shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ja nee, is schon klar

with 8 comments

Als ich, als es in Griechenland zu schweren Krawallen und in Island zu Massendemonstrationen unter Beteiligung der Bevölkerungsmehrzahl kam schrub, das wäre erst der Anfang und die Wirtschaftskrise würde zu Riots in der Art der 80er-Jahre-Brotpreisrevolten nicht mehr nur in Schwellenländern, sondern auch in den Metropolen führen wurde mir in der Blogwelt fast geschlossen gesagt, das sei linkes Wunschdenken und geschähe auf keinen Fall. Dabei habe ich mir das gar nicht gewünscht – Krawalle, die hauptsächlich zerstören und kein klares politisches Ziel haben finde ich nämlich überhaupt nicht wünschenswert. Ich postulierte nur, aus dem schöpfend, was ich an politischer Analyse so gelernt habe, dass es so kommen würde. Nach dem, was dann in London, Straßbourg, Moldawien und jetzt am 1. Mai in Berlin und Hamburg so passiert ist und den panischen Reaktionen deutscher Politiker, die zwischen diesen Ereignissen und den Warnungen von GewerkschafterInnen vor sozialen Unruhen entweder keinen Zusammenhang sehen wollen oder unterstellen, diese seien herbeigeredet wage ich schon mal zu fragen, wer denn bislang eher rechtgehabt hätte.

*grins*

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8 Antworten

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  1. Che, ich verstehe dich nicht. Sowohl in Berlin, als auch in Hamburg (deine beiden Paradebeispiele) blieb es am 1. Mai völlig ruhig. Es gab zwar, verglichen mit dem Vorjahr, deutlich mehr Krawalltouristen, aber umgekehrt hat die Intensität politischer Demonstrationen sogar abgenommen.

    Ein ostdeutsches Wochenende in der Oberliga bietet deutlich mehr Gewaltpotential.

    Daran kann auch nichts ändern, dass konservative, hinterwäldlerische und das Publikum systematische Medien wie beispielsweise der SpOn das Drama einer angeblich stattgefundenen Gewaltorgie zu entfalten versuchten.

    Nee, Che, die paar Krawallkids sowie schlappe 400 Teilnehmer im schwarzen Block in Berlin (davon mindestens 200 so brav, dass ich im Vergleich noch als Extremist durchginge):

    All das ist nix. Garnix.

    John Dean

    3. Mai 2009 at 13:35

  2. Es muss heißen:

    „das Publikum systematisch belügende Medien“

    Beim spinnenden SpOn ist es offenkundig, dass die „Berichte“ schon mehrere Tage im Voraus verfasst waren und mit dem tatsächlichen Geschehen NICHTS zu tun hatten.

    Che, es gibt kein revolutionäres Fanal in Deutschland. Nicht einmal in Andeutungen. Ein paar gelangweilte Kids stecken Mülltonnen an, ein paar geistig Kranke werfen Steine auf Polizisten (immer noch deutlich weniger als z. B. vor zehn Jahren), kaum irgendwo ein Molotow-Cocktail. Körting macht verpeilte Vergleiche – das dürfte die einzige echte Neuigkeit darstellen im Vergleich zu den sonstigen Folkloreveranstaltungen der Vorjahre mit dem Namen:

    „Revolutionärer 1. Mai“.

    Ha ha.

    Und, sorry, kann mir bitteschön jemand erklären, woran man bei diesen Randalekids und randalierneden Partypeople erkennen kann, ob diese Leute
    a) links
    b) linksradikal
    c) rechts
    d) rechtsradikal
    e) radikal liberal oder
    f) Hayek-Anhänger
    waren?

    Warum waren auf dem Mayday in Berlin nur ca. 1500 Personen? Ich habe den Eindruck, die Bevölkerung wendet sich ab von jeglicher Politik.

    Regiert wird sowieso in der EU. Wozu dann noch protestieren, demonstrieren? Eben. Das Volk ist in seiner Gesamtheit vermutlich deutlich schlauer als wir, die wir hoffnungslos irgendwelchen politischen Idealen hinterher hecheln.

