shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Mythos, Kunst, Kiefer

with 27 comments

Eigentlich darf man da nix rausreißen. Das ist ein durchkomponierter Text über die lauten, leeren Räume, in denen erst man sich aneignen kann, was war und was ist, eben weil sie leer sind, weilein Echo der Ereignisse eindringt und jeden durchdringt, der sie betritt – jene Rede Anselms Kiefers bei der Entgegennahme des Friedenspreises, in der er u.a. trauert, daß die ehemaligen Niemandsländer zwischen den Deutschländern nicht in Zen-Gärten verwandelt wurden. Kannte er den „Tresor“, der dort sich fand und Anarchie und Lärm ermöglichte?

Diese Forderung wurde dann, ganz, wie es sich gehört, allerorten zitiert, was schade ist, ist’s doch ein völliges Fehlgehen, da eine isolierte, quasipolitische Forderung herauszulösen: Tatsächlich wie ein Bild baut Kiefer seinen Stoff aus Schlaglichtern, der Reflexion auf Materialität und verschiedenen Schichten der eigenen Biographie und der Realgeschichte mit vielen Anspielungen und Ausführungen zu jüdischem Denken und jüdischen Geschichten – vom einsamen Radiohören in der Kindheit, als die Stimmen von Ernst Bloch und Nelly Sachs, letztere später, zu ihm drangen in einer Zeit ohne Internet und Fernsehen, bis hin zum Emporsteigen seiner Werke aus einer Unruhe, die ihn erfaßt und Wirklichkeit, also Bild werden will.

Gestern war die Rede ganz abbgedruckt in der FR, habe sie online leider nicht gefunden – denn so dolle auch gebaut ist, was Herr Kiefer da spricht, so richtig seine Angriffe auf die Annahme einer „Stunde 0“ ’49 und ’90  auch sein mögen, war ja allerorten zitiert  – irgendwas machte mich unruhig bei der Lektüre, vielleicht auch gerade, weil der Text selbst künstlerisch, nicht rational-diskursiv zu lesen ist, obgleich er Diskursives suggeriert.

Am vehementesten regte sich Widerstand in mir bei den folgenden Passagen:

„Nach dem Krieg stand die Beschäftigung mit der Mythologie unter Verdacht: Evident war, wie gefährlich es ist, wenn Politik die Mythen verwendet, missbraucht, als Handlungsanleitungen und Rechtfertigungen interpretiert. Aber ist es nicht noch gefährlicher, die Mythen gleichsam ins kollektive Unbewußte zu versenken, statt an ihnen – für alle sichtbar – weiterzuarbeiten?

Die Wissenschaften können nicht die mythischen Bilder und ihre Kraft ersetzen. Der Fortschrittsglaube der Wissenschaften ist womöglich selbst ein Mythos; wissenschaftliche Ergebnisse sind zumeist vorläufig; jede Entdeckung öffent eine weitere Tür zu einem größeren Feld des Unbekannten.“

Anselm Kiefer, In einem leeren Raum, FR 20. Oktober 2008, S. 20-21

Puuh. Da ist ja nix wirklich falsch dran, außer, daß so vieles, was bei den alten Griechen, den Mythologen, als Wissenschaft auftrat, auch heute noch gültig ist, vor allem in der Mathematik, oder irre ich?  – aber aus welcher Perspektive konstatiert man denn sowas? Aus der mythischen wohl kaum, die politische weist Kiefer explizit zurück, auf C.G. Jung spielt er an, jenen Psychoanalytiker, der mit seinen „Archetypen“ ungewollt ganz Hollywood renovierte, weil alle Drehbuch-Autoren sich an ihnen orientieren, an der „Heldenreise“, dem „Hüter der Schwelle“, dem „Gestaltwandler“  usw., „Star Wars“ ist so gebaut, weiß Kiefer das und meint er das?

Und macht es Sinn, Wissenschaft und Mythos dergestalt zu verschlingen und zugleich gegeneinander auszuspielen? Ja, „Dialektik der Aufklärung“, trotzdem?

