shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was ist „links“?

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Wenn ich mir so überlege was, auch nur hierzulande, also die internationale Dimension noch gar nicht einbezogen, als „die Linke“ zu bezeichnen wäre, so fallen mir 5 größere Blöcke ein, die keineswegs miteinander identisch sind, sondern viel eher zueinander im Widerspruch stehen, obwohl sie auch wieder Berührungspunkte haben.

1) Da wäre zunächst mal die klassische Arbeiterbewegung, früher in Deutschland vor allem durch die SPD repräsentiert. Schon seit Schmidt begann sukzessive eine Trennung der Parteilinie von den Inhalten der Arbeiterbewegung, die schließlich von Schröder deutlich vollzogen wurde, wobei aber immer noch viele Sozis sich zur Arbeiterbewegung rechnen und SPD-nahe Organisationen wie Falken, Naturfreunde und DFG/VK da auch zugehören. Ansonsten würde ich heute die Gewerkschaften ver.di und IGM als Kern der Arbeiterbewegung in Deutschland bezeichnen, und auch die orthodox-kommunistische DKP gehört da rein, und historisch gesehen natürlich diese ganzen Elemente proletarischer Gegenökonomie wie Mietervereine, Wohnungsbaugenossenschaften, Volksbanken usw.

2) Der nächste große Block wäre die christliche Linke (ist ja bald Kirchentag) mit Organisationen wie Brot für die Welt, Guttemplerorden, Arbeitersamariterbund, Maltesern, Johannitern usw. Berufen sich nicht auf Marx oder soziale Reformbewegungen, sondern auf christliche Nächstenliebe, überschneiden sich in der Praxis aber stark mit den Traditionssozialisten.

3) Dann wäre da die Neue Linke als intellektuelle und soziokulturelle Strömung, also alles das, was 1967 seinen Anfang nahm. Inhaltlich unterscheiden die sich von der Arbeiterbewegung durch den Traditionssozialismus transzendierende oder in Frage stellende Theorieansätze ebenso wie durch eine Kritik an der als systemintegrierend und zu brav kritisierten Arbeiterbewegung. Da kommen dann Theorieansätze wie die Kritische Theorie und ganz allgemein der Freudomarxismus, Feminismus, radikalere und puristischere Marxinterpretationen jenseits des Leninismus, aber auch Anarchismus und Genderteorien zum Tragen, schließlich Synthesen aus all diesen Denksystemen wie z.B. der Neue Antiimperialismus. Schließlich gehören zur Neuen Linken auch marxistisch-leninistische Gruppen, die mit der Arbeiterbewegung den Traditionssozialismus gemein haben, ihn aber viel radikaler interpretieren als diese. Die Neue Linke zerfällt also nochmal in eine traditionssozialistische und eine im engeren Sinne neulinke, nichttraditionalistische Fraktion. Im Gegensatz zur Arbeiterbewegung besteht sie mehrheitlich aus Leuten aus der Mittelschicht mit starkem Akademikeranteil. Und da sind dann auch subkulturelle, musikalische und lebensweltliche Strömungen äußerst bedeutsam wie Punk, Ska, HipHop, Frauenlesbenszene usw.

4) Die radikal-militante Unterschichtslinke, von der ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob es sie heute in dieser Form noch gibt. In den Achtzigern bis Mitte der Neunziger bestand in Städten wie (West)Berlin, Hamburg, Bremen, Frankfurt und dem Ruhrpott rein zahlenmäßig der Großteil der autonomen Szene aus langzeit- und dauerarbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Also Ahi- und Sozibereich mit allen möglichen Übergängen in die Alternativökonomie, Jobberszene und Kleinkriminalität. Es gibt da heute noch Leute, die in dieser Szene verwurzelt sind, nur die ich kenne sind 35+. Ich weiß also nicht, ob da noch was nachgewachsen ist und vermute, dass junge Leute in vergleichbaren prekären Lebenslagen heute eher Skins oder Hools werden oder aber sich anpassen und bemüht sind, vor allem einen Job zu kriegen. Früher machten diese Leute als soziales Milieu aber einen wichtigen Teil der radikalen Linken aus.