    (was auch eine Erklärung für die von Che verbreitete Revolutionsromantik und seine „Jetzt-gehts-los“-Rhetorik sein könnte)

    John Dean

    3. Mai 2009 at 13:45

  3. @ John Dean

    >>> „Das Volk ist in seiner Gesamtheit vermutlich deutlich schlauer als wir, die wir hoffnungslos irgendwelchen politischen Idealen hinterher hecheln.“

    Ohnmächtiger statt ’schlauer‘, würde ich meinen. Ansonsten: extremely d’accord – en gros! Was aber nicht heissen soll, dass es keine Sachen gäbe, über die man sich nicht gewaltig aufregen könnte – und intern auch kann.

    Im Grunde, scheint mir, haben wir die Situation erreicht, dass Krieg ist und keiner mehr hingeht; ich auch nicht.

    Aber: die Krise Krise sein lassen und nicht mal Zoff zu machen, ist das nun ’schlau‘ – oder nicht doch nur beschämend? Ich weiss es nicht.

    Lina

    3. Mai 2009 at 14:21

  4. Von Revolutionsromantik und Jetzt-gehts-los-Rhetorik kann bei mir überhaupt nicht die Rede sein. Die Frage bei tatsächlichen Aufständen ist ja die, was daraus folgt, und da tippe ich in Deutschland auf Demonstrationsrechtsverschärfungen, Militäreinsätze im Inneren, Strafrechtsverschärfungen usw., und ich bin ganz bestimmt kein Freund von mehr Repression. Dass die Ereignisse von Athen, Reykjavik, London, Strassbourg und Moldawien (Pakistan steht in einem anderen Kontext) bedeuten, dass einerseits zivile Massenproteste (die friedliche Demo in London brachte überwältigend viele Menschen auf die Straße) und andererseits Riots als Reaktion auf Wirtschaftskrise und Bushs Militärpolitik (Obama hat die Krawalle gegen den NATO-Gipfel nicht verdient, sie wurden aber schon vorher geplant) eine Größenordnung erreichen, wie sie von recht vielen Leuten in Europa für nicht mehr möglich gehalten wurden scheint mir offensichtlich. Ebenso die Tatsache, dass linksradikale Gruppen in Deutschland seit der Mobilisierungsphase zu Heiligendamm Zulauf haben (die Jahre davor galten sie als faktisch tot) und in dem mir wahrnehmbaren mfeld (beruflich, Stadtviertel) junge Leute erste Hälfte 20 tendenziell linker sind (oder besser gesagt, dass es dort wieder mehr Linke gibt) als in den Jahrgängen davor, die sich eher durch eine schon fast spektakuläre Bravheit auszeichneten. Und was ich dann halt auch mitbekomme ist die Tatsache, dass viele alte Weggefährten grundsätzlich die Augen verschließen, was linke Kampagnen, Proteste, Mobilisierungen angeht und dann jedesmal basserstaunt sind, wenn es irgendwo knallt oder größere Demos stattfinden als erwartet. Und da scheint mir ein fataler psychischer Mechanismus hinterzustehen, den schon die 68er unsd 81ern gegenüber pflegten: Wer selbst einmal über einen längeren Zeitraum sehr engagiert war und es nun nicht mehr ist, neigt dazu, dass Engagement nachkommender Generationen zu verniedlichen und zu bagatellisieren, um eine Legitimation dafür zu haben, selber nichts mehr zu tun. Da verbindet sich dann Passivität mit heroischer Verlärung der eigenen Vergangenheit, statt Jüngeren vielleicht die eigenen Erfahrungen nutzbar werden zu lassen.Was wir dringend bräuchten wäre ein Sichvernetzen der Linken insgesamt, breite Bündnisse und eine bunte Massenmobilisierung zu Protestaktionen wie einst in den Achtigern. Altlinke, die permanent nur sagen dass so etwas heute nicht mehr möglich sei und dann basserstaunt sind, wenn doch jemand auf den Bolzen haut sind da wenig hilfreich.

    Den 1.Mai in Kreuzberg, zumindest nach 1989, halte ich schon seit jeher für ein selten dämliches Feiern eines Milizanzfetischs, der bei autonomen Gruppen im engeren Sinne schon seit Mitte der 90er abgelehnt wird. Das sind dann tatsächlich hauptsächlich die „erlebnisorientierten“ Jugendlichen. Und da ist jedes Auswärtsspiel von Dynamo Dresden „militanter“.