Advertisements

Written by momorulez

21. Oktober 2008 um 9:50

27 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Mir würde zuallererst dazu einfallen: Dialektik der Aufklärung meets C.G. Jung, vielleicht Jungomarxismus statt Freudomarxismus. Was Kiefer da schreibt, ist doch mit „Schon der Mythos ist Aufklärung. Und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ ohne Weiteres vereinbar.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 12:20

  2. Jein, weil die DdA so größenwahnsinnig ist, das Ganze als Menschheitsentwicklung zu beschreiben, was Kiefer nicht tut – auch wenn er darauf verweist, das die Wissenschaft von heute die Mythologie von morgen sein könnte. Und weil er – akut – von einem Ergänzungsverhältnis ausgeht, und ist das so auch in der DdA? Zudem Horkdorno ja auch nicht Wissenschaft und Aufklärung identifizieren und den Mythos als Aufklärung auch unter dem Naturberrschungstheorem subsummieren, also doppeldeutig, während Kiefer ja eher Bettelheimisch sowas wie „Menschen brauchen Märchen“ formuliert …

    MomoRulez

    21. Oktober 2008 at 12:55

  3. @ Ergänzungsverhältnis — Kein Ergänzungsverhältnis, sondern ein dynamisches Komplementärverhältnis These-Antithese-Synthese.

    Mythos als Aufklärung auch unter dem Naturberrschungstheorem subsummiert , da fällt mir „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusanmmenbruch der bikameralen Psyche“ ein. Da wird das mythologische Zeitalter so gesehen, dass in dieser Zeit die Naturbeherrschung durch den Menschen so ablief, dass der Mensch noch nicht nachdachte, sondern Einflüsterungen seines Umbewussten als akustische Halluzinationen wahrnahm, die er für direkte Befehle seiner Götter hielt. Der Mensch der Urzeit, bis in die chomerische Zeit hinein, wäre demzufolge ein „folgerichtig und vernünftig handelnder Schizophrener“ gewesen.

    Das führt jetzt allerdings schon wieder auf Abwege…

    http://www.amazon.de/Ursprung-Bewu%C3%9Ftseins-Zusammenbruch-bikameralen-Psyche/dp/3498033204

    che2001

    21. Oktober 2008 at 13:09

  4. die er für direkte Befehle seiner Götter hielt und dann danach handelte. War mal wieder zu schnell.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 13:20

  5. Mit Ergänzungsverhältnis meinte ich Kiefer, nicht die DdA ..

    MomoRulez

    21. Oktober 2008 at 14:19

  6. Schon klar, aber Du fragtest „ist das auch so in der DdA“, und darauf habe ich geantwortet.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 14:32

  7. Ich denke, dass man sich doch auch Fragen muss, wie diese Bilder entstehen, und ub sie immer mythisch sein müssen? Benjamin sprach ja von den Bildern als Schwellenformen, die er mit dem Aufwachen vergleicht, in dem man immer noch eine Beziehung zu den Träumen hat. Die Frage stellt sich dann also: Wie verhält sich die Wissenschaft zum Mythos? Das ist dann weder Ergänzung noch Komplement sondern eine Art „Eingesponnen sein“ in Aufklärung und Mythos und die Frage ist dann, ob man die Webmuster an den Fäden wissenschaftlichen oder aufgeklärten Wissens aufhängen und ob man sichtbar machen kann, was die tragende Form ist und was nur Dekor? Also kurz gefragt: Will der Kiefer auf die Repräsentation von Wissenschaft raus, die ohne Geschichten nicht auskommt, oder geht es ihm tatsächlich um die Funktion von Wissenschaft? Meint er ersteres, dann kann man sich drüber unterhalten, wie wir das verhältnis M und W gestalten, meint er letzteres, dann ist natürlich die Frage, wo er denn inhlatlich die Differenz setzt?

