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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Verlust der Offenheit in der Linken

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Als die Sowjetunion schon der Agonie entgegenhinkte, obwohl das damals noch niemand merkte wurde Glasnost, Offenheit von oben verordnet. Die undogmatische westliche Linke hingegen brauchte sich so etwas nicht auf die Fahnen zu schreiben, Offenheit gehörte zu ihren Wesensmerkmalen. Getreu dem Motto, das Politische sei privat und das Private politisch wurden die eigenen Verhaltensweisen, Beziehungen, Umgangsformen ständig thematisiert und hinterfragt. Viele Gruppensitzungen meiner damaligen politischen Bezugsgruppe waren nicht viel anders als die Treffen einer Selbsterfahrungsgruppe, mit dem Unterschied allerdings, dass bei den Treffen Bier oder Rotwein getrunken und geraucht wurde. Im Rahmen der politischen Bezugsgruppe wurde gelebt, gearbeitet, in Urlaub gefahren und geliebt. Den oft chaotischen Diskussionsstil erlebe ich als persönliche Befreiung, denn im Kriese meiner Familie waren Gespräche, nicht nur politische Dskussionen, sondern ganz alltägliche Tischgespräche keine Dialoge gewesen. Auf ein paar gesagte Sätze direkt zu antworten ging nicht, denn jedes Wortergreifen war ein performatives Sich Behaupten, ein Kampf um die Einschaltquote: Vater, die Schwestern und ich kämpften jeweils darum, das Wort zu bekommen, auch wenn dies geschah, indem man jemand Anderem dieses abschnitt (meistens mir) und möglichst lange zu behalten. Ein Monolog von möglichst einer halben Stunde am Stück war das angestrebte Ziel. Nun war ich natürlich in der Schule, in der Clique und in der Gruppenpsychotherapie, auch in der antirassistischen Gruppe und bei ai andere Kommunikationsstrukturen gewöhnt, aber erst im Studium erlebte ich ein Gesprächsklima, das weitgehend herrschaftsfrei und wirklich offen war. Nicht, dass man sich immer ausreden ließ, es wurde viel durcheinander geredet und sich gegenseitig unterbrochen – aber niemand erlebte das als einen Machtkampf.

Im Verlauf der Achtziger Jahre sollte sich dies gewaltig ändern. Mit der Verschärfung der Auseinandersetzungen um Startbahn Hafenstraße und WAAckersdorf, dem zweiten Volkszählungsboykott und den neuen „Antiterrorgesetzen“ nahmen die Spitzeltätigkeiten von V-Schutz und Polizei gewaltig zu. Ganze Milieus gerieten wiedereinmal in das Visier der Fahnder. Telefone wurden abgehört, Richtmikrofone eingesetzt, WGs und Kneipen über Wochen und Monate observiert. Ich bekam eine Weile meine Briefe eine Stunde später als der Rest des Hauses, und zwar geöffnet. Das mein Telefon abgehört wurde konnten wir nachweisen: Es rief mich jemand mitten in der Nacht an und teilte mir mit, seine Freundin sei mit einem Joint im Mund mit überhöhter Geschwindigkeit an einer Ampel geblitzt worden, und wir verabredeten uns darauf, die Blitzanlage zu sprengen. Natürlich legten wir in Ruhe schlafen, aber ein Genosse, der neben der Ampel wohnte, beobachtete, wie erst zwei Ziviwagen im Schrittempo durch die Nebenstraßen patrouillierten und sich nach zwei Stunden dann ein grünweißer Mannschaftswagen neben die Ampel stellte und bis Sonnenaufgang dablieb. Durch dieses Ereignis inspiriert, verabredeten wir uns später telefonisch zur Übergabe einer Kiste „Granaten“ und übergaben dann mit reichlich Kripofahrzeugen um uns herum einen Kasten Jever;-)

Ärgerlich war, dass einem so etwas niemand außerhalb der Szene glaubte. Insbesondere alte 68er vertraten so etwas wie einen eitlen Stolz, dass man abgehört wurde, verlegten das aber in die Zeit von 1972-1977 und waren nicht bereit, zu akzeptieren, dass dies mit uns Jüngeren gerade gemacht wurde. Ich erlebte es dann bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung auf einer Polizeiwache, dass der ED-Beamte ganz offen sagte: Den hatten wir doch gestern in derTelefonüberwachung!“.