    In Anbetracht dessen, was vor dem Eintreten der Wirtschaftskrise so neoliberal daherschwadroniert wurde kann ich mich allerdings einer gewissen klammheimlichen Schadenfreude nicht erwehren, und anküpfend an Lina fände ich es in der Tat beschämend, wenn es deswegen noch nicht einmal Zoff gäbe.

    che2001

    3. Mai 2009 at 14:54

  5. Ich bin eine absolute Pessimistin- ich halte jeden Menschen für fähig, Probleme zu erkennen, nur als Masse sind Menschen einfach seltsam. Jeder einzelne stimmt dir zu, dass mit dem Klima dringend was getan werden muss. Aber so als Gruppe kommt da nicht viel rüber.
    Und es braucht zur sozialen Unruhe mehr als (gemeissen an der Gesamtbevölkerung der BRD) ein paar Leute mit Tüchern vor der Nase, die irgendetwas werfen.

    Nun kommt mein Aber:
    es waren anscheinend mehr Leute auf DGB-Maidemos (Schnarchveranstaltungen idR) als die letten Jahre vorher. Die Jahre vorher waren es eher immer weniger.

    Ob Gesine Schwan nun ein Horrorszenario mit ihrer warnung an die Wand malte („das passiert, wenn ihr den Horst wählt!“) oder eine realistische Option darstellte mag dahingestellt sein. Nicht dahingestellt ist, dass es auf offene Ohren traf, und zwar nicht nur bei den „üblichen Verdächtigen“. Und das halte ich für den Punkt.

    Die grosse Frage ist, wie sich sozialer Protest äussert. Denn mal ganz ehrlich und so unter uns wie man es in Internetforen nun mal ist: die NPD und der Rest der braunen Szene ist auch noch im Rennen, und das halte ich persönlich ja für gar nicht wünschenswert. Und wenn die Arbeitslosigkeit steigt gewinnt „Ausländer nehmen Deutschen die Arbeitsplätze weg“ an Beliebtheit.

    Da ich selbst nicht in Berlin war muss ich mich auf Medienbrechte verlassen. Jedenfalls bis ich jemanden treffe, der da war und das könnte eine ganze Weile dauern. das klang allerdings weitaus „athenischer“ als die Jahre vorher. Und selbst wenn die Berichte gefakt sind: wen spricht das an und warum? das sind die fragen, über die man denke ich, reden sollte.

    cassandrammviii

    3. Mai 2009 at 14:55

  6. Und dann schaun wir mal, was sich am 16. Mai so tut.

    che2001

    3. Mai 2009 at 15:00

  7. Also „basserstaunt“ war ich nicht gerade, als es am 1. Mai in Berlin und Hamburg zu Krawallen kam; im Gegenteil, obwohl ich nicht über des zweite Gesicht verfüge, hätte ich das, glaube ich, sogar vorhersagen können.

    Zudem beweist derartiger Hooliganismus gar nix – schon gar nicht das Reifen eines irgendwie gearteten politischen Bewußtseins. Ich würde sogar die Behauptung wagen, daß es ein Zeichen für das Gegenteil ist. Krawall entsteht aus Frust; Frust könnte sich natürlich auch in politische Aktivität umsetzen, aber dazu fehlt, gerade von Seiten der radikalen Linken, eine realistische Perspektive, eine wie auch immer geartete politische Strategie, um vom Hier und Jetzt in eine andere, bessere Zukunft zu kommen (von leeren Phrasen à la „selbstbestimmtes Leben“ etc. mal abgesehen). Und solange eine solche Perspektive nicht formulierbar ist, nicht formuliert wird und so propagiert wird, daß sie die Energie der warum auch immer Frustrierten auf ein politisches Ziel hin bündelt, so lange habe ich keine Freude an Krawallen, sondern fürchte sie. Denn die „Bullenschweine“ sind ganz leicht durch andere Sündenböcke zu ersetzen…

    Alter Bolschewik

    4. Mai 2009 at 13:40

  8. Da stimme ich Dir ja durchaus zu, schrieb ich selbst oben ja in punkto Perspektivenfindung. „Basserstaunt“ waren gewisse Bekannte von mir auch nicht wegen der Mairandale, sondern wegen Athen, London, Paris uns Strassbourg, aber auch geraume Zeit vorher schon wegen Heiligendamm.

    che2001

    4. Mai 2009 at 15:30


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