shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Anmerkungen zum Principium Identitatis

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Der Satz der Identität ist Totalität, weil er formal die Totalität aller wahren und unwahren Sätze ist.

Durch den Satz der Identität allein lassen sich, wie Aristoteles sah, wahre und falsche Sätze nicht unterscheiden. Es lassen sich durch den Satz der Identität jedoch Sätze von Nichtsätzen unterscheiden: Wo keine Prädikation zu einem Subjekt, dort Nichtsatz, und dann eben weder eine wahre noch eine unwahre Aussage. So erweist sich der Satz der Identität als notwendige Bedingung (nicht als hinreichender Grund) der Wahrheit.

Es ist unschwer zu erkennen, dass „A=A“ weniger identitär ist, als es auf den ersten Blick scheint. Denn das A rechts vom Gleichzeichen ist nur das gleiche, nicht dasselbe, identische A, wie das, welches links steht. Sonst würde es auch nicht Gleichzeichen, sondern Selb- oder Ident-Zeichen heißen. (Die Zusammenhänge zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem scheinen so zufällig denn doch nicht zu sein, wie neuerdings bisweilen angenommen.)

Die beiden A sind nicht identisch, sondern unterschieden. Unterscheiden heißt im Griechischen „krinein“. Der Geist ist an sich selbst Kritik, nämlich als Erkenntnis des Unterschiedenen, weil er als naturbeherrschender, als die Differenz zur Natur setzender Geist entstand. Naturbeherrschung ist Identifizierung und Unterscheidung ineins: keine Unterscheidung von der Natur ohne deren Identifizierung.
Wenn ich eine Speerspitze aus hartem Material machen will, empfiehlt sich die Unterscheidung, ob ich dies mit bloßen Händen oder einem Stein mache. Wenn ich mit dem Speer einen Fisch erlegen will, muß ich dahinterkommen, also denken, wieso ich immer vorbeisteche, wenn ich meinen Augen vertraue. (Schon früh haben die Menschen erkannt, dass mit „Empirie“ und „sinnlicher Erfahrung“ nicht viel zu holen ist.) Wenn ich viel mehr Fische fangen will, muß ich das Gehirn einschalten, um auf die Idee mit den Netzen zu kommen. Und wenn mir dann nicht mehr einfällt, als die Konstruktion der Wirklichkeit im Diskurs, werde ich weiterhin die Früchte von den Bäumen lutschen.

Zweck der Naturbeherrschung ist die über die unmittelbare Reproduktion hinausgehende Produktion von Mehrprodukt. Die Produktion des Mehrprodukts setzt den Unterschied zur Barbarei des unmittelbaren Naturzusammenhangs. Darum ist das Mehrprodukt objektivierte Freiheit, und darum führt der Geist, ohne den es die Produktion von Mehrprodukt nicht gäbe, die Bestimmung der Freiheit mit sich – nicht als ausgedachte Philosophenidee, sondern materiell, hemdsärmelig und verschwitzt. (Das ist wohl der Grund, warum idealistische produktionsferne Intellektuelle immer wieder auf komische Ideen kommen.)

Der Satz der Identität ist dem naturbeherrschenden Geist konstitutiv; der Satz und der Geist sind ohne einander nicht zu haben. Er, der Geist wie der Satz, der selber Geist ist – der an sich seiende Geist erhält sich als an sich seiender nur im Bezug auf das, was nicht selbst Geist ist –, ist darum als in sich Unterschiedenes konstituiert. Anders wäre der Satz der Identität leere Identität, Identität von nichts. Identität von nichts ist keine Identität. Die reine Identität – Identität ohne weitere Bestimmung – wäre das Umgeschlagensein von Identität in Nichts. „A=A“ ist nicht reine Identität, sondern die Prädikation (rechtes A) zu einem Subjekt (linkes A).

