shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Cluster: Von der Zurichtung des Menschen zum Funktionieren in der postfordistischen Gesellschaft und der Perspektive des Widerstands

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Ich gestehe, ich werde rückfällig. Ich gebe nicht, wie geplant, meine endgültige Rezension des Buchs von Detlef Hartmann und Gerald Geppert erst nach vollständiger Lektüre zum Besten, sondern mache da weiter, wo ich jetzt bin. Auch wenn jene Textpassage, die Momorulez so aufbrachte, anderes anzudeuten scheint, aber die Autoren sind keineswegs die Seher auf dem Elfenbeinturm, sondern durchaus Empiriker. Empiriker im Sinne der militanten Untersuchung.

http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/birke.html

In diesem Fall bestand diese im Bezug auf die teilnehmende Beobachtung am Streik bei Gate Gourmet. Auch die Frage, was in der sehr viele Schlagworte unerklärt und in höchst dramatisierender Sprache vortragenden Einleitung mit sich selbst neu erfinden bzw. einem gesellschaftlichen Zwang dazu gemeint ist, wird noch viel klarer, sowohl bei neuen Eliten, die sich selbst neu erfinden und viel unhierarchischer und sympathischer wirken, in ihrem tatsächlichen Wirken aber nicht besser sind als die alten Mächtigen, als auch im Anpassungszwang bei den Unterworfenen, die in McKinsey-geschulten Programmen zur Verinnerlichung marktwirtschaftlichen Denkens, schlanker, von eigenverantwortlicher Arbeitsweise geprägter Betriebsstrukturen und Effizienzdenken bis in ihre Gefühlsökonomie hinein angehalten werden. Selbst das Burn-Out-Syndrom wird in therapeuthischen Modellen zur Arbeitseffiziensteigerung sozusagen nach vorne kuriert, um nur ja keine Ursachen außerhalb der Verarbeitungsweise der eigenen Persönlichkeit erkennbar werden zu lassen. Der Mobbing-Gegner hatte mit solchen Strukturen seine speziellen Erfahrungen gemacht.

http://che2001.blogger.de/stories/349727/

http://che2001.blogger.de/stories/716362/

Schließlich wird dennoch eine Perspektive auf Widerstand durch Behauptung des Eigen-Sinns erkennbar. Ich möchte jetzt eng an Textauszügen arbeiten, vielleicht wird damit auch verständlich, was bislang beim lesenden und kommentierenden Publikum eher für Ratlosigkeit gesorgt hat.

„Nicht eiserner Rationalisierungszugriff charakterisiert exemplarisch die Mitarbeiter der neuen Spitzenunternehmen im Silicon Valley, sondern der sogenannte Googleness-Faktor: spitzenabschluss einer Spitzenuniversität ja, Führungserfahrung ja, aber keine Grabenkämpfe, kein Machtgehabe. Die Google-Gründer möchten das Universitätsflair erhalten, das sie als Stanford-Zöglinge genossen haben: Die Unbeschwertheit, den Mut, Unerlaubtes zu denken, kindlich neugierig und schlecht angezogen zu sein. Die Spiegel-Berichterstatterin Michaela Schiessel jubelt in ihrem Artikel: „Vielleicht ist das ja das wahre Erfolgsgeheimnis der Firma Google: Alphamännchen müssen draußen bleichen.“

Verfrühter Jubel. In der Transformation der innovativen Technologien und ihres Unterwerfungsmanagements haben sich periodisch immer neue Gestalten des Alphamännches hervorgebracht. Der Google-Typus ist nicht der alte servant of power der tayloristischen Stab-Linienhierarchien – Leittypus auch einer neuen Bürgerlichkeit. Google, Yahoo und ihre Konkurrenten stellen derzeit die Upstarts der neuen „social networks“ wie Flickr, Facebook, MYSpace, You Tube in ihren Dienst, deren kreative Innovateure diesem neuen Sozialtypus neue Gestalten und Gesichter geben. Ihr Charkater ist keine Maske. Sie sind die kreativen Unternehmer neuer Initiativen kapitalistischer Bemächtigung im Sinne Schumpeters. Wie sehr es neben Reich- und Herrentum auch der Drang zur Selbstverwirklichung ist, der sie treibt, enthüllt auch ein Bericht über die Eliten von Silicon Valley von Gary Rivlin, den die New York Times kürzlich im Rahmen ihrer Serie über das „Age of Riches, die Junior Mogule“ abdruckte. Nach dem Erfolg machen junge Unternehmer immer weiter, sagt er und zitiert einen am unteren rand der Milliardengrenze angekommenen Jungunternehmer: „Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn ich nicht Unternehmen gründen würde. Vielleicht würde ich daran denken, mir die Pulsadern aufzuschneiden.“ Dieser Typus bildet den hegemonialen Kern der „ganz kreativen Klasse“, die Holm Friebe und Sascha Lobo als führendes Element der prekarisierten Intelligenz ausmachen“