    lars

    21. Oktober 2008 at 15:07

  8. „Das ist dann weder Ergänzung noch Komplement sondern eine Art “Eingesponnen sein” in Aufklärung und Mythos und die Frage ist dann, ob man die Webmuster an den Fäden wissenschaftlichen oder aufgeklärten Wissens aufhängen und ob man sichtbar machen kann, was die tragende Form ist und was nur Dekor?“

    Das habe ich mich tatschlich auch gefragt, auch hinsichtlich dessen, was wir im anderen Thread so rund um Caspar David Friedrich in der Mangel hatten – auf welcher Ebene kann man so ein Verhältnis wie jenes von Wissenschaft und Mythologie überhaupt diskutieren?

    Kunstkritik ist das ja nicht, was Kiefer da macht, sondern irgendein Appell an das, was „wir“ so bräuchten, und was für ein Standpunkt kann das sein? Schlicht reflexiv?

    Zudem er sich als Künstler sozusagen an der Schnittstelle von allerlei, was gewissermaßen „durch ihn hindurch geht“, verortet … so eben auch die Radioansprachen, die einst er hörte.

    Das mit Träumen von Benjamin ist mir ja schon wieder zu nah an Theorien des Unbewußten … wobei C.G. Jung das wohl ähnlich sähe.

    MomoRulez

    21. Oktober 2008 at 16:02

  9. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Mythos: ich sehe den Mythos als eine Möglichkeit, abstrakte und unanschauliche Tatbestände in Form einer Erzählung zu vermitteln. Der „Urknall“ ist mehr als nur eine Metapher (oder, wie andere Autoren meinen, Allegorie) des mutmaßlichen physikalischen Geschehens, es ist ein moderner Mythos. Ähnlich ist es mit der Art und Weise, in der die biologische Evolution an Laien vermittelt wird. (Der Denkfehler der Kreationisten ist, dass sie den Mythos „Schöpfung“ dem Mythos „Evolution“ entgegensetzen, wobei sie übersehen, dass hinter der „Erzählung“ „Entstehung der Arten“ eine hochabstrakte und intuitiv nicht immer leicht fassbare moderne wissenschaftliche Theorie liegt – und hinter dem Schöpfungsmythos das Weltbild und Weltwissen der Bronzezeit.)

    “Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusanmmenbruch der bikameralen Psyche” – ein interessantes, faszinierendes Buch, das der Julian Jaynes da schrieb – das bei mir aber nicht rein zufällig in dem Regal steht, in dem ich ansonsten die Werke von Esoterik-Schreiber und pseudo- und möchtegernwissenschaftliche „Crackpots“ stelle. Mit „Mythos als Aufklärung auch unter dem Naturberrschungstheorem subsummiert“ a la Horkdorno (was ich auch, nebenbei, anders sehe) hat diese fixe Idee Jaynes‘ . dass die Menschen bis vor etwa 4000 Jahren ganz andere (bikamerale) Mentalität hatten, als wir Heutigen, wenig bis gar nichts zu tun.
    Um nur ein Problem zu nennen: es gibt aus der Ethnologie und der Ethnopychologie keine, aber wirklich keine, Hinweise darauf, dass etwa die Psyche von Angehörigen heutiger schamanistischer Stammeskulturen, eine „bikamerale“ Psycho hätten.

    MartinM

    21. Oktober 2008 at 16:35

  10. Nee, die Bildtheorie war ja eine explizite Kritik an Jung! Ist eher die Frage des Ausgeliefertseins an die Vergangenheit, die bedingtheit durch den Mythos resp. Strukturen der Herrschaft: Gerade noch gefangen im Mythos, aber eigentlich auch schon draußen.

