shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Theorie und Praxis 2: It stroke me like a flash

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Meine Genossen Detlef Hartmann und Gerald Geppert haben ein neues Buch geschrieben: Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus= Materialien für einen neuen Antiimperialismus 8. Das lese ich gerade und bekomme gerade Nachttischlampenfieber, es enthält nämlich ziemlich viele analytisch erhellende Wahrheiten in dichter Folge.

„Nehmen wir die schillernden Etiketten Neoliberalismus oder neoliberale Globalisierung, die alles und nichts erklären. Man könnte selbstredend auch andere gebräuchliche Formeln der globalisierungskritischen Bewegungen nehmen. Inzwischen sind diese Etiketten weit davon entfernt, Werkzeug für kritisch differenziertes Denken zu sein. Abgesehen davon bleiben diese Etiketten, auch wenn in kritischer Absicht benutzt, herrschafts- und kapitalkonform.Sie waren vielleicht geignet, die Theorie der Friedman-Schule, die Konterrevolution in Chile, die Politik der eisernen Lady, die Reaganomics und die Schuldendiktate des IWF oder auch die Operationen der Kohl-Administration, welche in die fischergrünen und sozialdemokratischen Arbeitsmarktreformen mündeten, terminologisch vom Gegenbegriff des Keynesianismus als sozialdemokratischer Etappe abzuheben…Schließlich lassen uns aber die geronnenen Generaletiketten, aller Dynamik des Sozialen entleert, angesichts eines differenzierten gesellschaftlichen Umbruchs eher hilfs- und begriffslos zurück. Dieses ganze aufeinander bezogene Begriffsinstrumentarium ist u.E. ungeeignet, die neuen kapitalistisch staatlichen Feingriffe auf menschliche, sprich soziale Subjektivität und die damit verwobene komplexe Dynamik in den metropolitanen Gesellschaften annähernd zu erfassen, auch wenn sie in den ideologischen Begriffswolken des Neoliberalismus (Qualitätsmanagement, Projekt, empowerment usw.) daherkommen. Die offensive Fortentwicklung des Toyotismus in den Betrieben, zugleich als Industrie- und Sozialpolitik …. angewandt, die mit der bundesdeutschen Arbeitsmarktstrukturierung nun auf die untersten Segmente des Arbeitsmarkts durchschlägt, und die neuen Zumutungen der Selbstvermarktung müssen u.. vielmehr als der Versuch eines totalitären Zugriffs auf menschliche subjektivität beschrieben werden, als eine sich des Sozialen bemächtigende Machtstrategie gezielter und gesteuerter Vereinzelung, der Zurichtung sozialer lebendigkeit auf die Erfordernisse politischer machtentfaltung und kapitalistisch markrwirtschaftlicher Rationalität, die Herz und Verstand, aber auch den Körper des einzelnen umfassen. Angesichts eines solchen Gesellschaftssystems der totalen Subjekt- und Bevölkerungsbewirtschaftung erscheint Neoliberalismus geradezu verharmlosend.“

Und in einer Steilkurve geht es in eine Synopse westlicher Gouvernementalität im Jahre 2008 an sich.

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112 Antworten

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  1. Na ja, stimme der Diagnose ja zu, das ist ja ’ne Foucault-Anwendung, irgendwo zwischen seiner Machttheorie und seiner Gouvernementalitätsdiagnostik angesiedelt – aber Texte, die sich wortreich darin ergehen, sich selbst dadurch zu erhöhen, daß sie einem in politischen Zusammenhängen ganz brauchbaren Begriff bzw. seiner Verwendung dann vorwerfen, daß er ja gar nicht meine, was sie selbst meinen, obwohl das ja gar nicht stimmt, in diesem Blog wurde „neoliberal“ schon oft in diese Richtungen verwandt wie auch in all den Aufsatzbänden zur Gouvernementalität, na, das kommt mir doch immer ein wenig wie Marketing vor. Zudem „Verniedlichung“ dann rummoralisiert, nachdem zuvor diagnostisch getan wurde.

    momorulez

    18. November 2008 at 9:25

  2. […] Offenbar aus: “Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus= Materialien für einen neuen Antiimperialismus 8″ von Detlef Hartmann und Gerald Geppert, zitiert nach Che2001 drüben bei shifting reality. […]

  3. …. und natürlich formieren sich auch prompt die Claqueure und applaudieren freundlichst diesem Verwirrungsversuch (wobei der, der applaudiert, normalerweise gar nicht neoliberal argumentiert).

    Das ist ja bei Neoliberalen mittlerweile ebenso üblich zu behaupten, der Begriff sage nix aus, damit sie in Ruhe weiter den „totalitären Zugriff auf menschliche Subjektivität“ vollziehen können bzw. dafür plädieren, daß dieses systematisch geschehe.

    momorulez

    18. November 2008 at 9:52

  4. naja,Schon lustich, was sie dort drüben draus machen. „Neoliberalismus“ reicht positiv wie negativ als Begriff nicht aus, um zu beschreiben, was geschieht, und sie drehens sich so hin, als wäre es darum eben doch toll. Wie man dann rauslesen kann, dass Linke in dem Text doch zum Ergebnis kämen, endlich, dass der Staat nicht das Grüne vom Ei sei – was soll man denn da diskutieren? Dann findet einer Komplexität do grauenhaft, dass er den Text gar nicht diskutieren mag- ja dann. Bei Thomas Mann lesen wir wohl auch nur die kurzen Sätze, die Ökonomistensprache wird ganz offensichtlich auch nicht gelesen, verstanden auch nicht, und das „Cluster“ ein gebräuchlicher Terminus in verschiedenen Disziplinen ist, ist auch egal.

    Ich bin übrigens nicht allzu verwirrt vom Text.

    T. Albert

    18. November 2008 at 12:16

  5. Verzeihung: Thomas Mann hat verständliche Sätze geschrieben;-)

    stefanolix

    18. November 2008 at 12:34

  6. „Wie man dann rauslesen kann, dass Linke in dem Text doch zum Ergebnis kämen, endlich, dass der Staat nicht das Grüne vom Ei sei“

    Da habe ich mich eben auch weggeschmissen, als ich das gelesen habe … die sind teilweise so dermaßen von frei jeglicher ideen- und realgeschichtlichen Bildung, das ist lustig.

    momorulez

    18. November 2008 at 12:37

  7. @Stefanolix:

    Es ist nicht immer das Problem des Textes, wenn man ihn nicht versteht – wie war noch das Adorno-Bonmot, das wir mal hier oben drüber stehen hatten? „NUr was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“, oder? 😉

    momorulez

    18. November 2008 at 12:38

  8. Ich hatte mich lediglich auf die Verständlichkeit der Sprache bezogen. Der Begriff »Verständlichkeit« ist hier beispielsweise im Sinne der Kommunikationsbücher von Friedemann Schulz von Thun gemeint. Den Thomas Mann hat übrigens T. Albert ins Spiel gebracht.

    Ein zitierter Text wird übrigens nicht verständlicher, wenn man beim Zitieren noch eine Menge Flüchtigkeitsfehler macht. Aber vielleicht versteht Ihr das auf Eurem hohen Ross schon gar nicht mehr.

    stefanolix

    18. November 2008 at 12:59

  9. @Stefanolix:

    Das hat mit hohem Ross einen Scheißdreck zu tun, sondern mit Respekt vor der gedanklichen Mühe, die sich da jemand gegeben hat. Was meinste, wie’s mir in meinem ersten Semster in meinem ersten Foucault-Seminar ging – in eurer Sprache war das dann ein „Anreiz“, verstehen zu wollen.

    Da werden einige Voraussetzungen gemacht, das stimmt schon. Wenn man Horkdorno und Foucault ein wenig kennt, dann liest sich das leichter, das stimmt schon. Aber man kann das auch so verstehen, wenn man will.

    Und kommunikationstheoretisch halte ich’s ja immer noch mit Watzlawick und Habermas 😉 … dieser Schulz von Thun war immer was für Pädagogik-Studenten (so, jetzt lasse ich mich gerne des auf einem hoghen Roß sitzend beschimpfen 😉 ).

    momorulez

    18. November 2008 at 13:19

  10. @“aber Texte, die sich wortreich darin ergehen, sich selbst dadurch zu erhöhen, daß sie einem in politischen Zusammenhängen ganz brauchbaren Begriff bzw. seiner Verwendung dann vorwerfen, daß er ja gar nicht meine, was sie selbst meinen“ —- nönö, genau darum geht es nicht. Hartmann und Geppert vertreten die Auffassung, dass das, was gemeinhin als Neoliberalismus definiert wird, in erster Linie die Formationsphase von dem bezeichnet, was mittlerweile mit voller Kraft zum Durchschlag kommt, die Tragweite des behandelten Prozesses, für denen es noch kein Wort gibt, aber nicht mehr erfasst. Das Buch versteht sich im übrigen als diskursive Bausteinhalde zur weiteren Analyse, wie die „Materialien“-Bände (deswegen heißen sie so) generell.

    che2001

    18. November 2008 at 13:29

  11. Formationsphase will sagen: So von Friedman bis Kohl.

    che2001

    18. November 2008 at 13:36

  12. Es kann kein Mensch in Frieden diskutieren, wenn’s dem dummen Nachbarn nicht gefällt…

    Chajm Tycke

    18. November 2008 at 13:38

  13. „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, muß das nicht am Buch liegen.“
    Karl Kraus

    Nörgler

    18. November 2008 at 15:48

  14. Das Buch beschäftigt sich mit der Art, wie die Erziehung zur Internalisierung der neoliberalen Strukturen funktioniert übrigens sehr konkret, z.B. am Modell der Autostadt, die sowohl als struktureller Cluster (eigentlich ein Marketingprojekt des VW-Konzerns, aber in public-private-partnership wie eine Institution öffentlichen Rechts agierend) als auch als Beschäftigungsmodell (ähnlich Auto 5000 die strengen Tarifnormen des Mutterkonzerns selbst unterminierend) charkteristisch ist für die Schaffung von Strukturen, mit denen sich die alten Industrien mit ihren korporatistischen postkeynesianischen Strukturen Schritt für Schritt selbst abschaffen (z.B. mit solchen Methoden:

    http://www.boocompany.my/index.cfm/content/story/id/14669/).

    che2001

    18. November 2008 at 16:09

  15. Der Begriff Neoliberalismus sagt schon etwas aus. Nur nicht so, wie er von manchen seiner Gegner verwendet wird. Dann wird er nämlich plötzlich zum Synonym für alles Schlechte auf dieser Welt. Was mir erheblich auf die Nerven geht.

    Aber ist ja ein alter Hut, diese Diskussion.

    karstenduerotin

    18. November 2008 at 17:10

  16. Selbstverständlich, Karsten, ist die Differenzierung ein hohes Gut.
    Da Du, wie Dein Kommentar zeigt, im Bereich der Differenzierung über ausgewiesene Expertise verfügst, sind wir gespannt auf Deine alles Schlechte dieser Welt aufführende Liste, wobei jeder Einzelpunkt gekennzeichnet wird: „a“ = „Neoliberalismus ist schuld“, „b“ = „Neoliberalismus ist nicht schuld“.
    Diese Liste hülfe einem schmerzlich empfundenen Desiderat ab, verschaffte sie doch der schwankenden politischen Diskussion endlich sicheren Grund.

    Nörgler

    18. November 2008 at 17:46

  17. Ja, also, Thomas Mann: da kenn ich Leute, die streiten das grundweg ab, dass der verständliche Sätze geschrieben hätte: Die lesen den deswegen nicht, weil er zu lange und darum unverständliche Schachtelsätze geschwurbelt hätte, trotzdem wissen sie aber, dass er lange und darum unverständliche Sätze geschrieben hätte. Arno Schmidt hamse dann aber ooch nich jelesen, Wissen aber, dass der kompliziert wäre.
    Es hat mal vor zwanzig Jahren jemand bei einem kleinen, irrelevanten Preiswettbewerb der „Bauwelt“ ein Blinder einen dicken Bildband über irgendeine historische Architektur gewonnen.

    Der Begriff Neoliberalismus sagt schon etwas aus. Das, was seine Gegner daran kritisieren. Meine Lieben! Ich brauche doch nur den Fernseher um Acht anzumachen, dann höre ich sie alle. Ich höre doch dem Herrn Professor Sinn immer zu. Kürzlich hatte er kein gutes Menschenbild, als er über Manager und ihre Löhne sprach. Diese Fünfhunderttausend-Grenze fand er auf Handeln in der Krise bezogen anreizmässig einen doofen Fehler.
    Dass alle Menschen am Ende für alle andern Gutes wollen, ist doch auch klar. Will ich auch, bin aber kein Neoliberaler. Wenn man mir auf neoliberal den Markt als katholon verkauft, dann wird „neoliberal“ zum Synonym für alles Schlechte auf dieser Welt. Ist doch nicht unsere Schuld, diese Diskussion.

    Ausserdem, das bisschen Druck auf Deine Nerven – es läuft doch alles wie geschmiert.

