shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Happy Birthday Edgar Allen Poe!

with 15 comments

Mein Vater hat ja immer gesagt, man müsse Hesses „Narziß und Goldmund“ lesen, bevor man 20 wird. Das selbe lässt sich wohl auch von Edgar Allen Poe sagen. Der wäre nämlich heute 200 Jahre alt geworden, würden wir derart alt werden.  Für mich gehört der ja noch zu den Ausläufern der Romantik, weiß aber nicht, was die Literaturwissenschaftler dazu sagen würden. Komischerweise habe ich Poe immer nur als Index wahrgenommen. Und erst als ich mich für H.P. Lovecraft zu begeistern begann, habe ich den Poe entdeckt (in der Schulzeit fehlte die anglophone Literatur gänzlich, der Englischunterricht war viel zu funktional ausgerichtet, so dass hier große Lücken herrschen). Und irgendwann realisiert man, dass drei der großen Formen der Trivialliteratur – Krimi, Horror, Abenteuerroman – ihren zentralen Fixstern in Poe finden. Außen vor bleibt einzig die Liebesgeschichte (obwohl Poe auch hier mit einigen Arabesken aufwarten kann). Alle drei sind ja – Jürgen Link würde das wohl so sagen – „nicht normale Fahrten“: Der Leser bekommt immer ein „was wäre, wenn“ vorgeführt, das ihn aus seiner Normalität heraus führt. Was wäre, wenn sie nahe der Antarktis Schiffbruch erlitten (Arthur Gordon Pym, )? Was wäre, wenn die Fassaden der wohlgeordneten Welt zusammen brächen und das Monströse erschiene (Der Fall des Haus Usher)? Aber auch: was wäre, wenn man allein mittels der Deduktion die Welt wieder in Ordnung bringen könnte (Der entwendete Brief; Der Doppelmord in der Rue Morgue)? Diesen Fahrten in das Ungewisse des Schreckens und des Unbekannten wie auch der eine Rückkehr zur Normalität versprechende Logik wohnt ein Moment der Alternative inne, das es von der deutschen Märchenromantik eines Hoffmann’schen  „Es war ein Mal“ scharf abhebt. Freilich lassen sich aus Poe schwerlich  Rückschlüsse für eine utopische Praxis ziehen – und gerade Lovecraft, der das Grauen immer aus dem moralischen Versagen einer heruntergekommenen Adelslinie entspringen lässt, die sich skrupellos der alten Mächte bedient, ist das beste Beispiel für die konservative Wende zumindestens des Horrors.  Aber diese Formlosigkeit des Grauens, die Technik, die Dinge anzudeuten und nicht auszumalen (wie es dann E.T.A. Hoffmann doch immer macht; man lese etwa seinen „Sandmann“ oder „Die Bergwerke zu Falun“), ebenso wie diese unbestimmt-bestimmten Schlußszenen bei Poe illustrieren einmal mehr die zweite Natur der Gesellschaft, in der die strukturierenden Prinzipien als absolut und unveränderlich präsentiert werden.

P.S.: Kannte Kafka eigentlich Poes Werk? Die SZ berichtet heute von einem Text Poes, in dem die Insassen eines Irrenhauses ein kleines Kalb zubereiten als wäre es ein Hase: Es wurde im Ganzen geröstet. Sind das nicht ähnliche Figuren wie Odradek, die Mischung aus Lamm und Kätzchen oder das Tier in der Synagoge, wie sie sich Kafka ausmalte? Sie sollen ja auch als die Welt aus der Perspektive der Versöhnung betrachten, weshalb sie uns so komisch vorkommen. Und ist das Grauen nicht eben jenes Gefühl, dass man nicht nur nicht Herr des Schicksals ist, sondern einem abstrakten anderen ausgeliefert?

Advertisements

Written by lars

19. Januar 2009 um 16:12

15 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. @“weiß aber nicht, was die Literaturwissenschaftler dazu sagen würden“ —- Die fassen E.T.A.Hoffmann, Poe, Walter de la Mare, Ambrose Bierce und Bulwer Lytton unter dem Begriff „Schauerromantik“ zusammen.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 17:03

  2. Und feier nicht so dolle^^ 😉

    Seotonie

    19. Januar 2009 at 17:26

  3. Ja, an sowas dachte ich auch. Wollte irgendwo auch den Bezug zum „the terror and the sublime“ in den gothic novels herstellen, habe es aber vergessen…

    lars

    19. Januar 2009 at 17:34

  4. Ich liebe ja besonders „Grube und Pendel“, wo eine Lovecraft-ähnliche Dimension des Grauens durch Erlösung beendet wird. Aber sind es wirklich immer dekadente Adlige, die die Großen Alten heraufbeschwören? Die Anhänger Tsathogguas habe ich als verhutzelte Hinterwäldler in Erinnerung.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 17:44

  5. Hmm, aber werden die nich auch als zurückgeblieben und degeneriert beschrieben, z.B. auch in Schatten over Innsmouth. Es gibt aber auch den wahnsinnigen Wissenschaftler. Alles im Prinzip Figuren der Unmoral.

