shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wir sind die VeteraaaanInnen der sexuellen Revolutioooon!

with 55 comments

Trommelwirbel, Schalmeientöne, dazu stampfender Techo-Rhythmus.
Vorbeimarsch der Parade der VeteranInnen der sexuellen Revolution.

Cassandra und ich hatten gerade eine Plauderei über die guten alten Zeiten, die wir hiermit der Öffentlichkeit, der Lächerlichkeit, der Unsittlichkeit und auf cheden Fall der Diskussion preisgeben. Und ansonsten gute Unterhaltung damit!

Cassandra:
.. vor langer, langer Zeit…

… in a galaxy far, far away…

… da galt BDSM unter „Politlesben“ als der letzte Schrei der selbstbestimmten Sexualität und es wurden sogar Infoveranstaltungen mit Referentinnen aus lesbischen BDSM-Zusammenschlüssen veranstaltet.
Ich persönlich bezweifle ja mittlerweile, dass mindestens eine der „Szeneköniginnen“, die sich danach auf das Begeisterste tagelang über das Thema ausliessen, praktisch-anatomische Erfahrungen mit überhaupt irgendeiner der dort referierten Techniken hatte.

Che:

Ja, das klingt nach Kopfkino. In welchem Zusammenhang war die Szenekönigin denn verortet, so ganz grob?

Netbitch told me, dass im *völlig unbekannterLaden* vor einer Aktion mal gesagt wurde, „hoffentlich ziehen auch die Schwanzlutscherinnen mit und machen nicht wieder alles zunichte“.

Und Tempo oder der Wiener feierte so um 1990 mit der Cover-Story „Schwarzer Engel, flieg mit mir“ SM-Sex von Lesben als expliziten Angriff auf Alice Schwarzer und Political Correctness.

Cassandra: Was nicht geht: mir haben jetzt wirklich mehrere Fachfrauen
versichert, dass eine geballte Faust in eine bestimmte Körperöffnung
gestossen zu bekommen (gestossen wohlgemerkt) mit inneren Verletzungen
belohnt werden würde. Geballte zu stecken geht auch nicht, da ist die
weibliche Anatomie gegen (manchmal ist raus doch nicht dasselbe wie
rein), es sei denn die betreffende Frau hat mehrere Kinder geboren
ist ist deswegen geweitet.
Ausprobieren würde ich es auf keinen Fall, dazu hasse ich die
Notfallgynäkologie im Klinikum zu sehr.

Che: Ähem, ein Fistfuck heißt zwar so, da wird aber nicht eine geballte Faust eingeführt, sondern mehrere gestreckte Finger (mindestens 2), so wie beim Blowjob ja auch nicht geblasen wird. Da hat die Dame wahrscheinlich aus der Wortbedeutung Falsches abgeleitet;-)

Diese ganzen ultramoralisch aufgeladenen Sexismusdiskussionen waren für mich ab 1992 passé. Im *namenlose sozialrevolutionäre Gruppe* gab es darüber keine Debatten die *unennbare Person* sagte irgendwann mal, dass Sexismus, Klassenwiderspruch und Rassismus auf den gleichen Grundwiderspruch zurückgingen stünde schon bei Engels, und damit war das Thema durch. Und in der *anonyme private Hilfsorganisation* ging es um so handfeste Dinge wie Giftgas, Folter und den Wiederaufbau zerbombter Dörfer. Für die Bremer GenossInnen hieß Göttingen „PCHausen“ und war so eine Art Kasperletheater. Die moralinsauren Debatten in der GÖ-Szene habe ich ab da nur noch als Kinderkram wahrgenommen, über den ich mich aus der Erwachsenenperspektive lustig machte.

Das ging ja so weit, dass bei einem Treffen gesagt wurde: „Es riecht hier schlecht.“ „Ja, es stinkt, weil hier zu viele Männer sind!“ Und dann *Der Mann mit dem irrelevanten Namen*: „Ja, Achselschweiß, Motoröl, Pulverdampf, so lieben wir das!“.

Die Vergewaltigungsdiskussionen 1989/90 hatten natürlich noch ein ganz anderes Kaliber gehabt, aber was im Zuge der 90er kam war einfach nur noch bizarr. Tatsächlich wurde die Bizarrologie als Disziplin ja in dieser Zeit vom legendären Terrassenplenum gegründet. Auch, um in Anbetracht einer völlig moralinsauren Herangehensweise an das Thema Sexualität nicht nur einer lustvollen, sondern auch ener lustigen Sicht der Dinge eine Gasse zu schaffen.

Zu Anfang meiner Göttinger Zeit war es normal, dass mein Genosse *Der Erste der Nine Unknown Men* erzählte, dass er mit seiner WG-Mitbewohnerin *Kenntenich* morgens vor dem Aufstehen eine Nummer schiebe, wobei sowohl er als auch sie ihre festen Beziehungen hatten. Oder mir eine Genossin auf einem Plenum an die Eier fasste, und dann ab in die Büsche. Das war vor den unseligen Porno- und Vergewaltigungsdebatten in der Göttinger Szene Normalzustand…

Cassandra:

„Angst“ fällt mir dazu ein. Und „Unsicherheit“.
Das ist besser als jeder Zensor. es ist viel effektiver, IN jedem Kopf eine
Schere unterzubringen als eine Zensurbehörde zu unterhalten.
Dahinter steckt die massive Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Und
Schuldgefühle von Männern gegenüber Frauen, die der Gleichberechtigung nicht
wirklich helfen. Und Unsicherheit, wie denn nun, da man die „bürgerlichen
Modelle“ ablehnt, Sex nun aussehen soll.

Che:

Was für mich nur striking war, war die Tatsache dass innerhalb weniger Jahre das Klima in der linken Szene von der Orgie zur moralischen Besserungsanstalt kippte. Das war natürlich ein Generationenwandel, aber dabei gings um Altersunterschiede von vielleicht 5-7 Jahren. Hängt aber stark mit der sozialen Neuzusammensetzung der Szene zusammen. Zum Beispiel damit, dass ab 1985 die Arbeiterkinder weniger wurden und Leute aus hauptberuflichen Moralproduzentenhaushalten (Lehrer- und Pastorenkinder) in der Szene in Schlüsselpositionen gelangten.

Wie Sex aussehen soll: Ich erinnere mich da an grauenvolle Diskussionen in *Grppe, deren Name nun wirklich nicht interessiert*. Da wurde zum Beispiel vertreten, mann müsse, wenn mann mit einer Frau vögelt diese vor jeder körperlichen Berührung fragen, ob mann das jetzt dürfe bzw. frau es angenehm finde. Als ich sagte, ich nähme keinen Knigge mit ins Bett und Sex hätte immer mit Spontanität und auch Grenzüberschreitungen zu tun, wenn etwas nicht gewollt würde müsse es halt deutlich gemacht werden und Sex hieße für mich zumindest mitunter übereinander herfallen, da war ich ein ganz Dumpfer der nichts begriffen hätte. Und dann gab es da die Position, wer z.B. Füße oder Ohren erotisch nicht interessant finde und nur auf Penetration und Oralsex festgelegt sei habe eine phallische Fixierung und sei damit weniger weit als andere Leute mit variantenreicherer Praxis. Das wurde tatsächlich als eine Frage des politischen Bewusstseins betrachtet, daran machten Leute sogar zumindest im eigenen Kopf so etwas wie soziale Hierarchien fest.

Cassandra:

Hey, ich bin mit diesen Lehrer- und Pastorenkindern zur Schule gegangen und
ich versichere dir: die waren eigentlich ganz nett- aber im „falschen“ Teil
der Truppe 🙂 und selbst ganz gut dabei.
Einige von den Mädels hatten sehr klare Meinungen (mit denen sie auch nicht
zurückhielten) über Frauen, die um Rache an ihrem Ex zu nehmen sich durch
dessen Freundeskreis schliefen. Das hatte was mit „saudämlich“ zu tun. Ich
hab‘ die Betreffende später kennengelernt und weiss seitdem, dass
„saudämlich“ noch nett war. Dabei ging es um den expliziten Rachegedanken,
und nicht dadrum, dass generell Sex böse sei oder so was.

Ja, die „möchtest du, dass ich dich jetzt hier für 3,56 Sekunden
anfasse“-Haltung… oder „aber wenn ich das will, dann muss er das tun!“…
Konkret ging es um Oralverkehr während sie blutet und er hatte keinen Bock
drauf und sie war deswegen auf dem Feministischen Kriegspfad und ich fand,das ginge mich gar nichts an und sie solle das mit ihrem Kerl klären, aber wenn ein Partner was nicht mag dann ist das nun mal so und muss respektiert
werden. Männer mussten da schon fast telepathische Fähigkeiten haben, um mit solchen Frauen risikolos ins Bett zu gehen. Warum, frage ich mich gerade, sind Artur.
und Anna nicht miteinander in die Kiste gestiegen um es politisch korrekt zu
treiben, sondern haben mich mit ihren ja sowieso schon behämmerten Thesen zu Sex belämmert? Und warum
habe ich ihnen nicht den Mund mit Tampons gestopft? Fragen über Fragen…

Hey, mein bauchnabelfreier Auftritt im Frauencafe war cool! Und der Schocker
der Woche. Es war so leicht, bestimmte Leute sprachlos zu machen…..

Che:

Und Netbitch ist mal aus dem *Irgendsonlinkerladen* geflogen, weil sie auf einer Party einmal quer durch den Raum brüllte
„Ihr Linken seid doch viel zu feige, um richtig ficken zu können!“. Während *Bizarres Model für Comics* in *Hansestadt* mit genau diesem Stil
nirgendwo rausflog und *DJ Jaine Shaine* einer ihrer wüsten Fickstories erzählte und als die Leute sie anstarrten mit den Fingern 30 Zentimeter zeigte und sagte „Ja, die Negerin, so ne tiefe Muschi!“.

Niemals fielen Kiefer tiefer als damals.

Nur zum Kontrast: Die Hardcore-Autonomen, die ich so kannte, waren praktisch durch die Bank Arbeiterkinder. In der *Schon erwähnte sozialrevolutionäre Gruppe* waren die tonangebenden Leute langzeitarbeitslose Studienabbrecher aus Arbeiterfamilien bzw. arbeitslose Industriearbeiter und solche Weltgeister wie die beiden Bobs. Und das ist dann schon ein völlig anderer Schnack. Diese Moralinscheiße passierte da einfach nicht.