    T. Albert

    18. November 2008 at 17:59

  18. Für freiheitlich gesinnte Menschen, die Schwierigkeiten im Deutschen haben, sollten wir die Menge zulässiger Sätze definieren. Ich fange schon mal an:

    1. „Du deregulier – alles gutt!“
    2. „Wert nur auffe Markt, in Fabrik mache nix Wert.“
    3. „Will ich nix Jud in meine Lade mache Schild ‚Nix Jud hier!'“

    Das wär’s eigentlich schon. Oder brauchen wir noch einen Satz?

    Noergler

    18. November 2008 at 18:25

  19. Welche Fabrik denn noch? Wo? Sind doch alle weg.

    T. Albert

    18. November 2008 at 18:37

  20. „Das wär’s eigentlich schon. Oder brauchen wir noch einen Satz?“

    Da hat sich ja nach 18:25 noch einer eingeschlichen! Dreisterweise. Ein Dreistsatz.

    David

    18. November 2008 at 18:41

  21. Wieso?

    T. Albert

    18. November 2008 at 18:47

  22. Hm, bin mir ziemlich sicher, eben noch nur 1. und 3. im RSS-Reader gehabt zu haben. Jetzt sind es plötzlich alle drei. Ich tendiere dazu, das auf Eigenschaften von Akregator zurückzuführen, kann aber nicht ausschließen, daß ich, geblendet vom Nörgler’schen Glanz, zunächst einfach 2. übersehen hatte.

    David

    18. November 2008 at 18:56

  23. @Nörgler:
    Ich wüsste nicht, dass ich eine solche Liste angekündigt hätte. Also wird Dein Warten wohl vergeblich sein…

    karstenduerotin

    18. November 2008 at 19:14

  24. Wenn Du kritisch erklärst, Neoliberalismus werde zum Synonym für alles Schlechte auf der Welt, dann spüre ich deutlich, dass Du über eine solche Liste verfügst. Du willst sie jetzt nur geheimhalten und nicht rausrücken damit.

    Nörgler

    18. November 2008 at 19:54

  25. Ja, so bin ich. Geheimniskrämerisch und nicht willens, mein überragendes Wissen mit anderen Leuten zu teilen. Ich werd‘ Dich doch nicht erleuchten…

    karstenduerotin

    18. November 2008 at 20:00

  26. Jedenfalls gut zu wissen, dass die Liste existiert. Die Wahrheit wird uns schon nicht davonlaufen.

    Nörgler

    18. November 2008 at 20:08

  27. Aber woher kommts?
    Karsten, ernsthaft, diese Punkte verdichten zur Liste, wenn man gewisse Blogs und Zeitungen liest. Irgendwer erzählt doch so Zeugs. Und wenn nicht Blogautoren, dann Kommentatoren, deren Auslassungen wohlgesonnen diskutiert werden.

    T. Albert

    18. November 2008 at 22:13

  28. Aber woher kommts?
    Karsten, ernsthaft, diese Punkte verdichten zur Liste, wenn man gewisse Blogs und Zeitungen liest. Irgendwer erzählt doch so Zeugs. Und wenn nicht Blogautoren, dann Kommentatoren, deren Auslassungen wohlgesonnen diskutiert werden.

    T. Albert

    18. November 2008 at 22:15

  29. @T.Alber:
    Wer erzählt welches Zeugs, das sich dann zu was für einer Liste verdichtet? Da komme ich jetzt nicht mehr mit. Ich dachte, diese Liste sei etwas, das ich verfasst hätte…

    Im Übrigen finde ich erstaunlich, dass Ihr im Fernsehen offenbar immer nur Professor Sinn (den ich auch oft unerträglich finde) und seine Jünger seht. Ich sehe eigentlich viel öfter Diskutanten, die ein Wettrennen darum veranstalten, wer nun weniger neoliberal ist. Der absolute Brüller war für mich Lucy Redler, die der PDS diesen Vorwurf entgegenschmiss.

    karstenduerotin

    18. November 2008 at 22:40

  30. „Welche Fabrik denn noch? Wo? Sind doch alle weg.“
    Das macht aber nichts, da die Fabriken der „subjektiven Wertlehre“ zufolge ohnedies keinen Wert schaffen, da dieser allererst im marktlichen Tausch entsteht.

    Nörgler

    18. November 2008 at 22:44

  31. Da wurde hier unter Mühen herausgearbeitet, dass Karsten die Liste hat, und T. Albert zerredet es wieder.
    Karstens Liste – da kann der Schindler doch einpacken.

    Nörgler

    18. November 2008 at 22:48

  32. *listedurchguck*

    An T.Alberts Zerreden ist der Neoliberalismus nicht schuld. Auch, wenn es manchmal zum Schlechten auf dieser Welt gehört. 🙂

    karstenduerotin

    18. November 2008 at 23:54

  33. Fabriken:
    Ja, das meinte ich mit meiner Rückfrage.

    Karsten,
    der Professor Sinn ist nur einer, der mich mittlerweile dauerhaft begleitet. Wer seine Jünger sind, weiss ich nicht, aber das werden u. a. all die anderen sein, die gerade immer dasselbe erzählen, als hätten sie sich besprochen. Jetzt z. B. haben wir keine Systemkrise mehr, sondern einen Tsunami. Tsunamis sind Naturkatastrophen, am System wirkten immerhin noch Menschen mit, die aber keine Verantwortung für gar nichts hatten. Vor dem System waren es wir doofen Finanzproduktekonsumenten, die eben altersicherungsmässig zu gierig sind.

    Vor sechs Wochen habe ich ja noch versucht, wirtschaftsliberalen Vorstellungen zu folgen, immerhin, weil die wirtschaftssprachlich so daher kommen, dass der Laie erstmal beeindruckt ist. Aber jetzt sind ja alle Hosen wirklich gefallen und ich sehe genau das, was die Hosenträger die ganze Zeit erzählen.
    Die sagen alle eben das, was wir als neoliberal kritisieren.
    Was ist denn dann neoliberal?

    T. Albert

    19. November 2008 at 0:08

  34. Na. Karsten sagt doch, daß „neoliberal“ eh ’ne Chimäre ist. Was ja praktisch ist, weil von Fall zu Fall waren das dann immer alles nur die anderen. Und zu denen gehört jetzt auch vorsichtshalber mal Herr Sinn.

    Das ist eine reine Immunisierungsstrategie wie auch die Behauptung, 1.) was neoliberal sei, wüßten ja nur die Kritiker, einen Gegenstand, auf den das referiert, gibt es ja gar nicht, und b.) anstatt etwas zu meinen, sucht man eine Welterklärung für das Böse. Die wahren Rassisten sind ja auch immer nur die Schwarzen.

    Das ist einfach perfekte Kommunikationsverweigerung – notfalls hat das gegenüber immer einen Knall, und man kann weiter monologisioeren, wie’s gerade in den Kram paßt … sowas wie „intersubjektive Überprüfbarkeit“ verschwindet mal eben aus dem Gespräch, und man hat automatisch immer recht.

    momorulez

    19. November 2008 at 10:32

  35. Ich versuche es noch einmal: Im Artikel wird meines Erachtens nicht sachgerecht zitiert. Das gebietet aber schon der Respekt vor den Autoren. Ich würde mich gern mit dem vollständigen und richtig wiedergegebenen Zitat beschäftigen. Ich würde mich auch darauf einlassen, einige Seiten im Zusammenhang zu lesen, wenn sie online zugänglich wären.

    Was lese ich aus dem Zitierten heraus? Die Autoren formulieren dort beispielsweise ihr Unbehagen an bestimmten »Begriffswolken des Neoliberalismus«. Sie nennen beispielhaft: Toyotismus, Qualitätsmanagement, Projekt, Empowerment. Wenn man das unter der Überschrift »Die neue Etappe des Kapitalismus = Materialien für einen neuen Antiimperialismus« liest, kann das Unbehagen nicht verwundern.

    Im einzelnen: hinter dem Begriff Toyotismus steckt eine spezielle Art der Produktionsorganisation, die in Japan entwickelt und in Westeuropa adaptiert wurde. Die Mitarbeiter haben in diesem System mehr Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung und mehr Verantwortung als bei einer reinen Fließbandarbeit.

    Ich habe oft mit Facharbeitern und Meistern aus solchen Unternehmen zu tun. Sie sehen natürlich Vorteile und Nachteile dieser Art der Produktionsorganisation. Es gibt gerade bei Teamarbeit einen nicht unerheblichen Druck in der Gruppe. Auf der anderen Seite wird Leistung innerhalb der Gruppe akzeptiert und nach meiner Erfahrung werden auch schwächere Mitarbeiter integriert, wenn sie individuell etwas zum Zusammenhalt des Teams beitragen. Zum Fließband will eigentlich keiner mehr zurück, der es einmal kennengelernt hat. Für die meisten Mitarbeiter überwiegen die Vorteile.

    Die oben zitierten Autoren würden vermutlich auch jede andere Methode ablehnen, weil im Grunde jedes Arbeitsverhältnis bei einem (Auto)Konzern in ihren Augen kapitalistische Ausbeutung ist. Kein großes Unternehmen kann seine Arbeit so organisieren, dass es antiimperialistischen Autoren recht ist. Und im Grunde ist das ja auch nicht der Sinn der Produktionsorganisation;-)

    Begriffe wie Qualitätsmanagement und Projekt(management) können positiv oder negativ besetzt sein. Der Begriff Projekt ist schon für viele Mitarbeiter ein Reizwort. Mit einem Projekt kann ein allgemein akzeptiertes Ziel verbunden sein, das durch sinnvolle Planung, Organisation und Durchführung erreicht wird.

    Mit einem Projekt können allerdings auch Befristung, Stress, Unsicherheit, ungesunder Druck und unrealistische Ziele verbunden sein. Da der Begriff »Projekt« in keiner Weise geschützt ist, kann er natürlich als Reizwort herhalten. Was nichts daran ändert, dass Projektmanagement sinnvoll angewendet werden kann und sinnvoll angewendet wird.

    Qualitätsmanagement (QM) ist ein ähnliches Reizwort, weil die Mitarbeiter im Grunde fühlen, dass es großenteils um Formalitäten und rechtliche Absicherung, aber nur zu einem geringen Teil um Qualität geht. QM bringt also zusätzliche Belastungen und scheint eher von der Arbeit abzuhalten. Der sinnvolle Teil des QM ist aber unerlässlich, wenn Wertschöpfungsketten funktionieren sollen. Ähnlich sieht es mit dem Sicherheitsmanagement und mit dem Umweltmanagement aus: es gibt in allen drei Managementsystemen einen sinnvollen Kern, aber auch viel bürokratische Belastung.

    stefanolix

    19. November 2008 at 10:35

  36. Ich sprach nie von einer Chimäre. Der Begriff hat eine Bedeutung, von dem ein Teilbereich auch der entspricht, die die Grundlage der gebetsmühlenartigen Verwendung bei Globalisierungskritikern und utopischen Weltverbesserern ist. Auch eine Kritik des Neoliberalismus will ich ja gar nicht bekämpfen. Erstens muss jede Ideologie, jedes gedankliche System ohnehin ständig der Kritik ausgesetzt werden, zweitens gibt es ja sehr problematische Entwicklungen, die tatsächlich mit neoliberalen Dogmen zusammenhängen.

    Mich nervt doch vielmehr, dass jede negative Entwicklung in manchen Kreisen mit diesem Begriff… nein, eben nicht erläutert, sondern verbrämt wird. In Somalia herrscht Chaos und Anarchie? Das liegt nicht an der Tatsache, dass dort eine autoritäre Regierung von archaisch strukturierten Clans gestürzt wurde, die sich dann keine friedlichen Strukturen des Zusammenlebens schaffen konnten, sondern am Neoliberalismus. Im Kongo herrscht nur das Gesetz des Stärkeren? Das liegt natürlich nicht daran, dass dort einfach zu viele Waffen auch aus der Zeit des Kalten Krieges kursieren, sondern am Neoliberalismus. Die westliche Autoindustrie wankt? Liegt natürlich nicht an verfehlter Produktpolitik, mangelnder Orientierung an Kundenwünschen und schlechter Entwicklung, sondern am Neoliberalismus. Die Reallöhne im Westen sinken? Hat natürlich nichts mit einer Neuorientierung aufgrund langsam endender Hauptressourcen zu tun, sondern mit dem Neoliberalismus. Ein anderes System könnte Rohstoffe aus dem Nichts erzeugen. Pffft.

    Wobei mir schon klar ist, dass auch von diesen meinen Erklärungen einige in genau das hineinspielen, was am „Neoliberalismus“ kritisiert wird. Aber meistens sind diese Muster ein Teil der Erklärung, manchmal auch nur ein ganz kleiner. Und die Welt wird sicher kein Garten der Glückseligkeit, wenn man Herrn Sinn die Professur entzieht.