Freiheit, Geist und Mehrprodukt sind Momente eines Einen, da sie ohne einander nicht wären. Das tertium comparationis, richtiger: quartum comparationis, ist die Differenz zur Natur. Die Differenz zur Natur kann sich aber als Differenz nicht aus sich selbst heraus erzeugen. Das differenzerzeugende Eine, welches bestimmt ist durch die Bestimmungen des Mehrprodukts, des Geistes und der Freiheit, ist Subjekt.
Einen anderen Begriff gibt es dafür nicht, und die Existenz des Subjekts müssen gerade diejenigen anerkennen, die es „dezentrieren“ möchten, denn die Dezentrierung des Subjekts setzt dessen Existenz immerhin voraus.

Ohne den Satz der Identität gibt es keine wahren Sätze, weil es keine Begriffe und keine konsistenten Bezeichnungen gibt. Wenn „Adorno“ auch die Bezeichnung für ein Stück Butter sein könnte, wäre die aktuelle Diskussion gar nicht möglich. (Dass auch ein Damenbindenhersteller „Adorno“ heißen könnte, wäre keine Widerlegung, da wir uns dank des Satzes der Identität darauf verständigen würden, über welchen Adorno wir sprechen.)
Zudem bräche die materielle Produktion augenblicklich zusammen. Wenn der „10er Schlüssel“ nicht identitär ist, kann ich nichtmal ein Rad wechseln.
Insofern ist die Forderung nach „Dezentrierung“ problematisch. Dezentrierung konsequent durchgeführt, und wir würden alle verhungern. Dass anderswo gehungert wird, wäre seinerseits ohne den Satz der Identität nicht aussagbar.
Man sieht hier auch, wie unsinnig das Gerede vom „Eurozentrismus“ ist. Die objektive Geltung des Satzes der Identität ist kulturübergreifend. Denn auch der Buddhist kann seine Denkweise ohne den Satz der Identität gar nicht formulieren.
Das ist ja der Witz an dem Satz: Er gilt auch dann, wenn ich nicht kenne oder ihn bestreite. Das ist Totalität.

„20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ lautet Marx‘ Modell der einfachen Wertform. Die Ausdrücke rechts und links sind quantitativ und qualitativ unterschieden. Nach Identität sieht das nicht aus, und dennoch muß es etwas geben, das beiden als Gemeinsames zukommt, denn im Tausch findet die Gleichsetzung faktisch statt. Dieses Gemeinsame nennt Marx „Wert“, aus der Analyse dessen Formen schließlich der Begriff des Kapitals entwickelt wird.

„20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ ist der Satz der Identität buchstäblich, und er ist es mit böser Konsequenz: Während in „A=A“ das grammatisch prädizierende Subjekt das der emanzipierenden Naturbeherrschung ist, verdampft es in der Warenform zu subjektloser Beliebigkeit, denn daß von den 20 Ellen ausgesagt wird, sie sind 1 Rock wert, gilt nur vom Standpunkt des Leinwandverkäufers. Für den Rockverkäufer gilt: „1 Rock = 20 Ellen Leinwand wert“. Wenn aber das Subjekt die Stelle so beliebig wechselt wie die Waren im Tausch, ist Identität des Subjekts nach allem begrifflichen Sinn nicht länger existent: Wenn das Subjekt alles ist, ist es nichts Bestimmtes mehr; es ist Subjekt ohne weitere Bestimmung, und damit nichts.

Subjekt der Warenform ist der im Tausch gesetzte und zugleich ihm zugrunde liegende Wert, dessen quantitative Größe den Austausch regelt, da nur gleiche Wertgrößen getauscht werden. Aus dem Äquivalententausch grinst „A=A“ so höhnisch hervor, wie aus dem automatischen Subjekt das menschliche, dessen Bestimmungen Freiheit, Geist und Mehrprodukt verwirklicht wurden als Bestimmungen seines Gegenteils.

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Written by Noergler

17. September 2009 um 15:46

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

10 Antworten

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  1. Danke für die ausführliche Erläuterung; nur dass ich immer noch nicht verstanden habe, was daran nun „Totalität“ ist.

