shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Dezember 2008

Paradigmenwechsel

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In den letzten Jahren hat die Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus bzw. neoliberalen Positionen für mich viel Zeit und Raum eingenommen. Dies wird sich künftig ändern, bedingt durch die veränderten Verhältnisse seit der Weltfinanzkrise. Denn diese Krise war vor allem auch eine Krise des Neoliberalismus. Wie immer man die Rettungsversuche, die von den westlichen Regierungen jetzt unternommen werden auch bewerten mag, sie sind mit Sicherheit nicht neoliberal, sie sind überhaupt nicht liberal. Es scheint so, dass sich die Politik derzeit auf eine Verbindung aus neokeynesianschen Maßnahmen und Aufrüstung im Bereich innere Sicherheit hin orientiert, und das bedeutet Staatsautoritarismus. Ereignisse wie die Unruhen in Griechenland und Island deuten außerdem darauf hin, dass soziale Aufstände auf die Tagesordnung der Geschichte zurückkehren, einschließlich einer gegen sie gerichteten militärischen Repression. In solch einer historischen Situation ist liberale Autoritätskritik mehr als angesagt.

– Zum anderen gibt es in der radikalen Linken einen Theioriestrang, der bestreitet, dass Dinge wie die Hartz-Gesetzgebung noch etwas mit Neoliberalismus zu tun haben. Für die Arranca!-Redaktion und für die Materialien für einen neuen Antiimperialismus steht die Verbindung aus neoliberalen Versatzstücken in der ideologischen Begründung von Sozialabbau- und Deregulierungsmaßnahmen („Eigenverantwortung“, „Fördern und fordern“, „schlanker Staat“) mit durch und durch antiliberalen obrigkeitsstaatlichen Zwangsmaßnahmen im Mittelpunkt. Für sie formiert sich gerade eine neue Form von Governementalität, die in ihrer Disziplinierung der ökonomisch Schwachen und der zunehmenden Tendenz, diese zur Verinnerlichung ihnen zugemuteter Leistungsnormen zu zwingen („Griff nach der Seele“) zunehmend totalitären Charakter annimmt. In dieser Sichtweise war der Neoliberalismus eine frühe Phase des postfordistischen Umbaus der kapitalistischen Gesellschaften, die inzwischen abgeschlossen und überholt ist. In beiden Szenarien ist der Gegner der Staatsautoritarismus.

Griechisches Militär weigert sich, auf Demonstranten zu schießen

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Dem Vernehmen nach sind kürzlich deutsche und italienische Spezialisten nach Athen gereist, um die griechische Armee in der Aufstandsbekämpfung zu unterweisen, und es wurde Plastikmunition an die Streitkräfte ausgeteilt. Nun haben sich Soldaten aus 45 verschiedenen Kasernen öffentlich geweigert, einen Schießbefehl auf Zivilisten auszuführen. Meines Erachtens wird es immer deutlicher, dass es sich in Griechenland um einen durch die Kreditkrise ausgelösten, aber durch tiefgreifendere Mißstände in der griechischen Gesellschaft bedingten sozialen Aufstand handelt, der mit den Brotpreisrevolten in den 70er und 80er Jahren in verschiedenen Schwellenländern verglichen werden kann. Und auch die Lösung, die da von oben angedacht war sollte wohl genauso aussehen wie damals praktiziert. Nur scheint zum Glück die griechische Gesellschaft zu weit demokratisiert zu sein, als dass sich Aufstände wie in einer Duodezdiktatur einfach niederschießen lassen. Die soziale Frage wird wieder militant gestellt. Welcome back in history.

http://de.indymedia.org/2008/12/236701.shtml

Leistungsmissbrauchsdiskurs

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Mir ist in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen, dass die Debatte über den verbreiteten Leistungsmissbrauch (oder die Annahme eines solchen), die heute immer mal wieder über HartzIV-Empfänger geführt wird vor 10 bis 15 Jahren fast genauso über Flüchtlinge geführt wurde : ob man nicht generell besser Sachleistungen zahlen solle, wie man sicherstellen könne, dass das Geld auch „ordentlich“ (also nicht für Alk, Kippen und damals Schleuserbanden, heute Flachbildschirme) ausgegeben werde, dass die Kinder verwahrlosen, die hohe Zahl an nicht gerechtigten Ansprüchen, wie teuer das den Staat alles komme etc. Da wurde und wird eine Gruppe von Menschen zum Gegenstand einer weit geführten Debatte mit der jeder sich irgendwie profilieren will, aber reden mit den Betroffenen ist selten.

