shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Trommeln im Park

with 13 comments

Während ich dies schreibe, liegt meine schöne Nachbarin splitternackt und ein Buch lesend in ihrer Fensterbank und blinzelt mir zu. Das und die Körperhaltung, in der sie sich rekelt, könnte den Inhalt dieses Artikels schon wieder konterkarieren, aber das hat noch keinen Linksintellektuellen vom Ausformulieren seiner Standpunkte abgebracht.

– Ein absolutes Schlüsselerlebnis in den frühen Achtzigern war für mich eine spontane Jamsession in einem öffentlichen Park. Als ich zufällig dort vorbeikam, spielte eine Frau Gitarre, während ein Mann Querflöte blies. Es lagen noch ein paar Bomgos rum, und ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. „Dafür sind wir hier!“ bekam ich zu hören. So setzte ich mich denn dazu und trommelte. Nach einer Weile kam jemand mit einer Ukulele vorbei, dann jemand mit Klarinette, irgendjemand reichte mir eine Mundharmonika. Ich konnte zwar nur Blockflöte, und auch das mehr schlecht als recht und bin eigentlich unmusikalisch, aber darauf kam es hier nicht an. Was wir spielten klang eh wie Freejazz. Immer mehr Leute schlossen sich uns an; tatsächlich hatte jemand das Gerücht gestreut, im Park fände ein Mitmach-Konzert statt, und also kamen die Leute, um es wahr werden zu lassen, sozusagen ein Gerücht in der Laborphase. Am Ende spielte ein Mann, über den sich herausstellte, dass er Domposaunist war, hinreißende Saxophonsoli in der Abenddämmerung.

Es war ein großartiger sehr langer Samstag, auf dem Freundschaften geknüpft wurden.

Gut 10 Jahre später spielte ich zwar keine Musik im Park, prügelte mich aber mit Cassandra mit Schlagstöcken, wovon die Passanten erstaunt, aber ohne heftige Reaktionen Notiz nahmen.

Es gab auch Konzerte, die umsonst im selben Park stattfanden und auch genauso hießen: Umsonst&draußen.

Wenn heute jemand im Park Musik spielt, dann, weil er oder sie Geld braucht, nicht als Ausdruck spontaner Lebensfreude und schon gar nicht als sich spontan findende Clique einander vorher Wildfremder (was nebenbei gesagt auch in Kneipen ein damals übliches Ereignis war). Ich habe ja sogar den Verdacht, würden wir heute so etwas machen, käme irgend ein Spinner daher und würde nach der GEMA-Anmeldung fragen. Und bei Stockkampf im Park holte man wahrscheinlich die Polizei. Ganz normal wären hingegen beide Ereignisse, wären sie ein „Event“ kontextualisiert mit irgendwas. Aber einfach so spontan, weils Spaß macht – das scheint mir von Allzuvielen als out of time angesehen zu sein. Wenn man etwas macht, dann hat es ein Programm, und da scheint mir ein impliziter Rechtfertigungsdruck dahinterzustehen.

Als ich kürzlich im Kollegenkreis erzählte, dass eine offene Zweierbeziehung mit erlaubten Seitensprüngen für mich eher das normale Beziehungsmodell darstellen würde als ein eheähnliches Verhältnis waren die verdutzt – niemand von denen teilte meine Ansicht. Für meine Generation und noch viel mehr die Altersdekade über mir galt eine solche Beziehungsform oftmals als linken Idealen gemäßer als das „Modell Ehe“, und Eifersucht als eine zwar menschlich verständliche, aber irgendwo unreife oder unaufgeklärte Emotion – ein Partner ist schließlich ein selbstbestimmter Mensch und kein Besitz. Gut, das mag alles erst mal ziemlich theoretisch und im praktischen Leben dann doch ganz anders umsetzbar sein, aber zumindest wurde in solche Richtungen gedacht, geredet und geliebt, und das scheint 10, 15 Jahre Jüngeren heute nicht einmal mehr ansatzweise vorstellbar zu sein. Dafür ist praktisch niemand mehr weder tätowiert noch gepierct noch intimrasiert. Auf der einen Seite wird der eigene Körper wie ein Kunstwerk inszeniert, auf der anderen Seite wird mit ihm viel weniger Spaßiges mehr gemacht als früher.

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Written by chezweitausendeins

20. Mai 2009 um 17:54

13 Antworten

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  1. Ehrlich gesagt, ich wohne neben einem Park – und im Sommer könnte ich so gelegentlich auf die eine oder andere spontane Session verzichten, wenn ich auf dem Balkon sitze und versuche, Lenin zu lesen. Das gibt’s schon. Und die jungen Menschen, die sich mit irgendwelchen langen Stöcken prügeln auch. So viel scheint sich in den Parks nicht geändert zu haben, vielleicht kommst Du zu selten in den Park ;-).

