shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for April 2011

Kritik des Alltagslebens

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„Der Marxismus beschreibt und analysiert das Alltagsleben
der Gesellschaft und zeigt die Mittel, es zu verändern“

Henri Lefebvre, Kritik des Alltagslebens (1945)

Wenn in diesem Beitrag das Verhältnis der Situationisten zum Marxismus genauer untersucht werden soll, muß zunächst eine etwas ungewöhnliche Fragestellung aufgeworfen werden. Es geht nämlich zunächst nicht so sehr darum, wie die Situationisten Marx rezipiert haben (was kompliziert genug wäre), sondern allererst einmal: Warum? Denn eigentlich ist der Bezug auf Marx und die Arbeiterbewegung ein Rätsel: Warum bezog sich eine Gruppe von Künstlern (die keine mehr sein wollten) auf den Marxismus? Und erhoffte sich die Veränderung der Gesellschaft letztlich vom Proletariat? Eigentlich paßt das überhaupt nicht. Gepaßt hätte, zumindest auf den ersten Blick, doch wohl eher ein individual-anarchistischer Ansatz.

Ein erstes Argument, das einem schnell einfallen könnte, wäre einfach die Beharrungskraft der Tradition. In den 30er Jahren hatten, angesichts des Faschismus in Italien, Deutschland und Spanien viele Künstler und Intellektuelle das kommunistische Lager gewählt – oft mit heftigen Bauchschmerzen, die aber angesichts der realen Bedrohung durch den Faschismus ignoriert wurden. Das galt auch für einen Teil der Surrealisten, in deren Tradition sich die Situationisten verstanden. Diese verbündeten sich zunächst mit dem Kommunismus Moskauer Prägung und dann mit dem Trotzkismus. Hier könnte man nun auf eine direkte Fortsetzung dieser Tradition spekulieren, doch dagegen spricht einiges.

Zum einen steht einer solchen Kontinuität die reale Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg entgegen. Asger Jorn etwa, der während des zweiten Weltkriegs in Dänemark in der Kommunistischen Partei und im Widerstand gewesen war, trat nach dem Krieg wieder aus, weil die künstlerischen Doktrinen Moskaus nicht gerade zur westlichen Kunstavantgarde kompatibel war. Die ursprüngliche Lettristische Bewegung verwarf dann auch jede Form traditioneller Politik und proklamierte stattdessen den Aufstand der Jugend (Andrew Hussey, The Game of War. The Life and Death of Guy Debord, London 2001, S.52). Faktisch hatte die künstlerische Avantgarde nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend mit dem Kommunismus gebrochen. Die Lettristische Internationale, Debords linksradikale Abspaltung von der ursprünglichen Lettristischen Bewegung, griff jedoch wieder auf eine leninistische Klassenkampfrhetorik zurück.

Exemplarisch wird dies an einem Streit mit den Restbeständen der Surrealisten sichtbar. 1954 wollte die Lettristische Internationale zusammen mit den Surrealisten Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag von Rimbaud stören. Es sollte ein gemeinsames Flugblatt verfaßt werden, über dessen Text es zum Streit kam. Konkret ging es um folgende Textpassage:

„Eine „unparteiische“ Literaturwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Die gesamte Kritik benützt auf die eine oder andere Weise die aufeinander folgenden Umwälzungen der ästhetischen Disziplinen, um die Werte der herrschenden Klasse zu verteidigen.“ (Guy Debord (Hg.), Potlach, Berlin 2002, S.294)

Den Surrealisten klang das zu orthodox-marxistisch (um präzise zu sein, die exakte Formulierung war: „stalinistischer Müll“), weshalb die gemeinsame Aktion platzte. Ich werde später noch auf diesen Flugblattentwurf zurückkommen, für hier und jetzt soll das nur zeigen, daß es sich nicht um ein Anknüpfen an die kommunistische Tradition innerhalb des Surrealismus handelte, wenn die Situationisten ihre Sache mit der der Arbeiterklasse verbanden.

Stattdessen muß das Augenmerk auf einen ganz anderen, wichtigen Einfluß auf die Theorie der Situationistischen Internationale gerichtet werden, nämlich auf die Theorien von Henri Lefebvre. Insbesondere dessen sehr erfolgreiche Kritik des Alltagslebens von 1945 beeinflußte die Theorien der Situationisten entscheidend.

Henri Lefebvre, 1901 geboren, tummelte sich selbst in den zwanzigr Jahren im Umfeld des Surrealismus, bevor er 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei wurde (die ihn dann 1958 ausschloß). In der Kritik des Alltagslebens führt er sich als Kritiker der Elche auf, denn das Buch beginnt mit einer furiosen Kritik an den Surrealisten und all ihren illustren Vorläufern wie Baudelaire, Rimbaud oder dem Comte de Lautréamont. Von ihrer künstlerischen Revolte hält er (nicht mehr) viel:

„Revolte, Protest gegen ein unerträgliches Wirkliches, Verweigerung angesichts dieser Wirklichkeit, Verzweiflung, Hoffnung auf ein menschliches Heil, das unmittelbar möglich ist, ständiger Aufbruch nach der nahen und wunderbaren Welt der Bilder und der Liebe vermischen sich in einer Wirre, die keine noch so intelligente Analyse klären kann.“ (Henri Lefebvre, Kritik des Alltagslebens, Kronberg/Ts. 1977, S.119)

Der Kern seines Vorwurfs: Sie verwerfen die (bürgerliche) Welt in Bausch und Bogen und schaffen/imaginieren daneben eine völlig andere, neue Welt, eine Welt surrealistischer Kunst, die keine Berührungspunkte mit der realen Welt haben soll:

„Der […] Fehler der Surrealisten war, […] daß sie die erniedrigende Lebensweise des Bürgertums und die wirklichen Möglichkeiten des Menschen gleichermaßen unter das Infame einordneten.“ (Ebd.)

