shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Götz Aly als der 68er als Solcher, der zu sich selber kommt

with 24 comments

Sehr interessant und zugleich völlig daneben mutet mir dieser Text ais der Zeitschrift Prodomo an, der einerseits Götz Aly zutreffend im Umfeld der Materialien für einen neuen Antiimperialismus, ihrer Vorgängerzeitschrift Autonomie Neue Folge und der „anderen Arbeitergeschichte“ einordnet und deren operaistische Weltsicht mit der Fronstellung „Das Leben gegen die Maschine“ (bzw. die „Fabkrikgesellschaft“) zutreffend skizziert.

http://prodomo.50webs.net/9/der_kampf_geht_weiter.html

Etwas zu idealtypisch allerdings, wie alles, was aus der antideutschen Ecke kommt, ist das alles holzschnittartig vereinfacht. Dass Detlef Hartmann ein unorthodoxer Marxologe ist, der an den Marxorthodoxen kritisiert, dass Marx kein Marxist gewesen wäre und kein Leninist geworden wäre kommt hier nicht vor. Die Frontstellung Leben vs. Maschine und Subjektivität vs. kapitalistische Zweckrationalität ist für Hartmann Ergänzung zur Werttheorie und zur Entwicklung des tendenziellen Falls der Profitrate. Stehen bei den Wertkritikern nur und ausschließlich die Bewegungsgesetze des Kapitals im Vordergrund, so ist dies im wahrsten Sinne zu Kurz gedacht. Bei den Materialien und Autonomie steht die proletarische Subjektivität im Vordergrund, weil ihrer Auffassung nach noch immer Klassenkämpfe der Motor der Geschichte sind. Der Begriff des Klassenkampfs ist hier sehr weit gefasst. Noch Krankfeiern, Werksabotage, maximales Ausnutzen von Urlaubsrgelungen und Kuren gelten als (wünschenswerte) Selbstbehauptung von Eigen-Sinn, die in einem extrem multifaktoriellen Modell neben offenen Kämpfen im Weltmaßstab die Kapitalentwicklung und -Entfaltung immer wieder blockieren und daher Dinge wie die neoliberale Offensive überhaupt erst nötig machen. Diese historisch-materialistische Seite der Materialien kommt bei Prodomo nicht vor. Wie auch, sie würde der denunziatorischen Stoßrichtung des Artikels zuwiederlaufen. Die Einordnung der Shoah in die allgemeine NS-Bevölkerungspolitik, zu der auch die „Euthanasie“, die Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“ (Nachkommen schwarzer und arabischer französischer und belgischer Soldaten und deutscher Frauen) und die geplante Verschiebung und Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas im „Generalplan Ost“ gehören bedeutet, die schon von Horkheimer und Adorno beschriebene Angelegtheit der NS-Verbrechen in der instrumentellen Vernunft und der kapitalistischen Rationalität in der praktischen Umsetzung zu analysieren. Die Shoah wird zur extremsten Steigerung der industriellen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen. Für Kettner liegt in dieser Sichtweise eine Relativierung der Shoah. Jeder Versuch, diese rational aus der Verwertungslogik des Kapitals zumindest des nationalsozialistischen Deutschlands zu sehen gilt hier als Verharmlosung des Antisemitismus und damit letztendlich als eine Sichtweise, die selber mit strukturellem Antisemistismus einhergeht. Ich würde in diesem Zusammenhang ja mal die Frage aufwerfen, ob diese rein moralisch argumentierende grundsätzliche Ablehnung, über eine kapitallogische Begründung der Shoah nachdenken zu dürfen, nicht ihrerseits nichts Anderes ist als eine Verharmlosung der destruktiven Impulse im Kapitalismus, zumindest in seiner imperialistischen Form.