– Ob prekarisiert oder tatsächlich mächtig, ob idealtypisches Muster neben anderen, teils ähnlichen, teils alternierenden Möglichkeiten, die Betrachtung typisiert eine Art von Unternehmertum einschließlich einer sich in ihrem ideologischen Schlepptau befindlichen Boheme, die für das digital-neoliberal-deregulierte Zeitalter so archetypisch erscheint wie liberale Bourgeoisie und klassische Boheme sowie keynesianische, teils industrielle, teils bürokratische Elite und in gesellschaftlichen Nischen sich einrichtende Alternativszene für das bürgerliche Zeitalter und die Nachkriegsgesellschaft des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus. Diese tatsächlichen und vermeintlichen Eliten korrespondieren und wechselwirken mit einem veränderten Proletariat. Längst befasst sich eine Flut von Coaching-Literatur damit, wie Arbeitnehmer dazu gebracht werden können, sich zu „optimieren“ und, selbst angesichts persönlicher Lebenskrisen im Zusammenhang mit Überlastung das für den Job optimale Maximum aus sich herauszuholen, ja, Burnoutsyndrome als Herausforderungen zu betrachten. Das betrifft nicht etwa nur, wie in den Diskussionen zum Burnout in den Achtzigern Manager und Führungskräfte, sondern abhängig Beschäftigte bis zum HartzIV-Empfänger. „Die Komponente der geistigen Erschöpfung bezieht sich vor allem auf eine negative Einstellung im Hinblick auf das Selbst, die Arbeit und das Leben im Allgemeinen. Darunter fällt auch die Tendenz zur Dehumanisierung. Das Bild des idealen Arbeitnehmers mutierte vom angepassten Befehlsausführer hin zum unternehmerisch Mitdenkenden, Verantwortung übernehmenden Quasi-Unternehmer. … Orientiert an diesem Bericht aus der kapitalistischen Propagandaproduktion… bleibt es ein „Defekt“ der Seele unter den nur oberflächlich kritisierten Diktaten postmoderner Selbstoptimierungszwänge. Der Angriffscharakter wird ausgeblendet, der Antagonismus (der Klassenverhältnisse, Anm. d,. Verf) gerät nicht in den Blick und damit auch nicht der unergründliche Rückraum für die Herausbildung neuer Formen des widerständischen Selbst. Meditation, Qigong und Yoga, richtiges Atmen etc. gehören mit zur Rezeptur. Der Bezugsrahmen der wissensökonomischen Offensive leuchtet auch darin auf, dass der „Vertrag mit sich selbst analog einer persönlichen Zielvereinbarung nach dem Management-by-Objectives-Modell“ wie im Produktionsbereich und im HartzIV-Fallmanagement zu den Techniken therapeuthischer Selbsteinspeisungspraktiken gezählt werden. Neben und auch angeregt durch Microsoft haben eine reihe weiterer Unternehmen Work-Life-Balance-Coaching in ihre Personalmanagementprogramme aufgenommen…. Der innerbetriebliche Drucl, sich den Coachingprogrammen zu unterwerfen, erschließt dem Wissensmanagement neue Felder – Ressourcen und Labore in einem. hierin berühren und verweben sie sich mit den Strategien der Arbeitsressourcenerschließung im HartzIV-Fallmanagement. In dieser Zuspitzung inmitten der Krankheitssymptomatik der Selbstunterwerfungskrisewird gleichwohl deutlich, was die Geschichte der Klassenauseinandersetzungen – auch im Spiegel ihrer Arbeitspsychologie und Philosophie – imer wieder und nunmehr auf neuem historischen Niveau zeigt: Das Selbst ist nicht operationalisierbar, es sperrt sich in immer neuen Ausdrucksformen gegen die Strategien inwertsetzender Gewalt und Zugriffe.“