    Kommunikationsverweigerung würde ich eher denjenigen attestieren, die da mit einem religiösen Pathos agieren und so tun, als seien sie mit dem Kampf gegen den Neoliberalismus auf dem Weg zur Heilung der Menschheit und Welt, als hätten sie endlich das ultimativ Böse entdeckt und müssten nur die Antithese dazu finden.

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 10:50

  37. @stefanolix:
    Ich muss zugeben, ich habe überhaupt nicht sachgerecht zitiert, sondern bequem etwas herausgenommen, was mir für einen frechen Kommentar passend erschien. Ich sehe aber ein, dass der Text eventuell etwas anders gemeint war, was mir aber in diesem Falle… hmmm… egal war. 🙂

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 10:52

  38. @Stefanolix:

    Pointe – oder Ziel – des Textes ist es ja eher, was das mit mir macht, daß ich in den von Dir skizzierten Zusammenhängen aktiv bin.

    Den nervt es, daß man nur den politische Rahmen – also Friedman, Thtacher, regan und die Folgen – skizziert wird, nicht jedoch die jeweilige Weise, wie meine alltägliche Arbeit mich dazu bringt, mich als Individuum mit den Eingenschaften und Dispositionen x, y und z zu begreifen.

    Und „Projekt“ signalisiert mir: Oops, Zeitvertrag! Muß mich danach wieder neu anbieten und neu vermarkten! Mehr Veranttwortung heißt: Oooops, dann bin ich schuld, wenn’s schief geht, und darf beim nächsten Projekt nicht mehr mitmachen!

    Habe ja selbst gerade vier Jahre hinter mir, wo ich für wenig Geld die komplette Verantwortung für die Auslastung einer Filiale von bis zu 30 projektbezogenen Beschäftigten hatte wie auch der Abwicklung der Aufträge und wurde nun u.a. gefeuert, weil mir das zu doof war, zwar die gesamte Arbeit und alle Projekte bei vollem persönlichen Risiko meinen eigenen Ruf in der Branche betreffend, der schon mein ganzes Kapital ist, zu verantworten, den Gewinn überweisen sich aber andere, die das sechs- zehnfache von mir verdienen.

    Das ist ja das zwiespältige an der „Eigenverantwortung“ auch in Beschäftigungsverhältnissen: Klar, der „Preis der freheit ist das Risiko (Kofler)“, nur daß ich gar keine Möglichkeit habe, meines abzufedern, ganz im Gegensatz zu jenen, die sich die Gewinne überweisen.

    Das führt dann in ein Hamsterrad, und dieses – bildich gesprochen – formt mein So- oder – So-Sein, meine Verhaltensmuster, in Relation zu ihm definiere ich das, was man „Identität“ nennt.

    „als eine sich des Sozialen bemächtigende Machtstrategie gezielter und gesteuerter Vereinzelung, der Zurichtung sozialer lebendigkeit auf die Erfordernisse politischer machtentfaltung und kapitalistisch markrwirtschaftlicher Rationalität, die Herz und Verstand, aber auch den Körper des einzelnen umfassen“

    Wenn Du das jetzt noch auf Ich-AGS und Hartz IV-Empfänger beziehst, die mittels „Eingliederungsvereinbarung“ ganztägig gegängelt werden, dann erzeugt das natürlich bei denen im viel schlimmeren Ausmaß ein Hamsterrad. Weil die häufig noch nicht mal über mein kulturelles und soziales Kapital verfügen.

    Entsolidarisierung und Vereinzelung ist das, was über das „Qualitätsmanagement“ und die „Projekte“ der Konkurrenzdruck untereinander erhöht wird, weil stets das Prekäre lauert, nachdem alles Arbeiitnehmerrechte abgeräumt wurden,. Das macht Dich zum ängstlichen Feigling.

    Und unsereins erträumt sich dann immer ’nen 17. Juni, als an der Stalinallee gegen die Normerhöhung revoltiert wurde – nur daß in Zeiten von Schufa-Stasi und GRÜNE-FDP-SPD-CDU-Einheitspartei und Arbeitgeberverbands-SED kein Schwein mehr revoltiert, sondern ganz wie in der DDR die meisten Angst haben und wahrscheinlich sofort im Sinne der Effizienzsteigerung und der Qualtätsoptimierung den Kontaktbereichsbeamten spielen würden wollen, nur daß das heute ja „middle-Managemnt“ heißt.

    momorulez

    19. November 2008 at 11:04

  39. @Karsten:

    „die da mit einem religiösen Pathos agieren und so tun, als seien sie mit dem Kampf gegen den Neoliberalismus auf dem Weg zur Heilung der Menschheit und Welt, als hätten sie endlich das ultimativ Böse entdeckt und müssten nur die Antithese dazu finden.“

    Wer macht denn das? Gehst Du da nicht der Propaganda mancher Deiner Mitblogger auf den Leim?

    Und welches Deiner Beispiele nun mit Deruglierung und erwzungenem „Frehandel“ wie auch dem Hunger der westlichen Ex-Kolonialmächte nach Rohstoffen zu tun haben und welche nicht, das müßte man im Einzelnen durchklamüsern. Die „verfehlte Produktpolitik“ von GM z.B. basiert ja auch auf der Ölpreisentwicklung, und wie nun immer gerade zustande kommt, da müßte man mal tiefer einsteigen …

    momorulez

    19. November 2008 at 11:11

  40. @“ In Somalia herrscht Chaos und Anarchie? Das liegt nicht an der Tatsache, dass dort eine autoritäre Regierung von archaisch strukturierten Clans gestürzt wurde, die sich dann keine friedlichen Strukturen des Zusammenlebens schaffen konnten, sondern daran, dass Länder wie Somalia von der westlichen Entwicklungspolitik aufgegeben wurden, da ein Return of Investment der vergebenen Entwicklungskredite nicht zu erwarten ist und die verbreitete Dürre und Wüstenbildung, die selbst eine Folge verfehlter Entwicklungspolitik ist, eine Cash-Crop-Produktion für den Weltmarkt uninteressant erscheinen lässt. Es lag in der Logik keynesianischer Entwicklungspolitik, Entwicklungsdiktaturen im Sahel zu stützen. In der Logik neoliberaler/postfordistischer Politik liegt das nicht, da überlässt man ökonomisch uninteressante Weltregionen sich selbst oder versucht befristet mit militärischen Mitteln für Ordnung zu sorgen, ohne nachhaltig in die zivile Infrastruktur zu investieren.

    Im Kongo herrscht nur das Gesetz des Stärkeren? Das liegt natürlich nicht daran, dass dort einfach zu viele Waffen auch aus der Zeit des Kalten Krieges kursieren, sondern an der Ausbeutung billiger Rohstoffe und der Behandlung ganzer Regionen als Minen und Plantagen mit lästiger Bevölkerung darauf seit 1908 und dem Bestreben, diese fortzusetzen.

    Die westliche Autoindustrie wankt? Liegt natürlich nicht an verfehlter Produktpolitik, mangelnder Orientierung an Kundenwünschen und schlechter Entwicklung, sondern an einer Kapitallogik, die Gewinnsteigerungen nur noch durch eine immer weitergehende Diversifizierung und Verdelung der Produkte möglich erscheinen lässt, die sich irgendwann von den Möglichkeiten der Konsumenten abgekoppelt hat. Die Produktion ausschließlich für den Normalautofahrer in bar bezahlbarer PKW führte zu einer Automobilindustrie, die nicht mehr in der Lage wäre, Dividenden auszuschütten.

    Die Reallöhne im Westen sinken? Hat natürlich nichts mit einer Neuorientierung aufgrund langsam endender Hauptressourcen zu tun, sondern mit dem Neoliberalismus. Ein anderes System könnte Rohstoffe aus dem Nichts erzeugen. Hat niemand behauptet. Kritik am Neoliberalismus bedeutet ja gar nicht, selber ein besseres Modell präsentieren zu können, wenn es dies andererseits auch nicht ausschließt.

    che2001

    19. November 2008 at 11:18

  41. stefanolix

    „Toyotismus“, herrjeh, ist in dem Text nicht Teil einer „neoliberalen Begriffswolke“, sondern wird als Toyotismus angesprochen: Der Toyotismus wird offensiv fortentwickelt usw.

    Ich sags ja immer, Ihr könnt allesamt nicht direkte von indirekter Rede unterscheiden.
    Es wird auch von „Neoliberalismus“ „Globalisierung“ als von schillernden „Etiketten, die alles und nichts erklären“ gesprochen. Den Gehalt dieses Satzes kann man deswegen am einfachsten erfassen, weil er gleich am Anfang steht.

    Karsten,
    es ist die Rede von alles und nichts erklärenden Erklärungsmodellen, als die ich die „Etiketten“ auffasse. Und wenn hier „Neoliberalismus“ kritisiert wird, dann deswegen, weil mit diesem Etikett von Neoliberalen alles und nichts erklärt wird, repektive als richtig erklärt wird. Der Text sagt lediglich, das kann jeder mit eigenen Augen lesen, dass eben diese Begriffe, ob affirmierend oder diffamierend verwandt, nicht aureichen, um das zu umfassen, was geschichtlich bis ins einzelne Subjekt jetzt im Moment gerade abläuft.

    T. Albert

    19. November 2008 at 11:38

  42. @Karsten: Nein, ich meine die Art, in der Che oben den Text der beiden Autoren wiedergibt.

    @Momorules: Ich muss dem Ideologie-Vorwurf entschieden entgegentreten, bei uns gibt es keine Propaganda. Haben wir nicht nötig;-)

    Ich habe ja selbst geschrieben, dass Projekte die von Dir beschriebenen Formen annehmen können. Das ist Dein Erfahrungsraum und nicht zufällig fühlst Du Dich von den beiden Autoren darin bestätigt. Ob Du keine Möglichkeit hattest, Dein Risiko abzufedern, kann ich nicht einschätzen. Jetzt als Freiberufler hast Du sie ja bald;-)

    Ich finde die befristete freiberufliche Arbeitsweise mit immer neuen Aufgaben nach zehn Jahren Erfahrung nicht mehr schlimm. Ich habe mehrere »Standbeine« und mindestens zwei davon sind eigentlich immer auf sicherem Grund. Ich mache manche Arbeit seit zehn Jahren, manche schöne Arbeit ging irgendwann zu Ende und in manchem Scheißprojekt war ich froh, wenn ich mein Geld mitnehmen konnte und es endlich zu Ende war. Aber bisher hatte ich immer irgend etwas zu tun, was gleichzeitig Spaß gemacht und Geld eingebracht hat;-)

    Für die Produktion in großen Unternehmen sehe ich eben einen adaptierten und ständig weiterentwickelten »Toyotismus« nicht grundsätzlich als falsch an. Dort ist ja die Produktion ganz anders organisiert als in Deinem (ehemaligen) Unternehmen. Die Produktionsorganisation soll auf Facharbeiter zugeschnitten sein, nicht auf jemanden mit Deinem oder meinem Status.

    Alles, was ich oben geschrieben habe, bezog sich auf Mitarbeiter in irgendeiner Art von Beschäftigungsverhältnis. Könnten wir Langzeitarbeitslose /hier/ bitte mal ausklammern, damit die Diskussion nicht völlig ausufert?

    stefanolix

    19. November 2008 at 11:38

  43. Nebenbei, Streiflicht hierzu (letzter Kommentar):

    http://che2001.blogger.de/stories/1270408/#1271552

    chezweitausendeins

    19. November 2008 at 11:39

  44. @T.Albert: Jetzt wollen wir bitte mal nicht kleinlich werden. Das Empowerment ist in dem oben zitierten Text Teil der »neoliberalen Begriffswolke« und hat direkt etwas mit den heute angewandten Formen des Toyotismus zu tun. Ich muss meinen Kommentar nicht wesentlich ändern, damit das deutlich wird. Wenn man den Zusammenhang allerdings nicht erkennen will, kann man sich auch an puren Nebensächlichkeiten hochziehen. Viel Spaß dabei;-)

    Du schreibst:
    Der Text sagt lediglich, das kann jeder mit eigenen Augen lesen, dass eben diese Begriffe, ob affirmierend oder diffamierend verwandt, nicht aureichen, um das zu umfassen, was geschichtlich bis ins einzelne Subjekt jetzt im Moment gerade abläuft.

    Dann bin ich jetzt auf neue Begriffe und neue Definitionen gespannt, die der historischen Situation besser gerecht werden.

    stefanolix

    19. November 2008 at 11:48

  45. Dies zu erarbeiten ist eines der Anliegen des Buchs. Vielleicht steht es auch drin, dann habe ich noch nicht weit genug gelesen.

    che2001

    19. November 2008 at 11:58

  46. OK, dann lass uns an den Erkenntnissen teilhaben oder überrede Deine Kollegen, das Buch online verfügbar zu machen;-)

    stefanolix

    19. November 2008 at 12:01

  47. Naja, gur, sind immer Kleinlichkeiten, ich weiss. Kommt wohl aufs Fach an. Dass Text- und Dinganalyse eine kleinliche Sache ist, war mal ein Vorteil der deutschen Bildungssysteme und Wirtschaft. Aber das ist auch vorbei. Lebensgefährdend beweist das die Deutsche Bahn, unter vielen andern gefährlichen Schlampern ohne Verantwortung.
    An dem Einwand jetzt merke ich, dass ich vielleicht aufhören sollte, Studenten zu unterrichten.
    Wir brauchen das alles nicht mehr, wir können sofort die Dinge irgendwie hinschrauben, wir kommen ohne jede Fähigkeit zur Beschreibung aus, wissen aber immer wie die Dinge aussehen und wie sie gemacht werden. Sorry. Aber das ist ein Kardinalproblem.