    Alter Bolschewik

    20. Mai 2009 at 19:57

  2. Vielleicht haben sich nur die konkreten Parks verändert – Stichwort Gentryfication.

    chezweitausendeins

    20. Mai 2009 at 22:26

  3. Huhu,
    hier, hier ist die fast junge Generation, die eine offene beziehung führt.
    Aber auch wir haben Gegenwind, dem wir uns auch gerne stellen. Und auch das siehst du richtig um so jünger die Menschen um so größer ist das Unverständig.

    Und auch sonst so eine spontane Session im Park fänd ich auch toll. Vielleicht mach ich demnächst mal eine. nicht mit Musik aber mit einem fast nckten Model, eins zwei Fotografen und meiner Bodypaintingfarbe

    Erdbeertal

    21. Mai 2009 at 0:06

  4. „Und die jungen Menschen, die sich mit irgendwelchen langen Stöcken prügeln auch“

    Also ich hätte dadrauf schon mal wieder arg Lust 🙂

    Oropax?
    Lenin nur bei russiscehn Temperaturen (sich von Oktober bis März) lesen, in der Sommerpause auf Kropotkin oder so ausweichen?
    Sich so in den Lenin vertiefen, dass du dass Stockgeklapper nicht mehr mitbekommst?
    Runtergehen und sie so lange verhauen, bis Ruhe herrscht?

    cassandrammviii

    24. Mai 2009 at 10:37

  5. Cassie,wenn Du dich mal nen Nachmittag freimachen kannst können wir uns gerne mal wieder hauen gehen.

    che2001

    24. Mai 2009 at 14:28

  6. Lies mal die Mail von heute morgen- das wird wohl erst mal nix 🙂

    cassandrammviii

    24. Mai 2009 at 14:31

  7. Definitiv Oropax. Oder Kopfhörer… Wobei ich sagen muß, daß ich da in den letzten Jahren toleranter geworden bin. Es hat definitiv ‚was Nettes, daß im Park Leben ist, auch wenn’s einem gelegentlich auf die Nerven geht. Inzwischen höre ich mir sogar die Blasmusik am Sonntagmorgen um 11 an. Das hat sich nämlich in den letzten 20 Jahren definitiv verändert: Die Blasmusiken sind wirklich gut geworden, nix mehr mit Polka; die letzten Sonntag spielten ausschließlich Bigband-Swing-Nummern, und das nicht schlecht. Manchmal gibt’s doch so etwas wie Fortschritt…

    Alter Bolschewik

    24. Mai 2009 at 16:09

  8. Ich las sie schon. Ich dachte da an eine frühzeitige Terminierung, genau deshalb.

    che2001

    24. Mai 2009 at 16:14

  9. ..schoener Beitrag, uebrigens habe ich den Verdacht, dass die Ideen jenseits von Ehe, Besitz und Langeweile heute vor allem deshlab nicht mehr en vogue sind, weil sich die HEUTIGE Jugend tatsaechlich an alt68er-Eltern orintiert, die mehrheitlich genau Ehe, Besitz und Langeweile zu ihren Idealen erhoben haben. Anfang der achtziger war man also also eher Deduktionist, heute machen diese spiessigen Kids den grossen Fehler, induktiv, naemlich angeblich ueber das ‚es klappt ja doch nicht‘-Vorbild ihrer Eltern vozugehen, ziemlich furchtbar.

    Andreas

    1. September 2009 at 14:04

  10. Lies mal bei Erdbeertal rein (Kommentar weiter oben), da findest Du das genaue Gegenteil. Die ganze Welt ist noch nicht Beton, zum Glück.

    che2001

    1. September 2009 at 14:47

  11. ..also vielleicht bin ich zu ‚induktiv‘ vorgegangen, aber etwa meine Schwester: dreizehn Jahre juenger als ich, stockmonogam, stockheterosexuell, immer ein wenig islamo- und xenophob obendrein, diszipliniert, auf irgendeine Art ‚oeko‘, ich glaube sie *reitet* sogar noch regelmaessig (mit 22) in Brandenburg, ich sah vor Jahren mit ihr eine ‚Antigone‘-Inszenierung irgendwo, sie hat sich geweigert zu verstehen (und es lag nicht an der Inzenierung), wogegen Antigone eigentlich rebellierte, sie fand ihre Haltung ‚unvernuenftig‘.

    Andreas

    1. September 2009 at 16:26

  12. Nur finde ich Deinen Gebrauch der Begriffe induktiv und deduktiv hier etwas unpassend. Unter induktivem Vorgehen würde ich verstehen, experimentell zu sein, während deduktiv bedeutet, seinen Lebensstil aus dem anderer abzuleiten.

    che2001

    1. September 2009 at 17:22

  13. nein, also so war das nicht gemeint.

    Andreas

    2. September 2009 at 14:01


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