shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wie alles begann: Die Geschichte der Gegenwart

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Vielleicht isses ja nun so weit – daß jenseits dieses nicht enden wollenden Gequassels über ’68 endlich das in’s Blickfeld rückt, was tatsächlich die letzen 40 Jahre geprägt hat: Der in den späten 70ern, frühen 80ern dann auch politisch als Klassenkampf von oben durchgedrückte ökonomische Wandel, der immer auch einer der De-Industrialsierung in den einst großen Industrienationen ist.

Erscheint ja ein wenig hilflos, wenn die Bundesregierung jetzt mal wieder, wie Schröder schon, auf die Autoindustrie setzt, lautstark verkündend, daß jeder sechste Arbeitsplatz an dieser hinge – der letzte noch verbliebene, industrielle Kern soll’s retten, nachdem die ganzen Finanzgeschäfte es gerade mal nicht mehr bringen für die wenigen, die davon profitierten.

So sitzen nunmehr „Experten“ in irgendwelchen Talkshows und diagnostitzieren, England habe es ja noch viel härter getroffen, da gäbe es ja gar keine nennenswerte Industrie mehr. Parallel recherchiere ich über Post-Punk und New Pop in England und Deutschland, surfe herum, um noch mal den zeitgeschichtlichen Hintergrund genauer zu fassen.

Vieles weiß man ja noch irgendwie, aaber eher irgendwie. Als ich dann gestern den im folgenden verlinkten Text noch mal las, das wurde mir eiskalt. Glaube nicht, daß es Zuafll ist, daß gerade in einer Zeitung aus Österreich mir die erste prägnante Zusammenfassung über den Weg lief; ebenso ist es kein Zufall, daß 1979 das Jahr war, in dem die National Front in England enormen Zulauf erhielt und in der Statistik die höchste Zahl „fremdenfeindlicher“ Übergriffe zu verzeichnen war – wobei die Quantifzierung der Statistik immer dazu dient, die Qualität des Phänomens erträglicher zu machen. Maggie Thatcher fand, daß die national Front ja auf wirklich wichtige Probleme hinweisen würde ….

The Specials und andere haben darauf reagiert, als sie die Ghost Towns in Musik überführten – und auch das kein Zufall, daß die schwarz/weiß gestreifte Hose, die ich stolz als Zweiter in der Schule einst trug, gerade in Deutschland jeglicher Konnotation entkleidet wurde, während in England schon klar war, was die schwarz/weißen Karos der Specials bedueten sollten. Hier trug’s dann Nena auf, das Gestreifte, und alle feierten die DEUTSCHEN Stars, die man endlich wieder habe. Kohl hielt Händchen in Bitburg, ach nee, Händchen halten war ja in Verdun, egal, hat die SS-Männer da in Bitburg mit Reagan besucht, und ihm ist’s trotz der „Gnade der späten Geburt“ hoch anzurechnen, daß er den Thatcher-Kurs trotz Lambsdorff, der zeitweise ja fast aus dem Knast regierte, nicht so massiv durchgesetzt hat.

Was trotzdem nicht verhindern konnte, daß Gabi Delgados Ausruf „Wir sind die Türken von Morgen“ dann Neonazi-Slogan wurde und in Britannien sich Madness zunächst mal nicht so richtig von den neofaschistisch gewendeten Skins distanzieren wollten, die sich den eigentlich schwarzweißen Ska zur eigenen Musik erwählten. Und immerhin konnte auch der „Sozialist“ Mitterand das Aufkommen der Front National nicht verhindern. Doch dort gab’s, ich glaube, auch von Gewerkschaften initiiert, diese Hand mit dem „Ne touche pas mon pôte“ am Revers, ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben – in Hoyersverda und Lichtenhagen trug diese gelbe Hand kein Schwein. Dafür wurde dann der Asylrechtsparagraph geändert, weil die in Hoyersverda ja auf wichtige Probleme hingewiesen hätten, und bis heute weiß kaum noch jemand, daß auch Deutschland Kolonialmacht war – sowas verschwand im „Pogo in Togo“ der United Balls. Dafür hatten wir nunmehr Nena. Und die haben wir im Gegensatz zu einem adäquaten Asylrechtsparagraphen immer noch.

Schauen wir also zurück, wie alles begann – vielleicht wird ja ’ne Serie draus:

„Dann gewann Margaret Thatcher im Mai 1979 für die Konservativen die Wahlen. Nach „dreißig Jahren Sozialismus“, versprach Thatcher, werde sie das Land aus der Umklammerung der „faschistischen Linken“ befreien. Das Sozialsystem wollte die Premierministerin nicht reformieren, sondern zerschlagen. Die Unternehmer sollten von den Fesseln der Bürokratie befreit werden, die Menschen von der Bevormundung des Wohlfahrtsstaates, der den „Tatkräftigen, Erfolgreichen und Sparsamen Geld wegnimmt, um es den Untätigen, Versagern und Schwachen zu geben“. Die öffentlichen Ausgaben begriff Thatcher als „unproduktive Last“, so viele Aufgaben wie möglich wollte sie „dem Markt und den Familien“ übertragen. Was vom sozialen Netz übrig bleibe, dürfe kein „Sofa“, sondern maximal ein „Sprungbrett“ sein. „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht“, sagte Thatcher: „Ich habe den Individualismus immer als christliche Mission verstanden.“


(….)