5) Die migrantische Linke: Türkische, kurdische, iranische, palästinensische, sonstwie arabische, afrikanische und südamerikanische Linke im Exil, sehr häufig mit Guerrillahintergrund und/oder Foltererfahrungen, eine Kerngruppe der hier lebenden anerkannten Asylbewerber.

Mein eigener politischer Bezugsrahmen liegt im Schnittstellenbereich von 3), 4) und 5), wobei ich als ver.di-Aktiver allerdings noch woandershin verdrahtet bin.

So, um das jetzt noch zu verkomplizieren, besteht da, wo ich politisch aktiv oder aktiv gewesen bin, dann auch noch seit mehr als 20 Jahren ein Dauerbündnis mit Gewerkschaften und kirchlichen Gruppen, was also heißt, dass die Unterschiede zwar lebensweltlich höchst bedeutsam sind, eine Zusammenarbeit aber keineswegs verhindern. Und zumindest bei der IGM-Jugend oder den Falken verschwimmen auch wieder die Grenzen zwischen klassischer Arbeiterbewegung und Neuer Linker, jedenfalls sind da viele Leute, die organisatorisch zweifellos zur klassischen Arbeiterbewegung gehören und als Punks, Biker, Headbanger, Sharpskins oder Anarchorocker unterwegs sind.

Also ein buntes Bild, im Großen und Ganzen.

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Written by chezweitausendeins

17. Mai 2009 um 16:18

20 Antworten

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  1. Über „was ist links“ kann man wahrscheinlich Bürgerkriege führen 🙂

    Ich stimme dem erstmal zu, möchte aber hinzufügen, dass es da noch eine Gruppe gibt- auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich sie knackig nennen kann.
    Linkssozialisierte Menschen, das sind meinem Eindruck nach Leute zwischen Mitte 20 und Miotte bis Ende 30. Oft Kinder von 68ern und deren Nachfolgern. Die Leute sind ins Links-sein reingewachsen, müssen deswegen aber nicht unbedingt eine eigene theoretische Reflektion hinter sich haben (okay, die Punks manchmal auch nicht), unterstützen eine Reihe linker Ansichten, oft aus einer anerzogenen Grundhaltung heraus, werden aber politisch deswegen noch nicht aktiv.

    Das ist jetzt nicht der Weisheit letzter Schuss, ich habe wirklich keinen Schimmer, wie ich das nennen soll.

    cassandrammviii

    18. Mai 2009 at 5:00

  2. Danke, Che. Jetzt hab‘ ich eine Vorstellung vom vollen Spektrum, weniger davon, was sie heute verbindet, bzw. vereinen könnte. Die ‚Reingewachsenen‘, diejenigen mit der Linkssozialisation ‚ohne eigene theoretische Reflektion‘ (Cassie) dürften nach wie vor den harten Kern bilden, zahlenmässig und überhaupt.

    Die werden zwar dann (wie ich) irgendwann neugierig, was es an rationaleren Alternativen gibt – um (wieder wie ich) zum “Linksein‘ als linksdrehende Weltanschaung zurückzukehren, bei allen Vorbehalten bezüglich der konkreten politischen Realisation 😉 …

    Lina

    18. Mai 2009 at 6:35

  3. Dann bin ich qua Definitionem also nicht „linkssozialisiert“: Kind von Eltern der Kriegsgeneration, die durch Naziorganisationen sozialisiert wurden, und links geworden in Abgrenzung und Widerspruch zu meiner Umgebung, aber zugleich auch wegen der Erfahrungen meiner Eltern, und bereits als Kind geprägt durch den Vietnamkrieg. Die Kinder der 68er habe ich auf der Uni z.T. bereits wieder als Fremdkörper erlebt.

    che2001

    18. Mai 2009 at 9:16

  4. ‚Links‘ werden in Abgrenzung und Widerspruch – das klingt gut und klingt nach Überlegung :-)!

    „Immer wird es Eskimos geben, die den Eingeborenen von Belgisch-Kongo Verhaltensregeln für die Zeit der großen Hitze geben werden.“ (Stanislaw Jerzy Lec)

    Demnach wird es auch immer ‚Linke‘ geben (und nicht zu knapp!), die ihre empathische Grundhaltung samt ihren aktuell gewonnenen, z. T. rigiden Lebensregeln zu Lasten der Freiheit Anderen aufoktroyieren wollen; und das halte ich für prinzipiell ebenso unzulässig wie die rigorose Verteidigung privat ererbten oder erworbenen Eigentums gegenüber Anderen.

