shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wie durch das deutsche Volk der Kapitalismus einmal in die Klemme geriet, und die Studenten ihm herausgeholfen haben

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In seinem Eröffnungseintrag – http://che2001.blogger.de/stories/1415364/#comments – bezieht Che sich auf einen Artikel von Götz Aly in der „Zeit“, der, wie Dean zeigt, auch Richtiges enthält. Jedoch finden wir auch schräge Gedanken, die Aly erst seit einiger Zeit hegt:

1. Seine Darlegungen entbehren der Trennschärfe zwischen APO und den Verfallsformen, zu denen auch der maoistische Aly gehörte. Die knackhart autoritären K-Gruppen, der MSB Spartakus (dem Aly eine „massenhafte Hinwendung westdeutscher Studenten“ andichtet, vermutlich, weil die Mitgliederzahlen seiner „Roten Hilfe“ noch kümmerlicher waren als die des MSB) mitsamt RAF gehen für ihn einigermaßen harmonisch aus der gerade andersherum gestrickten APO hervor. Eben darum gingen dann Streit und Zerfall. Aly wird von seinen autoritären Dämonen eingeholt, und bekämpft sie, indem er deren Gegenteil für sie haftbar machen will.

2. Aly und Eva Herman machen den gleichen Fehler: Statt bei gesellschaftlichen Entwicklungen hinzugucken, ob deren Ursache nicht in zeitlicher Nähe zur Wirkung liegt, um erst dann, wenn man nicht fündig wird, weiter in der Geschichte zurückzugehen, sucht Herman die Gründe für das von ihr Beklagte nicht in gesellschaftlichen Prozessen der letzten 20 Jahre, sondern sie muß ein halbes Jahrhundert zurückgreifen, um „die 68er“ anzupissen, die angesichts der gigantischen Wirkung und Fernwirkung, die Herman ihnen zuschreibt, alle Gründe hätten, um noch nachträglich größenwahnsinnig zu werden.

Ebenso braucht Aly ein halbes Zurück-Jahrhundert, um mit faustisch-deutschem Tiefsinn Verbindungen zwischen NSDAP und APO zu knüpfen. Dabei liegt die Erklärung in der damaligen Gegenwart der 60er Jahre. Auch bei Aly ist zu sehen, wie jegliche „68er“-Interpretation in die Wüste läuft, wenn die Erklärung nicht aus den Zeitumständen selbst erfolgt:

Die APO bewirkte viel – nur nicht das, was sie wollte

Die altbacken gewordenen Ergebnisse der Adenauerschen Betonzeit waren für den Wirtschaftsstandort D nicht mehr funktional. Die Zeiten waren vorbei, indem man anstelle des VW-VV Nordhoff auch einen Schimpansen hätte nehmen können, bei unverändertem Unternehmenserfolg. Von ’66 auf ’67 hatte sich die Arbeitslosenquote verdreifacht, Indiz für die Verwertungsprobleme des Fordismus, der bis dahin durch die für ihn typische Masseneinsaugung von Arbeitskraft per Kfz- und Haushaltsgeräteproduktion die Mehrwertrate hochhielt bei gleichzeitiger die Mehrwertmasse steigernder quantitativer Ausdehnung der Produktion.

Während die Verwertungserfordernisse des Kapitals sich geändert hatten, steckte das kollektive Selbstbewußtsein der Deutschen in der Wirtschaftswunder-Vergangenheit fest. Wie so oft waren es gerade die Freunde der Marktwirtschaft, welche die Dynamik des Marktes unterschätzt und übersehen hatten. Während das Volk wie vom Bolzenschußgerät konsumistisch betäubt die samstäglich von Hand durchgeführte Wagenwäsche für den Endzweck der menschlichen Seinsform hielt, und eine jede lebensähnliche Regung von einer Horde Tabus umzingelt war, stank einem Teil der Studenten – zunehmend ab der erst recht betonmäßigen großen Koalition ab ’66 – eine Situation, in der die Feudalherrschaft der Ordinarien Studium, Forschung und Lehre abwürgte, und überdies eine akademische Karriere nur über die Charaktermutation des maximal Hündischen noch ermöglichte.