Als größtes Hindernis für ihre konservativ-liberale Revolution identifizierte Thatcher die in Großbritannien mächtigen Gewerkschaften – und bekämpfte sie mit brutalen Mitteln. Als Thatcher die alte britische Industrie von einem Tag auf den anderen dem internationalen Wettbewerb aussetzte, brachen ganze Branchen zusammen. Millionen Arbeiter standen plötzlich auf der Straße – und die Gewerkschaften verloren Mitglied um Mitglied. Die Massenarbeitslosigkeit nahm Thatcher bewusst in Kauf, wenn sie sie nicht sogar gefördert hat, um ihre Erzfeinde auszuschalten. „Die Arbeitslosen kosteten ihr ein Achselzucken“, sagt der Politikwissenschafter Peter Pulzer, emeritierter Professor der Universität Oxford: „Das humane Gespür früherer konservativer Regierungen schaffte sie ab.“


(…)


Zehntausende Bergarbeiter blockieren die Zufahrten zu den Gruben. Die Regierung schickt paramilitärische Polizeieinheiten. Die gehen nicht gerade zimperlich vor. Die TV-Stationen senden täglich neue Bilder von blutigen Zusammenstößen. Monatelang. Den Gewerkschaften geht das Geld aus. Dutzende Frauen und Kinder von Kohlearbeitern stehen hungrig vor den Supermärkten. Sie schnorren Lebensmitteldosen. Doch die Regierung bleibt hart. Die Bevölkerung empört sich – hauptsächlich über gewalttätige Bergarbeiter. Die Streikenden geben auf. Nach einem guten Jahr ziehen die Zeitungen Bilanz: fünf Tote, tausend Verletzte auf beiden Seiten. 10.000 Verhaftungen. Insgesamt gingen 100.000 Arbeitsplätze verloren.


(…)


„Thatcher hat mit ihren Feinden Glück gehabt“, sagt der Politologe Pulzer. Den militanten Scargill stellte Thatcher mit dem Nationalfeind Argentinien, den das Empire eben im Falklandkrieg besiegt hatte, auf eine Stufe. Die Propaganda ging auf. Selbst die Labour Party distanzierte sich von der Brutalität der Bergarbeiter, die arbeitswillige Kumpel zusammenschlugen. Nach einem Jahr hatte Thatcher den Streik ausgesessen. Die entscheidende Schlacht war verloren. Flexibilisierungen des Arbeitsrechts und eine Reihe von Gesetzen, die ihren Freiraum beschnitten, gaben den Gewerkschaften den Rest. Bis heute fristen sie in Großbritannien ein Schattendasein.


Für viele Briten hatte der Thatcherismus aber verheerende Folgen: Die Zahl der Arbeitslosen schnellte in die Höhe, allein in drei Jahren von 1,3 auf 3,3 Millionen. Der Anteil der Armen erhöhte sich während der Thatcher-Regentschaft von sieben auf 21 Prozent. Weil die Gewerkschaften abgemeldet waren, drifteten die Löhne immer weiter auseinander. Ein Drittel der Werktätigen musste sich in unsicheren Jobs durchschlagen, ein weiteres Drittel war arbeitslos oder verdiente zu wenig, um ordentlich davon leben zu können. Das Phänomen der working poor tauchte in Europa zuerst in Großbritannien auf. Die Banker und Spekulanten in der Londoner Innenstadt freuten sich über schwindelerregende Profite, doch vor ihren Büros lagerten immer mehr Obdachlose und Bettler.

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Written by momorulez

7. November 2008 um 10:14

21 Antworten

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  1. Oh Danke sehr!
    Man kann gar nicht genug davon sprechen.
    Die patroullierenden Panzerfahrzeuge im londoner Eastend Anfang der Neunziger habe ich gesehen, auch die zerstörten öffentlichen Strukturen, die gleichzeitg in Richmond im Surrey aber allerbestens funktionierten. Wenn man im Eastend ankam, watete man im Bahnhof erstmal durch Müll. in Richmond war jedes Rohr an Treppengeländern frisch gestrichen. Wenn die Alarmanlage anging, kam umgehend die Polizei ins Haus.
    Im Eastend handelte es sich angeblich immer um Rassenauseinandersetzungen zwischen Immigranten. Marks&Spencers hatten sie geplündert, das war nicht die einzige sichtbare Enteignung. Aber in Richmond liefen auch Rassen rum, wenn auch sichtbar weniger.
    In Holloway sah es ähnlich aus, dort waren die Leute wegen der Poll Tax, die den Herrschaften eingefallen war, ziemlich sauer geworden, und als ich mal ankam, standen noch brennende Autos rum. Ansonsten watete man auf der Holloway Road durch den Müll.
    Von den ganz normalen Lebensverhältnissen, die mittlerweile etabliert worden waren, und wie ich sie bei studierten jungen Leuten in London damals kennenlernte, entsetzlicherweise auch bei alten, will ich nicht reden, aber ich glaube seitdem, dass einige wirklich nicht wissen wovon sie reden, wenn sie die britischen Zustände als vorbildlich preisen. Mir ging es jedenfaflls auf entsprechender Stufe in Westdeutschland ungleich besser.
    Und ich erinnerte mich an die Zeit als Austauschschüler in England Mitte der siebziger Jahre, damals war der Standard auch niedriger als in Westdeutschland, aber es gab funktionierende Public Services und ein angenehmes menschliches Klima, jedenfalls in dem Arbeiterquartier von Eastbourne, wo ich verwöhnte Bürgergöre bei einer sehr sympathischen Familie wohnte, deren Ehemann in den Pubs und Clubs Arbeiterlieder sang und mit Bluesgruppen spielte, um ein Zubrot zu verdienen. Dort habe sowas wie Solidarität kennengelernt, in dem Quartier.
    Punks habe ich damals auch mal gesehen, aber selten, ich hörte aber unsere Lehrerinnen daavon sprechen, die das nicht kapierten, Skins habe ich damals nie gesehen, aber vor denen wurden wir gewarnt, die hätten die Methode, mit den dünnen, spitzen Stahlgriffen der farbigen Plastikkämme, die damals jeder hatte, zuzustechen.
    Damals gab es aber noch nicht die informellen Dörfer aus Pappkartons, die sich jeden Abend in London neu bilden, wie sie in den Neunzigern dann völlig normal waren, wahrscheinlich sind die jetzt noch grösser, aber ich habe keine neueren Erfahrungen.