    lars

    21. Oktober 2008 at 16:51

  11. @“Mit “Mythos als Aufklärung auch unter dem Naturberrschungstheorem subsummiert” a la Horkdorno (was ich auch, nebenbei, anders sehe) hat diese fixe Idee Jaynes’ . dass die Menschen bis vor etwa 4000 Jahren ganz andere (bikamerale) Mentalität hatten, als wir Heutigen, wenig bis gar nichts zu tun.
    Um nur ein Problem zu nennen: es gibt aus der Ethnologie und der Ethnopychologie keine, aber wirklich keine, Hinweise darauf, dass etwa die Psyche von Angehörigen heutiger schamanistischer Stammeskulturen, eine “bikamerale” Psycho hätten.“ — Also erstens meinte ich, dass Mythos als Aufklärungsphänomen unter dem Naturbeherrschungstheorem subsummiert ja mit dem Modell der bikameralen Psyche zusammengebracht werden könnte, nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass es auch eine Zeit vor dem Mythos gab, nämlich animistisches Denken. Da würde dann sozusagen die bikamerale Struktur aus frühesten urzeitlichen Verhaltensweisen bis in die mythologischen Zeiten hineinreichen. wg.keine Hinweise darauf, dass Angehörige heutiger schamanistischer Stammeskulturen eine bikamerale Psyche hätten: Nunh, nicht so wie Jaynes sich das vorstellte, nämlich die gesamte Population in toto, vielleicht aber doch die Schamanen selbst. Die Stimmen der Götter hören, Halluzinationen haben, die Verhaltensweisen, die sowohl die bikamerale als auch die schizophrene Psyche ausmachen sind da ziemlich bestimmend.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 18:01

  12. Was sind denn „bikamerale Psychen“ – und was für ein Text ist, das Lars, von Benjamin?

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 18:31

  13. Schamanen als Schizophrene? Klingt mir doch ziemlich nach Völkerkunde aus der Kolonialzeit – oder nach der (wenig aufklärerischen) Pathologisierung spirituelle Erfahrungen.

    MartinM

    21. Oktober 2008 at 18:33

  14. Bikamerale Psyche: Eine Psyche, bei der das Unbewusste sich auch im Wachzustand in traumartigen Erscheinungen oder akustischen Halluzinationen äußert und komplexere Aufgaben nicht durch Nachdenken, sondern durch Befolgen der halluzinierten Anweisungen gelöst werden. Der Psychologe Julian Jaynes ging davon aus, dass Schamanen von Naturvölkern eine solche Psyche hätten, weiterhin, dass die Menschen von der Eiszeit bis in die Bronzezeit sie kollektiv gehabt hätten und dass der rational nachdenkende Mensch Resultat einer neurophysiologischen Entwicklung ist, die erst im 4. vorchristlichen Jahrtausend einsetzte, vgl. mein Link oben. Nach Jaynes sind Schizophrene bikamerale Menschen, die mit ihrer Bewusstseinsstruktur in der heutigen Gesellschaft nicht mehr klarkommen, und umgekehrt hätten bis in Homers Zeiten bikamerale Menschen ihre Götter (bzw. ihr Unbewusstes) tatsächlich sprechen hören, etwa mit dem Beginn der Eisenzeit seien die bikameralen Psychen zusammengebrochen, die Götter verstummt und hätte das im heutigen Sinne planmäßige Denken eingesetzt.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 18:41

  15. @Martin: Umgekehrt wird ein Schuh draus: Schizophrenie wäre die in unserer Gesellschaft pathologisierte Bikameralität, die in anderen Kulturen funktional ist und Sinn macht.

    che2001

    21. Oktober 2008 at 18:42

  16. Puh, das mit den bikameralen Psychen liest sich aber ein wenig so, als wolle da jemand seinen LSD-Konsum als „Zurück zur Natur“ legitimieren ….

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 18:53

  17. Ich gestehe ja, dass ich mitunter mit einer Synthese aus Kritischer Theorie, Lacan, Baudrillard, Bourdieu, Timothy Leary und Fritjof Capra liebeäugele. Aber auch nur manchmal..

    che2001

    21. Oktober 2008 at 21:17

  18. Warum auch nicht?

    momorulez

    21. Oktober 2008 at 21:26

  19. “ …DdA so größenwahnsinnig ist, das Ganze als Menschheitsentwicklung zu beschreiben“
    Was ist daran größenwahnsinnig? Einmal vom Mythos zum Logos und wieder zurück – das ist die Menschheitsentwicklung.