Bewegte alte Zeiten.

#seufz#

Wickelt sich in seine Steppdecke, gießt den Kamillentee ein und entfernt die Bremsklötze von seinem Schaukelstuhl.

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55 Antworten

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  1. ja und? leute, geht nach berlin isn kitkat und lasst euch einen runterholen. wenn ihr euch traut.

    citoyen

    29. April 2009 at 20:08

  2. Als jemand, der mit diesem Paralleluniversum keine dauerhaften Berührungspunkte hatte, kann ich es nicht wrklich beurteilen, was da abging in Euren Kreisen. Aber sooo überraschend kann der Umschwung im Umgang mit Sexualität und den Fragen drumherum doch gar nicht gekommen sein. Dieses moralinsauer-verklemmte stank doch schon gewaltig aus Svende Merians „Tod eines Märchenprinzen“, was in den frühen 80ern die Runde machte.

    mark793

    29. April 2009 at 21:46

  3. Oh ja, die guten alten Zeiten… wir waren jung, dynmisch und kannten Leute mit seltsamen Ansichten. Wahrscheinlich hat uns dieser Unsinn daran gehindert, was an den Dingen zu ändern, die uns wirklich wichtig waren.

    Heute, wo bauchnabelfrei Standart ist, ist es viel schwerer, zu schockieren.

    cassandrammviii

    30. April 2009 at 4:32

  4. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ein Nasenpiercing ein Insider-Hidden-Sign dafür war, dass man kokste. Und die einzige Frau mit so nem Ding, die ich kannte mit Waffen handelte.

    che2001

    30. April 2009 at 9:22

  5. Das muss aber ganz früher gewesen sein.
    Ich erinnere mich, dass alle Welt sich plötzlich die Nase piercete und entzündete Nasenflügel irgendwie dazugehörten.

    cassandrammviii

    30. April 2009 at 12:16

  6. Ich glaube, da warst Du noch nicht in der Grundschule.

    che2001

    30. April 2009 at 13:08

  7. das beruhigt mich, denn sonst hätte ich inmitten eines Haufens Koksdealer gelebt und es nicht mal gemerkt.

    cassandrammviii

    30. April 2009 at 13:47

  8. @“Wahrscheinlich hat uns dieser Unsinn daran gehindert, was an den Dingen zu ändern, die uns wirklich wichtig waren.“ — würde ich nicht sagen. Die Haus- und Bauplatzbesetzungen und die Flüchtlingsarbeit liefen ja. Aber die seltsamen Ansichten und die überzogene Moral sorgten dafür, dass wir nicht mehr Zulauf bekamen, und z.T. von den falschen Leuten, so nach dem Motto: „Deshalb links, weil sie auch sonst frustriert sind.“ Und ich kannte noch eine Zeit, als es cool und sexy war, links zu sein.

    che2001

    30. April 2009 at 14:07

  9. Überleg‘ dir mal, was wir hätten reissen können, wenn wir nicht endlose Sitzungen über das Sexleben unserer Genossen geredet hätten.
    Oder wie viele der PC-Päpstinnen es gab, und wie nett diese Leute doch hätten zB Flüchtlingsarbeit machen. Aber dagegen gab es ja inhaltliche Bedenken- das waren alles Macker.

    cassandrammviii

    30. April 2009 at 14:54

  10. Na ja, ich gehörte zu den Mackern und nahm an den endlosen Sitzungen nicht teil.

    chezweitausendeins

    30. April 2009 at 18:50

  11. Nu‘ überschätz dein Mackerpotential mal nicht.

    Ich meinte was anderes: einige der pc-Damen waren so sehr in ihren Diskursen gefangen, dass konkrete Flüchtlingsunterstützung denen suspekt war. Bevor da Unterstüzung rüberkam ging es darum, dass die „Macker“ erst mal ein paar Bedingungen erfüllten.
    Konkret ging es um geld, relativ viel sogar, was noch nirgends verplant war und von dem ich und eine Genossin vorschlugen, es zur Flüchtlingshilfe einzusetzen. Aber da herrschte dann die Angst, das es „irgendwelche sexistischen Macker“ bekämen…

    cassandrammviii

    30. April 2009 at 20:14

  12. Ich meinte damit aber auch wieder etwas Anderes. Anfang der 90er, im Vorfeld einer bundesweiten Großdemo, kam es zu einer Aktion, die zwar nicht kriminell, aber durchaus illegal war und zu einem Strafverfahren mit Dutzenden von Angeklagten führte. Die von mir so genannte „Vorsitzende“ unserer eigentlich hierarchiefreien Gruppe (Vorsitzende titulierte ich sie wegen ihres straighten und souveränen, sehr engagierten Auftretens und in Veräppelung des „Vorsitzenden“ einer anderen Fraktion) meinte bei einem Vorbereitungsplenum zu den Prozessen, in Anbetracht der geringen zu erwartenden Strafmaße und der schlechten Beweislage sollten wir uns den Spaß machen, den Gerichtssaal zum Forum gegen rassistische Flüchtlingspolitik umzufunktionieren und die Herren des Verfahrens gehörig zu veräppeln (was dann auch geschah). Sie gehörte selbst zu den Angeklagten und verlangte von Niemandem etwas, was sie nicht selbst zu tragen bereit war. Es widersprach ihr niemand, aber hinterher setzte das große Wehklagen darüber ein, dass ihr Auftreten andere Leute brüskiere, da viele Beteiligte Angst vor den Prozessen hatten und nur möglichst billig rauskommen wollten. Die Wehklagenden waren überwiegend Szenefrauen. Als der „Vorsitzenden“ diese Reaktionen mitgeteilt wurden meinte sie, wenn die nicht die Stirn hätten, ihr das persönlich ins Gesicht zu sagen gäbe sie einen Scheiß darauf, „§blöde Tussen“. Als dann aber die Demo, die von uns entscheidend mitvorbereitet wurde und bei der man mit heftigen Polizeiübergriffen rechnete anstand, sagte sie: „Also eins muss klar sein – Niemand muss da mitmachen. Angst haben ist OK. Es muss nur rechtzeitig gesagt werden, wer mitkommt.“

    Meine WG war dann in der ersten Reihe dabei. Und das war gut so. Habe mich selten in meinem Leben so identisch in Denken und Handeln gefühlt.

    chezweitausendeins

    30. April 2009 at 21:37

  13. Heute (mit 42) in ich froh, dass ich in /dieser/ Beziehung nichts mitzuteilen habe. Keine PC-Debatten, aber auch sehr wenig Zoten, ziemlich große Freiheit, ziemlich wenig Verklemmtheit. Wir hatten einfach nur unseren Spaß;-)

    Andererseits: No risk, no fun — manche wurden eben auch ziemlich zeitig Papa und Mama … die staatliche Kondomindustrie lieferte nicht sehr zuverlässig.

    Und dann schaut Euch mal das hier an.

    stefanolix

    30. April 2009 at 21:49

  14. In Dresden gehen die Uhren bestimmt ganz anders als in Göttingen, Bremen oder Hannover. Dresden-Neustadt war ja Anfang der 90er sowas wie Kristiania oder Amsterdam. Und für DDR-Zeiten galt wohl das Eduard-Limonow-Zitat: „Im Westen sind die Betten besser, im Osten das, was in ihnen geschieht.“

    Der verlinkte Text ist interessant, aber nicht richtig Fisch oder Fleisch: Schön, dass die die ganze Moral-PC-Mischpoke nicht mehr kennengelernt haben. Schade, dass sie bunte Vögelwiesenwelt davor auch nicht erlebt haben.

    chezweitausendeins

    30. April 2009 at 22:24

  15. Wobei es – alles in allem – doch zu den gelungenen Lebenswendungen gehören dürfte, wenn man/frau die verkniffenen pseudoradikalen PC-Linken der 80er Jahre nie kennen gelernt hat.

    (Wer Nachholbedarf hat, der möge sich in AntiRa-Plenen oder „antideutschen“ Gruppen umtun – fast jede linke Krankheit der 80er Jahre lässt sich dort noch in Augenschein nehmen, vorausgesetzt, man/frau ist an das richtige Grüpplein geraten)

    John Dean

    1. Mai 2009 at 5:27

  16. „Wobei es – alles in allem – doch zu den gelungenen Lebenswendungen gehören dürfte, wenn man/frau die verkniffenen pseudoradikalen PC-Linken der 80er Jahre nie kennen gelernt hat“

    das passierte in den 90ern, in den 80ern war ich definitiv zu jung.

    Und ganz ehrlich: über einige Leute kann man nachher ganz gut ablästern

    cassandrammviii

    1. Mai 2009 at 6:14

  17. War Krieg? Ich weiss noch von einem Aufstand im Osten, so Ende der 80er, bevor der Westen sich einkaufte … aber sonst? Hat doch nicht weiter gestört, so als spätimperiale Geste, von ‚links‘ doch erst recht nicht, oder? (Hätt‘ ja was werden können, auf deeeer Basis … iss aber nicht.) Und so RevolutionsMackerKommittees soll’s da gegeben haben und haufenweise bloody-left Sex …? Na sowas.

    ThanX (!) – war nett zu lesen, wenn auch ohne jede Relevanz zum eigenen Erleben; vielleicht g’rad deshalb (-; … ?)

    Lina

    1. Mai 2009 at 7:20

  18. Tja Lina, während auf gewissen anderen Blogs ständig Antilinke unzutreffende Dinge darüber schreiben, wie Linke angeblich wären und damit lediglich Selbstvergewisserung betreiben hast Du hier einmal eine unverstellte Innenansicht der tatsächlichen radikalen Linken bekommen. Und Fragestellungen hinsichtlich Sexualität, Gesundheit und Sucht, der Körperlichkeit generell, wie zu lieben sei oder z.B. auch ob es sinnvoll sei vegetarisch zu leben oder nicht, verantwortungsvoller Konsum usw. sind/waren für diese Linke die weitaus prioritären Fragen, während über die Errichtung sozialistischer Staatswesen nicht diskutiert wurde. Und die aktuellen politischen Kämpfe richteten sich gegen Neonazis, Atomanlagen, Vergewaltiger und sonstige Sexisten, Sozialabbau und Schikane am Arbeitsplatz und gegen Rassismus. Es ging nicht darum, eine andere Gesellschaft zu errichten, sondern zu behindern, dass die vorhandene Gesellschaft schlimmer wird, weswegen die Eigenbezeichnung undogmatisch-linker Politik „Widerstand“ heißt.