    T. Albert

    19. November 2008 at 12:02

  48. @Stefanolix:

    „Könnten wir Langzeitarbeitslose /hier/ bitte mal ausklammern, damit die Diskussion nicht völlig ausufert?“

    Nee, können wir nicht, weil das ja zusammengehört: Das ist ja die Drohung. Jede Gängelung eines Hartz IV-Empfängers ist eine Drohgärde in Deine Richtung. Und die sind auch nicht naturwüchsig passiert, sondern das hat schon was mit dem Thema zu tun, daß es sie gibt.

    momorulez

    19. November 2008 at 12:16

  49. @T.Albert: Wenn Du inhaltlich nichts mehr beitragen möchtest, können wir unseren kleinen Disput gern beenden;-)

    Das »Empowerment« steht in direktem Zusammenhang mit dem »Toyotismus«, weil der Toyotismus ohne diese Methode überhaupt nicht funktionieren kann. — Selbstverständlich steht es jedem frei, die Selbstverantwortung und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz zu kritisieren (siehe die Diskussion bei Che, unter anderem mit dem Kommentator »saltoftheearth«). Welche Alternativen werden denn angeboten?

    stefanolix

    19. November 2008 at 12:20

  50. Im Gegenteil, Hartmann und Geppert schreiben, dass die Bewirtschaftung der individuellen Fähigkeiten und Potenziale im Zweifelsfalle bis zur Todesdrohung reicht, da selbst HartzIV-Empfängern kein Existenzrecht unabhängig von ihrer Bereitschaft zur Kooperation zugestanden wird (mit Bezugnahme auf einen HartzIV-Empfänger, der verhungert ist, weil ein Antrag nicht bearbeitet wurde und er psychisch nicht in der Lage war sich zu artikulieren). Dies war in der ursprpünglichen Sozialhilferegelung nicht der Fall. Den Autoren zufolge ist dies die totalitärste Verfügung über die Lebenschancen des Einzelnen seit dem NS.

    che2001

    19. November 2008 at 12:22

  51. @Momorulez: Doch, sollten wir — solange wir über die Arbeitswelt derer diskutieren, die in einem Unternehmen arbeiten. Die Gängelung von Hartz-IV-Empfängern hat mit Deiner und meiner Arbeitswelt nichts zu tun. Ich habe dazu meine Meinung schon gesagt und werde es gern auch wieder tun, aber man muss es nicht in jedes Thema mit hineinziehen.

    stefanolix

    19. November 2008 at 12:25

  52. @Che: Dieser These muss ich entschieden widersprechen. Auch im alten Sozialhilfesystem der BRD oder im System der DDR sind Menschen verelendet gestorben, wenn sie durch psychische Krankheiten (oder aufgrund von Suchtproblemen) nicht mehr in der Lage waren, ihre Ansprüche geltend zu machen. Der oben zitierte Einzelfall kann in jedem Sozialsystem geschehen.

    stefanolix

    19. November 2008 at 12:30

  53. ich steige wirklich aus, weil ich nicht ständig über einen andern text reden will, als den, der da steht. so einfach ist das.
    meinen dir nicht-inhaltlich erscheinenden beitrag meine ich im übrigen bitterernst. ausgerechnet da willst du den zusammenhang nicht erkennen.
    mir kommt das immer so vor: jemand hat die aufgabe, bäuchlings auf dem boden liegend den 2,20m hohen und 1,80m breiten sowie 35cm tiefen schrank vor ihm perspektivisch richtig zu zeichnen und rauskommt eine skizze davon wie der schrank von oben aussehen könnte, wenn er die draufsicht sehen würde. das tut er aber nicht, er hat nur nicht kapiert, wie perspektive funktioniert.
    ciao

    T. Albert

    19. November 2008 at 12:40

  54. besonders schlaue studenten grinsen dann noch rum: wie, ist das keine kunst?

    T. Albert

    19. November 2008 at 12:42

  55. @Stefanolix:

    „Die Gängelung von Hartz-IV-Empfängern hat mit Deiner und meiner Arbeitswelt nichts zu tun.“

    Doch, natürlich. Weil ich da Angst vor habe, und die eine Bank, mit der ich derzeit verhandel, mich ebenso wie manche Investoren zuvor genau damit bedrohen. Denen sind quasi-staatliche Bürgschaften schnurz, stattdessen wollen sie meine Wohnung, die HARTZ IV-sicher wäre, beleihen.

    Das ist ein akute Drohung mit Obdachlosigkeit, zu der ich im aktuellen System NULL Alternative habe. Und das alles nur, um ein Hamsterrad zu erzeugen. Red mal mit Risiko-Kapitalgebern: Die maximieren zugleich das Risiko für Dich, damit Du ab dann versklavt bist. Und natürlich generiert sowas Subjektivitätsmuster.

    Aber das Erbschaftsrecht im Sinne der CSU ändern … ich lach mich tot.

    momorulez

    19. November 2008 at 12:56

  56. Ja natürlich, und wenn ich morgen aufhöre zu arbeiten, wenn ich mich mit meiner gesamten Verwandschaft verstreite, alle Freunde verliere und alle sozialen Verbindungen abreißen lasse … dann geht’s mir auch ganz schlecht. Das war aber schon vor ALG-II so und wird auch immer so sein.

    Wenn man immer nur an die schlimmsten Schicksalsschläge denkt, dann sollte man besser kein Risiko eingehen. Du wolltest Selbständigkeit und Freiheit, jetzt hast Du sie. Was erwartest Du denn? Eine Vollkasko-Versicherung für Dein gesamtes Leben?

    Weil jemand Deine Eigentumswohnung als Sicherheit haben will, bedroht er Dich mit Obdachlosigkeit? Gibt es da wirklich keine Alternativen, wie z.B. WG oder eine kleine Mietwohnung oder ein Zimmer?

    stefanolix

    19. November 2008 at 13:11

  57. ja, MR, wenns kein Brot, iss doch Kuchen.

    T. Albert

    19. November 2008 at 13:18

  58. Alles klar, T.Albert: ich habe den Sinn des Textes vollkommen entstellt. Die Autoren stellen überhaupt keinen Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen her. Mehr noch: die beiden Begriffe haben nichts miteinander zu tun! Ich bin auch ganz sicher ein Teil der neoliberalen Weltverschwörung. Ich sehe ein, dass Du mir das nicht verzeihen kannst;-)

    Und ich werde mir auch in Zukunft verkneifen, Dich in ähnlicher Weise auf jeden Deiner Buchstabenverdreher, auf jede Sinnverfremdung und auf jede ungenaue Formulierung hinzuweisen. Das empfände ich nämlich als sehr kleinlich …

    stefanolix

    19. November 2008 at 13:19

  59. „Du wolltest Selbständigkeit und Freiheit“

    Quatsch, ich habe gar keine andere Wahl. Und mit Freiheit hat das auch rein gar nix zu tun. Das ist purer Zwang.

    „Das war aber schon vor ALG-II so und wird auch immer so sein.“

    Nein, das war nur immer für ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen so. Schopenhauer hätte keine Zeile geschrieben, hätte er nicht von Zinsen gelebt.

    Und das fängt doch schon bei richtigen „Schicksalsschlägen“ an: Wenn Du ’nen graviereden Arbeitsunfall hast, zahlt die Berufsgenossenschaft, und Du bist ein definitv besser gestellter Querschnitt als einer, der einen Sportunfall hatte.

    Aber das nächste, was angegriffen wird, ist wahrscheinlich, daß die armen Arbeitgeber so unendlich viel Geld an die Berufsgenossenschaften überweisen müssen.

    „Was erwartest Du denn? Eine Vollkasko-Versicherung für Dein gesamtes Leben?“

    Nö. Ich erwarte ein gesellschaftliches Gefüge, das dem Stand der Produktivkraftentwicklung gemäß global ein bedingungsloses Grundsicherungsnetz errichtet. Wäre doch längst drin.

    „Gibt es da wirklich keine Alternativen, wie z.B. WG oder eine kleine Mietwohnung oder ein Zimmer?“

    Wenn man erst mal privatinsolvent ist, ist das schwierig, ’ne Wohnung zu finden … was mich ja nur so erstaunt, ist, daß Aufträge in siebenstelliger Höhe, die ich in Aussicht habe, niemanden sonderlich interessieren.

    Was wieder nur dafür spricht, daß der Faktor „Arbeit“ einer so derart drastischen Entwertung unterliegt zugunsten Dritter, daß ich kotzen könnte.

    Und was mich echt erstaunt, wirklich, ist, daß Du das auch noch normal findest …

    momorulez

    19. November 2008 at 13:23

  60. Ein Freund von mir, der als Blogger den Namen Pathologe trägt, wurde mit den HartzIV-Auflagen so drangsaliert, dass er es vorgezogen hat, im Sudan zu arbeiten. Dem haben auch positiv denkende Liberale gesagt, dass er doch nicht so schlecht über seine Lage reden sollte, der könne man doch auch gute Aspekte abgewinnen.

    che2001

    19. November 2008 at 13:45

  61. Lieber Stefanolix,

    jetzt erkläre mir doch mal, was sowas soll? Ich wollte Dir ja nicht zu nahe treten, echt nicht. Es ist nur sehr einfach: in meinem Fach würde ein Student, der mit Bildern so umgeht, wie Du hier mit Text, jetzt auch mit dem von Momorules, der würde einfach durch seine Prüfungen fallen. Ob Mitglied Deiner neoliberalen Weltverschwörung oder nicht. Und dafür gibts klare Gründe. Fertig.
    Und Du bestätigst das immer weiter, das ist das doofe. Ich habe nämlich nie gesagt, dass diese Begriffe nichts miteinander zu tun hätten.
    Gestern abend hattet Ihr und alle Eure Blog-Gäste absiolut gar nichts von dem Text kapiert, aber irgendwie wusstet Ihr, dass er blöd ist, weil das Wort „neoliberal“ drin vorkommt.
    Mit MRs Kommentar gerade biste auch so umgegangen.
    Was ist das? Anreiz-Lesen?

    T. Albert

    19. November 2008 at 13:47

  62. @Che: Ohne den Fall zu kennen und einschätzen zu können — Dein Bekannter wäre aber vermutlich nie in Gefahr gekommen, zu verhungern oder zu erfrieren. Was Deine Kollegen da aus einem tragischen Einzelfall ableiten, ist jedenfalls eine extreme Zuspitzung.

    @Momorules: Ohne Dir zu nahe treten zu wollen, aber die Metapher passt einfach — wer vor dem Klettern und beim Klettern immer den Gedanken an den Absturz mit sich herumträgt, der wird keinen Spaß daran haben. Und wenn Deine favorisierte Fußballmannschaft mit Schiss in den Hosen aufläuft, wird sie zwangsläufig verlieren.

    Wenn ich mich recht entsinne, hast Du damals geschrieben, dass Du genug von Deinem Job hattest und (zumindest auch) aus eigener Entscheidung etwas Neues anfangen wolltest. Nun mach etwas draus. Und denke daran, dass Du nicht der einzige bist. Wenn es schiefgeht, wirst Du Abstriche machen müssen. Wenn es gutgeht, wirst Du über den alten Job lachen. Abstriche müsstest Du aber auch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen machen (das ich bei richtiger Gestaltung durchaus befürworte, das aber immer sehr knapp wäre).

    @T.Albert: Ich beende unsere Diskussion an dieser Stelle: Du willst mich nicht verstehen, du gehst inhaltlich überhaupt nicht auf meinen Kommentar zur Sache ein und ich kann Dein dauerndes Nachtreten nicht länger akzeptieren. Tut mir leid, aber es ist wohl besser so.

    stefanolix

    19. November 2008 at 14:14

  63. du gehst inhaltlich überhaupt nicht auf meinen Kommentar zur Sache ein

    – eben.

    T. Albert

    19. November 2008 at 14:20

  64. @Stefanolix:

    „wer vor dem Klettern und beim Klettern immer den Gedanken an den Absturz mit sich herumträgt, der wird keinen Spaß daran haben.“+

    Na, dann hätte ich aber keinen der Gipfel erklommen, auf denen ich mich schon befand 😉 – ich empfinde Worst-Case-Szenarien einfach als eine Form von Realismus. Und kann’s mir im Gegensatz zu manchem Zocker dann auch nicht leisten, sie nicht auch zu antizipieren. Habe ja durchaus auch Best-Case-Szenarien im Kopf, aber wenn man nur auf die setzt, kommt’s halt zur Finanzkrise, und kapitalistische Vergesellschaftung beschreiben die auch nicht adäquat.