Der entscheidende Punkt für Lefebvre ist jedoch, daß die real existierende, niederträchtige Welt nur deshalb so niederträchtig ist, weil sie eine entfremdete Welt ist: Sie ist zwar menschliches Produkt, aber ein Produkt, das sich seinen Produzenten gegenüber verselbständigt hat und sie versklavt; in ihr regiert, um mit Marx zu sprechen, die „Herrschaft der vergangnen, toten Arbeit über die lebendige“ (Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt a.M. 1969, S.16). Die Surrealisten hätten zwar diese Entfremdung empfunden und kritisiert, aber keinen Weg aufgezeigt, sie zu überwinden. Sie hätten eine Gegenwelt entworfen, die anderen, poetischeren Gesetzen folgen soll, aber dabei die bestehende Welt der Niedertracht einfach bestehen lassen. Lefebvre zufolge aber geht es darum, genau an dieser Welt des Alltags selbst anzusetzen, sie im Hegelschen Sinne aufzuheben: Die lebendige Arbeit muß die Herrschaft der toten Arbeit abschütteln und sich als die eigentliche Macht setzen.

Hier können wir das Programm des Unitären Urbanismus wiedererkennen: Es geht nicht mehr darum, Kunst zu produzieren, sondern den menschlichen Alltag selbst umzugestalten. Das Umherschweifen als erste und einfachste Form, sich die Stadt wieder anzueignen, ist ein nur erster, experimenteller Schritt in der Umgestaltung des Alltags. Von derartigen Verhaltensweisen ausgehend muß sich dann die konkrete Veränderung des gesamten Alltags entfalten. Diese Revolutionierung des Alltags kann aber nur das Werk derjenigen Kraft sein, die auch – gegen ihren eigenen Willen – diese entfremdete Welt geschaffen hat: Das Proletariat.

Für Lefebvre und in seinem Kielwasser die Situationisten ist also nicht die Tatsache, daß das Proletariat ausgebeutet oder elend ist, der springende Punkt, der es zum natürlichen Subjekt der Revolution macht. Der Punkt ist vielmehr, daß das Proletariat, im Gegensatz zur Bourgeoisie, die schöpferische Kraft schlechthin ist, nur daß es um die Früchte seiner Schöpferkraft gebracht wird, die ihm als fremdes Eigentum gegenübertreten und von denen es beherrscht wird.

Man sieht natürlich sofort, daß diese Argumentation auf die Frühschriften von Marx zurückgeht, vor allem auf die ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844. Tatsächlich war Lefebvre der erste, der in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Marxschen Frühschriften in französischer Sprache zugänglich machte. Wir werden deshalb in der nächsten Folge noch einmal einen Sprung um 100 Jahre zurückmachen und uns die Marxsche(n) Revolutionstheorie(en) genauer ansehen.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn es heißt: „Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein.“ (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), in: MEW 40, S.537)

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Written by alterbolschewik

29. April 2011 at 17:54

Der Künstler als Experimentator

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Wir geben alle Versuche pädagogischen Handelns auf
und wenden uns experimentellen Aktivitäten zu.

Asger Jorn, Notizen zur Bildung eines Imaginistischen Bauhauses

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, wurde 1957 im italienischen Cosio d’Arroscia eine Organisation gegründet, die sich dem Finden neuer Leidenschaften, revolutionärer Leidenschaften verpflichtete: Die Situationistische Internationale (SI). Den Einfluß, den die SI auf die antiautoritären Bewegungen zumindest in Frankreich und in Deutschland ausgeübt hat, ist oft genug hervorgehoben worden. Dabei liegt der Fokus aber zumeist entweder auf den provokanten Aktionen (wie sie in Deutschland durch die aus der deutschen Sektion der SI hervorgegangene „Subversive Aktion“ durchgeführt wurden) oder auf den politischen Analysen der „Gesellschaft des Spektakels“. Es wird zwar meist erwähnt, daß es sich ursprünglich um eine Künstlergruppe handelte; doch diesem Faktum wird viel zu selten die theoretische und praktische Bedeutung zugeschrieben, die ihm zukam. Tatsächlich ist die historisch überdimensionierte politische Bedeutung der SI (die Mitgliederzahlen waren lächerlich) gerade aus der Paradoxie zu erklären, daß ihre Strategien primär künstlerischer Natur waren.

Diese Verschleierung der künstlerischen Natur der SI war natürlich von Anfang an Programm. Schon der Name versucht, die SI aus dem abgetrennten gesellschaftlichen Feld der Kunst herauszulösen und sie im weiteren Feld des Politischen zu situieren: Er sollte an die 1864 in London gegründete Internationale Arbeiterassoziation, die sogenannte 1. Internationale erinnern. Doch während diese am 28. September 1864 durch 2000 Delegierte aus über einem Dutzend Ländern gegründet wurde und die Inauguraladresse von einem gewissen Karl Marx verfaßt wurde, trafen sich in Cosio d’Arroscia gerade einmal acht Personen aus vier Ländern. Und die Organisationen, die sie repräsentierten, hatten auch insgesamt nicht viel mehr Mitglieder. Es waren dies im einzelnen das Mouvement pour un Bauhaus Imaginiste, die London Psychogeographic Society und die Internationale Lettriste: Keine politischen Organisationen, sondern Künstlergruppen.

Diesen Künstlergruppen war gemeinsam, daß sie nicht bereit waren, Kunst als abgetrennten Lebensbereich zu betrachten, als erbauliches Freizeitvergügen, das außerhalb der alltäglichen Realität angesiedelt ist. Kunst sollte unmittelbar den Alltag verändern.

Besser versteht man das, wenn man sich das Programm der beteiligten Künstlergruppen genauer ansieht. Es ist kein Wunder, daß sich die beteiligten Assoziationen sich eng mit derjenigen Kunst verbunden fühlten, die schon immer am direktesten mit dem menschlichen Alltag verknüpft war: Der Architektur.

