shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wie man das auch beschreiben kann, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten …

with 10 comments

„Richard Sennett ist in seinem Buch „Der flexible Mensch“ dieser Frage nachgegangen und zu teilweise erschreckenden Ergebnissen gekommen. Menschliches Verhalten ist grundlegend auf stabile soziale Kontakte programmiert. Diese jedoch werden von den Forderungen des neuen Kapitalismus untergraben. Flexibilität bedeutet in erster Linie, sich an die Orte zu begeben, an denen die Arbeit ist. Der Aufbau stabiler Freundschaften und Beziehungen, die Mitarbeit in den jeweiligen Interessen- und Freizeitgruppen eines Wohnortes kann auf diese Weise nicht mehr stattfinden. Die Folge ist Vereinsamung und soziale Isolation.

Anhand von Fallbeispielen zeigt Sennett die Auswirkungen dieser neuen Form des Kapitalismus. Die moderne Arbeitswelt sieht er als eine Ansammlung von Projekten, denen der jeweilige Bezug und die Identifikation der daran Beschäftigten fehlt. Dieses neue, wie Sennett es nennt „Regime“ gerät jedoch in Konflikt mit dem auf Langfristigkeit angelegten menschlichen Charakter. Ohne die Gewißheit dessen, was in der Zukunft passiert, ohne die Möglichkeit planvoll seine Zukunft zu gestalten, ist der Mensch dazu verdammt ein moderner Nomade zu werden, der von Arbeitstelle zu Arbeitsstelle zieht, um sein Leben bestreiten zu können.“

Advertisements

Written by momorulez

23. November 2008 um 13:31

10 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Die Links funzen nicht, aber danke für den Text!

    Wenn Hartmann und Geppert, wie Du meinst, das Kind mit dem Bade ausschütten, so hat Sennett zwar sehr Recht, nur fehlt eine Komponente von dem, was H. und G. behandeln. Denen geht es ja um Anpassungsmechanismen einerseits und Widerstandsstrategien andererseits und in dem Zusammenhang um die Frage, inwieweit der Zwang zur Flexibilisierung auch noch verinnerlicht und sogar zu einem positiven Selbstverständnis aufgebaut wird. Da wäre dann Sennett zu ergänzen – falls er das nicht an anderer Stelle schreibt. Ich glaube, in „Kultur des neuen Kapitalismus“ macht er das auch. Wobei Sennett im Gegensatz zu Hartmann und Geppert keinen radikalen, grundsätzlich antikapitalistischen Ansatz vertritt, sondern eher in Richtung Humanisierung der Arbeitswelt tendiert. Seine Vorstellung des mp3-Kapitalismus ist aber sooooo weit von Hartmann und Geppert nicht weg.

    chezweitausendeins

    23. November 2008 at 15:42

  2. Ich habe den Link gedoppelt, deshalb ….

    „Wobei Sennett im Gegensatz zu Hartmann und Geppert keinen radikalen, grundsätzlich antikapitalistischen Ansatz vertritt, sondern eher in Richtung Humanisierung der Arbeitswelt tendiert.“

    Ja, das stimmt. Aber da halte ich’s mal mit Nörgler: Die Wahrscheinlichkeit der „Überwindung des Kapitalismus“ tendiert derzeit gen Null.

    momorulez

    23. November 2008 at 15:48

  3. Das sehe ich etwas anders. Führe später mal aus, wie und warum, dazu habe ich jetzt keine Zeit. Im Übrigen ist der Sennett ein Urproletarier, der´s zum Prof gebracht hat. Hat ne ganz interessante Biografie, der Gute.