    Mir geht’s ja hier gerade um Systemlogiken und die Angst, die einem mit Hartz IV gemacht wird, ansonsten werden wir auch in Krisenzeiten ein florierendes Unternehmen haben, ist doch gar keine Frage. Natürlich mach ich was draus. Ich hab’s ja drauf – aber das auch nur, weil ich lange Jahre erst von meinem Vater unterstützt wurde und dann recht üppig Waisengeld erhielt und man zu meiner Zeit noch vernünftig studieren konnte, genau das, was drüben als „Geschwurbel“ verunglimpft wird, übirgens, auch’n hohes Risiko.

    Was ja auch ein Bereich ist, in dem der oben im Zitat geschilderte Drill greift und früher nicht griff, so daß ich noch sowas wie psychologische Ressourcen bilden konnte, die man heute keinem Schwein mehr zugesteht.

    Und sobald sich hier wieder all die Kollegen tummeln, die auch auf Basis meines Wohnungseigentums dann zusammen ohne eklige Fonds-Fratzen im Nacken tolle Produkte in die Welt setzen und zusammen Spaß haben, dann freue ich mich ja.

    Das Prinzip ist trotzdem Scheiße: Wer nix hat kriegt nix, und wer nicht allzuviel hat, riskiert alles, und bedroht werden allesamt mit der Arbeistagentur und Eingliederungsnötigung.

    Und wären die Angestelltenverhältnisse in von Fonds gekauften Unternehemen nicht so Scheiße, wäre ich lieber Angestellter geblieben. Bin also vor „mehr Kapitalismus wagen!“ geflohen, sozusagen.

    momorulez

    19. November 2008 at 14:50

  65. Und ich habe es hingenommen, mich von einem früheren Chef mit „Knalltüte“ und „Napfsülze“ anreden zu lassen, aus purer Angst. Mit der alten ALG/Ahi-Regelung hätte ich ihm die Meinung gesagt. Ich werde mich ganz sicher nicht auf ALG2 einlassen, falls es mal soweit käme, was unwahrscheinlich ist. Also Selbstständigkeit bei langer Arbeitslosigkeit, was ich nicht als Freiheit, sondern als Zwangslage begreife. AlG2 und die damit verbundene Enmtwürdigung in gar keinem Fall. Das hieße aber im hypothetischen alleräußersten Fall „Dann und wann so gegen 4 krachts auch mal beim Juwelier. Musst Du ganz schön clever sein, sonst fahrn Dich die Bullen ein.“

    che2001

    19. November 2008 at 16:26

  66. Und ich würde schon sagen, dass mein Hauptmotiv, meine Arbeit gut zu machen Angst ist. Klar, auch kreative Befriedigung, der Anreiz des Geldes usw., aber ohne Angst würde ich mir den Arsch nicht so aufreißen, wie ich es tue.

    che2001

    19. November 2008 at 17:18

  67. Stefanolix schreibt:
    „Auch im alten Sozialhilfesystem der BRD oder im System der DDR sind Menschen verelendet gestorben, wenn sie durch psychische Krankheiten (oder aufgrund von Suchtproblemen) nicht mehr in der Lage waren, ihre Ansprüche geltend zu machen. Der oben zitierte Einzelfall kann in jedem Sozialsystem geschehen.“

    Nein, Stefanolix, das ist sachlich unzutreffend, und zwar auf Grund folgenden Zusammenhangs:

    Im alten Sozialhilfesystem wurde berücksichtigt, dass Langfristanschaffungen wie neue Matratze, neuer Kühlschrank etc. unmöglich von der Stütze bezahlt werden können. Dies gab es extra und der Stützler mußte das beantragen. Dann kam der Außenprüfer und guckte, ob das wirklich gebraucht wird oder nicht.

    Dies hatte 2 humane Folgen. 1. Matratze etc gabs zusätzlich zur Stütze. 2. Die Außendienstler kannten ihre Pappenheimer. Die wußten genau, wo die Trickser sitzen, die einen neuen Kühlschrank beantragen, um ihn zu verticken, und wo die hilflose Oma gesagt bekommen muß: „Sie brauchen ein neues Sofa, ich fülle gleich mal den Antrag aus.“

    Dass da einer verreckt, weil es keiner merkt, kam praktisch nicht vor, da die Funktionsweise des Systems darauf angelegt war, dies zu verhindern.

    Mit ALG 2 entfiel das alles. Es gibt nichts mehr zusätzlich. Der ALGler muß vom H4-Regelsatz (351 Euro) für größere Anschaffungen ansparen. Damit entfällt der Außendienst, da es ja nichts mehr zu prüfen gibt. Und daher verreckte in Speyer der psychisch Kranke. Die Behörde hat halt nur Briefe geschrieben. Im alten System hätte man den aufgesucht, als man sah, dass der nicht auf die Post reagiert.

    Nörgler

    19. November 2008 at 17:30

  68. Zahlt man Schulden aus Angst vor dem Gerichtsvollzieher oder aus einem Gefühl heraus, es gehöre sich so?

    Löst man Versprechen ein, weil man Angst hat, dass Wortbruch zu zwischenmenschlichen Problemen führen oder weil man meint, das gehöre sich so?

    Erfüllt man Verträge, weil die Vertragsstrafe so schmerzhaft ist und der Ruf ruiniert werden könnte, wodurch man nicht mehr vertragswürdig sein könnte? Oder, weil man Verträge als eingegangene Verpflichtungen betrachtet, nicht nur auf dem Papier sondern auch innerlich?

    Aber ich verstehe: Die Idee vom Schlaraffenland der bedingungslosen Mindestversorgung, das längst erreicht sein müsste und zu dem der Zugang nur böswilligerweise versperrt ist, ändert alles.
    Denn dann sind alle eingegangenen Verträge nur Zwang (und nicht normales menschliches Miteinander zum auf Gegenseitigkeit beruhendem gegenseitigen Existenzsichern und Wohlstandschaffen.).
    Und dann macht die Verheißung, dass einem mehr zusteht, als man für seine konkrete Leistung von anderen freiwillig eintauschen kann, aus den Gründen des Anstands den Grund „Angst“.

    Boche

    19. November 2008 at 17:45

  69. Und was führt Boche jetzt für ne Diskussion?

    Hier hat plötzlich jemand keinen Anstand?

    Ejh, gehts noch? Wer hat hier die Idee vom Schlaraffenland?

    T. Albert

    19. November 2008 at 17:55

  70. Beim ersten Lesen gestern bin auch ich über die von Stefanolix aufgegriffene Stelle gestolpert, vor allem über „Toyotismus“.

    „… auch wenn sie in den ideologischen Begriffswolken des Neoliberalismus (Qualitätsmanagement, Projekt, empowerment usw.) daherkommen. Die offensive Fortentwicklung des Toyotismus in den Betrieben, zugleich als Industrie- und Sozialpolitik …“

    So geht das nicht, und Stefanolix hat grundsätzlich recht. Auch wenn man der Generalthese der Autoren zustimmen möchte, ist „Toyotismus“ ein schlechtes Beispiel. Offenbar ist den Autoren das Toyota-System unbekannt.

    Anfang der 90er hatte ich mich berufsbedingt intensiv mit diesen Sachen zu beschäftigen. Erst mal ist es so, dass das „Toyota-System“ älter ist, als das, was man Neoliberalismus nennt. Schon in den 40ern sahen US-Ingenieure, dass der Fordismus ausgereizt war. Insbesondere war das Qualitätsproblem in der Fertigung damit nicht lösbar. Der grundlegende Gedanke ist:

    Qualität läßt sich nicht in das Produkt hineinkontrollieren (per Endkontrolle), sondern Qualität ist, wenn sie eine Eigenschaft des Prozesses selbst ist. Wie kommt man nun von der Kontrollqualität zur Prozeßqualität? Das geht nicht ohne eine Umwälzung der Stellung des Werkers im Produktionsprozeß.
    Die US-Industrie wollte davon nichts hören, die Japaner schon. Man heuerte die US-Ingenieure an, und das war der Anfang des „Toyota-Produktionssystems“. Der Aufstieg Toyotas und der seit Jahrzehnten bestehende Spitzenplatz in der Pannenstatistik haben darin ihren Grund. Es ist lächerliche Überheblichkeit, wenn der saarländische Ministerpräsident vorgestern tönt, die Deutschen bauen die besten Autos der Welt. Er kennt die ADAC-Pannenstatistik nicht.

    Bis in die 90er hinein wurde von deutschen Unternehmer- und Manager-Dumpfbacken und den ihnen angeschlossenen Redaktionen behauptet, der Erfolg der Japaner beruhe darauf, dass sie mehr arbeiten. Tatsächlich war man dort 60 – 90 Minuten täglich länger im Betrieb, aber nicht um zu produzieren. Man saß zusammen, die Chefs hatten die Klappe zu halten und die Malocher sagten, was nicht gut läuft und was ihnen nicht paßt. Denn nicht der Chef kennt die Produktion am besten, sondern diejenigen, die produzieren. (Man Vergleiche damit das (seinerzeitige) behäbige deutsche „betriebliche Vorschlagswesen“.) Als bei Mercedes noch die Weißkittel in der Endkontrolle wuselten, hatte Toyota die Endkontrolle längst abgeschafft, da überflüssig.

    VW holte Lopez, um in einem Kraftakt in kürzester Zeit nachzuholen, was jahrzehntelang versäumt wurde. Lopez hat nicht die Zulieferer in den Preisen gedrückt; wie das Spiel geht, wußte man bei VW sehr gut. Lopez hat vielmehr mit diesem Unfug Schluß gemacht. Die Mär vom „Zulieferer-Würger“ wurde von dem Teil der Zulieferer in die Welt gesetzt, die nicht bereit waren, ebenfalls organisatorisch zu modernisieren. Lopez sagte: Wir helfen euch, damit ihr eure Preise senken könnt, ohne dass eure Gewinne sinken.

    Wie eben Marx schon feststellt: Im Kapitalismus nützt die Produktivkraftentwicklung nur dem Kapital, aber Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse sind dennoch nicht das gleiche. Ich bin mir sicher, dass eine Gesellschaft frei assoziierter Produzenten den Grundgedanken des Toyota-Systems übernehmen würde.

    Nörgler

    19. November 2008 at 18:23

  71. T. Albert, das war jetzt die Moralisierung des Marktes zuungunsten der ihm Unterworfenen …. in diesem Fall tritt ja als symetrische Moral auf, was de facto das Unterwerfungsverhälnis Schwächerer ist.

    Und das mit dem Schlaraffenland kommt dann immer. Das gilt nur grundsätzlich nicht für jene, die man einst die „oberen Zehntausend“ nannte und die auf Kosten des Restes im Schlaraffenland leben. Bei denen ist das ja legitim, obwohl die nie ’nen Vertrag mit mir geschlossen haben. Wobei ich gegen die persönlich auch gar nix habe, die sind ja eher zufällig Nutznießer des Systems.

    Das Zynische freilich, Boche, und auch darum geht’s ja in dem zitierten Text oben, ist, wie z.B. ein massenhaft erzeugter Zustand wie Angst dann auch noch von Dir mit Füßen getreten wird. Genau diese Respektlosigkeit gegenüber den Gefühlen Anderer zeigt ja schon die Unmenschlichkeit des Systems: Angst, Kummer, Leid sind dann eben die (vermeindlichen) Folgen persönlicher Schuld und nix, dem man eventuell Emphatie entgegen bringen könnnte, ja, die machen sogar aggressiv.

    Da tritt man dann lieber rein. Und bastelt sich ansonsten die Welt, wie sie im liberalen Lehrbuch steht:

    „und nicht normales menschliches Miteinander zum auf Gegenseitigkeit beruhendem gegenseitigen Existenzsichern und Wohlstandschaffen“

    Und wer sich der heiligen Schrift nicht fügt, hat auch nix anderes verdient als Strafe.

    Erinnere mich gut an einen Dialog mit meinem Ex-Chef in der Schlußphase. Der hat in einer Boom-Phase die Firma gegründet, konnte er wegen seiner Partner und weil er ein wenig geerbt hat. Dann gingen sie zur Bank, und er war bis über beide Ohren verschuldet. Die Firma wuchs, die Schulden auch, weil investiert wurde, um sich überhaupt am Markt halten zu können. Irgendwann brauchte man einen Partner-Investor: Der setzte dann jemanden zur Überwachung in die Firma, und es gab Jahre des Machtkampfes. Dann dachte man sich: „Die nerven ja nur, gehen wir mal an die Börse, das bringt Geld, und wir sind diese doofen Teilhaber los.“ Das Geld wurde verbrannt, auch wegen der Krise 2001, die persönlichen Schulden aber nicht. O-Ton Ex-Chef: „Gab ja Phasen, da war ich so hoch verschuldet, das hätte man mit normaler Arbeit nie weg bekommen.“ Also fusionierte man mit anderen Firmen – die hatten dann die Macht. Um nun final alles an einen Fonds zu verkaufen. Jetzt hat er ausgesorgt, was ich ihm übrigens voll und ganz gönne, der ist hohes, persönliches Risiko gegangen – ich aber auch, und davon hat er mit profitiert.