    Wo ist der Kompromiss, verdammt nochmal … bevor ich ihn noch länger suchen muss 😉 ?

    Lina

    18. Mai 2009 at 10:57

  5. Diese Rigidität kam erst allmählich im Laufe der Zeit. Den Ausschnitt der radikalen Linken, in dem ich mich bewegte erlebte ich Anfang/Mitte der 80er als ziemlich „unmoralisch“ (im Sinne von nicht rigide, moralinfrei, locker, nicht im Sinne von wirklich unmoralisch), humorvoll und lebenslustig, das Moralisch-rigide kam dann in mehreren großen Schüben seit etwa 1988. Und das verbinde ich damit, dass der Anteil an Leuten, die Kinder hauptberuflicher Moralproduzenten waren (Lehrer- und Pastorennachwuchs) immer größer und der Arbeiterkinderanteil gleichzeitig geringer wurde.

    che2001

    18. Mai 2009 at 12:53

  6. „2) Der nächste große Block wäre die christliche Linke (ist ja bald Kirchentag) mit Organisationen wie Brot für die Welt, Guttemplerorden, Arbeitersamariterbund, Maltesern, Johannitern usw. Berufen sich nicht auf Marx oder soziale Reformbewegungen, sondern auf christliche Nächstenliebe, überschneiden sich in der Praxis aber stark mit den Traditionssozialisten.“

    Das hatte ich zuvor wohl überlesen.
    Malteser… na ja. Der Malteser Hilfsdienst eV wird getragen vom Souveränen Ritter-Orden und Hospitalorden von heligen Johannes von Jerusalem zu Rhodos und zu Malta, sprich: Kreuzfahrer 🙂

    Die machen zwar jede Menge Sozialarbeit und das bringt sie häufig in eine „linke“ Position, aber ich würde auch die Dominikanerinnen nicht deswegen, weil sie in einigen wirklich seltsamen Stadtteilen arbeiten, nicht gleich per se als „links“ einordnen. Oder Mutter Teresas Missionarinnen der Nächstenliebe- schockierend, aber die arbeiten auch in der BRD.

    Das gilt auch für die Johanniter- die gehen auf die Ballei Brandenburg zurück, die sich im Verlauf der Reformation verselbständigt hat.

    Linkschristentum sammelt sich noch in Organisationen wie „Pax Christi“ oder ist sonstwo aktiv.
    Auch die deutsche Linke hat relativ viel Input aus der Befreiungstheologie bekommen. Das wirkt sich heute zB in der Unterstützung der Landlosenbewegungen aus. Das betrifft sowohl Katholiken als auch Lutheraner- über die Freikirchen weiss ich zu wenig.

    cassandrammviii

    20. Mai 2009 at 8:28

  7. Und ich habe gerade von einem Malteser eingeschenkt bekommen, dass der ASB eine sozialdemokratische Organisation ist. Also an diesem Programmpunkt besteht noch Pflegebedarf;-)

    che2001

    20. Mai 2009 at 9:10

  8. Gab’s diese „radikal-militante Unterschichtslinke“ wirklich? Klar, wenn ich mich selbst so stilisieren wollte, ginge das natürlich (he, ich bin in der Werkssiedlung der Fabrik aufgewachsen, in der meine Eltern arbeiteten). Aber de facto bin ich ein Kind der ’68er, das heißt, der 70er Jahre, in denen die Klassenschranken (zumindest in Sachen (Aus-)Bildung) dank Bafög etc. lang keine so große Rolle spielten wie in der Zeit vor ’68 und dann wieder ab Kohls „geistig-moralischer Wende“. Und so habe ich brav (oder vielleicht auch weniger brav) mein Abitur gemacht und 30 und ein paar Semester studiert, bevor sie mir mit Studiengebühren den längst überfälligen Abschied leicht machten.

    Aber war ich ein „radikal-militanter Unterschichtslinker“? Sicher nicht, genausowenig wie die meisten meiner Genossinnen und Genossen. Gut, die Universitätsstadt Freiburg mag ein etwas anderes Pflaster als Hamburg oder Berlin gewesen sein; aber Abitur hatten auch die meisten Genossen aus den genannten Metropolen, die ich kannte. So richtige „radikal-militante Unterschichtslinke“, wie etwa Bommi Baumann einer war, habe ich in meiner Generation eigentlich kaum mehr erlebt (welche, die sich so stilisierten allerdings schon).

