig ein bissl spiessig, wenn sie fordert, was in Deutschland die Bundesregierung beschliesst.
    Aber so isses halt. Oder soll ich besser im meinem besten Anzug voller Bügelfalten immer die Bahnhofstrasse auf und ab gehen?

    Ich such gerade meine Ray-Ban-Brille.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 9:47

  88. Ist eigentlich die Zeitschrift Ästhetik&Kommunikation der Grund dafür, dass es eine Achse des Guten gibt?

    @Einfliegen: Auch voll retro, ey. Als in Brokdorf und Wackersdorf der BGS Hubschrauber gegen uns einsetzte, träumten wir davon, in gekaperten UH1Ds mit aufgesprühten schwarz-roten Sternen in die Hundertschaften hineinzufliegen und mit geschwungenen Schlagstöcken auf die Cops zu springen.

    che2001

    23. Oktober 2008 at 9:58

  89. Ist eigentlich die Zeitschrift Ästhetik&Kommunikation der Grund dafür, dass es eine Achse des Guten gibt?

    Weiss zwar nicht warum, aber davon ist auszugehen.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 10:31

  90. Ohne Baudrillard-Exegese kein Telegehirn?

    che2001

    23. Oktober 2008 at 10:34

  91. Das is jezz irgendwie echt gemein.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 10:54

  92. Ich setze noch einen drauf: Ohne Max Hodann keinen Zitterwolf.

    che2001

    23. Oktober 2008 at 11:02

  93. Auch das ist schwer zu vermuten, vielleicht in Spanien auch schon bewiesen.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 11:28

  94. Ohne Ortega y Gasset kein japanischer Thunfischfang an der Costa de la Luz!

    che2001

    23. Oktober 2008 at 11:58

  95. Ja, massenhaft im Dunkeln.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 12:05

  96. Und ohne Baselitz keine Scheisse oben an der Decke.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 12:06

  97. Ohne Otto Mühl keinen Gebärmutterkrebs.

    che2001

    23. Oktober 2008 at 12:21

  98. Wenn das so weitergeht, macht ihr den Helmut Kohl noch für die Wiedervereinigung verantwortlich.

    lars

    23. Oktober 2008 at 14:12

  99. Ohne Kohl keene Wurst.

    T. Albert

    23. Oktober 2008 at 14:16

  100. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, die Wurst hat zwei, die Wurst hat zwei …

    MomoRulez

    23. Oktober 2008 at 14:40

  101. Und so landet Shifzting Reality beim Karneval…

    Sollten wir vielleicht mal einen machen? Einen Blog-Karneval, meine ich.

    lars

    23. Oktober 2008 at 14:53

  102. Warum nicht, ich war schon beim US-amerikanisch-deutschen Blog-Carnival dabei und habe es nicht bereut.

    che2001

    23. Oktober 2008 at 15:02

  103. Aber dann zum Thema “Irrelevanz!”

    MomoRulez

    23. Oktober 2008 at 15:04

  104. Ehrlich gesagt kann ich Jollys Kritik verstehen, fehlen mir doch die härteren Komponenten des Lebens in unserer Beitragsfülle auch öfter. Allerdings beschimpfe ich deswegen nicht die Kollegas, sondern überlege mir, mal was Sinnvolles zum Thema Kurdistan, Neue Armut oder Situation in den französischen Banlieues zusammenzuschreiben. Kommt hoffentlich demnächst. Und im richtigen Leben schreibe ich gerade was zur Finanzkrise, da wird einem vor Relevanz aber ganz schwindlig. Also, da müsste alleine schon zum Ausgleich ein Blog-Karneval zum Thema “Irrelevanz” her ;-)

    che2001

    23. Oktober 2008 at 15:15

  105. Und da kommt mir doch noch ein Auftrag rein, etwas zum Thema Extrembergsteigen zu schreiben, das ist so ganz und gar nicht relevant, und klar, ich schreib die Story mit besonderem Elan, ich kleinbürgerlicher kinderkranker linksradikaler Existentialist, ich…

    che2001

    23. Oktober 2008 at 15:29

  106. Ich kann Jollys “Kritik” noch nicht mal im Ansatz verstehen, und wenn Kunstgeschichte und Arbeiten mit Medien jetzt ernsthaft die Relevanz abgesprochen wird, dann ist der Stalinismus wirklich nicht weit … was für ein FASCHISTIODER DRECK, sowas auch nur zu DENKEN (ich meine Jolly, nicht Che, weil ich ja im Gegenzug Neue Armut und die Situation in den Banlieues und auch Bergsteigen kein Stück irrelevant finde, ganz im Gegenteil. Mir war es nur ganz intendiert zu blöd, mich jetzt wie alle anderen über Haider auszulassen, und zur Finanzkrise war dieses das einzige Blog neben dem Rebellmarkt, das jenseits der Staat/Markt-Diskussion teils was beisteuerte, teils Informatives verlinkte).