    Na, und die Pointe ist: Mir rutscht also der Satz raus „Na, Du bist da ja auch etwas riskofreudiger als ich, wenn’s um Geld aufnehemen geht“, worauf er antwortete: „Wie bitte? Ich hatte nie eine Wahl.“

    Freiheit???

    momorulez

    19. November 2008 at 18:34

  72. @Nörgler:

    Lustig, einige Deiner Sätze habe ich meinen Chefs auch jahrelang in’s Stammbuch geschrieben – und in den letzten eineinhalb Jahren war davon rein gar nix mehr zur Geltung zu bringen, was dann ja dazu führte, daß ich da nicht mehr wollte.

    Z.B.:

    „Qualität läßt sich nicht in das Produkt hineinkontrollieren (per Endkontrolle), sondern Qualität ist, wenn sie eine Eigenschaft des Prozesses selbst ist.“

    Und:

    „Man saß zusammen, die Chefs hatten die Klappe zu halten und die Malocher sagten, was nicht gut läuft und was ihnen nicht paßt. Denn nicht der Chef kennt die Produktion am besten, sondern diejenigen, die produzieren.“

    Aber: Wenn ich dann das lese, was earendil drüben beim Che schreibt, dann ist das ja genau so richtig:

    Ich zitiere:

    „Hurra, rief der Sklave, mein Herr schätzt meine Arbeit und fragt mich auch mal nach meinen Ideen für die Produktion. Andere Sklaven werden geschlagen und müssen nur gehorchen, die müssen gestärkt werden!

    Aber jenseits der Polemik: Du trägst deine Arbeitskraft zum Markt, und wenn die gut qualifiziert und somit a) besonders wertschöpfend, also gewinnabwerfend, und b) selten ist, wird sie auch von der Kapitalseite geschätzt. Deine wunderbar freien und eigenständigen Ideen zum Produktionsprozess sind dabei ein wichtiger Teil der zu verwertenden Arbeitskraft. (Natürlich nur, soweit sie marktkonform sind.) Du machst dir also selber die Gedanken der Herrschaft. Das Ziel, der Zweck dieser Gedanken sind aber nicht selbst-, sondern fremdbestimmt.

    Menschen, deren Arbeitskraft weniger wertschöpfend ist oder häufiger angeboten wird, bekommen dafür eben einen geringeren Preis (Lohn), that’s capitalism. Und wenn bei dem Wertschöpfungsprozess die eigenen Ideen der Arbeitskraft keine Rolle spielen, sind sie halt bloße Befehlsempfänger.

    Ob die Arbeiter beim Produktionsprozess mitreden dürfen oder nicht, hängt auch vom Grad ihrer „Identifikation mit dem Agressor“ (gutes Stichwort) ab. Von ihren Bedürfnissen her sind die Wünsche der Arbeiter (kürzere und leichtere Arbeit, mehr Lohn) ja den Unternehmenszwecken entgegengesetzt, dahingehende Ideen sind natürlich unerwünscht. Ist die innere Zurichtung aber so weit fortgeschritten, dass die Arbeiter die Unternehmenszwecke zu ihren eigenen machen, sind ihre diesbezüglichen Gedanken logischerweise willkommen.“

    momorulez

    19. November 2008 at 18:40

  73. @Che: Du arbeitest vor allem aus Angst? Wenn das Deine ehrliche Meinung ist, dann bin ich sehr erstaunt. Das hätte ich von Dir in dieser Deutlichkeit niemals erwartet. Mir fehlen die Worte;-)

    Wenn ich meine Motivation zusammenfassen müsste, würde ich in dieser Reihenfolge die Mitverantwortung für meine Familie, die Erfüllung selbst definierter Pflichten, die Freude über gute Ergebnisse, die Befriedigung durch Erfolge im Wettbewerb und die Herausforderung durch neue Ziele nennen.

    @Nörgler: Bist Du wirklich sicher, dass es keinen Außendienst mehr gibt? Ich höre zumindest von Fällen, in denen ALG-II-Empfänger aufgesucht werden. Ich lese auch über Beschwerden von ALG-II-Empfängern über den Außendienst.

    Ich kenne den Fall nicht und möchte keine Vermutungen anstellen. Es ist zweifellos ein tragischer Fall. Aber was ich oben geschrieben habe, ist nicht widerlegt: noch im fürsorglichsten System wird es Menschen geben, die durch das soziale Netz nicht aufgefangen werden können. Und nicht immer liegt es am sozialen Netz.

    Jedes Jahr werden durch Kirchen, linke soziale Organisationen und andere Träger Plätze in Obdachlosenunterkünften und andere Hilfen für Obdachlose angeboten. Jeden Winter hört man trotzdem wieder von Todesfällen.

    Wie gesagt, selbst in der DDR sind Menschen durch das Netz gerutscht und erfroren oder verhungert. Und die DDR war nun wirklich bemüht, alle Menschen irgendwie unter Kontrolle und in sozialer Fürsorge zu haben.

    stefanolix

    19. November 2008 at 18:47

  74. @Nörgler (zum Thema Toyotismus):

    Danke für den sachlichen Beitrag. Dazu noch eine Ergänzung: In der DDR gab es grundsätzlich eine ähnliche Methode. Wo relativ vernünftige Betriebsleiter das Sagen hatten, brachte sie auch einen gewissen Erfolg. Man nannte es »Neuererwesen« und hat diese Methode (wie wir heute sagen würden) auch prozessorientiert angewandt.

    Grundsätzlich wurden gute Leistungen im Rahmen der Möglichkeiten der DDR-Wirtschaft sogar belohnt, es gab also auch einen gewissen Wettbewerb. Allerdings wurde die Bewertung oft nach dem Gießkannenprinzip vorgenommen, was die Motivation natürlich sofort wieder senkte. Aber gegen Ende der DDR-Zeit kam in einigen Bereichen sogar ein »Leistungsprinzip« auf.

    Aber in beiden Fällen (Toyotismus, Neuererwesen) kann man diese Methode natürlich auch denunzieren: nämlich als Mittel, um aus den Arbeitern auch noch das letzte herauszuholen und als Mittel, um den internen Druck in der Gruppe zu erhöhen. Als Gegner des DDR-Sozialismus unterstellt man es den SED-Bonzen und als Gegner des Kapitalismus unterstellt man es den Anteilseignern;-)

    stefanolix

    19. November 2008 at 19:01

  75. Es gibt schon noch einen (in der Mitarbeiteranzahl stark beschränkten) Außendienst. Der hat aber nur noch die Aufgabe, per Unterhosenschnüffeln „Bedarfsgemeinschaften“ zu konstruieren, um die Zahlungen einzustellen. Da gibt es sogar eine regelmäßige TV-Sendung auf Sat.1: „Gnadenlos gerecht – Mitarbeiter der Kreisverwaltung Offenbach ermitteln undercover“. Schön zu wissen, dass selbst die Methoden der GEZ-Fahnder noch getoppt werden können. –

    Es ist schon ein Unterschied, ob „tragische Fälle“ trotz oder wegen eines Systems auftreten.

    Nörgler

    19. November 2008 at 19:04

  76. Hm, ich habe keinen Fernseher und kenne die Sendung nur aus den Printmedien und aus einigen Medien-Blogs. Ich glaube mich zu erinnern, dass man Fälle der Bewilligung weiterer Leistungen und auch Fälle der Kürzung von Leistungen gezeigt hat. Grundsätzlich hat der Außendienst wohl auch weiterhin die Pflicht, Leistungen im Nachhinein zu bewilligen, wenn der Bedarf bei der Prüfung offensichtlich wird.

    stefanolix

    19. November 2008 at 19:26

  77. @stefanolix:
    Das sind aber die Fälle, in denen der Sachbearbeiter widerrechtlich die eigentliche Hartz-IV-Leistung verweigert hat und nach einem Widerspruch der Außendienst herauskam, um das zu machen, was Nörgler so „Unterhosenschnüffeln“ nennt. Es geht also nicht mehr um die Erfassung tatsächlichen Bedarfs, sondern nur noch um die Kontrolle eines Voraussetzungskataloges. Ob da noch weiterer Bedarf herrscht, ist für den neuen Außendienst völlig irrelevant.

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 19:44

  78. @Toyotismus:
    Da muss ich stefanolix aber recht geben, letztlich lassen sich die Einwände darauf reduzieren, dass der Arbeitnehmer zu wenig von der gemeinsamen Leistung des Unternehmens profitiert. Ich sehe nicht, wo das Mitdenken selbst ein Problem wäre – die Kritik von MR lautet doch eigentlich nur, dass sie zwar den Produktionsprozess effektiver machen, aber auch von dieser Effizienzsteigerung diejenigen in besonderem Maße profitieren, die auch sonst schon absahnen. Oder?

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 19:47

  79. Ja, so ungefähr – und in der Alternativlosigkeit zum kapitalistischen Beschäftigungsverhältnis selbst. Daß es kein Außen gibt, wenn Du nicht gerade Pensionär einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt bist.

    momorulez

    19. November 2008 at 19:54

  80. @Stefanolix: „Freude über gute Ergebnisse, die Befriedigung durch Erfolge im Wettbewerb und die Herausforderung durch neue Ziele“ sind alles Dinge, die mich bei der Arbeit und zur Leistung motivieren, aber angst ist als Unterschwingung immer dabei, und der Grund für die unbezahlten Überstunden die ich fast täglich leiste ist Angst, ja. Seit vielen Jahren und mir schon kaum noch anders vorstellbar.

    che2001

    19. November 2008 at 19:56

  81. Karsten, das Mitdenken kann ein Problem für die Nicht-Mitdenker sein. Am Band bekommt jeder seinen Platz und seine Werkzeuge zugewiesen: der eine bekommt etwas anspruchsvollere und der andere etwas einfachere Werkzeuge. Der Nicht-Mitdenker mit den einfachen Werkzeugen fällt nicht weiter auf, der Mitdenker qualifiziert sich vielleicht irgendwann zum Meister.

    Nach Abschaffung der Bandarbeit arbeiten alle in einem Team. In einem Team bekommt keiner seinen Platz vom Chef zugewiesen, sondern jeder muss sich seinen Platz selbst erarbeiten. Das ist Chance und Risiko. Trotzdem sagen die meisten, dass Teamarbeit in einer ihrer vielen Ausprägungen besser sei.

    Che: ich kenne so etwas wie Angst im Zusammenhang mit der Arbeit eigentlich nur dann, wenn ich befürchten muss, dass eine Rechnung nicht bezahlt wird. Dann ist die Arbeit aber schon getan. In seltenen Fällen warte ich mal einige Monate. Als Konsequenz mache ich dann »bezahlte Überstunden«, kompensiere also den Ausfall durch einen anderen (sicheren) Auftrag.

    Dann kenne ich Angst auch noch als Warnzeichen: nicht gut auf eine Sache vorbereitet zu sein oder einen Termin nicht zu schaffen. Klar, da setzt es dann Kräfte frei. Aber das ist wohl eher mit den Warnzeichen beim Sport zu vergleichen.

    Nebenbei: Ich vermute allerdings, dass Du Gehalt bekommst, also kannst Du im Grunde ja über Überstunden nicht wirklich klagen;-)

    stefanolix

    19. November 2008 at 20:23

  82. @ momo: In den meisten Zeiten der Geschichte und fast überall auf der Welt ist es nicht selbstverständlich zu überleben, einfach weil die Produktion nicht genug entwickelt war. Jetzt kommst du und kritisiert das einzige System das diesen Umstand aufgehoben hat, weil es nicht jedem das Leben garantiert. In vorkapitalistischen Verhältnissen und in der Planwirtschaft wäre eine solche Garantie ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest dass solltest du nicht vergessen, wenn du mal wider gegen den Kapitalismus agitierst.

    Michel

    19. November 2008 at 21:22

  83. Das Zynische freilich, Boche, und auch darum geht’s ja in dem zitierten Text oben, ist, wie z.B. ein massenhaft erzeugter Zustand wie Angst dann auch noch von Dir mit Füßen getreten wird.

    Massenhaft. Angst. Alles klar.
    Kommen wir doch mal bitte wieder runter auf den Boden der Realität. Und dort gibt es arme Schweine, die Mitleid und Hilfe verdienen. Dort gibt es aber die große Mehrheit, die ihr Leben mit eigener Hände Arbeit bestreitet. Auch morgen und übermorgen.
    Meine Güte, dieser sich wohlig in Übertreibungen suhlende Katastrophismus ist doch hierzulande nur jämmerlich und albern.

    Boche

    19. November 2008 at 21:31

  84. @Michel: Ob man nun den Weg einschlagen muss, den Momo vorschlägt, das sei mal aus der Debatte genommen. Aber das jemand ein System, das besser ist als ein vorheriges System, nicht kritisieren sollte, wenn er glaubt dass es besser geht, eben weil es ja bisher immer schlechter ging, das ist wohl auch nicht Sinn der Sache.

