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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die „Grüne Hölle“ – eine Post-Doomsday-Apocalypse

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Neue Forschungen haben ergeben, dass ein Großteil des amazonischen Regenwalds kein Urwald, sondern aus dem Brachliegen von Anbauflächen entstandener Sekundärwald ist. Vor dem Eintreffen von Kolumbus in der Neuen Welt war das Amazonasbecken eines der dicht besiedeltsten Gebiete der Welt überhaupt, mit einer mehrfach höheren Einwohnerdichte als das damalige Europa und einem Organisationsgrad in den Siedlungen, der von den mittelalterlichen Städten in keinster Weise erreicht wurde. Allerdings kann man sich das nicht wie europäische Städte und Anbaugebiete vorstellen, es war vielmehr eine Art Wohnwald: Dorfartige Siedlungen und Gartenstädte, die durch ein planvolles Netz von Zehntausenden Kanälen und Uferpfaden verbunden waren gingen gleichsam fließend in Anbaugebiete über, bei denen es sich um Palmen- und Obstbaumkulturen handelte, die von stehengelassenen Urwaldriesen abgeschirmt wurden. Es war eine vorbildliche Plenterwaldkultur, von der heutige Agrarökonomen viel lernen könnten. Während der eigentliche Regenwaldboden Amazoniens dünn und nährstoffarm ist (immergrüne Bäume, die keine Blätter abwerfen produzieren nunmal kaum Humus), finden sich hier in riesigen Arealen andere Böden: Die Tierra Negra, einen von den Einwohnern Amazoniens künstlich hergestellte Humuserde. Dem Waldboden wurden menschliche Exkremente, Küchenabfälle, Herdasche und eigens zu diesem Zwecdk hergestellte Holzkohle beigemengt. Wie Kohletabletten Im Darm Giftstoffe binden, so hielt die Holzkohle Nährstoffe im Boden fest. Einige Spanier, wie Carajal, hatten von riesigen Städten im Wald berichtet, aber als die Expeditionen der Conquistadores dort eintrafen fanden sie nichts vor – außer vereinzelten Gruppen von Indios, die sie oft mit ungeheurer Feindseligkeit angriffen. Sie begriffen nicht, was geschehen war, nahmen die verwilderten Plantagen auch nicht als Anbauflächen, sondern als Dschungel wahr. Mit den ersten Europäern waren der Schnupfen, die Grippe und die Pocken nach Südamerika gekommen, Krankheiten, gegen die die Waldbewohner keine Abwehrkräfte hatten und die in 3-5 Jahren 90% der Bevölkerung vernichteten. Der Schwarze Tod war eine Kinderkrankheit dagegen. Die Jäger und Sammler des Urwalds sind keine ursprünglichen Wildbeutler, sondern die letzten Überlebenden einer hohen Zivilisation.

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Written by chezweitausendeins

14. Dezember 2008 um 19:14

12 Antworten

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  1. Etwas ähnliches kann man schon bei Jared Diamond lesen, dort sind es jedoch nicht die bösen Europärer, die die Indigos zunichte machten, sondern der Zusammenbruch ihrer Agrawirtschaft aufgrund von Übernutzung. Soviel zum Edlen Wilden. Ist euch Linken eigenlich kein Klischee zu blöd?

    Michel

    14. Dezember 2008 at 23:29

  2. Tjä. Mir persönlich wäre ja bereits das Klischee von „den“ Linken zu blöd. Zur Sache hat der deutsche Michel nicht so viel beigetragen, wie ich es mir gewünscht hätte.

    Wann genau ist wo die Agrarwirtschaft der Indios wegen Übernutzung zusammengebrochen? Und vor allem: Wie genau haben „die“ Indios gewirtschaftet?

    (ich schätze, die letzte Frage ist schwer zu beantworten – wenn der deutsche Michel aber mehr weiß: Nur her damit!)