Nehmen wir die Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus: Schon der Verweis auf das „Bauhaus“ macht die programmatische Verbindung von Alltag und Kunst sinnfällig. 1919 von Walter Gropius gegründet, wollte das alte Bauhaus während der Weimarer Republik Architektur und Produktion von Gebrauchsgegenständen mit dem aktuellem Stand künstlerischer Entwicklung verbinden – oder mit anderen Worten: Kunst und Alltag sich gegenseitig durchdringen lassen. Darauf bezieht sich die unter anderen von Asger Jorn gegründete Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus, die sich gleichzeitig gegen die prosaische Wiedererweckung des von den Nazis 1933 geschlossenen Bauhauses in Form der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) richtete.

Jorn warf deren Gründer Max Bill vor, daß er Fragen der Kunst als rein technische betrachte; stattdessen forderte er eine experimentelle Erforschung der Einbildungskraft, von Zeichen und Symbolen. Mit anderen Worten: Jorn wandte sich gegen den paternalistischen Erziehungsauftrag, dem sich die HfG verschrieb (und den die CIA finanzierte). Jorn zufolge sollte der Künstler nicht länger Autorität sein auf einem abgetrennten gesellschaftlichen Gebiet, eben der Kunst (und sei es auch der angewandten). An die Stelle der Autorität sollte vielmehr der Experimentator treten.

Diese experimentelle Erweiterung der Kunst, findet sich auch in der Psychogeographie wieder, die der Londoner Psychogeographischen Gesellschaft ihren Namen gab; tatsächlich gab es wohl keine derartige Organisation, sondern war vielmehr identisch mit ihrem „Delegierten“ Ralph Rumney. Vielmehr war die Psychogeographie als künstlerische Strategie in der Lettristischen Internationalen, der letzten Vorläuferorganisation, diskutiert worden. In einem Artikel für die belgische Surrealistenzeitschrift Les Lèvres Nues hatte Guy Debord die Psychogeographie 1955 folgendermaßen erklärt:

„Die Psychogeographie macht sich also anheischig, die genauen Gesetze und Auswirkungen der geographischen Umwelt zu studieren, gleich ob diese bewußt gestaltet ist oder nicht, sowie ihren direkten Einfluß auf das psychische Verhalten der Individuen.“ (Guy Debord, Einführung zu einer Kritik der Urbanen Geographie, in: Ders. (Hg), Potlatch, Berlin 2002, S.299)

Die tatsächliche Praxis der psychogeographischen Experimente war die Technik des „Umherschweifens“. An die Stelle der zielgerichteten, funktionalen Ortsveränderung, wie sie die Stadtplaner vorsahen – zum Beispiel von der Wohnung zur Arbeitstelle – sollte das ziellose Umherschweifen treten, die experimentelle Erfahrung der städtischen Umwelt und die Protokollierung der dadurch auftretenden Bewußtseinszustände.

Diese Praxis war eingebettet in eine Theorie, oder besser: Utopie des „Unitären Urbanismus“, den die Lettristische Internationale in den Jahren zuvor entwickelt hatte. Im Gründungsdokument für die SI, dem Rapport zur die Konstruktion von Situationen faßte Debord den damaligen Diskussionsstand zusammen:

„Der unitäre Urbanismus läßt sich erstens durch die Anwendung der gesamten Kunstrichtungen und Techniken als Mittel definieren, die zu einer vollständigen Umweltanordnung zusammenwirken. […] Der unitäre Urbanismus wird z.B. sowohl die klangliche Umwelt als auch die Verteilung der verschiedenen Getränke- oder Essensarten beherrschen können. Er wird die Erfindung von neuen Formen und die Zweckentfremdung der bekannten Formen der Architektur und des Urbanismus umfassen – und gleichzeitig die Zweckentfremdung der alten Poesie und des alten Films. […] Zweitens ist der unitäre Urbanismus dynamisch, d.h., er steht in einem engen Zusammenhang mit Verhaltensstilen. Nicht das Haus ist das kleinste Element des unitären Urbanismus, sondern der architektonische Komplex, der aus der Zusammenstellung aller Faktoren besteht, die eine Stimmung oder eine Folge aufeinanderstossender Stimmungen im Rahmen der konstruierten Situation bedingen. Die räumliche Entwicklung muß die Gefühlswirklichkeiten berücksichtigen, die durch die experimentelle Stadt bestimmt werden.“ (Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980, S.42f)

Tatsächlich stellt die Gründung der SI weitgehend eine Fortsetzung der Theorien und Praktiken der Lettristischen Internationale dar, die 1952 als linksradikale Abspaltung der bereits in den vierziger Jahren von Isidore Isou inaugurierten lettristischen Bewegung entstanden war. Der politisch-sektiererische Charakter der Lettristischen Internationale hatte aber, wie Debord im Rapport selbstkritisch anmerkt, „zu einer absoluten Isolierung und Wirkungslosigkeit“ geführt, was „auf die Dauer eine gewisse Immobilität und einen Verfall des kritischen und erfinderischen Geistes förderte“. Daraus zog Debord mit der Gründung der SI dann die Konsequenz: „Wir müssen dieses sektiererische Verhalten endgültig zugunsten von wirklichen Aktionen überwinden.“ (Ebd., S.40f)

Doch warum war die SI der Meinung, sie hätte für diese Aktionen im Proletariat einen Verbündeten? Und könne sich auf die Theorien von Karl Marx stützen? Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn es heißt:

„Die einzige Kraft, von der die Situationisten etwas erwarten können, ist dieses Proletariat, das, da theoretisch ohne Vergangenheit, gezwungen ist, alles ständig aufs neue zu erfinden und von dem Marx sagte, es „sei revolutionär oder nichts“.“ (Situationistische Internationale, Band 1, Hamburg 1976, S.13)

Written by alterbolschewik

22. April 2011 at 14:09

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Gimme Some Action!