Wenn das antistudentische Ressentiment tobte, es könne nicht sein, dass ‚die mal unsere Führungselite sind‘, war das insoweit ein Volltreffer, als die Studenten keinen Bock hatten, in den ihnen bevorstehenden Jobs nur die alte dysfunktional gewordene Scheiße zu perpetuieren. Außerdem mußten die alten Säcke in Wirtschaft, Staat und Uni weg, um die lukrativen Jobs erstmal freizuschaufeln.

Die Ursache der APO war ein objektiver gesellschaftlicher Reformbedarf, für den es in Parlament und Bevölkerung jedoch keine Mehrheit gab. Die APO war – entgegen ihren Intentionen – ein innerkapitalistisches Optimierungsprogramm.  Das haben diejenigen bis heute nicht kapiert, die das für die „68er“ selber seit Jahrzehnten erledigte Thema „68“ zyklisch immer wieder aufwärmen, um jedesmal „die 68er“ nun aber und jetzt aber endgültig zu erledigen.

 Die APO wurde so zum meisterledigten Geschichtsphänomen. Auch „Kurras“, da darf man sicher sein, ist noch lange nicht die letzte endgültige Erledigung. Denn das 68er-Erledigen ist augenscheinlich eine Erbkrankheit, da der perennierende Erledigungszwang unmöglich auf einer höheren Gehirnfunktion beruht.

Die wutschnaubenden Erledigungshysteriker merken nicht einmal, dass allein sie es sind, die die Erledigung verhindern. Nur sie, die oberpeinlichen Nachkarter, die stets erneut Schlachten schlagen, die man ohne sie längst vergessen hätte (wie Rambo, der den Vietnamkrieg doch noch gewinnt; auch die „Landser“-Hefte des Bastei-Verlages wären hier zu nennen), gewährleisten die anhaltende Rückgängigmachung des Erledigtseins des längst Erledigten.

Mission accomplished

Denn der Anstoß, den die Gesellschaft brauchte, war 1969 erfolgreich ausgeführt, der Job getan. Die APO endete unweigerlich mit der Erfüllung ihrer historische Aufgabe.

Götz Aly wehklagt zurecht über das K-Gruppen-Sektierertum, das sein eigenes war, aber er kann es nicht erklären, weil er die APO falsch erklärt. Immer wenn er nicht mehr weiterweis, greift er reflexhaft zu den Nazis als einer Wunderwaffe der historischen Interpretation, so, wie Herman zu den 68ern greift. Ohne Nazis und 68er kämen Götz & Eva, verschroben wie sie sind, überhaupt nicht mehr zurecht.

Die K-Gruppe als gelebter Irrealis

 Wenn eine Aufgabe über den Zeitpunkt ihrer Erledigung hinaus betrieben wird, gewinnt der unlösbare Widerspruch von Vorbei und trotzdem Weitermachen notwendig die Verlaufsform der Gewaltförmigkeit. Gewaltförmig ist zuallererst der Umgang mit der eigenen Intellektualität: Je simpler die Erklärungsmuster, um so besser ihre Eignung als zwanghafte Identitätsstifter im kognitiv dissonanten unlösbaren Widerspruch. Je schärfer der Widerspruch, um so härter die Doktrin, die ihn ausblendet, und um so sektiererischer die Gruppe, die das vertritt.

Etwas zu tun, das schon getan ist, bedeutet eine Existenz außerhalb der Wirklichkeit. Da die immense Verdrängungsleistung nie ganz gelingt, bedarf es einer Rückversicherung in der Realität. Das war die Ursache der Identifikation mit Realentitäten in Gestalt existierender Nationalstaaten, China, UdSSR, und es ist heute die Ursache der Anlehnung der Anlehnungsbedürftigen an USA und Israel.

