shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for April 2009

Wir sind die VeteraaaanInnen der sexuellen Revolutioooon!

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Trommelwirbel, Schalmeientöne, dazu stampfender Techo-Rhythmus.
Vorbeimarsch der Parade der VeteranInnen der sexuellen Revolution.

Cassandra und ich hatten gerade eine Plauderei über die guten alten Zeiten, die wir hiermit der Öffentlichkeit, der Lächerlichkeit, der Unsittlichkeit und auf cheden Fall der Diskussion preisgeben. Und ansonsten gute Unterhaltung damit!

Cassandra:
.. vor langer, langer Zeit…

… in a galaxy far, far away…

… da galt BDSM unter „Politlesben“ als der letzte Schrei der selbstbestimmten Sexualität und es wurden sogar Infoveranstaltungen mit Referentinnen aus lesbischen BDSM-Zusammenschlüssen veranstaltet.
Ich persönlich bezweifle ja mittlerweile, dass mindestens eine der „Szeneköniginnen“, die sich danach auf das Begeisterste tagelang über das Thema ausliessen, praktisch-anatomische Erfahrungen mit überhaupt irgendeiner der dort referierten Techniken hatte.

Che:

Ja, das klingt nach Kopfkino. In welchem Zusammenhang war die Szenekönigin denn verortet, so ganz grob?

Netbitch told me, dass im *völlig unbekannterLaden* vor einer Aktion mal gesagt wurde, „hoffentlich ziehen auch die Schwanzlutscherinnen mit und machen nicht wieder alles zunichte“.

Und Tempo oder der Wiener feierte so um 1990 mit der Cover-Story „Schwarzer Engel, flieg mit mir“ SM-Sex von Lesben als expliziten Angriff auf Alice Schwarzer und Political Correctness.

Cassandra: Was nicht geht: mir haben jetzt wirklich mehrere Fachfrauen
versichert, dass eine geballte Faust in eine bestimmte Körperöffnung
gestossen zu bekommen (gestossen wohlgemerkt) mit inneren Verletzungen
belohnt werden würde. Geballte zu stecken geht auch nicht, da ist die
weibliche Anatomie gegen (manchmal ist raus doch nicht dasselbe wie
rein), es sei denn die betreffende Frau hat mehrere Kinder geboren
ist ist deswegen geweitet.
Ausprobieren würde ich es auf keinen Fall, dazu hasse ich die
Notfallgynäkologie im Klinikum zu sehr.

Che: Ähem, ein Fistfuck heißt zwar so, da wird aber nicht eine geballte Faust eingeführt, sondern mehrere gestreckte Finger (mindestens 2), so wie beim Blowjob ja auch nicht geblasen wird. Da hat die Dame wahrscheinlich aus der Wortbedeutung Falsches abgeleitet;-)

Diese ganzen ultramoralisch aufgeladenen Sexismusdiskussionen waren für mich ab 1992 passé. Im *namenlose sozialrevolutionäre Gruppe* gab es darüber keine Debatten die *unennbare Person* sagte irgendwann mal, dass Sexismus, Klassenwiderspruch und Rassismus auf den gleichen Grundwiderspruch zurückgingen stünde schon bei Engels, und damit war das Thema durch. Und in der *anonyme private Hilfsorganisation* ging es um so handfeste Dinge wie Giftgas, Folter und den Wiederaufbau zerbombter Dörfer. Für die Bremer GenossInnen hieß Göttingen „PCHausen“ und war so eine Art Kasperletheater. Die moralinsauren Debatten in der GÖ-Szene habe ich ab da nur noch als Kinderkram wahrgenommen, über den ich mich aus der Erwachsenenperspektive lustig machte.

Das ging ja so weit, dass bei einem Treffen gesagt wurde: „Es riecht hier schlecht.“ „Ja, es stinkt, weil hier zu viele Männer sind!“ Und dann *Der Mann mit dem irrelevanten Namen*: „Ja, Achselschweiß, Motoröl, Pulverdampf, so lieben wir das!“.

Die Vergewaltigungsdiskussionen 1989/90 hatten natürlich noch ein ganz anderes Kaliber gehabt, aber was im Zuge der 90er kam war einfach nur noch bizarr. Tatsächlich wurde die Bizarrologie als Disziplin ja in dieser Zeit vom legendären Terrassenplenum gegründet. Auch, um in Anbetracht einer völlig moralinsauren Herangehensweise an das Thema Sexualität nicht nur einer lustvollen, sondern auch ener lustigen Sicht der Dinge eine Gasse zu schaffen.

Zu Anfang meiner Göttinger Zeit war es normal, dass mein Genosse *Der Erste der Nine Unknown Men* erzählte, dass er mit seiner WG-Mitbewohnerin *Kenntenich* morgens vor dem Aufstehen eine Nummer schiebe, wobei sowohl er als auch sie ihre festen Beziehungen hatten. Oder mir eine Genossin auf einem Plenum an die Eier fasste, und dann ab in die Büsche. Das war vor den unseligen Porno- und Vergewaltigungsdebatten in der Göttinger Szene Normalzustand…

Cassandra:

„Angst“ fällt mir dazu ein. Und „Unsicherheit“.
Das ist besser als jeder Zensor. es ist viel effektiver, IN jedem Kopf eine
Schere unterzubringen als eine Zensurbehörde zu unterhalten.
Dahinter steckt die massive Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Und
Schuldgefühle von Männern gegenüber Frauen, die der Gleichberechtigung nicht
wirklich helfen. Und Unsicherheit, wie denn nun, da man die „bürgerlichen
Modelle“ ablehnt, Sex nun aussehen soll.