    MomoRulez

    23. Oktober 2008 at 15:48

  107. Und noch eins drauf: Dahinter verbirgt sich im Grunde genommen genau die gleiche Zweckrationalität, die irgendwelche neoliberale Vollstrecker dazu bringt, kunsthistorische und philosophischen Fakultäten zu schließen. Es ist mir schlicht ein Rätsel, wie sich sowas auch noch als “links” behaupten kann. Ist doch lächerlich.

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 16:36

  108. Nun ja, die Abstraktionsebene, auf der wir hier so bloggen ist schon hoch. Die Kenntnis bestimmter Theoretiker oder Kunstrichtungen wird implizit vorausgesetzt, der Zusammenhang zwischen elaborierten Theorien und lebenswirklichkeitlicher Praxis ist nicht allen ohne Weiteres ersichtlich. Ich musste mich in meinen früheren politischen Zusammenhängen öfters stark dafür kritisieren lassen, dass meine Positionen ohne Kenntnis von Marx oder Adorno oder bestimmten politischen Bewegungen nicht nachvollziehbar seien. Daraus wurde dann gefolgert, dass es unsozial bzw. “unproletarisch” sei, dass ich das voraussetzte, also schlechtes Verhalten von mir, bzw. Monopolisierung von Herrschaftswissen. Ein Stück weit habe ich mir solche Schuhe auch immer angezogen, in dem Sinne, dass es sozialer, moralisch “besser” sei, allgemeinverständlicher zu werden, ein Stück weit erschien mir das aus pragmatischen Gründen besser. Interessant war, dass diese Vorwürfe nie von Leuten mit Arbeiter- oder Unterschichtshintergrund kamen (die sagten eher: “Ich kann damit nichts anfangen, will es aber verstehen, bitte erklär mir das!”), sondern von Leuten aus Mittelschichtsfamilien, für die es so eine Art überlegenes Konkurrenzverhalten darstellte. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie es war, wenn ich von der Schicht bei VW nach Hause kam und von meinen WG-Wohngenossen mit theoretischen Diskussionen konfrontiert wurde, zu denen mir nichts weiter einfiel als “Ihr habt Probleme!” oder “Ich wüsste nichts, was mich jetzt weniger interessiert!”. Insofern kann ich Jollys Position nachvollziehen, aber nicht teilen.

    che2001

    23. Oktober 2008 at 21:09

  109. “Nun ja, die Abstraktionsebene, auf der wir hier so bloggen ist schon hoch.”

    Ja, und? Soll ich so bloggen wie Jolly oder NUB? Da würde ich mich lieber erschießen.

    “der Zusammenhang zwischen elaborierten Theorien und lebenswirklichkeitlicher Praxis ist nicht allen ohne Weiteres ersichtlich.”

    Den gibt es ja zum Teil auch noch nicht mal. Warum auch? Fuck “Lebenspraxis” als Kriterium. Der zu evaluierende “Praxis”-Bezug isses doch gerade, der Lars das Leben schwer macht und eliminatorisch ‘ne ganze Kultur zertrümmert und zerstört und zertrampelt zugunsten von Banken, die sich dann Staatsbürgschaften sichern.

    Lies Dir doch vielleicht zwischendrin noch mal durch, was T. Albert über das Erhabene und Nörgler über Zweckfreiheit geschreiben hat.

    Sind wir hier im Arbeitslager?

    “Ein Stück weit habe ich mir solche Schuhe auch immer angezogen”

    Selber Schuld. Ich habe aus guten Gründen solche Leute im Politischen immer gemieden, die mir sowas erzählen wollten, und im Job kommt dabei das Dschungelcamp raus, das versteht nämlich jeder. HASS!

    “Insofern kann ich Jollys Position nachvollziehen, aber nicht teilen.”

    Ich kann da leider keine Position erkennen – der geht mir auch ziemlich am Arsch vorbei, soll er doch woanders schreiben, daß die Israelis sich am griechischen Strand benehmen wie Schweine, ärgern tue ich mich, wenn Du da auch rumzündelst.