Es ist keine Dankbarkeit unter den Menschen

Den Muff unter den Talaren hatte die APO erfolgreich ausgelüftet. Die Ordinarienuniversität war sturmreif geschossen und wurde ersetzt durch das, was Anfang der 70er die APO-Altkämpfer mit Zorn die „technokratische Hochschulreform“ nannten, sofern sie nicht akademische Karriere machten, da nun neue Dozenten in Armeestärke einrücken durften. Diese Hochschulreform war ihrerseits der frühe Vorbereitungsschritt für die aktuelle Drittmittelvernuttung der deutschen Universität.

Deshalb eine Ermahnung an alle reaktionären Scheißer, Freunde des Terrors der Ökonomie und sonstige 68-Hysteriker: Statt immer nur Schelte wäre ein wenig Dankbarkeit durchaus angebracht.

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Written by Noergler

1. Juni 2009 um 18:10

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

15 Antworten

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  1. „Die wutschnaubenden Erledigungshysteriker merken nicht einmal, dass allein sie es sind, die die Erledigung verhindern. Nur sie, die oberpeinlichen Nachkarter, die stets erneut Schlachten schlagen, die man ohne sie längst vergessen hätte (wie Rambo, der den Vietnamkrieg doch noch gewinnt; auch die “Landser”-Hefte des Bastei-Verlages wären hier zu nennen), gewährleisten die anhaltende Rückgängigmachung des Erledigtseins des längst Erledigten.“

    YES! Absolut richtig diagnostiziert. Wenn das so weitergeht mit der Nachkarterei, dann sind die 68er (ob von Moskau qua Stasi ferngesteuert oder nicht) in ein paar Jahren auch dafür verantwortlich, dass die heilige Messe nicht mehr auf Latein gelesen wird.

    Was mir in den letzten Jahren bei den ganzen Debatten um die 68er immer ein bisschen zu kurz gekommt, ist die Tatsache, dass die Mehrheit der damaligen Studenten zunächst mal keinen wesentlich anderen Plan hat, als zu studieren, einen Abschluss zu machen. Und die meisten haben das auch so durchgezogen, ohne Kaufhäuser anzuzünden, Hasch zu spritzen oder die Weltrevolution voranzutreiben (und sei es nur per Lippendienst). Je länger das Ganze zurückliegt, desto mehr wird es dargestellt, als sei der Aufstand DAS beherrschende Paradigma der späten 60er gewesen. Ich denke, wer genügend „ganz normale Leute“ aus dieser Generation kennt, wird wissen, das dem nicht so gewesen ist.

    Das legt die Frage nahe, inwieweit die 68er und die Debatte darüber sich zu einem reinen Medienphänomen verselbständigt haben, das mit dem tatsächlichen Geschehen jener Jahre nur noch mittelbar zu tun hat, aber sehr viel verrät über die Hysterien von heute.

    mark793

    1. Juni 2009 at 19:10

  2. Ja richtig, in den 68er-Debatten erfährt man wenig über damals und viel über heute. –

    Es gab tatsächlich ganze Unis, da fand die APO garnicht statt, da war nichts, ganze Fachbereiche sowieso.

    noergler

    1. Juni 2009 at 19:41

  3. Seit wann kann man Hasch spritzen? Er nahm ein Glas Kokain und betrank sich fürchterlich….

    che2001

    1. Juni 2009 at 21:29

  4. Interessant. Dass die APO eher ein Reform- als ein Revolutionsprogramm hatte, und dass diese Reformvorhaben notwendig waren, ist eigentlich glasklar. Eigentlich. Eine dieser Wahrheiten, die einem irgendwie nie so recht geglaubt werden.

    Übrigens: Die „Landser“-Hefte sind nicht von Bastei, sondern von Pabel (Tochter des Heinrich-Bauer-Verlags) und werden in ihrer Wirkung meines Erachtens weit überschätzt.