Ich sehe hier Parallelen. Ich bin mir noch nicht sicher, was, wenn das denn so stimmt, daraus für eine Konsequenz erwachsen kann oder soll.

Written by cassandrammviii

19. Dezember 2008 at 8:28

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Sozialbetrug von oben – Entrechtung durch miese Anwaltshonorare

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Ein befreundeter Anwalt schreibt mir dies:

„In einer gerade gewonnenen Sache vor dem Sozialgericht, die so eindeutig war, dass die gegnerische Hartz 4-Behörde den Anspruch des Mandanten noch in der Verhandlung sogar selbst anerkannte, bekam der Anwalt für seine sehr umfangreiche Arbeit keine 50 Euro. Wegen des zunächst erbitterten Widerstandes der GfA waren mehrere Schriftsätze zu insgesamt 29 Seiten erforderlich.

Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass dies systematisch gewollt ist, dass es sich nämlich kein erfahrener Anwalt mit Kanzleibetrieb leisten können soll, solche Fälle überhaupt zu bearbeiten.
Ein Kollege hat aus seiner persönlichen Erfahrung von ein paar derartigen Mandaten für sich schon seit Jahren den notwendigen Schluss gezogen, dass man so etwas einfach nicht machen kann, wenn man als Rechtsanwalt Angestellte zu bezahlen und eine Familie zu ernähren hat.

Denn zu dem erbitterten Widerstand der Behörden kommt erschwerend hinzu, dass man es mit zumeist desorganisierten Mandanten zu tun hat, die einem aus Überforderung nicht alle Unterlagen vorlegen und nicht alles Wichtige gleich sagen, Dinge vergessen und dergleichen. Das heißt der Aufwand, den man treiben muss, um den bedürftigen Mandanten überhaupt vertreten zu können, ist schon deshalb von vornherein höher.

Die staatliche Begründung für diese geringen Gebühren lautet, dass ansonsten der sozial bedürftige Bürger sich überhaupt keinen Anwalt leisten könnte. Dabei wird allerdings vorsätzlich übersehen, dass sozial bedürftige Bürger doch ohnehin Prozesskostenhilfe erhalten können, und die Kostenlast insoweit den Staat träfe. Das sich sozial gebende Argument für die niedrigen Gebühren erweist sich damit als blanke Heuchelei, weil die geringe Bezahlung des Anwalts dem sozial schwachen Mandanten nicht hilft, sondern ihm schadet.

Zum anderen schlagen Sozialrechtsanwälte schon seit Jahrzehnten immer wieder vor, dass die niedrigen Gebühren dann vielleicht sogar noch in Ordnung sind, soweit der sozial bedürftige Mandant diese Gebühren tatsächlich zahlen muß, nämlich in dem Fall, indem er den Prozeß verliert. Dies ist aber dann ja nicht der Fall, wenn der Mandant vor dem Sozialgericht obsiegt, weil die Behörde eine Fehlentscheidung getroffen hat und der Anwalt des Bedürftigen gut gearbeitet hat.

Jedem Anwalt, der solche Fälle kennt, ist daher klar, dass eine solche gute Arbeit von Anwälten staatlicherseits gar nicht gewollt ist. Gewollt ist, dass Behörden Fehlentscheidungen zu Lasten der Bedürftigen treffen sollen, und wenn das schief geht, weil der Bedürftige sich mit Hilfe eines guten Anwalt erfolgreich gewehrt hat, dann ist dies auch kein großer Schaden für die Behörde, denn Anwaltsgebühren fallen kaum an.