    Die starke Bezogenheit auf den eigenen Bauchnabel fing aber erst ab 1988 an, vorher stand die Frage, wie konkreter Widerstand zu leisten sei im Mittelpunkt.

    @Aufstand im Osten: Ja, das ist bitter. Ich gehörte zu denen, die den Zusammenbruch der DDR seit den frühen Achtzigern voraussahen und danach strebten, die „Deutsche Frage“ von links her zu stellen mit dem Ziel „gesamtdeutscher Neutralismus“, „demokratischer Sozialismus“ und „raus aus der NATO, rein ins Vergnügen“ und denen niemand zuhörte.

    chezweitausendeins

    1. Mai 2009 at 12:39

  19. Das ganze trieb zwar manchmal absonderliche Blüten, aber generell halte ich von dem Ansatz, den viele Linke damals verfolgten „Nicht jammern, ändern“ und „global denken, lokal handeln“ immer noch eine verdammte Menge.
    Wir machten uns halt Gedanken darüber, wie unser Verhalten sich auswirkt- auf uns selbst, unsere Zusammenhänge und auch den Rest der Welt.

    cassandrammviii

    1. Mai 2009 at 12:59

  20. Momorulez hatte das mal sehr passend ausgedrückt, als er meinte, seit dem Tunix-Kongress 1978 bedeute Linkssein in Westdeutschland kein Programm und keine Große Erzählung mehr, sondern eher so eine Projektmentalität und ständige Baustelle, eher eine Lebenshaltung als ein fester Plan.

    chezweitausendeins

    1. Mai 2009 at 13:59

  21. >>> … „die “Deutsche Frage” von links her zu stellen“

    Ich hab‘ sie mir vom Süden her gestellt (-; . Was für eine grandiose Chance wäre es gewesen, aus zwei deutschen Staaten auch nur EINEN passablen zu machen! Aber man muss das verstehen: im Schieben von Einkaufswagen durch Supermärkte bestand des ausgezehrten Ost-Bürgers ganze Erwartung + Lust! Dass ihnen die (Un-)Treuhand derweil die künftige Basis zum Bezahlen an der Kasse raubte, ist ihnen nicht weiter aufgefallen. Selber schuld? Nein, das nicht. Wie Kapitalismus AUCH (!) funktionieren kann, wenn er es nicht so gut mit ihnen meint wie in den Regalen, hat ihnen ja niemand gesagt. (Dabei hab‘ ich soooo viele Briefe geschrieben!)

    >>> „Wir machten uns halt Gedanken darüber, wie unser Verhalten sich auswirkt- auf uns selbst, unsere Zusammenhänge und auch den Rest der Welt.“

    Find‘ ich gut – schön und gut sogar! Bei mir ging dasselbe auch ohne ‚Linkssein‘, einfach so, bei ideologiefreier, aber mit Grundsätzen angereicherter Lebenshaltung ohne festen Plan – bis heute. Für Gruppendynamiken aller Art war ich nicht anfällig, sondern immer mehr für’s individuelle Weiterkommen (auch für’s unabgesprochene Vögeln, um im Kontext zu bleiben). Und ganz ehrlich: ich hab‘ auch so nix vermisst – bis heute. Irgendwann, zwischendrin, war mir mal nach Attentaten, aber da die ja auch nichts bringen sollen, hab‘ ich es sein gelassen (-; …

    Lina

    1. Mai 2009 at 17:27

  22. „Bei mir ging dasselbe auch ohne ‘Linkssein’, einfach so, bei ideologiefreier, aber mit Grundsätzen angereicherter Lebenshaltung ohne festen Plan – bis heute. Für Gruppendynamiken aller Art war ich nicht anfällig, sondern immer mehr für’s individuelle Weiterkommen“

    Ich mag das ja mal wieder alles falsch verstehen, aber:
    ich kenne keine, der sich hingesetzt hat, gesagt „ab heute bin ich links“ und dann angefangen hat, sich das ideologische Gerüst zusammenzulesen um es dann zu befolgen. Na ja, bei einigen Schwachmaten will ich das nicht ausschliessen, aber wissen, das es so war- bestimmt nicht.

    Ich fing irgendwann an, mich mit einer Reihe von Problemen auseinanderzusetzen, habe dann überlegt, was Lösungen sein könnten, definitiv ohne Theoretiker im Hintergrund- an die kam ich nicht ran. Mir schwante, dass es sowas geben müsse, aber die lagen wegen „Kind vom Dorf“ ausserhalb meiner Erreichbarkeit. Und das brachte mich, nach einem Umzug, in die glückliche Situation, auf Leute zu treffen, die ungefähr genauso dachten wie ich.

    Das ganze war ja auch keine Partei mit Parteidisziplin und Mitgliedsausweis, sondern eher ein Zusammenarbeiten von Individuen, die ungefähr das gleiche dachten (oder auch nicht manchmal).

    Grundsätze sind Ideologie. Dazu kann man auch ruhig stehen, ist nix schlimmes. Dass es doof ist, Menschen zu verprügeln weil sie eine andere Nasenform und Hautfarbe haben ist eine gesetzte Meinung. Eine, zu der ich stehe, und für die ich gute Gründe habe, aber am Ende doch nur eine Meinung.
    Ich stehe dazu, dass es Dinge gibt, die als „links“ gelten und zu denen ich eine andere Meinung habe. Mit guten Gründen, wie ich mir einbilde. Wer sagt, dass es ohne Meinung A nicht ginge, dann wäre man nicht mehr „links“… nun gut, ich kann, will und werde ihn oder sie nicht dran hindern, genau das zu sagen. Ändert aber an meiner Meinung nichts. Das Recht, selbst zu denken- das ist es wahrscheinlich, was „autonom“ mal sagen wollte. Nicht blind dem Marxens Karl zu zitieren (und wenn Kalle es nicht gesagt hat ist es auch nicht wichtig), oder den Parteitagsbeschluss 1234 zu kennen oder zu warten, bis „die Partei“ dazu eine Meinung hat, sondern sich selbst weit genug zu trauen, um den eigenen Kopf zu benutzen.

    cassandrammviii

    1. Mai 2009 at 18:13

  23. Was willst du mir damit sagen, Kassandra? Dass ‚Farbe (oder Richtung) bekennen‘ im Sinn einer Ideologie schon dazu gehört zum Denken? Ja, wenn man etwas anstossen und durchdrücken will, dann sollte man sich schon ideologisch etikettieren und vor allem entsprechend organisieren, damit höhere Schubkraft praktische Ergebnisse zeitigt.

    Mir widerstrebt das. Ich verfüge nicht gern über anderer Leute (Entscheidungs-)Freiheit, auch nicht bei deren Unvermögen, sich selbst zu entscheiden; ich überzeuge sie nicht gern, ich ‚berate‘ sie lieber, ’sorge‘ auch lieber für sie (was z. B. bedeutet, dass ich ‚Umverteilung‘ völlig in Ordnung finde), als dass ich sie indoktrinieren und für bestimmte politische Ziele einspannen wollte.

    Das heisst, dass ich mich für aktive Politik und ihre organisierten Vorformen (oder Kampfeinheiten?) persönlich nicht eigne. Ihr Prinzip und die Mechanismen des Machtgewinns (über Andere) sind mir zuwider. Ich bin nicht ‚links‘, meine Haltung aber ‚liberal‘ zu nennen, trifft es auch nicht, denn sie ist rein privater Natur und als solche von (jedenfalls:) gewollter Zurückhaltung; damit ist sie nicht wirklich operativ (-; …

    >>> Ich stehe dazu, dass es Dinge gibt, die als “links” gelten

    Gut, aber die haben doch auch andere Namen! Ich kenne die Dinge, die als ‚links‘ gelten, weniger als solche – muss ich deshalb erst ein Glaubensbekenntnis ablegen, um sie zu vertreten? Du siehst also, dass mit einer wie mir praktisch nichts anzufangen war von der Qualität, wie sie hier von den VeteraaaanInnen der (auch) sexuellen Revolutioooon so anschaulich nachvollzogen wird.

    Aber wolltest Du das wissen? Ich bezweifle es aufrichtig 🙂 …

    Lina

    1. Mai 2009 at 20:53

  24. Das war bei mir vollkommen anders. Meine Eltern hatten beide die Nazizeit erlebt, meine Mutter als Tochter eines Viehhändlers, der wegen „staatsgefährdender Kontakte mit Juden“ 2 Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Ihre Mutter hatte aus Kummer darüber Magenkrebs bekommen, an dem sie verstarb. Sie selbst war mit der Tochter eines Rabbis befreundet (komischer Bild: Meine Mutter in BDM-Kleidung in der Synagoge). Mein Vater hingegen war mit 16 Jahren Werwolf im Range eines SS-Hauptsturmführer und hatte einem jüdischen US-Major mindestens die Freiheit wenn nicht das Leben zu verdanken. Diese prägenden Erfahrungen erzählten meine Eltern mir bereits in sehr frühen Jahren. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören Fernsehbilder vom Vietnamkrieg und dem Einmarsch der Panzer in Prag un ein Bild, wie US-Soldaten einem Vietkong mit dem Messer den Bauch aufschneiden, um Informationen über ein Waffenversteck zu bekommen. Ich machte meine erste Friedensdemo mit 4. Meine Mutter musste mir einSchild malen, auf dem „Frieden in Vietnam“ stand, weil ich noch nicht schreiben konnte. Ich wuchs in einem multikulturellen Arbeiterviertel auf und spielte mit Türkenkinder, von denen meine Mutter mir sagte, dass die es schwer hätten, weil viele Deutsche auf sie herbsähen und ich deshalb nett zu ihnen sein sollte. Schon als ich eingeschult wurde, wusste ich, dass es nie wieder Krieg geben dürfte (die Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg standen z.T. noch), dass man gegen Ausländerfeindlichkeit sein muss und dass die Schwachen zusammenhalten müssen. Und so war mein Denken und Handeln eigentlich schon „links“, lange bevor ich auch nur Ansätze eines politischen Bewusstseins entwickelte. Direkt politisch aktiv wurde ich dann mit 18, zunächst bei amnesty international und in der Friedensbewegung.

    chezweitausendeins

    1. Mai 2009 at 20:57

  25. Hach! Und ich war mit 16 einer der Rädelsführer der Friedensbewegung in Berlin, u.a. in der „Frieko“ usw. usf. Bei mir fing das „politich-sein“ in etwa mit 14 an, zunächst eher theoretischer Natur (im Ernst: sogar theologische Literatur spielte da eine Rolle) – als dann die Friedensbewegung aufblühte, passte das prima zu genau der Sache, auf die ich gewartet hatte. Galtungs soziale Ideen – und eben der zeitgeistige Gedanke, politische Verhältnisse und Demokratie vor Ort zu schaffen und zu gestalten, waren mir damals ein Herzensanliegen. „Linke“ und „radikale Linke“ waren in diesem Zusammenhang zunächst nur Bündnis- und Organisationsgenossen, und wurden von mir in ihren Ideen (ich bezeichnete mich seit meinem 14ten Lebensjahr als „linksliberal“ und „radikaldemokratisch“) teils mit großer Distanz betrachtet. Und doch war es die demokratische und undogmatische Linke, wo ich – teils – eine politische Heimat fand.