    Jedenfalls, um die Verhältnisse zuzuspitzen ging die neoliberale Politik so weit, das international als vorbildlich angesehene Greater London Council 1986 abzuschaffen, das war eine grosstädtische Verwaltungs- und Planungsbehörde gewesen, auf die man woanders mit Neid sah und deren Arbeit in Westdeutschland jedenfalls sehr diskutiert wurde.
    Immerhin wurde 99 unter Blair was ähnliches als Greater London Authority wieder eingeführt, das muss man der Fairness halber sagen.

    Und zu den Ausstellungen „Deutscher Kunst“ , „Deutscher Malerei“, „MAlerei aus Deutschland“, „German Painters“, „Expressive Malerei aus Deutschland“ und wie das plötzlich alles hiess, fiel mir schon damals ausser Schrecken nicht viel ein. Ich hatte nnämlich gedacht, das sowas gar keine Rolle spielen würde, ich kannte immer nur Autoren, und keine nationalen Bilderkompilationen, aber Lüpertz wurde ja damals auch mit seinen Wehrmachtshelm- und waffenbildern berühmt, bevor er sich auf Picasso verlegte. Das ist alles nach wie vor sehr relevant, die nationale Begleitmusik zu den Lebensbedingungen.

    T. Albert

    7. November 2008 at 12:02

  2. Und dabei ist Thatcher nur wiedergewählt worden, weil sie diesen Krieg geführt hat. Das Atomuboot „Conqueror“ versenkte den argentinischen Kreuzer „General Belgrano“ und ließ kriegsvöllkerrechtswidrig die Besatzung ersaufen. Vor dem Tauchgang hatte man den Union Jack durch den Jolly Roger ersetzt.

    che2001

    7. November 2008 at 12:21

  3. Was mich ja erschütterte, als ich das wieder llas, war zum einen, daß ich den Falkland-Krieg völlig vergessen hatte. Zum zweiten aber, wie sehr die Parolen dieser konservativen Gewitterhexe wirklich 1 zu 1 und ungebrochen und wörtlich sich noch als „liberal“ verstehend in der Blogosphäre wiederfinden, so, als sei nix gewesen … was mir retrospektiv auch nicht klar war, ist, daß sie diese Massenarbeitslosigkeit tatsächlich produziert hat, was einfach ein Zeichen dafür ist, wie nachhaltig ich selbst diese ganze Propaganda gefressen habe. Schlimm.

    „Das ist alles nach wie vor sehr relevant, die nationale Begleitmusik zu den Lebensbedingungen.“

    Ist ja auch ein ziemlich altes Rezept, hat Bismarck damals auch so gemacht. Erstaunlich, daß das immer wieder funktioniert. Immer wider neu Reevanz erfährt. Hat Bush ja auch gerade wieder gemacht,

    Und die britischen 80er-Skins sind mir noch so wahnsinnig präsent, weil über die englischen Soldaten die sehr früh schon nach Hannover schwappten, was ja – wie öfter schon geschrieben – dazu führte, daß das echt Hochburg wurde, gemeingefährlich.

    MomoRulez

    7. November 2008 at 19:42

  4. Gotcha

    Erik

    7. November 2008 at 21:11

  5. Das Rezept heißt Sozialimperialismus, von einem durchaus nicht radikalen Historiker,Hans-Ulrich Wehler, trefflich anaslysiert. Klassenkampf von oben.

    che2001

    7. November 2008 at 22:24

  6. Ich habe ja einen Verwandten, der in einer kleineren Firma der Stahlindustrie im Management arbeitet. Der erzählt mir ab und zu, wie es ist. Er sagt zum Beispiel, ach weisste, wenn unsere Arbeiter Forderungen stellen, dann geht das ruckzuck, wir sagen denen dann, klar, machen wir alles, im Ausland, wo es billiger ist ; dann sind die ruhig. Der sagt auch, wenn wir so weitermachen, dann können wir uns auf Verkaufsebene unsere Produkte gegenseitig hin- und her verkaufen, weil sie sonst keiner mehr kaufen kann bei den Lohnsenkungen, die durchgedrückt werden. Der hält das alles für durchgeknallt und verantwortungslos, und zwar seit Jahren, und hofft auf die Rückkehr gewerkschaftlicher Stärke und solidarischer Strukturen, an denen er mitarbeitet.

    T. Albert

    8. November 2008 at 1:08

  7. Der Herr Wullf hat ja auch gerade wieder dieses „dann wandern die alle in’s Ausland ab“ ausgerechnet angesichts der „Familienbetriebe“ (auch schwammig, OTTO ist auch ein Familienbetrieb, da steckt auch wieder konservative ideologie drin wie bei allem neoliberalen Getöse) proklamiert – nur, daß bei der Finanzkrise wahrscheinlich all die Auslande allmählich wegsuppen und in sich zusammenbrechen werden, weil tatsächlich z.B. die USA als großer Absatzmarkt für all das in China Produzierte wegbrechen wird, wenn als nächstes die Kredikartenblase platzt. Dann wohnen da noch mehr Leute in ihren Autos.