Che:

Was für mich nur striking war, war die Tatsache dass innerhalb weniger Jahre das Klima in der linken Szene von der Orgie zur moralischen Besserungsanstalt kippte. Das war natürlich ein Generationenwandel, aber dabei gings um Altersunterschiede von vielleicht 5-7 Jahren. Hängt aber stark mit der sozialen Neuzusammensetzung der Szene zusammen. Zum Beispiel damit, dass ab 1985 die Arbeiterkinder weniger wurden und Leute aus hauptberuflichen Moralproduzentenhaushalten (Lehrer- und Pastorenkinder) in der Szene in Schlüsselpositionen gelangten.

Wie Sex aussehen soll: Ich erinnere mich da an grauenvolle Diskussionen in *Grppe, deren Name nun wirklich nicht interessiert*. Da wurde zum Beispiel vertreten, mann müsse, wenn mann mit einer Frau vögelt diese vor jeder körperlichen Berührung fragen, ob mann das jetzt dürfe bzw. frau es angenehm finde. Als ich sagte, ich nähme keinen Knigge mit ins Bett und Sex hätte immer mit Spontanität und auch Grenzüberschreitungen zu tun, wenn etwas nicht gewollt würde müsse es halt deutlich gemacht werden und Sex hieße für mich zumindest mitunter übereinander herfallen, da war ich ein ganz Dumpfer der nichts begriffen hätte. Und dann gab es da die Position, wer z.B. Füße oder Ohren erotisch nicht interessant finde und nur auf Penetration und Oralsex festgelegt sei habe eine phallische Fixierung und sei damit weniger weit als andere Leute mit variantenreicherer Praxis. Das wurde tatsächlich als eine Frage des politischen Bewusstseins betrachtet, daran machten Leute sogar zumindest im eigenen Kopf so etwas wie soziale Hierarchien fest.

Cassandra:

Hey, ich bin mit diesen Lehrer- und Pastorenkindern zur Schule gegangen und
ich versichere dir: die waren eigentlich ganz nett- aber im „falschen“ Teil
der Truppe 🙂 und selbst ganz gut dabei.
Einige von den Mädels hatten sehr klare Meinungen (mit denen sie auch nicht
zurückhielten) über Frauen, die um Rache an ihrem Ex zu nehmen sich durch
dessen Freundeskreis schliefen. Das hatte was mit „saudämlich“ zu tun. Ich
hab‘ die Betreffende später kennengelernt und weiss seitdem, dass
„saudämlich“ noch nett war. Dabei ging es um den expliziten Rachegedanken,
und nicht dadrum, dass generell Sex böse sei oder so was.

Ja, die „möchtest du, dass ich dich jetzt hier für 3,56 Sekunden
anfasse“-Haltung… oder „aber wenn ich das will, dann muss er das tun!“…
Konkret ging es um Oralverkehr während sie blutet und er hatte keinen Bock
drauf und sie war deswegen auf dem Feministischen Kriegspfad und ich fand,das ginge mich gar nichts an und sie solle das mit ihrem Kerl klären, aber wenn ein Partner was nicht mag dann ist das nun mal so und muss respektiert
werden. Männer mussten da schon fast telepathische Fähigkeiten haben, um mit solchen Frauen risikolos ins Bett zu gehen. Warum, frage ich mich gerade, sind Artur.
und Anna nicht miteinander in die Kiste gestiegen um es politisch korrekt zu
treiben, sondern haben mich mit ihren ja sowieso schon behämmerten Thesen zu Sex belämmert? Und warum
habe ich ihnen nicht den Mund mit Tampons gestopft? Fragen über Fragen…

Hey, mein bauchnabelfreier Auftritt im Frauencafe war cool! Und der Schocker
der Woche. Es war so leicht, bestimmte Leute sprachlos zu machen…..

Che:

Und Netbitch ist mal aus dem *Irgendsonlinkerladen* geflogen, weil sie auf einer Party einmal quer durch den Raum brüllte
„Ihr Linken seid doch viel zu feige, um richtig ficken zu können!“. Während *Bizarres Model für Comics* in *Hansestadt* mit genau diesem Stil
nirgendwo rausflog und *DJ Jaine Shaine* einer ihrer wüsten Fickstories erzählte und als die Leute sie anstarrten mit den Fingern 30 Zentimeter zeigte und sagte „Ja, die Negerin, so ne tiefe Muschi!“.

Niemals fielen Kiefer tiefer als damals.

Nur zum Kontrast: Die Hardcore-Autonomen, die ich so kannte, waren praktisch durch die Bank Arbeiterkinder. In der *Schon erwähnte sozialrevolutionäre Gruppe* waren die tonangebenden Leute langzeitarbeitslose Studienabbrecher aus Arbeiterfamilien bzw. arbeitslose Industriearbeiter und solche Weltgeister wie die beiden Bobs. Und das ist dann schon ein völlig anderer Schnack. Diese Moralinscheiße passierte da einfach nicht.