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„Die Leidenschaften sind genug interpretiert worden. Es kommt nun darauf an, neue zu finden.“

Guy Debord, Rapport sur la construction des situations, 1957

Im letzten Artikel hatte ich darauf hingewiesen, wie der SDS Mitte der 60er Jahre die Strategie der „Direkten Aktion“ aus den USA importierte. Auf den ersten Blick scheint dies ein entscheidener Bruch mit der „Alten Linken“ darzustellen: Der autoritären Repräsentationspolitik der – sozialdemokratischen oder kommunistischen – Arbeiterparteien wird etwas grundsätzlich Neues entgegengestellt: Die selbständige Aktion der Massen, die nun nicht mehr nur Manövriermasse der Parteistrategen sein sollen. Doch die „Direkte Aktion“, wie Vester sie sieht, durchbricht die Trennung zwischen Führung und Gefolgschaft nicht, und zwar weil sie die Direkte Aktion weiterhin als bloßes Mittel zur Erreichung von Zielen sieht, die als außerhalb der Aktion selbst liegend betrachtet werden.

Vester geht es vor allem – und das ist das größere, außerhalb der eigentlichen Aktion liegende Ziel – um „Demokratisierung“. Die Politik der Neuen Linken sollte darauf zielen, die apathischen Massen aufzuwecken und zur Wahrnehmung ihrer politischen Rechte zu ermuntern. Zu diesem Zweck, so behauptet er, genüge es nicht, sie mit abstrakten Parolen zu agitieren, sondern man solle sie anhand konkreter Anliegen aktiv beteiligen:

„Direkte Aktion beginnt als kleine Politik, beim Engagement im täglichen Existenzkampf, den die Menschen aus Not führen müssen. Ihre Notwendigkeit ergibt sich aus einer spezifischen und konkreten Situation, deren Unerträglichkeit von den Betroffenen eingesehen werden kann. Direkte Aktion ist immer freiwillige Aktion der Betroffenen selbst, nicht aktivistischer Minderheiten, die nur die Rolle von Katalysatoren spielen können. […] Erst die Aussicht auf Teilerfolge, die Einsicht in die Veränderbarkeit der Welt, läßt das Engagement lohnend erscheinen. Der Horizont der Apathischen weitete sich erst aus, wenn sie ihren alltäglichen Existenzkampf durch Praxis begreifen lernen. Erst der Erfolg der begrenzten Aktion hat in den USA die Unterprivilegierten zu weitergreifenden Zielsetzungen beflügelt. Der Protest potenzierte sich schließlich so, daß in den Großstädten gewaltige Massenkundgebungen stattfinden konnte, die sich des Engagements breiter Bevölkerungsgruppen sicher waren und nur deshalb Regierung und Kongreß beeindrucken konnten.“ (Michael Vester, „Die Strategie der Direkten Aktion“, in: Neue Kritik 30 (Juni 1965), S.13f)

Die Rolle, die hier der Direkten Aktion innerhalb der politischen Strategie zugeschrieben wird, ist im Prinzip genauso paternalistisch wie die der „Alten Linken“: Hatte dort die Partei die Zügel in der Hand, so leiten nun die Aktivisten der Neuen Linken, die das fortgeschrittenere Bewußtsein repräsentieren, die apathischen Unterprivilegierten erst einmal dazu an, die eigenen Interessen wahrzunehmen; und wenn sie das dann einmal gelernt haben, werden sie – so die Hoffnung – von selbst auch allgemeinere politische Ziele unterstützen, die wundersamerweise mit denen der Neuen Linken übereinstimmen sollen, da diese ja auch für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft kämpfen.

Diese Vorstellung, die Vertretung der unmittelbaren Interessen würde von sich aus zu einer verallgemeinerten Perspektive gesellschaftlicher Veränderung führen, war schon damals nicht besonders originell. Das Thema war bereits in der Sozialdemokratie vor dem ersten Weltkrieg ausführlich diskutiert worden, und zwar anhand des Verhältnisses von Gewerkschaften und Arbeiterpartei. In der sogenannten „Massenstreik-Debatte“ standen sich zwei Fraktionen gegenüber: Auf der einen Seite standen die Linksradikalen wie Rosa Luxemburg, die auf die Spontaneität der Massen vertrauten und einen organischen Übergang von unmittelbaren Interessen zur revolutionären Perspektive behaupteten. Auf der anderen Seite die durch Kautsky repräsentierten Realisten, die behaupteten, daß es keinen notwendigen Übergang von den unmittelbaren Interessen der Arbeiter zu einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung gebe (Lenin folgte ihm dann in dieser Frage).

Das Alter dieser Diskussion änderte aber leider nichts daran, daß sie auch in den Bewegungen der 60er und 70er Jahre ständig wieder aufgeworfen wurde, ohne daß darüber jemals Einigkeit erzielt werden konnte. Was nicht weiter verwunderlich ist, da diese Frage theoretisch nicht zu beantworten ist; und wenn man ehrlich ist, auch nicht praktisch: Verwiesen die einen als praktisches Beispiel auf Lenin und die russische Revolution, konterten die anderen mit dem spanischen Bürgerkrieg. Es handelt sich um eine reine Glaubensfrage, über die man zwar endlos diskutieren kann, die aber keinerlei theoretischen oder praktischen Nutzen bringt.

Komplett anders stellt sich diese Frage jedoch, wenn man die „Direkte Aktion“ aus ihrer pädagogischen Umklammerung befreit, sie nicht mehr als Mittel zu einem davon getrennten Zweck ansieht. Denn beide Fraktionen, diejenige, die auf die Spontaneität der Massen vertraute, wie auch diejenige, die das revolutionäre Wissen einer Avantgarde zuschrieb, die die Massen zu führen habe, beide gingen davon aus, daß das Ziel als solches, die sozialistische Gesellschaft, bereits bekannt sei.