Das eigentlich Tragische war der Zusammenbruch der offenen Szenekommunikation, der mit dieser Entwicklung zusammenhing. Wichtiges wurde am Telefon grundsätzlich überhaupt nicht mehr erzählt, häufig sogar bewusst völliger Blödsinn, um Mithörer in die Irre zu leiten. Als ich allerdings einen Neuen in unserer Gruppe verdächtigte, ein Zivilbeamter zu sein, unterhielt ich mich mit einem Genossen eine halbe Stunde darüber am Telefon. Prompt verschwand der Typ, angeblich nach Holland. Der Staatsschutz schien sich für alles zu interessieren, nicht nur für illegale Dinge, sonder z.B. auch, wer mit wem schläft. Bei SPUDOK, der Spurendokumentation ging es darum, „Bewegungsbilder“ der Szene zu erstellen. Wenn wir uns trafen, um eine Aktion zu planen wurde das Telefon in den Kühlschrank gestellt, die Dusche aufgedreht und die Stereoanlage hochgedreht, alles drei gleichzeitig.

In einer solchen Stasi-Athmosphäre gingen die alten offenen Kommunikationsstrukturen kaputt. Es gab sogar Leute, die mich schnitten und zum gefährlichen Kantonisten erklärten, weil ich auf der Mensatreppe Erlebnisse aus dem eigenen Bekanntenkreis erzählte und dabei Namen nannte.

Das Ganze kippte dann noch einmal in eine ganz andere Richtung, als nach dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in Szenekreisen gesagt wurde, mangelnde Offenheit gegenüber eigenen Gefühlen und Nichtbereitschaft, sich mit destruktiven Seiten des eigenen Unbewussten auseinanderzusetzen gehöre zu den Ursachen, dass so etwas überhaupt in der Szene passiert sei, und darüberhinaus derAnspruch formuliert wurde, die Szene müsste selber in der Lage sein, Vergewaltiger zu therapieren. Plötzlich fand man sich in solchen Situationen wieder wie der, als ein Mann, von dem ich mal gerade wusste, wie er hieß, wie er aussah und welcher Gruppe er angehörte mit meinem Mitbewohner vor einem 50köpfigen Plenum über unsere Sexfantasien diskutieren wollte. Ein Meilenstein auf der Reise nach Absurdistan….

Anfang der 1990er, ein Jahrzehnt, seit ich in der linken Szene aktiv war fand ich dann endlich zwei Wirkungskreise, in denen Nähe und Distanz, Offenheit und Diskretion mit hoher sozialer Kompetenz der Beteiligten sich die Waage hielten. Das waren eine Kurdistan-Solidaritätsgruppe, die zur Hälfte aus Kurden und zur Hälfte aus Deutschen bestand und eine autonome Flüchtlings-Solidaritätsgruppe, die vor allem altersmäßig über dem Schnitt der ja sonst sehr jungschen autonomen Szene lag (Durchschnittsalter damals über 30). Endlich hatte ich meine poltisch-soziale Heimat gefunden, in der ich mich wirklich rundum wohl fühlte. Da beide Gruppen nicht offen waren und ihnen nicht jeder beitreten konnte war innerhalb der Gruppenstruktur eine sehr große Offenheit im Umgang miteinander und eine große Herzlichkeit möglich.

— Heutzutage habe ich einmal einen politischen Gesprächskreis, der offen und angenehm ist, aber keine Aktionen mehr unternimmt und auch nicht mehr in Szenestrukturen verwurzelt ist. Und zum Anderen eine von mir nur sehr gelegentlich frequentierte Gruppe, die immer noch politisch agiert, aber reine Orga-Debatten führt, auf denen weder persönlich sich geöffnet noch inhaltlich gestritten wird, wo das Zusammengehörigkeitsgefühl aber dennoch hoch ist. Was die heutige eigentliche Szene angeht bin ich Zaungast. Ich weiß, dass etwas nachwächst, ich kann es nur nicht mehr beurteilen, was sich in den Gruppen tut. Nur: Die Art von Offenheit und Ringelpiez mit Anfassen, die ich aus de frühen 1980ern kenne habe ich nirgends wiedergefunden.

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Written by chezweitausendeins

13. Februar 2009 um 19:05

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