Dies wäre wahrscheinlich ein Satz für Momorulez und sozusagen Gegenpart zu der Kontextualisierung, mit der Hartmann weiter oben denBegriff des Sich neu Erfindens gebraucht hatte. Insofern bin ich auch nicht der Meinung, dass hier ein Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Am Beispiel des Streiks bei Gate Gourmet umreisst Hartmann dann,wie sich einerseits die McKinsey-induzierten Anpassungs- und Selbsterziehungzwänge anfühlen und wie gerade diese Zwänge zur Reibungsfläche wurden, an der der Widerstand etflammte: „Ob man das glaubt oder nicht: wir haben uns während des Streiks öfter darüber unterhalten: Ich kriege diesen Virus nicht raus. Wenn ich in meiner Küche einen Kaffee koche, dann überlege ich mir schon, welche Wege kann ich sparen, oder welche Sachen kann ich gleich mitnehmen, damit ich nicht dreimal laufe. Das Unterbewusstsein ist soweit festgenagelt, dass du dir jeden einzelnen weg überlegst: Was kannst du damit verbinden, wie kannst du noch optimaler deinen tag durchziehen und das im privaten Bereich – soweit sind wir!….Mit demStreik haben die Arbeiterinnen die Reißleine gezogen. Es ging auch , aber nicht allein um die Löhne. MENSCHENWÜRDE war ein Wort, das fast auf allen Transparenten stand. Im Laufe der Zeit wurden Beziehungen zu den Arbeiter/innen, die gegen Gate Gourmet auf dem Londoner Flughafen Heathrow streikten geknüpft, gegenseitige Besuche organisiert. es wurden Zugänge zu anderen Bereichen gesucht, in denen McKinsey ähnliche rationalisierungsstrategien verfolgt, wie zum Beispiel in Krankenhäusern. Es war der Streik selbst, in dem die Arbeter/innen ihre Menschenwürde zurückeroberten, ihre sozialen Zusammenhänge, ihr individuelles und kollektives Selbst wiederherstellten….Für kurze Zeit gewann das Gestalt, was Walter Benjamin in dem Satz ausdrückte: das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Es wurde deutlich, dass es keine Wissenschaftlichkeit, kein Gegenstandswissen zu diesen Prozessen geben kann, sondern das die einzige Wissenschaftlichkeit das im Kampf entwickelteGegenwissen ist, das erst die Bedeutung der neuen sozialtechnischen Strategien als Strategien des sozialen Kriegs offenlegt. Es verweist die Wissenschaftlichkeit der Beratungsunternehmen, der Arbeitswissenschaften und -soziologie in den Bereich der Kriegswissenschaften. Es gibt keine idealtypik, keine Paradigmen, diese stellen nur die wechselnde Leitbegrifflichkeit an den beweglichen Fronten der auseinandersetzungen dar. WISSEN ist das asus den Auseinandersetzungen hiermit gewonnene GEGENWISSEN. Es ist das Wissen nicht des Getriebes, sondern des Sands.“

Und aufgrund dieser Schlussfolgerng bin ich er Auffassung, dass Sennett allerdings Hartmann und Geppert nicht ersetzen kann.

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  1. „Der Angriffscharakter wird ausgeblendet, der Antagonismus (der Klassenverhältnisse, Anm. d,. Verf) gerät nicht in den Blick und damit auch nicht der unergründliche Rückraum für die Herausbildung neuer Formen des widerständischen Selbst.“

    Und wieviele haben sich von dem Geschwätz ihrer Chefs blenden lassen, begriffen sich plötzlich – obwohl abhängig beschäftigt und Lohnempfänmger – als keline Unternehmer, schwangen unerträgliche Reden im Kollegenkreis – die auf nichts als Entsolidarisierung und Leistungsmaximierung der Mitarbeiter zielten -, suchten ihre Position gegenüber der Geschäftsleitung mittels Denunziation zu verbessern und landeten, nach teils jahrelanger Selbstausbeutung und Ausbeutung von Kollegen ausgelutscht auf der Straße. Die Wurst „Geschäftsführer“ hing ihnen immer noch vor der Nase.