Kettner scheut nicht, den Matrialien für einen neuen Antiimperialismus und hier besonders Detlef Hartmann Antisemitismus zu unterstellen, Beleg: Das Kapitel „Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen neuen Ordnung“ in der Autonomie 14. Der Titel selbst wird als Beleg für die bei Antiimps verbreitete Gleichsetzung von US-Imperialismus und Nationalsozialismus und die Denunzierung Israels als 2faschistischer Staat“ genommen. Nur steht das da gar nicht drin, das Kapitel beschäftigt sich empririsch mit der Adaption von NS-Wirtschaftsplanungen zur ökonomischen Inwertsetzung Osteuropas aus den 30er Jahren durch Strategen von Weltbank, IWF und Rockefeller-Stiftung in der Nachkriegszeit zur Organisation westlicher Entwicklungspolitik, ein Strang, der später von Susanne Heim und Ulrike Schaz in dem Band „Berechnung und Beschwörung“ zur Bevölkerungspolitik aufgegriffen wurde, in dem diese die vor allem in den 60er und 70er Jahren betriebenen Massensterilisationen z.B. in Indien als Anknüpfung an NS-Eugenik begriffen. Es geht hier im Kern darum, nachzuweisen, dass Entwicklungspolitik keine humanitäre Angelegenheit ist, sondern Zurichtung von Entwicklungsländern für die ökonomischen Interessen er westlichen Industriemächte.

Eines zeigt Kettner deutlich: Er ist nicht in der Lage, historische Werke als historische Werke zu lesen. Die Frage, ob Alys Ansatz für die Geschichtswissenschaft Erklärungswert hat, und wenn das nicht der Fall wäre, welcher Ansatz stattdessen, wird von ihm gar nicht erst gestellt.

Stattdessen geht es ihm um moralische Denunzierung – Aly betreibt Holocaust-Relativierung, Hartmann argumentiere antisemitisch, also ist der ganze neue Antiimperialismus, genauso wie der „alte“ Antiimperialismus der Antiimps strukturell antisemitisch. Das Ganze wird dann nicht politisch erklärt, sondern küchenpsychologisch: Aly bedient über die Jahrzehnte immer wieder die Gemütslage der 68er, die, ebenso wie „die Linken“, als ein monolitihisches Kollektiv ohne innere Widersprüche oder Konflikte gesehen werden. „Wenn die Kränkung noch frisch ist, dann kann man die Chancen dieses Interpretationsangebots noch nicht wahrnehmen. Vielleicht werden sie es eines Tages verstehen und es ihm danken.“ —- Ein solcher Satz negiert in diesem Kontext, dass politische Theoriebildung außerhalb psychohygienischer Funktionen überhaupt einen Sinn hätte. Dass Aly heute zu einem bedingungslos affirmativen Apologeten des postmodernen Kapitalismus geworden ist, der den Antideutschen ziemlich nahe steht, während Hartmann&GenossInnen unverändert sozialrevolutionäre Positionen vertreten, dass wird von ihm völlig unterschlagen. Für Kettner steht Aly, einer der seltsamsten politischen Umschwenker der deutschen Linken, in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie.

QED: Wer sich über die Kerngedanken hinter den Materialien, dem neuen Antiimperialismus oder Hartmann informieren möchte tue das wohl besser hier:

http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000738.HTM

http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/persp_dh.html

http://www.trend.infopartisan.net/trd1105/t151105.html

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24 Antworten

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  1. Che, ich bewundere ja nicht wenig Deine Akribie und Mühe, die Du Dir machst, wenn es darum geht, den politischen Wahn- und Denunziationsgebilden von Antideutschen eine sachliche Antwort entgegen zu setzen – nur ich fürchte:

    Gegen ein „im Namen der Moral“ höchsttourig laufendes, argumentatives (?) Kettner-Sägen-Massaker lässt sich auf diese Weise kaum etwas ausrichten.

    (der strategische Zweck des Artikelchen von Kettner liegt ohnehin allein in der Denunziation wichtiger Strömungen der radikalen Linken – weitere Zwecke sind hier nicht vorhanden, ähem, vielleicht abgesehen von einer hochdeutschen Beiß- und Denunziationsfreude, bei der ich allein aus Gründen der Pietät auf das Ziehen typischer Traditionslinien verzichte)

    Immerhin gelingt es Kettner, Aly mit äußerster Abscheu und Verve zu kritisieren, ohne diesen gelesen zu haben – beispielsweise, indem er Artikel als „Belege“ zitiert, die er nicht einmal überflogen haben kann.

    Immerhin: Das ist zweifelsfrei eine beachtliche Leistung.