    John Dean

    14. Dezember 2008 at 23:59

  3. Vom Edlen Wilden war hier nun wirklich gar nicht die Rede, sondern von neuesten Erkenntnissen der Archäologie, die als Solche weder links noch sonstwie politisch verortet ist. Aber Scientific American ist sicher auch nur so ein linksradikales Propagandablatt.

    che2001

    15. Dezember 2008 at 9:23

  4. Lächerlich ist der Bezug auf den Edlen Wilden vor allem deshalb, weil das Posting eigentlich zeigt, dass es in Amazonien keine „Wilden“ gegeben hat, bevor die Bauernkultur zusammenbrach. Die „Wilden“ beider Amerika sind Bauern, die ihre Agrarkultur aus unterschiedlichen Gründen aufgeben mussten. Die Prärieindianer etwa nahmen ein Leben als Jäger und Sammler (bzw. besser gesagt spezialisierte Bisonjäger, die noch nebenbei anderes Wild jagten und ein bißchen sammelten) auf, weil das mit ihren zu einer Jäger-Sammlerkultur eigentlich nicht zugehörigen Mitteln (Pferde, Feuerwaffen) sehr viel bequemer war als das ursprüngliche Bauernleben. Und auch, um dem Siedlungsdruck der Weißen auszuweichen. Ursprüngliche Naturmenschen waren das gar nicht, wozu ihre Zivilisation schon in der Lage war zeigt die Pyramide von St. Louis (Ich bin mir der Fragwürdigkeit und Problematik von Begriffen wie „Zivilisation“, „Hochkultur“ und „Naturvolk“ bewusst, mein innerer Lévy-Strauss ist sozusagen dabei, aber ich gebrauche diese Begriffe jetzt mal, um zu verdeutlichen, worum es hier primär geht).
    Mit ihren Jagdmethoden hätten auch die Indianer das Bison langfristig ausgerottet. In diesem Zusammenhang ist es fast eine Ironie der Geschichte, dass das Bison von den Weißen bewusst nahezu ausgerottet wurde, um den Prärieindianern die Existenzgrundlage zu nehmen.Interessant ist aber, dass diese Jagdzauber und Totemkulte verwendeten, wie sie auch bei originären Jäger-Sammlervölkern auftrten und die Begrifflichkeiten ihrer früheren Bauernkultur völlig vergessen hatten. Schlagender lässt sich kaum demonstrieren, wie das
    materielle Sein das Bewusstsein prägt. Insofern sind Endzeitfilme wie Mad Max, die bei einem Zusammenbruch unserer Zivilisation einen Rückfall in barbarische Verhaltensweisen postulieren verdammt nah an dem, was wahrscheinlich ist.

    che2001

    15. Dezember 2008 at 11:12

  5. Jared Diamond hat sich mit Kulturen wie den Maya und den Anasazi beschäftigt und erklärt, wie der von diesen betriebene Raubbau des Bodens (bei den Anasazi: Reine Ernte-Aussaat-Kultur fast ohne Düngung) diesen ihre eigenen Nahrungsgrundlagen entzog. Als dann noch eine Klimaverschlechterung, bei den Maya Dauerkriegszustand zwischen benachbarten Stämmen und bei den Anasazi der Versuch, das Problem der verringerten Nahrungsressourcen gewaltsam zu lösen (Hinweise auf bis dahin nicht übliche Menschenopfer und Kannibalismus) hinzukamen gingen diese Kulturen völlig unter. In seinem späteren Werk „Kollaps“ unternahm Diamond den Versuch, den Untergang von Zivilisationen (wieder die Maya und z.B. Harappa, Osterinsel und Angkor) weltweit aus einem Zusammenspiel aus agrarischer Mißwirtschaft mit Auslaugung der Böden oder Trinkwasserverschleiß, Klimaverschlechterung und hieraus entstehenden sozialen Konflikten zu erklären. Das waren im Grunde alte Hüte, Fratisek Graus hatte das in „Pest, Geißler, Judenmorde. Das Spätmittelalter als Krisenzeit“ schon anhand der älteren Forschungen Abels und Postans bezogen auf die Krise des Spätmittelaters diskutiert. Neu bei Diamond ist die Übertragung auf alle möglichen Gesellschaften, die im Lauf der Geschichte untergegangen sind. Er wollte damit dem rassistischen Konzept des „Völkertodes“ eine ökonomische Erklärung entgegensetzen. Mit der erst vor wenigen Jahren von der Arcäologie überhaupt erst entdeckten Amazonas-Kultur hat das alles überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil, Diamond behauptete, die Maya und Inka hätten keinerlei Kontakt miteinander gehabt, weil der Regenwald sie getrennt hätte, seit der Entdeckung der Waldkultur wird aber vermutet, über diese sei eine Verbindung zwischen beiden Kulturen zustandegekommen. Michel, Du vergleichst da Äpfel mit Flaschenkürbissen.

