shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was heißt denn hier eigentlich autonom?

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Ich glaube, hier scheint seit langer Zeit ein Klärungsbedarf zu bestehen, dem ich an dieser Stelle einmal nachkommen möchte.

Lieschen Müller, Klein Bruno und Georg August von Volksmund verstehen unter Autonomen normalerweise die schwarzvermummte ehrenamtliche Auftragsvergabe der Glaserinnung. Auch im engeren Umfeld bekam ich mit meiner Selbstverortung als Alt-Autonomer schon Schwierigkeiten, etwa, wenn ein Freund meinte, er hätte Probleme mit meinem Verhältnis zur Gewalt, obwohl wir uns darüber so richtig grundsätzlich überhaupt noch nie unterhalten hatten, er also gar nicht wissen konnte, was genau für ein Verhältnis zu Gewalt ich eigentlich habe. Bis weit ins linksliberale Lager hinein, für die meisten Leute sind Autonome einfach gewaltbereite Linke. Das ist insofern auch folgerichtig, als dass die meisten Straftaten im Zusammenhang mit linken Demos etwas mit Autonomen zu tun haben, sowohl im Sinne tatsächlicher Täterschaft als auch im Sinne von Kriminalisiert Werden. Dennoch lassen sich autonome Inhalte und autonome Politik nicht auf die Militanz reduzieren, abgesehen davon, dass Militanz und Gewalt auch nicht miteinander identisch sind. Wenn ich von autonomer Politik, autonomem Selbstverständnis und autonomer Theorie spreche, meine ich etwas Anderes als Schwarze Blöcke und Antifagruppen, auch wenn es da inhaltliche und personelle Überschneidungen gibt. Autonom in dem Sinne, wie ich den Begriff verwende meint in erster Linie den Operaismus, eine Auffassung von Klassenkampf, die nicht an Parteien oder Gewerkschaften, sondern der ganz unmittelbaren subjektiven Alltagserfahrung ansetzt. Operaistische Theoriebildung verbindet marx´sche Analyse mit teilweise anarchistischen Ansätzen, poststrukturalistischen Positionen und solchen der Kritischen Theorie und ist darüber hinaus auch für den Diskurs der Geschichtswissenschaft von Bedeutung (Alltagsgeschichte, Geschichte von unten, Mikro- und Makrohistorie).

http://deu.anarchopedia.org/Operaismus

Projekte, die in diesem Sinne autonome Theorie betrieben haben oder betreiben sind die Schriftenreihen Autonomie Neue Folge. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft, E.Colibri, Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat und Wildcat-Zirkular. Nun haben sicherlich die Durchschnittsautonomen weder das politische Selbstverständnis, das in diesen Schriften zum ausdruck kommt, noch überhaupt diese jemals gelesen, sind also nicht gemeint, wenn ich die Begrifflichkeit in diesem engen Sinne fasse. Dafür waren wir hinsichtlich der Selbstbezeichnung Autonome aber sozusagen auch das Original, dass andere Linke mit anderen Inhalten diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen schafft eher Verwirrung. In den 1990ern bürgerte sich daher für im engen Sinne des ursprünglichen Begriffs autonom orientierte der Begriff Sozialrevolutionäre oder kurz Sozrevs ein, der inzwischen auch schon wieder vergessen sein dürfte. Zum anderen verwende ich den Begriff autonome Szene in einem viel weiteren Sinne, da er ein lebensweltliches Millieu umfasst, zu dem eigentlich die ganze nicht partei- oder gewerkschaftsförmige Linke dazugehört, einschließlich eines Großteils der Fanszene des FC St.Pauli oder diverser Fanprojekte in Niedersachsen und Bremen. Die autonome Szene reicht dann in diesem Sinne von Gruppen wie der Gewaltfreien Aktion/Graswurzelrevolution, Basisinitiativen im Umfeld von Organisationen wie Robin Wood oder Pro Asyl bis zur Antifa. Was nun die konkrete politische Praxis angeht, so ist es denunziatorisch, diese über ein bestimmtes Verhältnis zur Gewalt zu definieren. Ich bin in den 1980er und 90er Jahren oft im Schwarzen Block mitgelaufen, wie ich auch schon zwischen diesem und der Staatsmacht „Keine Gewalt!“ rufend auf dem Straßenbelag gesessen habe, habe in vielen Fällen Gewalt als Gegenwehr gegen prügelnde Polizeibeamte oder Neonazis erlebt, eher als eine Form vorher kalkulierter kollektiver Notwehr oder Nothilfe denn als eine eigentlich aggressive Gewalt, und etwa da verläuft für mich auch die Grenze des Legitimierbaren. Solche hirnrissigen Aktionen wie den Kreuzberger Ersten Mai oder die Steinwolke von Rostock halte ich jedebnfalls in keinster Weise für unterstützenswert, und auch die großen Antifa-Bündnisdemos, die unsereins früher so organisiert hat waren keine Veranstaltungen, von denen unmittelbar physisch Gewalt ausging, vom Aufbau einer Drohkulisse gegenüber den Nazis einmal abgesehen. Das, was wir politisch früher so getrieben haben (und von mir auf einer ganz anderen Ebene, eher in Form punktueller ganz legaler Interventionen bei Medien oder Behörden foertgesetzt wird) war zum großen Teil nichts Anderes, als das, was ai, die Caritas, die Diakonischen Werke, Greenpeace und die DGB-Jugend auch machen, nur mit einem ganz anderen Selbstverständnis. Eine grundsätzliche Sache spielt dabei allerdings schon eine Rolle: Das Unkontrollierbar sein wollen hinsichtlich staatlicher Repression. Ich habe es Anfang der 1980er erlebt, wie sich Teile der Friedensbewegung, von Pax Christi bis hin zu grünen PolitikerInnen wie Petra Kelly und Gert Bastian nicht zu schade waren, dazu aufzufordern, die Militanten zu isolieren und sie der Polizei auszuliefern. Ich war zum damaligen Zeitpunkt ein überzeugt gewaltfreier Ökopazifist, aber dieses Denunziantentum brachte mich ab vom Lager der ideologisch überzeugt Gewaktfreien und erstmals in Dialog mit Autonomen. Und die, die ich kennenlernte, waren keine hirnlosen Steineschmeißer und auch keineswegs alle persönlich gewaltbereit, sondern vertraten den Standpunkt, dass in Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht ein breites Spektrum an Möglichkeiten offen stehen sollte, oder wie Robert Jungk es später ausdrückte „Egal ob friedlich oder miltant, Hauptsache Widerstand!“. Ich habe diese Auffassung im Wesentlichen als libertären Pluralismus erlebt. Und daher sind von mir keine Aufrufe zu Gewalt zu erwarten, aber eben auch nicht öffentliche Distanzierungen, da ich diese Spaltungsteile aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mitmache.