Wären diese Anwaltsgebühren deutlich höher, dann würden sich mehr Anwälte für dieses Rechtsgebiet interessieren und sich eine entsprechende Arbeit leisten können, und für die Behörden wäre es nicht mehr so attraktiv, einfach berechtigte Leistungen erstmal zu verweigern, um zu sehen was passiert, und sie würden sich mehr mühen müssen richtig zu handeln, aber auch das ist politisch ja gar nicht gewollt, weil das dann wieder mehr Geld kosten würde, wenn alle Bedürftigen ihre gesetzlichen Ansprüche durchsetzen.

Das künstliche Niedrighalten der Anwaltsgebühren in solchen Verfahren ist die notwendige flankierende Maßnahme zum vorsätzlichen und systematischen rechtswidrigen Behördenhandeln.

Dass der Bürger den Staat verklagen kann, war ein entscheidender zivilisatorischer Fortschritt. Wenn man eine ganze Bevölkerungsgruppe jedenfalls von Teilen des Rechtstaates ausschließen will, dann versperrt man ihnen einfach den Zugang zu Anwälten und Gerichten, indem man die anwaltliche Vertretung vor Gericht so schlecht bezahlt, dass die Anwälte abwinken, weil sie sich solche Prozesse wirtschaftlich gar nicht leisten können.“

Written by Nörgler

17. Dezember 2008 at 23:48

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Der Schwarze Tod war nicht die Pest

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Gestern auf Phönix gesehen: Die Symptome des Schwarzen Tods und der danach auftretenden sogenannten „Pestwellen“ in Europa entsprachen nicht denen der Beulenpest, die sich auch viel langsamer verbreitet. Die hohe Ansteckungsrate spricht gegen eine Übertragung durch Rattenflöhe. Wahrscheinlich wird es sich eher um ein hämorrhagisches Fieber gehandelt haben, so etwas wie Ebola. Das Unheimliche daran: Niemand weiß, wie es sich verbreitet hat und wo der Outbreak war. Das heißt, es könnte unverhofft wieder passieren…

Written by chezweitausendeins

17. Dezember 2008 at 10:23

Die „Grüne Hölle“ – eine Post-Doomsday-Apocalypse

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Neue Forschungen haben ergeben, dass ein Großteil des amazonischen Regenwalds kein Urwald, sondern aus dem Brachliegen von Anbauflächen entstandener Sekundärwald ist. Vor dem Eintreffen von Kolumbus in der Neuen Welt war das Amazonasbecken eines der dicht besiedeltsten Gebiete der Welt überhaupt, mit einer mehrfach höheren Einwohnerdichte als das damalige Europa und einem Organisationsgrad in den Siedlungen, der von den mittelalterlichen Städten in keinster Weise erreicht wurde. Allerdings kann man sich das nicht wie europäische Städte und Anbaugebiete vorstellen, es war vielmehr eine Art Wohnwald: Dorfartige Siedlungen und Gartenstädte, die durch ein planvolles Netz von Zehntausenden Kanälen und Uferpfaden verbunden waren gingen gleichsam fließend in Anbaugebiete über, bei denen es sich um Palmen- und Obstbaumkulturen handelte, die von stehengelassenen Urwaldriesen abgeschirmt wurden. Es war eine vorbildliche Plenterwaldkultur, von der heutige Agrarökonomen viel lernen könnten. Während der eigentliche Regenwaldboden Amazoniens dünn und nährstoffarm ist (immergrüne Bäume, die keine Blätter abwerfen produzieren nunmal kaum Humus), finden sich hier in riesigen Arealen andere Böden: Die Tierra Negra, einen von den Einwohnern Amazoniens künstlich hergestellte Humuserde. Dem Waldboden wurden menschliche Exkremente, Küchenabfälle, Herdasche und eigens zu diesem Zwecdk hergestellte Holzkohle beigemengt. Wie Kohletabletten Im Darm Giftstoffe binden, so hielt die Holzkohle Nährstoffe im Boden fest. Einige Spanier, wie Carajal, hatten von riesigen Städten im Wald berichtet, aber als die Expeditionen der Conquistadores dort eintrafen fanden sie nichts vor – außer vereinzelten Gruppen von Indios, die sie oft mit ungeheurer Feindseligkeit angriffen. Sie begriffen nicht, was geschehen war, nahmen die verwilderten Plantagen auch nicht als Anbauflächen, sondern als Dschungel wahr. Mit den ersten Europäern waren der Schnupfen, die Grippe und die Pocken nach Südamerika gekommen, Krankheiten, gegen die die Waldbewohner keine Abwehrkräfte hatten und die in 3-5 Jahren 90% der Bevölkerung vernichteten. Der Schwarze Tod war eine Kinderkrankheit dagegen. Die Jäger und Sammler des Urwalds sind keine ursprünglichen Wildbeutler, sondern die letzten Überlebenden einer hohen Zivilisation.