    Eine logische Voraussetzung allen sinnvollen Redens – und ich bin mir nach der Lektüre nicht mehr so sicher, ob es sich beim „Satz der Identität“ tatsächlich um eine solche handelt, zumindest nicht so, wie Du ihn erläuterst, weil da, in Deiner Erläuterung, z.B. raumzeitliche Identifizierung und Prädikation ineins fallen, also singuläre Termini und Eigennamen den gleichen Regeln folgen wie „rot“ oder „ist schwanger“, wenn ich das richtig verstehe, und ob es sich bei A = A nun um Subjekt und Prädikat handelt, kann ich aus dieser Formel selbst gar nicht erschließen, und es verwirrt ja eher, wenn das eine A „Adorno“ und das zweite „lehrt in Frankfurt“ bedeutet, und eine „Identitätsrelation“ ist das auch nicht, sondern das trifft ggf. zu, dass der, den alle Adorno nennen, zur Zeit in Frankfurt lehrt (oder auch nicht) – ist doch nicht die unteilbare Gesamtheit aller Sätze, die sie vorraussetzen müssen, um Sinn zu ergeben.

    Wenn ich sage „An der Ecke Stresemannstraße/Bernstorffstraße vor der Apotheke steht (hier und jetzt) ein Baum“ und „An der Ecke Stresemannstraße/Bernstorffstraße vor der Apotheke steht (hier und jetzt) kein Baum“,dann widerspricht sich das und kann nicht beides gleichzeitig wahr sein. Ja.

    Und?

    Wo kommt da nun „Totalität“ ins Spiel?

    Zudem man da eher über eine Theorie oder Praxis der Verifikation verfügen muss, wie auch beim Netzbau zum Fischefangen, als dass da nun irgendeine Totalität allgemeingültiger, logischer Prinzipien ins Spiel käme, die dann alle Sätze, die erst Sinn machen (oder wahr sind, ist ja noch mal zweierlei), wenn man sie berücksichtigt, irgendwie als Totalität umfasst.

    Und wie bei so vielem anderen oben: Woher weiß man das denn, das das irgendwer ergrübelt hat? Kann ja auch Zufall gewesen sein – ein paar Lianen hatten sich verheddert, ’nen dicker Fisch blieb hängen, und dann hat man das imitiert. So ganz ohne Sinnlichkeit kommt „Geist“, welcher auch immer, nun auch nicht ins „Seiende“.

    „Freiheit, Geist und Mehrprodukt sind Momente eines Einen, da sie ohne einander nicht wären.“

    Was soll denn das heißen? Was ist denn da das Eine?

    Den Rest der Auseinandersetzung erspare ich uns jetzt mal, den um Zentrismen usw., es sei denn Du legst da Wert drauf.

    Schön aber, dass bei grundsätzlich jeder Antwort und Exegese zumindest irgendwer verhungert wenn nicht sonst irgendwie krepiert, wenn man des Noerglers Ansicht nicht teilt 😉 …

    momorulez

    17. September 2009 at 20:19

  2. Die relativistische Quantentheorie sieht das auch wieder anders, da ein Teilchen an zwei Orten gleichzeitig sein kann und es sogar Nichtörtlichkeit und Zeitschleifen gibt. Ein altes Volkslied sagt ja auch „Es, es und es, es ist ein harter Schluss, weil ich zur Vega muss. Ich will mein Glück probieren, teleportieeeren“.

    Nee, bin grad albern und habe zu viel Physik-Zeugs gelesen. Kommt aber irgendwann noch was Substanzielles zu. Danke, Nörgler erst mal dafür.