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12 Antworten

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  1. Also wenn ich so lese was du schreibst bin ich ziemlich nah bei deiner Meinung.Aber was ich zu Autonom und Linke Szene sagen möchte ist, wo ich in jungen Jahren 1987 88 die ersten kontakte hatte Antifa Demos NATO Demo in Hamburg 100.000 Teilnehmer oder auch Hafenstraße aber ende der 80er. Wir waren relativ normal aussehende Jugendliche ziemlich modisch angezogen überall die Jahre modische Frisuren also Politisch für die Szene Leute garnicht an der Kleidung zu erkennen.Und das ist der Punkt wo ich echt Krämpfe bekomme zu sehen das es bis am heutigen Tag nicht zu schaffen ist als normal aussehender Typ
    in irgend welchen linke Cafes oder Bars wo gerade Antifa Leute am Start sind ohne gaffen und misstrauen beäugt zu werden.Was sich auch an der faschistuiden Haltung Vieler Linker Gruppierungen Zeigt.Ob ich als HSV Fan Bei einen ST Pauli Spiel auf den Kiez bin oder Mit Anzug An einer Antifa demo Teilnehmen möchte weil ich mich nicht mehr umziehen konnte.Ständiges misstrauen und sprüche sind alltäglich da frage ich mich wo ist da der unterschied zu dem was angeprangert wird.?Nur wenige waren in der lage zu unterscheiden ein besonderes Lob muss ich den heutigen oder damaligen?ST Pauli Fan beauftragten nicht schlesselmann ein anderer damals gut am start was Hafenstrasse und ST Pauli spiele angeht. wir waren oft da auch als HSV Fans um die Hohlköpfe aus der Rechten Fußball Szene (HSV und und und) entgegen zutreten was uns auch gelang leider mit Gewalt vorm Stadion aber man musste sich halt wehren.Aber wir kamen da an mit ca.15 Jungen leuten alle ca 16-17 Jahre gut gekleidet und der hat mit ein paar ST Pauli Leuten uns die Eintrittskarten bezahlt und nicht lange geschnackt.Bis zum heutigen tage als Daddy von 3 kiddies ist das der einzige aus der Szene den wir in Erinnerung haben wo wir unserer Meinung mit gleichgesinnten teilen konnten.da wir aus den raum Bergedorf kommen, (Hochburg der rechten Szene)ist es echt hart solche Holzköpfe der Antifa und linken Bewegung hier zu haben.da wurde Plänium gemacht während die rechten wüteten und wir es alleine richten mussten.aber solche Leute wie er ein Wort und sie kamen aus ST Pauli nach Bergedorf und andersrum auch.echt schwer wenn es untereinander so abgeht kann mann nichts ausrichten denn nur zusammen sind wir Stark.Und der tot der Bewegung sind die vielen gruppierungen und deren drauf bestehen und kein cm abweichen.Und es ist schon wieder gut am aufkeimen mit den Ohne Vorhaut auf den Kopf Gesindel.Und wie will mann die heutige Jugend dazu bewegen mit zumachen wenn mann nicht zusammen hält?.