    „Und zu den Ausstellungen “Deutscher Kunst” , “Deutscher Malerei”, “MAlerei aus Deutschland”, “German Painters”, “Expressive Malerei aus Deutschland” und wie das plötzlich alles hiess, fiel mir schon damals ausser Schrecken nicht viel ein.“

    Wegen der Etikettierung, oder? Weil die Bilder ja an sich schon dolle waren, finde ich ja weiterhin – aber nun gerade diese „Expressive Malerei“ der späten 70er, frühen 80er als sonderlich deutsch zu behandeln, trotz aller „Tradition“, Kirchner und so, das ist selbst dann krude, wenn man „Café Deutschland“ von Immendrof nimmt, weil das ja eher ein Blick von außen auf Deutschland ist mit ganz viel Neon-Licht. Das war ja ein Pop-Teppich, der sich von New York über London, Leeds und Liverpool bis Düsseldorf, Hamburg und Berlin erstreckte uhnd zurück, also wirklich total global. Leute wie Moritz R. von Der Plan haben zwar schon gesagt „Hey, wir haben hier ja nix, was anknüpfungsfähig wäre, also legen wir doch mal wieder los mit neunen Kinderliedern“, aber ’ne Residents-Adaption war das trotzdem.

    momorulez

    8. November 2008 at 9:56

  8. Ja, ich fand das wegen der Etikettierung schrecklich. Dem Lüpertz verzeihe ich seine deutschen Bilder aber trotzdem immer noch nicht, weil er dann immer nach geltender Sprachregelung erzählte, es ginge doch um Form und nicht um Inhalt, und dann ein solches Ding nach dem andern rausdrückte. Die Neuen Wilden hatten ja damit nichts zu tun, aber aber sonst war das auch die Zeit der hitlergrüssenden Künstler, die dann aber immer besoffen waren, Förg , Merz , Kiefer, den wir aber wohl missverstanden, oder die komischen Spielereien mit Hakenkreuzen bei Federle und andern, das war sehr in, diese sophistizierte Verschiebung von Form und Inhalt an Symbolen, an denen das eben nicht geht. Ich erinnere mich an dem Zoff wegen Kippenbergers Hitler-KOpf. Ich frage mich schon, wie damals, was diese ganzen Idioten eigentlich geritten hat. In der Architektur und Architekturtheorie wie im Städtebau waren die Achtziger ja auch die Zeit der massiven und strategischen Rehabilitierung von Albert Speer, und auch wenn wirs uns nicht so klar machen, aber das wirkt und wirkt.
    Da passte die Wiederentdeckung nationaler Kunst als Etikettierung und in Ausstellungstiteln gut, relativ unabhängig von dem, was dann realiter gezeigt wurde. Aber da wurde zusammengefasst. Und man muss auch ehrlich sein, finde ich: da steckte ein, nicht antiamerikanischer, aber ein Reflex auf die ganzen tolle Kunst drin, die seit Mitte der Sechziger so immens einflussreich war, weil das ja alles viel intelligenter und auch „linker“ war, als das meiste in Europa. Nur hatte das alles nichts mit NAtionalität zu tun, sondern eben der Überwindung dieser kunstfremden Kategorien, wozu auch der schöne ironische Umstand gehörte, dass die Amis, wie Hesse, Andre, Serra, Cage, Twombly, Brecht, undwerweissnoch, ja in Europa, Köln spielte da eine besondere Rolle, viel stärker wahrgenommen und rezipiert wurden als in USA. Manche sind ja gleich hiergeblieben. Und damit war ich aufgewachsen, deswegen hat mich das einigermassen geschockt, als ich dann diese Plakate sah, da dachte ich, wo sind wir denn jetzt wieder.
    Es gibt in dem Zusammenhang eine interessante begebenheit, als nämlich Donald Judd seine Arbeiten wegen Baselitz und anderen aus der „Bilderstreit“-Ausstellung wieder zurückzog mit der Begründung, dort werde die Würde der Kunst verkauft. Ich muss sagen, dass ich das sofort verstanden habe, aber das eigentlich interessante war dann, dass sie im „Wolkenkratzer“ von Donald Judd dann einen mehrteiligen Artikel brachten, in dem er die Ausstellungs- und Kunstszene und einzelne Protagonisten derartig harsch kritisierte, dass sie sich nicht trauten, den Artikel ohne „Einleitung“ und Vorbemerkung, von Manfredo Tafuri, zu veröffentlichen, was ja auch bezeichnend ist, mittlerweile gibts gar keine Diskussion mehr, schhon gar nicht in Kunstzeitschriften und schon gar nicht so, dass man sich mal gegenseitig richtig ans Knie pisst.
    (Es ist ja selbst das Habermas-Interview in der Zeit, auf das Che hinweist, eine relativ harmlose Sache, wobei ich nicht Habermas` Aussagen meine.)

    Gut, jedenfalls hat in meinen Augen damals diese Verspiesserung und marktgerechte Verformung ästhetischen Denkens angefangen. Ich meine, man muss eben mal die Texte und Interviews besonders dieser ungegenständlichen Amis lesen, Judd und Serra oder Toni Smith undso,
    dann sieht man auch mal wieder die politische Dimension der Sache und das demokratische Potential, das da wirkte, und zwar auch in der Kritik an denen, die von vornherein auf einem anderen Niveau stattfände. Die haben sich mit ihren US-Politikern richtig gestritten, und zwar für mehr Demokratie, da hatten wir doch nur Beuys. Aber die interessierten sich nicht für Nationalislierung.

    T. Albert

    8. November 2008 at 15:38

  9. Mal ab von Kippenbergers „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“, was ich wirklich lustig finde, verblüfft mich das rückblickend auch noch mal extremst, dieses ganze Kokettieren mit den Hakenkreuzen und Nazi-Insignien, von Siouxsie an The Banshees zum Beipsiel, von der der Herr Reynods auch ein Zitat bringt, da bin ich fast vom Sofa gefallen, das kann man hier schon aus strafrechtlichen Gründen gar nicht wiedergeben, Reynolds schreibt „unverezihlich“, und das ist schwach formuliert, und die rannte am Anfang auch mit Hakenkreuz-Binde durch die Gegend.

    In „Verschwende Deine Jugend“ sind auch Passagen aus frühen Punk-Fanzines, „Ostrich“ oder so heißt das, da wird einem erst mal übel.