Bewegte alte Zeiten.

#seufz#

Wickelt sich in seine Steppdecke, gießt den Kamillentee ein und entfernt die Bremsklötze von seinem Schaukelstuhl.

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Die Ware als Immanenz von Kredit und Spekulation

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Versprochen – gehalten! Während der Weltanschauungsmarxismus seit Generationen den Kollaps des seinem Ende entgegenfaulenden Imperialismus verheißt, dieweil das Kapital munter weiterakkumuliert, hält die Salonmarxologie Wort, da sie erst gar nichts verspricht, jedenfalls nicht praktisches.

Es war jedoch zugesagt, einige Worte zu verlieren darüber, inwieweit Kredit und Spekulation der Warenwirtschaft nicht erst äußerlich hinzutreten, sondern bereits der Warenform selbst immanent sind.

 In der Wertformanalyse zu Beginn des 1. Bandes des „Kapital“ ist der Kredit selbstverständlich kein Thema. Das wäre auch unsinnig, da gemäß dem Aufbau des Werkes Kredit und Spekulation erst viel später ihren Platz haben. Gleichwohl läßt beides sich bereits aus der Wertformanalyse heraus bestimmen.

Im direkten Tausch Ware gegen Ware – von Marx „einfache Wertform“ genannt, und durch „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ verbeispielisiert – wird deren Werteigenschaft gesetzt als gesellschaftliche Beziehung. Die Stofflichkeit des Rockes wird hierbei zur Erscheinungsform des Werts der Leinwand. Der Wert der Leinwand erscheint als Stoff des Rockes, oder der Wert der Leinwand sieht aus wie ein Rock. Das ist alles andere als banal, denn es liegt eine doppelte Perversion, Verkehrung vor: 1. wird Stoff (!) an sich selbst und unmittelbar zu Form (was ‚eigentlich‘ gar nicht geht), und 2. wird dieser Stoff, das Konkrete, zur Erscheinungsform des Abstrakten (des Werts) eines anderen (der anderen Ware).

Bereits hier macht die treudoofe Versicherung der bürgerlichen Seite schmunzeln, Ware, Markt und Geld seien nur aus praktischen Gründen erfunden, und mehr wäre da nicht dran. Allerdings bekommen sie den Übergang regelmäßig nicht hin, wie denn etwas, das bloß für die Distributionspraktikabilität funktional sein soll, zugleich höchste Menschheitswerte, „Freiheit“ und so, repräsentieren soll. Man behauptet eben beides, mal so, mal so, je nach debattiertaktischer Interessenlage. Dem Bürger geht die Marmel in der Birne, was verständlich ist, da er seine eigene Wirtschaftsweise nicht begreift. Professor Allwissend Sinn sagt in seiner luziden Krisenanalytik, es handele sich um einen „anonymen (!) Systemfehler“. Schöner kann man wissenschaftliche Insolvenz nicht anmelden.

So ganz anonym ist er nicht, der „Systemfehler“: Die Krise widerlegt praktisch das Gleichgewichtsmärchen, das in der lustigen Annahme besteht, die Zahl der Käufe und der Verkäufe sei immer gleich, indem jedem Verkauf auch ein Kauf gegenüberstünde. Wäre es so, dann wäre der Kapitalismus krisenfrei. Die Marktizisten müßten nicht Marx lesen; sie müßten bloß mal ein paar Gespräche mit Angehörigen jener Berufsgruppen führen, die davon leben, dass ständig gekauft wird, ohne dass dem Kauf ein Verkauf gegenübersteht: Es sind die Berufe des Gerichtsvollziehers und des Insolvenzverwalters, Personen, die immer dann auftreten, wenn jemand gekauft hat, ohne dass ein Verkauf in Gestalt des Warentauschs, nämlich der Bezahlung stattgefunden hat.

Das Ungleichgewicht steckt bereits in „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“. Wenn der Leinwandverkäufer dem Rockbesitzer sagt, er müsse den Rock erst in 10 Tagen liefern, dann gewährt er Kredit, und er kann nicht genau wissen, ob der Rockbesitzer auch liefern wird. Das ist Kredit und Spekulation in einem. Der Leinwandbesitzer kann aber schon im vorhinein nicht wissen, ob er auf dem Markt überhaupt einen anderen Privateigentümer findet, der gegen das Resultat seiner unabhängigen Privatarbeit: die 20 Ellen Leinwand etwas eintauschen will. Das heißt, in dem Moment, wo Eigentümer voneinander unabhängiger Privatarbeiten über die Marktvermittlung distribuieren, stecken sie unvermeidlich drin in Spekulation und Kredit.

Es ist dann naheliegend, beides direkt zu einem Geschäftsmodell zu entwickeln. Eine alte Freundin erzählte mir am Wochenende, sie habe im noch im Sommer 2008 einen Artikel in der FAZ gelesen, der die Auffassung vertrat, Marx habe nicht begriffen, dass die wahre und große Wertschöpfung nicht in der Industrie, sondern in der Finanzwirtschaft stattfindet. Wir sehen: Die Bürger verstehen nichts von Wirtschaft, sie können nicht mit Geld umgehen, und irgendwoher ertönt dieses homerische Gelächter des Karl Heinrich Marx.

