shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die wundervolle Leere und Tristesse der 80er

with 8 comments

Wieder ein sinnloser Tag. Wieder dank Nicht-Befolgung des Pfadfinder-Mottos „Tue jeden Tag eine gute Tat!“ der Hölle ein Stück näher gerückt. Wer nicht alltäglich 3 x Armut kasteit oder sich wortreich  in Scham über die Situation derer in den Banlieues ergeht, der ist ja so eine Art Bergsteiger.

Dabei gab es doch Zeiten, Zeiten, in denen es cool war, einfach „No Future!“ auf die Lederjacke zu sprühen, zu saufen, bis man kotzt und mit Ratten auf der Schulter durch städtische Landschaften zu spazieren. Keine weichen Fußwege wie im Schwarzwald, nein, nackter Asphalt und die Tristesse zerfallender Industriekulissen hielten die „Hansa-Pils“-Dose am Laufen. Haben die Hippies von links, rechts, links- und rechtsliberal etwa doch gesiegt? Zurück zum Beton!

Nee, ich war ja nie Punker. Sollte auch nicht so tun als ob. Habe mich in die hannöversche Kornstraße nie reingetraut, als Kaltwetterfront oder Rotzkotz da spielten. Doch als es die gab, war ich auch noch’n Tick zu jung.

War zu sehr Hippie im Herzen und auch von Haus aus, deshalb habe ich dann ja auch Moralphilosophie studiert, schwerpunktmäßig, und den ollen Marx noch nicht mal mehr gelesen. Wird mir ja zu recht immer wieder hier vorgehalten.

Und trotzdem nagen sie immer wieder an mir, die Neuen Wilden und die ganzen Bands der frühen NDW, und dieser „Subito“-Text von dem Rainald Goetz, das ist der, bei dessen Lesung in Klagenfurth er sich die Stirn aufgeschlitzt hat, den lese ich alle ein, zwei Wochen mal, um ein klein wenig wieder hineinzutauchen in das Feeling untergegangener Welten …

Auch, wenn ich jetzt in Diederichsens „Eigenblutdoping“ blätter – Goetz nennt genau den im mythischen Text über’s Subito „Neger Negersen“, und der Büttner, mutmaßlich, und der Oehlen bekommen russische Despoten-Nachnamen, Diederichsen selbst wird auch „Stalin“ genannt – und der dort über das Pro und Contra „Intensität“, von Lyotard inspiriert, referiert, dann macht das sehr viel mit mir und erklärt so einiges, was danach man tat, doch zu Lüge und Verrat.

Kann zwar nicht behaupten, heute weniger intensiv zu erleben als mit 17 oder 18, aber das Material, in dem ich erlebe, das ist, ja, so füllig geworden, so proppevoll, so überbordend, daß manchmal ich mich nach der besoffenen Kargheit der 80er zurücksehne. Letraset und Lackstift, Kassetten-Kultur,  nur 3 TV-Programme, kein Internet, kein Handy, kein I-Pod – mit so einer Plattensammlung umzuziehen, das war ja ein Erlebnis, wenn’s in den vierten Stock ging. Manches Vinyl: Eine Reliquie, mein Bootleg von den Violent Femmes zum Beispiel, das war groß und das war bedeutend. Platten kaufen war auch im Westen etwas Feierliches, wenn auch deutlich erreichbarer als drüben, aber das war ja fast mein ganzes Geld, das ich anlegte.

Dieses Gefühl, dann nicht einfach auf einen Knopf zu drücken, sondern die Nadel auf die Rille hinabschweben zu lassen, und es kamen die heiligen Laute aus den in Minden gekauften Boxen und begleiteten den Sound von Blaulicht und Straßenverkehr, während vor dem Fenster jemand an die Mülltonne pisste – na gut, das war jetzt schon wieder später. Zunächst war es die Nord-Süd-Hauptstrecke der Bahn und die zum Glück ein Stück entfernte Einflugschneise, da im Reihenhaus mit Blick auf die Schule, in der die Scorpions probten ….