    MartinM

    1. Juni 2009 at 22:13

  5. Interessant ist auch der Zeitpunkt, zu dem linker Protest in Westdeutschland seine größte Massenwirkung erreichte: Erste Hälfte 80er, Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, ca.300 gleichzeitig besetzte Häuser in Berlin, nochmal 200 in Hamburg, in Göttingen wurde ein Polizeitrupp von HausbesetzerInnen festgesetzt und nach Verhandlungen freigelassen. Aly schrieb in den 80ern und frühen 90ern Texte, die in den Gesamtzusammenhang „Postoperaismus“ hineingehören und sich zwischen nichtmarxistischer Marxexegese, Kritischer Theorie, Anarchismus und Neuinterpretation von Max Weber bewegen. Er blendet also heute aus, was er zwischen 68 ff. und heute selber betrieb, wie überhaupt die Entwicklung linker Aktionen und Theorien zwischen APO und heute systematisch negiert wird.

    che2001

    1. Juni 2009 at 22:18

  6. Wenn Mark eine Möglichkeit gefunden hat, Haschisch intravenös zu applizieren, sollte man ihm jetzt nicht im Stile des typischen Alt-68er-Dogmatismus in die Parade fahren, nur weil in den 60ern diese Methode noch nicht bekannt war.
    ————————–

    Bleibt noch die Frage: Warum denn das ewige Nachkarten? Ein Nachbeben der Angst, der Laden könne doch so wackelig sein, dass der Modernisierungschubs nur einen Zitterer weit entfernt ist davon, dass es das Ganze umhaut? Die anhaltende Wut, weil ‚die gegen alles waren‘: gegen Familie, Institutionen, Wirtschaft, Kirche, die staatliche verordnete US-Idolatrie, den Blümchen-Sex mit Puff-Besuch nebenher, die Lüge von der bewältigten Vergangenheit, deren Bewältigung in der Übernahme ihres Personals bestand? Rache dafür, dass die Feuilletons erklärten: „Der Zeitgeist steht links“? Vergeltung dafür, wie man (gefühlt) mit dem Rücken zur Wand stand? Angst vor einer 68er-Wiedergängerbewegung? Angst vor Dymamik und Veränderung, die real vom Markt kommt, der aber nicht infrage gestellt werden darf, und dessen Bedrohlichkeit daher auf „Linke“ projeziert wird, die bekanntlich alles anders und kaputt machen wollen? Die dumpfe Ahnung, dass „unsere Werte“ so problemfrei doch nicht sind, und dann wird der ehemalige Bote weiterhin für die alte Botschaft bestraft? Oder: ‚Weil es heute keine Kommunisten mehr zum hassen gibt, hasse ich wenigstens noch die von früher‘? Genußneid? Sexualneid? Nicht bewältigbare, unverstandene Moderne? Wolfgang Pohrt sagte einmal: In den 60ern hatten die Deutschen Identitätskrise, sie wußten nicht mehr, was sie wollten. Die APO gab ihrem Leben neuen Sinn, denn jetzt wußten sie wenigstens, was sie nicht wollten: die APO.

    Wer kennt weitere mögliche Gründe?

    noergler

    1. Juni 2009 at 22:37

  7. „Die APO war – entgegen ihren Intentionen – ein innerkapitalistisches Optimierungsprogramm.“

    Darauf ein klares „Jein“. Ich denke, es ist zweifellos richtig, daß die Bewegungen der 60er Jahre ohne die spezifischen inneren Widersprüche des damaligen kapitalistischen Gesellschaft nicht entstanden wären. Und daß der Endpunkt der Bewegungen eine Form kapitalistischer Akkumulation darstellte, die mit ihren Widersprüchen deutlich besser umgehen konnte, als das vor der Revolte der Fall war.

    Es ist aber keineswegs so, daß die Bewegungen einfach nur ein blinder, quasi pawlowscher Reflex auf diese Bedingungen waren. Die damaligen Protagonisten agierten innerhalb dieser objektiven Bedingungen (die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre übrigens nicht nur ökonomischer, sondern ganz entscheidend auch medialer Art waren: Ohne das Fernsehen als neuem Massenmedium wäre ’68 ganz anders verlaufen), aber sie waren nicht nur Getriebene der Verhältnisse, sondern auch Akteure, die versuchten, das Rad der Geschichte in ihrem Sinn zu lenken.