Written by Noergler

22. April 2009 at 21:42

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Zur Hölle mit der Praxis!

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Ein bündiger Satz, ein Credo-Konzentrat, ein Dröhnen aus der Finsternis der Negativität, in seiner Gewaltigkeit nur vergleichbar den historischen Sätzen "I have a Alp-Dream" und "Ich bin nicht nur ein Berliner, ich esse auch einen!" – da fällt "Sesam öffne dich, ich will hinaus!" schon dagegen ab.

 

Jenes "Ja wir können, aber was denn nur?" hatte meine Anhängerschaft, deren Jubel die Ebene des Frenetischen nie zu unterschreiten wußte, schon lange von mir erwartet.

 

"Zur Hölle mit der Praxis!" nun ist mein Ruf, der die Massen entfesselt: Von zuckenden Lasern verübermenscht, mit Nebelwaber dem Irdischen enthoben fliegen BHs und Höschen auf die Bühne; Suchscheinwerfer in Flak-Manier erhellen Transparente mit der Aufschrift "Nörgler, ich will ein Kind von Dir!", während junge Frauen und noch jüngere mit fanatisiert erhitzten Gesichtern von den Ordnern nur mühsam vom Erstürmen der Bühne abgehalten werden können, dieweil sie teils Wunderkerzen, teils gebrauchte Tampons hochhalten.

 

Was war geschehen? Der Nörgler hatte, ganz aus dem Geiste der Salonmarxologie geschöpft, nur einige wenige Anmerkungen zu Theorie und Praxis unter die vorgenannte Headline gestellt. Hier Auszüge aus meiner Rede, welches alles ab Pubertät in den Paroxysmus fallen ließ:

 

"Ich sag mal so: Hätte Marx [die Menge kreischt begeistert auf] diese beschissene sog. „gesellschaftsrelvante verändernde Praxis“ einfach gelassen, – die sich am Ende als nullrelevant herausstellte, da ja nichts verändert wurde -; hätte er nicht einen großen Teil seiner Lebenskraft und Lebenszeit in folgenlosen Kämpfen verballert, im „Bund der Gerechten“, dann „Bund der Kommunisten“ und der I. Internationale [langes "Buhh" des Publikums ], die er dann doch lieber zum Teufel gehen ließ [ Rufe aus der Gothic-Fraktion: Ja Satan, komm zu mir Satan! ], als deren Blödsinn noch länger mitzumachen – in Kämpfen, die negative Folgen nur für ihn selbst aber nicht für den Kapitalismus hatten, nämlich Verfolgung, ständiges Umsiedeln, Finanznot und Krankheit, dann hätte er seine Gesundheit nicht ruiniert, hätte mit weniger Streß und größerer Lebensqualität länger gelebt, vielleicht hätte es auch die Suizide in seiner Familie nicht gegeben, wenn die Töchter, statt dem Alten letal hinterherzuimitieren und "Praxis" zu machen, sie ihm gesagt hätten: ‚Lass den Polit-Quatsch. Du bist der größte lebende Intellektuelle, und einer der größten je. Konzentriere Dich aufs Kerngeschäft. Mache das und nur das, was Du am besten kannst: Theorie!‘, und wir hätten heute auch den 2. und 3. Band in der Endfassung von ihm und nicht von dem etwas trockenen Engels, und wir hätten den 4. Band des „Kapital“. Denn die von ihm entwickelte Theorie ist das, was bleibt, das, was er in die Waagschale zu werfen hat. Von Marx’ „Praxis“ aber ist nichts, nada, null, niente geblieben. [ Rufe: Scheiß Praxis, Theory Rulez! ]

 

Ich [ Aufkreischen der Menge ] kannte diese Zusammenhänge und ich kannte Marx’ Biographie, als ich in den 70ern Hornhaut am Hintern hatte, nicht von sündigem Treiben mit Männern [vereinzelt schwulenfeindliches Auflachen ], sondern vom Sitzen an meinem Schreibtisch und in der Bibliothek, während die Kommilitonen Hornhaut an den Füßen hatten vom Dauerdemonstrieren. Sie nannten es „Praxis“, ich nannte es „Spazierengehen als symbolische Politik“, hinsichtlich derer der Kapitalismus nicht einmal den Arsch hat, an dem es ihm vorbeigeht. Sie sagten, ich sei „verkopft“, ich antwortete, „lieber verkopft als verbaucht“. Sie kamen mir mit "Kopflastigkeit", ich konterte, dann seien sie wohl schwanzlastig. Sie warfen mir „Seminarmarxismus“ vor, ich antwortete, sie selber hätten ja noch nicht einmal das Niveau eines Proseminarmarxismus erreicht. Den Einwand der „Praxisferne“ konterte ich mit Marxens Hinweis, dass die radikale Veränderung zur Voraussetzung hat, dass „die Theorie die Massen ergreift“.