    Wer sehen will, sieht schon lange, was Hartmann/Geppert da aufschreiben.

    jolly rogers

    27. November 2008 at 1:20

  2. Es ist einfach der Job von Managern zu versuchen, Arbeitsprozesse möglichst effizient zu gestalten.
    Da wurden eben auch Methoden rezipiert, die in den 50er Jahren im Schwellenland Japan entstanden sind.
    Ich kann auch in meinem z.T. echt gut bezahlten Arbeitsumfeld keine „ideologische Boheme“ entdecken. Viele der QM-Strategien und modernen Prozesse sind sowieso im openSource Umfeld vorangetrieben worden. Es wird auch nicht unkritisch und jubilierend eingeführt. Es ist ein längerer Prozess.
    Das Verantwortung-übernehmen wird auch als Last und nicht als neue Gleichheit verkauft.
    Von mir wird auch nicht erwartet, dass ich permanent an der Verbesserung meiner Produktivität arbeite. Manchmal mache ich das schon. In anderen Zeiten sind mir aber Freunde, Beziehungen, kulturell-politisches Zeugs, etc. wichtiger.
    Hab auch mal in einem Unternehmen gearbeitet, dass dann so wurde wie von Jolly beschrieben. Ich könnte da nur schlichtweg nicht mitmachen und wurd nach einer gewissen Phase der Verfolgung rein eigennütziger Ziele vernünftigerweise gefeuert. Hab sowas auch in Kunden-Organisationen mitbekommen. Aber auch das andere: Der voll abgesicherte, zynische, mobbende, korrupte Haufen.
    Für eine menschliche Organisation unserer Arbeitsplätze sind wir schon selbst zuständig. Vermutlich mußten da schon Urks und Orks im Neandertal dran arbeiten.
    Insgesamt ist mir der Text (bin auf Seite 61) zu top down und negativ. Von den Quellen her basiert der sehr stark auf Papers von Unternehmensberatungen. Die Frage ist doch wie sich die Arbeiter und Angestellten drauf einstellen. Wir sind doch auch Akteure.
    Versuchs mal anders zu sehen. Teodoro Petkoff sagt, dass der große Verdienst von Hugo Chávez darin besteht, dass er die Soziale Frage in den Mittelpunkt der venezoelanischen Politik gestellt hat. Man kanns vielleicht als Verdienst von Hartmann/Geppert ansehen, dass sie die – sag jetzt mal – Frage des Humanen – in der modernen Arbeitsorganisation in den Fokus rücken. Das verwendete Stark-Deutsch ist da natürlich kontraproduktiv. Aber ok.
    Besonders intelligente und produktive Kollegen sind oft eben gerade nicht die Jubler bzgl. moderner Arbeitspraktiken.
    Dahinter aber immer einen von einer herrschenden Klasse gelenkten Prozess zu sehen, die großen Linien der Geschichte, die Zubilligung von Akteurs-Charakter rein an „Entscheidungsträger“ sind Dinge, die ich so nicht nachvollziehen kann.
    Ich gönn mir jedenfalls schon mal einen gewissen Freiraum. Früher in den Semesterferien in der Fabrik gabs ja auch Maschinenschaden. Da jetzt mein Gehirn die Maschine ist, hat das manchmal eben auch einen Schaden. In der Zeit kann dann nicht produktiv gearbeitet werden. Und Leute die sich das nicht zugestehen – erschreckend oft Frauen, btw. – landen irgendwann im Krankenhaus. Ich warn die aber auch.

    Die Jubler, die Karriereleiter-Schieler, die Anja-Tanjas habens auch nicht immer einfach. Es gibt sie. Inzwischen pass ich da besser auf, damits keine Konflikte gibt. Aber man muß nicht so sein.

    Lemmy Caution

    27. November 2008 at 11:08

  3. Ich kann die Beschreibung, die Jolly da abgibt in einigen Firmen wiederfinden, in denen ich früher mich verdingt habe. Die Kreativdirektoren der new economy sind heute alle selbstständige Berater, mit meist einem oder zwei Kunden zur Zeit, von denen sie genauso abhängig sind, wie zu Zeiten des Lohnverhältnisses.

    Habe mich gerade Montag mit einem CEO aus der „guten alten Zeit“ darüber unterhalten, ob das social web das Arbeiten aller zum besseren verändern wird.