    Ach ja, und niemand bleibt Solipsist, wenn er in Treibsand fällt und um Hilfe schreit.

    che2001

    17. September 2009 at 21:13

  3. „Dass bei jeder Antwort und Exegese zumindest irgendwer verhungert wenn nicht sonst irgendwie krepiert, wenn man des Noerglers Ansicht nicht teilt“, ist das Komplement zu den Strömen stalinistisch induzierten Blutes, durch welches man watet, wenn man Momorulezens Lieblinge nicht zu den eigenen erklärt 😉

    Wenn die formale Gesamtheit aller möglichen, dh, aller jemals gesagten und noch gesagt werdenden wahren und falschen Sätze keine Totalität ist, dann weiß ich auch nicht mehr.
    Der Satz der Identität ist darum eine logische Voraussetzung allen sinnvollen Redens, weil ohne die Geltung des Satzes a) keine unterschiedenen Begriffe existieren, und b) die Subjekt-Prädikat-Relation nicht existiert.
    Eine raumzeitliche Identifizierung ist eine Prädikation: Vom Baum wird ausgesagt, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle steht.
    „Singuläre Termini und Eigennamen folgen den gleichen Regeln wie ‚rot‘ oder ‚ist schwanger‘, wenn ich das richtig verstehe“. Fast. Der Ausdruck „ist schwanger“ kann nur Prädikation sein. Termini und Eigennamen können sowohl Subjekt als auch Prädikation sein, „schwanger“ ebenfalls.

    „Ob es sich bei A = A nun um Subjekt und Prädikat handelt, kann ich aus dieser Formel selbst gar nicht erschließen.“
    Doch. Es ergibt sich unmittelbar aus ihr. Im Ausdruck „A ist A“ wird über das erste A (Subjekt) eine Aussage gemacht, nämlich die, dass es A ist.

    „Adorno lehrt in Frankfurt“ ist sehr wohl eine Identitätsrelation im Sinne des Satzes der Identität. Es kommt nämlich nicht darauf an, ob er dort wirklich lehrt oder gelehrt hat, oder ob es „Frankfurt“ überhaupt gibt. Der Satz der Identität unterscheidet nicht zwischen „4 Äpfel sind 4 Äpfel“ und „Der Jude ist in Gelddingen geschickter als der Arier.“ Das Interessante am Satz der Identität ist gerade, dass er gleichgültig ist gegen jeden bestimmten Inhalt; dass aber ohne ihn kein bestimmter Inhalt formulierbar wäre. Ebenso ist er gleichgültig gegen die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen, die sich zugleich ohne ihn nicht bestimmen ließe. Der Satz der Identität weiß nur, dass er selber wahr ist. Über die anderen Dinge weiß er nichts, doch ohne ihn wüßten die anderen Dinge nichts von sich selber.

    Selbstverständlich muß man über eine Theorie und Praxis der Verifikation verfügen, und der Satz der Identität gibt, wie ich bereits sagte, das nicht her. (Deshalb haben wir ja auch noch den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch und den Satz vom ausgeschlossenen Dritten.) Ich kriege aber keine Verifikation hin ohne den Satz der Identität.

    „So ganz ohne Sinnlichkeit kommt ‚Geist‘, welcher auch immer, nun auch nicht ins ‚Seiende‘.“
    Natürlich nicht. Die Sinnlichkeit kommt in meiner Argumentation jedoch nicht zu kurz. Wer sich beim beim Versuch, hartes Material mit den Händen zu bearbeiten, erst mal die Hände aufgeschrammt hat, verfügt über eine wegweisende sinnliche Erfahrung.

    „Woher weiß man das denn, das das irgendwer ergrübelt hat? Kann ja auch Zufall gewesen sein – ein paar Lianen hatten sich verheddert, ‘nen dicker Fisch blieb hängen, und dann hat man das imitiert.“
    Gut möglich, dass es so war. Der Pferdefuß Deiner Argumentation liegt jedoch im „imitieren“. Wenn einer, der kein Netz kennt, auf eine Population trifft, die bereits mit Netzen fischt, dann guckt er sich das ab, er imitiert. Wenn es aber so ist, wie Du es schreibst, dann ist es anders:
    Vom einzelnen Fisch in einer einzelnen Liane auf ein Netz für viele Fische zu schließen, stellt eine gewaltige Leistung der abstraktifizierenden und identifizierenden Kräfte des Geistes dar. Von „ein Fisch in Liane“ zu „viele Fische im Netz“ – das ist nicht Imitat, sondern die Freiheit des sich selbst übersteigenden Denkens, Betätigung der nach Kant nicht weiter erklärbaren Spontaneität des Geistes.