    Weg von der Marktwirtschaft: Das derzeitige Demokratiesystem in Deutschland ist weit besser als alles, was wir bisher hatten. Deshalb muss man damit aber noch lange nicht zufrieden sein…

    ***

    @stefanolix: In der ersten Folge von Gnadenlos Gerecht fiel auch der unschöne Satz „Natürlich sind nicht alle Hartz-IV-Empfänger auch Betrüger“. Da ist also schon klar, woher der Wind weht. Ganz ehrlich, die Form von Stigmatisierungs-Fernsehen ist echt richtig zum Kotzen. (Siehe hier.)

    Björn

    19. November 2008 at 21:38

  85. @Michel:

    Na, da halten wir’s ja alle mit Marx – daß der Kapitalismus die notwendige Voraussetzung für seine Überwindung ist (an die hier im Blog ja eh keiner glaubt). Und immer noch besser als der Feudalismus. Diese Diskussion ist doch müßig. Wenn man so denken würde wie Du, dann gäbe es ja noch nicht mal Produktinnovation – das, was wir haben, ist doch super, stellen wir’s doch weiter her! Die Bedingung von Entwicklungen ist Kritik, nicht Affirmation.

    Und das, was sich dank Nörglers Intervention als „Toyotismus“ hier dargestellt findet, dagegen kann man schon was haben, aber in Relation zu komplex-hierachischen Gebilden wie großen Behörden oder Konzernen ist das ja schon mal was – wobei Stefanolix‘ Darstellung der Team-Arbeit ja auch etwas idyllisch ist, da intervenieren Beziehungen zum Chef ja deutlichst. Aber die Team-Arbeit selbst habe ich auch immer sehr genossen, der Rahmen, in dem sie stattfand, allzu oft nicht … zudem ich das Glück „nicht-entfremdeter Arbeit“ habe, weil ich mich mit den Produkten identifizieren kann, aber das liegt gerade nicht am Kapitalismus 😀 …

    Ach, und noch mal zu diesem „Skandal“, der ja „bewiesen“ habe, daß in den Geschichts- und Sozialwissenschaften nur noch geschwurbelt würde: Die postmodernen und dekontruktiven Theorieansätze, um die es da einzig geht, sind hochumstritten, seitdem sie in den Geschichts- und Sozialwissenschaften auftauchten. Mir ist in meinem Studium – gut, ist ’ne Weile her – ein einziger Privat-Dozent über den Weg gelaufen, der sie vertreten hätte. Mal abgesehen von Foucault, mit dem gearbeitet wurde, das würde hier aber zu weit führen.

    Bin aber trotz „Skandal“ stets bereit, sie zu verteidigen 😉 …

    @Boche:

    „Meine Güte, dieser sich wohlig in Übertreibungen suhlende Katastrophismus ist doch hierzulande nur jämmerlich und albern.“

    Isser das? Ich finde nix von dem albern, was z.B. Che hier schreibt. Oder was ein Kumpel von mir erlebt hat, als er zum Sandschippen in den Stadpark geschickt wurde. Und wohne nicht weit vom größten Obdachlosenasyl der sadt, und das ist definitiv heftiger geworden in den letzten Jahren. Ich glaube, das unterschätzt man da am Rand der Stadt (wobei ja schon von der S-Bahn aus einiges zu sehen ist). Ich finde auch meine eigenen Ängste grundsätzlich nicht albern, das verstärkt die nämlich nur, was Du oller Psychologe eigentlich wissen solltest.

    Abgesehen davon ist’s hier vor allem deshlab bisher noch weniger drastisch als in manchen Teilen der USA zum Beispiel, die ’nen Kumpel von mir sehr an die Lebensverhältnisse in Burundi erinnert haben, weil’s hier noch relativ lange einen halbwegs intakten Sozialstaat gab. Deshlab verteidige ich den ja immer gegen Leute wie Dich 😉 … und Björn hat ja gerade einen sehr triftigen hinweis gegeben. Lies vielleicht auch noch mal die Hauptschüler-Passagen im neueren Thread.

    momorulez

    19. November 2008 at 22:11

  86. @Boche: Ich finde vor allem die Diskussionsweise einiger Gäste bei Che etwas schräg. Was Che hier schreibt (Überstunden aus Furcht, den Job zu verlieren) kann ich schon nachvollziehen. Das geht aber nicht an die Existenz, ich bin sicher, dass er immer einen anderen Weg finden würde.

    Die Larmoyanz einiger Links-Blogger und Kommentatoren (Anwesende sind damit nicht gemeint) kann ich allerdings auch überhaupt nicht nachvollziehen.

    @Björn: Du bist hier der Medien-Junkie, Du kennst Dich da besser aus;-) — Ich habe keine Ahnung, was da gesendet wurde. Ich bin so froh, dass ich keinen Fernseher habe, da bin ich wenigstens nicht mittelbar mitverantwortlich für den Mist.

    stefanolix

    19. November 2008 at 22:15

  87. Meine Darstellung dieser Arbeit (in der Industrie, nicht in Deiner Branche) war gerade nicht idyllisch, ich bin mir sehr wohl beider Seiten dieser Art der Arbeitsorganisation bewusst. Aber es ist vollkommener Unsinn, dann gleich über Sklaverei zu schreiben (wie es bei Che im Blog stattfand). Diese Diskussion finde ich schon sehr skurril.

    stefanolix

    19. November 2008 at 22:24

  88. @Stefanolix: „Ich kenne so etwas wie Angst im Zusammenhang mit der Arbeit eigentlich nur dann, wenn ich befürchten muss, dass eine Rechnung nicht bezahlt wird. Dann ist die Arbeit aber schon getan. In seltenen Fällen warte ich mal einige Monate. Als Konsequenz mache ich dann »bezahlte Überstunden«, kompensiere also den Ausfall durch einen anderen (sicheren) Auftrag.

    Dann kenne ich Angst auch noch als Warnzeichen: nicht gut auf eine Sache vorbereitet zu sein oder einen Termin nicht zu schaffen. “ — Tja, dann bist Du vielleicht als Selbstständiger mit guten Verdingungsverhältnissen schön dran. Ich kenne so etwas wie Angst vor der Kündigung, schikanösen Chefs, Angst der Chefs vor der Talfahrt des Unternehmens und daraus geborenen „Blutsturzaktionen“, wie man das bei uns nennt, wo die Mitarbeiter von einem Tag auf den anderen degradiert, befördert, in neue Abteilungen versetzt oder Hunderte Kilometer weggeschickt werden, weil man meint, durch komplette Neudurchmischung des Konzerns fallende Profitraten aufzufangen hofft. Da wird dann auch mal ein verwitweter Familienvater mit drei Kindern 300 km vom Wohnort entfernt eingesetzt, was dazu führt, dass die 14 jährige Tochter von einem Tag auf den anderen für den Gesamthaushalt einkauft und die kleinen Geschwister bekocht. Schöne neue Welt!

    che2001

    19. November 2008 at 22:39

  89. Wobei die „massenhafte“ Angst ja nicht einmal diese unmittelbar generierte ist, Che, da würde ich versuchen, Boche zu begegnen. Boche, man bemerkt die Angst doch täglich in Gesprächen mit Leuten, die selbst noch einen verhältnismäßig sicheren Job haben und auch keine Ersparnisse verloren haben. Dennoch haben sie aber Angst. Weil das Netz, das sie kennen, in kürzester Zeit zerrissen und verbrannt wurde. Aber ich glaube, darüber haben wir schon einmal mit etwas anderen Begriffen diskutiert.

    Meiner Überzeugung nach sieht es doch so aus, dass unser System nur deswegen eine so hohe Akzeptanz hat, weil es eben eine Sicherheit bot, die die übleren Vorgänger- und Parallelsysteme nicht anbieten konnten. Schwindet diese Sicherheit, schwindet auch die Akzeptanz. Die Frage muss also wohl auch sein, wie weit man diese wirtschaftliche Freiheit treiben kann, ohne die Menschen auf dem Weg zu verlieren. Ich komme da zu anderen Schlüssen als die SR- oder SPD-Leute, aber die Frage an sich sehe ich schon als wichtig an.

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 22:55

  90. Was mir übrigens jetzt erst auffällt:

    Müsste der Titel dieses Beitrags nicht „It *struck* me like a flash“ heißen?

    karstenduerotin

    19. November 2008 at 22:57

  91. Ähem, Wortspiel aus einer Formulierung Darwins und Schlaganfall. Grammatikalisch hast Du latürnich recht.

    che2001

    19. November 2008 at 23:03

  92. @MomoRules

    Und wohne nicht weit vom größten Obdachlosenasyl der sadt, und das ist definitiv heftiger geworden in den letzten Jahren. Ich glaube, das unterschätzt man da am Rand der Stadt

    Mag ja sein, dass ich das unterschätze. Ich negiere es aber definitiv nicht, dass es Armutsprobleme gibt, die nach Hilfe rufen. Und mir ist eine weniger freiheitsbeschränkende, bevormundende Sozialhilfe auch lieber.
    Das ändert nichts daran, dass mich Übertreibung in unserer wohlhabenden Welt nervt. Gerade, weil sie eben argumentativ das vorbereiten hilft, was ich politisch abstoßend finde.

    Ich finde vor allem die Diskussionsweise einiger Gäste bei Che etwas schräg. Was Che hier schreibt (Überstunden aus Furcht, den Job zu verlieren) kann ich schon nachvollziehen. Das geht aber nicht an die Existenz, ich bin sicher, dass er immer einen anderen Weg finden würde.

    Bei Che habe ich nicht mitgelesen.
    Und: Natürlich kenne ich auch die Sorge vor dem Verlust der Anstellung. Hab ja ein bescheidenes Leben mit meiner Familie aufgebaut, das daran hängt. Aber wie du schreibst: Existentielle Angst im Sinne der Furcht vor Vernichtung – das ist doch .. gelinde gesagt: hierzulande abwegig.

    Nebenbei / @Björn

    Dieses Stigmatisierungsfernsehen (habs grad gesehen) ist tatsächlich hundsmiserabel, weil es (hier nun aus anderer Richtung) die Debatte durch Übertreibung versaut.

    Boche

    19. November 2008 at 23:09

  93. Che: Wenn Du »Selbstständiger mit guten Verdingungsverhältnissen« schreibst, müsste Dir doch eigentlich schon auffallen, dass es stabile Verhältnisse zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer im Grunde nicht gibt. Ihr beklagt ja auch oft genug die »prekäre Lage« von Selbständigen.

    Seit den totgeborenen rot-grünen Gesetzen gegen die sogenannte »Scheinselbständigkeit« sichert sich jeder Auftraggeber dagegen ab, dass auch nur ein Anschein von Stabilität entstehen könnte. Wo früher ein Rahmenvertrag geschlossen wurde, bekommt man heute ein Dutzend oder mehr Verträge im Jahr. Und bei uns fragt überhaupt niemand nach Fahrtzeiten oder Familienverhältnissen.

    Im Grunde hat das System des guten alten »rheinischen Kapitalismus« dem Tüchtigen eine gewisse Sicherheit und dem tüchtig Wagemutigen eine Menge Chancen gegeben. Leistungsdruck gab es in diesem System aber immer. Und auch der rheinische Kapitalismus würde von diversen Fundamentalschwätzern Bedenkenträgern natürlich sofort als pure Sklaverei denunziert.

    stefanolix

    20. November 2008 at 7:53

  94. PS: Lesenswert sind die Kommentare von »saltoftheearth« in der parallel laufenden Diskussion bei Che. Er bringt wenigstens etwas Praxisbezug und Realismus in die Debatte.

    stefanolix

    20. November 2008 at 8:01

  95. @“ Wo früher ein Rahmenvertrag geschlossen wurde, bekommt man heute ein Dutzend oder mehr Verträge im Jahr. Und bei uns fragt überhaupt niemand nach Fahrtzeiten oder Familienverhältnissen.“ —- Als freier Journalist kannte ich das so, dass es gar keinen Vertrag gab, sondern mündliche Absprachen, und der Chefredakteur entschied nach Relevanz des Artikels mitunter sogar im Nachhinein, wieviel Geld es gab (und zwar um den Faktor 12: 10.000 DM bei maximaler Wirkung, 700 bei Nichtexklusivität). Darum bin ich kein Freier mehr.

    che2001

    20. November 2008 at 9:34

  96. @Boche:

    „Dieses Stigmatisierungsfernsehen (habs grad gesehen) ist tatsächlich hundsmiserabel“

    Tja, sowas kommt halt raus, wenn man sich an sowas wie der Nachfrage orientiert …. läuft ja nicht umsonst im Privatfernsehen. Wie auch diese unsäglichen Gerichts-Shows.

    „Ich negiere es aber definitiv nicht, dass es Armutsprobleme gibt, die nach Hilfe rufen. Und mir ist eine weniger freiheitsbeschränkende, bevormundende Sozialhilfe auch lieber.“

    Schön, das is dann ja mal sowas wie ein Konsens.