Wie aber, wenn das Ziel überhaupt nicht bekannt wäre, die „Direkte Aktion“ nicht Mittel zu einem bekannten Zweck, sondern Mittel und Zweck in einem wäre? Sie nicht nur ein Werkzeug darstellt, um die gesellschaftliche Umwälzung zu bewerkstelligen, sondern im Vollzug der Veränderung auch deren Ziel überhaupt erst definiert? Diese in Vesters Text völlig fehlende Perspektive sollte für die antiautoritären Bewegungen in den nächsten Jahren zentral werden. Doch für den SDS des Jahres 1965, der sich in der Tradition der Arbeiterbewegung und eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ verstand, war dies undenkbar. Der Mainstream der Arbeiterbewegung hatte immer eine objektivistische – und damit autoritäre – Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft. Die gegenteilige Auffassung, daß der Vollzug der Umwälzung auch deren Ziele erst hervorbringen würde, entstammt einer völlig anderen Tradition.

Diese Tradition läßt sich bis in die Zeit des ersten Weltkriegs zurückverfolgen; für die antiautoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre ist jedoch das Jahr 1957 entscheidend. In diesem Jahre trafen sich am 27. und 28. Juli eine kleine Gruppe von Künstlern im italienischen Cosio d’Arroscia, unter ihnen der Maler Asger Jorn und der Filmemacher Guy Debord. Für diese Konferenz hatte Debord eine Diskussionsgrundlage mit dem Titel „Bericht über die Konstruktion von Situationen“ geschrieben. Diese hob an mit den Sätzen:

„Wir glauben zuallererst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen eine Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in das wir uns eingesperrt finden, die den höchsten Grad möglicher Befreiung verwirklicht. Wir wissen, daß diese Veränderung durch geeignete Aktionen möglich ist.“ (Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980, S.5)

Doch wer waren diese Künstler in Cosio d’Arroscia? Was war das Ergebnis dieses Treffens? Und wie beeinflußte das die antiautoritären Bewegungen der nächsten Jahrzehnte? Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn es heißt:

„Das Ziel der Situationisten ist es, an einem leidenschaftlichen Überschuß über das Leben unmittelbar teilzuhaben, indem man den Wechsel bewußt angelegter, vergänglicher Augenblicke durchlebt.“ („Thèses sur la révolution culturelle“, in: Internationale Situationiste N°1, Juni 1958)

Written by alterbolschewik

15. April 2011 at 11:09

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Außerparlamentarische Opposition und Neue Linke

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Als ich mit diesem Blog liebäugelte, stellte ich natürlich einen Plan auf, was ich schreiben wollte – nicht unbedingt für das erste halbe Jahr, aber schon für die ersten vier, fünf Wochen. Doch bereits jetzt, beim zweiten Beitrag, weiche ich von diesem Plan ab – und das ist gut so. Die Kommentare zu „Der Name der Rose“ haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich den Terminus „Außerparlamentarische Opposition“ in meiner Begriffskritik völlig vergessen hatte. Und genau so stelle ich mir die Arbeit in einem Blog vor: Sofortige Kritik und davon ausgehend ein echter Dialog. Und deshalb beschäftigt sich dieser Text mit der „Außerparlamentarischen Opposition“ und der „Neuen Linken“.

Für uns, die wir mit Bürgerinitiativen als legitimen Akteuren im Feld der politischen Willensbildung aufgewachsen sind, scheint am Begriff der „Außerparlamentarischen Opposition“ wenig Überraschendes an sich zu haben. Um es im Jargon der Landeszentrale für Politische Bildung auszudrücken: So wie der politische Willensbildungsprozeß durch eine Opposition im Parlament geprägt wird, so selbstverständlich auch durch eine Opposition, die sich außerhalb des Parlaments und unabhängig von den politischen Parteien formieren kann. Und in der Regel organisiert sich ein solches „außerparlamentarisches“ Oppositionsbündnis anlässlich singulärer und oft lokaler Streitpunkte, wobei die Einordnung in das links/rechts-Schema der Parteipolitik eine untergeordnete Rolle spielt (auch wenn die Parteien inzwischen ganz gut gelernt haben, diese Art der Opposition für sich zu instrumentalisieren).

Doch so war der Begriff in den 60er Jahren nicht gemeint. Die „Außerparlamentarische Opposition“ verstand sich zum einen nicht als Ergänzung der „innerparlamentarischen“ Opposition, und zum anderen waren ihre Ziele keineswegs partikular, lokal und über die links/rechts-Dichtotomie erhoben, ganz im Gegenteil. Als „außerparlamentarisch“ organisierte sie sich, weil es ihrer Meinung nach keine „innerparlamentarische“ Opposition mehr gab. Vielmehr plante dieses Parlament, sogenannte „Notstandsgesetze“ zu verabschieden, die im Falle eines Notstandes weitreichende Einschränkungen von Grundrechten und einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren erlauben sollten.

Die wichtigste organisierte Kraft, die sich gegen diese Notstandsgesetze und die damit verbunden Aushöhlung der noch jungen Demokratie wandte, war – neben dem DGB – der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Diese Generation von jungen, politisch interessierten Intellektuellen war damit aufgewachsen, daß man ihr die parlamentarische Demokratie als einziges mögliches Gegengift zum „Totalitarismus“ eingeimpft hatte. Und nun schien sich diese Demokratie mit den Notstandsgesetzen selbst die Legitimation zu entziehen. Bereits im Mai 1965 hatte der SDS einen Kongreß „Notstand der Demokratie“ veranstaltet, um gegen dieses neue „Ermächtigungsgesetz“ zu protestieren.