    „’Freiheit, Geist und Mehrprodukt sind Momente eines Einen, da sie ohne einander nicht wären.‘ Was soll denn das heißen? Was ist denn da das Eine?“
    Danach einfach die 3 sich anschließenden Sätze lesen: Das Eine ist das Subjekt.

    Dass die Quantentheorie (ich hätte meine Klöten drauf gewettet, dass Che, unser Quantinator das Beispiel wieder bringt ;-)) „das auch wieder anders sieht“ („das“ bedeutet wohl den Satz der Identität) sehe ich nicht. Ausdrücke wie: „Das Teilchen ist an 2 verschiedenen Stellen gleichzeitig“ oder „Nichtörtlichkeit ist existent“ gehorchen dem Satz der Identität vollständig.

    Nörgler

    18. September 2009 at 20:27

  4. „Eine raumzeitliche Identifizierung ist eine Prädikation:“

    Nein. Ich kann generelle Termini, also Prädikate, dem zusprechen, was ich zuvor raumzeitlich identifiziert habe und ggf. mit singulären Termini und Eigenamen bezeichnen kann. „Der da „- Nörgler“ – „ist Marxist“. Oder so. Raumzeitliche Idenfizierung verweist immer auf die Verwendung deiktischer Ausdrücke, um verifzierbar zu sein. Mit „ich!“ mache ich mich identifizierbar – „Wer will ein Eis?“ „Ich!“ und bezeichne dadurch nix. Deshalb doch Melderegister und deren Aushebelung dann, wenn man in den Untergrund geht.

    „Wenn die formale Gesamtheit aller möglichen, d.h, aller jemals gesagten und noch gesagt werdenden wahren und falschen Sätze keine Totalität ist, dann weiß ich auch nicht mehr.“

    Die Gesamtheit ist dann aber hinzutretend und erklärt auch nix. Wofür brauche ich denn die „formale Gesamtheit“ – wieso überhaupt FORMALE Gesamtheit? – aller wahren und falschen Sätze? Die gibt’s doch gar nicht, und vor allem gibt es immer neue Sätze.

    Reicht doch, wenn ich Satz für Satz mir angucke und frei nach Kant – mal vorausgesetzt, es handelte bei dem „Satz der Identität“ um eine solche – eine logische Voraussetzung des Sagbaren annehme, analog zu Dispositionen, die im konkreten Sprechen sich dann eben realisieren.

    „Das differenzerzeugende Eine, welches bestimmt ist durch die Bestimmungen des Mehrprodukts, des Geistes und der Freiheit, ist Subjekt.“

    Wieso ist das dann das Eine? Das leuchtet mir tatsächlich nicht ein, diese komischen, hegelianischen Schlenker.

    Wenn sich ein wie auch immer geartetes Subjekt als oder in Differenz zum Objekt = Natur „bestimmt“ und daraus auch Freiheit gewinnt (bzw. dies selbst bereits ein freier Akt ist), dann isses doch nicht das Eine. Jetzt mal ab von Kritik des Subjekt-Objekt-Schemas und diesem ganzen Brimborium, da die Differenz dann überbrücken zu wollen, das ist doch völlig willkürlich und unsinnig.

    Das mit dem Fischnetz ist auch möglich über Try & Error, aber ich will hier ja gar keinen totalisierten Sensualismus vertreten und weder das Potenzial von Denken noch Sprechen noch Abstrahieren bestreiten, wäre ja auch unsinnig, und weiß trotzdem noch nicht, was Du mit „Geist“ meinst.