    lars

    19. Januar 2009 at 17:55

  6. Schon klar, Du schriebst aber „immer aus dem moralischen Versagen einer heruntergekommenen Adelslinie entspringen“ . Und das ist, wie Du selber feststellst, dann doch etwas zu kurz gefasst. Wobei mir nie so richtig klar ist, inwieweit Chtlulhu, Yog Sothoth und die Shogotten wirklich böse sind, oder ob sie einfach nur so fremdartig sind, dass Menschen schon bei ihrem Anblick den Verstand verlieren. Shea und Wilson haben in Illuminatus das Problem „gelöst“, indem sie behaupten, diese Wesen ernährten sich von menschlichen Seelen, die sie in sich aufnähmen, aber so konkret wird Lovecraft ja nie. Andersherum betrachtet: Warum soll ich vor Chtlulhu und Co. eigentlich Angst haben? Außer Nyarlathotep, der wiederholt gezielt tötet, und den Shogothen, die sich blindwütig auf alles und jeden stürzen sind unmittelbar finstere Absichten bei diesen Wesen nicht eindeutig erkennbar.

    chezweitausendeins

    19. Januar 2009 at 18:28

  7. Na, es geht ja um die Konstruktion dieses Grauens. Es geht ja auch nicht um die Bosheit derjenigen, die das Grauen verkörpern, sondern um deren Übermächtigkeit.
    Ad hoc kann ich jetzt keine Literaturanalyse der Texte vornehmen. Meine aber, dass die Helden der Lovecraft’schen Geschichten dann doch eher als Sprößlinge des heruntergekommenen Adels präsentiert werden, während die Hinterwäldler eher als Bindeglied funktionieren (weil sie über ein spezifisches Wissen verfügen, alte Rituale pflegen, schon immer hier hausten etc.)
    Bei Poe ist das im übrigen nochmal was anderes. Der ist zugleich viel amerikanischer als Lovecraft, weil er den Einzelnen stärker in den Vordergrund stellt. Bei Poe verändert sich der Held selbst, während das bei Lovecraft viel stärker auch das Umfeld ist, das unsicher und grauenhaft wird und dann in der Folge den Helden ins Verderben führt.

    lars

    20. Januar 2009 at 13:35

  8. Lovecrafts Geschichten insgesamt sind in dem Sinne statisch, als dass im Prinzip immer das gleiche Muster abläuft. Eine innere Entwicklung irgendeiner handelnden Person findet nicht statt. Höchstens eine körperliche Mutation zu Fischwesen o.ä.. Poe hat höchst unterschiedliche Geschichten geschrieben, die weit auseinanderliegende Sujets behandeln und deckt eine ganz andere Bandbreite ab als der monothematische Lovecraft. Nur habe ich den eben aus der Brille des belesenen Schience-Fiction-Konsumenten betrachtet, und da stellt sich dann schon die Frage „warum nimmt mit diesen Monsterwesen niemand kontakt auf, vielleicht kann man mit ihnen ja auf irgendeine Weise kommunizieren“. Das ist bei Lovecraft undenkbar, es wird aber nirgends deutlich, warum es eigentlich undenkbar ist.

    chezweitausendeins

    20. Januar 2009 at 14:23

  9. Darf ich an dieser Stelle die „Vertonung“ der Tales of Mystery and Imagination durch Alan Parsons Project wärmstens empfehlen?

    http://www.amazon.de/Tales-Mystery-Imagination-Project-Parsons/dp/B000001FN3/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1234722280&sr=8-1

    jekylla

    15. Februar 2009 at 19:25

  10. Alan Parson´s Project gibt es noch? *staun*

    chezweitausendeins

    15. Februar 2009 at 19:26

  11. Das lief in den 70ern in den besseren Diskotheken: den großen Läden in den Großstädten mit 8 an der Decke montierten Bose-Boxen über der Tanzfläche.

    noergler

    15. Februar 2009 at 19:30

  12. @chezweitausendeins: ich finde insbesondere dieses „Project“ sehr zeitlos.
    Neues ist #seit Ende der 80er nicht erschienen.

    @noergler: man muss es aber nicht in einer Diskothek hören, das geht auch sehr gut zuhause.

    jekylla

    15. Februar 2009 at 19:34

  13. Das sagt man nur, wenn man 1976 das „Fox“ in Hannover nicht kannte.
    Alan Parsons, Pete Frampton und Supertramp schufen die letzten großen Werke, bevor die Kapitalabstraktion als „Discosound“ 1 zu 1 in die Musik sich übertrug. Als die Bee Gees „Stayin alive“ wimmerten, dachten wir an Selbstmord.

    noergler

    15. Februar 2009 at 23:12

  14. Oder hörten Punk.

    che2001

    15. Februar 2009 at 23:14

  15. @noergler: ich gebe zu, das „Fox“ ist mir kein Begriff, die Gnade, „Supertramp“ noch live zu sehen, wurde mir hingegen zuteil.

    @che2001: Punk muß kein „oder“ sein, ich erinnere mich an die Jagd auf die Vinyl(!)ausgabe der Pork Dukes parallel zum Tanzunterunterricht. Man muß immer flexibel sein.

    jekylla

    16. Februar 2009 at 9:42


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s