Die Notwendigkeit einer „Außerparlamentarischen Opposition“ drängte sich dann 1966 endgültig auf, als die SPD mit der CDU eine Koalition einging. Damit gab es keine parlamentarische Kraft mehr, die in der Lage gewesen wäre, die Notstandsgesetze zu verhinden. Das war der Zeitpunkt, als sich der SDS zur Außerparlamentarischen Opposition erklärte, die, weil ihr der parlamentarische Weg versperrt war, mit neuen Mitteln die Verabschiedung der Notstandsgesetze verhindern wollten.

Diese neuen und in der BRD unerhörten Mittel des politischen Protestes verraten schon durch die Namen ihre Herkunft: Teach-in und sit-in waren Aktionsformen, die von der amerikanischen New Left entwickelt worden waren. Michael Vester, der in den USA studiert und dort mit der amerikanischen „New Left“ Bekanntschaft gemacht hatte, erläuterte seinen Genossen diese neuen Aktionsformen im SDS-Theorieorgan Neue Kritik:

„Direkte Aktion kann nur Teil einer universalen Strategie der Demokratisierung sein, die an der konkreten historischen Totalität ansetzt. Sie kennt die beiden Variationen des sit-in und des teach-in: der theoretischen Kritik der Aktivbürger und der praktischen Kritik breiter Bevölkerungsgruppen. Die Ursachen ihres Erfolges faßt das Suffix „in“ zusammen: direkte Aktion ist als passiver Widerstand strikt immanent. Sie findet direkt statt am Ort des praktischen Unrechts oder der theoretischen Unrichtigkeit als Gehorsamsverweigerung oder kritisches Argument.“ (Michael Vester, „Die Strategie der direkten Aktion“, in: Neue Kritik 30 (Juni 1965), S.17)

Die „Neue Linke“ unterschied sich von der „alten“ jedoch nicht nur durch neue Formen der Agitation und politischen Praxis. Auch inhaltlich grenzte sie sich ab. Das Blockdenken des Kalten Krieges hatte auch die Linke der 50er Jahre vollständig absorbiert: Entweder man war Sozialdemokrat (oder Liberaler in den USA) und identifizierte sich dadurch auf Gedeih und Verderb mit dem „Westen“ und war Antikommunist; oder man war Kommunist, dann unterwarf man sich voll und ganz dem Diktat Moskaus. Eine Position jenseits dieses bipolaren Systems schien in der Konstellation des Kalten Krieges undenkbar.

Die Neue Linke brach mit diesem Blockdenken. Sie war nicht mehr bereit, sich dem Lagerdenken unterzuordnen, demzufolge man, wenn man sich nicht explizit vom Kommunismus Moskauer Prägung abgrenzte, automatisch ein „nützlicher Idiot Ulbrichts“ war. Schon bevor Michael Vester die Ideen der amerikanischen New Left importierte, war der deutsche SDS mit dieser Entscheidung konfrontiert gewesen. Ein Grund dafür war, daß sich im SDS nicht nur Sozialdemokraten organisierten; nach dem Verbot der KPD 1956 wurde der Verband von moskautreuen Kommunisten um die Zeitschrift „Konkret“ infiltriert, die im üblichen Stil stalinistischer Unterwanderung den Verband für ihre Zwecke instrumentalisieren wollten. Die SPD reagierte darauf mit dem ihr üblichen hysterischen Anti-Kommunismus und gründete einen eigenen, neuen Studentenverband, den Sozialialistischen Hochschulbund (SHB). Andererseits wehrte sich der SDS selbst erfolgreich gegen die versuchte Instrumentalisierung durch die „Konkret“-Gruppe. Und so konstituierte sich der SDS als eigenständige linke Organisation, nachdem die SPD im Jahr 1961 einen Unvereinbarkeitsbeschluß durchgesetzt hatte, dem zufolge man als SDS-Mitglied nicht zugleich Mitglied in der SPD sein durfte: Die Neue Linke hatte damit organisatorische Gestalt jenseits von SPD und illegaler KPD angenommen.

Diese für die damalige Zeit unerhörte und prekäre Situation des SDS führte allerdings dazu, das dieser sich im höchsten Maße um Seriosität bemühte. Mit irgendwelchen Agitatoren, Rabauken und Krawallmachern hatte der SDS nichts am Hut. Im oben bereits zitierten Artikel grenzt sich Michael Vester vehement von den „Berufsprotestniks“ ab, denen er eine spezielle Form unpolitischen Verhaltens vorwirft:

„Protest und Unterwerfung mischen sich […] in einer typischen Entartungsform der „direkten Aktion“: der direkten Entladung der Entrüstung im blinden Aktivismus. Die bloße Demonstration von Gesinnung verändert die Gesellschaft nicht. Sie kanalisiert sich durch die Ventile, die das Establishment weise für jene bereithält, die unbedingt Dampf ablassen müssen.“ (S.12)

Zustimmend zitiert er hingegen einen Artikel der NZZ zu einem teach-in der amerikanischen New Left:

„Man darf diese ernst zu nehmenden Kritiker nicht mit den ungewaschenen und unrasierten Gesellen verwechseln, die ihre Semesterferien damit verbringen, in „Blue Jeans“ vor dem Weißen Haus zu hocken und Plakate mit der Aufschrift „Get out of Vietnam“ herumzuschwenken.“ (S.16)

Und so kommt er zu dem Schluß:

„Um akzeptiert zu werden, muß die Kritik die akzeptierten Spielregeln der akademischen Diskussion beachten.“ (S.17)

Die folgenden Jahre sollten diese Einsicht der Neuen Linken auf’s Schönste falsifizieren…

Written by alterbolschewik

8. April 2011 at 15:04

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Die Toleranz der türkischen Frau gegenüber der westeuropäischen Kopftuchträgerin

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In einem beruflichen Zusammenhang stolperte ich gestern über eine merkwürdige Aussage. Da war eine Frau zu sehen, offensichtlich mit einer Menge westeuropäischer Vorfahren, weiss, bayrisch. Sie äußerte sich zu Toleranz dahingehend, dass sie ja Türkinnen toleriere, also das zeige, dass sie das tue, indem sie demonstrativ Kopftuch trage.