 

Und wenn ich auf Grund meiner Studien – die so ganz ‚unpraktisch’ auch nicht waren, wenn ich daran denke, dass die „Kapitalgruppe Hannover“ in den 70ern für etliche Semester auf dem Höhepunkt mit 160 Marx-geschulten Stundentinnen und Stundenten die Fakultät V rockte – heute jungen Menschen [die Menge reagiert tumultarisch; einige Worte gehen im Lärm unter ] hätte ich damals vor 35 Jahren meine Zeit bei den Demo-Latschern verschwendet – dann würde ich die ‚praktischen’ Kommilitonen von damals heute gerne fragen, wer denn nun unterm Strich als ‚gesellschaftsrelevanter’ sich erweist: sie oder ich.

 

Danke, und bei nächsten mal erkläre ich, wieso schon in der einfachen Wertform "20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert" Kredit und Spekulation drinstecken.

Written by Noergler

22. April 2009 at 1:40

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Nachschlag: Zur angeblichen Erblichkeit von Intelligenz

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Ein interessanter Artikel in der New York Times:

http://www.nytimes.com/2009/04/16/opinion/16kristof.html?_r=1&em

Written by chezweitausendeins

19. April 2009 at 10:33

Wie der Nörgler und der Herold die DDR besuchten

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Während mein Verhängnis, Herolds geradezu hieroglyphisch-kryptischem Kommentar 4. April, 08:15 intellektuell mich zu nähern, mir zum Schicksal ward, und bei

 

Allein die Vorstellung, man könnte zwar in einem Land Leben und auch im politisch-administrativen Komplex Karriere mache aber stehe irgendwo auf Weltmenschenebene und könnte so eine Art Deutschland verrecke-Position auch als Erwachsener umsetzen, führt zu merkwürdigen polit. Wünschen“

 

ich zuerst nur „Bahnsteig 3 abfahren!“ verstand, weil eine Zuordnung auch nur irgendwelcher Art nicht gelingen wollte; und dann ich dachte, das hätte er adäquater auf einer Website der „Antideutschen“ gepostet, obwohl ich es noch immer nicht verstand da marmelte es mir wie aus nebelhaften Fernen durch die Birne, dass er dergleichen nicht zum erstenmal äußert.

 

Und tatsächlich! Entsprechend meinem Mission-Credo: „Django vergibt – Nörglers Festplatte nie“ stelle ich fest, dass einer der Topoi des Herold der lange Marsch der 68er durch die Institutionen ist, wo heuer die linke Mischpoke das Leben ihm schwer macht, während sie selbst am Schreibtisch pensionsberechtigt abschnarcht, dieweil er ihr den Hartz 4-Gulag vergeblich an den Hals wünscht.

 

Es begab sich nämlich am Samstag – Ha! Diese Samstage! – dem 9. Juni 2007, 11:20 Uhr auf Dons Rebellmarkt, dass ich kommentierte: „Ein Land ist erst dann wirklich ökonomisch effektiv, wenn es die Straßenlaternen mit Immobilienmaklern schmückt.“

 

Daraufhin um 12:31 der Herold: „Straßenlaternen? Spielt das Bürgertum wieder Revolution? Ich dachte, alle Revolutionäre in Deutschland hätten schon ein warmes Plätzchen im Öffentlichen Dienst gefunden“, und plötzlich verstehen wir den motivischen Anklang in seinem aktuellen Kommentar bei Che.

Wir verstehen weiterhin, wie nicht nur die historischen Dokumente der sprachlichen Hochkulturen, sondern auch die subnoetischen Pawlow-Reflexe der schriftgelehrten Exegese bedürfen.

 

So beschreibt auch Karl Kraus immer wieder den erstaunlichen Effekt, wie Geistiges nicht durch Geistiges, sondern durch dessen Gegenteil angeregt wird. Im Banne dieses Effekts dauerte es an jenem Samstag keine halbe Stunde, bis ich sie erschuf:

 

Die Makler-Hymne

 

Sommerodem, linde Lüfte
trägt der Wind uns übers Land.
Stolz grüßen Laternengrüfte,
wo ich meinen Makler fand.

Sanft geschaukelt, halbvermodert,
enden hier Lug, List und Schmach.
Freude hoch im Volke lodert:
„Hängt die andern gleich ans Dach!“

Endlich hat sich’s ausgemakelt –
Schluß mit „Courtage“ und „Provision“!
Der Haifisch, der hat abgetakelt:
„Schau’n Se rauf – da hängt er schon!“

Es atmet freier sich die Luft,
vom Parasit entbunden.
So hat nun selbst der Maklerschuft
den Schöpfungsplatz gefunden.

 

 

Ich fühle, dem Maklerstande es unrecht zu tun – obzwar das bei Licht betrachtet gar nicht geht –, wenn ich ihn haftbar mache für den Herold, der im Nebenberuf seinen biologischen Antikommunismus auf Autopilot geschaltet hat, und der mit diesen Sätzen:

 

„Solch originelle Einstellung führte dann eben auch dazu, sich ernsthaft über irgendwelche Sonderlösungen für die DDR nach ´90 Gedanken zu machen und als dies funktionierte, ganz bitter von den fiesen, westgeldgeilen Ossis empört zu sein. Als ob nicht jede Fristenlösung, jeder Sonderweg zu einem Exodus geführt hätte. Und als ob dieser Exodus mit Verweis der MigrantInnen-UnterstützerInnen auf „völkisch“ hätte verhindert werden können“

 

mich schlichtweg überfordert.