    Wie alle geschichtlichen Akteure waren sie natürlich nicht in der Lage, die Bedingungen ihres Tuns vollständig zu überblicken: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ Trotzdem wurde in diesen Jahren unglaublich viel Sinnvolles, Unsinniges und Widersinniges ausprobiert und wieder verworfen, Neues entwickelt und verschüttete Traditionen wieder ausgegraben. Das alles läßt sich in seiner historischen Lebendigkeit nicht auf das einfache Ergebnis „kapitalistischer Modernisierungsschub“ reduzieren.

    Interessant an diesen Jahren ist nicht so sehr, was sich gesellschaftlich durchgesetzt hat (obwohl das nicht wenig ist und ich über vieles davon froh bin); auch nicht das, was an Auswüchsen, Übertreibungen und schlichtem Wahnsinn heute nur noch Kopfschütteln bis blankes Entsetzen hervorruft (von den K-Gruppen über die RAF bis hin zu Bhagwan); sondern das, was an gesellschaftlicher Utopie damals (wieder einmal) aufgebrochen ist und bis heute unabgegolten ist. Und das auch vierzig Jahre danach immer noch den Haß all derer auf sich zieht, die gerne das Hier und Jetzt zur besten aller möglichen Welten erklären würden; denen diese ganzen vergangenen Sehnsüchte und Hoffnungen wie Stachel im Fleisch sitzen, die sie nur allzugerne herausreißen würden, um ihren Frieden mit den Verhältnissen zu schließen.

    Puh, ein bißchen weniger Pathos hätte es vielleicht auch getan – aber ihr versteht, was ich meine.

    Alter Bolschewik

    1. Juni 2009 at 22:41

  8. Ach ja, und Marks „Hasch spritzen“ ist ein zeitgenössisches Zitat:

    Alter Bolschewik

    1. Juni 2009 at 22:56

  9. @alter Bolschewik: Danke, ich hatte diesen Topos vom „Hasch spritzen“ tatsächlich als bekannt vorausgesetzt. Mein Vater, der sich in jenen Jahren unter anderem gerne über „langhaarige Gammler“ ereiferte, hatte diesen vor Ignoranz triefenden Spruch übrigens auch im Repertoire.

    @noergler: Ich denke, bei der ewigen Nachkarterei geht es in der Hauptsache darum, das Phänomen APO mitsamt den 68ern irgenwie zu externalisieren, als etwas zu beschreiben, das systemimmanent so eigentlich gar nicht vorkommen kann, weil wir in der Nachkriegs-BRD doch in der besten aller möglichen Welten lebten.

    Es geht wohl (da ich keine hochfliegenden Motive glaube, wenn ich auch niedrigere finde) um die Deutungshoheit, das Dominieren eines Diskurses, das argumentative Wegkartärtschen von allem, was auch nur annähernd nach denkbarer Alternative riecht oder je roch. Dazu die tiefsitzende Kränkung, dass man in den Jahren, als „mehr Demokratie wagen“ das Leitmotto war, irgendwie nicht so richtig viel zu melden hatte…

    mark793

    1. Juni 2009 at 23:17

  10. Danke, Alter Bolschewik für DAS. Und demnächst würde ich mich mal darüber freuen, wenn du was zur ISF schriebest, die sind für mich nämlich zum Teil terra icognita.

    che2001

    1. Juni 2009 at 23:25

  11. Gern geschehen.

    Etwas zur ISF zu schreiben würde mich schon reizen – ich habe auch schon selbst mit dem Gedanken gespielt. Allerdings ist ein solches Unterfangen nicht ganz einfach, weil bei mir dabei eine – vorsichtig ausgedrückt – gewisse Emotionalität mit ins Spiel kommt, die die Objektivität des Ganzen etwas schmälern könnte ;-). Das heißt, ich müßte auch ein paar alte Dokumente heranziehen, um meine zweifellos subjektiv gefärbten Erinnerungen zu korrigieren. Da ich aber die nächsten Wochen erst einmal nicht in Freiburg bin, wird ein solches Projekt noch etwas warten müssen. Dann ziehe ich es aber definitiv in Erwägung.