Ob ihre türkischen Auch-Kopftuchträgerinnen das tolerieren, war gar nicht Gegenstand der Betrachtung. Fand ich merkwürdig.

Written by ring2

7. April 2011 at 20:20

Veröffentlicht in Antirassismus

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Der Name der Rose

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„What’s in a name? that which we call a rose
By any other name would smell as sweet.“
Shakespeare, Romeo and Juliet

Die Bewegungen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in den 50er Jahren zaghaft entfalteten und dann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zu einer weltweiten Explosion führten, die die Lebensweise der nachfolgenden Generationen unwiderruflich veränderte, wurden mit vielerlei Namen bezeichnet. Und im Gegensatz zur Rose es ist eben nicht egal, unter welchem Namen wir diese Bewegungen fassen.

Die aussageärmste Benennung ist, wahrscheinlich nicht zufällig, auch die gebräuchlichste: 68er-Bewegung. Diese sich willkürlich an einem Datum festmachende Bezeichnung mag gerade einmal für Frankreich angehen, wo der Pariser Mai 1968 das zentrale Ereignis markiert. Schon für die Bundesrepublik Deutschland wäre 67er-Bewegung passender, war der entscheidende Wendepunkt doch die Erschießung von Benno Ohnesorg durch den im Dienste der Stasi stehenden Westberliner Polizisten Kurras am 2. Juni 1967. Aus diesem Grund werde ich in diesem Blog nicht von den „68ern“ reden.

Noch dümmer allerdings ist die Benennung „Studentenbewegung“, die es nun wirklich gar nicht trifft. Sicherlich, einer der wichtigen Ausgangspunkte für die Bewegung war ein universitäres Ereignis, das „free speech movement“ an der Universität Berkeley (übrigens 1964 – soviel noch einmal zur „68er“-Bewegung). Und natürlich bildeten die Universitäten ein wichtiges Zentrum für die Proteste. Aber ein ganz entscheidendes Charakteristikum der Bewegungen war, daß sie von Anfang an nicht allein von Studenten getragen wurden, sondern daß Schüler und Lehrlinge eine wichtige Rolle spielten (sehr amüsant in diesem Zusammenhang ist übrigens ein Artikel von Wolfgang Schorlau). Und auch bei den Studenten selbst muß differenziert werden: Die Universitäten unterlagen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre einem grundlegenden Wandel, nämlich von der Eliteuniversität zur Massenuniversität. Kamen noch in den 50er und frühen 60er Jahren die Studenten zum größten Teil aus dem akademischen Milieu, war es erklärte Politik seit der Mitte der 60er Jahre, Jugendliche nicht-akademischer Herkunft an die Universitäten zu holen. Daß diese mit dem akademischen Milieu ihre Schwierigkeiten hatten (so wie die Arbeitsemigranten aus Südeuropa oder der Türkei in den Automobilfabriken), muß nicht extra betont werden.

Schon intelligenter ist die Benennung „Neue Linke“. Der Name geht zurück auf die 1960 in Großbritannien gegründete Zeitschrift „New Left Review“. Aber die „Neue Linke“, die den „New Left Review“ trug, war so neu nicht. Die grundlegenden Auffassungen dieser „Neue Linken“ waren recht orthodox marxistisch. Interessant an ihr war allerdings – und das war das „Neue“ dieser „Neuen Linken“ – daß sie versuchte, jenseits der nach dem 1. Weltkrieg etablierten Dichotomie von Sozialdemokratie auf der einen und moskauorientiertem Kommunismus auf der anderen Seite eine dritte Position einzunehmen. Aber im wesentlichen bildete immer noch die Arbeiterbewegung den Bezugspunkt dieser „Neuen Linken“. Auf die Bewegungen, um die es mir geht, hatte sie einen wichtigen Einfluß, aber sie ist eher eine Vorläufer- oder Seitenströmung; darauf wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einzugehen sein, für jetzt und hier behaupte ich einfach einmal, daß der Terminus „Neue Linke“ nur einen Teil der Bewegungen abdeckt, um die es mir geht; und dabei noch nicht einmal einen zentralen.

Ein anderer, wenig aussagekräftiger und eigentlich eher irreführender Terminus ist der der „Neuen Sozialen Bewegungen“, der vor allem in den Sozialwissenschaften gängig ist (was aus meiner Sicht schon reicht, um ihn zu desavouieren). Richtig ist an diesem Begriff nur die Einsicht, daß diese Bewegungen sich grundlegend von der „alten sozialen Bewegung“, sprich: der Arbeiterbewegung unterschieden. Kompletter Käse aber ist, daß es sich um „soziale“ Bewegungen handelte. Ganz entscheidend für diesen Bewegungen war vielmehr, daß im Gegensatz zur Arbeiterbewegung die „soziale Frage“ nur am Rande verhandelt wurde. Die wirklich grundlegenden Themen der Bewegungen waren keine sozialen, das heißt, es ging bestenfalls in sekundärer Hinsicht um die materiellen Lebensbedingungen. Viel grundlegender für die Bewegungen war die Frage nach der Macht: Wer hat über wen die Befehls- und Kommandogewalt – da spielten soziale Fragen natürlich eine Rolle, aber vor allem in Hinblick darauf, wie die sozialen Verhältnisse die Machtverhältnisse strukturieren (und nicht umgekehrt, wie in der klassischen Arbeiterbewegung).

Der von mir bevorzugte Begriff ist deshalb der der „anti-autoritären Bewegungen“ – es waren im Kern Bewegungen, die die bisherigen Hierarchiegefüge der Gesellschaft in Frage stellten: Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, der Schüler zu den Lehrern, der Lehrlinge zu den Meistern, der Studenten zu den Professoren, der Frauen zu den Männern etc.