    „St. Oberholz geht nicht überall und für alle“
    war meine Antwort. Ich erschrecke regelmäßig, wenn ich Gehälter und Absicherungen von gleichaltrigen Facharbeitern bei Volkswagen bspw. lese. In diesem Vergleich bin ich Prekariat.

    ring2

    27. November 2008 at 11:58

  4. Ích habe das, was Hartmann und Geppert da beschreiben, so auch nicht am eigenen Leibe erlebt, kenne ein völlig anderes Arbeitsumfeld, kann aber das, was sie über die Autostadt schreiben aber aufgrund eigener Kontakte bestätigen. Gleiches gilt für die IT-Branche und die Anja-Tanjas, wobei ich diesen Bereich allerdings von der schrillsten und extremsten Seite kennengelernt habe (Startups im Bereich Software-Entwicklung, finanziert mit Venture Capital, Dienstporsches für die Chefs, DienstTTs fürs Personal, Systemhäuser mit Wildwestpraktiken gegenüber ihrer Belegschaft, Werbeagenturen, bei denen die Kreativen den Roadster als so ne Art Grumdrecht betrachteteten). Als er mal darauf angesprochen wurde, dass er die Dinge oft in zu finsteren Farben beschreibe und seine Sprache pathetisch überhöht sei meinte Detlef Hartmann, er wolle Fluchtpunkte aufzeigen, in die die Entwicklung gehe, aber keine Totalitäten beschreiben.

    Ich würde auch nicht davon sprechen, dass die herrschende Klasse den Prozess der Geschichte lenkt, das meint auch Hartmann ganz sicher nicht. Aber die Entwicklungsrichtung wird schon mitgestaltet, und dabei st die Rolle von Consultings wie McKinsey oder Accidenture überwiegend eher eine üble.

    @“Aber man muß nicht so sein.“ — Eben, man kann sich auch anders neu erfinden. Sollte man!

    Ich finde übrigens gut, dass wir parallel lesen und uns von Zeit zu Zeit austauschen, gibt ja dann eine interessante Gesamtrezension.

    chezweitausendeins

    27. November 2008 at 12:12

  5. @“Ich erschrecke regelmäßig, wenn ich Gehälter und Absicherungen von gleichaltrigen Facharbeitern bei Volkswagen bspw. lese. In diesem Vergleich bin ich Prekariat.“ — Das Gehalt eines Meisters bei VW entspricht dem eines Betriebsleiters im Mittelstand oder eines PR-Managers bei einem kleinen Großbetrieb. Und bei Audi in Ingolstadt verdient das ein Wechselschichtler im Akkord.

    chezweitausendeins

    27. November 2008 at 12:14

  6. ring2 schrieb:

    Ich erschrecke regelmäßig, wenn ich Gehälter und Absicherungen von gleichaltrigen Facharbeitern bei Volkswagen bspw. lese. In diesem Vergleich bin ich Prekariat.

    Sind das eigentlich die selben Facharbeiter, die in Diskussionen von Linken gern als »ausgebeutete Sklaven« bezeichnet werden?

    stefanolix

    27. November 2008 at 15:18

  7. Nein, das sind hauptsächlich die Leute in den auffällig gelben Monturen, die von den Leiharbeitsfirmen eingesetzt werden, Erntehelfer, Migrations- und Wanderarbeiter (was keine Tautologie ist, sondern zwei verschiedene Begriffe) und die unterbezahlten Arbeitskräfte bei mittelständischen Kleinindustriebetrieben in der rückwärtigen Provinz.
    Ach ja, und durchaus auch im VW-Zulieferbereich und erst recht bei den Zulieferern des VW-Outsourcingumfelds.

    che2001

    27. November 2008 at 15:46

  8. „unterbezahlt“? Wer entscheidet über die Grenze?

    Boche

    27. November 2008 at 16:40

  9. „unterbezahlt“? Wer entscheidet über die Grenze?

    Boche

    27. November 2008 at 16:42

  10. In den Diskussionsbeiträgen, die ich gelesen habe, wird prinzipiell keine Lohngrenze genannt. Jeder abhängig Beschäftigte, also jeder Arbeiter oder Angestellte, ist demnach ein »Sklave«, der durch den Arbeitgeber (»Agressor« oder »Sklavenhalter«) ausgebeutet wird. Dann geht’s auch gleich um die »Identifikation mit dem Aggressor« — und so weiter. Nach dieser Logik wäre übrigens auch Herr Ackermann ein Sklave, da er ja von seinem Unternehmen ein Gehalt erhält.

    stefanolix

    27. November 2008 at 16:56

  11. Wir wissen doch: „Unter-“ oder „überbezahlt“ gibt es per definitionem nicht, da der Gerechtigkeitsapriorismus des Marktes dies gar nicht zuläßt.
    Der homunculus oeconomicus holt sich derweil mit der unsichtbaren Hand einen runter.