    Alter Bolschewik

    2. Juni 2009 at 8:11

  12. Noch ein kleiner Nachtrag. Im Zug nach Berlin bin ich jetzt endlich dazugekommen, Walter Mossmanns Autobiographie „realistisch sein: das unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen“ zu lesen (übrigens ein absolut empfehlenswertes Buch). Lange vor der Kurras-Enttarnung schrieb Moßmann dort über den 2. Juni:

    „Tagebuch habe ich nie geführt, aber meine Lieder sind normalerweise ziemlich genau datiert und lokalisiert, und gelegentlich kann ich aus den alten Songs Einzelheiten erfahren, die ich längst aus der Erinnerung verdrängt oder sonstwie verloren habe. Aus dem Juni 1967 stammt beispielsweise ein Lied mit dem etwas umständlichen Titel ‚Schahmatt oder das Ende der Romanze des Sängers‘ […] Dem Liedtext entnehme ich, dass ich das lokale Westberliner Ereignis vom 2. Juni ganz selbstverständlich in einen internationalen Zusammenhang gestellt habe, neben die sehr riskanten Anti-Franco-Demos der Studentenbewegung in Barcelona oder neben das Civil Rights Movement in den USA (‚Wo sollten die Machtlosen anderwärts flieht aus Barcelona, Boston, Berlin‘), und dass ich keinen Ausweg nach Osten gesehen habe, nicht in die DDR, nicht in die Sowjetunion (‚Seht, an der Grenze hängt einer im Drahtverhau‘).
    Die Freiheit, einen Despoten und Komplizen der eigenen Regierung in aller Öffentlichkeit beschimpfen zu dürfen, hat es in der DDR bekanntlich nie gegeben. Insofern war mir auch die pathetische große Geste der SED bei der Überführung von Benno Ohnesorgs Sarg von Berlin nach Hannover zuwider. Die Behörden hätten auf Grenzkontrollen und Transitgebühren verzichtet, FDJ-Aufgebote und Betriebsdelegationen hätten den Konvoi an beiden Grenzübergängen gegrüßt, heißt es. Und wofür haben diese FDJ-Aufgebote an den Grenzübergängen demonstriert? Für die Meinungsfreiheit in Ostberlin? Für Demonstrationsfreiheit in Leipzig? Das dumme Spiel war wirklich ziemlich ermüdend, aber es gehörte eben zu den Absurditäten der Epoche: Die Demagogen in beiden Lagern waren immer äußerst besorgt um die Freiheitsrechte der Deutschen – im jeweils gegenüberliegenden deutschen Staat.“ (S.78f)

    Und, muß Walter Mossmann nun seine Lebensgeschichte umschreiben, nachdem Kurras als Stasi-Agent enttarnt wurde?

    Alter Bolschewik

    4. Juni 2009 at 17:25

  13. Unbedingt. Von Klaus Hoffmann bis Detlef Hartmann, von Susanne Heim bis Ingrid Strobl müssen das alle. Hast Du eigentlich von dem entsetzlichen Verdacht gehört, Reinhard Heydrich sei Antisemit gewesen?

    che2001

    4. Juni 2009 at 17:34

  14. Es wird Zeit, dass die Linken über Josef Strauß und Adenauer neu denken lernen! Solidarität mit Martin Hohmann! Und diese eine Aussage gilt es endlich einmal zu wahren: Jedes Links-sein hat den Muff von nationalsozialistischen Jahren!

    (frei nach Götz Aly und Gunnar Heinsohn)

    P.S.
    Ich lese gerade – aus dem Jahr 1973 und aktuell ausrangiert von meinem Arbeitgeber – „Ihr da oben – wir da unten“ von Engelmann/Wallraff. Das Kapitel „Die Geschäfte des Baron Guttenberg“ muss natürlich auch neu geschrieben werden.

    John Dean

    6. Juni 2009 at 21:47

  15. Das Buch ist wirklich lesenswert. Es gehört aber auch in den Horizont einer anderen Zeit hinein. Komme mir gerade selber ziemlich opaesk vor…

    che2001

    9. Juni 2009 at 12:32


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