    Das ist bis heute so geblieben.

    Im Sexualbereich waren die linken Kreise, in denen ich mich bewegte, erschreckend verkniffen und dogmatisch, und mitunter ohne jeglichen Respekt vor nicht-alternativen Lebensentwürfen. Als „fortschrittlich“ galt fast ausnahmslos nur, was spießig war, und dazu – per se – alles, was schwul, lesbisch oder schräg daher kam. Mit anderen Worten, das Sexualklima der Linken war (doch, doch): repressiv.

    John Dean

    1. Mai 2009 at 22:07

  26. Weisst du Lina, irgendwann hatte ich es satt, über Probleme nachzudenken und das dringende Bedürfnis, sie zu ändern. Es gibt einige Dinge, die kann man nicht allein. ZB mehrere Duzend Flüchtlingskinder aus aus der Massenunterbringungskaserne holen und schwimmen gehen. Doofe Idee, allein mit mehreren Kindern ans Wasser zu gegehn. Ganz dumme Idee.

    Ich denke, jeder versucht zumindest eine Umgebung zu suchen, die ansatzweise widerspiegelt, was er so denkt. Sei mal allein unter lauter Fussballsfans oder Strickbegeisterten 🙂

    Es entseht häufiger mal der Eindruck, als wären „Linke“ Leute, die irgendetwas tun, weil der Grosse Vorsitzende es so wollte. Nein, ist nicht so. Zumindest habe ich in der radikalen Linken niemanden kennengelernt, der das so tat. Für den Rest mache ich keine Aussagen mangels solider Kenntnis.
    Oder die Dinge tun, weil sie „links“ sind. Nein, ich tue und denke nichts, weil es „links“ ist, sondern weil ich es für sinnvoll halte. In einigen bereichen gucken mich „Linke“ entsetzt an und bgreifen die Welt nicht mehr.

    Was wollte ich ganz konkret sagen?
    Weiss ich grad nicht mehr. Vielleicht, dass „links“ nicht sehr aussagekräftig ist. Oder dass man nicht erst beschliesst, „links“ zu sein und dann irgendwas nachplappert. Oder dass niemand gezwungen wird, „den ganzen Sack“ zu nhemen. Denn Menschen zu etikettieren bringt wirklich nicht viel, ausser gelegentlich bodenlose Überraschung.

    cassandrammviii

    2. Mai 2009 at 6:07

  27. „und mitunter ohne jeglichen Respekt vor nicht-alternativen Lebensentwürfen. Als “fortschrittlich” galt fast ausnahmslos nur, was spießig war, und dazu – per se – alles, was schwul, lesbisch oder schräg daher kam. Mit anderen Worten, das Sexualklima der Linken war (doch, doch): repressiv“

    Gelegentlich anders repressiv, aber repressiv. Mit Freiheit hatte das manchmal nicht viel zu tun. Ich kannte mal Frauen, die behaupteten ohne eine lesn´bische Beziehung sei ich eh nicht kompetent mitzureden (und es ging dabei nicht um Sex in eigentlichen Sinn…)

    Mit 14 motivierte ich den älteren Bruder meiner besten Freundin dazu, die Vollseppen, die sich morgens mit dem Hitlergruss begrüßten, einen Kurzunterricht in Verfassungstreue zu geben. Der war grösser, älter, Schulhofaufsicht und Türke- das kam schon überzeugend.
    Ich war halt ein braves Mädchen.

    Das man gegen Ausländerfeindlichkeit sein muss war irgendwie klar- immerhin war meine Freundin Türkin. Als wir das mal im Konfirmandenunterricht besprachen bekam ich hinterher einen Wutanfall. Die gleichen Dorfhelden, die nie einen Türken eingeladen hätten klebten Collagen was man so alles tun kann und am nächsten Tag in der Schule ging es genau so weiter. Ich denke, das hat mit die Wichtigkeit, Denken und Handeln zu vereinen gezeigt.
    Und wenn heute eine mir sattsam bekannte PDS-Abgeordnete zwar erklärt, der Bäcker nebenan seien „Schweine“ wegen der Arbeitsbedingungen, ihre Brötchen aber trotzdem genau dort holt und nicht mal das Problem sieht… dann versagt es mir das Begreifen.

    Friendensbewegeung… ich mal wieder zu jung.

    Die ersten politische Grunderfahrungen waren 1989.
    Besagte Konfirmandencollage und der Widerspruch zwischen „es besser wissen“ und „handeln“ bzw. die Verlogenheit meiner Mitkonfis, die brav sagten, was der Pastor hören wollte.
    Meine Diskussion mit dem Erdkundelehrer, als ich im Erdkundeunterricht aus lauter Faulheit „BDR“ schrieb und deswegen Ärger bekam. Den eigenen Staat kürzt man nicth ab! Und das Kürzel BRD schliesse die Anerkennung der DDR ein und das sei verboten. Ich schaute in den Atlas und sagte „aber da ist sie doch“- erschien mir schwer logisch, machten wir doch gerade einen Ländervergleich. Er erklärte dann, dass wir, wenn wir unser eigenes Land wirklich nicht ausschreiben wollten „wie das eine Schülerin hier ja tut“, „BunRep Dtschland“ schreiben sollten. „Ditschland“ ging dann aber mir zu weit (im lokalen Dialekt ist „ditsch“ so was wie besoffen) und ich blieb bei BRD. Notenabzug wegen Leistungsverweigerung, aber ich blieb dabei.
    Bürgerbewegung in der DDR & Maueröffnung- an sich eine grossartige Sache. Nur leider hatten danach ziemlich fix die „Schulhofnazis“ Oberwasser. Ausser mir sah keiner den Zusammenhang. Es gab von Lehrerseite so schöne Sätze wie „die machen das eben, das heisst aber nichts“ als ich versuchte, das Hitlergrussproblem nachhaltig zu lösen.

    Und so, irgendwo zwischen Tanzstunde, verliebt in den Mitschüler, Streitereien mit Lehrern und was das Leben mit 14 sonst noch so ausmacht begann ich zu begreifen, dass es da druassen eine Welt gab. Und ich war sehr froh, als ich von dort in die „grosse Stadt“ ziehen konnte.

    cassandrammviii

    2. Mai 2009 at 6:39

  28. @Notenabzug wegen Leistungsverweigerung, aber ich blieb dabei.—– Und bei uns gab es 1977, im Deutschen Herbst, eine politisch motivierte 6 in Französisch für das Drittel eines Jahrgangs, weil in der Schülerzeitung ein Artikel gestanden hatte, in dem die Heldenverehrung für die Geiselbefreier von Mogadischu kritisiert wurde. Da wurden alle, die dem Umfeld der Schülerzeitung zugeordnet wurden gezwungen, ein Jahr zu wiederholen.

    chezweitausendeins

    2. Mai 2009 at 9:53

  29. Warum gerade in Erbfeindisch?

    cassandrammviii

    2. Mai 2009 at 11:55

  30. Tjänun, mein Erdkundelehrer war ebenfalls ziemlich konservativ, und es kamen von ihm genau die gleichen Sprüche zur Abkürzung „BRD“, wenn diese von den Schülern verwendet wurde – mit dem Unterschied, dass ihm „BunRep Deutschland“ dann doch wohl zu blöd gewesen wäre. Jedenfalls, irgendwie lockte es ihn, mir wegen meinem „BRD“ die Note zu schmälern, das war ein richtiger Streitpunkt und es baute sich so eine Art Spannung auf, tja, und ich fing an, im Erdkundeunterricht Obst zu verspeisen, teils aus Respektlosigkeit, teils aus Hunger.

    Da sah er seine Chance, machte deshalb ein Riesenfass auf, holte Verstärkung (den Vizedirektor) und gemeinsam nahmen sie mich ins Kreuzverhör. Einerseits wegen der mit Behagen verspeisten Orange, andererseits wegen der „BRD“.

    Nach einer halben Stunde Diskussion war er (nebst seinem Vizedirektor) kurz davor zu akzeptieren, dass vielmehr die Unterbrechung der Nahrungsaufnahme (meine Orange…) eine Unhöflichkeit gewesen sei, und nicht etwa das Verspeisen der Orange durch mich. Und – das ist nicht gelogen – fortan verwendete er im Erdkundeunterricht gelegentlich das „BRD“ selbst!

    Seitdem hatte ich einen Riesenrespekt vor diesem Lehrer sowie einen beachtlichen Respekt vor liberal gesinnten Konservativen.

    Wie auch immer, nach dem Vorfall mit der Orange mochten wir uns. Orangen im Unterricht verspeisende Linke waren ihm deutlich sympathischer – und ich entwickelte ein gewisses Verständnis für den Kummer der Konservativen.