Written by chezweitausendeins

14. Dezember 2008 at 19:14

Hellas Causticos II oder Lernen von Griechenland

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Die schätzenswerte Netbitch postuliert in Griechenland eine „Akropolis-Intifada“

http://netbitch1.twoday.net/stories/5375046

und fragt sich, ob mit den Unruhen in Griechenland die Möglichkeit der Revolution in Zeiten der Finanzkrise wieder auf die Tagesordnung oder zumindest in den Bereich des Möglichen rückt. Da stellt sich zunächst die Frage, wohin uns diese Finanzkrise bisher geführt hat und ob diese eine Krise des Kapitalismus an sich darstellt. Tatsache ist ja, dass die mikroelektronische Revolution, deren Wurmfortsatz die Dotcomblase darstellte, nachdem bereits die durch die Computerisierung bewirkte Gesamtrationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise weitgehend abgeschlossen war, den grundsätzlichen Binnenwiderspruch des Systems nicht zu lösen vermochte. Die Menge der Waren explodierte, die der benötigten lebendigen Arbeit implodierte. Da bot die Liberalisierung der Finanzmärkte und die monetaristische und auf Deregulierung abzielende Wirtschafts- und Sozialpolitik scheinbar einen Ausweg: Das Kapital, das in der Realwirtschaft sich nicht mehr sinnvoll rentabel investieren ließ, wich erst in eigentlich unproduktive Bereiche aus, wurde in Fußballvereine, Eventbusiness, neugegründete Publikumszeitschriften usw. investiert, dann in neue Medien und IT-Firmen mit z.T. buntschillernd-fragwürdigen Geschäftsmodellen und zuletzt in fiktives Kapital. Mit Derivaten, organisierten Wetten auf die Kursentwicklung von Aktien usw. rückten hochspekulative Möglichkeiten der Kapitalvermehrung in den Fokus der Wertschöpfung. Das fiktive Kapital wurde zu einer Art Basisindustrie weltweiter Kapitalverwertung (auch zur Refinanzierung produzierender Industrien z.B. über Hedgefonds). Im Platzen der Finanzblase zeigt sich das kumulierte und bislang nicht direkt an reale Kaufkraft gekoppelte Krisenpotenzial, das seit den späten 1970ern angestaut wurde. Das bedeutet aber: Staatliche Rettungsprogramme für bankrottierende Banken oder Autokonzerne vermehren nur das fiktive Kapital. Billionenpakete zur Stabilisierung der Weltwirtschaft operieren mit Geldern, die real gar nicht vorhanden sind. Sie sind so etwas wie Wechsel, die hoffentlich nicht eingelöst werden, denn zur Einlösung ist nicht genug Substanz da. Ich fürchte, dass die „Rettungsprogramme“ nicht Anderes sind als das Aufpumpen einer noch gigantischeren Blase, auf deren Platzen eine noch gigantischere Katastrophe folgen wird. Wie die ZEIT schreibt, stellen die derzeitigen Konjunktur- und Stabilisierungsprogramme die größte Wette der Wirtschaftsgeschichte dar. Was passiert, wenn die Wette verloren wird?