    Und zu Deiner Beruhigung, Che, es gibt auch noch Junge in dieser Tradition; ich kenne ein paar, obwohl die’s unendlich viel schwerer haben als wir und in der Tat viel mehr darauf achten müssen, daß sie, schon rein ökonomisch, nicht unter die Räder kommen.

    Alter Bolschewik

    20. Mai 2009 at 19:47

  9. Die, die ich kennenlernte, hatten im besten Fall eine abgeschlossene Lehre und sicherlich kein Studium. Es gab sie sehr wirklich, zum Beispiel in mastsägenden Kreisen, aber auch in eher „harmlosen“ Stadtteilgruppen. Das ging aber fließend über in die Zigarettenautomatenknacker- Autoradioklauer- und Kleindealerszene. Spezialität: In geknackten Autos „Behönkeltenquittungen“ zur Vorlage bei der Versicherung hinterlassen.

    Einer meiner früher mal engsten Genossen, jahrelanger WG-Mitbewohner und zeitweise so eine Art Lehrmeister für mich hatte so einen Hintergrund: Gelernter Handwerker, der sein Geld aber damit machte, dass er dealte, sowohl Haschisch als auch schwarz geschlachtete Schweinehälften. Ohne Abi gemacht zu haben hatte er Adorno gelesen. Er machte sein Abi dann auf dem Zweiten Bildungswert und studierte Sozialwissenschaften, weil er dachte, dass dies für die politische Praxis nützlich sei. Er stellte sich das Verhältnis Theorie-Praxis unheimlich unmittelbar vor, so meinte er, wer die Negative Dialektik gelesen habe würde automatisch zum Staatsfeind. Er war dann unglaublich enttäuscht, als es ihm nicht gelang, Dozenten wie Leggewie und Sofski zum antiimperialistischen Kampf zu agitieren. Er machte auch seine politische Arbeit nach Dealer-Methode: Er beschaffte geheime Dokumente aus dem Innenministerium und NATO-Stäben und leitete die in die linke Szene weiter. Ende der Achtziger schmiss er enttäuscht sein Studium und sagte, dass er den Huren und Ganoven erzählen würde, dass die Akademer und Intellelen ihnen nicht das Wasser reichen könnten. Die Achtung eines Zuhälters wäre ihm mehr wert als die eines Profs.

    chezweitausendeins

    20. Mai 2009 at 22:25

  10. Das „Hierzulande“ in diesem Posting ist interessant. Also Internationalismus nicht als selbstverständlichen linken Ausgangspunkt voraussetzen. Zu den fünf linken Richtungen könnte noch die „deutsche Linke“, die von cassandrammviii am Rande erwähnt wird, als eigene sechste Richtung dazugezählt werden. Gerade die im ersten Punkt zusammengefaßte klassische Arbeiterlinke trug immer auch linksautoritäre Züge. – In der Weimarer Zeit war dieser Teil der Linken noch durch die Nationalbolschewisten (Ernst Niekisch) repräsent. Es ist üblich, daß Linke einander vorwerfen, sie seien nicht richtig links, aber in einer pluralen, koalitionsfähigen Linken sollten auch die „deutschen Linken“ mitmachen dürfen.

    Christoph

    21. Mai 2009 at 14:46

  11. […]     (aber: Biermann ist nicht Lengsfeld) PS 2: Che versucht es auch noch einmal – Was ist “links”? PS 3: Jan Fleischhauer: Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde Possibly […]

  12. Aus gegebenem Anlaß noch eine Ergänzung zu Ches Aufzählung, genauer gesagt zu Punkt 3, der Neuen Linken.

    Zum einen hatte diese ihre Ursprünge nicht erst 1967, sondern bereits Anfang der 60er Jahre. Ein gutes Datum ist vielleicht das Jahr 1961, als die SPD ihren eigenen Studentenverband, den SDS ausschloß. Grund war, unter anderem, das Godesberger Programm von 1959, das das Ende der SPD als Arbeiter- und ihren Anfang als „moderne Volkspartei“ markierte (es war nicht erst Schmidt). Dieser Teil der „Neuen Linken“ setzte sich von der „Alten Linken“ der Arbeiterbewegung ab und orientierte sich zunächst einmal theoretisch an der englischen „New Left“ (einer Spielart des undogmatischen Marxismus) und praktisch an der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Hier ist, mit Abstrichen, auch Ches Charakterisierung der Neuen Linken als einer Linken der „Mittelschicht“ zutreffend.