 

Wer hat sich über welche Sonderlösungen Gedanken gemacht, falls man darunter nicht die Montagsdemonstranten versteht, die mir verbittert erklärten und es mir bis heute verbittert erklären, dass sie den „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zur D-Mark“-Pöbel auf den Montagsdemonstrationen nie gesehen haben?

Wer hat sich denn – nach Herold-Auffassung klaro „die Linken“ – über die „westgeldgeilen Ossis empört“, wenn nicht die Spackenmentalität, die zuvor für die armen Brüder und Schwestern in der Zone im Advent die Kerzen hinter die Fenster stellte? Das ist das Gesoxe, das gleich nach der „Wende“ der verschüchterten Ossi-Familie die Tür eintrat und erklärte: „Sie wohnen in meinem Eigentum und ich schmeiße Sie jetzt raus!“ Schon vergessen, diese Szenen? Vielleicht auch ein paar Objekte dabei, mit denen der Herold jetzt dealt, hm?

 

Ich erinnere mich an den 14. Oktober 1978, als wär’s letzte Woche gewesen. Lange war alles gutgegangen. Wir hatten jahrelang oppositionelle kirchliche Gruppen (von den wenigen; 90 % der Christen waren pro SED; bei den kirchlichen Führungskräften 99,99 %) mit Geld und Material unterstützt. Ich war immer wieder rüber gefahren und hatte auch auf Grund persönlicher Freundschaften u.a. Schallplatten und Jeans geschmuggelt. Die Grenzer wühlten alles um, schoben Spiegel unter meinen Mini Cooper, aber ich hatte die besseren Verstecke.

Am stärksten nachgefragt waren nicht Beatles und Stones, sondern „Collosseum Live“, eine gute Wahl. Vor allem ging es aber um Literatur, und darum, sich nicht isoliert zu fühlen. Mit von der Partie war ein westdeutscher Pfarrer, der – jetzt ist der Herold suizidgefährdet – ein humanistischer Linker war, und der aus dieser Haltung heraus die oppositionellen Christen in der DDR unterstützte.

 

Kommen wir aber zurück auf den 14. Oktober. Ich hatte diesmal nur die rororo-Ausgabe von Wallraffs „Industriereportagen“ dabei, weil dieses auch in der DDR erschienene Werk da nicht mehr lieferbar war. Die Grenzer griffen mich raus und hielten mir vor, „Westliteratur“ dabei zu haben. Sie spielten Guter Cop, Böser Cop. Der Böse war ein süßes blondes Girlie in Uniform, und sie war stundenlang scharf in einer Weise, die ich nicht nochmal erleben möchte. Wer mich da verhörte, das war die Partei selbst, die immer recht hat, hart, schneidend, übermächtig. Ich war die Amöbe im Angesicht der Gottheit. Ich erklärte immer wieder, ich sei mir keiner Schuld bewußt, da das Buch doch auch in der DDR erschienen sei. Sie fragte mich vorwärts und rückwärts aus. Meine Kleidung wurde untersucht und festgestellt, das mein Anorak Abnäher wie bei Damenanoraks hatte. „Sie haben Kontakt zu einer Bürgerin der DDR! Geben Sie das zu!“ Mein Anorak hatte damit nichts zu tun, aber den Kontakt gab es, scheiße auch. Sie wußten nichts, hatten ins Blaue geschossen und getroffen. Es war die Tochter des medizinischen Direktors der Kliniken Berlin Buch (ein versunkenes Traumland des 19. Jahrhunderts wie in Peter Weiß „Abschied von den Eltern“, aber das ist eine andere Geschichte). Das durften die nie nie nie erfahren. Ich bestand darauf, dass es ein Männer-Anorak sei.

Teils waren meine Kontakte offiziell von Kirche zu Kirche, teils aber auch nicht. Teils trafen wir stramm SED-treue Kirchengemeinden, die nach der Wende alle im Widerstand waren, teils aber auch nicht. Das Girlie wußte was, aber sie wußte nicht alles. (Dem Schäuble wär das nicht passiert.) Mal war es offiziös, mal witschten wir durch und landeten außerhalb des Visumsbereichs in verschwörerischen Dissidentenzirkeln.

Nach 5 Stunden war ich fertig, aber das süße Mädel schien auch nicht mehr ganz fit. Ich hatte zunehmend eine Höllenangst, die nächsten Jahre im Knast zu verschwinden. Das Girlie ging. Der gute Bulle lächelte und sagte: „Na, jetzt sagen Sie doch mal, was Sie hier machen“. Da wußte ich: Der gute Bulle ist nicht wirklich gut. Es war nun so, dass ich wie aus dem Wasser gezogen und echt am Ende war. (Ich merke an, dass ‚wie aus dem Wasser gezogen‘ eine andere Bedeutung hätte, wäre es ein CIA-Verhör gewesen.) Ich lallte weiter meine Schemata, bis der ‚gute‘ Bulle ging.

