shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Steht der Iran vor einer neuen Revolution?

with 8 comments

Bezeichnend, dass sich in der Blogwelt bislang eher wenige Leute dazu Gedanken zu machen scheinen, außer halt IranerInnen.

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8 Antworten

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  1. Die Blogwelt macht sich Gedanken nicht so sehr über Irans Innen-, sondern über Irans Außenpolitik. Man schaut immer durch die Nahostbrille in Richtung Teheran, so als ob die dort lebenden Menschen keinen Anspruch auf eine eigene Wirklichkeit hätten…

    Printe

    15. Juni 2009 at 16:47

  2. Ja.

    Aber die Frage ist, wann es zu dieser Revolution kommt. Wenn Chamenei und der Wächterrat die Klugheit besitzen, entweder die Wahl zu wiederholen, oder die verfeindeten Lager auszusöhnen, dann kann es noch sehr lange mit der nächsten Revolution dauern.

    Im Moment sind die Vielhunderttausenden (!) von Demonstranten noch überwiegend friedlich und zivil gestimmt. Indes: Die Stimmung kippt, die Gerüchte kochen hoch und höher. Normale Passanten stimmen mit ein, wenn die Sprechchöre kommen: „Ahmadi dictator!“ – und das autoritäre iranische System sieht diese Entwicklung mit großer Sorge. Denn tatsächlich ist nicht allein Achmadineschad gemeint, sondern kaum minder das ganze, als unfreiheitlich empfundene System.

    Waren es gestern abend erst einige Tausende, welche nach Anbruch der Dunkelheit über den Dächern Teherans „Tod dem Diktator!“ und „Allahu Akbar“ riefen, so sind es in der heutigen Nacht bereits Zehntausende.

    Viele iranische Bürger werden gerade, auch durch das Erschießen von Demonstranten durch die Revolutionsgarden, radikalisiert. Das könnte einen ähnlichen katalytischen Effekt ergeben wie bei der Studentenbewegung 1968. Andererseits ist nach meinem Dafürhalten auch gut möglich, dass die Protestwelle in den nächsten Tagen einfach abebbt.

    Aber egal, wie es kommen wird, einen nachhaltigen und längerfristig wirksamen Eindruck macht es, auch auf das politische Selbstbewusstsein der Iraner, dass heute eine halbe Million Teheraner (manche Beobachter sprechen sogar von einer ganzen Million) protestierend auf den Beinen waren, und all dies trotz des Verbotes. Es wirkt bislang alles ziemlich chaotisch und unkoordiniert – und Mussawi wirkt auf mich ein Stück weit wie eine Puppe der Demonstranten, wie einer, der vergeblich versucht, sie zu mäßigen.

    Ich persönlich finde die Motorradverbände der Revolutionsmilizen sehr einschüchternd, den meisten Demonstranten geht es erkennbar (noch!) sehr ähnlich. Mitunter sind es aber Frauen, die zum Gegenangriff auf die „riot police“ übergehen. Im Iran!

    Vieles wird aber – meiner Meinung nach – davon abhängen, dass die Opposition die Situation nicht eskalieren lässt, und gleichzeitig die Spannung in den nächsten 10 Tagen aufrecht erhält und (wie bereits mit anfänglichen Erfolg begonnen) die Proteste in die übrigen Städte Irans trägt.

    Meine Prognose? Tja, beim Betrachten meiner nur mäßig durchsichtigen Glaskugel würde ich sagen, dass es innerhalb der nächsten zwei Wochen zu irgendeiner Art Kompromiss kommen wird, zwischen den Hardlinern und dem Mussawi-Lager.

    Die Revolution fällt einstweilen aus.

    (Sprecht mich in zwei Wochen wieder an, wenn sich meine Vorhersage dann nur noch dazu eignet, mich als ziemlich un-informierten, haltlos spekulierenden Schwärmer abzustempeln – aber immerhin habe ich eine Vorhersage gewagt)

    John Dean

    15. Juni 2009 at 23:13

  3. @Viele iranische Bürger werden gerade, auch durch das Erschießen von Demonstranten durch die Revolutionsgarden, radikalisiert. Das könnte einen ähnlichen katalytischen Effekt ergeben wie bei der Studentenbewegung 1968.—- Da denke ich eher an den katalytischen Effet von Teheran 1978. Meine Fresse, wenn ich die Fernsehbilder sehe kommt mir das original vor wie damals!

    chezweitausendeins

    16. Juni 2009 at 9:28

  4. Es wird eng und enger für Ahmadinedschad. Zwar haben seine Anhänger heute Nachmittag die Teheraner Straßen für sich – gegen sich hat er allerdings neuerdings den Parlamentspräsidenten Laridschani.