    Ich hatte das als reine Provokativion, inbesondere auch die Provokation von Nazis!, in Erinnerung, aber das ging ästhetisch schon weiter, aber eben nicht politisch. Falls man das trennen kann.

    D.A.F. als bekanntestes Beispiel haben ja auch „Tanz den Adolf Hitler“ gesungen, und das fand ich trotzdem genial, wie da diese körperbetonten, homoerotischen Lederboys einen auf zackig machten und das ausstießen, weil durch die berühmte „Umcodierung“ diese ganzen Attribute auch entwertet wurden und zudem als was sehr Sexuelles bloßgestellt: Hitler und Mussolini riechen halt nach Leder, Loden und Sperma, ist ja so, und nimmt man wie D.A.F. noch Poppers (und anderes hinzu), dann wird das Phänomen auch anders. Ohne dem jedoch die Bedrohlichkeit zu nehmen, dieses Keuchen und Stampfen und Rufen kann man sich wirklich als Soundtrack von Brandschatzung vorstellen.

    Ich hader ja wie so viele auch bis heute mit Riefenstahl und dem Olympia-Film, natürlich haut mich das auch um, gebe ich ja zu, wie Webber und Helmut Newton ja auch. Und auch wenn ich das von Rammstein gerade zu dem Zeitpunkt äußerst ungeschickt fand, dieses Video zum Depeche Mode-Cover mit Originalbildern aus dem Film zu bestücken, was ja direkt in der D.A.F. und Popstpunk-Tradition stand, ich habe da schon was verstanden, was die mir sagen wollten, was ich so gar nicht nazistisch finden konnte.

    Das ist nur doppelt gruselig, wenn nun gerade ich das schreibe, weil es ja teils völlig zu recht die Attacke auf Homos gab und gibt, daß die Nazis eh viel zu sexy fänden, was ich so nicht teilen kann, egal, gibt es zumindest, weil das ja damals auch alles verkappte Schwule gewesen wären, was wiederum Quatsch ist.

    Und das war alles in allem auch eine schwule und eine fetisch-orientierte Ästhetik damals im Post-Punk, auch bei den Neuen Wilden, Salomé, Fetting, teils explizit wie bei Frankie goes to Hollywood oder diesem ganzen „Batcave“-Umfeld, oder eher implizit wie bei Malaria, die in den USA auch erst mal Ärger bekamen mit ihren Frisuren und Stiefeln und Reiterhosen.

    Und antiiamerikanisch, klar, das war gegen den Cock-Rock und diese ganzen Männerbilder und Frauenbilder im Rock-Zirkus gerichtet, und das finde ich ja bis heute richtig und eigentlich auch nicht „antiamerikanisch“, damit Elvis ja angefangen, indem er sich die Haare färbte und schminkte. Habe ja dieses Glückauf-Gesinge der Hetzler-Boys als genau das gleiche bezogen auf die Männerbilder, mit denen die so aufgewachsen sind, mir gedeutet, die stehen da ja sogar so wie ihre Väter auf den Fotos.

    So daß, in der Conclusio, ich vor allem bei meiner Beunruhigung landete, als ich diese ganzen Szenen da noch mal literarisch mir einverleibte, und, pardonnez-moi, weil das jetzt keine Unterstellung ist, sondern wirklich ’ne Frage, beim Lesen Deines Kommentares kurz mich fragte, ob das nicht genau das ist, was die Liberalen so treiben: Das Geschehen dann auf die entsprechenden Signalverknüpfungen abscannen, um dann wahlweise den Nazi- oder den Antiamerikanismus-Vorwurf zu zücken, und die Rolle von Hayek spielen dann Beuys oder Judd.

    Die kommen mir ja eh immer vor wie die linke Diskurspolizei von einst, unsere Totalitarismus-Kritiker von liberal, und da gab’s ja gute Gründe, mit Leder und Stiefel und Peitsche dann gegen zu agitieren. Genau das ist ja der Konflikt von Heaven17 und ABC und solchen gewesen, daß sie genau dagegen anstinken wollten, auch gegen die alltags-ästhetische Verlotterung der Linken, gegen den ganzen neuen Mief und die neuen Spießigkeiten, und da ist dann zwar leider irgendwann Alan Posener bei rausgekommen, aber ich verstehe das schon auch heute noch sehr gut und sehe das zumindest auch als aktuelle Aufgabe.

    Und vielleicht ist ja wirklich die beste Form der Entwertung, wie Rainald Goetz in dem schon so oft zitierten Subito-Text einfach immer mal „Heil Hitler“ einzustreuen, weil das eben irgendwann ein ernst gemeintes und politisch gehaltvolles „Heil Hitler!“ gar nicht mehr zuläßt, ich weiß es nicht, weil’s genau so auch Gewöhnung erzeugen kann, so daß es einem dann irgendwann gar nicht mehr auffällt, wenn das jemand ernst meint.

    Speer: Ja, in der Tat. Gerade beim Backstein-Bau hier in Hamburg sehr deutlich zu sehen. Und mein Vater hatte damals einen postmodernen Rathaus-Neubau mit zu verantworten, da steckte der auch mit drin, der Speer, und das habe ich meinem Vater wirklich übel genommen …

    momorulez

    8. November 2008 at 17:02

  10. Zum Beispiel:

    „Ende 1977 benennen sich Warsaw schließlich in Joy Division um, da sie Konflikte und Verwechselungen mit der Londoner Punkband Warsaw Pact ausschließen wollen. Der Name Joy Division stammt aus dem Roman „House of Dolls“ des ehemaligen KZ–Häftlings Yehiel Feiner und beschreibt eine Prostituierten-Riege der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, in der weibliche KZ-Häftlingen sich für deutschen Wehrmachtsoldaten prostituieren lassen mussten. Gleichzeitig zeigt der Name auch das damalige Interesse der Band Themen wie Nationalsozialismus, Faschismus und Diktatur anzuspielen, welches ihnen in Laufe ihrer kurzen Karriere jedoch nicht immer als allzu positiv angerechnet werden wird und auch durch ausweichende bis ungeschickten Aussagen der Bandmitglieder zu gewissen Kontroversen führt.“