Die Minuten zogen sich zu Stunden, die Stunden zu Äonen. Ich sagte mir: OK, es ist noch nicht vorbei, sie lassen Dich warten um Dich weichzukochen. Bleibe ruhig, gerate nicht in Panik, bereite Dich vor, baue eine Verteidigung auf.

 

Ich blieb nicht ruhig, ich geriet in Panik, ich baute gar nichts auf.

 

Die Säcke wußten das natürlich genau, und auf dem zeitlich kalkulierten Tiefpunkt meines Zustands kam einer rein, der trug Zivil. Das war, als wenn der ausgeruhte Kriegsgott auf eine erschöpfte Amöbe trifft.

 

Ich habe abgeschlossen. OK, sie buchten dich ein, aber wenn, dann hätten sie dich schon abgeführt. Machen sie nicht. Nicht bislang. Aber ich kann nicht mehr. Meine Mutter sagt: „Rufe nicht vor 9 Uhr morgens an; Geburtstagsanrufe und weitere Aufwartungen um 11 Uhr. Keine Anrufe vor 15 und nach 17 Uhr. Lüster aus Pressglas sind degoutant. Der Handkuß deutet an, aber er berührt nicht. Die Klaviersonate Opus 111 von Beethoven ist bis heute nicht enträtselt. Ich spiele sie seit Jahrzehnten, aber es ist schwer, sie zu verstehen“.

 

Daran halte ich mich fest. Irgendwas ist meine letzte, beste und einzige Verteidigung, aber was nur? Wäre ich religiös, hätte ich gebetet. Ich bin nicht nur durchgeschwitzt, ich bin durch. Der Herr fragt mich jetzt – Phase zwei – nach meiner Familie. Ich erzähle wahrheitsgemäß von meinen Brüdern, Beruf des Vaters, Beruf der Mutter. Der Zivil fragt nach meinem Vater. Ich sage, 3 Monate im Krieg als Sani, dann wegen Untauglichkeit zurückgeschickt, schlechtes Bein von Geburt an.

 

OK, abgehakt. Er checkt mich auf Nazi-Eltern/Großeltern, hab ich kapiert, wir sind auf der Faktenebene. Es geht um die Idioten-Thematik „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Er fragt jetzt nach meinem Großvater. Ich komme mir tricky vor, als ich zurückfrage, ob er mütterlicher- oder väterlicherseits meint. Keine gute Idee, denn das verschärft seine Intonation.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Mir zieht blitzhaft die von meiner Mutter kolportierte Anekdote vom Leipziger Bahnhof durchs Hirn, als ein halbblindes Mütterchen die Marineuniform für einen Bahnbediensteten hält und ihn nach dem Fahrplan fragt; mein Großvater soll leicht herrschaftsdiskursmäßig reagiert haben, aber das hilft jetzt nicht weiter. Das darf ich nicht sagen, weil: Marine in Leipzig, was ist denn das? Mein Großvater hatte niemals ein Schiff auch nur aus der Ferne gesehen. Was ihn wichtig machte war seine unternehmerische Finanzexpertise und der Umstand, dass sein Vater als einer der ersten in Deutschland, wenn nicht der erste, die Hollerith-Lochkartenmaschine in seiner Zigarrenfabrik einsetzte, und mein Großvater arbeitete zuerst in der Fabrik seines Vaters. Daher kannte er die Hollerith und wußte, wie man sie betrieblich nutzt. Meine Mutter erzählt mir, dass es im Kontor ihres Großvaters einen Raum gab, den nur der Großvater und ihr Vater betreten durfte. „Da drin ist die Hollerithen“, was für das Kind bedeutete, dass da in einem verbotenen Zimmer eine geheimnisvolle Frau lebt. (So funktioniert der Marxsche Warenfetisch als politischer Begriff, als den die Linken ihn allererst noch zu begreifen hätten, was ihnen seit 150 Jahren anhaltend nicht gelingt.)

 

Hermann Hollerith war ein Sohn deutscher Einwanderer aus der Pfalz – wie der Nörgler, wie der FCK, wie Fritz Walter, wie wir Wunderweltmeister von Bern, wie die im 19. Jahrhundert global legendären Rieslinge der Mittelhardt –, wurde am 29.2.1860 in Buffalo geboren und starb am 17.11.1929 in Washington. Zuvor hatte er die IBM gegründet, deren in den Vernichtungslagern eingesetztes Lochkartensystem die Grundlage der quantitativen Effizienz der Shoa war. Das war der profitable Beitrag eines US-Unternehmens zur Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Demokraten, Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, „Arbeitsscheuen“, Schwulen und Lesben.

 

Was ein Glück, dass mein Großvater damit nichts zu tun hatte. Was ein Unglück, dass er als hollerithkundige Führungskraft der Finanzmanager des Westwalls war.

 

Das waren 5 Sekunden, bis ich die wiederholende Stimme höre:

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“ – „Ich weiß das nicht, darüber wird doch nicht gesprochen.“ – „War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“– Am Eingang des Raums stehen zwei Uniformierte mit automatischen Waffen, deren Anwesenheit die Asymmetrie des Diskurses dokumentiert.