    Genauer: Der Logos wurde zwar entwickelt, blieb mit seinem Doppelcharakter als herrschaftsfunktional und herrschaftskritisch trotz grandioser Einzelleistungen der Erkenntniskritik aber auf der Funktionalitätsseite. Der Mythos seinerseits überdauert als fortdauernde Gewalt.

    Letzteres findet indes kaum Beachtung. Vom Mythos wird mit den feuchten Augen der Ergriffenheit geredet, als sei er das alte Wahre, ohne zu sehen, dass der Mythos das der Barbarei des Naturzustands, dem „alten Unwahren“ (Adorno) adäquate Bewußtsein ist. Das ist Gegenstand der Kritik, zuerst in der selbst noch mythischen „Odysse“ und endgültig in Aristoteles‘ Logik, bei dem der „sich selbst denkende Geist“ in der Platonkritik aus dem Naturzustand sich herausgearbeitet und von jeglicher Mythologie, der Platon noch teilverhaftet ist, sich emanzipierte.

    Daher läuft es mir bei solch affirmativer Inbrunst wie „Die Wissenschaften können nicht die mythischen Bilder und ihre Kraft ersetzen“ kalt den Rücken runter. Ja Anselm, guter Bub, das ist gottlob auch nicht ihre Aufgabe. Die besteht vielmehr darin, brauchbare Resultate zu liefern, anstatt im Mythos rumzugurken.

    „Aber ist es nicht noch gefährlicher, die Mythen gleichsam ins kollektive Unbewußte zu versenken, statt an ihnen – für alle sichtbar – weiterzuarbeiten?“ Mir fällt im Moment gerade nicht viel ein, was gefährlicher wäre als die Gedanken dieses Kiefer, denn was die für alle sichtbare Weiterarbeit am Mythos ist, weiß man, wenn man die leidenschaftliche Mythosarbeit der Germanistik im „3. Reich“ kennt.

    Ich bestreite nicht mal, dass der Kiefer irgendwie das Richtige und das Gute will, aber es mißrät ihm so schrecklich. Was muß er auch mit der Sprache rummachen – ich fange doch auch nicht mit malen an.

    Noergler

    21. Oktober 2008 at 21:33

  20. „Was muß er auch mit der Sprache rummachen – ich fange doch auch nicht mit malen an.“

    Weil Kunst von „können“ kommt? Das ist ein Argument für die Leipziger … in dem Text mal er auch durchaus mit Worten. Ich teile das gar nich, was er da schreibt, der Text hat aber trotzdem was.

    „Einmal vom Mythos zum Logos und wieder zurück – das ist die Menschheitsentwicklung.!“

    Weil schon die Aborigines Homer lasen und Konfuzius gar nicht wirklich rational war und wenn, dann in etwa so wie Aristoteles, und es jenseits der Zweckrationalität auch keinerlei Konzepte gab, also jenseits von Herrschaft und deren Kritik? Weil die Rationalität der Maya-Schrift noch dem Mythos verhaftet war, anders als die arabischen Zahlen?

    „Der Mythos seinerseits überdauert als fortdauernde Gewalt.“

    Wie denn?

    „Die besteht vielmehr darin, brauchbare Resultate zu liefern, anstatt im Mythos rumzugurken.“

    Na, Kiefer meint ja eher päpstlich, der sagt das ja auch im Bezug auf den Glauben, daß sowas wie „Sinnstiftung“ durch die Wissenschaft nicht zu erreichen wäre, sowas wie ein Selbst-Verständnis. Das ist im ersten Schritt noch gar keinen Wissenschaftskritik, sondern die Forderung nach einem „Mehr“.

    Entsprechend ja seine Beispiele: Zen-Gärten und leere Räume, in denen sich gewissermaßen das Echo der Historie fängt. Hat mit Wissenschaft nix zu tun, macht aber was mit dem, der sie betritt.