Die militanten Auseinandersetzungen in Griechenland sind meiner Meinung durch die Kulmination von besonders eklatanter Misswirtschaft (schon Asterix wusste: „Demonstratos, der Fremdenführer erwähnt, Geld könne bei seinem Vetter Zehnprozentos umgetauscht werden. Der Wagenlenker des „Reisebusses“ sei sein Vetter Mietkarros. Untergebracht würden die Touristen in der Herberge seines Vettern Plexiglas, gegessen werde im Restaurant seines Vettern Bratensos, und auf die Pferde, die den Wagen ziehen, sei absolut Verlass: Alles Vettern!“), extremer Jugendarbeitslosigkeit bei hohem Ausbildungsstand junger Leute, einer schon immer extrem brutalen Polizei und einer aufgrund der Erfahrung der Obristen-Diktatur sehr militanten und kompromisslosen radikalen Linken bedingt, zu der nun die Weltfinanzkrise hinzukam, als das alles dramatisch verschärfende Komponente. Die Todesschüsse auf einen jugendlichen Demonstranten waren nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die 67er Revolte wurde in Deutschland durch die Erschießung von Benno Ohnesorg ausgelöst, weil andere Determinanten dazu passten. In beiden Fällen war der Tod eines Demonstranten nicht Ursache, sondern Katalysator. Es dampfmaschint, wenn das Zeitalter der Dampfmaschine gekommen ist.

Ob also Unruhen wie in Griechenland Begleitumstände einer schmerzhaften Umorganisierung des bisherigen Kapitalismus sind oder schon Vorboten eines Umsturzes wird sich in den nächsten Jahren herausstellen. Revolutionäre Situationen entstehen aus Anspruchshaltungen der Massen, die sich nicht befriedigen lassen und Intransigenz, d.h. Unmöglichkeit eines Krisenmanagements. Warten wir mal ab.

Götz Aly als der 68er als Solcher, der zu sich selber kommt

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Sehr interessant und zugleich völlig daneben mutet mir dieser Text ais der Zeitschrift Prodomo an, der einerseits Götz Aly zutreffend im Umfeld der Materialien für einen neuen Antiimperialismus, ihrer Vorgängerzeitschrift Autonomie Neue Folge und der „anderen Arbeitergeschichte“ einordnet und deren operaistische Weltsicht mit der Fronstellung „Das Leben gegen die Maschine“ (bzw. die „Fabkrikgesellschaft“) zutreffend skizziert.