    Man sollte die Macht von Chamenei im Iran nicht überschätzen. Wenn ihm nach den Prinzipalisten nun auch die moderaten konservativen – teils sogar die ultrakonservativen – Kleriker weglaufen, dann nützen ihm die hochgerüsteten Milizen und Kräfte des Innenministeriums nicht mehr viel. Sollte die Lage in den nächsten Tagen weiter eskalieren, würde ich auf die Position der iranischen Armee keine Wetten abschließen.

    Dort mag man es nicht, wenn nachts Teheraner Studenten gemeuchelt werden. Das Mordattentat war ein folgenschwerer Fehler des Ahmadinedschad-Lagers. Die heutige Großdemonstration könnte schon der nächste Fehler sein, denn vor dem Hintergrund der Herrschaftstechnik von A. ist es sehr gut möglich, dass heute Abend ein brandschatzender und mordender Mob in Richtung Nordteheran/Universität aufbricht.

    Wie gesagt: Das wäre der nächste Fehler.

    John Dean

    16. Juni 2009 at 14:16

  5. Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass ein Teil der Basidj-Mikizen auf Seiten Mussawis steht, und sei es nur aus einer Mischung aus Neid und Verachtung gegenüber den Pasdaran. Ich glaube auch nicht, dass sich die hohe Geistlichkeit so sehr einig ist. Rafsandjani wartet auf seine Stunde, und sicher gibt es immer noch Anhänger der Lehre Schariatmadaris.

    chezweitausendeins

    16. Juni 2009 at 14:32

  6. Tjanun. Meine 2-Wochen-Frist ist noch nicht abgelaufen, und die Hauptaussage: „Eine Revolution fällt einstweilen aus“ scheint sich zu bestätigen. Allerdings gab es auch keine Aussöhnungsversuche unter den verschiedenen Lagern, sondern vor allem Repression – auch wenn man, anders als es in westlichen Medien gängig ist, einen Teil der Erklärungen des Wächterrats als Zugeständnis werten könnte. Gleichzeitig aber hat sich der Ton des Regimes gegenüber Mussawi und den (nun nur noch wenigen) Demonstraten auf geradezu dramatische Weise verschärft, Mussawi steht unter Hausarrest, Rezai ist eingeknickt – und zwar an der vorgegebenen Falzkante der „Rettung der islamischen Revolution“. Aus Qom hört man nichts, abgesehen von einigen Großayatollahs, die früher schon etwas mutiger waren. Auch scheint es Rafsandschani nicht zu gelingen, eine Mehrheit zur Absetzung von Chamenei im Expertenrat zu organisieren.

    Was nun, Iran?

    Der Schreck sitzt dem Regime sehr tief in den Knochen, ein Schreck über eine beinahe stattgefundene Revolution – und auch ein Schreck darüber, dass es den Reformisten und moderaten Prinzipalisten beinahe gelungen wäre, eine Mehrheit gegen Chamenei zu organisieren. Dazu kommt der Schreck über die verlorene Einheit des Landes.

    Ich vermute – in Reaktion auf diesen Schreck, dass das Regime in den nächsten Wochen mit umfangreichen Säuberungsmaßnahmen reagieren wird, mit dem Verschwinden von Oppositionellen – und auf diese Weise versuchen wird, sich zu konsolidisieren. Mussawi wird verhaftet werden – oder, noch wahrscheinlicher – über längere Zeit in Hausarrest festsitzen, und die „iranische Angst“ wird deutlich mehr als vorher das politische Leben und den Alltag bestimmen, einen Alltag zumal, der vor allem grau ist. Viele werden sich jetzt der Politik abwenden, was das Regieren für das Regime erleichert, umgekehrt aber werden die Systemgünstlinge vom Regime einen höheren Preis fordern, was schwierig zu organisieren ist in einer Zeit, wo die Ölpreise gemessen an den staatlichen Ausgaben zu niedrig sind – un die außenpolitische Isolation des Irans zunimmt. Die Jugend Irans wird in ihren besten Jahren tatenlos verblühen oder sich der Opiatsucht hingeben.

    Die nächsten Jahre im Iran werden trostlos sein.

    John Dean

    24. Juni 2009 at 22:21

  7. Vielleicht mal nach Kurdistan und Aserbaidjan gucken, ob es da Unruhen gibt. Workingclasshero´s Hinweis auf das Treffen Karroubis mit der PKK könnte so unwichtig nicht sein. Mussawi und Karroubi hatten vor allem nichtpersischen Wählern Vorteile versprochen. Ich glaube nicht, dass es schon vorbei ist.

    chezweitausendeins

    24. Juni 2009 at 22:38

  8. Gestern gab mir ein guter Freund noch ein paar Einblicke in die tagesaktuelle Twitterstatistik mit: 15% der sog. ‚Tweets‘ erwähnten Michael Jackson; 5% dagegen waren den Entwicklungen im Iran gewidmet – eine kleine Erinnerung daran, wo sich die Ballungsräume im vermeintlichen ‚World-Wide-Web‘ befinden …

    willyam

    27. Juni 2009 at 14:09


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