    (im Vergleich zu Kettner komme ich mir wie ein jämmerlicher Anfänger vor, darum, und fast schäme ich mich nun dafür, weil ich – den heutigen – Aly kritisiere, nachdem ich ihn gelesen und gehört habe)

    John Dean

    7. Dezember 2008 at 22:15

  2. Was mich treibt, ist neben allgemeinem aufklärerischen Impetus die Tatsache, dass diese Leute meine eigene geistige Verortung, alles, worüber ich mein politisches Denken und auch meine Arbeit als Historiker definiere kaputthauen wollen. Das ist Antrieb genug.

    chezweitausendeins

    7. Dezember 2008 at 23:02

  3. Che, ich verstehe Dich schon, aber mir fällt halt in solchen Fällen (Kettner & Co) der Spruch mit den Perlen und den schlammsuhlenden Tieren ein.

    Ich meine, wie willst Du solche merkwürdigen (und m.E. massiv unter-intelligenten) Gestalten ernst nehmen, die mit deutlich hervorgewölbter antideutscher Brust im Editorial folgende, in der immanenten Idiotie kaum zu vergleichende, Formulierungen den Lesern ins Auge schmieren:

    Die Linken agieren wie Automaten, die immer aufs Neue ein Programm abspulen, dem sie nicht entrinnen können. Wüsste man es nicht besser, man glaubte nicht mehr daran, dass es sich um – so die klassische Definition – „vernunftbegabte Lebewesen“ handelt. Dass die Menschen ihrem Gattungswesen doch noch einmal entsprechen mögen, hofft inständig: Die Redaktion

    Che, im Ernst:

    Mit vollständigen Dummköpfen lohnt kein Streit.

    John Dean

    8. Dezember 2008 at 0:50

  4. Ich streite ja gar nicht mit denen, sondern diskutiere anhand von dem, was sie schreiben, über die Inhalte, die sie abhandeln. Manchmal lassen sich Zusammenhänge aus der Beschäftigung mit einer falschen Perspektive deutlicher herausarbeiten als aus der direkten Ansicht.

    che2001

    8. Dezember 2008 at 10:24

  5. Ich mein das jetzt definitiv defätistisch.

    Was mich treibt, ist neben allgemeinem aufklärerischen Impetus die Tatsache, dass diese Leute meine eigene geistige Verortung, alles, worüber ich mein politisches Denken und auch meine Arbeit als Historiker definiere kaputthauen wollen. Das ist Antrieb genug.

    Ist das nicht auch eine Art von bürgerlicher Besitzstandwahrung?
    Ist es nicht irgendwie der Sinn von Theorien, IT-Platformen, Java-Frameworks und Projektmanagement-Modellen (für mich ein und dasselbe), dass sie irgendwann dekonstruiert und kaputtgehauen werden?
    Alles fließt. Die letzte IT-Krise hat mich „El baile de los que sobran“ von Los Prisioneros als Arbeiterlied begleitet. Die Idee war: Wenn es mein Opa durch die 20er/30er als Schlosser geschafft hat, muss das für mich auch möglich sein. Mir haben besser frisierte Leute erzählt, dass was ich machen will heute in Indien gemacht wird. 2 Jahre später war das dann wieder alles ganz toll, was ich mache. Real Assheads.

    Nun kann ich zusätzlich zu Gorki Águila/Porno para Ricardo greifen (http://www.youtube.com/watch?v=MtkECh4DOJk). Eins a Protestlieder aus einer korrekt materialistischen Perspektive (ich will essen). Aus Kuba.
    Zum Glück hab ich aber heute zumindest schon mal die 5-monatige Verlängerung bis Ende Mail 40 h/Woche erhalten. So übel wie letztes mal, wirds diesmal wohl nicht. Ausserdem bin ich cooler geworden.

    Werd später noch auf den Text eingehen, wobei ich mich natürlich nicht so gut mit dem Kontext auskenne wie ihr.