    „wenn man die leidenschaftliche Mythosarbeit der Germanistik im “3. Reich” kennt.“

    Ich glaube, er will sagen, daß man den Mythos doch nicht den Nazis überlassen solle, ganz, wie andere meinen, daß man den Rechten nicht das Thema „Nation“ überlassen solle.

    momorulez

    22. Oktober 2008 at 9:01

  21. ‚Arbeit am Mythos‘: Aber doch, um ihn loszuwerden, nicht, um ihn lustvoll zu prolongieren, was letztlich nicht geht, wegen des realen Überdauerns des Mythos. Nur wäre die ‚Arbeit am Mythos‘ eben in diese Perspektive zu stellen, und nicht: Mythos ist schon OK, wenn man’s nur richtig macht.

    „‚Der Mythos überdauert als fortdauernde Gewalt.‘
    Wie denn?“
    Täglich zu besichtigen in der ARD-„Tagesschau“.

    „Weil schon … arabische Zahlen.“
    Vielleicht bin ich heute rezeptionsreduziert, aber ich verstehe nicht, was Du damit sagst.

    „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen“, sagt Schönberg, wobei er das handwerklich-technische Niveau als notwendig voraussetzt. Als ich in der Turner-Ausstellung in Düsseldorf aus 10 cm Entfernung ein kleinstformatiges Aquarell studierte und sah, dass seine Pinselführung im Bereich des schon Übermenschlichen liegt, wurde ich einmal mehr der tiefen Weisheit gewahr, die in meinem Entschluß liegt, nicht zu malen.

    Nörgler

    22. Oktober 2008 at 10:04

  22. „Vielleicht bin ich heute rezeptionsreduziert, aber ich verstehe nicht, was Du damit sagst.“

    Ich glaube, daß die These der linearen Rationalisierung tatsächlich eurozentrisch ist und realgeschichtlich so nicht haltbar, als Strukturthese macht sie Sinn.

    „Nur wäre die ‘Arbeit am Mythos’ eben in diese Perspektive zu stellen“

    Ich glaube, das meint er zumindest auch, aber wohl tatsächlich nicht nur. Habe mich ja auch in der Passage geschüttelt beim Lesen.

    Aber schafft nicht z.B. Literatur auch neue Mythen, oder wird dann der Mythos-Begriff zu unscharf?

    „Täglich zu besichtigen in der ARD-”Tagesschau”.“

    Das hätt‘ ich ja schon gerne genauer. Da sind ja nicht die Nibelungen am Wüten, und Chirons Wunde blutet da auch nur symbolisch vor sich hin.

    Turner, übermenschlich: Ja, tatsächlich. Unglaublich, der Mann.

    Aber die „Genialen Dilettanten“ muß es auch immer mal wieder geben, finde ich – Kunst hat ja für mich auch viel mit Spielen zu tun, einer spielerischen und experimentellen Herangehensweise an Material und Gegenstände, deshalb ist sie ja auch Organ der Freiheit, nicht „die Wirtschaft“, und da muß man manchmal auch müssen, ohne im klassisch-handwerklichen Sinne zu können, glaube ich.

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 10:34

  23. @Momo: Diese Bild- und Schwellentheorie findet sich über das ganze Passagen-Werk verteilt, halte ich aber eminent wichtig für Benjamin. Da sollte eigentlich eine ganze Abrechnung mit Jung rein, gab aber dann konzeptionelle Probleme und der Kunstwerkaufsatz war dann wohl auch wichtiger. Ist aber auvch eine ganze Menge in den Materialien zum Werk, in den Briefenwechseln von Horkdorno und Benjamin.

    Als Anhaltspunkte würde ich nennen: das Kapitel zum Traumhaus, das zur Erkennistheorie und Fortschritt, das zum Jugendstil und das zu Baudelaire.
    Ansonsten bilden da die „Geschichtsphilosophischen Thesen“ einen Kristallisationskern und auch die Einbahnstraße und die Berliner Kindheit um neunzehnhundert sind ja Versuche, diese Bildtheorie zu übersetzen.

    lars

    22. Oktober 2008 at 12:03

  24. @Lars:

    Danke!