 

Mein Großvater war kaufmännischer Direktor der Heinckel-Flugzeugwerke, die durch die Erfindung des Düsenantriebs für Flugzeugmotoren legendär wurden. Wir sehen hier übrigens, dass die These, die Nazi-Führung habe von „Wunderwaffen“ nur gefaselt, um die Bevölkerung zum Durchhalten zu manipulieren, nicht stimmt. Es gab den Düsenjäger (Testpilotaussage, ich kenne den alten Mann persönlich: „Es ist, als schiebt ein Engel“), dessen Einsatz nur durch Treibstoffmangel verhindert wurde, und der die Lufthoheit der Alliierten gebrochen hätte. Es gab das Stealth-U-Boot, das nicht mehr zu orten war; es gab neue Panzer und Panzerabwehr und vieles mehr. 6 Monate Kriegsverlängerung und die Alliierten hätten verhandeln müssen. 2 Jahre Kriegsverlängerung, und vom Nordkap bis Biaritz wehte heute die Hakenkreuzfahne; mit den „Linken“ wäre man fertig, und der Herold müßte nicht spucken wie ein Feuersalamander.

 

Heinckel stand kurz vor dem Multimillonenreichsmarkdeal, weil mein Großvater die genialische Werbeidee hatte, und das war wirklich der Irrsinn, die Wahnsinnsidee, auf die man erst mal kommen muß: Für das Werbeland USA Werbeflugzeuge, die an ihrer Unterseite mit steuerbaren Leuchtbirnen Logos und Slogans im Nachthimmel abbilden konnte. Wow! Was für eine Geschäftsidee!

Mein Großvater reiste nach USA und kam mit einem Koffer voller Verträge zurück: Tonnen von Gold für Heinckel! Aber Scheiße. Die Nazis verboten den Export von Flugzeugen. Die profitablen Kontrakte platzten. Von da an gings bergab. Denn der Gauleiter verfügte die Entlassung des jüdischen Chefingenieurs. Die Geschäftsleitung inkl. meines Großvaters weigerte sich, den Juden zu feuern. Sie taten das freilich als Charaktermasken der Kapitalverwertung, nicht aus Humanität. Der Jude wurde deportiert, gegen alle Proteste und Eingaben der Firmenleitung.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Zu der Zeit, als man diese Frage mir stellte, gab es die Anime-Serie „Yugi-O“ noch nicht. Es geht darum, dass die Spieler durch das Ziehen von Karten Monster aufrufen, die den Gegner angreifen, um dessen Lebenspunkte zu reduzieren. Das Spiel beginnt mit 4000 Lebenspunkten. Wer zuerst auf Null ist, hat verloren. Wer die Serie kennt, weiß, was „das Herz der Karten“ bedeutet, und er weiß, dass Lebenspunkte in Hunderterschritten, niemals aber in Zehner- oder gar Einerschritten reduziert werden.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Ich hatte noch einen Lebenspunkt. Ich hatte alle Karten gezogen, alle Monster aufgerufen, aber ihre Monster waren stärker gewesen. Sie hatten mir in einem ganztägigen Duell meine 4000 Punkte auf „1“ reduziert. Das ist schlecht, einerseits, anderseits aber bin ich noch im Spiel, das heißt, ich kann noch eine Karte ziehen. Es muß jetzt aber die final richtige Karte sein, sonst bin ich finalisiert – Herz der Karten!

 

In einem Anfall von schwächebedingtem Irrsinn ziehe ich meinen Geldbeutel, knalle einen 20er-DDR-Mark-Geldschein auf den Tisch, eine Karte, deren Geltung der Gegner nicht bezweifeln kann. Mir ist jetzt alles wurscht, mit 1 Lebenspunkt kann man, wie es im Fußball heißt, befreit aufspielen.

Mein letzter Trick: Ich rufe nicht mein, sondern sein Monster auf.

 

„Wir sind doch hier im Sozialismus. Aber sie haben hier Geld, und auf dem Schein ist der Geldkritiker Marx abgebildet. Marx auf einem Geldschein!“

 

Das Gegenüber schweigt, und ich laufe vollends aus dem Ruder. Meine durch vielstündige Verhöre überreizten Nerven geben mir ein, aus dem Stuhl aufzuspringen (keine gute Idee) und zu brüllen: „Der Marx hätte Euch den Arsch versohlt mit dieser Geldscheiße!“ Überhaupt keine gute Idee, denn jetzt kriege ich von hinten einen Gewehrkolben an die Marmel, fühle kräftige Hände an meinem Körper und höre die Worte: „Hinsetzen!“

 

Ich sitze noch nicht richtig, da ist der Stasi weg. Eine Stunde später war ich in Westberlin.

 

Daraus habe ich für mich drei Konsequenzen gezogen:

 

1 Ich bin kein Mann der Praxis. Auf der Grundlage von 1 Lebenspunkt Karten zu ziehen, ist nicht mein Ding.

2. Der Archaismus der Herrschaft von Menschen über Menschen muß aufhören.

3. Theory rulez!

Written by Noergler

5. April 2009 at 19:52

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

London im Ausnahmezustand

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Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – ausgerechnet die Royal Bank of Scotland wurde gestürmt, Möbel geradegerückt und Räumlichkeiten verwüstet. Wie war das noch damit, dass Athen kein Fanal für kommende Unruhen gewesen sei?

Written by chezweitausendeins

1. April 2009 at 17:21