shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Zur Hölle mit der Praxis!

with 16 comments

Ein bündiger Satz, ein Credo-Konzentrat, ein Dröhnen aus der Finsternis der Negativität, in seiner Gewaltigkeit nur vergleichbar den historischen Sätzen "I have a Alp-Dream" und "Ich bin nicht nur ein Berliner, ich esse auch einen!" – da fällt "Sesam öffne dich, ich will hinaus!" schon dagegen ab.

 

Jenes "Ja wir können, aber was denn nur?" hatte meine Anhängerschaft, deren Jubel die Ebene des Frenetischen nie zu unterschreiten wußte, schon lange von mir erwartet.

 

"Zur Hölle mit der Praxis!" nun ist mein Ruf, der die Massen entfesselt: Von zuckenden Lasern verübermenscht, mit Nebelwaber dem Irdischen enthoben fliegen BHs und Höschen auf die Bühne; Suchscheinwerfer in Flak-Manier erhellen Transparente mit der Aufschrift "Nörgler, ich will ein Kind von Dir!", während junge Frauen und noch jüngere mit fanatisiert erhitzten Gesichtern von den Ordnern nur mühsam vom Erstürmen der Bühne abgehalten werden können, dieweil sie teils Wunderkerzen, teils gebrauchte Tampons hochhalten.

 

Was war geschehen? Der Nörgler hatte, ganz aus dem Geiste der Salonmarxologie geschöpft, nur einige wenige Anmerkungen zu Theorie und Praxis unter die vorgenannte Headline gestellt. Hier Auszüge aus meiner Rede, welches alles ab Pubertät in den Paroxysmus fallen ließ:

 

"Ich sag mal so: Hätte Marx [die Menge kreischt begeistert auf] diese beschissene sog. „gesellschaftsrelvante verändernde Praxis“ einfach gelassen, – die sich am Ende als nullrelevant herausstellte, da ja nichts verändert wurde -; hätte er nicht einen großen Teil seiner Lebenskraft und Lebenszeit in folgenlosen Kämpfen verballert, im „Bund der Gerechten“, dann „Bund der Kommunisten“ und der I. Internationale [langes "Buhh" des Publikums ], die er dann doch lieber zum Teufel gehen ließ [ Rufe aus der Gothic-Fraktion: Ja Satan, komm zu mir Satan! ], als deren Blödsinn noch länger mitzumachen – in Kämpfen, die negative Folgen nur für ihn selbst aber nicht für den Kapitalismus hatten, nämlich Verfolgung, ständiges Umsiedeln, Finanznot und Krankheit, dann hätte er seine Gesundheit nicht ruiniert, hätte mit weniger Streß und größerer Lebensqualität länger gelebt, vielleicht hätte es auch die Suizide in seiner Familie nicht gegeben, wenn die Töchter, statt dem Alten letal hinterherzuimitieren und "Praxis" zu machen, sie ihm gesagt hätten: ‚Lass den Polit-Quatsch. Du bist der größte lebende Intellektuelle, und einer der größten je. Konzentriere Dich aufs Kerngeschäft. Mache das und nur das, was Du am besten kannst: Theorie!‘, und wir hätten heute auch den 2. und 3. Band in der Endfassung von ihm und nicht von dem etwas trockenen Engels, und wir hätten den 4. Band des „Kapital“. Denn die von ihm entwickelte Theorie ist das, was bleibt, das, was er in die Waagschale zu werfen hat. Von Marx’ „Praxis“ aber ist nichts, nada, null, niente geblieben. [ Rufe: Scheiß Praxis, Theory Rulez! ]

 

Ich [ Aufkreischen der Menge ] kannte diese Zusammenhänge und ich kannte Marx’ Biographie, als ich in den 70ern Hornhaut am Hintern hatte, nicht von sündigem Treiben mit Männern [vereinzelt schwulenfeindliches Auflachen ], sondern vom Sitzen an meinem Schreibtisch und in der Bibliothek, während die Kommilitonen Hornhaut an den Füßen hatten vom Dauerdemonstrieren. Sie nannten es „Praxis“, ich nannte es „Spazierengehen als symbolische Politik“, hinsichtlich derer der Kapitalismus nicht einmal den Arsch hat, an dem es ihm vorbeigeht. Sie sagten, ich sei „verkopft“, ich antwortete, „lieber verkopft als verbaucht“. Sie kamen mir mit "Kopflastigkeit", ich konterte, dann seien sie wohl schwanzlastig. Sie warfen mir „Seminarmarxismus“ vor, ich antwortete, sie selber hätten ja noch nicht einmal das Niveau eines Proseminarmarxismus erreicht. Den Einwand der „Praxisferne“ konterte ich mit Marxens Hinweis, dass die radikale Veränderung zur Voraussetzung hat, dass „die Theorie die Massen ergreift“.

 

Und wenn ich auf Grund meiner Studien – die so ganz ‚unpraktisch’ auch nicht waren, wenn ich daran denke, dass die „Kapitalgruppe Hannover“ in den 70ern für etliche Semester auf dem Höhepunkt mit 160 Marx-geschulten Stundentinnen und Stundenten die Fakultät V rockte – heute jungen Menschen [die Menge reagiert tumultarisch; einige Worte gehen im Lärm unter ] hätte ich damals vor 35 Jahren meine Zeit bei den Demo-Latschern verschwendet – dann würde ich die ‚praktischen’ Kommilitonen von damals heute gerne fragen, wer denn nun unterm Strich als ‚gesellschaftsrelevanter’ sich erweist: sie oder ich.