    Nörgler

    27. November 2008 at 17:16

  12. Schon klar, dass Beleidigungen Antworten ersetzen.

    Boche

    27. November 2008 at 17:19

  13. Für die Anhänger des monolektischen Marktismus-Leninismus habe ich sogar ein Lied:

    Denn der Markt, denn der Markt,
    der hat im-ma Recht,
    Liberale es bleibet dabei.
    Denn wer kämpft für den Markt
    der hat im-ma recht …

    Doch selbst bei strengster Bewertung könnte allenfalls mein zweiter Satz als ironischer Schlenker betrachtet werden. Der erste Satz ist Referat, wie stets bei mir freilich in besserem Deutsch, schöner und sprachlich eleganter formuliert, als die Originale es je hinbekämen.

    Nörgler

    27. November 2008 at 17:33

  14. Bin hier zwar nicht der Moderator, aber in dem im Eingangsbeitrag behandelten Text gehts überhaupt nicht um Gehälter, sondern u.a. um die Auswirkung von modernen Managementpraktiken auf die innere Konstitution von Arbeitnehmern.

    Lemmy Caution

    27. November 2008 at 17:35

  15. „Auswirkung von modernen Managemantpraktiken“ das hört sich so unschuldig an. Ich würde es bevorzugen, solche Euphemismen zu vermeiden und weiter beim wahren Begriff „Zurichtung“ zu bleiben.

    Jolly Rogers

    27. November 2008 at 19:02

  16. Hallo!

    Ich wollte einfach mal ein freundliches „Hallo!“ in die Runde werfen (das hoffentlich auch laut und freundlich genug ausfällt, um meine Frage zu übertönen, die auf ein „Was ist denn hier los?“ hinaus laufen würde).

    Lemmys Frage finde ich sehr spannend, – für mich ist das sogar der Knackpunkt. Ich habe gerade eine neue Lebensphase begonnen und spiele in dem Betrieb (Kultur) eine völlig neue Rolle – zudem eine, die mir bislang gut liegt.

    Und über diesen Wandel erstaunt, aber auch von den Problemen, Lebensläufen und Brüchen meiner Kollegen, frage ich mich, woher meine neue Freiheit rührt, vor allem aber, woher die Restriktionen der anderen rühren und die tatsächlichen Zerrüttungen (!) der inneren Konstitution der anderen…

    …und zwar oft (ja: überwiegend) in Reaktion auf das Marktgeschehen. Schaut man ins Prekäre, wird die Kollektivveranstaltung namens Markt – etwas zu pauschal formuliert – nicht zur einer Freiheit schaffenden Instanz, sondern eben (sogar stark) zu einer Instanz, welche die innere und äußere Konstitution der Individuen formt, ja fast wie ein:

    totalitärer Mechanismus.

    Das geht zu weit als Urteil, aber entspricht doch erschreckend der Anschauung, die ich gerade mache, gerade bei denen Kollegen, die leiden, unfreiheitlich geduckt sind und eben prekär.

    „Der“ Markt produziert hier nicht etwa autonome und zur Selbststeuerung befähigte Persönlichkeiten, sondern das fatale Gegenteil.

    Sorry, wenn ich hier zu allgemein und grobschlächtig meine neuen Eindrücke aus einem Kulturbetrieb schildere – und zu sehr in mein eigenes ideologisches Fahrwasser gegossen, denn im Wesentlichen wollte ich hier ein FREUNDLICHES HALLO anbringen.

    Lasst es euch gut gehen und geht respektvoll miteinander um!

    (alles andere kostet nur unnötig Nerven und ist irgendwie dumm)

    John Dean

    Der wünscht euch noch ´nen richtig schönen Abend
    Mit oder ohne Getränke, Whisky oder Wein
    Sei euer Austausch schön, erhellend und labend
    Es sollte nicht zuviel Gift in der Rede sein.

    John Dean

    27. November 2008 at 19:51

  17. Alle, die mal weg waren, kommen doch recht bald wieder.
    Hallo!

    Nörgler

    27. November 2008 at 22:45

  18. »Identifikation mit dem Aggressor« – das nennt man in einem anderen Zusammenhang dann „Stockholm Syndrom“.