    (wie das Leben so spielt)

    John Dean

    2. Mai 2009 at 12:58

  31. @ Cassandra

    >>> „Nein, ich tue und denke nichts, weil es “links” ist, sondern weil ich es für sinnvoll halte.“

    Dito. Was Du alles gedacht und getan haben magst, fällt bei mir unetikettiert unter den Begriff Eigeninitiative, auch Zivilcourage, und beschreibt eigentlich das, was aus persönlicher Haltung plus Meinungsbildung – aus eigenem Antrieb + im eigenen Auftrag geschieht.

    Ideologisch + programmatisch abgespeckt wäre ‚Linkssein‘ demnach nur ein anderes Wort für empathiefähiges Mensch(lich)sein. Die Strickfehler, die es m. E. dann zeigt, wenn mehr als Anstoss, also Programm daraus wird, lasse ich jetzt aber weg … während VeteraaaanInnen sich was zu erzählen haben 🙂 …

    Lina

    2. Mai 2009 at 18:20

  32. Lina, du musst mir noch mal erklären, was eigentlich du sagen willst. Sorry, ich mal wieder zu vernagelt.

    Zur Zeit verstehe ich so was wie „es gibt ja gar kein links“ oder so was, und das stimmt nicht und das meinst du auch wahrscheinlich nicht. Oder?

    Es hat sich so um 1850, im Paulskirchenparlament, eingebürgert, von „rechts“ und „links“ zu reden. Gemeint war damit wer, vom Parlanentspräsidenten aus gesehen, rechts oder links sass. Und damit parlamentarier sich nicht ständig das Lästern seines Kontrahenten anhören musste sass man nach Gruppen getrennt.
    Damit war gemeint, dass links diejenigen sassen, die für Veränderung waren, und rechts die Konservativen, von lat. conservare, bewahren, das waren die Jungs, die wieder nach gestern wollten.

    Das hat sich seitdem alles ein paar Mal umgestrickt, die Spieler wurden ausgetauscht, ein paar historische Prozesse haben ihren Niederschlag gefunden etc.
    Und was heute manchmal alles als „links“ durchgeht verstehe ich ja manchmal auch nicht.
    Linkssein ist nämlich mehr als ein bisschen Gutmenschentum. Gutmenschentum stört nicht, es hilft sogar, aber da ist immer noch diese alte, ungelöste Frage nach den Produktionsverhältnissen. Ganz vereinfacht denke ich, dass unser wunderbarer Planet genug beitet, damit wir alle 6 bis 7 Milliarden Menschen, hier ganz gut und ausreichend versorgt leben können. Da das im Moment nicht so ist, läuft was schief. Und da kommt dann wieder die Frage „Rechte oder Almosen“. ich bin im Moment für beides- die Almosen verhindern, dass bis das mit den Rechten klappt Leute an Hunger oder dreckigem Trinkwasser oder weil die 5 Tacken fürs Mückennetz fehlen krepieren. Aber darüber verlieren „Linke“ nicht die eigentliche Problemlösung aus den Augen. Und da kommen wir wieder nach Frankfurt: links sassen die Jungs (Mädels noch nicht, das dauert noch), die generell der Ansicht waren, dass Menschen gleich seien und so ein König, der für alle denkt, eine dumme Idee ist.

    Eigeninitiative, Zivilcourage etc sind eigentlich Zeichen eines jeden Bürgers in einer Demokratie. Auch sollten Bürger einer Demokratie sich an politischen Prozessen beteiligen und sich Meinungen bilden, ohne geht das alles nämlich nicht. Dann haben wir Wahlbeteiligungen um die 65% und das geht nicht. Ich sage seit Jahren, dass wir eigentlich die Bürger waren, die sich die Demokratie wünscht.

    So, nun hat Oberlehrerin Cassie mal wieder gezeigt, dass sie, ohne zu wissen, was die Frage ist, antworten kann.

    cassandrammviii

    2. Mai 2009 at 18:54

  33. Worauf man so stößt, wenn man sich im Netz langweilt, weil Don Alphonso mit seinem blöden neuen Auto beschäftigt ist – ein Blog von Alt-Autonomen, nur zwei Klicks vom im Organ des Klassenfeindes bloggenden Don entfernt.

    Die Sexismus-Debatte ist mir noch in guter Erinnerung, weil sie meinen Anfang vom Abschied von den Autonomen markierte. So richtig begriffen habe ich aber bis heute nicht, wie es zu diesem Schwachsinn kommen konnte (ich habe mich damals einfach geweigert, mitzumachen, was bei dem moralischen Druck der Szene nicht ganz einfach war; hilfreich war sicher, daß ich aus einer katholischen Gegend stamme und den protestantischen Innerlichkeitswahn meiner Genossinnen und Genossen nie geteilt habe, kein Wunder also daß ich in der Folge mit einer anderen „katholischen“ Genossin die *unbedeutende Autonomengruppe* gespalten habe).

    Mein Erklärungsversuch war damals, daß es der Zusammenbruch der traditionellen Politikfelder der Autonomen (die Häuser waren geräumt, der Anti-AKW-Kampf ausgekämpft) war, der zu dieser inneren Selbstzerfleischung führte. Wenn man noch die (nicht zu verallgemeinernde, aber doch weitverbreitete) Theoriefeindlichkeit der Autonomen dazunimmt, dann war das Thema super. Über’s vögeln konnte prinzipiell jede/r mitreden, ohne daß es nötig war, auch nur einen popligen Aufsatz zu lesen. Und man mußte nicht nach draußen gehen, gar wildfremde Leute anagitieren, sondern konnte innerhalb seiner eigenen kleinen miefigen Szene scheinbar eminent wichtige politische Debatten führen. Das hatte zwar alles keinen Sinn, hielt die Leute aber beschäftigt.

    Heute bin ich mir da nicht mehr so ganz sicher, ob das alles war. Die Theorie von Che, daß die Arbeiterkinder vom Nachwuchs der „kleinbürgerlicher Intelligenz“ in den Führungspositionen der Autonomen ersetzt wurden, scheint mir aber eher schlecht lenininistische Klassenanalyse. Ich könnte das so auch nicht empirisch bestätigen (da trifft’s mein „katholisch“ vs. „protestantisch“ noch eher, aber das erklärt auch nichts).

    Vielleicht liegt es tatsächlich an der Grundkonstitution der undogmatischen Linken nach dem Tunix-Kongreß, wenn „Linkssein in Westdeutschland kein Programm und keine Große Erzählung mehr [war], sondern eher so eine Projektmentalität und ständige Baustelle, eher eine Lebenshaltung als ein fester Plan“, wie Che geschrieben hat. Denn dann beruhte Linkssein tatsächlich im wesentlichen auf einer rein subjektiven, verinnerlichen Moral. Und eine derartige Moral zog dann von vornherein eher Individuen an, die zu einer, nennen wir’s mal in Ermanglung einer besseren Begrifflichkeit: „protestantischen“ Haltung zur Politik neigten. Und in dem Maße, in dem dieser „protestantischen“ Haltung das äußere Objekt in Form konkreter Auseinandersetzungen und Kampagnen fehlte, in dem Maße richtete sie sich selbstzerstörerisch nach innen.

    Aber zumindest wurde auf Basis der Seximsudebatte kein wahnhaftes, in sich geschlossenes, paranoides Weltbild errichtet, wie das die Anti-Deutschen mit ihrer Antisemitenjagd hingekriegt haben. Und das spricht dann schon fast wieder für die Autonomen…

    Alter Bolschewik

    2. Mai 2009 at 22:54

  34. Wir waren ja auch der Verfassungsschutz von links, als wir gegen Neonazis vorgingen, auf einer Demo sagte Tuc das sogar. Und der Coach wurde, als er mit einem Antifa-Aufnäher einkaufte gefragt, ob er im Dienst sei. Ganz normale Bürger nahmen uns als so eine Art Garde gegen Naziskins wahr. Lustig war es, als ein Flüchtlingswohnheim von Fascho-Skins angegriffen wurde und Antifas dorthin eilten, um den Flüchtlings beizustehen und nur noch heulende und blutende Nazis antrafen – sie hatten eine Unterkunft von Anhängern der Volksfront für die Befreiung Palästinas angegriffen, die den Jägerzaun um ihr Wohnheim demontierten, um die Nazis zu verprügeln, sorgfältig darauf achtend, mit der Nagelseite zuzuschlagen. Die schlachteten dann einen irgendwo aufgetriebenen Hammel für die UnterstützerInnen. Problem: Die ernährten sich mehrheitlich vegetarisch;-)

    chezweitausendeins

    2. Mai 2009 at 23:21

  35. >>> „So, nun hat Oberlehrerin Cassie mal wieder gezeigt, dass sie, ohne zu wissen, was die Frage ist, antworten kann.“

    Ja, kann sie (-:!

    Wobei da eigentlich gar keine Frage war, na ja, vielleicht eine unterschwellige. Wenn ja, dann war’s aber doch nicht die passende Antwort darauf, denn das mit dem ‚links‘ + ‚rechts‘ als räumliche Verortung und so … das wusste ich alles schon (-; .

    Nur: dass Du Dich nicht nur auf echtes, sondern auch auf gedankliches Schwimmengehen mit Flüchtigen einlässt (meines, meine ich) das ehrt Dich … und freut mich ((-: !

    Lina

    3. Mai 2009 at 5:36

  36. Oh ja, das hat für Verwirrung gesorgt. Und einigen Junghelden der Antifa kurz und eindrucksvoll demonstriert, dass ihr „Flüchtlinge als Opfer“-Bild revidiert werden muss.

    Ich fürchte, wir haben zeitweise mehr über Herrn Heise gewusst als der VS. Und, im Gegensatz zum VS, haben wir das Problem ernst genommen.

    Den Vegetarismus habe ich mir abgewöhnt als wir mit den Kindern schwimmen gingen. Es wäre einfach grob unhöflich gewesen, eine Einladung zum Essen auszuschlagen und niemand da verstand, was das soll und warum man das macht. Fleisch ist teuer, und wenn man das einem Gast anbietet, dann sollte der nicht ablehnen- grob unhöflich und schon auf der Grenze zur Beledigung im entsprechenden kulturellen Kontext.

    cassandrammviii

    3. Mai 2009 at 5:37

  37. Komisch, obwohl ich seit beinahe 20 Jahren nicht mehr daran gedacht habe, scheint mich das Thema doch umzutreiben. Hier nochmals ein Erklärungsversuch (ich spar‘ mir jetzt mal die ganzen „möglicherweise“, „meiner Meinung nach“ etc., ihr könnt die aber mitdenken).