    Dies ist aber nur die eine Hälfte der Neuen Linken. Die andere Hälfte bildete das, was damals „Halbstarke“ und „Gammler“ genannt wurde: „Unterschichts“-Jugendliche, die sich zunehmend den Disziplinierungsforderungen des „Wirtschaftswunderdeutschlands“ entzogen. Diese repräsentierten weniger ein klares politisches Programm, sondern eine aufsässige Subkultur (Bommi Baumanns „Wie alles anfing“ dokumentiert das ganz gut).

    Im Lauf der 60er Jahre begannen diese beiden sehr unterschiedlichen Stränge, sich immer mehr anzunähern und zusammen bildeten sie dann den antiautoritären Sprengsatz, der nach der Ermordung von Benno Ohnesorg die Bundesrepublik grundlegend verändern sollte.

    Nun hat sich diese Woche herausgestellt, daß Kurras, der Bulle, der Benno Ohnesorg erschossen hat, SED-Parteimitglied war und im Dienste der Stasi stand. Und schon tönen die Reaktionäre aller Couleur, die Linke müsse jetzt ihre ganze Geschichte umschreiben, denn es sei ja wohl ein „Genosse“ gewesen, der für die Tat, die man der „faschistischen BRD“ in die Schuhe geschoben habe, verantwortlich sei.

    Mal davon abgesehen, daß nicht die Stasi für die berüchtigte „Leberwursttaktik“ auf der Demo verantwortlich war, daß nicht Ulbricht, sondern Albertz, der regierende Bürgermeister von Berlin, die Tat hinterher rechtfertigte und daß es die Westdeutsche Justiz war, die Kurras freisprach, nicht der „Unrechtsstaat im Osten“: Die Neue Linke hatte sich gerade durch Abgrenzung von der alten Arbeiterbewegungslinken konstituiert – und das schloß auch eine Ablehnung der östlichen Diktaturen mit ein. Der Marxismus der Neuen Linken war ein Marxismus, der ohne eine vehemente Kritik an den östlichen Bürokratien nicht denkbar war.

    Für die Neue Linke der 60er wäre es ein gefundenes Fressen gewesen, wenn die Ermordung Benno Ohnesorgs nicht nur den autoritären Geist der BRD, sondern gleichzeitig auch den der DDR gezeigt hätte. Hier gibt es keine Geschichte umzuschreiben, sondern sich der Geschichte des linken Radikalismus in der BRD korrekt zu erinnern – was allerdings voraussetzt, daß man nicht längst seinen Frieden mit dieser BRD geschlossen hat.

    Alter Bolschewik

    23. Mai 2009 at 19:54

  13. Danke für diesen wertvollen Kommentar! Das ist natürlich völlig richtig. Rudi Dutschke war ein DDR-Emigrant und m.W. am Bau von Fluchttunneln unter der Berliner Mauer beteiligt gewesen, und Bommi Baumann wies ja sehr deutlich darauf hin, dass die ersten Knarren, mit denen die Bewegung 2. Juni schoss, vom Verfassungsschutz-Spitzel Peter Urbach stammten.
    Geheimdienste beider Seiten schienen also ein sehr vitales Interesse daran gehabt zu haben, dass geschossen wurde.
    Der oben erwähnte Genosse unterhielt übrigens auch Kontakte zu linken Widerstandsgruppen in der DDR, und als er nach der zweiten „Wende“ bei der damals noch Gauck-Behörde nachfragte, ob es über ihn eine Stasi-Akte gäbe, stellte sich heraus, dass es eine gab. Er kann sie aber bis heute nicht einsehen – sie befindet sich in der Lubjanka. Sehr bezeichnend, oder?

    chezweitausendeins

    23. Mai 2009 at 22:24

  14. Übrigens, wenn Du Dich schon „Alter Bolschewik“ nennst und in Freiburg studiert hast – warst Du einer der „Autonomen Studis – Bolschewiki“?

    chezweitausendeins

    23. Mai 2009 at 22:46

  15. „Geh doch nach drüben wenn’s dir hier nicht passt“ war halt schon immer ein saudoofer Spruch.