    „Doch. Es ergibt sich unmittelbar aus ihr. Im Ausdruck „A ist A“ wird über das erste A (Subjekt) eine Aussage gemacht, nämlich die, dass es A ist.“

    Aber ein Subjekt oder Objekt ist doch nicht identisch mit einer Eigenschaft, die ich ihm zuspreche. Das hieße dann ja doch, dass – neumodisch gesprochen – Signifikat und Signifikant identisch wären, und das halte ich für kurzschlüssig. Da kann man ja wenigsten noch mit Frege „Sinn“ und „Bedeutung“ unterscheiden. Auch da halte ich die Differenz für konstitutiv und bleibe Kantianer.

    „Der Satz der Identität ist darum eine logische Voraussetzung allen sinnvollen Redens, weil ohne die Geltung des Satzes (…) keine unterschiedenen Begriffe existieren“

    Natürlich existierten die dann. Ich kann Dich ja auch „Nörgler“, „Salon-Marxologe“ und „befreundeter Blog-Kommentator“ nennen, ohne dass Du Dich dadurch vo Dir unterscheiden würdest, wiederum sind unterschiedliche Eigenschaften, Aspekte usw. von der selben, raumzeitlich identifzierbaren Person gemeint.

    Könnte ja sogar sein, dass zwei unterschiedlich, reale Personen unter „Nörgler“ bloggen, und das könnte ich ggf. überprüfen, aber der Satz „Nörgler irrt“ würde dadurch noch nicht mal falsch, auch wenn „Nörgler“ zwei wären.

    Frege hatte ja gute Gründe, die „A = A“-Relation (bzw. A = B-Relation) nicht am Beispiel „Adorno lehrt in Frankfurt“ zu diskutieren, sondern anhand von „Der Morgenstern ist der Abendstern“ (was dann eine Identitätsrelation ist). Weil eigentlich seit Aritoteles klar ist, dass generelle und singuläre Termini bzw. Eigenamen eben nicht das gleiche sind, sondern generelle Termini sowas wie „Klassen von Gegenständen“ bestimmen und auf unterschiedlcihen Abstraktionsniveaus agieren.

    Zudem differenter Sinn und differente Bedeutung ja nun gerade durch die Unterscheidung, nicht durch die Identitätsbehauptung möglich werden. „Das da ist ein Baum, und das da ist keiner“, und um das abzugrenzen, nennt man dann Eigenschaften, die einen Baum zum baum und nicht zum Gebüsch machen, weil, wenn man nicht den Begriff nicht dem gemäß verwendet, man in der Regel nicht verstanden wird. Was man aber ändern könnte. Was aber nicht immer klappt. Und im Falle anderer Verwendungsweisen ist dann eben der Baum und das Gebüsch beides Pflanze im Gegensatz zum Mineral. Und das kann ich auf bliebige Bäume immer wieder anwenden, da brauche ich nicht immer den gleichen Baum.

    Ansonsten halte ich es da mal mit Wittgenstein:

    „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“

    Das dazu ja noch gehörige Problem ist weiteres, was meines Erachtens mit „Mehrprodukt“, was Du ja halbwegs so wie andere „Kultur“ verwendest“, ist, dass mir bei diesen Ausführungen über Geist und so, die Du manchmal machst, immer nicht klar ist, wie Du nun wirklich Praxis und Erkenntnis vermittelst und diese in Zeitlichkeit fundierst. Mir erscheint das immer so, als würdest Du ein passiv erkennendes Subjekt Dir vorstellen – macht Kant ja auch, deshalb isses falsch, was Adorno z.B. über dieses quasi analog Sich-Realisieren kantischer Erkenntnisvermögenbeschreibungen in kapitalitischen Produktionsprozessen schreibt -, dass dann sich Vorgestelltes in Praxis umsetzt. Ist das so? Das hat jetzt nichts mit der Forderung zu tun, Theorie habe gefälligst praxisrelevant zu sein, ich verstehe bei Deiner Suche nach dem Einen, dem Subjekt, nicht, wie Du Dir dessen agieren in Welt vorstellst.