http://prodomo.50webs.net/9/der_kampf_geht_weiter.html

Etwas zu idealtypisch allerdings, wie alles, was aus der antideutschen Ecke kommt, ist das alles holzschnittartig vereinfacht. Dass Detlef Hartmann ein unorthodoxer Marxologe ist, der an den Marxorthodoxen kritisiert, dass Marx kein Marxist gewesen wäre und kein Leninist geworden wäre kommt hier nicht vor. Die Frontstellung Leben vs. Maschine und Subjektivität vs. kapitalistische Zweckrationalität ist für Hartmann Ergänzung zur Werttheorie und zur Entwicklung des tendenziellen Falls der Profitrate. Stehen bei den Wertkritikern nur und ausschließlich die Bewegungsgesetze des Kapitals im Vordergrund, so ist dies im wahrsten Sinne zu Kurz gedacht. Bei den Materialien und Autonomie steht die proletarische Subjektivität im Vordergrund, weil ihrer Auffassung nach noch immer Klassenkämpfe der Motor der Geschichte sind. Der Begriff des Klassenkampfs ist hier sehr weit gefasst. Noch Krankfeiern, Werksabotage, maximales Ausnutzen von Urlaubsrgelungen und Kuren gelten als (wünschenswerte) Selbstbehauptung von Eigen-Sinn, die in einem extrem multifaktoriellen Modell neben offenen Kämpfen im Weltmaßstab die Kapitalentwicklung und -Entfaltung immer wieder blockieren und daher Dinge wie die neoliberale Offensive überhaupt erst nötig machen. Diese historisch-materialistische Seite der Materialien kommt bei Prodomo nicht vor. Wie auch, sie würde der denunziatorischen Stoßrichtung des Artikels zuwiederlaufen. Die Einordnung der Shoah in die allgemeine NS-Bevölkerungspolitik, zu der auch die „Euthanasie“, die Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“ (Nachkommen schwarzer und arabischer französischer und belgischer Soldaten und deutscher Frauen) und die geplante Verschiebung und Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas im „Generalplan Ost“ gehören bedeutet, die schon von Horkheimer und Adorno beschriebene Angelegtheit der NS-Verbrechen in der instrumentellen Vernunft und der kapitalistischen Rationalität in der praktischen Umsetzung zu analysieren. Die Shoah wird zur extremsten Steigerung der industriellen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen. Für Kettner liegt in dieser Sichtweise eine Relativierung der Shoah. Jeder Versuch, diese rational aus der Verwertungslogik des Kapitals zumindest des nationalsozialistischen Deutschlands zu sehen gilt hier als Verharmlosung des Antisemitismus und damit letztendlich als eine Sichtweise, die selber mit strukturellem Antisemistismus einhergeht. Ich würde in diesem Zusammenhang ja mal die Frage aufwerfen, ob diese rein moralisch argumentierende grundsätzliche Ablehnung, über eine kapitallogische Begründung der Shoah nachdenken zu dürfen, nicht ihrerseits nichts Anderes ist als eine Verharmlosung der destruktiven Impulse im Kapitalismus, zumindest in seiner imperialistischen Form.

Kettner scheut nicht, den Matrialien für einen neuen Antiimperialismus und hier besonders Detlef Hartmann Antisemitismus zu unterstellen, Beleg: Das Kapitel „Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen neuen Ordnung“ in der Autonomie 14. Der Titel selbst wird als Beleg für die bei Antiimps verbreitete Gleichsetzung von US-Imperialismus und Nationalsozialismus und die Denunzierung Israels als 2faschistischer Staat“ genommen. Nur steht das da gar nicht drin, das Kapitel beschäftigt sich empririsch mit der Adaption von NS-Wirtschaftsplanungen zur ökonomischen Inwertsetzung Osteuropas aus den 30er Jahren durch Strategen von Weltbank, IWF und Rockefeller-Stiftung in der Nachkriegszeit zur Organisation westlicher Entwicklungspolitik, ein Strang, der später von Susanne Heim und Ulrike Schaz in dem Band „Berechnung und Beschwörung“ zur Bevölkerungspolitik aufgegriffen wurde, in dem diese die vor allem in den 60er und 70er Jahren betriebenen Massensterilisationen z.B. in Indien als Anknüpfung an NS-Eugenik begriffen. Es geht hier im Kern darum, nachzuweisen, dass Entwicklungspolitik keine humanitäre Angelegenheit ist, sondern Zurichtung von Entwicklungsländern für die ökonomischen Interessen er westlichen Industriemächte.

Eines zeigt Kettner deutlich: Er ist nicht in der Lage, historische Werke als historische Werke zu lesen. Die Frage, ob Alys Ansatz für die Geschichtswissenschaft Erklärungswert hat, und wenn das nicht der Fall wäre, welcher Ansatz stattdessen, wird von ihm gar nicht erst gestellt.