    Von hier:

    http://www.indiepedia.de/index.php/Joy_Division

    Laut Simon Reynolds, dessen „Rip it up and start again“ wirklich das beste Buch ist, daß ich jemals über „Pop“-Musik gelesen habe, (sensationell, gerade auch für Maler schon deshalb eine Fundgrube, weil der einen Sprachreichtum angesichts von musikalischem Material entwickelt, wie ich’s noch niemals irgendwo gelesen habe), ist das ziemlich verniedlichend dargestellt: Ian Curtis, mittlerweile hat der ja von Anton Curbain ein filmisches Denkmal gesetzt bekommen, soll auch mal augerufen haben „You all forgot Rudolf Hess!“, und das wohl nicht im Rausche irgendwelcher Ironie.

    Nun sind aber Joy Division eine der wichtigsten Bands aller Zeiten, und das ist eine Spannung, die ich gerade so gar nicht aufgelöst bekomme ….

    Statler fehlt mir gerade, der ist an all das – also den Post-Punk im Allgemeinen, nicht in diese Faschismus-Adaptionen, Gott bewahre – ja viel mehr hineinsozialisiert als ich.

    momorulez

    8. November 2008 at 18:47

  11. Anton Corbijn

    momorulez

    8. November 2008 at 19:08

  12. Aber nein, ich meine ja gar nicht, dass diese „Deutsche Kunst“- Sache antiamerikanisch gewesen wäre und Judd dabei den Hayek gegeben hätte. Da wäre nun gerade Judd nicht gut getroffen, der auch nicht Diskurs-Polizist war, der ja eben nicht, der kam als Philosoph von der Kritik, und legte Wert auf Kritik und Diskurs. Der arbeitete an einem Qualitäts-Begriff, dabei war er zwar unerbittlich, aber das sind andere ja auch. Dann prallts mal aufeinander. Also, das würde ich nicht hayekmässig sehen.

    Und um antiamerikanisch ging es gar nicht, sondern was ich mit dem Reflex meine, war: wir machen jetzt mal die Marke „Deutsche Kunst“, die macht man ja jetzt auch wieder. Aber es gibt allenthalben wieder Nationalmarken, die amerikanische auch. Und das fand ich zuerst mal befremdlich, weil eben schon sehr bewusst mit Inhalten und Symbolen dabei gespielt wurde. Ich mochte das nicht. Immer noch nicht, weil ich glaube, dass das in Kunst gar nichts zuu suchen hat, vielleicht kapier ich das auch nur nicht, weil das andere Leute gar nicht interessiert: DAS interessiert keinen echten Nazi, der verwendet die Symbole wie sie gemeint waren oder sind. Da haben wir Ästheten uns auch was vorgemacht. Man kann das ja in sich untereinander verständigenden Kreisen machen, da hat das dann meinetwegen eine Entlastungsfunktion, aber sonst glaube ich nicht an diese Entwertung. Das habe ich ja spätestens dann gemerkt, als ich selbst mal Ärger hatte, und das war recht unironisch.
    Ich meine, dann wärs auch wurscht, was Sinn und Wulff so ablassen, aber der Wulff hat das ja jetzt auch zeitbezogen super plaziert. Dem gehören die Ohren langgezogen, das muss man nicht auf seine eventuellen gedanklichen Beschaffenheiten hin diskutieren.

    T. Albert

    8. November 2008 at 19:24

  13. Wie ist das eigentlich mit den Jungen Wilden? Waren die tendenziell eher Deutsche oder war das eine internationale Richtung?

    chezweitausendeins

    8. November 2008 at 19:33

  14. Na, ich würde sagen, das war der deutsche Teil einer internationalen Richtung. Das meiste davon ist gerade nicht mehr aufzufinden, aber es gab ja ähnliche Leute auch woanders, in Italien die ganzen Transvanguardia-Leute und Clemente, in USA Salle und Basquiat und Schnabel, in Frankreich gabs die auch.

    T. Albert

    8. November 2008 at 20:17

  15. @T. Albert:

    „wir machen jetzt mal die Marke “Deutsche Kunst”, die macht man ja jetzt auch wieder.“

    Ja, ich glaube, unter anderem deshalb hat der Hilsberg sich ja geschämt, daß er aus Versehen das Label „Neue Deutsche Welle“ erfunden hat (ich schalte hier übrigens nicht aus Ignoranz dessen, was Du schreibst, die Pophistorie parallel, sondern, weil ja was bei rauskommen könnte. Und man merkt dem, was ich schreibe, ja vielleicht an, daß ich gerade richtig in die Zeit wieder abtauche). Das mit der „NDW“ war ja eigentlich die Vorstufe zur WM später, dieses „Ach, jetzt haben wir uns wieder lieb“, dabei konnte man sich vorher ja nur dann nicht lieb haben, wenn man diesem Prädikat „deutsch“ Relevanz beigemessen hat in Fragen der Selbstdefinition.

    Umgekehrt weiß ich schon noch, daß zu Friedensbewegungszeiten man schon so ein Bewußtsein hatte „Deutschland hat dauernd Kriege und Vernichtung initiiert, jetzt wollen wir aber das andere, das friedliche Deutschland sein“, aber vielleicht ist das ja schon ein Bedeutungswandel jenseits des Nationalen, weil es sich als übergrefend politische Bewegung verstanden hat – was andere bis heute ja dann doch wieder mit „deutschem Sonderweg“ und „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ kontern, weil es international schlicht üblich sei, Kriege zu führen.

