shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Welches Milieu trägt noch etwas aus?

with 3 comments

Nicos Poulantzas hatte Recht, als er den für den Sieg des Faschismus das Scheitern der Linken beim Versuch der Herstellung einer kulturellen Hegemonie verantwortlich machte. Gramsci folgend, stellte er fest, dass die Linke nach dem Ersten Weltkrieg einen solchen Versuch unternommen hatte, der einerseits die Erschütterung, welche die ästhetische Moderne für die bürgerlichen Denkgewohnheiten bedeutet hatte verstärkte und andererseits die kulturelle und solidargemeinschaftliche Stärke des Arbeitermilieus gegen die Bourgeoisie in Stellung zu bringen versuchte. Und über Gramsci hinausgehend konstatierte er, dass Ursache des Faschismus ein Scheitern der proletarischen Revolution einerseits und eine kulturelle Anomie, ein kulturelles Vakuum andererseits war. Ob in Italien, Deutschland oder Spanien – Der Faschismus kam zur Macht, nachdem die Revolution von links gescheitert war, die kulturelle Hegemonie aber keineswegs zurück in die Hände der Bourgeoisie gelangte, sondern sich im Gegenteil in Kunst und Ästhetik sich eine ungebändigte, zügellose Revolution abspielte, die in der gesellschaftlichen Realität eben nicht stattfand. Anders waren futuristische Faschisten und expressionistische Nazis nicht denkbar. Sie reproduzierten eine bürgerliche Herrschaft, aber sie taten dies teilweise mit den Mitteln einer ästhetischen Avantgarde, die sie andererseits, wo sie ihnen nicht passte, auch sang- und klanglos liquidierten oder als „entartet“ brandmarkten. Nicht das Ausfransen der Gesellschaft Weimars zu den extremen Rändern hin und ein daraus folgender Machtkampf Nazis gegen Kommunisten kennzeichnet nach Poulantzas die Situation 29-33, sondern die endgültige Niederlage der kommunistischen Revolution bei Fortbestehen einer starken kommunistischen Partei und eines Kampfes um die kulturelle Hegemonie, bei dem sich die Rechte, zuerst in Form der Konservativen Revolution, der Ästhetik und Methoden der Linken ein Stück weit bediente.

Es ist nicht nur zu fragen, ob sich diese Erkenntnisse auf die heutige Situation übertragen lassen und wenn ja, wie. Es stellt sich vor allem die Frage nach der Ausstrahlungskraft sozialer Milieus. Die alte, revolutionäre Arbeiterbewegung war nach dem Zweiten Weltkrieg Vergangenheit. Dennoch revitalisierte sich im Westen eine teils kommunistische, teils sozialdemokratische Arbeiterkultur, die der Bürgergesellschaft ihre eigene Gegenökonomie entgegenstellte, wie dies schon seit dem Kaiserreich der Fall gewesen war. Konsumgenossenschaften, ViVo-Läden, Volks- und Raiffeisenbanken, Wohnungsbaugenossenschaften, die Arbeiterwohlfahrt, der Reichsbund, all das waren honorige proletarische Organisationen, welche der Arbeiterbewegung eigene wirtschaftliche Macht verschaffen sollten. die daran gebundenen klassischen Arbeitermilieus, wie sie sich am Stärksten im Kohlenpott und in den Hansestädten sowie bei Bahnarbeitern zeigten mögen spießig und in ihren Strukturen der sozialen Kontrolle auch eng und disziplinierend gewesen sein, sie bildeten trotzdem auch einen Rahmen für Solidarität und kollektive Renitenz. Mit einer solchen Arbeiterschaft war nur Keynesiasnismus möglich, gegen Massenentlassungen und Neoliberalismus hätte die sich gewehrt.

Das Ausdünnen der Industriearbeiterschaft durch Rationalisierungsschübe, die Hochlohnpolitik und soziale Sicherheit in der Metallindustrie seit den 1970ern, der Aufstieg durch Bildung, der aus Arbeiter- und Kleinbürgerkindern massenhaft Akademiker machte, all dies ließ das klassische Arbeitermilieu erodieren. Als mit dem Neue-Heimat-Skandal um 1980 herum auch noch die völlige Korrumpiertheit eines der Vorzeigeunternehmen im Gewerkschaftsumfeld sichtbar wurde, führte den als proletarisch begriffenen Kampf gegen die Wohnraumspekulanten längst eine Bewegung, die nicht mehr aus den Arbeitermilieus hervorgegangen war.

Die alternative Bewegung der 70er und 80er Jahre war teils noch aus der 68er-Linken gewachsen, teils im Zusammenhang mit dem neuen Projekt der gerade entstehenden Grünen. Ein zweites Mal, ohne Kontakt zur klassischen Arbeiterbewegung, aber zum Teil deren Handlungsweisen auf frischere, oft auch improvisierte Art aufgreifend, entstand in jenen Jahren aus Landkommunen, Ökobäckereien, Food-Koops, linken Buchläden, Szenekneipen, Kulturzentren in besetzten Häusern, Fahradläden und sonstigen kollektiv betriebenen Handwerksunternehmen und Druckereien usw. eine Gegenökonomie der Neuen Linken. Diese finanzierte viele linke Projekte und fiel zeitlich und personell zusammen mit dem Zusammenwachsen von Anti-AKW-, Häuserkampf- und Friedensbwegung zu einer Art gemeinsamem sozialen Milieu. Die Grünen auf der einen und die Autonomen auf der anderen Seite stellten seinerzeit den gemäßigten und radikalen Flügel der gleichen Bewegung dar, die sich von den orthodoxen Kommunisten scharf abgrenzte, an die aber auch der KB noch andockte.