Die ersten Hausarbeiten habe ich noch an der Schreibmaschine geschreiben, und ein ganz klein wenig fühlte ich mich wie Sartre oder wenigstens Simenon, wenn ich da an meinem Tischchen am WG-Fenster saß, jetzt wieder später, mit den Pissern an der Mülltonne,  und bedeutungsschwanger in die Tasten hämmerte, immer mal einen Blick auf den Neuen Pferdemarkt gerichtet, wo oftmals Demos vorbeispazierten. Des Sommers saß ich auf dem Fensterbrett und sonnte mich, bis jemand fragte, was ich denn eigentlich für einer sei, ich sei sei doch weder Waver noch Punk, und ich freute mich in meiner grasgrün gefärbten, abgeschnittenen Jeansjacke so vor mich hin …

Da las man die Spex, na klar, und doch wurde ich nie das Gefühl los, irgendwie zu spät gekommen zu sein: In diese ganze House-Scheiße konnte ich nie wirklich hineintreten, obwohl ich da auch rumtanzte, was blieb mir übrig – aber die heroischen Zeiten, die hatte ich verpaßt. Hans-A-Plast und so, die hatte ich gehört, wenigstens was, also, NDW, das waren für mich nicht nur UKW oder gar Ixi und dieser ganze Dreck, so als ganz nah an Hannover Gebürtiger, der schon in jüngsten Schülerzeitungsjahren gegen die Punker-Kartei anschrub, war man ja dieses eine Mal auf einmal mitten im Geschehen. Was der Holger alias Hollow Skai, mein erster Chefredaktuer, mit No Fun auf die Beine gestellt hatte, das war ja was, und daß heute Hannover allseits ignoriert wird bei den ganzen Geschichtsschreibungen, wenn’s nicht gerade um die Chaos-Tage geht, das ist schon gemein.

Hannover war schon deshalb einfach prädestiniert für’s Mitmischen, weil es so karg war, so trist und auch leer. Die aufgehübschte Lister Meile konnte einfach nicht das Gefühl tilgen, das man hatte, wenn man in kalten Winternächten durch Linden spazierte, sei’s Schwarzer Bär oder unweit des Apollo, das war DAS Programmkino. Da habe ich den „Faust“ mit Gründgens gesehen und auch „Asterix erobert Rom“.  Ein paar Ecken weiter, erinner ich das richtig?, stand immer der Typ an der Bar des „Rotkäppchen“, der meine Freundin Andrea regelmäßig zu „Can I Put My Hands On You“, also dem „Faith Healer“ in der Version der Bollock Brothers, antanzte.

Und Hannover war auch gemeingefährlich, die Berliner Punks, die man im Portugal-Urlaub kennen lernte, Tarifa? Tavira?, diese Strand-Insel halt, die sagten immer, Hannover hieße „Richtung Hackfleisch“, weil’s da so früh schon so viel Nazi-Skins gab. Und während später hier in Hamburg die Antifa dafür sorgte, daß ich ein körperlich unversehrtes Leben führen konnte, mußte man rund um den hannöverschen  Bahnhof damals gewaltig aufpassen. Und wenn man diese Glatzenkulissen in der Ferne auftauchen sah, dann aber ganz schnell weg … auf leeren, nächtlichen Straßen die Flucht ergreifen. Auf Hannovers Straßen war ja nachts nix los.

Auch die Zimmer wurden ja damals leerer (was eine Überleitung!). Zu Hippie-Zeiten liebte man es proppevoll, Batique-Behänge, Apfelsinen-Kisten als Regale, und überall Poster und Kerzen und Matratzen und Sperrmüll-Sofas – ganz plötzlich verschwand der ganze Müll, die Ethno-Gardinen wurden eingemottet, und man lukte wie Boghie durch die Jalousie. Schwarz meistens. Es standen blitzsaubere Chrom- und Metallregale vor weißen Wänden. Und daneben dann auch wirklich nur ein gerahmtes schwarz-weiß-Foto. Oder eben dieses eine, knallbunte Bild, den Neuen Wilden nachempfunden. Einfach mit Abdeckfarben aus dem Baumarkt auf die Holzplatte geklatscht. Für die Küche hatte ich ein Hetero-Hassbild gepinselt, dümmlich grinsende Nackte, und meine Mitbewohnerin bekam das mit dem geduckten Typen, der auf einem Fisch sitzt. Das Motiv in meinem Zimmer verschweige ich lieber, heute steht’s hier in der Ecke und verstaubt …

Ja, und angesichts all dessen: Ist das denn wahr?