    Peace
    Lemmy

    Lemmy Caution

    8. Dezember 2008 at 20:24

  6. ..bei allem zweifelhaften, das Antideutsche sonst zuweilen produzieren: der Artikel ist in seinem Versuch, die allein ‚kapitallogische‘ Erklaerung der Shoah sowie Alys offenbar unzureichenden Versuch, die 68er aus ‚psychohygienischen‘ Blickwinkeln zu kritisieren, aus meiner Sicht nicht gaenzlich misslungen. Misslungen ist wahrscheinlich die Darstellung, Aly deute den Nationalsozialismus als eine ins Extreme gefuehrte Logik des Kapitals, wahrscheinlich tut er, zumindest heute, eher das Gegenteil, er deutet den Nationalssozialismus und die Shoah als ins Extreme gefuehrte Logik des ‚Sozialen‘. Richtig ist wahrscheinlich beides nicht und Aly liegt wahrscheinlich falsch darin, sich zusammen mit Hilberg als ‚moralfreien‘ Chroniker der NS-Zeit zu feiern, immerhin legt Hilberg unter anderem frei, wie absurd die nationalsozialistische Rassenpolitik sowohl aus dem Kalkuel der Oekonomie als auch aus dem Kalkuel des Sozialen war: waere man am oekonomischen Fortgang interessiert, haette man nicht zuerst die intellektuellen und oekonomischen Eliten vernichtet, waere man am ‚Sozialen‘ interessiert, ist es ziemlich zweifelhaft, sozial und wirtschaftlich weitvernetzte Bevoelkerungsgruppen zu eliminieren etc., allgemein wird von von beiden Standpunkten verkannt, wie integrativ das irrationalisierende Element der ‚Rasse‘ im NS war. Auch der Frankfurter Schule geht es nicht vorrangig um Oekonomie sondern um die Rolle, die das Individuum innerhalb einer nach Messbarkeitskriterien organisierten Welt noch innehat, diese Fragen sind auch im Hinblick auf den NS komplexer als das was der ‚Antiimperialismus‘ doch offenbar allzuoft daraus macht, eben mit gewisser Aehnlichkeit zu Aly. Die oftmalige Bewegung der Antideutschen in Richtung auf offenen Rassismus und Islamophobie im Hinblick auf diesen Artikel, der die Ausblendung solcher Fragen kritisiert, zu untersuchen, waere interessanter.

    andreask9

    8. Dezember 2008 at 21:02

  7. @“Werd später noch auf den Text eingehen, wobei ich mich natürlich nicht so gut mit dem Kontext auskenne wie ihr.“ — Das macht doch nichts. Hauptsache, Deine Stellungnahme ist perspektivisch interessant.

    che2001

    8. Dezember 2008 at 22:23

  8. @“waere man am oekonomischen Fortgang interessiert, haette man nicht zuerst die intellektuellen und oekonomischen Eliten vernichtet“ — Ähem, da scheinst Du mir selber dem Mythos der privilegierten Juden aufzusitzen. Die überwiegende Mehrzahl der ermordeten osteuropäischen Juden war arm, sogar bettelarm, und der endgültige Beschluss, sie in Vernichtungslagern zu ermorden wurde IN FOLGE einer bereits ablaufenden Vernichtung von psychisch Kranken, Elenden (sog. Asozialen) sowie Sinti und Roma gefasst. Die Vernichtung dieser Gruppen wiederum war bedingt durch einen Rassismus, der damals in Deutschland etablierte Wissenschaft war (die „Rassenhygiene“) und sollte der eugenischen Durchökonomisierung der Bevölkerung im Sinne einer Ausmerze angeblich genetisch „minderwertiger“ Bevölkerungsteile dienen, wie ein Pflanzenzuchtprogramm. Das war ja ein wissenschaftlicher Rassismus. In diesem Zusammenhang wäre zu diskutieren, inwieweit Antisemitismus und „Rassenhygiene“ zusammenfallen und welcher Stellenwert dann dem Rassismus einerseits und der Ökonomie der Endlösung andererseits beizumessen ist. Grundsätzlich sauber trennen kann man beides m.E. nicht.

    Auf der anderen Seite: Die Habe der enteigneten Juden, die etwas hatten, die ganze „Arisierung“ der Wirtschaft war für ihre unmittelbaren Profiteure ja schon eine sehr lohnende Angelegenheit.