    Und auch nicht, wie Du Dir Interaktion vorstellst. So ein Netz baut man ja nicht alleine. Gerade bei Marx ist das ja eine für mich ziemlich entscheidende Pointe, das man da miteinander agiert. Wie denkst Du das?

    momorulez

    18. September 2009 at 22:39

  5. „Wenn aber das Subjekt die Stelle so beliebig wechselt wie die Waren im Tausch, ist Identität des Subjekts nach allem begrifflichen Sinn nicht länger existent: Wenn das Subjekt alles ist, ist es nichts Bestimmtes mehr; es ist Subjekt ohne weitere Bestimmung, und damit nichts.“
    Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wieso die Austauschbarkeit impliziert, dass das eine Getauschte das Prädikat des andern ist. Außerdem ist doch offenkundig beim Tausch von 20 Ellen Leinwand = 1 Rock 10 Ellen Leinwand nicht gleich ein Rock. Das Subjekt ist also nocht beliebig.
    So viel von mir Hereingeschneiten gesagt, der offenbar nicht auf der Höhe der Philosophie ist.

    apanat

    17. Oktober 2009 at 21:00

    • Alterbolschewik, damit: „Die reine Identität – Identität ohne weitere Bestimmung – wäre das Umgeschlagensein von Identität in Nichts (…) habe ich so meine Probleme. „A=A“ besagt eben das „Umgeschlagensein von Identität in Nichts“, es ein Formalismus.

      Es will bloß aus alter Gewohnheit zur Prädikation so scheinen. „Alles ist mit sich selbst identisch“ wäre dagegen eine Prädikation, besagt aber ebensowenig wie „A=A“, weil es diese Eigenschaft, mit sich selbst identisch zu sein, schier allem zuspricht. Wir müssen, wie ich es sehe, zwischen „dem Satz der Identität“ und dem Principium identitatis indiscernibilium unterscheiden. Ich kopiere aus Wicki:

      Satz der Identität des Ununterscheidbaren.

      Dieser Satz zur logischen Identität sagt aus, dass zwei reale Objekte, wenn sie nicht ein und dasselbe sind, sich in mindestens einer beobachtbaren Eigenschaft (Link bei Wicki: Qualität) voneinander unterscheiden müssen.“

      Nur weil es dieser trickreiche Formalismus von uns verlangt, dass das linke A sich, schließlich steht es ja links, vom Rechten unterscheidet, und wir auf in der Tat zwei As starren, heißt das nicht, das A tatsächlich nicht mit sich selbst identisch wäre.

      Insbesondere handelt es sich bei „A=A“ nicht um eine Prädikation, mit Subjekt, Junktor und allem drum und dran, wie ich es immer verstanden habe. Es steht eben nicht: „Es gibt mindestens ein A für das gilt: es gibt ein A(‚), das mit ihm identisch ist.“

      Was bei Wicki Schlussfolgerung ist „wenn sie nicht ein und dasselbe sind“, ist bei Dir umgekehrt Voraussetzung: Nur weil wir uns Ununterscheidbarkeit nicht anders denn als eine Beziehung denken können, heißt das nicht, dass etw. nicht „ein und dasselbe“ – oder eben „mit sich selbst identisch“ sein könnte. Nur weil da auf dem Zettel zwei As stehen, heißt das nicht, dass jeder Gegenstand sich von sich selbst unterscheidet. — Das scheinst Du aber angenommen zu haben, denn sonst hättest Du nicht den Fehler gemacht, Dich von solchen sinnlichen Eindrücken affizieren und verwirren zu lassen.