Der naheliegende Einwand gegen diesen Terminus ist natürlich, daß diese Bewegungen auch hochgradig autoritäre Fraktionen hervorgebracht haben. Mein Gegenargument hierzu kann hier zunächst einmal nur eine essentialistische Form annehmen: Das Wesen – und ich verwende diesen metaphysisch kontaminierten Begriff ganz bewußt – dieser Bewegungen war zutiefst anti-autoritär. Die autoritären Strömungen waren selbst eine Reaktion auf diesen Anti-Autoritarismus: Sei es, daß er als bedrohlich erfahren wurde – gerade bei den maoistisch-stalinistischen K-Gruppen bin ich nicht abgeneigt, eine gewisse „Furcht vor der Freiheit“ zu unterstellen; sei es, daß die inneren Widersprüche der anti-autoritären Bewegung autoritäre Alternativen als Strategie nahelegten.

In folgenden Beiträgen wird es darum gehen, diesen Begriff der „anti-autoritären“ Bewegungen genauer zu beleuchten und sie von der Arbeiterbewegung abzugrenzen.

Written by alterbolschewik

2. April 2011 at 12:40

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Pleased to meet you

with 5 comments

Pleased to meet you
Hope you guess my name
But what’s puzzling you
Is the nature of my game
The Rolling Stones: Sympathy For The Devil

Dank der freundlichen Erlaubnis von che und momorulez habe ich die Möglichkeit erhalten, künftig einige meiner mehr oder weniger relevanten Betrachtungen in diesem Blog zu veröffentlichen. Und da gebietet es zunächst einmal die Höflichkeit, mich vorzustellen und zu erklären, was zum Teufel ich hier eigentlich vorhabe.

Im analogen Leben macht der Alte Bolschewik seinem Namen alle Ehre: Tatsächlich ist er nicht mehr der Allerjüngste und seine Herkunft ist korrekt proletarisch. Konkret heißt das, der vierzigste Geburtstag ist schon länger her als es noch bis zum fünfzigsten dauert. Und das erste Jahrzehnt seines Lebens wuchs er in der Werkssiedlung der Landmaschinenfabrik auf, in der beide Elternteile arbeiteten.

Mit zehn Jahren allerdings wurde die Erfahrung des Arbeiterdaseins durch die intime Kenntnis des bäuerlichen Lebens ergänzt: Die Eltern zogen auf’s Dorf; das war ein katholischer Wallfahrtsort, der in dem einzigen Landkreis liegt, in dem die CDU bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg statt zu verlieren Stimmen hinzugewonnen hat.

Für meine politische Sozialisation ausschlaggebend waren die einzigen zwei linken Publikationen, die mir in dieser Gegend zur Verfügung standen: Die damals von dem Trotzkisten Jakob Moneta herausgegebene IG-Metall-Zeitung, die mein Vater als überzeugtes Gewerkschaftsmitglied immer nach Hause mitbrachte; und der „Motzer“ – eine dieser Alternativzeitungen, wie sie in den 70er und frühen 80er Jahren als „Gegenöffentlichkeit“ überall, selbst in Oberschwaben, existierten (herausgegeben wurde der „Motzer“ übrigens von Oswald Metzger, der damals in der SPD war, dann als „Finanzexperte“ für die Grünen im Bundestag saß und jetzt Mitglied der CDU und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist; auch eine oberschwäbische Karriere).

Die durch das Elternhaus vorgegebene grundsätzlich linke Ausrichtung führte dann während des Studiums ins linksradikale Lager, konkreter: In das der Autonomen. Jesses, war ich vielleicht stolz, als ein von mir verfaßtes Flugblatt explizit im Verfassungsschutzbericht zitiert wurde. Allerdings machte ich in der Folge die von che und netbitch in diesem Blog schon öfter thematisierte Erfahrung, daß die ursprünglich sehr vergnügliche Lebensweise eines autonomen Staatsfeindes gegen Ende der 80er Jahre durch einen protestantisch-lustfeindlichen moralischen Rigorismus verdrängt wurde, der meinem katholisch-barocken Naturell wenig entgegenkam. Die Polit-Szene wurde für mich immer nebensächlicher, während ich mich zunehmend (theoretisch und praktisch) der Musik widmete. Die verfassungsfeindlichen Aktivitäten ließen nach und irgendwann schloß ich dann mein Philosophiestudium mit einer Arbeit über den frühen Marx ab. Seither verkaufe ich einen (möglichst geringen) Teil meiner Arbeitskraft, um die Sachen zu finanzieren, die mir wirklich Spaß machen.

Und eine der Sachen, die mir wirklich Spaß machen, will ich in diesem Blog nachgehen: Nämlich über den Zusammenhang von politischen Bewegungen und Philosophie nachzudenken. Konkret heißt das für die nächste Zeit, daß ich mir so einige Gedanken darüber machen will, was die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre ausmachte und welche Zusammenhänge zwischen politischer Bewegung und Philosophie existieren. Mein Augenmerk richtet sich dabei im Kern auf die Marxrezeption dieser Jahre; aber ich bin sicher, daß dabei auch die sogenannten „Postmodernen“ mehr als nur gestreift werden – und daß sich da erstaunliche Parallelen auftun.

Ich habe che und momorulez gebeten, das auf shiftingreality tun zu dürfen, weil ich zum einen glaube, daß hier das richtige Forum dafür ist und zum anderen, weil dieses Blog in letzter Zeit nicht gerade durch Aktivität aufgefallen ist – was ich schade finde. Mir jedenfalls liegt sehr viel an einer solchen Debatte; und wenn der eine oder die andere Zeit findet, gegen meine manchmal vielleicht allzu steilen Thesen Einspruch zu erheben, würde mich das sehr freuen. Ebenso, wenn die anderen Mitglieder dieses Blogs dadurch ermuntert würden, selbst wieder in die Tasten zu greifen…

Written by alterbolschewik

1. April 2011 at 11:22