    che2001

    9. Dezember 2008 at 15:17

  9. ..das ‚vernichtet‘ bezog sich nicht primaer auf die Juden, in bezug auf die Juden wird es richtig, wenn man ‚vernichtet‘ durch das Schwaechere ‚entfernt‘ ersetzt, die physische Vernichtung ging in der Tat erst spaeter vonstatten. Ich glaube irgendwo in Hilbergs Buch zu Vernichtung der Juden in Europa wird im Ansatz ueberschlagen, dass die Profite, die Nazi-Deutschland durch Enteignung etc. von Juden in den dreissiger Jahren erreichte, in keinem Verhaeltnis zum immensen Schaden standen, den der Boykott deutscher Firmen im Ausland und der Ausfall von Wirtschaftskraft durch die Arisierungen bedeutete. Das wird sich auch durch die spaetere physische Vernichtung der Juden und anderer Gruppen nicht grundlegend geaendert haben. Die Armut vieler Juden zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung ging zu einem nicht kleinen Teil immerhin auf die vorherigen Massnahmen zu Enteignungen und Arisierungen zurueck, natuerlich erleichterte dieser Umstand deren Spearation spaeter im Sinne der Propaganda. Meiner Meinung nach sitzt man der Propaganda der Nazis selbst auf, wenn man auf deren Phantasma von einer ‚Oekonomie der Endloesung‘ eingeht, diese gab es nicht, jedenfalls nicht in der Realitaet. Auch in Polen vernichtete man, und hier tatsaechlich in den ersten Kriegstagen, die polnische intellektuelle Elite, weil sie Polen waren, aus keinem anderen Grund, es ging niemals um Oekonomie allein, es ging darum, diese Oekonomie, diese Wissenschaft, nach ‚rassischen‘ Kriterien zu organisieren. Das Phantasma von der oekonomischen Saeuberung war zumindest zu einem guten Teil ein vordergruendiges Propagandamittel der Nazis selbst und wurde allein durch ihre Taten, und zwar permanent, ad absurdum gefuehrt, die ‚Gewinne‘ durch Ausschaltung armer Bevoelkerungsgruppen waren relativ zu den Verlusten die die Zerstoerung komplexer (sozialer, oekonomischer) Strukturen verursachte, minimal. Auch mit Adorno wuerde ich nicht soweit gehen, irgendetwas von den Nazis in Gang gesetzte, sei es oekonomischer oder sozialer Natur, ohne Anfuehrungszeichen als Wissenschaft zu bezeichnen.

    Andreas

    10. Dezember 2008 at 0:57

  10. Ich poste jetzt einfach mal einen Kommentar von meinem Blog drüben, passt halbwegs:

    „Ich weiß nur nicht, ob es da eine monokausale Antwort geben kann. Ich arbeite da ja lieber mit Annäherungen und perspektivischen Fluchtpunkten. Und da trägt der Ansatz der „Ökonomie der Endlösung“ ein Stück weit, aber eben nicht vollständig. Ob das Ganze gesamtökonomisch, also im Sinne eines Kosten-Nutzen-Verhältnis „Sinn“ machen würde ist noch einmal eine völlig andere Frage. Die Vorstellung, der Kapitalismus insgesamt entwickle sich logisch, effizient und für sich sinnvoll wurde gerade recht überzeugend durch die Finanzkrise in ihrer Absurdität vorgeführt. Und andererseits lässt sich wohl auch einfach sagen, dass Zwangsarbeit in die Gouvermentalität faschistischer Regime passt und zum Anderen auch schon vom Kaiserreich im Ersten Weltkrieg praktiziert wurde. Auch die Rassenhygiene ist im Kaiserreich bereits angelegt.“

    Im Übrigen war die „Rassenhygiene“ zu ihrer Zeit anerkannte (deutlich vor 33) Wissenschaft, und außerhalb Deutschlands weltweit die Eugenik und der Sozialdarwinismus. Dass die heutige Biologie und Genetik mit diesen Idealkonstrukten großbürgerlicher Vorurteilsstrukturen nichts mehr am Hut hat ist ja sicher richtig. Das sagt aber nichts aus über die Wissenschaftsbegriflichkeiten früherer Zeiten, sehr viel aber über Gouvernementalität und über die Fragwürdigkeit eines positivistischen Wissenschaftsbegriffs. Die etablierte Wissenschaft lässt sich von der herrschaftlichen Wissenschaft und den Instrumentarien bürgerlicher Machtausübung nicht trennen, obwohl sie auch die Instrumente ihrer Kritik hervorbringt.