    Erik

    27. November 2008 at 22:47

  19. Hallo Nörgler! Kommt halt immer drauf an, wer einen wie für blöde erklärt.

    Jolly Rogers

    27. November 2008 at 23:27

  20. Bin mit dem Detlef Hartmann Teil fast durch.
    Ich stimm der klassenkämpferischen Grundmelodie in dieser Schärfe nicht zu.
    Es ist aber schon spannend zu lesen. Und zwar konkret vom – sagt man das so? – Diskurs Setting. Wirtschaftspsychologie ist echt ein heute ein sehr wichtiger und auch dynamischer Bereich.

    Auch übrigens sehr globalisiert. Meine Prognosen im beruflichen Teil des Lebens einer befreundeten Chilenin, die die Freßkette ein bischen nach oben gekommen ist, sind ziemlich zutreffend. Deine Chefin wird das sagen. Deine Chefin-Chefs werden dir mit dieser Grundeinstellung begegnen.
    Genau wie bei uns zu Hause :-).
    Die Ereignisse in ihrem Privatleben find ich dagegen nicht selten höchst erstaunlich.
    Wirtschaftspsychologie hat in diesem Aspekt heutzutage oft etwas nivelierendes, denk ich. Definitiv ein Agent der Globalisierung.

    Nur frag ich mich, ob es nur negativ für Arbeitnehmer ist. Denke, dass Informationen über die Mechanismen abhängig Beschäftigten Souveränität und Autonomie zurückgeben. Gibt beispielsweise in der IT ein sehr beliebtes deutsches Wipsy Buch. In anderen Bereichen wirds das auch geben. Meine Schwester hatte das als Wahlfach in ihrem BWL-Studium. Von der hab ich einiges mitbekommen und die hat über die Jahre auch echt gute Ratschläge und Erklärungen gegeben.

    Selbst ein kleiner Unternehmer zu werden muß selbstverständlich NICHT in größere Autonomie führen. Es ist aber nicht ausgeschlossen. Vor allem wenn man die Mechanismen, die einen dazu bringen, kennt.

    Wenn man das mit der pull-Kritik noch weiter auf die Spitze treibt, dann wären ja moderne Lehrmethoden, die stark auf den Erkenntnissen der Kinderpsychologie basieren, im Grunde Werkzeuge, um die Suche nach pekuniär auspressbaren Ressourcen ins Kinderzimmer zu tragen. Kann aber eben auch dazu dienen, Kinder die Möglichkeit zu geben, souveränere Erwachsene zu werden.

    Obwohl die klassenkämpferischen Grundmelodie – hm, sagen wir – so nicht meinem Wesen entspricht, ein interessantes Buch.

    Lemmy Caution

    3. Dezember 2008 at 16:54

  21. Danke für diese Einschätzung, ich mache hier am Wochenende weiter.

    chezweitausendeins

    3. Dezember 2008 at 19:17

  22. Selbst ein kleiner Unternehmer zu werden muß selbstverständlich NICHT in größere Autonomie führen. Es ist aber nicht ausgeschlossen. Vor allem, wenn man die Mechanismen, die einen dazu bringen, kennt.

    Ich denke, die besseren Teile des fälschlicherweise gemeinsam mit Lobo verfassten Buches Buches von Friebe gehen in eine ähnliche Richtung.

    Als Ordolinker teile ich zwar Lemmys Einwand, dass (sowohl die allzu weit reichende Internalisierung von Arbeitgeberwillen als auch prekäre Selbstständigkeiten bzw. kleine Unternehmerexistenzen) durchaus auch positive Potentiale für die Individuen beinhalten, aber…

    …das hängt m.E. (insofern bin ich ein ziemlich linientreuer Ordolinker) entscheidend von zwei Faktoren ab:

    1. Dem – so nenne ich das hier – „Kräfteparallelogramm der Gesellschaft“ bzw., etwas marxistischer gesprochen, den realen (und strukturellen) Machtverhältnissen in einer Gesellschaft.

    Dann, wenn die Akteure in einer Marktökonomie über stark a) ungleiche Machtquellen und b) ungleiche Eigentums/Besitzugänge verfügen, dann erzeugt eine Marktökonomie unfaire und ausbeuterische Prozesse und Ergebnisse.