Stattdessen geht es ihm um moralische Denunzierung – Aly betreibt Holocaust-Relativierung, Hartmann argumentiere antisemitisch, also ist der ganze neue Antiimperialismus, genauso wie der „alte“ Antiimperialismus der Antiimps strukturell antisemitisch. Das Ganze wird dann nicht politisch erklärt, sondern küchenpsychologisch: Aly bedient über die Jahrzehnte immer wieder die Gemütslage der 68er, die, ebenso wie „die Linken“, als ein monolitihisches Kollektiv ohne innere Widersprüche oder Konflikte gesehen werden. „Wenn die Kränkung noch frisch ist, dann kann man die Chancen dieses Interpretationsangebots noch nicht wahrnehmen. Vielleicht werden sie es eines Tages verstehen und es ihm danken.“ —- Ein solcher Satz negiert in diesem Kontext, dass politische Theoriebildung außerhalb psychohygienischer Funktionen überhaupt einen Sinn hätte. Dass Aly heute zu einem bedingungslos affirmativen Apologeten des postmodernen Kapitalismus geworden ist, der den Antideutschen ziemlich nahe steht, während Hartmann&GenossInnen unverändert sozialrevolutionäre Positionen vertreten, dass wird von ihm völlig unterschlagen. Für Kettner steht Aly, einer der seltsamsten politischen Umschwenker der deutschen Linken, in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie.

QED: Wer sich über die Kerngedanken hinter den Materialien, dem neuen Antiimperialismus oder Hartmann informieren möchte tue das wohl besser hier:

http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000738.HTM

http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/persp_dh.html

http://www.trend.infopartisan.net/trd1105/t151105.html

Hellas Causticos

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Wenn in deutschen Medien gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Staatsmacht als „bürgerkriegsähnlich“ bezeichnet wurden, so waren das eigentlich immer scham- und maßlose Übertreibungen, auch in den achtziger Jahren, als noch ganz anders auf den Bolzen gehauen wurde als heutzutage. Aber bezogen auf das, was da gerade in Athen und Thessaloniki abgeht, könnte der Vergleich stimmen. Was hier aufeinanderprallt, sind eine autonome Bewegung, die schon immer weitaus radikaler und militanter war als ihr deutsches Pendant und im Gegensatz zu Letzterem eine echte Unterschichtsbewegung darstellt, und eine Polizei, die noch direkt in den Foltertruppen der Orbristen-Diktatur verwurzelt ist. Zu den wichtigsten Aktionen, die sich dort im augenblick abspielen, gehören Angriffe auf Bankfilialen, die in Brand gesteckt werden. Ist das der erste Aufstand im Zeichen der Bankenkrise?

Zum Klassenbewusstsein in Japan

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Gefunden bei Monoma:

„Nein zur Armut!“, schallte es aus dem Megafon. „Steht auf und verändert die Gesellschaft!“ Mit solchen Forderungen zogen kürzlich Tausende Japaner durch Tokio. Sie waren in diesem Jahr nicht allein: In mehr als 40 Städten gingen Menschen auf die Straße. Ihre Proteste richteten sich gegen die unsicheren Lebensverhältnisse im Land – und signalisierten ein neues Bewusstsein: Die sozialen Verlierer in Japan begehren auf und lassen sich nicht mehr länger als Versager abstempeln. „Ich bekomme kaum Arbeit und finde nur schwer eine Wohnung“, beschwerte sich eine junge Frau. „Man sagt mir oft, ich sei dafür selbst verantwortlich. Aber das stimmt einfach nicht.“(…)

Der 1929 verfasste Proletarier-Roman „Kanikosen“ über die Ausbeutung von Arbeitern auf einem Krabbenfänger-Schiff entwickelt sich zu einem Bestseller. Mehr als eine halbe Million Exemplare wurden in diesem Jahr verkauft, weil sich viele Leser nach Ansicht des Verlages in den sklavenartigen Arbeitsbedingungen jener Zeit wiedererkennen. In den Buchläden stapeln sich anti-kapitalistische Werke. Das erfolgreichste Buch des Jahres – „Gieriger Kapitalismus und die Selbstzerstörung der Wall Street“ von Hideki Mitani – wirft Japan vor, seine Unternehmenskultur auf dem Altar des angelsächsischen Kapitalismus geopfert zu haben. Im Dezember erscheint „Das Kapital“ von Karl Marx erstmals als Manga.

Die Kommunistische Partei Japans gewann in weniger als einem Jahr mehr als zehntausend neue Mitglieder.“(…)

Written by chezweitausendeins

2. Dezember 2008 at 11:14