shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Ware als Immanenz von Kredit und Spekulation

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Versprochen – gehalten! Während der Weltanschauungsmarxismus seit Generationen den Kollaps des seinem Ende entgegenfaulenden Imperialismus verheißt, dieweil das Kapital munter weiterakkumuliert, hält die Salonmarxologie Wort, da sie erst gar nichts verspricht, jedenfalls nicht praktisches.

Es war jedoch zugesagt, einige Worte zu verlieren darüber, inwieweit Kredit und Spekulation der Warenwirtschaft nicht erst äußerlich hinzutreten, sondern bereits der Warenform selbst immanent sind.

 In der Wertformanalyse zu Beginn des 1. Bandes des „Kapital“ ist der Kredit selbstverständlich kein Thema. Das wäre auch unsinnig, da gemäß dem Aufbau des Werkes Kredit und Spekulation erst viel später ihren Platz haben. Gleichwohl läßt beides sich bereits aus der Wertformanalyse heraus bestimmen.

Im direkten Tausch Ware gegen Ware – von Marx „einfache Wertform“ genannt, und durch „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ verbeispielisiert – wird deren Werteigenschaft gesetzt als gesellschaftliche Beziehung. Die Stofflichkeit des Rockes wird hierbei zur Erscheinungsform des Werts der Leinwand. Der Wert der Leinwand erscheint als Stoff des Rockes, oder der Wert der Leinwand sieht aus wie ein Rock. Das ist alles andere als banal, denn es liegt eine doppelte Perversion, Verkehrung vor: 1. wird Stoff (!) an sich selbst und unmittelbar zu Form (was ‚eigentlich‘ gar nicht geht), und 2. wird dieser Stoff, das Konkrete, zur Erscheinungsform des Abstrakten (des Werts) eines anderen (der anderen Ware).

Bereits hier macht die treudoofe Versicherung der bürgerlichen Seite schmunzeln, Ware, Markt und Geld seien nur aus praktischen Gründen erfunden, und mehr wäre da nicht dran. Allerdings bekommen sie den Übergang regelmäßig nicht hin, wie denn etwas, das bloß für die Distributionspraktikabilität funktional sein soll, zugleich höchste Menschheitswerte, „Freiheit“ und so, repräsentieren soll. Man behauptet eben beides, mal so, mal so, je nach debattiertaktischer Interessenlage. Dem Bürger geht die Marmel in der Birne, was verständlich ist, da er seine eigene Wirtschaftsweise nicht begreift. Professor Allwissend Sinn sagt in seiner luziden Krisenanalytik, es handele sich um einen „anonymen (!) Systemfehler“. Schöner kann man wissenschaftliche Insolvenz nicht anmelden.

So ganz anonym ist er nicht, der „Systemfehler“: Die Krise widerlegt praktisch das Gleichgewichtsmärchen, das in der lustigen Annahme besteht, die Zahl der Käufe und der Verkäufe sei immer gleich, indem jedem Verkauf auch ein Kauf gegenüberstünde. Wäre es so, dann wäre der Kapitalismus krisenfrei. Die Marktizisten müßten nicht Marx lesen; sie müßten bloß mal ein paar Gespräche mit Angehörigen jener Berufsgruppen führen, die davon leben, dass ständig gekauft wird, ohne dass dem Kauf ein Verkauf gegenübersteht: Es sind die Berufe des Gerichtsvollziehers und des Insolvenzverwalters, Personen, die immer dann auftreten, wenn jemand gekauft hat, ohne dass ein Verkauf in Gestalt des Warentauschs, nämlich der Bezahlung stattgefunden hat.

Das Ungleichgewicht steckt bereits in „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“. Wenn der Leinwandverkäufer dem Rockbesitzer sagt, er müsse den Rock erst in 10 Tagen liefern, dann gewährt er Kredit, und er kann nicht genau wissen, ob der Rockbesitzer auch liefern wird. Das ist Kredit und Spekulation in einem. Der Leinwandbesitzer kann aber schon im vorhinein nicht wissen, ob er auf dem Markt überhaupt einen anderen Privateigentümer findet, der gegen das Resultat seiner unabhängigen Privatarbeit: die 20 Ellen Leinwand etwas eintauschen will. Das heißt, in dem Moment, wo Eigentümer voneinander unabhängiger Privatarbeiten über die Marktvermittlung distribuieren, stecken sie unvermeidlich drin in Spekulation und Kredit.

Es ist dann naheliegend, beides direkt zu einem Geschäftsmodell zu entwickeln. Eine alte Freundin erzählte mir am Wochenende, sie habe im noch im Sommer 2008 einen Artikel in der FAZ gelesen, der die Auffassung vertrat, Marx habe nicht begriffen, dass die wahre und große Wertschöpfung nicht in der Industrie, sondern in der Finanzwirtschaft stattfindet. Wir sehen: Die Bürger verstehen nichts von Wirtschaft, sie können nicht mit Geld umgehen, und irgendwoher ertönt dieses homerische Gelächter des Karl Heinrich Marx.

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Written by Noergler

22. April 2009 um 21:42

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

2 Antworten

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  1. @“dass die wahre und große Wertschöpfung nicht in der Industrie, sondern in der Finanzwirtschaft stattfindet.“ —— Wenn dem so wäre, gäbe es keine Arbeit von Menschen mehr, sondern Roboter würden jeden Job machen. Vom völligen Zusammenbruch der Finanzwirtschaft und dem Rückfall in die ursprüngliche Akkumulation (mit z.T. Naturaltausch) handelt der empfehlenswerte Roman „Die Nacht der Händler“.

    che2001

    23. April 2009 at 10:59

  2. Sehr guter Beitrag. Wurde gerne noch weitere Informationen daruber erhalten.
    Besten Dank und gruss

    kaviagratsel

    8. Mai 2009 at 14:05


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