    „Gerade, weil sie eben argumentativ das vorbereiten hilft, was ich politisch abstoßend finde.“

    Na, ich schimpfe ja hier immer wie ein Rohrspatz, weil alles, was so im Thatcher-Gefolge politisch passierte, mich abstieß. Die SPD ist ja sogar daran zerbrochen, daß Schröder das auch irgendwann so betreiben wollte.

    „Existentielle Angst im Sinne der Furcht vor Vernichtung – das ist doch .. gelinde gesagt: hierzulande abwegig.“

    Vernichtung? Habe ich das geschrieben? Für „Volksdeutsche“ gilt das mit Abstrichen, da droht eben üble und demütigende Drangsaliererei. Und ab wann man dann das Gefühl hat, psychisch vernichtet, gebrochen worden zu sein, das weiß ich nicht, zum Glück.

    Ich kenne aber schon Situationen aus dem Arbeitsleben, wo meine moralische Integrität so, wie ich sie empfinde, bis an die Grenzen belastet wurde und ich zu Formen der Handlung gedrängt wurde, die ich eigentlich verabscheue (nein, nix Kriminelles, nur Verlogenes). Und andere Situationen, ziemlich früh, als ich noch jung und dumm war und all die Machtkämpfe noch nicht so drauf hatte, da ich psychisch sehr nah an meiner Verarbeitungsgrenze war.

    Aber bei abgeschobenen Flüchtlingen sieht das alles schon anders aus, und auch das ist einfach nix, was man dann trennen könnte.

    @Stefanolix:

    „Seit den totgeborenen rot-grünen Gesetzen gegen die sogenannte »Scheinselbständigkeit« sichert sich jeder Auftraggeber dagegen ab, dass auch nur ein Anschein von Stabilität entstehen könnte.“

    Das stimmt, wobei das auch nicht mehr so arg geahndet wird. Da wurde versucht, sozusagen einen Schutz des Traditionellen in einer Form zu installieren, die nur Paradoxien erzeugte. Da haben meiner Ansicht nach auch die Gewerkschaften völlig falsch reagiert, indem sie einem Wandel der Beschäftigungsverhältnisse nichts Adäquates entgegen setzten.

    Na, und Saltofearth ist einfach ein Fundamentalschwätzer, wahrscheinlich von irgendeiner Uni, ich kann da keinerlei Praxisbezug erkennen.

    Und auch der rheinische Kapitalismus war ja nicht das Gelbe vom Ei, aber so lange ich politisch denken kann, wurde versucht, ihn gegen Leute wie Lambsdorff zu verteidigen … ich komme ja anders als Che eher aus einem ziemlich traditionell-sozialdemokratischen Milieu, und wie das abgeräumt wurde, hallelujah. Schlimm.

    momorulez

    20. November 2008 at 9:39

  97. … ich meine, hinsichtlich der politischen Sozialistaion klassisch-sozialdemokratisch, nicht hinsichtlich der Schichtzugehörigkeit.

    momorulez

    20. November 2008 at 10:03

  98. @Momorulez — Ganz kurz noch einige Bemerkungen:

    Einigen wir uns friedlich auf einen grundsätzlichen Dissens zu »saltoftheearth«. Ich halte genau diejenigen für Fundamentalschwätzer, die im Grunde alle Beschäftigungsverhältnisse als Sklaverei denunzieren.

    Der rheinische Kapitalismus ist in einer Nische gewachsen, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Deshalb muss er weiterentwickelt werden, ohne dass die Grundsätze über Bord geworfen werden. Nur sollte sich doch keiner der Illusion hingegen, dass man sich dort nicht »marktfähig« machen musste und dass es dort keinen Leistungsdruck gab. Vielleicht denkt Ihr mal an die damals üblichen Arbeitszeiten, an die gesundheitlichen Auswirkungen und an die enge Bindung an den Betrieb. Viel Freiheit gab es damals nicht.

    Ich bin in all den Jahren meines liberalen Bloggens immer für ein System von »checks and balances« gewesen, auch im übetragenen Sinne bezogen auf die Wirtschaft. Ich habe immer vertreten, dass beide Seiten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, eine kompetente Interessenvertretung haben sollen. Einige Auswüchse des Kapitalismus sind für mich genauso abstoßend wie für Euch.

    Aber: Im Grundsatz ist keine Art der Marktwirtschaft und des Kapitalismus gegen dieses abgehobene Geschwätz über »Sklavenhalter« und »Aggressoren« gefeit. Ohne organisierte Arbeit geht’s nun mal nicht. Und wer sich nicht als »Sklave« anstellen lassen möchte, dem bleiben ja andere Möglichkeiten: Genossenschaften in vielen Formen, Netzwerke von Selbständigen, Einzelselbständigkeit.

    Ich kann die Klagen wirklich nicht mehr hören: da setzen sich intelligente und gebildete Menschen vor ihre Rechner und schreiben ellenlange Pamphlete über die Schlechtigkeit des Kapitalismus, anstatt ihr offensichtlich vorhandenes Talent mal irgendwie einzusetzen, um aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen. Sie suhlen sich in Selbst- und Fremdmitleid und sonnen sich in moralischer Überlegenheit. An dieser Stelle frage ich mich immer: Warum?

    Und erwarte keine Antwort;-)

    Euch allen einen erfolgreichen Tag, ich muss jetzt leider bis spät am Abend in die Tretmühle des bösen sklavenhaltenden Kapitalismus. Immerhin kann ich mir als Freiberufler aber wenigstens meine Arbeitssklavenzeit frei einteilen.

    stefanolix

    20. November 2008 at 10:11

  99. @MR

    Tja, sowas kommt halt raus, wenn man sich an sowas wie der Nachfrage orientiert

    Ja. Schlimm, dass die Menschen so sind wie sie sind.

    Na, ich schimpfe ja hier immer wie ein Rohrspatz, weil alles, was so im Thatcher-Gefolge politisch passierte, mich abstieß

    Dass ich eher an anderes Abstoßendes dachte, war dir aber bewusst, oder?

    Vernichtung? Habe ich das geschrieben?

    Nein. Aber es klingt aus dem – aus meiner Sicht: übertriebenem – Gerede um massenhafte Angst heraus. Als sei es nicht die Sorge um die Zukunft, die natürlich jeder kennt. Sondern als ginge es – so wie es auch stefanolix versteht – um Sklaverei und Angst als Unterdrückungsmittel.

    Aber bei abgeschobenen Flüchtlingen sieht das alles schon anders aus

    Kann gut sein.

    und auch das ist einfach nix, was man dann trennen könnte.

    Doch.

    Boche

    20. November 2008 at 10:17

  100. Na, der Dissens wir sich nicht auflösen lassen – ach, übrigens, Michel, in der postmodernen Philosophie geht es unter anderem um Dissens statt Konsens 😀 .

    Und mit Deiner ordoliberalen Haltung habe ich ja weniger Probleme als mit dem, was Boche heute schon wieder zur Parteiendemokratie schreibt. Aber das ist ein anderes Thema …. vielleicht nur noch der Hinweis, daß die Freiheitsmöglichkeiten in den 70ern und 80er doch ganz deutlich ausgeprägter waren im Westen als in der Zeit danach, insofern es die ökonomische Basis betraf. Politisch war ja auch das differnezierter, aber besser als die DDR war’s allemal. Hätte es all den Bürgerrechtlern damals gegönnt, das noch erlebt zu haben.

    momorulez

    20. November 2008 at 10:19

  101. @Boche:

    Ach, belassen wir’s doch einfach auch beim Dissens – einen schönen Tag auch Dir! Soll ja richtig Kapitalistenwetter geben – Nieselregel, Düsternis, es soll kälter werden und Schneematsch den Weg versperren 😉 …

    momorulez

    20. November 2008 at 10:22

  102. Ebenfalls.
    Und gegen Kälte und Regen helfen mir die im Wettberwerb Freier erarbeitenen Errungenschaften menschlicher Schaffenskraft.
    😉

    Boche

    20. November 2008 at 11:08

  103. Ja, ja, ertüchtigt euch! 😉

    MomoRules

    20. November 2008 at 12:46

  104. @“Ich kann die Klagen wirklich nicht mehr hören: da setzen sich intelligente und gebildete Menschen vor ihre Rechner und schreiben ellenlange Pamphlete über die Schlechtigkeit des Kapitalismus, anstatt ihr offensichtlich vorhandenes Talent mal irgendwie einzusetzen, um aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen. Sie suhlen sich in Selbst- und Fremdmitleid und sonnen sich in moralischer Überlegenheit.“ —- Hast Du da wen Bestimmtes im Auge? Wer soll das sein?

    che2001

    20. November 2008 at 14:28

  105. ” —- Hast Du da wen Bestimmtes im Auge? Wer soll das sein?

    Genau das wäre gestern abend noch meine Frage gewesen. Aber ich habe nichts mehr gesagt, weil mich diese ganze paternalistische Art andern und sich selbst gegenüber ausgesprochen wütend macht.
    Besonders von Leuten, die ihrerseits es durchaus in Ordnung finden, wenn bulgarische Bauarbeiter für 7 Euro arbeiten.
    Hier gehts nur darum: Alles für mich, nichts für die Andern. Weiter reicht das Vorstellungsvermögen nicht.
    Wenn arbeitlose Hartzvierempfänger so reden würden, wie die Antikapitalisten hier, dann könnte man das wohl verstehen, nicht wahr. Also steht das zu vermuten, hier jammern erfolglose, aber talentierte Arbeitlose am Kapitalismus rum, anstatt sich Arbeit zu suchen. Und sind dabei moralisch überheblich. Was das nun wieder ist, wurde mir trotz mehrmaliger Nachfrage von den unmoralisch abgesenkten Kollegen noch nicht erklärt. Hier wollen Arbeitslose billig ins Schlaraffenland und dabei mehr als 7 Euro verdienen, Anstand, ihre vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen haben sie auch nicht.

    Dass ich ungern so diskutiere, denke ich, ist verständlich. Und wenn all diese Dämlichkeiten auf einen von uns zuträfen, ja, was wäre dann? Würden die Herrschaften dem dann einen Einzahlungsschein zwecks Individualspende zukommen lassen?

    Ich will Euch mal was sagen: Ihr habt schlicht und einfach keine gute Kinderstube. Und die ist nicht klassenabhängig. Schlechte Kinderstube ersetzt aber auch weder Klassenzugehörigkeit noch Ehre.

    Und jetzt verabschiede ich mich wieder vom gordischen Kommunikationsknoten.

    T. Albert

    20. November 2008 at 15:32

  106. Stattdessen kritisieren hier ja eher Führungskräfte den Kapitalismus, die sich mit den Zukurzgekommenen solidarisieren. Das nicht zu tun, heißt übrigenms, sich von einer eigenen möglichen Zukunft zu entsolidarisieren.

    che2001

    20. November 2008 at 15:54

  107. Eben.

    T. Albert

    20. November 2008 at 16:14

  108. Andersrum läuft diese Art von Vorwürfen aber auch. Ich musste mich auch schon mehrfach gegen die Unterstellung wehren, ich sei des reichen Papis verwöhntes Söhnchen, das vermutlich gerade ein Auslandssemester macht, um sich auf die Übernahme des Familienbetriebs in aller Ruhe vorzubereiten.

    Als der Vorwurf zuletzt kam, hatte ich übrigens gerade einen langen Vormittag bei der ARGE hinter mir, um meine Hartz-IV-Bezüge zu erkämpfen. Ist aber schon ein Weilchen her. Jetzt bin ich tatsächlich Student. Und Ich-AG.

    Karsten

    20. November 2008 at 17:40

  109. @stefanolix:
    Den Kommentar fand ich aber auch irgendwie blöde, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir die Hausherren hier ja doch schon etwas länger kennen und einen guten Eindruck davon haben, dass hier wohl keiner bloggt und sich beklagt, um nicht an seine Arbeitslosigkeit zu denken.

    Karsten

    20. November 2008 at 17:42

  110. Du warst so oder so rum auch nicht gemeint.

    Bin selber verwöhntes Söhnchen, und darum habe ich keinen Grund auf talentierte Arbeitslose hinabsehen zu wollen. Auf untalentierte auch nicht. Ich wurde auch anders erzogen, aber das ist jetzt lange her. Wenn meine Eltern jemanden privat einstellten, dann bekam der oder die mindestens den üblichen Lohn für seine Arbeit. Mindestens den üblichen, nicht sowas wie heutigen Mindestlohn. Das machen die alten Leute bis heute so.

    T. Albert

    20. November 2008 at 17:59

  111. Ich geh‘ ab jetzt immer davon aus, dass ich nicht gemeint bin, wenn ich nicht ausdrücklich angesprochen werde, okay? Wird meine SR-Kommunikation erheblich erleichtern. 😉

    Karsten

    20. November 2008 at 18:12

  112. @Karsten, ausdrücklich: Ja, machen wir das so.

    T. Albert

    20. November 2008 at 22:11


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