    Die „frühen Szenen“ hatten schon spezifische Themen, die aus eher sozialen Gründen eben nur hier Thema sein konnten, „Kebebträume in der Mauerstadt“, ich meine, sowas kannste ja in Barcelona nicht im selben Sinne texten, und auch „Kaltes, klares Wasser“ nicht oder „Geh duschen“. Wenn das ein Ian Curtis oder ein Costa Cordalis oder Gilberto Gil singt, erfährt das ja notwendig einen Bedeutungswandel.

    Aber schon „Der Mussolini“ besingt ja nicht umsonst Jesus- Mussolini-Hitler, „Zurück zum Beton“ oder „Ellie, ich bin munter, hol mir bitte einen runter“ hingegen sind ja eher zeitbezogene und zeitlose Themen 😉 …

    „Da haben wir Ästheten uns auch was vorgemacht. Man kann das ja in sich untereinander verständigenden Kreisen machen, da hat das dann meinetwegen eine Entlastungsfunktion, aber sonst glaube ich nicht an diese Entwertung.“

    Ist das so? Ich habe mir nie Gedanken gemacht, woher Joy Divsion ihren Namen haben, die gab’s halt, Sänger hat sich umgebracht, depressive Musik, „Love will tear us apart“, toller Pop, Punkt. Und seitdem ich das gelesen habe, wühlt das schon ganz schön in mir rum … das jetzt gar nicht im Sinne einer Entwertung, sondern im Sinne von „künstlerisch da hingehen, wo’s wirklich weh tut.“ Und das tut’s ja nicht bei der „Anonyma“ als ganz klare opfer-Geschichte (meine ich ironiefrei) im selben Sinne wie da, wo es wirklich ambivalent wird, nicht etwa Hitler „menschlich“, so im Untergang begriffen.

    Was Kiefer ja auch getan hat, als er den „Buchenwald“ gemalt hat in seiner düsteren Idylle … kenne Kiefer so gut wie gar nicht, aber das hat mich schon beeindruckt.

    @Che:

    Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, bei den „Neuen Wilden“ kam das über die internationale Vermarktung mit rein.

    Sowas wie die „Großstadteingeborenen“ (ioder so ähnlich) von Middendorf, das kann man vielleicht auch berlinerisch gucken, aber das ist ja universal. Immendorff, der sich da ja eher draufsattelte, der hat explizit auf „deutsche Themen“ verweisen, dann diese doofen Adler-Karrikaturen da reingemalt, aber ansonsten war das, glaube ich, der „Rammstein-Effekt“: Sowas gilt wegen der Expressionisten international als so teutonisch wie auch Neo Rauch mit seinem Fachwerk und seiner DDR-Pop-Kryptologie, das paßt in’s Klischee. Da kann man sich schön gruseln und hat doch das Gefühl, an tannengrünen Traditionen zu schnüffeln, an Tiefe und so.

    Silver Convention und die Scorpions sind ja echt Ausnahmen, weil die den Amis Coca Cola verkauft haben, aber Can hatten auch deshalb diese Wirkung, weil sie so schön versponnen-künstlerisch waren („Krautrock“ ist ja auch schon so ein Emblem), Kraftwerk, weil dieser Mensch-Maschine-Mythos ja auch schon im „Arbeiter“ von Ernst Jünger auftaucht und anderen Werken aus der Zeit, Nena, weil sie so’n „Frolleinwunder“ war. Kann man jetzt bruchlos fortsetzen.

    momorulez

    8. November 2008 at 20:20

  16. @t. Albert:

    Basquiat ist aber in der Rezeption schon noch anders konnotiert, eben „afroamerikanisch“ halt, rassistischerweise, obwohl der tatsächlich in genau der Szene auch rumwurschtelte, die mein neues Lieblingsbuch beschreibt. Ist also völlig richtig.

    Bin jetzt gerade an einer Stelle, wo der Einfluß von Gramsci und den ganzen sozialen Bewegungen im Italien der 70er auf Scritti Politti beschrieben wird 😉 – und der Frontman sah seine Musik auch als Derrida-Anwendung.

    momorulez

    8. November 2008 at 20:25

  17. Achso, Momorulez,

    ich denke halt, dass das noch ein Unterschied ist, ob man das in der Literatur macht, im Rock-Pop-Zusammenhang, im Film oder in der Malerei.
    In der Malerei muss man dann eben eetwas mehr narrativen Aufwand treiben, damit das funktionier. Sonst bleibt das intellektuell ja etwas dürftig. Ich muss ein gemaltes hakenkreuz nicht unbedingt als ironisch erkennen, nur weil es der Maler in seinem Kopf so meint.
    Das ist ja das Problem. Es gibt ja von Helmut Federle dieses „SS-Bild“, das heisst auch so, da klappt das ja nun überhaupt nicht. Federles Bilder sind für mich ja wichtige Diskussionspartner, aber bei aller Liebe, das könnte man auch ganz unironisch monumental irgendwo hinhängen, repräsentativ.
    Wie wenig diese Strategien aufgehen, zeigt, denk ich, böse Pasolini in den „120 Tagen von Salo“. Dort hängen ja in den Salons dieses KZ-Schlosses tolle Sachen von Klee und Matisse, wenn ich mich richtig entsinne. Die Sachen wehren sich eben nicht, obwohl ja gegensätzlich gedacht. Aber der Zusammenhang kann alles korrumpieren.

    T. Albert

    8. November 2008 at 20:29

  18. also, ich kauf mir das buch auch bald mal, wenn da solche themen kommen.

