shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Besuch der Tochter des Rabbiners

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Meine Mutter war in der Schulzeit mit der Tochter eines Rabbi befreundet gewesen. Sie hatte sie öfter in der Synagoge besucht, was damals nun nicht gerade als botmäßiges Verhalten angesehen wurde. Als Tochter eines Mannes, der 2 Jahre wegen „reichsfeindlicher Kontakte zu Juden“ im Knast gesessen hatte war sie allerdings in der öffentlichen Wahrnehmung wahrscheinlich ohnehin jenseits von Gut und Böse. Kurz vor der Reichspogromnacht bekam der Rabbi von der Polizei einen Tipp, er sollte doch mal eine Auslandsreise antreten und es besser so einrichten, dass er nicht zurückkäme. So verschwand die Familie im Oktober 1938. Jetzt, 70 Jahre später, war sie zu Besuch. Es war wunderschön zu sehen, wie die alten Leute da zusammernsaßen, in Fotoalben aus den 30er Jahren und alten Schulzeugnissen kramten und sich gegenseiti ihre Lebensgeschichten erzählten. Einmalig!

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5 Antworten

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  1. Ich hab mal miterlebt wie meine Oma nahe Wrozlaw eine ehemalige polnische Zwangsarbeiterin, die später einen Nachbarhof übernommen hat , traf. Haben sich gefreut, sich wiederzusehen und länger geredet. Die Polin konnte recht gut Deutsch sprechen. Auch ca. 180 km von Auschwitz entfernt scheint es innerhalb von nominalen Zwangsarbeitsstrukturen sowas wie normale menschliche Kontakte gegeben zu haben. Ich fand das irgendwie sehr beruhigend.
    Auf dem Hof war Hitler von Anfang an umstritten. Mein Urgroßvater hat zeitweise aus Protest nur noch Polnisch gesprochen. Spätestens mit Kriegsausbruch waren alle gegen Hitler. Ein ebenfalls opositioneller Großonkel hat Aufzeichnungen über die Zeit hinterlassen. Revanchistische Tendenzen hat meine Großmutter nie geäußert.

    Lemmy Caution

    25. November 2008 at 9:46

  2. Wenn ich Zeit finde blogge ich mal was über die Kriegserinnerungen meiner Eltern. Ist ein ganz interessantes Kapitel, insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit Zwangsarbeitern und mit dem Mißbrauch der Begeisterungsfähigkeit von Jugendlichen.

    che2001

    25. November 2008 at 11:11

  3. Ich hab sprachlich alles mir mögliche versucht, das nicht als Provokation klingen zu lassen. Es ist nämlich wirklich nicht so gemeint. Und auch nicht so, dass ich polnische Zwangsarbeit für eine insgesamt menschliche Sache halte.
    Ich könnte natürlich in das Dorf fahren und die wahrscheinlich englischsprach-kundigen Kinder oder Enkel über ihre wahre Sicht der WK2 stories aus der Sicht ihrer inzwischen verstorbenen Großeltern befragen.
    Ich hatte auf Grund der Art, in der die beiden alten Frauen vor ca. 5 Jahren miteinander umgegangen sind, den Eindruck, dass es da keine gewaltigen offenen Wunden gab. Frauen sind natürlich im Zweifelsfall im Durchschnitt besser im Erdulden und Verzeihen wie wir. Ich weiss es natürlich nicht. Meine Oma hat das eher so dargestellt, dass das vorher Landarbeiter waren und im Krieg eben Zwangsarbeiter. Geändert hätte sich dadurch aber nichts.
    Der Hof war auch nicht groß. Die haben alle mittags an einem Tisch gesessen und waren Sonntags (oder öfters) in der gleichen kleinen katholischen Kapelle zur Messe.
    Natürlich waren meine Großeltern die Besitzer der Produktionsmittel.
    Die schlesische Bevölkerung ist bei Herannahen der Roten Armee nach Tschechien und Sachsen geflohen. Bei Kriegsende sind die dann wieder zurück in ihre Dörfer. Nachdem Niederschlesien dem polnischen Staat zugesprochen wurde, wurden Eisenbahntransporte organisiert. Eine der frühesten Erinnerung meiner 1942 geborenen Mutter ist die offene Tür eines fahrenden Güterwaggons. Das waren größtenteils die selben Waggons, die vorher zum Transport der Juden in die Konzentrationslager verwendet wurden.
    In der Zeitspanne zwischen Rückkehr und endgültiger Vertreibung gabs in Wrozlaw (früher Breslau) verständliche Rache-Akte der Polen und eine Art Wild West Situation. Auf dem Land waren laut Historikern die Beziehungen wesentlich friedvoller.
    Sicher bin ich mir da natürlich nicht.

    Lemmy Caution

    26. November 2008 at 17:21

  4. „Frauen sind natürlich im Zweifelsfall im Durchschnitt besser im Erdulden und Verzeihen wie wir“

    gewagte Theorie. Vielleicht im erdulden, aber nicht im Verzeihen.

    Aber was ich eigentloch sagen wollte: ich war vor etwa 5 Jahren dabei, als eine Frau (Alter weiss ich nicht) den Brief der deutschen Kriegsgräberfürsorge öffnete, in dem ihr mitgeteilt wurde, wo das Grab ihres Bruders sei. Er war umgebettet worden auf einen Friedhof für russische und deutsche Soldaten. Die Frau war bereits mehrfach mit der Kriegsgräberfürsorge in Westrussland gewesen. Dort hatte sie Kaffee getrunken mit Angehörigen der Männer, deren Regiment damals den Panzer ihres Bruders abschossen.
    Sie erzählte in diesem für sie hochemotionalen Moment, wie sie und die russischen Frauen doch eigentlich das gleiche durchgemacht haben und wie schön es sei, dort zu sein und wie sie sich immer freut zu fahren. Natürlich würde sie zum Grab ihres Bruders fahren.

    Wahrscheinlich tun diese Fahrten mehr zur Aussöhnung zwischen den Überlebenden als 100 kluge Diskussionspapiere, die ausser dem Autorenkreis eh keiner liest.

    cassandrammviii

    19. Januar 2009 at 10:22

  5. Meine Mutter berichtete aus ihrem Pflichtjahr, dass auf dem Bauernhof, wo sie eingesetzt wurde, ukrainische, polnische und russische Zwangsarbiter eingesetzt wurden und eine wunderschöne Ukrainerin, Alexandra, die viel weinte und sehr unter der Situation litt. Die wurden alle genauso wie die deutschen Landarbeiter behandelt, und es hinderte sie auch niemand daran, dass sie auf dem Heuboden russische Sender hörten. Nach dem Krieg wurde der Hof des Bauern von Plünderungen vereschont, während die Ex-Zwangsarbeiter sich an denen schadlos hielten, die mit Ihresgleichen über umgegangen waren

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 12:59


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