    Ich hatte ja die Hoffnung, dass sich dieses bipolare Denken mal irgendwann auflösen würde und links nicht immer gleich die DDR sein würde. Irgendwie habe ich sie immer noch,sie glimmt so auf Sparflamme vor sich hin.

    Meine persönlichen Schwierigkeiten mit führenden Vertretern der Linkspartei sind ja zumindest Che lang&schmutzig bekannt, aber auch ohne ist deren Vereinnahmnung von dem, was links sei schwer zu schlucken. Das ist schlicht und einfach nicht „Die Linke“. Punkt.

    cassandrammviii

    24. Mai 2009 at 5:08

  16. @che: Gut kombiniert.

    @cassandra: Mit dieser Partei,die sich „Die Linke“ nennt, habe ich auch so meine Schwierigkeiten; glücklicherweise nicht persönlicher Art, weil die hier in Freiburg ziemlich schwach und die allergrößten Idioten immer noch in der DKP sind. Trotzdem stehe ich vor dem Dilemma, daß ich demnächst wählen muß (ja, ich weiß, Wahlen ändern nix, aber ich bin eigentlich auch nicht bereit, freiwillig auf ein demokratisches Grundrecht zu verzichten) und die APPD wohl nicht zur Wahl steht. Wie haltet ihr das? Den Brechreiz unterdrücken und „Die Linke“ wählen? Ungültig wählen? Drauf scheißen und nicht wählen gehen?

    Alter Bolschewik

    24. Mai 2009 at 9:29

  17. Vor diesem Dilemma stehe ich auch.

    Wählen ja- weil nicht wählen auch nix ändert.

    „Linke“ wählen scheidet definitiv aus. Neben dem persönlichen Aspekt gibt es dafür auch noch objektive Gründe.

    Ungültig wählen macht nur Sinn, wenn es den Schweizer „Fall Weiss“ gäbe, gibt es aber in der BRD mit gutem Grund nicht.

    Ich halte es mit dem „kleinsten Übel“, sehe aber grad nicht, wer das sein könnte.

    cassandrammviii

    24. Mai 2009 at 9:35

  18. @“Dieser Teil der “Neuen Linken” setzte sich von der “Alten Linken” der Arbeiterbewegung ab und orientierte sich zunächst einmal theoretisch an der englischen “New Left” (einer Spielart des undogmatischen Marxismus) und praktisch an der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.“ — Da komme ich auch noch her, Mason, Hobsbawm, E.P. Thompson und so. Verglichen damit, wie die Neue Linke sich später entwickelte („Abschied vom Proletariat“) waren die aber fast schon wieder klassische Arbeiterbewegung.

    @wählen gehen: Schwanke da zwischen Piratenpartei und einer lokalen Bürgerinitiativenliste, die etwa da steht, wo die Grünen 1982 waren. Und für die Europawahl ist Die Linke für mich durchaus eine Option. Im Unterschied zu Cassandra kenne ich da sehr fitte Leute aus dem eigenen Bezugskreis. Das ist dann quasi Clientelismo;-)

    che2001

    24. Mai 2009 at 10:37

  19. „Den Brechreiz unterdrücken und “Die Linke” wählen? Ungültig wählen? Drauf scheißen und nicht wählen gehen?“

    Bolschewik,
    ich würde das mit dem Wählen an deiner Stelle nicht so ernst nehmen und trotzdem hingehen und die Linke wählen. Besser als nix. Außerdem: Es gibt fünf oder sechs relevante Parteien für 80 Millionen Menschen. Da kann es nur um die ungefähre Richtung gehen.

    MFG, genova, Wahlberater

    genova68

    27. Mai 2009 at 14:46

  20. Was mir nicht ganz klar ist: Wieso lässt du Kommentare nicht direkt auf deine Seite? Willst du kontrollieren? Hast du Angst vor rechtsradikalen Beiträgen? Nunja, etwas mehr Vertrauen wäre ok, denke ich.

    genova68

    28. Mai 2009 at 11:26


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