shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Autonome Politik einmal anders

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Wer meine Artikel über die Antiimps und die Autonome Antifa (M) gelesen und selber nichts mit der radikalen Linken am Hut hat wird wahrscheinlich auf den Gedanken kommen, wir hätten alle gewaltig einen an der Marmel gehabt. Auf der anderen Seite stehe ich heute noch zu dem, was wir in den 1980ern und 90ern so getrieben haben, und ich halte es auch nach wie vor für sinnvoll und richtig. Nur waren das völlig andere Sachen als ideologische Rechthaberwettbewerbe oder folkloristisch interessante Demos mit eindrucksvollen Schwarzen Blöcken. Klar, die gab´s auch, und natürlich haben wir uns mit Neonazis und der Staatsmacht Hauereien geliefert. Aber für den Teil der Autonomen, zu denen ich selber gehörte standen andere Sachen im Mittelpunkt. Während des jugoslawischen Bürgerkriegs haben wir die Flüchtlinge in ihren Notunterkünften unterstützt und Sonntagsspaziergänge organisiert, bei denen sie Besuch bekamen und mit Spenden versorgt wurden. Besonders hilfreich waren in diesem Zusammenhang Professorenfamilien, für die der Besuch bei Flüchtlings bald zum guten Ton gehörte. Die bosnischen Flüchtlingskinder aus Trebnice und Mostar waren zumeist ohne Kuscheltiere aus der Heimat geflohen, und ich organisierte über eine befreundete Ärztin und deren Patientenkreis eine Sammelaktion für Teddys, Puppen usw., um die Kinder damit zu versorgen. Das gab strahlende Augen unter den armen Würmern, aber auch heftige Verteilungskämpfe untereinander. Als die Flüchtlinge zunächst kein frisches Essen, sondern nur abgepackte Portionen ohne Obst und Gemüse bekamen machten wir mit einer größeren Gruppe Flüchtlinge ein Go In ins Rathaus, um eine angemessene Versorgung durchzusetzen. Die Stadt erkkärte, sie sei dazu außerstande. Daraufhin wurde die Obst- und Gemüseabteilung eines Supermarkts geplündert, und die Leute holten sich ihre Vitamine. Auf einer Kundgebung erklärte ein mittlerweile verstorbener Genosse, dies würde nun tagtäglich geschehen, wenn die Flüchtlinge nicht anständig versorgt würden. Tags drauf und von da an auf Dauer hatten die eine anständige Nahrungsversorgung.

Wir veranstalteten auch multikulturelle Straßenfeste, auf denen wir Bücher, Döner, Falafel, Bier und Glühwein verkauften. Den Erlös brachten Leute aus unserer Gruppe, teilweise in der eigenen Unterwäsche verborgen, in den kurdischen Nordirak. Dort wurde das Geld den Leuten, die es brauchten direkt in die Hände gedrückt. Unsere AktivistInnen ( übrigens sehr viele Frauen) reisten dort unten mit einem Jeep mit aufmontierten 12,7mm MG umher, da es wirklich lebensgefährlich war, sich im Nordirak zu bewegen. Unsere größten Leistungen waren der Wiederaufbau einer Schule und einer Brücke, die im 1991er Krieg zerstört worden waren. Dann organisierten oder unterstützten wir Kirchenasyle und die medizinische Versorgung illegalisierter Flüchtlinge, betreuten die Teilnehmer einer Knastrevolte und machten überhaupt sehr viel ehrenamtliche Sozialarbeit. In einem Fall haben wir eine inhaftierte Genossin aus einem türkischen Folterknast rausgeholt. Die meisten dieser Aktionen funktionierten nur, wenn sie nicht nur nicht an die große, sondern an gar keine Glocke gehängt wurden.
Daneben dann auch noch Hausbesetzungen und Anti-AKW-Demos.

Im Nachhinein betrachtet waren wir so eine Art Mischung aus amnesty international, Robin Wood und Caritas, die unter teilweise illegalen und brenzligen Bedingungen operierte und mit anarchokommunistischem Selbstverständnis. Mit dem, was in den Medien als Antifa oder Autonome verbraten wurde hatte das alles so gut wie nichts zu tun. Wir haben vielen Menschen, denen es wirklich dreckig ging geholfen. Und hätten wir es nicht getan, hätte es niemand getan.

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2 Antworten

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  1. Bewundersnwert; das verdient jeden Respekt. Das hätte ich nicht hingekriegt.

    Nörgler

    16. November 2008 at 19:27

  2. Und weißt Du was, es hat einen Heidenspaß gemacht.

    chezweitausendeins

    16. November 2008 at 22:03


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