    Und wenn ich in Querschnittgelämtenscheiße rumgewühlt habe, möglichst so, daß es dessen Würde wahrt, soweit das möglich war, während er sich eingeschissen hat, dann habe ich immer gerade erst die Notwendigkeit von Theorie und Abstraktion begriffen ….

    momorulez

    23. Oktober 2008 at 22:07

  110. Mit Praxis meinte ich nicht, was wir tun, sondern was in der Welt draußen geschieht.

    @”Lies Dir doch vielleicht zwischendrin noch mal durch, was T. Albert über das Erhabene und Nörgler über Zweckfreiheit geschreiben hat.” —– Das habe ich doch. Vielleicht ist es mein Problem, dass ich dafür, ein bürgerlicher Intellektueller zu sein, ein schlechtes Gewissen habe. Hatte ein grandioser Professor, bei dem ich gelernt und der noch bei Adorno gelernt hatte mal so konstatiert. Indes, die Vorstellung “die proletarischen Massen sind großartig und wir Intellektuellen oft nur peinlich bis zur Lächerlichkeit” (Maoam) hatte nun wirklich ganz direkt zu Arbeitslagern geführt, und nicht zu wenigen. Und dazu, dass Pianisten die Finger gebrochen wurden.

    che2001

    24. Oktober 2008 at 7:34

  111. “dass ich dafür, ein bürgerlicher Intellektueller zu sein, ein schlechtes Gewissen habe.”

    Das ist ja dann sogar doppelt überheblich … und die Konstitution von Weltsichten ist halt der Welt vorgängig, da können die alle von Jolly bis Zettel noch so sehr mit den Hufen scharren und irgendwelche privilegierten Sichtweisen behaupten.

    momorulez

    24. Oktober 2008 at 8:45

  112. Das geht mich immer noch an, was gewesen ist greift mich, zieht mich in Bann, das zieht auch in Nächten mit, das hält auch in Träumen Schritt —- Ich bin halt mit Arbeiter- und Migrantenkindern im Viertel aufgewachsen, die meine Spielgefährten waren, und ich der Mittelschichtssohn, dem von frühester Kindheit an eingetrichtert wurde, ich müsse denen helfen, weil ich bessere Chancen hätte als die. So gesehen war ich gefühlt auch mit 4 Jahren schon ein “Linker”. Ich habe mitbekommen, was aus denen geworden ist. Einige haben Karrierre gemacht, mit viel mehr Mühe und Ellenbogen, als ich je nötig hatte, und andere über Vitamin B (Türken-Connection), und andere sind richtig in der Gosse gelandet. Verglichen damit hatte ich es leicht (trotz der Tracht Prügel einmal täglich über mehrere Jahre durch die Kameradenschinder in der Schule), und unterschwellig habe ich immer so das Gefühl, dafür ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Den Doktor zu machen war für mich ja leichter als für die den Meister oder das FH-Diplom.

    che2001

    24. Oktober 2008 at 9:26

  113. “Ich bin halt mit Arbeiter- und Migrantenkindern im Viertel aufgewachsen,”

    Ja, denkste, ich nicht? Komme mitten aus einer “Neue Heimat”-Siedlung und wurde im Kindergarten verprügelt, weil ich Sohn des Bürgermeisters war …. trotzdem war’s später auf der IGS ganz selbstverständlich, daß man sich wechselseitig unterstützte, ohne das als “Hilfe” von oben herab zu deklarieren, das war einfach ganz normale Solidarität, in der sich unterschiedliche Fähigkeiten gut verschränkten.

    Und ich kenne auch genug Abiturienten, die “in der Gosse landeten”.

    Man muß ja nun nicht Herrschaftsstruktur als “Schuld” internalisieren, das ist ja reinster Protestantismus …

    momorulez

    24. Oktober 2008 at 9:31

  114. Deine Herkunft kenne ich doch, haben uns darüber ja schon ausgetauscht. Das Milieu ist die eine Seite, das eigene Elternhaus die andere. Als Hilfe von oben würde ich die Grundsolidarität, zu der ich von Elternseite her gegenüber den Türken- und Arbeiterkids angehalten wurde auch nicht verstehen, hinsichtlich handwerklicher Dinge z.B. nahm ich ja auch gerne Hilfe von denen an. Eher ging das (jetzt seitens meiner Eltern) in die Richtung “Wir – als arische Deutsche – haben Schreckliches gegenüber jüdischen und ausländischen Menschen getan, das müssen unsere Kinder irgendwie kompensieren, deshalb erziehen wir sie zu besonderer Freundlichkeit gegenüber Ausländern und sozial Schwächeren.” Verkorkster Ansatz, der mit spontaner Unkuttelbarkeit meinerseits nichts zu tun hat, die entwickelte sich dann aber trotzdem, nur halt unter bestimmten Determinanten. Ich komme nunmal aus einer Familientradition, die höchst puritanisch ist, auf säkulare Art halt. Was man da verinnerlicht und was nicht ist ja keine Willensentscheidung. Das Karma wird man nicht wieder los.