    T. Albert

    8. November 2008 at 21:18

  19. Der Mann hat auch multiple Blogs, ich steige da gerade gar nicht durch, das sind so 3 pro Bucherveröffentlichung und dann noch ein Haupt-Blog oder so:

    http://www.blogger.com/profile/01282478701882900354

    …. und das lohnt sich wirklich. Bin vollkommen fasziniert,als würde mir jemand die Backstory zu etwas ja durchaus Vertrautem erzählen, was man aber als total reduziertes Derivat gelebt und rezipiert hat, Gott, ich war jung und habe Performances am Quertschnittgelähmtenkrankenbett gemacht, mit Hoyer-Lifter und Urinal und allem drum und dran und war von ’82 bis ’96 im wesentlichen mit Liebeskummer beschäftigt – kenn ja die meisten Acts und Namen darin, gerade die, die ich besonders liebte, kommen auch besonders schlecht weg, und trotzdem: Toll. Ein ganz, ganz, ganz großes Buch über Kunst.

    Und grübel jetzt zudem die ganze Zeit rum, ob Du oben nicht im Grunde genommen ausgewichen bist bei der Antwort mit der Differenz zwischen Film, Malerei und Musik ….

    momorulez

    8. November 2008 at 22:23

  20. ja, da grübel ich aber schon – wieder – seit einigen Jahren dran rum. Ich habe ja immer meine Glaubenskrisen. Also, ich glaube nicht mehr dran, dass man die Disziplinen ohne weiteres gleichartig rezipieren kann. Ich weiss ja, dass wir das gerne machen wollen, aber Malerei ist eben Malerei, das heisst, wenn ich einfach irgendeine Idee oder eine Erzählung illustrieren will, dann bin ich doch sehr damit beschäftigt ein Objekt herzustellen, wie in der Architektur, wie in der Skulptur. Schwierig. Aber dann kann ich natürlich ein tolles Symbol benutzen, und es wird, wenn es selbst schon flach ist, also auch eine Idee ausdrückt, sich selbst ausdrücken, auch ungewollt. Das war ja das interessante an den Sachen von J. Johns. Ich kann mir ja eine Flagge so malen, und die auch als Flagge meinen. Ich kann auch die Mona Lisa als Zeichen benutzen, aber um sie zu ironisieren muss ich eben irgendwas mit ihr veranstalten, ein Auge blau anmalen, oder den Duchampschen Schnurrbart draufzeichnen. Ich weiss nicht, ob das mit der Ironie als Kategorie in der Malerei so ohne weiteres hinhaut, also on Bezug auf solche Symbole. Ein ironisches Bild kann ich natürlich machen.
    Ich frage mich da auch seit Jahren, weil ich die Diskussion ja immer wieder habe, ob da nicht zu oft mit Mitteln der Literaturwissenschaft drangegangen wird; das war ja meine Enttäuschung am „Offenen Kunstwerk“ von Eco und ähnlichen Sachen, von denen ich das denke. DIe sprechen nicht genug vom Sehen und vom Sehen als Denken, wie Serra das nennt, sondern zu schnell von sprachlich schon gefassten Inhalten; keine Ahnung, wie ich das gerade ausdrücken soll. unsereiner ist ja auch nicht unbedingt der hellste in den sprachlichen Dinganalysen.

    T. Albert

    9. November 2008 at 0:53

  21. „DIe sprechen nicht genug vom Sehen und vom Sehen als Denken, wie Serra das nennt, sondern zu schnell von sprachlich schon gefassten Inhalten;“

    Glaube schon zu verstehen, was Du meinst; wollte jetzt durch das Parallel-Schalten auch keine Identität behaupten, weiß Gott nicht.

    Und so ein richtig gutes Jazz-Stück erzählt mir trotzdem ’ne Menge, selbst wenn es noch nicht mal mehr Titel hat, und dann an Harlem oder New Orleans zu denken, wenn man es hört, also es zu folklorisieren, das ist ja auch kein Musik-Verständnis, sondern was anderes.

    Ging mir bei „Joy Division“ auch gar nicht nur um Ironie und Entwertung, darum allerdings auch, das beste Mittel gegen Skinheads fand ich immer die Skinhead-Witze in der Morning Show auf FFN, zum Beispiel, was dann ja eher die Oehlen etc.-Strategie war, wenn die auch andere Gegenstände hatten. Bei Bisky sieht man, wie man’s schlecht macht, jetzt Sneaker-Fetischismus „totalitär“ zu malen, das ist ja platt.

    So Bands wie Joy Divison waren ja meiner Ansicht nach komplett unironisch. Ging mir eher darum, wie man denn Kunst machen kann, die dahin geht, wo’s weh tut, und ob man das überhaupt muß und nicht viel mehr lieber bleiben lassen sollte.

    Und ob das dann politisch ist oder auch nicht. Das sind ja so Fragen, die die sich damals stellten, und die New Worker „No Wave“ und „Mutant Disco“-Leute, die haben da schon Wege gefunden, das über die Form und das musikalische Material, nicht nur die Literaturwissenschaft, zumindest zu versuchen. Die Neubauten ja auch, oder die Goldenen Zitronen der 90er. Und aus der bildenden Kunst ist mir sowas nur ganz am Rande bekannt, wahrscheinlich,weil ich’s nicht mitbekommen habe.

    Habe ja mal 2 „Clips“ aus der Zeit verlinkt – bei UB 40 ist das der einzige Song, den ich von denen mag, das ist aber eher klassischer Protestsong im Reggae-Gewand, ist mir aber schon auch wichtig, weil es halt eine schwarz/weiß-Fusion ist, während seit geraumer Zeit ja eher die Segregation wieder up to date ist.

    Und diesesDing von der Pop-Group, das ist ja typisch für die Zitat/Dekonstruktion-Techniken der damaligen Zeit, das ja trotz Slogans im Text trotzdem auch formal, über’s Hören, ansetzt. Und man muß ja keine Identität zwischen Musik und Malerei behauptwen, weil’s ja Unsinn wäre, aber das ist ja trotzdem nix Grundverschiedenes.

    momorulez

    9. November 2008 at 10:13


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