    chezweitausendeins

    23. November 2008 at 17:02

  4. Also, zur Überwindung des Kapitalismus: Der ganze Neoliberalismus (wegen mir lieber Postfordismus) und was daraus folgt ist nur aus der Dynamik der Klassenkämpfe weltweit zu verstehen. Der keynesianisch-fordistische Sozialstaat der 60er und 70er Jahre war in eine Krise geraten, die etwas mit Aufstandsbewegungen, Insubordination, maximaler Ausnutzung sozialer Leistungen usw. zu tun hatte. Das waren zum Einen Kolonialkriege und Postkolonialkriege, die der Westen verlor sowie Guerrillabewegungen in den Drei Kontinenten, zum anderen Streiks, Lohnforderungen, und alle möglichen Arten von Renitenz, die seit den späten 60erJahren weltweit kulminierten. Nicht nur in Form expliziter politischer oder sozialer Bewegungen, sondern allgemein dadurch, dass sich massenhaft Leute neu erfanden, hedonistischer lebten als bisher, eine allgemeine Her-mit-dem-guten-Leben-Mentalität sich ausbreitete, von krankfeiern über Sabotage am Arbeitsplatz (habe ich selbst bei VW am Band intensivst erlebt) hin zu gewerkschaftlichen Forderungen nach Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen eine Ökonomie der Bedürfnisse und ein Greifen der kleinen Leute nach Lebenschancen starki expandierte- das, was Historiker Eigen-Sinn nennen intensiv gelebt wurde. Damit geriet das kapitalistische Arbeitsregime unter Druck, und zwar im Weltmaßstab. Mit dem Absturz des Währungssystems von Bretton Woods und den Ölkrisen von 1973 und 1978 wurde der Druck für das System unerträglich.Der Neoliberalismus entstand als Weg, den Kapitalismus durch Dynamisierung aus der Krise zu retten. Es ist kein Zufall, dass Thatcher ihre offensive mit der Zerschlagung der Bergarbeitergewerkschaft, eine der stärksten, kampfbereitesten und traditionsverbundensten Gewerkschaften der Welt und einem klassisch imperialistischen Seekrieg begann. Es ist auch kein Zufall, dass die neoliberale Phase mit restriktiven IWF-Kreditauflagen und Brotpreisaufständen eingeleitet wurde, die in Charakter und Verlauf verblüffende Ähnlichkeit mit den Revolten des Vormärz besaßen. Die aktuelle Phase, wie sie Hartmann und Geppert in „Cluster“ und Sennett in „Kultur des neuen Kapitalismus“ behandeln, ist das Ergebnis einer weiter krisenhaften Entwicklung des Neoliberalismus. Der gouvernementale Zwang zum Verinnerlichen der marktwirtschaftlichen Strukturen, den Hartmann und Geppert als „Griff nach der Seele“ beschreiben ist nur ein nächster Schritt des durch selbsterzeugte Krisen getriebenen Systems. Insofern würde ich sagen, dass wir heute einem möglichen Ende des Kapitalismus näher sind als 1968. Nur ist dies möglicherweise nicht die Überwindung im Sprung, sondern das Verrecken in der Katastrophe und der Rückfall in die ursprüngliche Akkumulation. Oder etwas ganz und gar Neues, das wir uns nicht vorstellen können. The future is unwritten. Ich halte es mit Mesrine: Die Revolution ist potenziell jederzeit möglich. Die Anknüpfungspunkte, die in früheren Zeiten Revolutionen auslösten sind aber nicht mehr erkennbar. Die Revolutionäre sehen ihre Züge nicht einmal mehr davonfahren.

    chezweitausendeins

    23. November 2008 at 19:17

  5. Ich komm da nicht mit.
    Welche Renitenz kummulierte denn in den 60ern/70ern. Die Studentenbewegung war ja bei vielen Arbeitern nicht gerade beliebt.
    Im übrigen entstanden die japanischen Managementmodelle bereits in den 50ern. In dem damaligen Schwellenland Japan.
    Wie viele Guerrilla-Bewegungen in den „3 Kontinenten“ waren denn erfolgreich. Und inwieweit bildeten diese 3 Kontiente überhaupt jemals eine Einheit. Les mal Jorge Edwards, Persona Non Grata. Da sieht man doch, dass allein schon die chilenische Unidad Popular meilenweit vom kubanischen Sozialismus a la Castro entfernt waren.
    Wo war bitte der Falkland-Krieg ein „klassischer imperialer Seekrieg“. Eine dahinsiechende argentinische Militärjunta, die noch übler gefoldert hat als die Junta des westlichen, transadinischen Nachbarn, konnte nur noch durch dieses nationale Projekt Malvinas-Krieg an der Macht bleiben. Auf den Falklands lebten und leben aber Engländer. Sprachlich, genetisch und kulturell. Die argentinischen Soldaten waren überrascht, wen sie dort vorfanden. Die Bewohner der Falklands wollten in keinen Fall Argentinier werden. Was hat das mit Imperialismus zu tun?
    Der IWF hat in den letzten Jahren eindeutig an Macht eingebüßt. Unabhängigkeit vom IWF spielt in der lateinamerikanischen Politik eine wichtige Rolle. Brasilien und Chile haben das erreicht und die Regierungschef erklären es auch öffentlich. Zur Freude der Bevölkerung. Bachelet z.B. neulich sinngemäß:
    Wir haben mit der US-Krise nix zu tun. Die haben uns früher immer dolle Ratschläge gegeben und jetzt sind sie selber in so etwas getapt. Sie mögen sich das nächste mal, wenn sie uns Ratschläge geben wollen, daran erinnern.

    In Argentinien verlieren die Kirchner-Peronisten an Unterstützung, weil die Bevölkerung befürchtet, dass nun wieder eine typisch argentinische makroökonomische Stabilitätskrise losbricht.
    Die Einschläge dieser Krise sind einfach näher an uns. Island, vielleicht das ein oder andere osteuropäische Land und die USA.

    Es ist sehr wichtig, über die etwaigen sozialen Konsequenzen moderner Arbeitsorganisation nachzudenken.
    Nur halte ich diesen weltgeschichtlichen Rahmen, den Hartmann und Geppert da aufspannen (bin auf Seite 43) für sehr willkürlich.