    Zugleich gibt es (auch das ist zugleich eine alte marxistische Kritik) Mechanismen im real existierenden Kapitalismus, welche auf eine Zuspitzung der in den Punkten a) und b) genannten Ungleichheiten hinaus laufen bzw. – anders formuliert – auf Akkumulationsprozesse, welche die Besitz/Eigentums- und Machteliten weiter begünstigen.

    2. Der zweite Faktor, quasi als Widerstandspotential gegenüber möglicher Unfairness/Ausbeutung, besteht in der persönlichen Substand des Betreffenden – bzw. anders gesprochen, in seiner Reife, Bildung und (!) selbstbehauptenden Widerständigkeit, die er als ausgebildete Person (bzw. Individuum) dem kapitalistischen Prozess entgegensetzen kann bzw. einsetzen kann, um damit seine eigenen individuellen Interessen (sowie seine überindividuellen sozialen Interessen) zu verwirklichen.

    Und eben auch hier, beim Faktor „persönliche Substanz“ bewirkt ein stark kapitalistisch strukturierter kapitalistischer Prozesse Erosion gerade bei den Pesonengruppen und an den Faktoren, die benötigt werden, um das mikro-kapitalistische Geschehen fairer und humaner bzw. den Individuen gemäßer ablaufen zu lassen.

    Nun kann man auf die hier vorgebrachte Kritik an der – auch psychologischen – Erosionswirkung des Kapitalismus durchaus entgegnen, dass „real“ sozialistische bzw. bürokratische Strukturen ebenfalls die angesprochenen Problematiken beinhalten können (und weitere Problematiken), aber im Kern bleibt (auch übrigens in „real“ sozialistischen Strukturen!) die Ungleichheit von Macht- und Eigentumsmitteln ein Übel erster Ordnung, das weitere Übel – für die Individuen wie für die soziale Ordnung – herbei führt.

    Anders gesagt, aus den – auch psychologischen – Fallen des Kapitalismus gibt es m.E. für die Individuen (mehrheitlich…) kaum ein nachhaltiges Entkommen, dann, wenn eine gesellschaftliche Änderungs- und Humanisierungspespektive in Bezug auf den Kapitalismus aufgegeben wird.

    (wie das ja von einigen sehr radikalen „Liberalen“ vorgemacht wird…)

    Meine These ist also, dass der Kapitalismus keine Werteordnung ersetzt und als System a) Widerstand (!), b) eine gute Dosis Re-Distribution und Bekämpfung von Ungleichheit und Machtungleichheit, sowie c) jede Menge humanisierenden Oppositionsgeist benötigt, damit er für – möglichst viele – Menschen ein erträgliches bzw. humanes Arbeiten im Wirtschaftsprozess möglich macht.

    Insofern schätze ich durchaus die Beiträge der radikalen Linken (zu der ich als Ordolinker streckenweise auch rechne), allerdings nicht zur Systemüberwindung (die bei allzu großer Vermurcksung des gesellschaftlichen Ganzen dennoch notwendig werden kann, auch und gerade im radikalen Kapitalismus), sondern zur Systemtransformation im Sinne einer humaneren Gesellschaft.

    Allein schon die Existenz einer starken Linken und eine starken gewerkschaftlichen Struktur in der Gesellschaft – ganz anders als es Neo“liberale“ behaupten – leistet einen immensen Humanisierungsbeitrag: im Kapitalismus.

    (my 2 Cent)

    John Dean

    4. Dezember 2008 at 0:28

  23. Korrektur zu oben – es muss heißen:

    …Und eben auch hier, beim Faktor “persönliche Substanz” bewirkt ein stark kapitalistisch strukturierter gesellschaftlicher und ökonomischer Prozess Erosion gerade…

    John Dean

    4. Dezember 2008 at 0:32

  24. @Dean, da haben wir partiell Konsens. Ich schreibe demnächst mal einen Rundumschlag zu Hartmann, den Materialien, Aly und was das mit linker Verortung zu tun hat, und zwar aufgehängt an der pauschalierenden Sichtweise der Gegner. Macht so einiges deutlich. Zeigt insbesondere, wo man hinkommt, wenn man quasi theologischen Dogmen folgt, was ja bei den ADs das Hauptproblem ist.

    che2001

    4. Dezember 2008 at 12:50

  25. So Leutchen, ich habe den Beitrag oben fertig geschrieben und bitte um Anmerkungen.

    chezweitausendeins

    7. Dezember 2008 at 17:14


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