    Im „Passagenwerk“ findet man sich so als abends-beim-Fernsehen-Leser so schwer zurecht, da brauche ich immer externe Wegweiser …

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 12:27

  25. Doch, ich habe zwar die Kiefer-Rede nicht gehört und gelesen, aber ich glaube schon, dass es dem darum geht, Mythos als fortdauernde Gewalt zu bearbeiten.
    Aber das ist sehr von ferne. Ich versteh nix von kiefer.

    T. Albert

    22. Oktober 2008 at 12:35

  26. „Die Wissenschaften können nicht die mythischen Bilder und ihre Kraft ersetzen.“

    Ist das im Sinne des Mythos als fortdauernde Gewalt zu verstehen?

    MomoRulez

    22. Oktober 2008 at 14:37

  27. Das „nicht ersetzen können“ kann man ja auch in verschiedene Richtungen denken: Zum einen ist es ja so, dass man mit der DdA und dem Umschlag von Aufklärung in Mythologie sagen kann, dass sie eben gerade den Mythos nicht ersetzen kann, weil sie selbst Mythen produziert, auf dieser Linie liegt dann auch das Argument von Martin bezgl. der Äquivalenz von Kreationismus und Evolutionismus (ich muss heute abend mal die Angaben zu einem dieser historistischen Bilder zur „Familie in der Urzeit“ heraussuchen, und schauen, ob ich das auch im Netz finde…)

    Die zweite Linie des „nicht-ersetzen-könnens“ ist dann die erwähnte „Arbeit am Mythos“ hier kann die Wissenschaft den Mythos nicht ersetzen, weil sie den Mythos zum eigenen Objekt gemacht hat: Auch kein Ersetzen, aber eine Absetzbewegung, die stets noch auf das Abgesetzte verweisen muss. Bin mit dieser Lösung aber auch nicht so zufrieden, denn auf dieser Linie finden sich dann z.B. in der Soziologie sämtliche Modernisierungstheorien. Im schlimmsten Falle Luhmann: Der argumentiert ja auf dieser Linie für die eigene Theorie: Weil die alten Theorien bestimmte Probleme nicht erklären können, muss ein Paradigmenwechsel her. Und der ist deswegen so gut, weil der eben den Mythos auch noch erklären kann: Das nennt er dann halt „soziologische Aufklärung“.

    Schließlich eine dritte Form des „nicht-ersetzen-könnens“: Hier bleibt man an den Mythos gebunden, nicht weil man selbst Mythos ist, oder den Mythos zur konstitutiven Differenz oder zum Objekt macht, sondern weil der Mythos sich einschleicht, wenn es darum geht, wie man spricht, wie man darstellt, wie man malt usw. Das wäre dann, wenn eine Wissenschaft hegemonial wird, ohne auszuweisen, woher sie kommt, was die Randbedingungen des eigenen Arbeitens sind usw. Ich denke da z.B. an die ganzen Formen der Wissenschaftsrankings, der Evaluation etc., die dann zu einer eigenen PR-Maschine werden. Was Bourdieu eben die doxa des wissenschaftlichen Feldes nennt: Wenn man an die Ergebnisse glaubt, die man produziert, als wären sie unabhängig von den Strukturen, in denen sie erzeugt werden. Hier ist das nicht das Wissen mythologisch, sondern die Bewertung des Wissens, in denen sich ja Machtstrukturen und damit Gewalt eingelagert finden. auch hier kann Wissenschaft den Mythos nicht ersetzen, weil sie die Kriterien der eigenen Plausibilität, Validität etc. (wer publiziert, wo wird publiziert, wer rezensiert, we zitiert usw.) nicht ausweisen kann.

    lars

    22. Oktober 2008 at 15:22


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s