    Eine Stärke / ein Problem der Autonomen war es immer, daß sie keine formalen Hierachien hatten. Das machte sie vor allem für die Staatsschutzorgane ziemlich undurchschaubar – das war die Stärke; gleichzeitig war das aber auch eine gewaltige Schwäche, denn das hieß leider nicht, daß es keine Hierarchien gab, sondern daß sie nur nicht formal greifbar waren. Wer die größte Klappe hatte, konnte auch leicht ein Plenum dominieren. Manchmal war’s auch nicht nur eine große Klappe sondern tatsächlich Charisma, Talent, Erfahrung, was auch immer. Doch egal ob begründet oder unbegründet: Es existierte eine unausgesprochene, aber dennoch fatal wirksame Hierarchie, eine Art sozialer Darwinismus, der dazu führte, daß eine ganze Menge Leute das Maul hielten, obwohl sie möglicherweise Intelligentes und Richtiges zu sagen hatten; oder die vielleicht ihre Zweifel und Ängste hätten artikulieren wollen, sich aber nicht trauten (und einen dann in der Aktion im Stich ließen, weil ja alles so unhierarchisch und unverbindlich war, daß jede/r auf eigenen Beschluß hin aussteigen konnte). Che hat das oben mit der „Vorsitzenden“ ganz gut beschrieben, obwohl er damit
    etwas ganz anderes belegen wollte.

    Aber in der Regel waren diese Hähnchen, die ihre revolutionären Federn spreizten, Männer. Und ich glaube, daß Sexismus-Debatte auf einer bestimmten Ebene gar nichts mit Sex zu tun hatte, sondern mit diesen Hierarchien. Denn diese konnten als solche gar nicht hinterfragt werden, weil es sie offiziell gar nicht gab. Klar konnte jede/r, rein formal gesehen, im Plenum seine/ihre Meinung sagen; und wer sich nicht traute, seinen Mund aufzumachen, war selber schuld (siehe noch einmal oben, Ches Beispiel mit der „Vorsitzenden“). Wenn man aber die Dominanz der „Macker“ anhand einer Genderdebatte in Frage stellte, konnte man sie relativ einfach mundtot machen.

    Das würde auch erklären, warum diese Debatte eine Debatte der „2. Generation“ war. Während in der 1. Generation die Hierarchien sich während der Aktionen herausbildeten und für die Beteiligten wenigstens nachvollziehbar waren, schienen sie denen, die später dazustießen, komplett irrational (vor allem, weil es auch die Maulhelden gab, die tatsächlich außer einer großen Klappe nicht zu bieten hatten, die aber von den echten „Kadern“ kaum zu unterscheiden waren).

    Natürlich geriet das ziemlich schnell außer Kontrolle und endete in unsäglichen Schwachsinnsdebatten. Aber ein kleiner rationaler Kern ist in der Sexismus-Debatte enthalten, nämlich diese Kritik informeller Hierarchien. Nur lassen sich Hierarchien weder wegdiskutieren noch durch Einsicht oder Dekret abschaffen. Sie hätten – möglicherweise – durch Offenlegung und Formalisierung bekämpft gehört (zum Beispiel durch so einfache Dinge wie die Wahl einer Diskussionsleitung in den Plena, oder daß klargestellt wird, wer eigentlich für welche Gruppe spricht, damit nicht eine Gruppe das ganze Plenum dominieren kann, etc.).

    Aber letztendich wäre das auf eine Organisationsdebatte hinausgelaufen, und die wollte damals keiner führen.

    Alter Bolschewik

    4. Mai 2009 at 19:03

  38. Doch, die Organisationsdebatte wurde ja geführt, nämlich von der (M). Fatalerweise lief das aber auf eine hierarchische Diskussion hinaus. Ansonsten hast Du in vielem Recht.

    che2001

    4. Mai 2009 at 21:04

  39. Von der (M) habe ich, 500 km entfernt, nicht viel mitbekommen; für mich klang das damals ziemlich nach einem Neuaufguß (in organisatorischer Hinsicht) der K-Gruppen, und das hat mich nun wirklich nicht die Bohne interessiert. Als sich unsere Gruppe auflöste, weil die meisten nach Berlin zogen, habe ich mich für eine komplett andere Organisationsform entschieden: Ich habe eine Band gegründet. Das ist zwar auch nicht ganz hierarchiefrei, hat sich auf die Dauer aber besser bewährt. Und ob die Welt durch meine politischen Aktivitäten ein besserer Ort geworden ist als durch meine musikalischen wage ich nicht zu entscheiden. Mehr Spaß macht letzteres allemal…

    Alter Bolschewik

    4. Mai 2009 at 22:56

  40. Das sieht so aus, als ob die Linke immer dann am Ende ist, wenn sie sich lust- und ironiefrei in den Sexkram vertieft, wie in einigen Kommentaren geschildert. Die Unglücksraben kreisen, wenn Norbert Trenkle („Krisis“-Gruppe) das „historisch-strukturell männlich besetzte Reich von Arbeit, Ware und Wert“ entdeckt. Ich glaube, der müßte nur mal richtig durchgefickt werden.
    Da fällt mir gerade die Butler ein, deren Texte antiästhetischer, bierernster und unerotischer ja nicht sein könnten. Nicht der Inhalt, aber der Ton ist der gleiche wie bei Trenkle.

    In den Marx-Lesekreisen des „SDS.Die Linke“ gibt es nicht wenige, welche die in Marx‘ „Kapital“ nichtbehandelte Frauenfrage als zu behebendes Defizit identifizieren. In den 70ern waren das bei Oskar Negt „die unerfüllten Programme bei Marx“. Immer geht es darum, die Unzulänglichkeiten der eigenen „Kapital“-Lektüre als Fehler bei Marx wiederzufinden.

    noergler

    4. Mai 2009 at 23:49

  41. Für mich klingt hier vieles nach Kasernenhofton. Dieser wird jedoch aufgelockert (was Wort „locker“ ist hier eigentümlich deplatziert) durch barocke Satzbildung, Bedeutungshuberei, massive Logikverstöße und eine geradezu dystopisch unklare Semantik. Vielleicht kann man sagen, dass J. Butler eine neue literarische Sparte gebildet hat, als sie ihren hochapodiktischen Kasernenhofton mit vollauf dadaistischer Semantik gekreuzt hat.

    (*hihi* und manche Blog-Leser/innen halten J. Butler für einen hell leuchtenden Stern am Firnament der Erkenntnis)

    Dennoch gilt: Viele haben allerhand Gewinn aus J. Butlers Machwerk-Literatur gezogen, z. B. im Queer-Miljöh – ähem, und dann wollte ich noch sagen: stilistisch ähneln sich F.A. Hayek und J. Butler mitunter…)

    // OT: off //

    @ Nörgler
    Marx hat trotz allem Geist und einigem Genie kein Werk geschaffen, dass alle sozioökonomischen Umstände und Gesetzmäßigkeiten beschreibt. Es ist meiner Meinung nach eher ein Anfang als ein Ende, eher eine Ergänzung, als eine umfassende Erklärung des sozioökonomischen Geschehens. Natürlich gibt es Leerstellen. Aber erstaunlich finde ich hierbei vor allem Leute, die vor allem „eine“ Leerstelle finden, zum Beispiel die Emanzipationsfrage, und diese dann mit sektenartigen Eifer auszufüllen versuchen, in der Hoffnung, damit der Wahrheit reines Elixier zu gewinnen.

    Für mich ist Marx wichtig – ich gebe ihm, was sozioökonomische Fragen betrifft, „15 Prozent“, und das seit sehr vielen Jahren. Wobei das nicht genau stimmt. Während der Zeit, wo ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe, stieg die Bedeutung von Marx für mich deutlich an (auf „15 Prozent“), nicht zuletzt deshalb, weil in dieser Zeit die geradezu lächerlich ideologische Struktur der bürgerlichen Wirtschafstswissenschaften für mich offenbar wurde. Den allergrößten Teil einer zu gewinnenden bzw. zu entdeckenden Sozioökonomie halte ich allerdings noch für offen bzw. unentdeckt. Weder Marx, noch die bürgerlichen WiWiss haben beispielsweise eine adäquate Theorie der Ursachen von Arbeitslosigkeit im modernen Industriestaat. Es ist ein Stochern im Nebel, zumeist begleitet von übersimplifizierten Annahmen – meine ich. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass mir selbst die Dinge nebelhaft vorkommen, wo bei anderen Menschen völlige Klarheit herrscht. Ich bewundere ja solche Deppen wie HW S*nn, und zwar für derem frohe meinungsstarke Dummheit. Es sind Deppen, die sich einfach ein allgemeines „X“ aus einer ebenso abstrahierter „Nachfrage“ und „Angebot“ denken, denen es dank eigener Dämlichkeit tatsächlich gelingt, die schwankende (!) Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft vor allem als Ergebnis „zu hoher Preise“ für das Gut Arbeit zu betrachten, ohne dass ihnen dabei auffällt, dass sie mit dieser verdummenden Annahme bereits die Grenzen des eigenen, sehr simplen Gleichgewichtspreismodells überschritten haben, beispielsweise indem sie implizit behaupten, dass eine Art Vollbeschäftigung das natürliche Ergebnis eines nun deutlich niedriger gedachten Gleichgewichtspreises für das Gut Arbeit sei – was natürlich kompletter Mist ist.

    Ähm, ich vergallopiere mich gerade.

    Wie auch immer, die jegliche Kritik abweisende Vergötzung einzelner Autoren ist mir generell zuwider, bei J. Butler mangels intellektueller Verdienste sogar in besonderen Maß. Denn ich halte diese Autorin weder für übermäßig klug, noch ihr Werk für das Ergebnis einer Ernst zu nehmenden Methodik, noch für sonderlich erhellend. Und in diesem Fall bin ich sogar sehr geneigt, die Ursache dafür nicht in der eigenen Beschränktheit zu sehen, eine Beschränktheit, die mir ansonsten außerordentlich offenbar ist – ja, um etwas Persönliches über mich einmal bekannt zu geben – die mich außerordentlich quält, nicht zuletzt deshalb, weil mein immer noch ausgeprägtes Fragen (in gesellschaftlichen und sozioökonomischen Angelegenheiten) nach dem „Warum“ kaum jemals an einem Zielpunkt endet, kaum einmal an einem Punkt, wo ich die gestellten Fragen für wirklich beantwortet halte.