    che2001

    10. Dezember 2008 at 11:06

  11. ..das Problem an diesem Diskurs ueber ‚Wissenschaft‘ ist doch, dass dieser verneint, dass weder ‚Eugenik‘, ‚Sozialdarwinismus‘ noch ‚Rassenyhgiene‘, nicht nur ausserhalb Deutschlands, jemals zum eigentlichen Kreis der ‚exakten‘ Wissenschaften gehoerten, die Kritik der exakten Wissenschaften an ihren Methoden war, das schreibt schon Marcuse, von Anfang an radikal und die Perspektive immer die einer weiteren Einengung, Spezialisierung des Begriffs. Alles was ich oben aufzaehlte, ist als Gegenbewegung zu den ‚exakten Wissenschaften‘ im 19. Jahrhundert entstanden und war fuer jeden denkenden Menschen, etwa Mathematiker, von Anfang an nichts als Perversion dessen, Hokuspokus. Fuer die kritische Theorie wird die Wissenschaft eben genau dort zum Mythos, wo sie ihre Grenzen ueberschreitet, das waren damals Konstrukte wie ‚Rassenhygiene‘ und ist heute vielleicht String-Theorie, vielleicht Armand Lerois Thesen zum Rassen-Gen, vielleicht sind es tatsaechlich groessere Teile der biologischen Genetik, soweit man damit Behauptungen ueber den ‚Soll-Zustand‘ des Menschen formuliert. Man darf nie vergessen, dass eigentliche Wissenschaft auch in den dreissigern nie aufgehoert hat zu existieren, etwa wurde die Mathematik von den Nazis als ‚juedische‘ Wissenschaft denunziert, Einstein wurde von offenen Spinnern wie Steiner laecherlich gemacht. Man muss sich einfach klarmachen, dass diese Tendenz, den schmalen Geltungsbereich wissenschaftlicher Erkenntnis zu verlassen, in Deutschland in der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts ‚en vougue‘ war wie nirgends sonst und es noch lange nach dem NS war, C.-F. von Weizsaecker ist dafuer ein leuchtendes Beispiel: wenn exakte Wissenschaft zur Mystik gerinnt. Man muss sich das ganz klarmachen: wo beginnt der ‚Positivismus‘ selbst zum beliebig dehnbaren Mythos zu werden, wo hoert Wissenschaft als praezises Konstrukt auf zu existieren und man wird festellen: genau das sind die Punkte des dialektischen Umschlags in Regression.

    Andreas

    11. Dezember 2008 at 22:18

  12. Stimme Dir in der großen Linie durchaus zu, nur die String-Theorie würde ich da anders kontextualisieren. Auch bei der „Exaktheit“ stellt sich ja die Frage, an was die festgemacht wird. Messung ist von Messinstrumenten und vom Standort des Betrachters abhängig. Bei der Mathematik ist das noch verhältnismäßig einfach, bei Populationsgenetik oder Quantenphysik nicht mehr.

    che2001

    11. Dezember 2008 at 23:04

  13. ..nach wie vor: nicht die Wissenschaft, sondern die Popularisierung und Ueberschreitung zum Mythos hin verzerrt den Begriff Exaktheit, Exaktheit bedeutet, dass die Methoden auf exakte Weise reflektiert werden, im einfachsten Falle, bei Aufnahme einer ‚vermutet-linearen‘ Beziehung, eben durch lineare Regression, bei komplizierterem eben durch kompliziertere Diskussion, man behauptet aber niemals mehr als die Methode selbst inkludiert, zumindest im Idealfall. Das Groteske ist doch, dass viele Aussagen, die den (exakten) Natuwissenschaften zugeschrieben werden, niemals in dieser Form formuliert wurden, ungefaehr daraus schlagen/schlugen diejenigen Kaiptal die sich im Grenzbereich der Ueberschreitung hin zum Mythos bewegen, u.a. auch die ‚Rassentheoretiker‘. Uebrigens ist Mathematik keine (Natur)wissenschaft, da ihr Prinzip ausschliesslich deduktiv ist. Die Quantenmechanik ist aber gerade ein Beispiel fuer die Anwesenheit radikaler Kritik INNERHALB der Wissenschaft und ihr radikales Missverstehen ausserhalb, genau deshalb ist sie auch inkl. Quantenfeldtheorie eine der am besten verfizierten Theorien ueber die Natur ueberhaupt. Von der String-Theorie kann man das nicht sagen, vieles darin ist nicht nur praktisch, sondern prinzipiell nicht-verifizierbar, da entweder keine Vorhersagen gemacht werden oder Aussagen, die innerhalb der ’nach menschlichem Ermessen‘ jemals zugaenglichen Parameter entweder ‚vieldeutig‘ sind oder unentscheidbar. Das muss als ‚work in progress‘ nichts schlechtes sein, das Problem ist, dass String-Theorie innerhalb der Community keiner (breiten) radikalen Kritik unterliegt, sondern laengst zu einem Quasi-Religioesen Mythos wurde, inkl. entsprechender Popularisierungen, ohne dass experimentelle Verifikationen auch nur prinzipiell in Reichweite sind (woran auch der LHC nichts aendern wird..).