Reste dieser Szene, dieser Lebenswelt existieren bis heute, wie ich gerade bei den letzten Demomobilisierungen gesehen habe. Der größte Teil hat sich aber längst zu einem behäbigen und in vielen Fällen unsagbar selbstgerechten Ökospießertum entwickelt. Auf was für ein Milieu soll sich aber gesellschaftlicher Widerstand gegen staatliche Drangsalierung der neuen Armen, gegen weiteren Sozialabbau und Kampf für soziale Gerechtigkeit und Freiheit und Selbstbestimmung der ökonomisch Schwachen stützen? Wenn ich Karlo Roth folge (und ich habe guten Grund, dies zu tun), setzt sich die Unterklasse permanent neu zusammen, aus sozialen Milieus, die mit dem Begriff „proletarisch“ schwer zu fassen sind – vom outgesourcten 1-Mann-Job-Programmierer bis zur Aldi-Kassiererin, von Migranten-Milieus bis zur „Generation Praktikum“. Wie eine Perspektive all dieser Leute entwickeln (noch dazu durch diese Leute, also sie für sich selbst), wie das alles zu einer Bewegung zusammen bringen? Denn genau das tut Not.

Advertisements

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Den Versuch eine „kulturelle Hegemonie“ herzustellen, betrachte ich als ein strukturell faschistisches Ansinnen. Wer immer so etwas anstrebt, der kann jedenfalls kein Demokrat sein. Wenn Nicos Poulantzas, in Verbindung mit dem Wort „kulturell“, für faschistische Herrschaftstechniken schwärmt, dann mag das so sein. Mir fällt das auf. Mir missfällt es.

    Selbstverständlich muss man sich als Progressiver gegen jegliche Hegemonie politischer (bzw. verbrämt: „kultureller“) Ideen und Ideologien stellen. Kritik funktioniert nur dort, wo sie auch einen Raum hat.

    Ein kulturelles Umfeld, wo hegemonniale Herrschaft ausgeübt wird, ist tendenziell bekämpfenswert.

    Dies gilt nicht nur dann, wenn es sich um die Hegemonie von Faschisten handelt. Linke sollten nicht nach „kultureller Hegemonie“ und struktureller Gewaltherrschaft streben, sondern nach Vielfalt, Demokratie, Frieden, Gewaltarmut, Offenheit, Toleranz, Fortschritt, Freiheit.

    Brüder! Schwestern! Mir nach!

    😉

    Norman. O. Kon.

    28. März 2009 at 14:15

  2. Deiner Logik nach wären dann Gramsci, Brecht, Benjamin und Picasso Faschisten gewesen.

    chezweitausendeins

    28. März 2009 at 18:52

  3. Der Begriff der „kulturellen Hegemonie geht auf Antonio Gramsci zurück, KPI-Vorsitzender in den 1920ern und ein bedeutender undogmatisch-marxistischer Theoretiker. Damit ist keine Herrschaft einer Partei oder politischen Bewegung über die Kultur, etwa im Sinne der Reichskulturkammer gemeint, sondern etwas ganz Anderes. Gramsci zufolge sind Revolutionen immer nur dann möglich, wenn vorher die kulturelle Hegemonie der herrschenden Klasse gebrochen und zumindest eine Teilhegemonie der unterdrückten Klasse hergestellt wurde. Vor der französischen Revolution war das mit der Aufklärung und der Klassik als Gegenpol zur höfischen Kultur der Fall. Die Aufklärung und ihr Kunststil in Architektur, Literatur und Musik, die Klassik war die Herstellung der kulturellen Hegemonie des Bürgertums, die erst die gesellschaftliche Revolution ermöglichte. Ebenso wurde von Gramsci die Arbeiterkultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit Arbeiterbildungsvereinen, Volksheimen, Kindergärten, Volksküchen, Lottovereinen, Volksbanken, Raiffeisengenossenschaften und Wohnungsbaugenossenschaften ebenso wie die moderne Kunst seit dem Impressionismus als der Versuch des Proletariats betrachtet, der bürgerlichen Kultur eine proletarische Gegenkultur entgegenzusetzen und hiermit den Kampf um die kulturelle Hegemonie zu führen. Poulantzas zufolge führte dieser Kampf zu einem Patt: Die proletarische Revolution in Westeuropa wurde im Blut erstickt, die Arbeiterkultur behielt ihre Strahlkraft, strahlte aber nicht auf andere Klassen aus, während die bürgerliche Kultur erodierte, es entstand ei kulturelles Vakuum. In diesr Situation schufen die Faschisten ihre eigene
    Massenkultur, welche die Basis ihrer Attraktivität bildete (Aufmärsche, Symbolik, Pathos, aber auch bildende Kunst.) Nicos Poulantzas, der in den 60ern die Machtübernahme der Obristendiktatur in Griechenland und damit einen modernen Faschismus im Nachkriegseuropa erlebte, hat sich mit den Mechanismen, die dabei zum Tragen kamen und den dazugehörigen kulturellen Codes, der ökonomischen Basis und deren kultureller Überformung empirisch auseinandergesetzt und eine eigene Faschismustheorie entwickelt. Ich halte ihn für einen der hellsten Köpfe unter den undogmatisch-linken Theoretikern der 1970er.

    chezweitausendeins

    3. April 2009 at 18:40


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s