Bemerkenswert ist, daß die künstlerischen Programmatiken über diese Position und die damit verbundene Inszenierung subjektiven Erlebens hinaus keinerlei Alternative aufzuzeigen scheinen.

„Statt eine Utopie zu verfolgen, dokumentieren ihre Bilder den Ist-Zustand. Der Verzicht oder das Versagen, eine visionäre Utopie zu entwickeln, ist das vielleicht bezeichnendste Zeitgeist-Phänomen der achtziger Jahre und eine Erklärung dafür, warum diese Dekade heute wieder so stark rezipiert wird.“ (Ulrike Gehring im Begleitkatalog)

Weil: Der Verzicht auf Utopie, der war zwar offenkundig. Aber kann man diese für mich bis heute maßgeblichen Helden der „Neuen Wilden“, auf die sich doch kein Schwein mehr beziehen mag, Fetting, Middendorf, Salomé, wirklich in die Kiste „nur subjektive Erlebnisse“ packen und dann den Deckel drauf machen und zunageln, um gleich bei Kippenberger weiter zu machen? Oder gar bei den Leipzigern?

Ich sehe da viel mehr und ganz anderes. Die notwendige Ergänzung zu der so wundervollen Leere, die mir bis heute fehlt, zum Beispiel ….

Advertisements

Written by momorulez

23. Oktober 2008 um 20:40

8 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Das war ja auch das Schließen der letzten Bombenlücken in der Stadt. Während die ersten Waschbeton-Einkaufzentren der späten 60er schon wieder ranzig wurden. Das Lesen der Plattenhülle beim ersten Hören der neuen Platte. Mexikanisches Essen und Corona Bier trinken. Colt Sievers und doch auch der große Preis am Wochenende. So alles nebeneinander. The Big Easy mit free your mind.

    … and the rest folgte dann eben nur.

    ring2

    24. Oktober 2008 at 0:03

  2. […] nach Hause und lese über Momos Jugend in Hanover. Gut, es gibt schlimmere, als meine. Tags: 1985, Elbe, Graffitti, Hamburg, Kleine Rast, […]

  3. Holger Schukai war Dein erster Chefredakteur???

    che2001

    24. Oktober 2008 at 7:50

  4. Mexikanisches Essen und Corona kenne ich defintiv erst aus den 90ern. Vielleicht schreib ich selbst mal was über die eigene Jugend, wobei die Kindheit noch interessanter wäre…

    che2001

    24. Oktober 2008 at 7:54

  5. Göttingen hinkte ja auch immer hinterher, meine Schwester war auch immer ein wenig gestrig 😉 …. und Holger Czukay, nee, der nicht.

    Und Cornona und so, das kam tatsächlich in den 80ern auf, und nicht nur die Bombenlücken, auch die ganze Gegend um den Fischmarkt mit den so wundervollen Pontons, das war ja noch ein völlig anderes Leben, seufz … jetzt bauen Oles Kumpels da überall Glaskästen hin und verschandeln die Stadt.

    momorulez

    24. Oktober 2008 at 8:40

  6. Und die Hafenstraße in ihrer großen Zeit…

    Als wir auf einem Geschichtskongress in Hamburg waren, haben wir für dessen Dauer ein Haus besetzt, weil wir für ein Quartier kein Geld ausgeben wollten. Ich schlief mit nem Helm als Kopfkissen und kam dann sehr schnell einer tollen Frau näher, die neben mir pennte…

    Hach, waren das Zeiten, die sind ja heute schon legendär!

    che2001

    24. Oktober 2008 at 8:54

  7. Und zu den „Neuen Wilden“ äußert sich wie üblich kein Schwein, als seien Jugenderinnerungen irgendwie irrelevant und nur was für den symbolischen Tausch …

    momorulez

    24. Oktober 2008 at 9:24

  8. […] re:blog – “Die wundervolle Leere und Tristesse der 80er” Tweet […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s