      Nur dann, wenn Du angenommen hättest, dass der Satz der Identität sich von sich selber unterscheidet, nur wenn Du angenommen hättest, dass das ist-gleich-Zeichen keinesfalls immer dasselbe bedeutet – wie etwa in 1=1, das „=“-Zeichen lässt sich nämlich in beide Richtungen lesen: „A (rechts)=A (links)“ – nur dann hättest Du auf die Idee kommen können, ihn auf ihn selber (oder besser auf die Zeichen, die ihn aussagen solen) anzuwenden, um ihn mit ihm selber zu widerlegen.

      „Das differenzerzeugende Eine, welches bestimmt ist durch die Bestimmungen des Mehrprodukts, des Geistes und der Freiheit, ist Subjekt.“ Aber in der Tat, wenn der 10er-Schlüssel nicht „identitär“, wie Du es nennst, wäre, könnte auch ich nicht das Vorderrad wechseln. Oder „der Satz und der Geist sind ohne einander nicht zu haben“.

      Letzterer Satz ist aber offenkundig falsch.

      Es will mir aber scheinen, dass Du Probleme mit dem Prinzipium Individuationes hast: Zuerst kommt immer der allgemeine Begriffe, hier „Geist“. Dieses ist ein weißes Blatt Papier – Wieviele „Weiße“ befinden sich aber nun genau auf dem Blatt? Wer aber nicht immer bloß von allgemeinen Begriffen ausgeht, wird sich solche Fragen möglw. gar nicht erst stellen.

      Der Satz ist – für einen „Geist“ ! – zwar nicht zu haben. Dennoch existiert er auch dann, wenn ihn nie irgendjemand irgendwo hingeschrieben hat (das mit dem 10er-Schlüssel). Und hier widersprichst Du Dir sogar, wenn Du sagst, er sei nicht hinreichender Grund für die Wahrheit – die Wahrheit wäre auch so, ohne Geist. Haben wir aber Geist, können wir scharfsinnig auf ihn schließen, weil er für ihn notwendige Bedingung ist.

      Es sind zwar interessante Ausführungen zum Subjekt, Freiheit und Produktionsbedingungen usw., Du machst aber in meinen Augen ein paar Fehler, die manchmal wie ein ziemlich widersinnige Methode aussehen, und landest (wenig verwunderlich) bei Widersprüchen.

      Das macht mich einer solchen Philosophie, die wohl was mit Hegel zu tun hat, nur noch misstrauischer.
      Nur weil ich „Geist“ habe ebenso wie manchmal Zahnschmerzen, bin ich noch lange nicht mit mir nicht identisch.

      ziggev

      23. Oktober 2013 at 19:39

  6. PS.: sorry für die erschwerte Lesbarkeit durch unnötige grammatikalischen Fehler und Formatierungschaos !!!

    ziggev

    24. Oktober 2013 at 18:05

    • Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: Dieser Artikel ist über vier Jahre alt und stammt nicht von mir, sondern vom Nörgler.

      alterbolschewik

      28. Oktober 2013 at 22:14

  7. […] vier Jahren habe ich mich noch in diese Diskussion zum Principium Identitatis […]

  8. ach so, das check´ ich auch gerade erst ! 🙂 Noergler hatte den Text eben bei bersarin verlinkt, da ging ich davon aus, er sei aktuell … Hatte mich schon über die Kommentare (die ich nicht gelesen habe) gewundert, momo plötzlich in solchen Fragen wieder so engagiert? – auf die es dem noergler beim Verlinken wohl angekommen war. Man sollte aber möglichst wenig nachhänglich sein – weder im positiven noch im negativen Sinne – und der Text und die Diskussion entstand wohl vor meiner Zeit (sonst hätte ich mich dran erinnert), daher mein Nachbohren in Form eines hinlänglich wirren Textes bitte mehr als persönliches Hobby ansehen. Nachkarten ist nicht mein Ding. Vielleicht ergibt sich ja die Situation, eine solche Diskussion oder eine ähnliche ein ander Mal weiterzuführen.

    Grüße, zigg

    ziggev

    29. Oktober 2013 at 9:35


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