    Andreas

    13. Dezember 2008 at 19:54

  14. I´ve got you. Deine Überlegungen könnten Ansetzpunkte für eine komplexe Wissenschaftskritik sein, bitte dran feilen!

    che2001

    13. Dezember 2008 at 22:17

  15. Wer versucht denn heute noch, Theorien zu verifizieren? Wo findet man diese Menschen?

    David

    16. Dezember 2008 at 18:56

  16. In Unis, bei mir zu Hause, in den Redaktionen von Wissenschaftsmagazinen, aber sicher nicht an der Front der Ideologiebildung.

    che2001

    17. Dezember 2008 at 9:24

  17. Ist der logische Positivismus also doch noch nicht tot?

    David

    17. Dezember 2008 at 13:57

  18. Wenn Momorulez, Lars oder ich von Positivismuskritik sprechen meinen wir eigentlich eher einer Kritik bestimmter Anwendungen des Positivismus, bzw. eine Kritik der instrumentellen Vernunft.

    che2001

    17. Dezember 2008 at 14:36

  19. Wenn ich von Verfikation einer Aussage spreche, meine ich eine über jeden vernünftig vorbringbaren Zweifel erhaben Bestätigung dieser Aussage. Wahrscheinlich divergieren wir da, dann ist das nur ein Wortstreit. In diesem Fall gilt, daß ich für das, was Du als „Verifikation“ bezeichnest, bevorzuge ich den Ausdruck „Bewährung“.

    Den genauen Inhalt Eures Positivismus-Begriffes würde ich übrigens gerne mal eingehender erläutert bekommen. Schreib dazu doch mal ’nen ordentlich lassenkämpferischen Artikel! Kann auch der Nörgler machen, der darf mich sogar beleidigen, weil er das so schön kann.

    David

    17. Dezember 2008 at 14:47

  20. Der ist andererseits aber nicht „Momorulez, Lars oder“ Du, meint der etwa auch was anderes? 😉

    David

    17. Dezember 2008 at 14:50

  21. Zuerst hatte sich die „Theorie“ des Merkantilismus „bewährt“, danach „bewährten“ sich die Freihandels“theoretiker“. Während das Neocon-Thinktank-Thinking nur wenige Jahre sich „bewährt“ hatte, hatte die „Theorie“ Marxismus-Leninismus, im Volke auch als „wissenschaftliche Weltanschauung“ bekannt, immerhin etliche Jahrzehnte sich „bewährt“. Ab Mitte der 80er „bewährte“ sich die „Theorie“ des Deregulierens, nun aber „bewährt“ sich Regulieren.

    Als Wissenschaftler mißtraue ich dem Bewähren. Dafür gäbe ich schon keine Bewährungsstrafe mehr.

    Noergler

    17. Dezember 2008 at 16:26

  22. Bewährungsstrafen für wiederholt gewalttätige Neonazis haben sich auch bewährt, ebenso wie solche in Uniform. Allerdings dient die Bundeswehr ja auch der Abschreckung des Feindes, und das kann sie mit Nazis im Dienst natürlich optimal.

    che2001

    17. Dezember 2008 at 16:31

  23. @Nörgler: Das Schöne am „sich bewährt“ haben sollte ja gerade sein, daß sich das vorläufig Bewährte jederzeit als Bullshit herausstellen kann.
    Daß von diesen hehren Idealen tatsächlich oft nicht viel übrig bleibt, gerade wenn die Wissenschaft politisch wird, ist mir selbst klar.

    David

    17. Dezember 2008 at 19:10


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