    che2001

    15. Dezember 2008 at 12:05

  6. @ Che: Das Problem das ich mit deinem eigentlich hoch interessanten Artikel habe, ist dass du die neuen Erkenntnisse maßlos überdehnst. Wenn es wirklich neue Erkenntnisse sind (Verlinken der Quellen wäre nett), wissen wir über die untergegangenen Kulturen sehr wenig. Die Bevölkerungsdichte kann höher als im damaligen Europa gewesen sein, aber das ist zunächst eine vorläufige Schätzung, die sich auf die Beobachtungen eines Spanischen Abenteurers aus dem 16.Jh bezieht. Wir wissen nicht was die Kulturen schließlich zerstörte, ob es Krankheiten waren ist auch nur eine Hypothese.
    Natürlich waren nicht alle Indianer Bauern, es gab Völker die sesshaft waren und andere Nomadenvölker. Mit dem Zugang zu Pferden und Feuerwaffen verbesserte sich die Produktivität der Nomaden, so dass diese die sesshaften Völker verdrängen konnten. Natürlich sind nicht innerhalb kurzer Zeit Jagdzauber und Totemkulte aus dem Nichtsaufgetaucht.
    Da „Kollaps“ offenbar nicht gelesen hast empfehle ich dir das nachzuholen, am manchen Stellen wird einem etwas flau im Magen, aber Linke sind da vermutlich unempfindlicher.

    @John: Die Maya legten ein Bewässerungssystem an, dass sie mit Regenwasser speisten. Wichtigste Nutzpflanzen waren Mais und Bohnen. Die Bevölkerungsdichte der Maya war höher als die, die eine auf Brandrodung basierende Landwirtschaft ernähren kann, daher mussten sie die Produktivität mit verschiedenen Techniken erhöhen. Einige dieser Techniken waren nicht nachhaltig. Vom 8.Jh zum 10. sank die Bevölkerung der Maya stark, gleichzeitig gingen ihre kulturellen Errungenschaften zurück, was für einen Zusammenbruch der Gesellschaft spricht. Die plausibelste Erklärung zu diesem Zusammenbruch ist, dass die Bevölkerung den Punkt überstieg an dem sie noch nachhaltig ernährt werden konnte. Die Folge war, dass die Maya dazu gezwungen waren, in immer größerem Ausmaß auf langfristig zerstörerische Techniken zurückzugreifen, wodurch sich der Niedergang noch beschleunigte. Verschärft wurde diese Entwicklung durch interne Streitigkeiten. Steht übrigens alles in Kollaps.