    Ost Junge

    11. Januar 2009 at 3:29

  2. Dieser Bekleidungskult in der autonomen Szene ist echt ätzend. Ich habe mal erlebt, wie jemand aus einem autonomen Jugendzentrum geflogen ist, weil er eine US-Flagge auf die Jeansjacke gestickt hatte. Das war einfach ein Elvis-Fan, und der hat indische Asylbewerber unterstützt, vollkommen in Ordnung, der Typ. Es funktioniert aber auch umgekehrt: Ein Genosse konnte einen Polizeikessel ungehindert verlassen, weil er einen Markenanzug trug.

    che2001

    11. Januar 2009 at 11:23

  3. Na ja, man war halt so eine Art modeverwirrte Bürgerrechtsbewegung 😉

    Was Kleidung bewirken kann ist in Göttingen immer wieder angesichts der NPD-Demos sichtbar geworden: ich fand‘ das ja ziemlich lustig als ich und drei junge Männer mit der Boss der Strassensperre diskutierten, warum die jetzt ihren Perso zeigen sollen und ich nicht „Wir haben da Erfahrungswerte“. Die Polizei versuchte mich durchzuwinken und mir freundlich zu versichern, ich könne weitergehen und wünschte mir einen schönen Tag, aber warum ich harmlos bin und die drei Jungs gefährlich konnten sie mir nicht sagen. Gretchenkranz und Lippenstrift könnten geholfen haben 🙂

    Zurück zu „damals“
    Ich bin relativ lange mit einer Gruppe Flüchtlingskindern aus dem Kosovo schwimmen gegangen. Das war anstrengender als es gearde klingt und ging teilweise ziemlich an die Substanz. Krieg ist unschön und hinterlässt unschöne Folgen.
    Wir haben Lebensmittel gesammelt um die Vitaminversorgung sicherzustellen, Weihnachtskekse gebacken, Stofftiere verteilt, sind mit zu Ärzten und Behörden gegangen, Hausaufgabenhilfe etc.
    Eigentlich war man so von sich aus ein ziemlich vorbildlicher Bürger einer Demokratie: engagiert, kritisch und informiert.

    cassandrammviii

    18. Januar 2009 at 20:03

  4. Ja, daran erinnere ich mich auch noch und wie Du mir auseinandersetztest, dass die rattenscharf angezogenen Muslimfrauen mit schwarz geschminkten Lippen, Strapsteilen und High heels keine araberinnen oder Iranerinnen, sondern Bosniakinnen waren. Und wir autonomen Antiras taten tatsächlich eigentlich nichts Anderes als die Diakonie, aber mit einem viel schöneren Bewusstsein 🙂 😉

    chezweitausendeins

    18. Januar 2009 at 23:01

  5. Die unschöne Seite daran war, dass ein paar von diesen rattenscharfen Mädels nicht älter als 15 waren und ich sie 2, 3 Jahre später auf dem Strich in der Turmstrasse wiedergesehen habe. Unschön.
    Aber das hätte auch ein anderer ideologischer Ansatz nicht verhindert.

    cassandrammviii

    19. Januar 2009 at 9:22

  6. Uuuups.Sehr unschön. Wusste aber auch nichts von einem Strich in der Turmstraße, nur von bettelnden Junkies.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 12:50

  7. Extrem unschön. Der Strich zog sich zur Drogenszene hin wenn ich das richtig mitbekommen habe.

    Das sich die Situation entspannt hat ist zu großen Teilen Pater Heribert von den Jesuiten zu verdanken. Extrem fitter Mann, leider mittlerweile nicht mehr in Göttingen, sondern in Rente (soweit Jesuiten in Rente gehen)

    cassandrammviii

    19. Januar 2009 at 13:23

  8. Ich entsinne mich, dass ich dunnemals einem Streetworker aus Harlem die Turmstraße gezeigt hatte als Beispiel für unsere ragged people areas.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 15:04

  9. Na ja, gegen Harlem sind wir doch da noch recht brav, bieder, hausbacken und vor allen Dingen klein was unsere Problemecken angeht.

    Und das Ganze hat sich auch entspannt, vor allem dank der Jesuiten. Irgendwann meinte die Stadt mal, sie müsse mit harter Hand aufräumen, aber die hatten ihre Rechnung ohne die Societas Jesu gemacht.

    cassandrammviii

    19. Januar 2009 at 15:09

  10. Ach, verglichen mit den Problemvierteln von Kairo ist auch Harlem noch wohlhabend. Wenn Du nachts spazieren gehst und dabei aufpassen musst, dass Du nicht auf die Familien trittst, die auf dem Bürgersteig schlafen, und dann Flüchtlinge aus dem Kongo triffst, die davon schwärmen, was für ein reiches und wohlorganisiertes Land Ägypten ist verschieben sich die Dimensionen etwas.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 16:01

  11. Mein Mann hat 2 Adoptivgeschwister aus Bengalore, Indien. Das Kinderheim da liegt im Slum. Da verschieben sich Relationen, das stimmt.

    Ändert aber nix dadran, dass der Kongo kein G8 Staat ist- also eins der 8 reichsten Länder der Erde. Und Ägypten auch nicht. Indien ist glaub ich G8 Staat, oder?

    cassandrammviii

    19. Januar 2009 at 16:09

  12. Indien auch nicht. G8 sind USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und Russland.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 16:51


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