    Insofern beneide ich selbstgewisse Apodiktiker wie Mises, Butler oder Adorno, und das sogar, wenn ich mir bei manchen der dort produzierten Texte die Frage stelle, ob die Autoren zum Zeitpunkt der Abfassung nicht einfach nur stark bekifft waren.

    John Dean

    5. Mai 2009 at 11:42

  42. Da haben nun Momorulez, meine Wenigkeit und der Nörgler bezogenauf Adorno, Momorluez, Netbitch und ich bezogen auf Butler mit Engelszungen Dir gegenüber zu erklären versucht, wo es bei beiden jeweils eigentlich geht. Nur hindert Dich, so will es scheinen, selbstgewisse Apodiktik daran, das überhaupt wahrnehmen zu können;-)

    che2001

    5. Mai 2009 at 18:36

  43. Ja, der Dean hat’s uns allen mal wieder richtig besorgt.

    noergler

    5. Mai 2009 at 21:18

  44. Inzwischen bejubiliert die gestattete Gesellschaftskritik die eigene Ausbeutung, da sie ja am Spekulationsgeschäft nicht beteiligt war. Und denkt, dass sie damit davonkomme. Zu Unrecht, denn die Intransigenz macht nicht vor irgendetwas halt, was systemimanent ist. Die einzige gemeinsame Klammer, die es zwischen Marx, Horkdorno, Butler und den Autonomen gibt ist der Wille, etwas außerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung denken zu wollen und dabei zugleich die bestehende Gesellschaft zu beschreiben und zu kritisieren. Diese Art von zumindest gedanklicher Transzendenz lächerlich machen zu wollen führt nirgendwohin außerhalb dessen, was wir schon haben.

    che2001

    5. Mai 2009 at 23:06

  45. Ach, was. Besorgt habe ich es hier niemanden – außer vielleicht ein Stück weit mir selbst, und das dann nicht zum Vorteil.

    Wenn ihr es so leicht findet, aus den Werken der oben aufgeführten Autoren feststehende Antworten zu destillieren (man bedenke: Marx gehörte nicht in die Reihe der „Apodiktiker“, die ich hier – leicht verwegen – aufgestellt habe), dann beglückwünsche ich euch, und das sogar reinen Herzens!

    Wenn Momorulez aus Adorno und J.Butler sich was wirklich Nützliches zusammen rühren kann – hey, dann ist ihm zu gratulieren.

    Doch, wirklich. Und ich halte M. keineswegs für dumm.

    (übrigens: keine(n), der/die hier regelmäßig mitdiskutiert halte ich auch nur ansatzweise für dumm – was durchaus in einem bemerkenswerten Unterschied zu meiner Selbsteinschätzung Person steht)

    Der Punkt für mich ist: Ich kann aus den Autoren wir Mises, J. Butler oder Adorno halt nur wenig gewinnen, einige Anregung vielleicht, aber jedenfalls nichts, was als ein nur halbwegs zuverlässiges Beantworten gesellschaftlicher Fragen einstufe. J. Butler steht unter diesen Dreien unter diesem Aspekt bei mir am weitesten unten, für mich Werk von Butler im Wesentlichen ein kranker, akademischen Bluff sowie maßlos aufgeblasen – allerdings muss ich zugeben, dass Mises, jedenfalls nach meiner Erinnerung, eine deutlich höhere Gaga-Frequenz aufweist.

    Umso lächerlicher ist es, wenn irgendwelche bloggenden Rechts“liberalen“ sich in ein intellektuelles Gewand werfen und dann ausgerechnet Mises zu einem ihrer Leitgestirne ausgewählt haben – in dem Fall rate ich dann doch lieber zur Lektüre von J. Butler oder Adorno 😉

    John Dean

    5. Mai 2009 at 23:13

  46. In der nun wiederholten homogenisierenden Nennung von Mises und Adorno, zwei Denker (wenn man Mises formell als solchen bezeichnet), deren qualitativer Abstand nicht größer sein könnte, sehe ich nur den Ziwo-Style des festen Vorsatzes der brutalstmöglichen Provokation, etwa so, wie wenn ein Deutscher mit Oberlippenbärtchen und Seitenscheitel sich auf den Marktplatz von Tel Aviv stellt und ein Transparent hochhält, auf dem steht: „Ich bremse auch für Juden – jedenfalls in Israel“.

    noergler

    6. Mai 2009 at 7:00

  47. Das wollte ich gestern abend schon schreiben, war das Internet war kaputt (oder so)

    Ne, Che, da hast du nicht ganz recht. Die Organisationsdebatte wurde auch von anderer Seite geführt. Die AA/BO war nur einfach extrem effizient.
    Auf Anregung einer dir wohlbekannten Kleingruppe, die als Antwort an die M ebenfalls ein Organisationspapier verfasst hatte, was sogar bundesweit veröffentlicht wurde, entstand zB das Infobüro in Gö als Anlauf- und Koordinationsstelle. Oder das Antifa-Regionaltreffen.
    Und die M und damit die BO hatten einen extremen Vorteil: sie waren viele.
    Und sich halbwegs einig. Ich denke zwar, dass „der Rest, der nicht in der BO ist“ rein zahlenmässig eher mehr waren, aber dafür war die M halt nur eine
    Gruppe, mit allen Vorteilen. Und den Rest hielt, zumindest was das angeht, gelegtnlich nur „wir mögen die M nicht“ zusammen.

    Der Alte Bolschewik hat durchaus recht, wenn er sagt, dass ein Teil des Problems die Unverbindlichkeit war. Und genau dieser sollte über Infobüro und Regionaltreffen entgegengewirkt werden.
    Der grosse Vorteil war die persönliche Bindung der Leute untereinander. Da ist es für den VS & Co wesentlich schwerer reinzukommen. Und das es keinen
    Vorstand gab- da kann dir nämlich (Grüsse an die NPD) auch keiner denselbigen infiltrieren.

    Ich hatte irgendwie oft das Gefühl, dass diese ganze Sexismus-Sache Stellvertreterkriege waren. Generell war man sich ja doch recht einig. Okay, ich finde Gender ja tendenziell auch eher langweilig, aber das darf man oder frau ruhig anders sehen.

    Mit den Hierarchien stimme ich ihm zu, denke aber, dass es hier weniger um „grosse Klappe“ oder um Gender ging, sondern einfach um die Art soziale
    Hierarchie, die sich immer bildet.
    ich sehe allerdings nicht, dass Leute mit grosser Klappe es schafften, längerfristig zu domineren. Dazu war die Szene doch zu klein. Aber der- oder diejenige mit der pc-sten Moral konnte das schon schaffen. Und das bezieht sich nicht nur auf Sexismus.

    cassandrammviii

    6. Mai 2009 at 8:59

  48. @ Nörgler
    Sieh meine – weit unvollständige – 3-teilige Apodiktikerliste ruhig als gegensätzlich an. Genau so ist es auch gemeint. Aber allen Dreien ist der erheblich priesterliche Ton in ihren Schriften gemeinsam wie auch das priesterliche Gehabe. Ich finde diese Gemeinsamkeit derart offenkundig, dass es mich doch ziemlich verblüfft, dass du das bislang nicht sehen kannst/magst. Gemeinsam ist ihnen auch die Apodiktik, die aus ihren Texten trieft. Nun, und dass es sonst unter diesen Dreien erhebliche stilistische und inhaltliche Differenzen gibt, welche man sich kaum größer denken kann: geschenkt.

    @Cassie

    Aber der- oder diejenige mit der pc-sten Moral konnte das schon schaffen. Und das bezieht sich nicht nur auf Sexismus.

    Oh, da fallen mir einige Beispiele ein – geradezu extremistisch an ihre linken Gruppen und Bezüge superangepasste Figuren, die sich ganz wunderbar für eine Groteske eignen würden.

    Ich glaube, der meist extreme Gruppendruck in diesen Strukturen sowie die durchaus typische Dreistigkeit, mit der das Privatleben Einzelner zur öffentlichen Angelegenheit gemacht wurde, führte zu einer Reihe von Deformationen.

    Es führte aber nicht unbedingt zu einem freiheitlichen Klima. Ganz im Gegenteil, nirgendwo in meinem Leben begegnete mir ein derartiger Sexismus in der Diskussionskultur wie in diesen Plenen. Und doch, Lautsprecher waren ein Problem, das Niederbrüllen und Niederhalten der Leisen und anders Denkenden/Fühlenden war ein Problem. Es fiel nur denjenigen nicht so auf, die das schon seit vielen Jahren kannten bzw. in diesen, eigentlich rigiden, Gruppenstrukturen gut klar kamen.

    Auf Außenstehende hinterließ die klassisch sexistische Struktur linker Plenen – freilich ohne, dass Außenstehende es „sexistisch“ nennen würden – im Regelfall einen extrem widerlichen Eindruck.

    Insofern mag man es für einen Treppenwitz halten: Gruppen, die sich das Thema Freiheit (z. B. für Migranten) zum Thema gemacht hatten, waren gruppenintern mitunter von einem recht unfreiheitlichen und dogmatischen Klima geprägt, und die gleichen Gruppen, welche Sexismus zu den Erzfeinden menschlicher Kultur zählten, hatten eine zugespitzte und unterdrü
    ckerische Diskussionskultur, die von Sexismus und Mackertum nur triefte.

    Hey – und (man glaubt es ob meines Fremdelns kaum) ich bin Veteeeraaaaan, jedenfalls – gewissermaßen – der Revolution. Eine „sexuelle“ Revolution gab es in meinen Kreisen eher nicht, außer, man erachtet Sexualrepression als einen revolutionären Akt.