    Btw. später dann, noch nach meinem Studium, machten mir Genossen aus meiner bürgerlichen Herkunft wirklich einen moralischen Vorwurf, und das habe ich mir jahrelang reingezogen.

    che2001

    24. Oktober 2008 at 9:52

  115. Unmittelbarkeit, nicht Unkuttelbarkeit ;-)

    che2001

    24. Oktober 2008 at 9:58

  116. Na also dann ist das ja noch so eine Sache mit den Blogs, gell. Man mißversteht Shifting Reality, wenn man es nur als “Reflexionsmedium” des Links-Seins begreift. Ist nicht unwichtig, aber nicht alles. Das Blog startete jua auch Spin-Off eines anderen Projekts, dass das Ästhetische ins Zentrum stellen soll(te). Wissen ja auch eigentlich alle Beteiligten ganz gut. Und dann ist es ein krasses Mißverständnis der Form Blog. es ist eben kein Parteitag mit der Diskussion über eine politische Agenda, wo man einen Geschäftsantrag stellen kann, dass man doch gefälligst “zurück zur Sache” kommen solle. Wenn wir die Themen bei einem Glas Wein diskutieren würden, wäre so eine Forderung ja auch komisch und würde zurück gewiesen. Und soweit ich das sehe, dass hat Momo ja schoin angesprochen, gibt es sonst kaum Anlässe, wo man nicht in einer solchen – ich sag mal vorsichtig: konsequenzlosen – Atmosphäre, eben solche Themen diskutieren kann. An der Uni geht es nicht, da bist Du den Modulzwängen untergeordnet; auf Konferenzen schon gar nicht (ein scharfer Hund sitzt immer im Publikum, der dann auf Validität, Methode oder Relevanz pocht), da ist doch diese Form doch auch super geeignet, Themen so zu diskutieren, wie wir sie für wichtig und befriedigend halten. Und wenn Jolly das stört, kann er ja sein eigenes Blog gründen. Das hat er ja, kann man ja da haider und Antisemitismus diskutieren, wenn man will. Wäre ja so, als würde man Tim Mälzer vorwerfen, keine Literaturkritik a la Reich-Ranicki zu betreiben. Man könnte es aber auch jedem Koch- oder Strickblog vorwerfen, dass diese Menschen sich erdreisten, nicht über die Revolution zu bloggen.

    lars

    24. Oktober 2008 at 11:41

  117. @”Wissen ja auch eigentlich alle Beteiligten ganz gut.” —– Aber nur die Beteiligten, nicht die Leser. Was an der Richtigkeit Deiner Aussage nichts ändert. Ich fühle mich hinsichtlich Jollys Kritik an MLer erinnert, die in den 70ern die Kritische Theorie als “Gelaber” abtaten, oder den Wandspruch auf dem Männerklo des Hamburger ASTA-Gebäudes: “Horkdorno: Blah blah blah blah”. Das ist so etwa das Niveau.

    che2001

    24. Oktober 2008 at 11:49

  118. Ja, aber dann ist’s ja umso problematischer, wenn sie Diskurspolizei spielen.

    lars

    24. Oktober 2008 at 12:34

  119. Richtig problematisch wird’s halt, wenn man den Schuh anzieht … ich bin da ganz bei Lars: Nö, is nich’.

    Und jetzt hier Henri Nannens “Lieschen Müller” zu reanimieren von wegen “an die Leser denken” – jeder Leser, dem’s nicht paßt, kann ja ganz zwanglos wegbleiben. Also, mir macht’s ja gerade Spaß hier, weil jeder so ganz heterogen loslegen kann, jeder so, wie er Lust hat. Dafür ist das hier die Plattform und für sonst nix,.

    momorulez

    24. Oktober 2008 at 14:28

  120. Wer nicht selber Shifter ist, kann ja per Kommentar Zugaben oder Leserwünsche einbringen ;-)

    Dann machen wir vielleicht auch mal ein Wunschkonzert.

    chezweitausendeins

    24. Oktober 2008 at 21:06

  121. Yo!

    lars

    24. Oktober 2008 at 22:10

  122. Ja, Wunschkonzert – super!

    T. Albert

    24. Oktober 2008 at 23:05

  123. Hauptsache, ein irrelevantes Wunschkonzert! Irrelevanz ist Widerstand!

    momorulez

    25. Oktober 2008 at 9:26

  124. Ich schreibe heute noch einen Beitrag auf meinem Blog zu einer der irrelevantesten politischen Bewegungen überhaupt, und mit Widerstand hat das sehr viel zu tun…

    chezweitausendeins

    25. Oktober 2008 at 10:11


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