    Lemmy Caution

    23. November 2008 at 23:34

  6. @Welche Renitenz kummulierte denn in den 60ern/70ern. Die Studentenbewegung war ja bei vielen Arbeitern nicht gerade beliebt.— Das war ja auch nie eine Einheit. Darum geht es auch gar nicht. 68 war keine Studentenbewegung, sondern eine Gleichzeitigkeit völlig unterschiedlicher Prozesse. Von der Studentenbewegung in USA und Europa über die Protestbewegung in Jugoslawien, den Pariser Mai, in dem Arbeiter und Studenten zusammen kämpften (bis zu einem Streik der Showgirls und Huren), dem Prager Frühling (demokratischer Kommunismus – was für eine Perspektive!) die Aufstände der Schwarzen in den USA (Original-Zitat: „Nicht Vietnam, Newark, Bronx, Chicago, das ist der Krieg“) bis hin zu den Streiks bei Ford in Köln und Fiat in Turin und darüberhinaus der Lebenshaltung „ich nehme mir von den angebotenen sozialen Leistungen so viel ich bekommen kann“ war die Haupttendenz damals die einer grundsätzlichen Inanspruchnahme sich bietender Lebenschancen von unten. Oder, wie die katalanischen Anarchosyndikalisten es damals ausdrückten: „Regagnaramos la vida!“

    Beim Falkland-Krieg geht es mir um die Bedeutung, die der im sozialimperialistischen Sinn für Thatcher hatte, nicht für Argentinien oder die Falkländer.

    chezweitausendeins

    23. November 2008 at 23:52

  7. „Rückfall in die ursprüngliche Akkumulation“
    Das verstehe ich nicht ganz. Die uA ist die gewaltsame Initiationsphase des Kapitalismus durch Agrarier-Enteignung. Das setzt einen Stand der Zivilisation voraus, mit dem das „Verrecken in der Katastrophe“ nicht vergleichbar wäre.
    ______________

    „Die Revolutionäre sehen ihre Züge nicht einmal mehr davonfahren.“
    Es faßt mich der Neid, dass diese Begründung der Notwendigkeit der Salonmarxologie nicht von mir stammt.

    Nörgler

    24. November 2008 at 0:28

  8. Beim Falkland-Krieg geht es mir um die Bedeutung, die der im sozialimperialistischen Sinn für Thatcher hatte, nicht für Argentinien oder die Falkländer.

    Mein Vater hat in den 70ern mal herausgefunden, dass seine englischen Kollegen die Hälfte von ihm verdienten. Bei sicher nicht viel niedrigeren Lebenshaltungskosten.
    UK war 1979 wirklich in keiner besonders guten Lage. Tony Blair fügte einige sozial ausgleichende Elemente hinzu, brach aber nicht mit der Thatcher Legacy. All diese Regierungen waren demokratisch gewählte.
    Die Akzeptanz des Falklandkriegs hing sicher auch mit dem Gegner und der Tatsache zusammen, dass es um die V.e.r.t.e.i.d.i.g.u.n.g. von Engländern ging und die Falklands nie argentinisch waren und ab 1833 definitiv britisch. Ich halte solche Details für wichtig.

    Lemmy Caution

    24. November 2008 at 1:12

  9. Thatcher wäre ohne diesen Krieg nicht wiedergewählt worden, und ich erinnere mich noch an die Zehntausende, die begeistert ´“Rule, Britannia, rule the waves!“ gröhlten, als die Flotte auslief. Oder so etwas wie das Atomuboot „Conqueror“, das die Besatzung des versenkten argentinischen Kreuzers „General Belgrano“ absaufen ließ und vor der Feindfahrt die schwarze Flagge mit dem Totenkopf gehisst hatte. Sicher war das ein Krieg gegen ein faschistisches Regime, dass die Falklands völkerrechtswidrig annektiert hatte. Aber wie er inszeniert und propaghandistisch genutzt wurde, das war klassischer Sozialimperialismus. Und in seinem Windschatten führte Israel dann schnell noch eine Invasion im Libanon durch.

    @Nörgler: Streiche die Agrarier und denke allgemein an Raub, in dem Sinne hatte ich ursprüngliche Akkumulation gemeint. Auch das Handeln der neuen Wirtschaftsmagnaten in Russland, die bei der Privatisierung ehemaliger Staatskonzerne durch Glück, Geschick, Bestechung und Begünstigung bei der Verteilung zu Milliardären wurden wurde schon als Rückfall in die ursprüngliche Akkumulation bezeichnet.

    che2001

    24. November 2008 at 8:45

  10. Noch mal ne Nachbemerkung wg. „Kind mit dem Bade ausschütten“. Dummerweise IST der geforderte Selbstvermarktungsprozess teilweise ein stetes sich-neu-erfinden-müssen. Dass das Ganze unter Zwang und unter der Ausrichtung der Verwertbarkeit passiert und damit seinen Impetus des Selbstbestimmten verliert ist auch keine Frage. Das Problem ist: wie will man es anders nennen?

    Manchmal war Früher doch einfacher: 1850 in Manchester war John the Worker nicht gezwungen noch so zu tun als wäre alles prima und sein sehnlichster Wunsch wäre es, an der Maschine noch nen Arm zu verlieren. Denn: auch ohne Arm kannst du glücklich sein und dich in deiner Arbeit voll ausleben. Dann erfindest du halt ne Fußbedienung für die Maschine bist ja nen kreativer Kopf und voller Potential.

    che2001

    8. Dezember 2008 at 13:52


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s