    Doch, doch: Linksextreme Gruppen der 80er und 90er Jahre hatten zumeist ein sexualrepressives Klima. Warum das so war, verstehe ich allerdings nicht, nicht mal in Ansätzen. Um auf die hier von einigen hochverehrte Butler zurück zu kommen: Ich kann nur sagen, dass „J.Butler-Lesegruppen“, wo sie denn auftauchten, einen ausgesprochen üblen Effekt hatten. Am harmlosesten waren noch die Bemerkungen an die unangepassten Männer, „jetzt müsst ihr euch auch emanzipieren“, womit freilich nicht etwa die Entfaltung des männlichen Individuums gemeint war, sondern eher, dass sich die linken Männer und Männlein bittschön innerlich zu kastrieren hätten, um gedanklich und ideologisch auf die Linie der Frauengruppen zu gelangen. So in etwa.

    John Dean

    6. Mai 2009 at 10:03

  49. Ich verstehe schon, was John Dean meint, wenn er behauptet, Adorno sei apodiktisch und damit könne er nichts anfangen. Und das sage ich, obwohl ich Adorno sehr schätze.

    Meistens hängt das davon ab, worüber er schreibt. Wenn er etwa über Musik oder Literatur schreibt, Gegenstände, die er wirklich kennt, dann sind seine Aussagen in der Regel begründet und nachvollziehbar. Wenn er aber so ganz allgemein über die „verwaltete Welt“ schwadoniert, oder den „Warentausch“, dann ist das oft heiße Luft. Das wäre nun nicht weiter schlimm, wenn das ganze in einem argumentativen Kontext vorgebracht würde. Tatsächlich verwendet Adorno aber in der Regel keine Argumente, sondern alle Begriffe erhalten ihren Sinn aus ihrer ominösen „Konstallation“; und damit können sie nicht wirklich argumentativ in Frage gestellt werden. Entweder man schluckt diesen durch die Konstallation der Begriffe hervorgerufenen „Sinn“ oder man tut alles als Blödsinn ab, dazwischen gibt es leider kaum Manövrierspielraum.

    Jetzt kann man – ich wage nicht zu beurteilen, ob zu Recht oder zu Unrecht – sagen, daß dahinter ein anderer (von mir aus auch „dialektischer“) Wahrheitsbegriff steckt, der dem argumentativen, positivistischen Wahrheitsbegriff (der in der absoluten Schwundstufe „Talkshow“ sein eigentliches Wesen offenbart) überlegen ist. Trotzdem muß man zugeben, daß das Ganze, wie John Dean geschrieben hat, etwas sehr apodiktisches hat.

    Und ich schwanke immer wieder hin und her, wie ich mich zu dem Ganzen stellen soll. Bei Adorno selbst führt diese Verfahrensweise oft genug tatsächlich zu vernünftigen Einsichten, die auf positivistische Art und Weise nicht hätten formuliert werden könnten. Aber manchmal ist es auch einfach Stuß, was er schreibt, und es fehlt ein vernünftiges, immanentes Kriterium, die Wahrheit vom Stuß zu unterscheiden.

    Und von den Adorno-Adepten will ich hier gar nicht reden…

    Alter Bolschewik

    6. Mai 2009 at 10:45

  50. „Lautsprecher waren ein Problem, das Niederbrüllen und Niederhalten der Leisen und anders Denkenden/Fühlenden war ein Problem. Es fiel nur denjenigen nicht so auf, die das schon seit vielen Jahren kannten bzw. in diesen, eigentlich rigiden, Gruppenstrukturen gut klar kamen“

    Das ist wahrscheinlich eine Frage der Persepktive- ich war eine junge Frau mit Schüchternheitsproblem. Da hat das „Training“, meine Gruppe auf Plena etc zu vertreten (und dabei reden zu müssen…), schon geholfen. Ich konnte zwar Redebeiträge schreiben, wollte aber partout nicht vortragen. Gab sich irgendwann.
    Aber Frau-sein half einer damals wahrscheinlich schon ganz gut. Frauen unterbricht man(n) halt nicht.

    Ich teile übrigens deinen Eindruck, was „Männeremanzipation“ angeht. Das Thema liegt mir, wenn ich mal so abends bei ’ner Tassee Tee überlege, mal wieder politisch aktiv zu werden, so quer, dass es mich ernsthaft abhalten kann.

    cassandrammviii

    6. Mai 2009 at 10:45

  51. Also, was meinen alten Gruppenzusammenhang angeht, den mit der sogenannten „Vorsitzenden“, die keine war, so war das eine im Bereich Flüchtlingssolidarität aktive Gruppe. Und die habe ich als äußerst unrepressiv erlebt, leise und herzlich im Diskussionsklima und sicher sehr weit herrschaftsfreier als jede Diskussion am Familientisch, im Seminar oder in einer normalen Kneipenrunde. Die politisch-moralisch-korrekten, vor Doppelmoral und Zwanghaftigkeit triefenden Grupopenzusammenhänge kenne ich natürlich auch, aber vor allem aus der studentischen Linken. Meine Erfahrung war: Je höher der Arbeiter- und MigrantInnenanteil, desto weniger Moralismus.

    Und nirgends habe ich dermaßen politisch unkorrekte, schwarzhumorige Umgangsformen erlebt wie in der Flüchtlingsunterstützer- und Kurdistan-Soliszene. Das ging so: „Hey Azad, warum kannst Du eigentlich nie still sitzen?“ „Das liegt daran, dass ich Kurde bin.“ „Wieso das?“ „Na, immer auf der Flucht!“ (Ich auf dem Weg zu einer Nigeria-Veranstaltung) „Hey Che, was machen Deine Neger?“

    Kurdischer Kollege tut weggeworfenen Döner auf einen Teller. „Was tust Du denn damit?“ „Ich habe einen Verwandten zu Besuch. Man sagt, die Kurden lassen alles mit sich machen, das will ich jetzt überprüfen. Außerdem sagt man, wir seien die Juden von heute, und da muss man ja Menschenversuche machen.“ (Tatsächlich war der Döner für seinen Hund.) Als Polizeibeamte uns von einem nächtlichen Lagerfeuer vertreiben wollten, tanzten die Kurden um den Streifenwagen, klatschten rhythmisch in die Hände und skandierten „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“. Ich wurde ab und an mit „Herrenmensch“ angeredet und antwortete „Teppichhändler“, und ein nigerianischer Freund (den wir nach der Abschiebung zurückgeholt hatten) bekam ein Geburtstagsgeschenk mit dem Zettel „Für den Geburtstags-Bimbo.“

    Etwas im positiven Sinne „Unmoralischeres“ wie den nichtstudentischen und durchmischt teils deutsch und teils migrantischen Teils der linksradikalen Szene habe ich nie kennengelernt. Das war vom Umgangston zwischen Titanic und Monty Python.

    che2001

    6. Mai 2009 at 13:27

  52. Als am hierarchisten und repressivsten habe ich das KLima in Teilen der FrauenLesben (oder wierum auch immer diese Woche…) erlebt. Das konnte echt die Laune dauerhaft vermiesen.
    Die Damen waren ja auch angesichts meines Bauchnabels sprachlos. Meine Güte, die Hälfte von denen stand angeblich auf Mädels, also nicht so anstellen, sondern lieber die Gratisvorführung geniessen! Bauchnäbel sah man da nämlich sonst nie, teilweise nicht mal Handgelenke.
    Du und Genossin J. wollten danach Tschador-Pflicht einführen wenn ich mich recht erinnere :)- hattet aber Skrupel, dass das zu Gruppenkeile von Iranerinnen führen könne.

    cassandrammviii

    6. Mai 2009 at 14:03

  53. Das war die Zeit, als der Coach in ernsthaftem Tonfall ein paar Obermoralos vortrug, politisch-korrekte Verhaltensweisen müssten an einen allgemeinverbindlichen Codex gebunden werden. Als die alle nickten, sagte er mit breitem Grinsen „Wie im Iran.“ Als die die Ironie noch immer nicht kapieren, ergänzte ich, künftig müsse auch ein Witzbollah darüber zu befinden haben, über was gelacht werden dürfte.

    che2001

    6. Mai 2009 at 14:34

  54. @Mark: „Aber sooo überraschend kann der Umschwung im Umgang mit Sexualität und den Fragen drumherum doch gar nicht gekommen sein. Dieses moralinsauer-verklemmte stank doch schon gewaltig aus Svende Merians “Tod eines Märchenprinzen”, was in den frühen 80ern die Runde machte.“ —- Jaaaa, aber das machte damals in Kirchentags- bis grünen Kreisen die Runde und bei den lila Latzhosen, auch noch im DKP-nahen Spektrum, im Wirkungskreis von Anarchos bis hin zu Autonomen und Antiimps wurde das heftigst veräppelt. Was da die Runde machte waren eher „Ich war der Märchenprinz“ (Die Persiflage auf „Der Tod des Märchenprinzen“) und „Momo im Legoland oder der verEndete Bakunin“ (die Verarschung des Gesamtwerks von Michael Ende) von Arne Piewitz, über den heute noch gerätselt wird, ob es sich da um Fritz Teufel oder Henning Venske handelte.

    Das linkslibertäre Spektrum erreichten diese Moralinsäuredebatten erst 1987 ff.

    chezweitausendeins

    8. Mai 2009 at 22:54

  55. @“Du und Genossin J. wollten danach Tschador-Pflicht einführen wenn ich mich recht erinnere 🙂 – hattet aber Skrupel, dass das zu Gruppenkeile von Iranerinnen führen könne.“ —- Genauer gesagt, hatte sich da gerade Folgendes zugetragen: Bei den wartenden Teilnehmerinnen eines Deutschkurses für Ausländerinnen gingen (ich gebrauche jetzt kein Plusquamperfekt, bin ja kein Grammatiknazi und auch kein Zenturio in Judäa)einige Migrantinnen aus Iran und Libanon, sehr Higheelig-Minirockig-Strumpfig gekleidet auf zwei Frauen in schwarzen Totalburkas los, zogen sie an den Armen und prügelten auf sie ein. Die deutsche Dozentin schrie sie an, sie sollten diese Frauen in Ruhe lassen und Toleranz für Traditionalistinnen haben, schließlich erwarteten sie auch Toleranz für sich in Deutschland. Da riefen die: „Hizbollah! Hizbollah! Die sind der Grund dafür, dass wir unsere Heimat verlassen mussten! Die kleiden sich nicht einfach anders, die gehören zum Feind!“

    Da ließ sich nichts mehr vermitteln.

    chezweitausendeins

    18. Mai 2009 at 22:58


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