    Michel

    15. Dezember 2008 at 22:27

  7. Also Völker wie Komantschen oder Sioux (bzw. Lakota, Dakota, Nakota, Mandan und Oglala, wie die eigentlich hießen, Sioux bedeutet „Feinde“ und ist deren Bezeichnung
    bei den Pawnee) beschlossen per Stammesrat, das Bauernleben zugunsten des Jägernomadentums aufzugeben, von den klassischen Prärieindianern waren m.W. nur Apachen, Kiowa und Shoshone vor der Einführung der Pferde nomadisierende Jäger-Sammler. In Kollaps ist wie gesagt von der Amazonas-Kultur, um die es in meinem Posting AUSSCHLIEßLICH ging gar nicht die Rede. Links hierzu:

    http://wissenschafts-news.blog.de/2008/12/12/amerika-bevor-kolumbus-kam-5209533

    http://news.mongabay.com/2008/0828-heckenberger.html

    http://www.sciam.com/article.cfm?id=lost-amazon-cities

    che2001

    15. Dezember 2008 at 22:52

  8. @Da „Kollaps“ offenbar nicht gelesen hast empfehle ich dir das nachzuholen, am manchen Stellen wird einem etwas flau im Magen, aber Linke sind da vermutlich unempfindlicher.
    — Ich habe in der Tat „Kollaps“ nur überflogen, kenne allerdings ältere
    Texte Diamonds, die z.T. in „Kollaps“ noch verwertet wurden, z.B. „Der dritte Schimpanse“ und „Arm und Reich“. Wieso sollten Linke mehr oder weniger empfindlich sein als andere Leute? Noch einmal, dieses Thema hat mit politischer Gesinnung überhaupt nichts zu tun, sondern ist ein Thema der Archäologie und Geschichtsforschung, der Geographie und Klimaforschung.

    *kopfschüttel*

    che2001

    16. Dezember 2008 at 10:42

  9. @Che

    Du hast nicht nur Kollaps überflogen.

    Die Bäume sind zwar immergrün, was nicht heisst, daß sie keine Blätter verlieren. Nur sind die schneller zersetzt als in Mitteleuropa

    Das sich kein Humus bilden kann, liegt eben an der wesentlich höheren Verwitterungsgeschwindigkeit als in unseren Breiten. Deshalb gibt es ja die großen Eisenerzlagerstätten in Brasilien, die kaum Quarz, aber leider Aluminium als Begleitmineral enthalten. Aluminium ist nicht so prickelnd für eine Pflanze. Leider ist eine Folgeerscheinung dieser extremen Verwitterung die geringe Kationenaustauschkapazität der Böden. Da hilft auch kein Dünger!, da kein ausreichender Austausch und damit keine Fixierung möglich ist.

    Diese fatale Randbedingung kann nur einen künstlicher Bodenwertstoff ersetzen, der langsamer verwittert und eine ausreichende kationenaustauschkapazität hat. Es sieht so aus, als wenn diese Terra Preta Böden durch eine speziell verschwelte Holzkohle mit anderen organischen Beimengungen zumindest aufgewertet wurde, wenn nicht sogar diesem Bodenwertstoff seine Fruchtbarkeit verdankt.

    Allerdings ist das nur ein Teil des Amazonas-Böden.

    Danke für die Anregung zur Recherche.

    Mammut

    16. Dezember 2008 at 16:41

  10. The Secret of Eldorado
    http://video.google.de/
    BBC Dokumentation über die Terra Preta und die Amazonaskulturen

    Mammut

    16. Dezember 2008 at 17:34

  11. Mammut, danke für das Füllen einer Wissenslücke!

    chezweitausendeins

    16. Dezember 2008 at 18:42

  12. @che

    ein hübsches Thema. Heckenberger hat seine Artikel auf seiner homepage.
    http://www.clas.ufl.edu/users/mheckenb/
    Wissenswertes zum Boden findet man bei der Bodenphysik der Uni Bayreuth.
    http://www.geo.uni-bayreuth.de/bodenkunde/terra_preta/

    Das verbunden mit Bestrebungen, den Klärschlamm und seine P und N Gehalte ohne Risiko wieder in den Boden zurückzuführen, gibt eine elegante Synthese.

    Denke an die Rekultivierung von Tagebaufolgelandschaften oder anderen Industriebrachen

    Mammut

    16. Dezember 2008 at 19:19


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