 

Danke, und bei nächsten mal erkläre ich, wieso schon in der einfachen Wertform "20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert" Kredit und Spekulation drinstecken.

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Written by Noergler

22. April 2009 um 1:40

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

16 Antworten

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  1. Obschon ich auf die eigene Praxis nichts kommen lasse bi8n ich von dem Beitrag wirklich ergriffen, nur ergeben der Nörgler und ich noch keine Masse.

    che2001

    22. April 2009 at 13:26

  2. Schon wieder so ein Kunst-Stück! Was wirfst Du ein, Noergler, bevor du sowas schreibst? Im Himmel der (durchreflektierten!) Praxis wesend, geht’s mich zwar nichts an, aber ich käme auch gern mal an deeeeen Punkt ((-: …

    (With compliments!)

    Lina

    23. April 2009 at 9:05

  3. Man könnte den Gedankengang von Nörgler auf folgende Weise ins Kondensat einer leichter fassbaren 7-Wort-Aussage resublimieren:

    Nichts ist praktischer als eine gute Theorie!

    John Dean

    23. April 2009 at 22:05

  4. Na, dann versuch mal die Dialektik der Aufklärung, Baudrillards „Der symbolische Tausch und der Tod“ oder die Allgemeine Relativitätstheorie zu praktizieren 😉

    che2001

    24. April 2009 at 11:31

  5. Hey, für die Allgemeine Relativitätstheorie benötigen wir nur einen 3-Wort-Satz:

    Alles ist relativ!“

    😉

    John Dean

    24. April 2009 at 13:05

  6. „I have a Alp-Dream“ und „Ich bin nicht nur ein Berliner, ich esse auch einen!“ wurden übrigens getoppt von Bundespräsident Lübke mit „sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ bei seinem Staatsbesuch im Senegal, seiner Schilderung der Stadtrundfahrt in Okasa bei seinem Japan-Besuch und der berühmten Ansprache in Peking „Ich bin ein Pekinese!“.

    che2001

    24. April 2009 at 13:06

  7. sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger

    Habe ich auch kürzlich erst erfahren.

    Linksklave

    24. April 2009 at 15:23

  8. Unser cooler Linksklave versieht sein Amt ja wirklich fleißig. Weiter so, und wir stellen ihm seine Ketten 30 cm länger!

    chezweitausendeins

    24. April 2009 at 16:45

  9. Lass‘ sein, Che! Wer weiss, was der sonst noch anschleppt … mir reicht die eine Blamage (-; …

    Lina

    24. April 2009 at 18:20

  10. Hier aber geht es um Frei-heit!

    (diese ist – reformistisch wie ich nun einmal sinne – nur schrittweise zu erlangen)

    Lasst uns seiner Kette 15 Zentimeter geben!

    (ich will sehen, was er dann anschleppt)

    John Dean

    24. April 2009 at 19:16

  11. Ah, nur schrittweise! OK. Was aber sind ein paar Fuss mehr oder weniger in Anbetracht der Tatsache, dass Sklaverei an sich globalen Auslauf hat?

    Nein … da denke ich jetzt nicht mehr an die blamablen Links, die er – radial gesehen – anschleppen könnte, sondern vielmehr an den armen Typen selbst, der sich der Namensgebung nach voll unter seinesgleichen weiss.

    Auch bin ich sicher, dass er direkt dort, wo er angekettet steht, noch zahllose Links von jener Qualität finden wird, deren Gehalt beschämen könnte.

    Lasst es uns aushalten (-; !

    Lina

    25. April 2009 at 6:50

  12. Zumal ein Kettensklave, der seinen Herren Pein bereitet eine echte Innovation ist.

    che2001

    25. April 2009 at 9:05

  13. Während wir uns großzügig über seine Freiheitsbedingungen Gedanken machen, straft uns Linkssklave mit Nichtachtung.

    Ich fürchte, als Sklavenhalter eignen wir uns nicht.

    John Dean

    25. April 2009 at 14:16

  14. Muss ein Kostverächter von Freiheit sein – so ein innovativer, jedoch zutiefst asozialer Sadomaso-Typ vielleicht – der gern in Ketten liegt?

    An einem wie ihm (und den anderen!) scheitert jede Revolution (-; …

    Lina

    26. April 2009 at 18:21

  15. An mir scheitert vor allem einmal mehr John Dean, der hier mit der Bezeichnung „Linkssklave“ eindrucksvoll bekundet, daß ihm mein Sinn und Wesen völlig fremd sind oder er nicht mitbekommen hat, daß Doppelessifikation sooowas von 2006 ist.
    Niveaulos!

    Linksklave

    27. April 2009 at 17:55

  16. Dabei wärest Du dem Nörgler ein guter Praktikant Jensen, denn schließlich ist es der unerbittliche Schaffensdrang, dem wir die verwegene Stunde danken. Oder, wie seinerzeit Adorno gegenüber Thomas Mann die wohltemperierten Worte fand: „Ja ja, die Musik!“

    http://www.boocompany.com/index.cfm/content/story/id/11877/

    chezweitausendeins

    27. April 2009 at 18:08


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